Anreize und Commons: Chance für eine zügige Transformation?

Commoning als Baum, der die Marktwirtschaft verdrängt
Commons-Prinzipien könnten mit einer gewissen Wachstumsdynamik die Marktwirtschaft verdrängen

Ein Großteil der Menschheit würde vermutlich von einer Welt profitieren, in der Commoning die Marktwirtschaft weitgehend verdrängt. Dennoch scheint es schwierig zu sein, ein überzeugendes Konzept für einen zügigen Übergang zu einem solchen Gesellschaftsmodell zu beschreiben – rechtzeitig etwa für das Stoppen der globalen Erwärmung. Hilft vielleicht ein System aus behutsam ausgestalteten Anreizen?

Eine auf Commoning basierende Gesellschaft wäre höchstwahrscheinlich sozial gerechter und inklusiver als die Marktwirtschaft. Sie böte den Menschen Gelegenheit, selbstorganisiert und basisdemokratisch über die Produktion1 und die Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu entscheiden. Statt in die Taschen der Kapitaleigner – also in Dividenden und andere Profite – flößen Produktivitätsgewinne direkt in die Lebensqualität: in bessere Produkte und Technologien für einen geringeren Arbeitsbedarf.

Die Menschheit könnte vielleicht den Klimawandel früher stoppen: Commoning-Projekte wären oft umweltfreundlich ausgelegt, auch bestünde keine Abhängigkeit von Gewinnen und steigenden Aktienkursen und somit kein kapitalistischer Wachstumszwang mehr. Einen gewissen Wachstumsdrang gäbe es zumindest eine Zeitlang weiterhin: Schließlich soll die Lebensqualität besonders der ärmeren Teile der Menschheit steigen. Aber es gäbe größere Spielräume für Nachhaltigkeit als in einer Welt des Shareholder Value und der zerstörerischen Konkurrenz.

Man könnte also feststellen: je früher und schneller weite Teile der Gesellschaft auf Commoning umsteigen, um so besser. Gäbe es also eine Möglichkeit, diesen Wandel zu beschleunigen?

In diesem Text soll ein möglicher Anreizmechanismus dargestellt werden, der auf Commoning-Prinzipien basierende offene Produktionsstätten schneller entstehen und wachsen lassen könnte. Das Ziel wäre eine Dynamik ähnlich im Bereich der Freien Software und Open Content (u.a. Wikipedia) auch bei der Befriedigung von Grundbedürfnissen, wie es spätestens seit den Oekonux-Konferenzen um die Jahrtausendwende diskutiert wird. Als Beispiel für den Mechanismus dient ein mögliches Finanzierungsmodell für Projekte.

Anreiz-„Mechanismen“: Gefahr oder Chance?

Anreize sind im Kapitalismus der Motor, der das System vorwärts bringt. Der Grundmechanismus basiert auf dem Gewinnstreben: Man steckt Geld in eine Unternehmung – etwa in Aktien – und bekommt nach einiger Zeit bei Erfolg mehr Geld heraus. Über die Lohnarbeit „profitieren“ davon auch Menschen ohne eigenes Kapital: Ihnen wird Geld gezahlt, wenn sie mit eigenen Leistungen den Motor weiter antreiben.

Die Marktwirtschaft hat dieses Belohnungs-System tief in der Gesellschaft verankert: Viele Menschen glauben, dass ihr Gehalt ihnen die Sicherheit und Lebensqualität bietet, die ihnen aufgrund ihrer Anstrengungen zusteht. Es sei ein gerechtes Geben und Nehmen. Machtasymmetrien, die systematisch zu Ungleichheit führen, werden dabei oft ignoriert.

Könnte ein ähnlich effektives Anreizsystem eine Commonisierung der Gesellschaft, also eine graduelle Transformation der kapitalistischen Wirtschaft in eine gemeinnützige, offene, nachhaltige und inklusive Produktionsweise, beschleunigen? Angesichts der multiplen Krisen lohnt es sich, über diese Frage nachzudenken.

Extrinsische2 Anreize – also etwa Belohnungen wie Gehälter, bei denen das „Nehmen“ an ein „Geben“ gekoppelt ist – sind in der Diskussion rund um Commoning umstritten. Zwar hat bereits Elinor Ostrom eine Kongruenz zwischen der Aneignung und der Bereitstellung von Ressourcen als eines der Muster beschrieben, die eine erfolgreiche Ressourcen-Selbstverwaltung begünstigen können3. Und heutige Projekte, die sich wie solidarische Landwirtschaftsbetriebe (Solawis) der Herstellung materieller Güter widmen, kommen aufgrund von Sachzwängen nur sehr selten ohne eine relativ enge Kopplung des „Gebens und Nehmens“ aus.

Argumentiert wird jedoch oft, dass etwa eine Arbeitsvergütung die Motivation von Menschen, die freiwillig beitragen, senken könnte. Es handle sich um ein Tauschgeschäft – Arbeit gegen Bedürfnisbefriedigung – bei dem befürchtet werden kann, dass sich eine Tauschlogik verfestigt und sich ähnliche Ungleichheiten und Machtasymmetrien entwickeln könnten wie in der Marktwirtschaft.

Solidarische Modelle mit einer weniger strikten Kopplung von Geben und Nehmen, wie die aus Solawis und CSX-Betrieben bekannten Bieterrunden, funktionieren für die kurzfristige Bereitstellung von Geld für laufende Kosten laut bisherigen Erfahrungen gut. Größere Investitionen in Technologie oder Immobilien benötigen jedoch ein längerfristiges Finanzierungskonzept. Meist geschieht dies bisher über Darlehen, bei denen eine Verzinsung als Anreiz wirkt.

Darlehen, selbst solche ohne Zinsen, sind jedoch von zukünftigen Einnahmen abhängig. Dies führt zu einem Zielkonflikt, da Commoning ja eigentlich den Verkauf von Gütern gegen Geld, eine sehr strikte Kopplung von Geben und Nehmen, überwinden möchte. Lohnarbeit übt einen ähnlichen Kostendruck aus.

Ein ideales Anreizsystem sollte Hürden wie die Abhängigkeit von zukünftigen Einnahmen vermeiden. Jede Anstrengung, jede investierte Ressource soll tendenziell zu mehr Commons – also mehr gemeinschaftlich nutzbaren Ressourcen – führen können. Gleichzeitig könnten den Beitragenden individuelle Vorteile gewährt werden.

Mit einem klaren Unterschied zum Kapitalismus: der „individuelle Vorteil“ muss nicht unbedingt bedeuten, mehr als jemand anderes zu erhalten, sondern die eigenen Bedürfnisse besser befriedigen zu können als ohne den Commoning-Prozess. Ein „individueller Vorteil“ entsteht also auch dann, wenn die Bedürfnisse aller Menschen besser erfüllt werden. Dennoch kann auch eine gewisse Geben-Nehmen-Kopplung festgelegt werden, etwa dass aktiv Beiträge Leistende bei Engpässen priorisiert werden.

Zwei „Motoren“ und klare Zwischenziele

Ein naheliegendes Prinzip für einen Anreiz-Motor wäre: Je höher der Anteil unserer Bedürfnisse, den wir mittels einer Teilnahme an Commons-Aktivitäten befriedigen können, um so weniger wird es notwendig, im Kapitalismus Lohnarbeit zu leisten. Und um so größer ist unser individueller Vorteil. Zudem wäre es vorteilhaft, wenn der Zeitaufwand für das Commoning minimiert wird und geringer oder zumindest nicht deutlich höher als bei vergleichbarer Lohnarbeit ausfällt.

In anderen Worten: Als Motoren könnten mehr Lebensqualität aufgrund von Commoning und weniger Arbeitszeit fungieren.4 Es wären noch mehr Mechanismen denkbar, etwa mehr Versorgungssicherheit, doch der Text soll sich auf diese zwei Aspekte konzentrieren, die auch im Kapitalismus versteckt hinter dem Mechanismus des Geldes wirken.

Wie kann nun dieser Motor funktionieren? Wo käme das Plus an Bedürfniserfüllung und das Minus an Arbeitszeit her?

Die erste Antriebsquelle ist, wie im Kapitalismus, der technische Fortschritt. Auch beim Commoning sollte es ein Ziel sein, Bedürfnisse immer effizienter zu erfüllen, also einen graduell abnehmenden Verbrauch von Zeit- und Naturressourcen anzustreben. Innovationen können die Abhängigkeit von knappen Rohstoffen verringern oder den Automatisierungsgrad erhöhen und so die „Arbeitszeit“ senken. Außerdem können sie den Natur- und Klimaschutz verbessern, wie es im Bereich der Erneuerbaren Energien sichtbar wird. Effizienzzuwächse kommen beim Commoning den Teilnehmenden selbst zugute, nicht wie im Kapitalismus denen, die Unternehmensanteile besitzen. Innovation lohnt sich also tendenziell noch mehr.

Bei den für Commoning typischen offenen, kooperativen Produktionsprozessen kann sich noch eine zweite Quelle hinzugesellen. Wenn Wissensressourcen und Innovationen einfach von anderen Projekten übernommen werden können – dank freier Lizenzen – kann die Produktion stark von Netzwerkeffekten profitieren. Wahrscheinlich wesentlich stärker als im klassischen Kapitalismus.

Parallelentwicklungen, um die Nutzung kostenpflichtiger Lizenzen und Patente zu vermeiden, fallen weg. Auch Erfahrungen und Best Practices können beliebig an weitere Projekte weitergegeben werden. Bei Freier Software ist dieser Effekt seit Langem bekannt5, er könnte aber auch bei der Produktion „materieller“ Güter eine womöglich entscheidende Rolle spielen.

So würde die Gründung eines neuen Projektes einfacher: Sobald für ein bestimmtes Produkt ein realistisches Herstellungskonzept existiert, können neue Initiativen bei ihrem Start auf eine Blaupause mit vielen notwendigen Ressourcen zurückgreifen, etwa mit einer Dokumentation der Technologien, Software, Erfahrungswerten und einem Finanzierungskonzept. Im Kapitalismus ist das Teilen dieser Elemente hingegen oft mit Restriktionen belegt, etwa wegen Geschäftsgeheimnissen.

Solche Netzwerkeffekte dürften sich beschleunigen, wenn sich Commoning über arbeitsteilige Lieferketten hinweg verbreitet, also die Herstellung von immer mehr Vor- und Zwischenprodukten ermöglicht. Dann sinkt die Abhängigkeit der Projekte von Ressourcen, die mit Geld eingekauft werden müssen. Und dies wiederum macht es einfacher, neue Commoning-Prozesse aufzubauen und bestehende zu erweitern.

Wie können nun Projekte konkrete Anreizmechanismen entwickeln? Zunächst einmal können sie diese „Motoren“ in ihre Planungen aufnehmen, besonders bei der Berechnung der zukünftigen Erträge oder der notwendigen Arbeitszeit. Davon ausgehend können sie Teilnehmenden individuelle Vorteile in Aussicht stellen. Sie können etwa die Erhöhung des Technologieniveaus schätzen und eine geringere „Arbeitsbelastung“ aufgrund der geschätzten Effizienzsteigerung – bei gleicher oder besserer Bedürfnisbefriedigung – als individuellen Vorteil anbieten. Auch die frühzeitige Kooperation mit anderen Projekten für den Aufbau von Netzwerken ist sinnvoll.

Als Fernziel kann der komplett commonisierte Betrieb angestrebt werden, bei dem die gesamte Produktion inklusive Vorprodukte das Ergebnis von Commoning-Prozessen ist und somit kein Geld mehr nötig ist. Da dieses Ziel oft weit entfernt erscheinen dürfte, sind klare Zwischenziele sinnvoll. Ohne eine klare Bezugsgröße wie Geld kann für die Teilnehmenden sonst der Überblick über die eigenen Vorteile verloren gehen.

Eine größere Auswahl von Produkten kann ein solches Zwischenziel darstellen. So können sich mehrere Projekte zu einem Commonsverbund6 zusammenschließen, mit dem Ziel, allen Teilnehmenden eine umfassende Grundversorgung anzubieten. Typischerweise könnte sich ein solcher Verbund aus einer Gruppe Solawis entwickeln und die Versorgung mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen auf einfache verarbeitete Produkte wie Mehl oder Brot ausdehnen. Zumindest prinzipiell gibt es keinen Grund, warum ein solches Modell nicht auf komplexe Produkte mit stärker arbeitsteiliger Herstellung angewendet werden könnte, wenn man sich schrittweise weiter vorarbeitet.

Um die Netzwerkeffekte zu stärken, sind Zwischenziele im Bezug auf die interne Commonisierung der Projekte sinnvoll. In neuen Initiativen sind viele Ressourcen noch keine Commons, Maschinen etwa werden zunächst meist gekauft oder gemietet. Je mehr Produktionsmittel jedoch selbst aus einem Commoning-Produktionsvorgang stammen, um so weniger Geld wird notwendig. Ein Zwischenziel könnte etwa lauten, freie Produktionsmittel nach dem Open-Hardware-Modell zu nutzen, wie sie etwa Open Source Ecology oder dessen deutscher Ableger entwickelt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Thema Energie. Projekte sollten auf das Ziel hinarbeiten, dass diese aus erneuerbaren Quellen stammt, im Idealfall selbst oder von (Commoning-)Kooperationspartnern generiert. Dies hat nicht nur für den Klimaschutz positive Folgen: Auch die Kostenstruktur des Projekts wird günstiger, da bei Solar- oder Windstrom-Eigenproduktion eine anfängliche Investition später die laufenden Kosten für Energie verringert. Selbstproduzierter Strom ist selbst bei Speicherung oft wesentlich preiswerter, wenn das Projekt die gesamte Lebensdauer der PV- oder Windkraftanlage nutzen kann.

Sparen mit Draufgaben: Finanzierungskonzept für die Commons-Transformation

Das Grundprinzip dürfte nun klar sein: man könnte mit Anreizen basierend auf dem technischen Fortschritt und Netzwerkeffekten die Commons-Dynamik beschleunigen. Wie ließe sich dies in praktische Maßnahmen umsetzen, die wichtige Herausforderungen beim Commoning lösen?

Als Beispiel soll hier ein Finanzierungskonzept für Produktionsmittel besprochen werden, das nicht mit der Commonisierung in einen Zielkonflikt gerät. Der Aufbau von aufwändiger Infrastruktur und Technologie ist eine der größten Herausforderungen bei produktivem Commoning. Dazu kommt: Tendenziell steigen die Kosten, wenn ein höheres Technologie- und Automatisierungsniveau angestrebt wird, damit der vorher angesprochene Anreiz der „Arbeitszeitverkürzung“ wirklich zum Tragen kommen kann.

Ideal wäre ein leistungsfähiges Finanzierungsmodell, das mit marktwirtschaftlichen Konzepten mithalten kann. Salopp gesagt: ein Commoning-Projekt soll dadurch so schnell wachsen können wie nach einem Börsengang. Doch wie soll das gehen ohne dem Prinzip der Geldvermehrung, das zu einem Wachstumszwang führen würde?

Als interessante Blaupause könnte das klassische Crowdfunding-Modell dienen, bei dem die Teilnehmenden Kosten im Voraus finanzieren und dafür später ein Produkt erhalten. Es ist bei der Finanzierung von Kunstwerken wie Büchern und Musikalben verbreitet und wird ansatzweise in einigen Solawis verwendet, wenn die Teilnehmenden die Kosten einer Saison schon im Voraus aufbringen können.

Um dieses Konzept noch attraktiver zu machen, könnte ein Zusatzvorteil für im Voraus geleistete Beiträge eingeführt werden, ebenfalls in der Form von Erzeugnissen des Projekts. Dies könnte es zum Sparen interessant machen. Man vermehrt zwar nicht Geld, aber man bekäme eine Art Bonus für die Lebensqualität in der Zukunft. Potenziell könnten Projekte so Gelder anziehen, die normalerweise in Anleihen oder Festgeld fließen würden. Und es wäre aus ihrer Sicht womöglich eine attraktive Alternative zum Darlehen, da die „Rückzahlung“ nicht von finanziellen Einnahmen des Projekts abhängig wäre, sondern allein von seiner Produktionskapazität.

Eine „sparwillige“ Person könnte beispielsweise Beiträge zwei Jahre im Voraus an eine Solawi entrichten. Sie erhielte dafür einen Vorteil, der einem Zins in Naturalien ähnelt: einen Anteil der Erzeugnisse des dritten Jahrs.

Man „spekuliert“ also auf die Wirkung der Grundprinzipien des technischen Fortschritts und der Commons-Netzwerkeffekte, die später die Kosten der Erzeugnisse und des Projekts im Ganzen senken können.

Das Modell ähnelt einem sogenannten Naturalrabatt in Form einer Draufgabe, also einer zusätzlichen kostenlosen Menge an Erzeugnissen, die bei Vorauszahlung gewährt wird. Dieses Prinzip ist zwar auch im Kapitalismus bekannt, spielt aber als Unternehmens-Finanzierungskonzept kaum eine Rolle. Bei Commons könnte es hingegen seine Vorteile voll ausspielen. Es könnte sich lohnen, es gründlich zu erforschen.

Natürlich muss im Voraus kalkuliert werden, wie hoch ein solcher Zusatzvorteil ausfallen kann, was zu einer komplexeren Planung führt. Denn die Versorgung derer, die sich nicht an dieser Art der Finanzierung beteiligen, sondern etwa über Bieterrunden, soll natürlich nicht beeinträchtigt werden. Es sind aber auch Modelle möglich, die Projekte nur dann zu einer Draufgabe verpflichten, wenn die Versorgung aller Teilnehmenden ohne weiteres gewährleistet werden kann. Dies ähnelt etwas der Aktien-Dividende, die nur in guten Zeiten an Anlegende ausgezahlt wird, und wäre gerade für neue Projekte einfacher zu organisieren als ein fester „Naturalien-Zins“.

Bei einer Verbreitung des Modells dürfte die steigende Effizienz der Projekte dank Technologie und Erfahrungswerten über die Zeit hinweg zunehmend attraktivere Konditionen ermöglichen. Je langfristiger ein Projekt orientiert ist und je solider es wirtschaftet, um so mehr Potenzial gibt es auch für Konzepte mit garantiertem Zusatzvorteil.

Für solche Konzepte soll hier als Arbeitsbezeichnung Commons-Finanzinstrumente verwendet werden. Man könnte noch weitere Modelle erörtern. Interessant wäre beispielsweise ein Commons-Finanzinstrument für die Altersvorsorge, bei denen Zahlungen oder Mitarbeit über mehrere Jahre hinweg zu einem Recht auf eine Versorgung mit Erzeugnissen eines Commonsverbunds ab einem bestimmten Alter führen.

Um auch Menschen ohne großen finanziellen Spielräumen ähnliche Vorteile zu bieten, ist es je nach Charakter und „Branche“ der Projekte sinnvoll, Commons-Finanzinstrumente durch aktive Teilnahme zu erhalten, also dass auch menschliche „Arbeit“ vorgeleistet werden kann. Dies unterscheidet sich auf den ersten Blick wenig von der Lohnarbeit. Doch auch hier kommt der Vorteil zum Tragen, dass die Zahlung des „Lohns“ nicht von Einnahmen abhängig ist. Es entsteht somit eine Alternative für Situationen, in denen Lohnarbeit noch nicht durch freiwillige Beiträge ersetzt werden kann, also etwa Routinetätigkeiten oder besonders qualifizierte Aufgaben.

Eine wichtige Herausforderung ist die Aufgabenverteilung innerhalb der Projekte und Verbünde. Bei einfachen Projekten wie in der Landwirtschaft und im Gartenbau sind bereits viele Erfahrungen vorhanden und basisdemokratische Entscheidungen ausreichend. Für stärker arbeitsteilige Projekte mit komplexen Lieferketten wäre wahrscheinlich eine Softwarelösung notwendig.

Ein interessantes Konzept ist die von Christian Siefkes in seinem Buch Beitragen statt Tauschen vorgeschlagene Aufgabenversteigerung, bei der wenig beliebte Aufgaben (sofern die Qualifikation der Teilnehmenden es zulässt) eine kürzere Arbeitszeit zur Folge haben7. Man könnte dies gut mit dem hier beschriebenen Finanzierungsmodell kombinieren: Die Arbeitszeit, die zum Erwerb eines bestimmten Commons-Finanzinstruments berechtigt, könnte dann von der Beliebtheit der Aufgabe abhängen.

Besonders erstrebenswert wäre eine flexible Softwarelösung in der Art des von Marcus Meindel und anderen entworfenen Global Commoning System8, das neben einer solchen Aufgabenversteigerung auch andere „Bewertungssysteme“ zulässt. Die „Commoner“ und die von ihnen betriebenen Initiativen könnten dort entscheiden, welche Menschen und Projekte von ihren eigenen Beiträgen profitieren sollen. Als Beispiele wurden in der Präsentation der Software übernommene Aufgaben und die Lebenssituation genannt. Doch könnte auch für die „Ersteigerung“ von Commons-Finanzinstrumenten eine Auswahlmöglichkeit geschaffen werden. Notwendig wären natürlich längerfristige Verpflichtungen, damit die „Investition“ attraktiv bleibt und nicht Gefahr besteht, dass einmal „versprochene“ Leistungen am Ende ausfallen.

Die Tauschlogik langfristig überwinden

Es bleibt die Frage: Wird durch solche Anreizsysteme Geben und Nehmen nicht doch ähnlich stark gekoppelt wie in der Marktwirtschaft? Kann die Tauschlogik damit wirklich überwunden werden?

Wie am Anfang des Artikels beschrieben sollten diese Konzepte Beiträge belohnen, die zu mehr Commons-Ressourcen führen, und somit eine Commonisierungs-Dynamik entstehen lassen. Die hier vorgeschlagenen Commons-Finanzinstrumente allein können das noch nicht gewährleisten. Auf den ersten Blick gibt es sowohl einen Markt für diese Instrumente, als auch eine Art Lohnarbeit. Solidarische Mechanismen wie Solawi-Bieterrunden können im Commoning-Kontext als „besser“ angesehen werden, da die Kopplung zwischen Geben und Nehmen weniger strikt ist.

Wir sehen den Vorteil jedoch, wenn wir eine der wenigen geläufigen Alternativen mit ähnlicher möglicher Wachstumsdynamik anschauen: Betriebe etwa aus dem Bereich Open Hardware, die zunächst als herkömmliche Unternehmen über Kapital und Kredite finanziert werden, aber später in Commons-Projekte umgewandelt werden sollen. Diesen Übergang zu organisieren, dürfte aufgrund des stetigen Zwangs zu Einnahmen schwierig sein.

Eine ähnliche Dynamik ohne diesen Einnahmezwang wäre mit den oben vorgeschlagenen Commons-Finanzinstrumenten möglich, da sie nicht auf Geldvermehrung zielen. Wer investiert, möchte die eigene Versorgung in der Zukunft sicherstellen und die Lebensqualität steigern. Dabei ist es unerheblich, wie sich der Marktpreis der einzelnen Produkte entwickelt, die Teil dieser Versorgung darstellen. Selbst wenn es einem Commonsverbund gelingt, eine kostenlose Basisversorgung ohne Mitwirkungspflicht anzubieten (quasi ein Grundeinkommen in Naturalien), hat die investierende Person ihr Ziel der Bedürfniserfüllung erreicht.

Bieterrunden hingegen sind eher für die kurzfristige Finanzierung laufender Kosten geeignet. Die Finanzierung von Infrastrukturen und Technologie würde damit vermutlich länger dauern, es würde eher einem Spenden-System ähneln.9

Was fehlt noch, damit die Tauschlogik wirklich langfristig überwunden wird? Der Schlüssel liegt in der basisdemokratischen Organisation von Commons-Projekten, die es ihnen ermöglicht, ihre Ziele selbst festzulegen. Sie können also von Beginn an in ihren Satzungen und Regelwerken verbindlich klarstellen, dass die Bereitstellung und Pflege von Commons-Ressourcen ihr Ziel darstellt und eine kapitalistische Verwertung nicht geplant ist. Modelle wie das Mietshäuser-Syndikat zeigen, wie ein „Verwertungsstopp“ rechtlich und organisatorisch aussehen kann.

Auch kann geregelt werden, dass ein Teil der Beiträge in die Forschung und Entwicklung offener Technologien fließt, um die Commonisierung weiter voranzutreiben. Aber selbst wenn dies nicht möglich ist, werden schon allein durch den erfolgreichen Betrieb eines Projekts kontinuierlich Wissens- und Infrastrukturressourcen sowie Erfahrungswerte aufgebaut. Ganz langsam und graduell kann auch oft eine solidarische Versorgung von nicht aktiv teilnehmenden Menschen – etwa Personen mit besonderen Bedürfnissen oder Handicaps – realisiert werden. Projekte könnten sich etwa verpflichten, jedes Jahr einen minimalen, aber stetig steigenden Prozentsatz ihrer Erzeugnisse für diesen Zweck zu reservieren.

Kurz gesagt: Am wichtigsten ist das Ziel der Commonisierung, die Umwandlung von vorher vom Markt vermittelten Ressourcen in Commons. Wenn ein leistungsfähiges Finanzierungskonzept diesen Prozess unterstützen kann, ohne ihm etwa durch den erwähnten Einnahmezwang in die Quere zu kommen, ist womöglich viel gewonnen.

Ein Kurzvergleich der Anreize mit der Marktwirtschaft

Ganz kurz soll nun skizziert werden, wie sich das hier angedachte Anreizsystem aus Sicht einer Person, die ihren Lebensunterhalt bestreiten muss, im Vergleich zu den Mechanismen der Marktwirtschaft darstellt.

Marktwirtschaft:

  • Wenn ich gut oder hart arbeite oder in etwas Profitables investiere, erlange ich Wohlstand und kann fürs Alter vorsorgen.
  • Wohlstand bedeutet: Eigentum an knappen Ressourcen aufzubauen und andere Menschen davon (zumindest potenziell) auszuschließen.
  • Das System drängt alle Menschen zu Anstrengungen. Deswegen funktioniert es, und ich kann mich (angeblich) darauf verlassen.
  • Projekte (Unternehmen) sind mit dem Ziel Profitabilität oder Geldvermehrung organisiert. Nachhaltigkeit ist oft ein Kostenfaktor und muss deshalb meist vom Staat verordnet werden.

Commoning mit Anreizen und Commons-Finanzinstrumenten:

  • Wenn ich verantwortungsvoll arbeite oder in ein sinnvolles Projekt investiere, erlange ich Wohlstand und kann fürs Alter vorsorgen.
  • Wohlstand bedeutet: Meine Bedürfnisse werden erfüllt, ich erlange Zugang zu Produkten und Dienstleistungen. Als teilnehmende/investierende Person können meine Bedürfnisse priorisiert werden, andere Menschen werden aber mit profitieren, da durch die Aktivität der Projekte immer Commons entstehen.
  • Das System leitet die Menschen zu Anstrengungen an, aber transparenter und mit weniger Druck als die Marktwirtschaft. Der Fokus liegt oft auf guter und effizienter Arbeit.
  • Dennoch wirken zunächst Marktprinzipien im Hintergrund: bei Fehlallokationen – dazu gehören auch etwa „zu faule Teilnehmende“ – können Vorteile verloren gehen und der Ressourcen- und Arbeitsbedarf wieder wachsen. Dies übt Druck aus, die Planung ernst zu nehmen.
  • Nachhaltigkeit ist genuin vorteilhaft, da Zukunftsrisiken verringert werden. Zudem erzeugt der Verbrauch kurzlebiger Ressourcen wie fossiler Brennstoffe laufende Kosten und erfordert Einnahmen oder aufwändige Extraktionsprojekte.

Fazit: Es könnte eine Dynamik entstehen, die eventuelle Nachteile aufwiegt

Wie aus den Bewegungen der Freien Software und der Freien Inhalte bekannt, ist eine gewisse Wachstumsdynamik hilfreich, damit Commoning wirklich massiv neue Bedürfnisse befriedigen kann. Während Wikipedia und Linux Erfolgsgeschichten sind, treten Projekte wie etwa Wikibooks oder Diaspora, bei denen diese Dynamik fehlt, oft jahrelang auf der Stelle oder versanden. Bei der Herstellung materieller Produkte kommt dazu, dass dort hohe Investitionskosten Druck ausüben, erfolgreich zu sein. Die Vorteile der Teilnahme an Commoning-Initiativen sind in der Gegenwart noch oft unscharf, viele machen eher aus idealistischen Gründen mit. Diese Unklarheiten halten derzeit das große Potenzial des Commoning etwas zurück.

Gehen wir aber einmal davon aus, auf Anreizen basierende Modelle – wie die hier vorgeschlagenen Commons-Finanzinstrumente – führten zu einer neuen Welle an offenen Produktionsstätten, so dass graduell eine immer umfangreichere Commons/Open-Hardware-Infrastruktur entsteht. Vielleicht geht es zunächst schleppend vonstatten, kaum schneller als heute.

In dieser Entwicklung könnte es aber einen Kipppunkt geben, wenn sich eine kritische Masse für die Teilnahme an solchen Projekten interessiert. Es könnte sich herumsprechen, dass für die meisten die Vorteile einer Commoning-Teilnahme die der Lohnarbeit übertreffen, und dass Commons-Finanzinstrumente als sichere Alternative zur Geldanlage in Frage kämen. Viele fangen vielleicht erst einmal in „Teilzeit“ an, probieren nach Schule und Studium etwas aus, oder legen geringe Geldbeträge an. Der persönliche Vorteil durch die Draufgaben der Commons-Finanzprodukte ist am Anfang nicht allzu groß. Doch wenn die Projekte auf immer solideren Beinen stehen, sind erste richtige Erfolge bei der Herstellung auch komplexerer materieller Güter möglich.

Sobald ein Netzwerk von Lieferketten für einzelne wichtige Produkte der Grundversorgung auf Commons-Basis besteht, könnte dieser Kipppunkt erreicht sein. Und dann könnte eine Transformation schneller gehen, als es heute auf den ersten Blick vorstellbar ist. Vielleicht schnell genug, um etwa den Klimawandel noch abmildern zu können.

Das vorgeschlagene Projektmodell, das sich über Commons-Finanzinstrumente finanziert, ist nicht als Konkurrenz zu rein freiwilligen und solidarischen Initiativen gedacht, sondern als Alternative zu Konstruktionen wie Social Entrepreneurship oder zu als Kapitalgesellschaften organisierten Open-Hardware-Unternehmen, die eine gewisse Wachstumsdynamik benötigen. Es sollte innerhalb eines dominierenden Systems der Marktwirtschaft funktionieren, ohne dass staatliche Eingriffe nötig werden.

Vielleicht gibt es andere Anreizmechanismen, die noch besser funktionieren. Sie sollten erforscht und ausprobiert werden. Wenn das Commoning damit vorankommt, können sie nach und nach überflüssig werden und viele Projekte zu einem solidarischen, auf intrinsischer Motivation basierenden Modell wechseln.

Ein auf klaren Anreizen basierendes Übergangsmodell hätte einen weiteren Vorteil: Konservativ oder wirtschaftsliberal eingestellte Menschen glauben oft nicht an eine solidarische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Nach einer in diesen Gruppen verbreiteten Auffassung benötigt es Druck, damit Menschen sich anstrengen. Ein Anreizsystem in der hier skizzierten Form könnte diese Menschen eventuell eher überzeugen. Es wäre also eine Chance, Commons-Ressourcen mit einem Modell zu schaffen, das nicht nur in linken Bewegungen, sondern bei breiten Bevölkerungsteilen Akzeptanz erfährt, gerade angesichts der globalen Bedrohung durch rechtspopulistische Bewegungen.

Anmerkungen und Quellen

  1. Mit Produktion sollen hier alle Aktivitäten beschrieben werden, die eine Bedürfnisbefriedigung zum Ziel haben, also auch die geläufig als Dienstleistungen bezeichneten Tätigkeiten sowie Care-Arbeit. ↩︎
  2. Oftmals wird zwischen extrinsischer und intrinsischer Motivation unterschieden. Während bei intrinsischen Anreizen die Aktivität oder die verwaltete Ressource selbst zur Motivation beiträgt, gibt es bei extrinsischen Anreizen einen zusätzlichen Mechanismus, etwa eine Belohnung oder eine Strafe. ↩︎
  3. Elinor Ostrom: Analyzing long-enduring CPRs. In: Governing the Commons (1990). S. 92ff ↩︎
  4. Wichtig ist hier die Abgrenzung zum kapitalistischen Wachstumszwang: Das Prinzip „mehr Lebensqualität“ bezieht sich auf die Befriedigung unserer Bedürfnisse und ist nicht zwangsläufig im Sinne von „mehr Güter“ gemeint. Werden konkrete menschliche Bedürfnisse durch bestimmte Produkte erfüllt, dann sinkt das Verlangen nach „noch mehr“. Dieses Phänomen haben auch die klassischen Wirtschaftswissenschaften mit der Theorie des abnehmenden Grenznutzens behandelt. Es würde einer übermäßigen Ausdehnung einer Commoning-Wirtschaft, die für Umwelt und Klima problematisch wäre, entgegenwirken. Die Projekte wachsen also nur so lange, bis die Bedürfnisse der Teilnehmenden abgedeckt werden. Im Idealfall werden dabei bestehende (kapitalistische) Betriebe umgewandelt, was Ressourcen einspart. ↩︎
  5. Eric Raymond, ein leider politisch auf (rechtslibertäre) Abwege geratener Open-Source-Pionier, hat dieses Konzept 1999 mit dem Begriff Inverse Commons beschrieben. Gemeint ist, dass die Qualität von Ressourcen bei zunehmender Zahl der Teilnehmenden und Nutzenden steigen kann, anstatt durch den Effekt der sogenannten Tragödie der Allmende abzunehmen. Siehe: http://www.catb.org/esr/writings/magic-cauldron/magic-cauldron-5.html ↩︎
  6. Siehe das Konzept der Commonsverbünde: Commonsverbünde – Zweiter Anlauf ↩︎
  7. Christian Siefkes: 4.3.3 Gewichtete Arbeit (Aufgabenversteigerung). In: Beitragen statt Tauschen (2008). S. 27ff ↩︎
  8. Das Global Commoning System wurde auf der Seite commoningsystem.org entwickelt, die Entwicklung ruht derzeit. ↩︎
  9. Bei Bieterrunden steht die solidarische Unterstützung von Teilnehmenden im Vordergrund, die weniger Geld einbringen können, damit diese auch von der Versorgung profitieren. Bei den für langfristige Investitionen notwendigen Geldbeträgen fehlt jedoch der direkte, vorhersehbare Bezug zur Versorgung. Letztendlich würde eine „langfristige Finanzierungs-Bieterrunde“ vermutlich darauf hinauslaufen, dass wenige (vermögende) Teilnehmende den Großteil der Kosten stemmen, ähnlich wie bei einem rein auf Spenden basierenden System. Ein anreizbasiertes System könnte wahrscheinlich die benötigten Beträge wesentlich schneller erreichen. ↩︎

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