Kategorie: Praxis-Reflexionen

Keime von etwas Neuem in schlammigen Pfützen (DE/EN/FR)

Für das Kunstprojekt VOILÀ: Where the river resides haben Indigo und ich einen Beitrag über den Kampf um Lützerath und Transformation geschrieben: Keime in etwas Neuem in schlammigen Pfützen. Ihr könnt ihn hier lesen.

EN: For the art project VOILÀ: Where the river resides, Indigo and I have written a piece on the struggle for Lützerath and transformation: A new kind of seed sprouts from muddy puddles. You can read the English translation here.

FR: Pour le projet artistique VOILÀ : Where the river resides, Indigo et moi avons écrit une contribution sur la lutte pour Lützerath et la transformation. Vous pouvez lire la traduction française ici.

Dystopie als Chance

Wir beschäftigen uns in diesem Blog ja traditionell recht viel mit Utopien. Mir fällt das immer schwerer. Ich gucke mich um in der Welt und sehe, dass Klimapolitik nicht existiert und Biodiversitätspolitik noch weniger. Ich sehe, dass nicht mehr absehbar ist, dass es mal eine letzte Coronawelle geben könnte. Ich sehe globale Lieferkettenprobleme, die immer mehr nach den letzten Jahren des Staatssozialismus riechen. Ich sehe ein immer offensichtlicher dysfunktionales politisches System in weiten Teilen der Welt, dass nicht mal mehr in der Lage ist, seine Rolle als universeller Gesamtkapitalist wahr zu nehmen. Ich sehe, dass wir so viel Wissen produzieren, wie nie zuvor, aber offensichtlich niemand willens ist, es anzuwenden, und wenn dann nur für absurde Marketingaktionen. Und nicht zuletzt sehe ich, dass die allgemeine gesellschaftliche Reaktion darauf vor allem aus immer neuen Wellen des Wahns besteht, jede höher als die vorherige.

Gleichzeitig bin ich mit diesem (für mich in dieser Stärke durchaus neuen) Lebensgefühl auch alles andere als alleine. Wenn wir uns angucken welche Zukunftsszenarien in der zeitgenössischen Kulturindustrie irgendwie vorkommen, dann sind das alles Dystopien (ja, auch StarTrek). Bis auf ganz wenige kleine Nischen findet sich vor allem eine Ansammlung von Horrorzukünften. Es scheint als sei unsere globale Gesellschaft als Ganzes nicht mehr in der Lage sich eine schönere Zukunft auch nur noch vorzustellen. Dystopien sind anschlussfähig, Utopia erntet nur verwunderte Blicke (und vermutlich verborgenes Tuscheln, man habe es wohl mit einem Irren zu tun).

Was also damit machen? Einfach einfallen in den allgemeinen Chor des Untergangs? Sich so wie die meisten anderen eher ein Ende der Welt als eines des Kapitalismus vorstellen können? Weiter beharren auf der Kraft der Vernunft, die sich am Ende doch irgendwie durchsetzen wird? Immer wildere Spekulationen anstellen, dass sich doch alles irgendwie zum besseren wenden lässt, wenn die Chance auch noch so klein ist?

(mehr …)

„Solidarische Care-Ökonomie“ von Gabriele Winker (Rezension)

Im Keimform-Blog lese ich seit längerem und häufig von den Beiträgen inspiriert mit. Weil Gabriele Winker und ich, wenn wir von solidarischer Gesellschaft sprechen, einen Ansatz vertreten, der mit den Vorstellungen eines ‚Commonismus‘ große Ähnlichkeit hat, möchte ich hier Gabrieles neues Buch vorstellen. Ich hoffe, dass die Darstellung Leser*innen des Blogs anregt, das Buch zu lesen, und dass es ebenfalls Gedankenprozesse anstößt oder zu Kritik führt, die für uns hilfreich ist.

(mehr …)

Klimagerechtigkeit wird nicht in den Parlamenten gemacht – Warum Camp-Klos putzen mehr verändern kann als Wahlkampf

Für den Debattenblog der iL (interventionistische Linke) haben Indigo und ich einen Text geschrieben, in dem wir gegen die Parlamentarisierung der Klimabewegung und für grundlegende gesellschaftliche Veränderung von unten argumentieren:

Bäume sind gefallen im Dannenröder Wald. Sie fallen noch immer. Sie hinterlassen eine Schneise und bei vielen eine tiefe Ratlosigkeit, fast so leer wie der karge, zerwühlte Waldboden. Manche sind tief enttäuscht von den Grünen, die in Hessen regieren, manche hatten es nicht anders erwartet. Und immer wieder schleicht sich die Frage ins Bewusstsein: Wenn wir nicht einmal diesen Wald retten konnten, wie sollen wir dann die Klimakrise aufhalten? Wie sollen wir damit umgehen, dass wir Kipppunkten nicht mehr bloß gefährlich nah kommen, sondern sie bereits überschreiten? Dieser Zeitdruck und diese Ratlosigkeit waren bei vielen auch schon da, bevor der Danni geräumt wurde. Einige Klimaaktivist*innen reagierten darauf mit dem Entschluss, in die Parlamente zu gehen – über eben jene Partei, die in Hessen die Rodung des Dannenröder Waldes mit verantwortet. Auch jetzt halten sie daran fest, vielleicht weil sie glauben, dass sie die Grünen verändern können oder weil ja eigentlich die Bundesebene für den Bau der A49 verantwortlich ist – und dort wird dieses Jahr gewählt. Sollten wir also aus dem Danni die Lehre ziehen, dass wir andere, engagiertere, radikalere Politiker*innen brauchen?

Nein, aus dem Danni lässt sich eine Lehre ziehen, die viel tiefgehender ist: Klimagerechtigkeit wird nicht in den Parlamenten gemacht!

(mehr …)

Interview mit Stefan Meretz

Auch Geschichte: Helsinki, Sommer 2015…

Im Februar 2017 trafen wir uns mit einer Gruppe von Menschen, die gemeinsam den Wikipedia-Artikel zum Stichwort „Commons“ verfassten. Mit dabei war Léa Eynaud, die zur Geschichte der neuen Commons-Bewegung promoviert und sich vorgenommen hatte, einige Personen dieser Bewegung zu interviewen.

Das Interview mit mir ist eine Mischung aus Lebensgeschichte und (neuerer) Commons-Geschichte geworden – ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit. Ein sehr subjektiver Blick auf 25 Seiten – verfügbar als PDF.

Aufstand und Konstruktion

Plakat von Crimethinc

Seit der Schwarze US-Amerikaner George Floyd am 25. Mai in Minneapolis vom Polizisten Derek Chauvin und seinen Kollegen umgebracht wurde, tobt in den USA ein Aufstand von einem Ausmaß, das es seit Jahrzehnten, seit der Ermordung Martin Luther Kings nicht mehr gegeben hat. Es gibt sowohl Demonstrationen als auch militante Auseinandersetzungen mit der Polizei und Plünderungen. Der Rückhalt, den diese Aktionen in der US-Bevölkerung haben, ist erstaunlich. So gaben bei einer repräsentativen Umfrage 54% der Befragten an, dass sie das Anzünden der Polizeiwache in Minneapolis gerechtfertigt finden (Quelle). Während Trump wenig überraschend eine harte Linie fährt, hat der Stadtrat von Minneapolis beschlossen, seine Polizeibehörde aufzulösen – die Bewegung zeigt also schon deutliche Erfolge. Auch in Deutschland gab es am vergangenen Wochenende Massenproteste in Solidarität mit der „Black Lives Matter“-Bewegung, die auch rassistische Polizeigewalt hierzulande thematisierten.

(mehr …)

Bedürfnisse in der commonistischen Transformation

Bedürfnisse als Kern commonistischer Theorie

Bedürfnisse und die eigenen Gefühle als Zugang zu diesen Bedürfnissen scheinen zentral zu sein in den utopischen Entwürfen zu Commonismus. Die eigenen Bedürfnisse in Vermittlung mit den Bedürfnissen anderer sollen das bestimmende Element sein, nach dem eine zukünftige, gesellschaftliche (Re-)Produktion organisiert wird. Und auch in einem kritisch-psychologischen Workshop mit dem Titel „Commoning Our Selves“ hieß es, dass die Essenz emanzipatorischer Gruppenreflexion im Wesentlichen das „ernst nehmen der eigenen Bedürfnisse“ sei.

(mehr …)

Von Solidarischer Imkerei, Betriebsbesetzungen und Transformation

Was wir aus der Praxis einer Solidarischen Imkerei und den Versuchen von Betriebsbesetzungen in Krisenzeiten über Transformationsstrategien lernen können.

Eigentlich sollte dieser Text lediglich eine Praxisreflexion unserer mehrjährigen Versuche werden, eine Imkerei solidarisch d.h. commonistisch zu organisieren. Im Schreiben knüpften die Herausforderungen, die uns dabei begegneten, dann aber an die allgemeineren Debatten rund um die Transformationen hin zu einer commonistischen Gesellschaft an, die wir im Umfeld des Keimform-Blogs und des Commons-Instituts führen. In diesem Sinne ist dieser Text aus meiner Perspektive ein gutes Beispiel dafür, wie die Reflexion der eigenen Commons-Praxis und die Abstrahierung bzw. Verallgemeinerung der dabei auftretenden Herausforderungen für eine allgemeinere Transformation-Theorie erkenntnisleitend sein können. Aber beginnen wir von vorn.

(mehr …)