Anreize und Commons: Chance für eine zügige Transformation?

Ein Großteil der Menschheit würde vermutlich von einer Welt profitieren, in der Commoning die Marktwirtschaft weitgehend verdrängt. Dennoch scheint es schwierig zu sein, ein überzeugendes Konzept für einen zügigen Übergang zu einem solchen Gesellschaftsmodell zu beschreiben – rechtzeitig etwa für das Stoppen der globalen Erwärmung. Hilft vielleicht ein System aus behutsam ausgestalteten Anreizen?
Eine auf Commoning basierende Gesellschaft wäre höchstwahrscheinlich sozial gerechter und inklusiver als die Marktwirtschaft. Sie böte den Menschen Gelegenheit, selbstorganisiert und basisdemokratisch über die Produktion1 und die Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu entscheiden. Statt in die Taschen der Kapitaleigner – also in Dividenden und andere Profite – flößen Produktivitätsgewinne direkt in die Lebensqualität: in bessere Produkte und Technologien für einen geringeren Arbeitsbedarf.
Die Menschheit könnte vielleicht den Klimawandel früher stoppen: Commoning-Projekte wären oft umweltfreundlich ausgelegt, auch bestünde keine Abhängigkeit von Gewinnen und steigenden Aktienkursen und somit kein kapitalistischer Wachstumszwang mehr. Einen gewissen Wachstumsdrang gäbe es zumindest eine Zeitlang weiterhin: Schließlich soll die Lebensqualität besonders der ärmeren Teile der Menschheit steigen. Aber es gäbe größere Spielräume für Nachhaltigkeit als in einer Welt des Shareholder Value und der zerstörerischen Konkurrenz.
Man könnte also feststellen: je früher und schneller weite Teile der Gesellschaft auf Commoning umsteigen, um so besser. Gäbe es also eine Möglichkeit, diesen Wandel zu beschleunigen?
In diesem Text soll ein möglicher Anreizmechanismus dargestellt werden, der auf Commoning-Prinzipien basierende offene Produktionsstätten schneller entstehen und wachsen lassen könnte. Das Ziel wäre eine Dynamik ähnlich im Bereich der Freien Software und Open Content (u.a. Wikipedia) auch bei der Befriedigung von Grundbedürfnissen, wie es spätestens seit den Oekonux-Konferenzen um die Jahrtausendwende diskutiert wird. Als Beispiel für den Mechanismus dient ein mögliches Finanzierungsmodell für Projekte.
Anreiz-„Mechanismen“: Gefahr oder Chance?
Anreize sind im Kapitalismus der Motor, der das System vorwärts bringt. Der Grundmechanismus basiert auf dem Gewinnstreben: Man steckt Geld in eine Unternehmung – etwa in Aktien – und bekommt nach einiger Zeit bei Erfolg mehr Geld heraus. Über die Lohnarbeit „profitieren“ davon auch Menschen ohne eigenes Kapital: Ihnen wird Geld gezahlt, wenn sie mit eigenen Leistungen den Motor weiter antreiben.
Die Marktwirtschaft hat dieses Belohnungs-System tief in der Gesellschaft verankert: Viele Menschen glauben, dass ihr Gehalt ihnen die Sicherheit und Lebensqualität bietet, die ihnen aufgrund ihrer Anstrengungen zusteht. Es sei ein gerechtes Geben und Nehmen. Machtasymmetrien, die systematisch zu Ungleichheit führen, werden dabei oft ignoriert.
Könnte ein ähnlich effektives Anreizsystem eine Commonisierung der Gesellschaft, also eine graduelle Transformation der kapitalistischen Wirtschaft in eine gemeinnützige, offene, nachhaltige und inklusive Produktionsweise, beschleunigen? Angesichts der multiplen Krisen lohnt es sich, über diese Frage nachzudenken.
Extrinsische2 Anreize – also etwa Belohnungen wie Gehälter, bei denen das „Nehmen“ an ein „Geben“ gekoppelt ist – sind in der Diskussion rund um Commoning umstritten. Zwar hat bereits Elinor Ostrom eine Kongruenz zwischen der Aneignung und der Bereitstellung von Ressourcen als eines der Muster beschrieben, die eine erfolgreiche Ressourcen-Selbstverwaltung begünstigen können3. Und heutige Projekte, die sich wie solidarische Landwirtschaftsbetriebe (Solawis) der Herstellung materieller Güter widmen, kommen aufgrund von Sachzwängen nur sehr selten ohne eine relativ enge Kopplung des „Gebens und Nehmens“ aus.
Argumentiert wird jedoch oft, dass etwa eine Arbeitsvergütung die Motivation von Menschen, die freiwillig beitragen, senken könnte. Es handle sich um ein Tauschgeschäft – Arbeit gegen Bedürfnisbefriedigung – bei dem befürchtet werden kann, dass sich eine Tauschlogik verfestigt und sich ähnliche Ungleichheiten und Machtasymmetrien entwickeln könnten wie in der Marktwirtschaft.
Solidarische Modelle mit einer weniger strikten Kopplung von Geben und Nehmen, wie die aus Solawis und CSX-Betrieben bekannten Bieterrunden, funktionieren für die kurzfristige Bereitstellung von Geld für laufende Kosten laut bisherigen Erfahrungen gut. Größere Investitionen in Technologie oder Immobilien benötigen jedoch ein längerfristiges Finanzierungskonzept. Meist geschieht dies bisher über Darlehen, bei denen eine Verzinsung als Anreiz wirkt.
Darlehen, selbst solche ohne Zinsen, sind jedoch von zukünftigen Einnahmen abhängig. Dies führt zu einem Zielkonflikt, da Commoning ja eigentlich den Verkauf von Gütern gegen Geld, eine sehr strikte Kopplung von Geben und Nehmen, überwinden möchte. Lohnarbeit übt einen ähnlichen Kostendruck aus.
Ein ideales Anreizsystem sollte Hürden wie die Abhängigkeit von zukünftigen Einnahmen vermeiden. Jede Anstrengung, jede investierte Ressource soll tendenziell zu mehr Commons – also mehr gemeinschaftlich nutzbaren Ressourcen – führen können. Gleichzeitig könnten den Beitragenden individuelle Vorteile gewährt werden.
Mit einem klaren Unterschied zum Kapitalismus: der „individuelle Vorteil“ muss nicht unbedingt bedeuten, mehr als jemand anderes zu erhalten, sondern die eigenen Bedürfnisse besser befriedigen zu können als ohne den Commoning-Prozess. Ein „individueller Vorteil“ entsteht also auch dann, wenn die Bedürfnisse aller Menschen besser erfüllt werden. Dennoch kann auch eine gewisse Geben-Nehmen-Kopplung festgelegt werden, etwa dass aktiv Beiträge Leistende bei Engpässen priorisiert werden.
Zwei „Motoren“ und klare Zwischenziele
Ein naheliegendes Prinzip für einen Anreiz-Motor wäre: Je höher der Anteil unserer Bedürfnisse, den wir mittels einer Teilnahme an Commons-Aktivitäten befriedigen können, um so weniger wird es notwendig, im Kapitalismus Lohnarbeit zu leisten. Und um so größer ist unser individueller Vorteil. Zudem wäre es vorteilhaft, wenn der Zeitaufwand für das Commoning minimiert wird und geringer oder zumindest nicht deutlich höher als bei vergleichbarer Lohnarbeit ausfällt.
In anderen Worten: Als Motoren könnten mehr Lebensqualität aufgrund von Commoning und weniger Arbeitszeit fungieren.4 Es wären noch mehr Mechanismen denkbar, etwa mehr Versorgungssicherheit, doch der Text soll sich auf diese zwei Aspekte konzentrieren, die auch im Kapitalismus versteckt hinter dem Mechanismus des Geldes wirken.
Wie kann nun dieser Motor funktionieren? Wo käme das Plus an Bedürfniserfüllung und das Minus an Arbeitszeit her?
Die erste Antriebsquelle ist, wie im Kapitalismus, der technische Fortschritt. Auch beim Commoning sollte es ein Ziel sein, Bedürfnisse immer effizienter zu erfüllen, also einen graduell abnehmenden Verbrauch von Zeit- und Naturressourcen anzustreben. Innovationen können die Abhängigkeit von knappen Rohstoffen verringern oder den Automatisierungsgrad erhöhen und so die „Arbeitszeit“ senken. Außerdem können sie den Natur- und Klimaschutz verbessern, wie es im Bereich der Erneuerbaren Energien sichtbar wird. Effizienzzuwächse kommen beim Commoning den Teilnehmenden selbst zugute, nicht wie im Kapitalismus denen, die Unternehmensanteile besitzen. Innovation lohnt sich also tendenziell noch mehr.
Bei den für Commoning typischen offenen, kooperativen Produktionsprozessen kann sich noch eine zweite Quelle hinzugesellen. Wenn Wissensressourcen und Innovationen einfach von anderen Projekten übernommen werden können – dank freier Lizenzen – kann die Produktion stark von Netzwerkeffekten profitieren. Wahrscheinlich wesentlich stärker als im klassischen Kapitalismus.
Parallelentwicklungen, um die Nutzung kostenpflichtiger Lizenzen und Patente zu vermeiden, fallen weg. Auch Erfahrungen und Best Practices können beliebig an weitere Projekte weitergegeben werden. Bei Freier Software ist dieser Effekt seit Langem bekannt5, er könnte aber auch bei der Produktion „materieller“ Güter eine womöglich entscheidende Rolle spielen.
So würde die Gründung eines neuen Projektes einfacher: Sobald für ein bestimmtes Produkt ein realistisches Herstellungskonzept existiert, können neue Initiativen bei ihrem Start auf eine Blaupause mit vielen notwendigen Ressourcen zurückgreifen, etwa mit einer Dokumentation der Technologien, Software, Erfahrungswerten und einem Finanzierungskonzept. Im Kapitalismus ist das Teilen dieser Elemente hingegen oft mit Restriktionen belegt, etwa wegen Geschäftsgeheimnissen.
Solche Netzwerkeffekte dürften sich beschleunigen, wenn sich Commoning über arbeitsteilige Lieferketten hinweg verbreitet, also die Herstellung von immer mehr Vor- und Zwischenprodukten ermöglicht. Dann sinkt die Abhängigkeit der Projekte von Ressourcen, die mit Geld eingekauft werden müssen. Und dies wiederum macht es einfacher, neue Commoning-Prozesse aufzubauen und bestehende zu erweitern.
Wie können nun Projekte konkrete Anreizmechanismen entwickeln? Zunächst einmal können sie diese „Motoren“ in ihre Planungen aufnehmen, besonders bei der Berechnung der zukünftigen Erträge oder der notwendigen Arbeitszeit. Davon ausgehend können sie Teilnehmenden individuelle Vorteile in Aussicht stellen. Sie können etwa die Erhöhung des Technologieniveaus schätzen und eine geringere „Arbeitsbelastung“ aufgrund der geschätzten Effizienzsteigerung – bei gleicher oder besserer Bedürfnisbefriedigung – als individuellen Vorteil anbieten. Auch die frühzeitige Kooperation mit anderen Projekten für den Aufbau von Netzwerken ist sinnvoll.
Als Fernziel kann der komplett commonisierte Betrieb angestrebt werden, bei dem die gesamte Produktion inklusive Vorprodukte das Ergebnis von Commoning-Prozessen ist und somit kein Geld mehr nötig ist. Da dieses Ziel oft weit entfernt erscheinen dürfte, sind klare Zwischenziele sinnvoll. Ohne eine klare Bezugsgröße wie Geld kann für die Teilnehmenden sonst der Überblick über die eigenen Vorteile verloren gehen.
Eine größere Auswahl von Produkten kann ein solches Zwischenziel darstellen. So können sich mehrere Projekte zu einem Commonsverbund6 zusammenschließen, mit dem Ziel, allen Teilnehmenden eine umfassende Grundversorgung anzubieten. Typischerweise könnte sich ein solcher Verbund aus einer Gruppe Solawis entwickeln und die Versorgung mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen auf einfache verarbeitete Produkte wie Mehl oder Brot ausdehnen. Zumindest prinzipiell gibt es keinen Grund, warum ein solches Modell nicht auf komplexe Produkte mit stärker arbeitsteiliger Herstellung angewendet werden könnte, wenn man sich schrittweise weiter vorarbeitet.
Um die Netzwerkeffekte zu stärken, sind Zwischenziele im Bezug auf die interne Commonisierung der Projekte sinnvoll. In neuen Initiativen sind viele Ressourcen noch keine Commons, Maschinen etwa werden zunächst meist gekauft oder gemietet. Je mehr Produktionsmittel jedoch selbst aus einem Commoning-Produktionsvorgang stammen, um so weniger Geld wird notwendig. Ein Zwischenziel könnte etwa lauten, freie Produktionsmittel nach dem Open-Hardware-Modell zu nutzen, wie sie etwa Open Source Ecology oder dessen deutscher Ableger entwickelt.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Thema Energie. Projekte sollten auf das Ziel hinarbeiten, dass diese aus erneuerbaren Quellen stammt, im Idealfall selbst oder von (Commoning-)Kooperationspartnern generiert. Dies hat nicht nur für den Klimaschutz positive Folgen: Auch die Kostenstruktur des Projekts wird günstiger, da bei Solar- oder Windstrom-Eigenproduktion eine anfängliche Investition später die laufenden Kosten für Energie verringert. Selbstproduzierter Strom ist selbst bei Speicherung oft wesentlich preiswerter, wenn das Projekt die gesamte Lebensdauer der PV- oder Windkraftanlage nutzen kann.
Sparen mit Draufgaben: Finanzierungskonzept für die Commons-Transformation
Das Grundprinzip dürfte nun klar sein: man könnte mit Anreizen basierend auf dem technischen Fortschritt und Netzwerkeffekten die Commons-Dynamik beschleunigen. Wie ließe sich dies in praktische Maßnahmen umsetzen, die wichtige Herausforderungen beim Commoning lösen?
Als Beispiel soll hier ein Finanzierungskonzept für Produktionsmittel besprochen werden, das nicht mit der Commonisierung in einen Zielkonflikt gerät. Der Aufbau von aufwändiger Infrastruktur und Technologie ist eine der größten Herausforderungen bei produktivem Commoning. Dazu kommt: Tendenziell steigen die Kosten, wenn ein höheres Technologie- und Automatisierungsniveau angestrebt wird, damit der vorher angesprochene Anreiz der „Arbeitszeitverkürzung“ wirklich zum Tragen kommen kann.
Ideal wäre ein leistungsfähiges Finanzierungsmodell, das mit marktwirtschaftlichen Konzepten mithalten kann. Salopp gesagt: ein Commoning-Projekt soll dadurch so schnell wachsen können wie nach einem Börsengang. Doch wie soll das gehen ohne dem Prinzip der Geldvermehrung, das zu einem Wachstumszwang führen würde?
Als interessante Blaupause könnte das klassische Crowdfunding-Modell dienen, bei dem die Teilnehmenden Kosten im Voraus finanzieren und dafür später ein Produkt erhalten. Es ist bei der Finanzierung von Kunstwerken wie Büchern und Musikalben verbreitet und wird ansatzweise in einigen Solawis verwendet, wenn die Teilnehmenden die Kosten einer Saison schon im Voraus aufbringen können.
Um dieses Konzept noch attraktiver zu machen, könnte ein Zusatzvorteil für im Voraus geleistete Beiträge eingeführt werden, ebenfalls in der Form von Erzeugnissen des Projekts. Dies könnte es zum Sparen interessant machen. Man vermehrt zwar nicht Geld, aber man bekäme eine Art Bonus für die Lebensqualität in der Zukunft. Potenziell könnten Projekte so Gelder anziehen, die normalerweise in Anleihen oder Festgeld fließen würden. Und es wäre aus ihrer Sicht womöglich eine attraktive Alternative zum Darlehen, da die „Rückzahlung“ nicht von finanziellen Einnahmen des Projekts abhängig wäre, sondern allein von seiner Produktionskapazität.
Eine „sparwillige“ Person könnte beispielsweise Beiträge zwei Jahre im Voraus an eine Solawi entrichten. Sie erhielte dafür einen Vorteil, der einem Zins in Naturalien ähnelt: einen Anteil der Erzeugnisse des dritten Jahrs.
Man „spekuliert“ also auf die Wirkung der Grundprinzipien des technischen Fortschritts und der Commons-Netzwerkeffekte, die später die Kosten der Erzeugnisse und des Projekts im Ganzen senken können.
Das Modell ähnelt einem sogenannten Naturalrabatt in Form einer Draufgabe, also einer zusätzlichen kostenlosen Menge an Erzeugnissen, die bei Vorauszahlung gewährt wird. Dieses Prinzip ist zwar auch im Kapitalismus bekannt, spielt aber als Unternehmens-Finanzierungskonzept kaum eine Rolle. Bei Commons könnte es hingegen seine Vorteile voll ausspielen. Es könnte sich lohnen, es gründlich zu erforschen.
Natürlich muss im Voraus kalkuliert werden, wie hoch ein solcher Zusatzvorteil ausfallen kann, was zu einer komplexeren Planung führt. Denn die Versorgung derer, die sich nicht an dieser Art der Finanzierung beteiligen, sondern etwa über Bieterrunden, soll natürlich nicht beeinträchtigt werden. Es sind aber auch Modelle möglich, die Projekte nur dann zu einer Draufgabe verpflichten, wenn die Versorgung aller Teilnehmenden ohne weiteres gewährleistet werden kann. Dies ähnelt etwas der Aktien-Dividende, die nur in guten Zeiten an Anlegende ausgezahlt wird, und wäre gerade für neue Projekte einfacher zu organisieren als ein fester „Naturalien-Zins“.
Bei einer Verbreitung des Modells dürfte die steigende Effizienz der Projekte dank Technologie und Erfahrungswerten über die Zeit hinweg zunehmend attraktivere Konditionen ermöglichen. Je langfristiger ein Projekt orientiert ist und je solider es wirtschaftet, um so mehr Potenzial gibt es auch für Konzepte mit garantiertem Zusatzvorteil.
Für solche Konzepte soll hier als Arbeitsbezeichnung Commons-Finanzinstrumente verwendet werden. Man könnte noch weitere Modelle erörtern. Interessant wäre beispielsweise ein Commons-Finanzinstrument für die Altersvorsorge, bei denen Zahlungen oder Mitarbeit über mehrere Jahre hinweg zu einem Recht auf eine Versorgung mit Erzeugnissen eines Commonsverbunds ab einem bestimmten Alter führen.
Um auch Menschen ohne großen finanziellen Spielräumen ähnliche Vorteile zu bieten, ist es je nach Charakter und „Branche“ der Projekte sinnvoll, Commons-Finanzinstrumente durch aktive Teilnahme zu erhalten, also dass auch menschliche „Arbeit“ vorgeleistet werden kann. Dies unterscheidet sich auf den ersten Blick wenig von der Lohnarbeit. Doch auch hier kommt der Vorteil zum Tragen, dass die Zahlung des „Lohns“ nicht von Einnahmen abhängig ist. Es entsteht somit eine Alternative für Situationen, in denen Lohnarbeit noch nicht durch freiwillige Beiträge ersetzt werden kann, also etwa Routinetätigkeiten oder besonders qualifizierte Aufgaben.
Eine wichtige Herausforderung ist die Aufgabenverteilung innerhalb der Projekte und Verbünde. Bei einfachen Projekten wie in der Landwirtschaft und im Gartenbau sind bereits viele Erfahrungen vorhanden und basisdemokratische Entscheidungen ausreichend. Für stärker arbeitsteilige Projekte mit komplexen Lieferketten wäre wahrscheinlich eine Softwarelösung notwendig.
Ein interessantes Konzept ist die von Christian Siefkes in seinem Buch Beitragen statt Tauschen vorgeschlagene Aufgabenversteigerung, bei der wenig beliebte Aufgaben (sofern die Qualifikation der Teilnehmenden es zulässt) eine kürzere Arbeitszeit zur Folge haben7. Man könnte dies gut mit dem hier beschriebenen Finanzierungsmodell kombinieren: Die Arbeitszeit, die zum Erwerb eines bestimmten Commons-Finanzinstruments berechtigt, könnte dann von der Beliebtheit der Aufgabe abhängen.
Besonders erstrebenswert wäre eine flexible Softwarelösung in der Art des von Marcus Meindel und anderen entworfenen Global Commoning System8, das neben einer solchen Aufgabenversteigerung auch andere „Bewertungssysteme“ zulässt. Die „Commoner“ und die von ihnen betriebenen Initiativen könnten dort entscheiden, welche Menschen und Projekte von ihren eigenen Beiträgen profitieren sollen. Als Beispiele wurden in der Präsentation der Software übernommene Aufgaben und die Lebenssituation genannt. Doch könnte auch für die „Ersteigerung“ von Commons-Finanzinstrumenten eine Auswahlmöglichkeit geschaffen werden. Notwendig wären natürlich längerfristige Verpflichtungen, damit die „Investition“ attraktiv bleibt und nicht Gefahr besteht, dass einmal „versprochene“ Leistungen am Ende ausfallen.
Die Tauschlogik langfristig überwinden
Es bleibt die Frage: Wird durch solche Anreizsysteme Geben und Nehmen nicht doch ähnlich stark gekoppelt wie in der Marktwirtschaft? Kann die Tauschlogik damit wirklich überwunden werden?
Wie am Anfang des Artikels beschrieben sollten diese Konzepte Beiträge belohnen, die zu mehr Commons-Ressourcen führen, und somit eine Commonisierungs-Dynamik entstehen lassen. Die hier vorgeschlagenen Commons-Finanzinstrumente allein können das noch nicht gewährleisten. Auf den ersten Blick gibt es sowohl einen Markt für diese Instrumente, als auch eine Art Lohnarbeit. Solidarische Mechanismen wie Solawi-Bieterrunden können im Commoning-Kontext als „besser“ angesehen werden, da die Kopplung zwischen Geben und Nehmen weniger strikt ist.
Wir sehen den Vorteil jedoch, wenn wir eine der wenigen geläufigen Alternativen mit ähnlicher möglicher Wachstumsdynamik anschauen: Betriebe etwa aus dem Bereich Open Hardware, die zunächst als herkömmliche Unternehmen über Kapital und Kredite finanziert werden, aber später in Commons-Projekte umgewandelt werden sollen. Diesen Übergang zu organisieren, dürfte aufgrund des stetigen Zwangs zu Einnahmen schwierig sein.
Eine ähnliche Dynamik ohne diesen Einnahmezwang wäre mit den oben vorgeschlagenen Commons-Finanzinstrumenten möglich, da sie nicht auf Geldvermehrung zielen. Wer investiert, möchte die eigene Versorgung in der Zukunft sicherstellen und die Lebensqualität steigern. Dabei ist es unerheblich, wie sich der Marktpreis der einzelnen Produkte entwickelt, die Teil dieser Versorgung darstellen. Selbst wenn es einem Commonsverbund gelingt, eine kostenlose Basisversorgung ohne Mitwirkungspflicht anzubieten (quasi ein Grundeinkommen in Naturalien), hat die investierende Person ihr Ziel der Bedürfniserfüllung erreicht.
Bieterrunden hingegen sind eher für die kurzfristige Finanzierung laufender Kosten geeignet. Die Finanzierung von Infrastrukturen und Technologie würde damit vermutlich länger dauern, es würde eher einem Spenden-System ähneln.9
Was fehlt noch, damit die Tauschlogik wirklich langfristig überwunden wird? Der Schlüssel liegt in der basisdemokratischen Organisation von Commons-Projekten, die es ihnen ermöglicht, ihre Ziele selbst festzulegen. Sie können also von Beginn an in ihren Satzungen und Regelwerken verbindlich klarstellen, dass die Bereitstellung und Pflege von Commons-Ressourcen ihr Ziel darstellt und eine kapitalistische Verwertung nicht geplant ist. Modelle wie das Mietshäuser-Syndikat zeigen, wie ein „Verwertungsstopp“ rechtlich und organisatorisch aussehen kann.
Auch kann geregelt werden, dass ein Teil der Beiträge in die Forschung und Entwicklung offener Technologien fließt, um die Commonisierung weiter voranzutreiben. Aber selbst wenn dies nicht möglich ist, werden schon allein durch den erfolgreichen Betrieb eines Projekts kontinuierlich Wissens- und Infrastrukturressourcen sowie Erfahrungswerte aufgebaut. Ganz langsam und graduell kann auch oft eine solidarische Versorgung von nicht aktiv teilnehmenden Menschen – etwa Personen mit besonderen Bedürfnissen oder Handicaps – realisiert werden. Projekte könnten sich etwa verpflichten, jedes Jahr einen minimalen, aber stetig steigenden Prozentsatz ihrer Erzeugnisse für diesen Zweck zu reservieren.
Kurz gesagt: Am wichtigsten ist das Ziel der Commonisierung, die Umwandlung von vorher vom Markt vermittelten Ressourcen in Commons. Wenn ein leistungsfähiges Finanzierungskonzept diesen Prozess unterstützen kann, ohne ihm etwa durch den erwähnten Einnahmezwang in die Quere zu kommen, ist womöglich viel gewonnen.
Ein Kurzvergleich der Anreize mit der Marktwirtschaft
Ganz kurz soll nun skizziert werden, wie sich das hier angedachte Anreizsystem aus Sicht einer Person, die ihren Lebensunterhalt bestreiten muss, im Vergleich zu den Mechanismen der Marktwirtschaft darstellt.
Marktwirtschaft:
- Wenn ich gut oder hart arbeite oder in etwas Profitables investiere, erlange ich Wohlstand und kann fürs Alter vorsorgen.
- Wohlstand bedeutet: Eigentum an knappen Ressourcen aufzubauen und andere Menschen davon (zumindest potenziell) auszuschließen.
- Das System drängt alle Menschen zu Anstrengungen. Deswegen funktioniert es, und ich kann mich (angeblich) darauf verlassen.
- Projekte (Unternehmen) sind mit dem Ziel Profitabilität oder Geldvermehrung organisiert. Nachhaltigkeit ist oft ein Kostenfaktor und muss deshalb meist vom Staat verordnet werden.
Commoning mit Anreizen und Commons-Finanzinstrumenten:
- Wenn ich verantwortungsvoll arbeite oder in ein sinnvolles Projekt investiere, erlange ich Wohlstand und kann fürs Alter vorsorgen.
- Wohlstand bedeutet: Meine Bedürfnisse werden erfüllt, ich erlange Zugang zu Produkten und Dienstleistungen. Als teilnehmende/investierende Person können meine Bedürfnisse priorisiert werden, andere Menschen werden aber mit profitieren, da durch die Aktivität der Projekte immer Commons entstehen.
- Das System leitet die Menschen zu Anstrengungen an, aber transparenter und mit weniger Druck als die Marktwirtschaft. Der Fokus liegt oft auf guter und effizienter Arbeit.
- Dennoch wirken zunächst Marktprinzipien im Hintergrund: bei Fehlallokationen – dazu gehören auch etwa „zu faule Teilnehmende“ – können Vorteile verloren gehen und der Ressourcen- und Arbeitsbedarf wieder wachsen. Dies übt Druck aus, die Planung ernst zu nehmen.
- Nachhaltigkeit ist genuin vorteilhaft, da Zukunftsrisiken verringert werden. Zudem erzeugt der Verbrauch kurzlebiger Ressourcen wie fossiler Brennstoffe laufende Kosten und erfordert Einnahmen oder aufwändige Extraktionsprojekte.
Fazit: Es könnte eine Dynamik entstehen, die eventuelle Nachteile aufwiegt
Wie aus den Bewegungen der Freien Software und der Freien Inhalte bekannt, ist eine gewisse Wachstumsdynamik hilfreich, damit Commoning wirklich massiv neue Bedürfnisse befriedigen kann. Während Wikipedia und Linux Erfolgsgeschichten sind, treten Projekte wie etwa Wikibooks oder Diaspora, bei denen diese Dynamik fehlt, oft jahrelang auf der Stelle oder versanden. Bei der Herstellung materieller Produkte kommt dazu, dass dort hohe Investitionskosten Druck ausüben, erfolgreich zu sein. Die Vorteile der Teilnahme an Commoning-Initiativen sind in der Gegenwart noch oft unscharf, viele machen eher aus idealistischen Gründen mit. Diese Unklarheiten halten derzeit das große Potenzial des Commoning etwas zurück.
Gehen wir aber einmal davon aus, auf Anreizen basierende Modelle – wie die hier vorgeschlagenen Commons-Finanzinstrumente – führten zu einer neuen Welle an offenen Produktionsstätten, so dass graduell eine immer umfangreichere Commons/Open-Hardware-Infrastruktur entsteht. Vielleicht geht es zunächst schleppend vonstatten, kaum schneller als heute.
In dieser Entwicklung könnte es aber einen Kipppunkt geben, wenn sich eine kritische Masse für die Teilnahme an solchen Projekten interessiert. Es könnte sich herumsprechen, dass für die meisten die Vorteile einer Commoning-Teilnahme die der Lohnarbeit übertreffen, und dass Commons-Finanzinstrumente als sichere Alternative zur Geldanlage in Frage kämen. Viele fangen vielleicht erst einmal in „Teilzeit“ an, probieren nach Schule und Studium etwas aus, oder legen geringe Geldbeträge an. Der persönliche Vorteil durch die Draufgaben der Commons-Finanzprodukte ist am Anfang nicht allzu groß. Doch wenn die Projekte auf immer solideren Beinen stehen, sind erste richtige Erfolge bei der Herstellung auch komplexerer materieller Güter möglich.
Sobald ein Netzwerk von Lieferketten für einzelne wichtige Produkte der Grundversorgung auf Commons-Basis besteht, könnte dieser Kipppunkt erreicht sein. Und dann könnte eine Transformation schneller gehen, als es heute auf den ersten Blick vorstellbar ist. Vielleicht schnell genug, um etwa den Klimawandel noch abmildern zu können.
Das vorgeschlagene Projektmodell, das sich über Commons-Finanzinstrumente finanziert, ist nicht als Konkurrenz zu rein freiwilligen und solidarischen Initiativen gedacht, sondern als Alternative zu Konstruktionen wie Social Entrepreneurship oder zu als Kapitalgesellschaften organisierten Open-Hardware-Unternehmen, die eine gewisse Wachstumsdynamik benötigen. Es sollte innerhalb eines dominierenden Systems der Marktwirtschaft funktionieren, ohne dass staatliche Eingriffe nötig werden.
Vielleicht gibt es andere Anreizmechanismen, die noch besser funktionieren. Sie sollten erforscht und ausprobiert werden. Wenn das Commoning damit vorankommt, können sie nach und nach überflüssig werden und viele Projekte zu einem solidarischen, auf intrinsischer Motivation basierenden Modell wechseln.
Ein auf klaren Anreizen basierendes Übergangsmodell hätte einen weiteren Vorteil: Konservativ oder wirtschaftsliberal eingestellte Menschen glauben oft nicht an eine solidarische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Nach einer in diesen Gruppen verbreiteten Auffassung benötigt es Druck, damit Menschen sich anstrengen. Ein Anreizsystem in der hier skizzierten Form könnte diese Menschen eventuell eher überzeugen. Es wäre also eine Chance, Commons-Ressourcen mit einem Modell zu schaffen, das nicht nur in linken Bewegungen, sondern bei breiten Bevölkerungsteilen Akzeptanz erfährt, gerade angesichts der globalen Bedrohung durch rechtspopulistische Bewegungen.
Anmerkungen und Quellen
- Mit Produktion sollen hier alle Aktivitäten beschrieben werden, die eine Bedürfnisbefriedigung zum Ziel haben, also auch die geläufig als Dienstleistungen bezeichneten Tätigkeiten sowie Care-Arbeit. ↩︎
- Oftmals wird zwischen extrinsischer und intrinsischer Motivation unterschieden. Während bei intrinsischen Anreizen die Aktivität oder die verwaltete Ressource selbst zur Motivation beiträgt, gibt es bei extrinsischen Anreizen einen zusätzlichen Mechanismus, etwa eine Belohnung oder eine Strafe. ↩︎
- Elinor Ostrom: Analyzing long-enduring CPRs. In: Governing the Commons (1990). S. 92ff ↩︎
- Wichtig ist hier die Abgrenzung zum kapitalistischen Wachstumszwang: Das Prinzip „mehr Lebensqualität“ bezieht sich auf die Befriedigung unserer Bedürfnisse und ist nicht zwangsläufig im Sinne von „mehr Güter“ gemeint. Werden konkrete menschliche Bedürfnisse durch bestimmte Produkte erfüllt, dann sinkt das Verlangen nach „noch mehr“. Dieses Phänomen haben auch die klassischen Wirtschaftswissenschaften mit der Theorie des abnehmenden Grenznutzens behandelt. Es würde einer übermäßigen Ausdehnung einer Commoning-Wirtschaft, die für Umwelt und Klima problematisch wäre, entgegenwirken. Die Projekte wachsen also nur so lange, bis die Bedürfnisse der Teilnehmenden abgedeckt werden. Im Idealfall werden dabei bestehende (kapitalistische) Betriebe umgewandelt, was Ressourcen einspart. ↩︎
- Eric Raymond, ein leider politisch auf (rechtslibertäre) Abwege geratener Open-Source-Pionier, hat dieses Konzept 1999 mit dem Begriff Inverse Commons beschrieben. Gemeint ist, dass die Qualität von Ressourcen bei zunehmender Zahl der Teilnehmenden und Nutzenden steigen kann, anstatt durch den Effekt der sogenannten Tragödie der Allmende abzunehmen. Siehe: http://www.catb.org/esr/writings/magic-cauldron/magic-cauldron-5.html ↩︎
- Siehe das Konzept der Commonsverbünde: Commonsverbünde – Zweiter Anlauf ↩︎
- Christian Siefkes: 4.3.3 Gewichtete Arbeit (Aufgabenversteigerung). In: Beitragen statt Tauschen (2008). S. 27ff ↩︎
- Das Global Commoning System wurde auf der Seite commoningsystem.org entwickelt, die Entwicklung ruht derzeit. ↩︎
- Bei Bieterrunden steht die solidarische Unterstützung von Teilnehmenden im Vordergrund, die weniger Geld einbringen können, damit diese auch von der Versorgung profitieren. Bei den für langfristige Investitionen notwendigen Geldbeträgen fehlt jedoch der direkte, vorhersehbare Bezug zur Versorgung. Letztendlich würde eine „langfristige Finanzierungs-Bieterrunde“ vermutlich darauf hinauslaufen, dass wenige (vermögende) Teilnehmende den Großteil der Kosten stemmen, ähnlich wie bei einem rein auf Spenden basierenden System. Ein anreizbasiertes System könnte wahrscheinlich die benötigten Beträge wesentlich schneller erreichen. ↩︎
Lieber Daniel!
Du weißt sicherlich, dass es sehr schwer oder gar absolut unmöglich ist, unser System zu ändern. Die globale Wirtschaft wächst jährlich um den Betrag des BIP Deutschlands. Um das zu kompensieren, würden viel zu viele Solawis gebraucht. Als wir in den achtziger Jahren zum ersten Mal versuchten, die Wirtschaft mit Umweltauflagen einzuschränken, verschwand das Kapital in China und in Indien. Es gibt aber – und eigentlich nur – die Möglichkeit, dass wir uns friedlich und still dem System entziehen. Mit mir meine ich den größten Teil der Menschheit.
Ohne Geld wäre die ganze Welt ein Common. Sie könnte sich vollkommen frei entwickeln, so, wie wir uns Commons nun einmal vorstellen.
Geld brauchst du, um Waren zu kaufen und um Arbeitskräfte zu bezahlen. Ein Teil der Arbeit schlägt sich in den Waren nieder. Wenn du aber das Material, welches in allen Waren steckt, bis zum Ursprung zurückverfolgst, dann stellst du fest, dass der allererste Rohstoff kostenlos war. Der Tauschwert der Ware wurde also letztendlich durch menschliche Arbeit erzeugt.
Wir müssten also lediglich freiwillig arbeiten, dann würden die Waren keinen finanziellen Wert mehr haben und somit macht es uns überhaupt nichts aus, keinen Lohn zu bekommen. Ganz einfach gesagt, wir würden uns dann mit unserer Arbeit und den Produkten unserer Arbeit gegenseitig beschenken.
Es wäre eigentlich nicht mehr als ein symbolischer Verzicht auf Lohn, da wir ja den Lohn erst nach einer bestimmten Zeit bekommen und bis dahin ohnehin unentgeltlich arbeiten.
Die Voraussetzungen für ein höheres Technologie- und Automatisierungsniveau liegen heute vor. Sie können nur nicht genutzt werden, weil es keine Möglichkeit gibt, die Arbeit zu verteilen, wenn die Wirtschaft automatisiert wird. Wenn jedoch alle Menschen selbstverständlich versorgt sind, dann verteilt sich die Arbeit, die dann noch übrig bleibt, von ganz alleine.
Egal, wie wir zu Corona stehen. Das, an was ich mich immer wieder erinnern muss, ist die spontane unglaubliche Solidarität und Disziplin der gesamten Menschheit beim ersten Lockdown im März 2020. Für mich war das die Generalprobe für eine große gesellschaftliche Veränderung.
Was wäre zu tun? Wir müssten überhaupt nichts an der Wirtschaft ändern. Wir müssten es einfach schaffen, alle Menschen davon zu überzeugen, z.B. vom 1. Mai 2026 an freiwillig zu arbeiten. Ohne negative Kosequenzen.
Hier ist ein kleines Video, in dem ich versuche, entscheidende wirtschaftliche Zusammenhänge von einer anderen Seite, von außen, zu beleuchten.
https://youtu.be/CZu40212Nxo
Dort findest du auch meine Email-Adresse.
Viele Grüße
Eberhard
Hallo Eberhard!
Ich hatte mir das Gedankenexperiment auch schon einmal überlegt: Was, wenn in einem Moment alle Geldflüsse unterbrochen werden und die Menschen trotzdem genau den selben Tätigkeiten nachgehen, die sie vorher als „Arbeit“ in der Regel für ein Unternehmen (oder als Selbstständige für Kunden) bereitgestellt hatten? Theoretisch könnte man auf den ersten Blick denken, das könnte funktionieren, Geld ist ja im Prinzip nur eine spezifische Art der Information die zirkuliert, und auch ohne die Information könnten die Lieferketten weiterlaufen.
Es gibt aber für mich mehrere Probleme mit diesem Gedankenexperiment:
1) Man müsste wirklich die überwältige Mehrheit vor dem „Systemwechsel“ überzeugen, ohne dabei vorher wirklich wichtige Erfahrungen bieten zu können.
2) Geld dient auch dazu, mögliche Veränderungen etwa bei den Bedürfnissen der Menschen, aber auch z.B. beim Klima zu erfassen und die wirtschaftliche Tätigkeit anzupassen (Allokation). In einer Commoning-Gesellschaft müsste es dafür einen Ersatz geben. Dafür gibt es viele Ideen (von Cybersyn im 1970er Chile und der basisdemokratischen Bedürfniserfassung bis zu Softwarelösungen wie des von Marcus Meindel vorgeschlagenen Global Commoning System (GCS), in Video hast du KI und Vernetzung vorgeschlagen) aber am „Stichtag“ müsste das System sofort funktionieren. Wie und wo macht man vorher einen Probebetrieb/Simulationen?
3) Verwandt mit 1) und 2): Für einen kompletten Systemwechsel von einem Tag auf den anderen brächten die Menschen Verlässlichkeit. Sie müssten darauf vertrauen können, dass alles wirklich funktioniert, dass kein Trittbrettfahrer-Effekt eintritt (Mentalitätswandel) oder Trittbrettfahrer sanktioniert werden (dann wäre es aber wieder ein Tauschsystem oder schlimmer), dass die Lieferketten weiter harmonieren, und dass das System flexibel genug an Veränderungen angepasst werden kann.
Ich sehe einen kompletten Systemwechsel auf einen Schlag daher als eher unwahrscheinlich an. Bei einem graduellen Modell hingegen können sich neue Mechanismen für diese drei Probleme (und andere) entwickeln und weiterentwickeln. Und wo für Sachzwänge zur Not ein Finanzierungsmechanismus bereitsteht.
Dass die Solawis derzeit zwar wachsen, aber zu langsam, um wirklich die negativen Auswirkungen des Kapitalismus aufzufangen stimmt. Das ist auch der Hauptgrund für die Gedanken, die in diesem Artikel anklingen. Wenn es eine Möglichkeit oder Idee gibt, Commoning wirklich populär zu machen und ein starkes Wachstum anzukurbeln, dann sollte diese mMn erforscht werden. Auch „hybride“ Transformationsmodelle, die noch Geld oder Tausch benötigen, aber diese langsam „abbauen“ können, da die Tendenz zu mehr Commons geht. Zusätzlich finde ich das Konzept der CSX-Regionen interessant, das hier auch vor kurzem vorgestellt wurde. In einer kleinen Region könnte auch ein komplett freiwilliger Umstieg etwas realistischer sein als ein Hybridmodell, wenn das Konzept schlüssig ist.
Ein weiterer interessanter Ansatz wäre es, sich besonders auf ein Problem zu konzentrieren, das bei der Lebensqualität der Menschen viel ausmacht, so gibt es in vielen Ländern heutzutage eine Wohnraumkrise. Optimalerweise sollte es ein Problem sein, bei dem die Lieferketten nicht allzu komplex sind, was beim Wohnraum wohl halbwegs zutrifft. Eine Weiterentwicklung von Modellen wie dem Mietshäuser Syndikat, vielleicht mit einem GCS-ähnlichen System zur besseren Koordination auch für den Neubau, könnte als Basis dienen.
Am wichtigsten ist vielleicht ein niederschwelliger Einstieg: Wenn man überall schnell ein Bedürfnis mitteilen kann, und sofort passende Projekte und Initiativen findet, dann fällt der Einstieg in die Commons-Welt vielleicht viel einfacher. Auch deshalb habe ich mich mit dem GCS-Konzept inzwischen näher befasst und versuche mich etwas einzubringen, wenn ich auch noch ganz am Anfang bin. Das Projekt ist offiziell pausiert, aber die bisher bereitgestellten Ressourcen könnte man eine Liste existierender Open-Source-Tools zusammenstellen, die die meisten Aufgaben eines solchen Systems übernehmen.
P.S.: Korrektur: ich meinte natürlich CSX-Regionen.
Lieber Daniel,
hat lange genug gedauert, bis ich endlich Zeit gefunden habe − Verzeihung dafür!
Vielen Dank erstmal für den Artikel. Ich finde es beeindruckend, was du für eine Übersicht über den aktuellen und auch etwas älteren Commons-Diskurs hast. Auch empfinde ich es so, dass wir dieselbe Sprache in Bezug auf Commoning sprechen und ich kann deine Gedanken (meist!) gut nachvollziehen.
Nur ein paar Anmerkungen von mir:
Ich mag die Idee der Commons-Finanzinstrumente wirklich gerne und glaube auch, dass es möglich ist, manches aus der Finanzwelt auf Commoning zu übersetzen. Es spricht ja auch wirklich nichts dagegen, ein Commons für Spekulation zu öffnen, wenn es eben kein vermehrtes Geld ist, dass zurückgegeben wird. Wie du es sagst, kann so Geld für den Ankauf von Produktionsmitteln erlangt werden, mit denen weitaus bessere Bedürfnisbefriedigung erreicht werden kann.
Das ist ein riesen Punkt, danke fürs Ansprechen. Wenn allerdings schon eine etwas bessere Infrastruktur besteht, könnte es auch Back-Up-Projekte geben: „Falls unser Projekt scheitern sollte, werden die offenen Leistungen auf unser Partnerprojekt übertragen.“ Wenn Projekte solche Beziehungen eingehen, ist das sicher nicht leicht zu regeln und mit einigem Aufwand verbunden, allerdings wären Investitionen eben attraktiver.
Aber dieser Aufwand ist eben auch noch ein eigenes Thema:
Dem stimme ich prinzipiell schon zu, aber in der Praxis eigentlich nicht. Marktvermittlung ist primitiv in der Hinsicht, dass sich ja alles auf Geld, auf diese eine in Zahlen fassbare Form bezieht. Und durch diese „primitive“ Vermittlung, kann eine enorme Komplexität entstehen. Das Eingehen auf Bedürfnisse, das Treffen von individuellen Absprachen und Regeln, hat schon bei der kleinsten Interaktion eine größere Bandbreite als der einfache Tausch. Die einzige Möglichkeit, die ich für komplexere Zusammenhänge sehe, sind die Etablierung und Durchsetzung von (Verfahrens-) Standards. Das erst Problem dabei ist, dass solche Standards die mögliche Bandbreite einschränken und das zweite, dass sie schwer etabliert/ durchgesetzt werden können − aber ohne sie glaub ich nicht dran.
Die Notwendigkeit von Standards kommt auch hier vor:
Das stimmt eben nur, wenn es Regeln / Nutzungsstandards gibt, wie mit aus Commoning-Produktionsvorgängen gewonnenen Ressourcen umgegangen werden darf. Das ist kein Widerspruch zu dem, was du gesagt hast, sondern nur eine Ergänzung.
Was ich nicht verstehe, ist folgendes:
Ich bin mir nicht sicher, was du damit konkret sagen willst: Sollen Unternehmer ihren Angestellten versprechen, sie werden kürzer arbeiten müssen / eine höhere Lebensqualität haben, wenn sie… unbezahlt arbeiten? Wie kann das eingehalten werden, wenn die Konkurrenz ja bestehen bleibt?
Da würde ich mich freuen, wenn du das nochmal erklärst.
Das wäre ja prinzipiell eine Antwort: Autarkie anstreben. Aber das ist natürlich nur in wenigen Szenarien eine realistische Möglichkeit.
Anderes Thema:
Wieder als Ergänzung, nicht als Widerspruch: Da braucht es auch wirklich Instanzen, die Forschung und Entwicklung voran treiben und diese müssen erst aufgebaut werden. Und es braucht wieder (meiner Meinung nach) zu etablierende Standards, damit solche Beiträge fair verteilt sind.
Alleine durch Commoning werden Erfahrungen nur in einem sehr begrenzten Raum aufgebaut (bei der entsprechenden Gruppe bzw. auch nur einzelnen Personen innerhalb der Gruppe). Wie wird diese Erfahrung real anderen zugänglich gemacht? Ohne die Forschung, die Publikationen und die Bekanntheit von Elinor Ostrom zum Beispiel hätte ich kaum Erfahrungswissen von anderen Commons-Initiativen.
Ich mag hier den klaren Umgang mit Personen, die nicht voll Leistungsfähig sind. In der Praxis habe ich die Erfahrung gemacht, dass Inklusion sehr schnell sehr hoch gesetzt wird, auch wenn es noch kein geeignetes Fundament dafür gibt. Ohne das jetzt auszuführen, hat das fast immer zu wirklichen Problemen geführt, an denen die Projekte dann auch scheitern können.
Aber zum Abschluss der Anmerkungen:
„Kipppunkt“ ist ein großes Wort, aber eine steigende Attraktivität für solche Methoden wäre sicher sehr wertvoll. Persönlich zahle ich mehr als die Hälfte meines Monatslohns als Miete und da helfen mir (und wohl vielen anderen) keine Commoning-Infrastruktur der Welt. Ist jetzt keine Kritik, ich will da nur sagen, dass es abgesehen von reinen Commoning-Ideen noch andere Methoden braucht (z.B. Handeln in einflussreicheren Parteien zur Senkung von Mieten bis hin zur Vergesellschaftung von Wohneigentum).
Ich glaube, da erzähl ich dir auch nichts Neues, aber mit Commons alleine lässt sich Transformation wohl nicht machen. Aber ohne eine Infrastruktur des Commonings, wird wirkliche Transformation auch nicht gelingen. Und als Commoner, die wir nun mal geworden sind, ist es wohl unsere Aufgabe solche Infrastruktur aufzubauen. Hoffentlich schaffen wir das und andere schaffen das andere!
Aber die Aufgabe Infrastruktur aufzubauen, ist alleine schon ziemlich krass…
Ganz liebe Grüße aus Graz!
Hallo Marcus,
danke dafür, dass du dir Zeit für den Kommentar genommen hast! Ich stimme in vielen Punkten mit dir überein, kommentiere trotzdem einige Abschnitte:
Das hört sich erst mal gut an. Ich denke, dass wenn sich ein solches System durchsetzen würde, irgendwann ein größerer Anteil der Finanzinstrumente von Commonsverbünden herausgegeben würden, weil das attraktivere Zusammenstellungen von Leistungen ermöglicht, bis hin zu einer Art Naturalien-Grundeinkommen. Der Verbund könnte dann einen Plan für ein Backup-Verfahren einrichten und festlegen, was mit den Ressourcen eines gescheiterten Projekts passiert.
Allerdings wäre es in einigen Fällen auch „sinnvoll“, so „grausam“ sich das anhört, wenn das Scheitern einzelner Projekte inklusive Verlust der Investitionen in Finanzinstrumente möglich bleibt. Gerade wenn das Konzept populär werden sollte, könnten einige Projekte sich mit der Planung und den Versprechungen übernehmen. Es wäre wichtig, dass ein Anreiz bestehen bleibt, die Planung ernstzunehmen, um zu verhindern, dass von einem fehlgeplanten Projekt ein ganzer Verbund oder eine ganze CSX-Region angesteckt wird. Einer der Gründe, warum ich die Struktur des Mietshäuser Syndikat so interessant finde: Wenn ein Hausprojekt keine solide Finanzierung erreicht, kann es mit allen Konsequenzen scheitern, aber das Syndikat selbst wird davon kaum beeinträchtigt.
Strategisch wichtige Projekte (z.B. letzte Bausteine einer unvollständigen Lieferkette) könnten trotzdem von anderen Projekten über ein Backup-Verfahren unterstützt werden, nur dann wäre es wichtig dass für das Scheitern ein „Plan B“ existiert.
Wichtiger Punkt. Ich sehe ebenfalls die Etablierung von Standards als essentiell an. Das sieht man ja auch in der Open-Source-Welt, wo ein Zusammenspiel sehr unterschiedlicher Software durch Standards enorm vereinfacht wird und Einzellösungen immer seltener werden. Oder diese eben versuchen, eigene Standards zu etablieren, was ja jederzeit möglich ist. Projekte wie Open Source Ecology versuchen das auch im „materiellen“ Bereich ansatzweise („Product Ecology“), kommen aber nur langsam voran.
Wenn die Standards flexibel genug sind, könnten die Einschränkungen der Bandbreite nur gering ausfallen. Stefan Meretz und Simon Sutterlütti habe ja hier auf Keimform 2023 einen Vergleich eines Commoning-Zusammenarbeitsstruktur mit dem Fediverse veröffentlicht, den ich treffend fand. In Kommunikationsprotokollen wie ActivityPub werden ja auch stetig Neuerungen in die neuen Versionen hereinverhandelt, die auf Bedürfnissen neuer (und alter, sich weiterentwickelnden) Projekte basieren.
Im Prinzip ist jedes Projekt ja frei, andere Projekte zu „beliefern“ und da auch eine Art Vertrag einzugehen. Solche Beziehungen würden sich z.B. in einem Commonsverbund oder einer CSX-Region herausbilden. Eine Standardisierung für solche Verträge wäre aber sinnvoll, um einen solchen Austausch auch unter zunächst „unbekannten“ Projekten zu ermöglichen.
Vielleicht spielst du aber auch auf die „kommerzielle“ Nutzung von Commoning-Ressourcen durch kapitalistische Unternehmen an? Gerade in einer unpersönlichen/transpersonalen Struktur wie einem GCS könnte sich ja auch ein solches Unternehmen als möglicher Kooperationspartner anbieten. Das ist tatsächlich ein schwieriges Thema. Es spielt auch in der südamerikanischen Diskussion um die „Economía Popular“ eine Rolle, z.B. wenn selbstorganisierte Genossenschaften indirekt den Kapitalismus unterstützen, weil sie beispielsweise günstig Vorprodukte herstellen. Das sieht dann vordergründig wie eine Win-Win-Situation aus, aber die Machtasymmetrien werden eher gefestigt.
Wird das Finanzprodukt-Modell für die Verrechnung von Ressourcen zwischen einem kapitalistischen und einem Commoning-Unternehmen verwendet, würde sich in einem solchen Fall meist eine eine tauschähnliche Beziehung herausbilden, die das Commoning-Projekt nicht schädigt. Aber sobald eine solidarische freie Verteilung auch komplexerer Ressourcen möglich ist wäre wohl vorübergehend ein Ausschluss von kapitalistischen Unternehmen denkbar (ähnlich wie bei CC-BY-NC). Ich glaube aber grundsätzlich, dass Commoning sich auch in einer solchen Konkurrenzsituation durchsetzen kann: immer dann, wenn letztendlich die Menschen mehr vom Commoning profitieren, als wenn sie weiter im Kapitalismus arbeiten. Und solche Einschränkungen möglicherweise weniger nötig werden als man sich heute vorstellen könnte.
Ich stelle mir das als ein mehrstufiges „Transformationsmodell“ vor. Ein Unternehmen, das sich in ein Commons umwandeln möchte (oder direkt als Commoningprojekt startet), wird oft zunächst auf einen Lohn für die Angestellten nicht verzichten können. Ein Teil kann aber graduell in Naturalien (eigenen Erzeugnissen) „ausgezahlt“ werden. Da spielen natürlich Kooperationen mit anderen solcher „Transformationsunternehmen“ eine große Rolle, um die Bandbreite der Produkte zu erhöhen, wie z.B. in einer CSX-Region. Und bei diesem Teil kann dann der individuelle Vorteil durch geringere Arbeitszeit bzw. einen besseren Zugang zu den Erzeugnissen durchgesetzt werden. Später kann dieser Anteil graduell erhöht werden, besonders wenn Grundbedürfnisse wie Wohnraum damit abgedeckt werden können.
Ja, eine teilweise Autarkie in Schlüsselbereichen, zumindest innerhalb des Kontexts einer CSX-Region oder eines Commonsverbunds, wäre sehr hilfreich für diese Anreizstruktur. Das Ziel könnte zunächst ein Selbstkostenpreis (bis hin zum „Materialkostenpreis“) sein, der erstmal nur Teilnehmenden gewährt wird.
Ideal wäre dieses Szenario am Anfang in Bereichen rund um Grundbedürfnisse, in denen ein recht hoher Arbeitsbedarf besteht, die Lieferketten relativ kurz sind, und andererseits sehr viele Menschen (also auch die „Angestellten“ selbst) von den Leistungen profitieren würden. Das Thema Wohnraum inklusive Bausektor ist wahrscheinlich eines der besten Beispiele, wenn auch hier (regional) das Problem hoher Grundstückpreise besteht, an dem Commoning zunächst wenig ausrichten kann. Man denke aber erst einmal z.B. an den enormen Wohnraumbedarf in ärmeren Ländern, den man durchaus mit einfacheren Produktionsstrukturen lindern kann. Aber auch in entwickelten Ländern könnten Gegenden, die von Landflucht betroffen sind und wo damit eher Leerstand als Mietexplosion herrschen, zu Wohnraum-Commoning-Hotspots werden.
Wenn ein Projekt durch Kooperation in einem Verbund/CSX-Region als Teil des „Lohns“ Wohnraum anbieten kann und die als „Arbeit“ geleistete „Miete“ statt immer teurer (im Vergleich zum allgemeinen Preisniveau) langsam „immer günstiger“ wird, weil immer weniger dafür gearbeitet werden muss, wäre das durchaus attraktiv, denke ich.
Es müsste sich eine Gewohnheit herausarbeiten, Erfahrungen wirklich zu teilen. Als erste Lösung könnte man sich eine Art Wiki oder soziales Netzwerk für Commoning vorstellen, in dem Ressourcen niederschwellig geteilt werden können. Zwar gibt es solche Strukturen, die sind aber fragmentiert und keine deckt wirklich umfänglich soviel ab, dass es als erste Anlaufstelle taugt (Beispiele: Wikifab, OSE, Farmhacks, Thingiverse, es gab ja auch mal das Wiki zu „Beitragen statt tauschen“ …), so dass man sich durch den „Commons-Wald“ z.B. über Studien und Bücher suchen muss um an solche Erfahrungen zu kommen. Auch hier wäre also ein „Standard“ sinnvoll, oder ein zentrales Projekt das viel zusammenführt, oder eine Art Suchmaschine, wenn es dezentral bleiben soll. Oder ein CommonsGPT. 🙂 Vielleicht wäre die Wikimedia Foundation für so einen zentralen Anlaufpunkt offen?
Ja, das ist ein Punkt mit dem ich noch etwas ringe. 🙂 Ich denke einerseits tatsächlich, dass eine Transformation „nur mit Commoning“ möglich wäre. Dass eine staatliche Unterstützung dabei sehr hilfreich sein kann, ist aber selbst für mich als jemandem, der mit dem Anarchismus sympathisiert nicht abstreitbar. Nur sehe ich zum Teil die Gefahr von Fehlanreizen. Die Vergesellschaftung von Wohnraum in ihrer traditionellen Form, also als „Verstaatlichung“ von Wohneigentum um günstige Mieten zu sichern, würde das Problem bei Wohnraumknappheit nur dann lösen, wenn gleichzeitig ebenfalls massiv staatliche Ressourcen in die Bauwirtschaft gesteckt werden. Sonst senkt sie die Bereitstellung von Wohnraum durch den Privatsektor womöglich sogar und das Problem verschlimmert sich.
Außerdem gibt es bei zu starken staatlichen Eingriffen die Gefahr eines Backlashs. In der derzeitigen Situation mit einem Rechtsruck in vielen Ländern (nicht nur in Europa), bei dem bei jedem Ansatz von Vergesellschaftung gleich „DDR!“ gerufen wird, könnte es fast einfacher sein, eine Transformation ohne Staat durchzusetzen. Lokal sehe ich allerdings Chancen für punktuelle und vielleicht entscheidende Unterstützung der Transformation. Wenn sich z.B. mehrere links regierte Städte oder Regionen zusammenschließen und gezielt Commons-Leuchtturmprojekte unterstützen (etwas so wie es Silke Helfrich im „GrundausCommons“ angedacht hatte), könnten viele Projekte realistischer werden. Ist die kommunistische Regierung in Graz eigentlich für Commoning offen?
Einige Ursachen des Wohnraumproblems, wie die Landflucht durch den Zuzug in kulturell und wirtschaftlich attraktive Großstädte, könnten vielleicht mit kreativen Lösungen gelindert werden, die für Commons zugänglicher sind, z.B. Ausbildungsmöglichkeiten (eine Art Commons-Universitäten?) und gezielter Aufbau von Kultur-Hotspots in Kleinstädten, die dadurch wieder attraktiver werden. Bei weiterem Fortschritt dann Commoning-Aktivitäten die den Lebensunterhalt zumindest zum Teil sichern als Alternative zur Arbeit, ansatzweise sichtbar in Ökodörfern wie Sieben Linden.
Zum Wort Kipppunkt, das ist natürlich absichtlich verwendet, um eine positiv-optimistische Stimmung im Artikel zu unterstreichen 🙂
Und da halte ich tatsächlich eine Software-Plattform wie das von dir angedachte GCS für potenziell sehr hilfreich, wenn verschiedene Anstrengungen über Software koordiniert werden können. Gerade das Niederschwellige daran interessiert mich: ich installiere mir eine App und schaue, wo ich in meiner Region mit etwas aufbauen kann.
Herzliche Grüße!
Hallo Daniel,
lieben Dank für deine ausführliche Antwort!
Ein Highlight war ja wirklich die DIN SPEC 3105. Wenn es vermutlich auch wenig Resonanz dazu gab (Quelle: youtube-Klickzahlen), ist zumindest der Ansatz extrem inspirierend: https://youtu.be/pjKwLksxEwo?si=TuyYvyW6NHk6LrPm
Stimmt und das ist faszinierend. Ich lieb‘ das Fediverse, finde großartig, was da passiert und war auch eine kurze Zeit lang hier im lokalen Grazer Knoten aktiv.
Phänome der informationstechnischen Sphäre auf außerhalb davon zu übertragen, finde ich trotzdem immer ein wenig schwierig. Wenn sich auch außerhalb der Informationstechnik Standards zum Informationsaustausch noch vergleichsweise gut denken lassen, fällt es mir schwer, mir Standards zum Umgang mit körperlichen Aufwänden und materiellen Ressourcen vorzustellen. Die lokalen Besonderheiten unterscheiden sich einfach enorm; angefangen von der lokalen Gesetzgebung über die spezifische Form der innerhalb kapitalistischer Bedingungen aufgebauten Commons (sowie ihre Beziehungen zueinander) bis zur Erfahrung und Lebensrealität der darauf bezogenen Akteure.
Das heißt aber natürlich nicht, dass es nicht möglich ist, solche Standards zu etablieren. Auch das Mietshäusersyndikat (falls es denn das Erste seiner Art war), hat ja einen quasi-Standard geschaffen, der in Österreich etwa im habiTAT weitgehend übernommen wurde. Die Frage ist wohl, wie allgemein Standards im nicht-informationstechnischen Commoning ausfallen und wie Prozesse der Standardisierung gefördert werden können.
Ich weiss nicht, ob ich da zu verkopft bin, aber ich würde mich gern nochmal erklären. Einfach weil ich das selbst nicht ernst genommen habe, als ich damals den „Ausdehnungsdrang moderner Commons“ geschrieben habe (der ja auf einem recht abstrakten Niveau war). In dem Text bzw. der dort entworfenen „Strukturformel“ bin ich mit der harten Vereinfachung umgegangen, dass jede Ressource, die aus einem Commoning-Prozess hervorgeht, selbst zum Commons wird. In der Überarbeitung des Essays habe ich das relativiert, aber der Gedanke selbst bleibt bestehen und auf dieser abstrakten Ebene ist das vielleicht auch voll okay, so zu denken. Aber allgemein richtig wird er dadurch nicht.
Das ist jetzt hardcore kleinkariert, aber ich meine mittlerweile, dass sich die beiden exemplarisch ausgewählten Aussagen von dir widersprechen:
Die erste Aussage impliziert, dass durch Commoning Commons entstehen, welche Commoning-Prozesse selbst wiederrum erleichtern. Die zweite Aussage beinhaltet, dass (Commoning-) Projekte frei entscheiden können, an wen sie ihre Produkte geben und damit auch, welche (ökonomischen) Beziehungen sie eingehen und welche nicht.
Nimmt man jetzt allerdings ernst, dass durch Commoning „von selbst“ Commons entstehen, dann könnten Commoning-Projekte nicht frei entscheiden, was sie mit ihren Produkten machen. Willkürliche Entscheidungen können nur über Eigentum getroffen werden, nicht über Commons, denn hier gibt es definitorisch auch noch andere Akteur:innen, die über die Nutzung mitentscheiden. Commonsgemäße, komplexe Produktionsprozesse lassen sich daher weder denken wie Marktbeziehungen noch wie eine sozialistische Planwirtschaft. Da ist so viel Chaos, aber auch – und das ist ja das Faszinierende daran – so viel Potenzial, dass die Strukturen lebendig werden und sich immer neu den Bedürfnissen der Beteiligten anpassen müssen und können.
An der Stelle kurz: Was mich mal sehr glücklich gemacht hat, war das Kennenlernen der Munus-Stiftung, denn sie geben zumindest eine gute Antwort darauf, wie sich ein guter Rahmen für Commoning schaffen lässt: An die Munus-Stiftung können Ressourcen verschenkt oder vererbt werden. Anschließend bewerben sich dort Initiativen, welche die Ressourcen nutzen wollen. Der Aufsichtsrat der Stiftung entscheidet, welche Initiative die Stiftungsziele am deutlichsten verfolgt und vergibt dann die Ressource (konkret dort meist das Ernteland) für einen bestimmten Zeitraum an diese Initiative. Die Bedingung dafür ist allerdings, dass eine Person dieser Initiative selbst dem Aufsichtsrat der Stiftung beitritt und somit an zukünftigen Entscheidungen, an wen welche Ressourcen vergeben werden, mit beteiligt ist.
Das konnte ich mir erstmal schwer vorstellen und dann habe ich vorgestern über Zufall den Podcast von David Bollier mit Gustavo Salas von Cecosesola angehört. Und long story short, ist was du beschreibst ja ziemlich genau das, was dort in Venezuela passiert ist. Mag auch mit spezifischen Bedingungen zu tun haben usw. usf., aber hauptsächlich ist es wohl wirklich die Erfahrung und das Commitment der dortigen Commoner. Und, wie Gustavo Salas es zumindest immer wieder deutlich macht, das Commitent zu lernen und sich stetig weiterzuentwickeln. Also ja, es fühlt sich für mich hier mitten in Österreich irgendwie ganz schwer an, aber undenkbar ist diese Transformation eines Unternehmens zum Commons jedenfalls nicht.
Ja, irgendwas braucht man… aber es ist halt – ganz wie du es beschreibst -, so ein Chaos und wirklich schwer da Ordnung reinzubekommen (alter Hut, aber immer noch gutes xkcd). Ganz bewusst auf der Arbeit anderer aufzubauen bzw. sich ganz bewusst einzubringen statt etwas Neues zu entwerfen, ist das wohl wahrere Commoner-Dasein. Auch, wenn das mit ganz eigenen Hürden verbunden ist und dem eigenen Ego weniger schmeichelt. Wenn es die Möglichkeit gibt, also konkret lieber Software-Entwicklungen im P2P-Wiki sammeln, statt eine eigene Website dafür aufzubauen.
Das CommonsGPT wäre vielleicht aber echt ideal! Eine Suchmaschine aber irgendwie bodenständiger und auch nicht verkehrt Silke ihrerseits hat ja mit dem Fedi-Wiki experimentiert, allerdings habe ich das noch nie außerhalb ihrer eigenen Website im Einsatz gesehen
Da ringe ich mit dir mit und kann deinen Gedanken nur zustimmen.
Gute Frage und ich versuche das mehr oder weniger aktiv herauszufinden. Mein Gefühl ist: in Teilen der Basis auf jeden Fall – auf Ebene der Funktionäre, I don’t know. Also eher so no. Aber ich wills ihnen gar nicht so übel nehmen, weil sie halt wirklich hart versuchen, eine Partei für die Interessen der Arbeiter:innen zu sein und da mit Mieter:innen-Notruf, Sozialsprechstunden, etc. wirklich nah an den Bürger:innen sind. Commons gehören – so nehm ich das wahr -, zu den abstrakten Diskussionen, von denen sie sich explizit abgewendet haben, um eine „nützliche Partei“ zu werden. Damit geht dann leider wieder eine Menge Realpolitik einher und ich persönlich kann die Vision einer anderen Gesellschaft im KPÖ-Kontext nicht wirklich spüren. Und weil eine solche fehlt, steht sie immer auch mit einem Fuß in der Vergangenheit und das empfinde ich als durchaus problematisch. Meine Digitalisierungs-AG fürs Kommunalprogramm fand die Idee von Commons-Public-Partnerschaften allerdings großartig und ich bin gespannt, ob es das schließlich auch ins Programmheft schafft.
Ah, aber bei der Regierungsübernahme in Graz haben sie die Entstehung von weitgehend selbstorganisierten Nachbarschaftszentren sehr gut voran getrieben. Das kann man schon so ein bisschen als Commoning-Förderung verstehen
Vielen Dank. Auch wenn das Projekt gerade tot ist, glaube ich schon auch noch, dass die Vision davon wertvoll ist. Auch einfach als Einstiegshilfe und um unabhängiger von zufälligen persönlichen Kontakten zu werden. Freut mich voll, dass du was damit anfangen kannst.
Ganz liebe Grüße soweit!
Lieber Marcus, sorry für die lange Verzögerung!
Du erwähntest ja das Mietshäuser-Syndikat, und in der Tat denke ich einfach, dass erfolgreiche Beispiele von konkreten Beziehungen und Organisationsformen irgendwann in formellere „Normen“ gegossen werden können, nach denen sich dann neue Organisationen richten könnten. Zwar stimmt es, dass lokale gesetzliche Regelungen, aber auch Traditionen voneinander abweichen können. Viele Prinzipien, wie die Gesellschaft mit beschränkter Haftung als Basis des Mietshäuser Syndikats, sind aber fast weltweit verbreitet. Lizenzen wie Creative Commons an viele lokale Gesetze anzupassen war auch aufwändig, hat aber letztendlich geklappt. Ich bleibe also Optimist 🙂
Ich habe mir gerade noch mal überlegt, ob zwischen den zwei Aussagen ein Widerspruch besteht. Ich zitiere diese noch kurz mal und deinen Kommentar dazu:
Ich habe hier den Begriff Commoning allgemeiner gefasst, so dass auch das heutige „real existierende“ CSX darin Platz findet, selbst wenn es eigentlich noch eine Vorstufe zum „reinen“ Commoning ist (das aber dann eher als Utopie definiert werden müsste, zumindest im stofflichen Bereich).
Für die oben erwähnte „erweiterte“ Definition wäre es meiner Meinung nach entscheidend, dass überhaupt Commons entstehen, nicht dass alle Ressourcen automatisch zu Commons werden. Ich würde es so definieren: dass sich gemeinschaftlich außerhalb der Marktform nutzbare Ressourcen (= Commons) durch den Prozess vermehren oder zumindest vorhandene Commons gepflegt werden, also eine Privatisierung verhindert wird. Das können bei Open Hardware die Wissensressourcen (vom Bauplan bis zum Prototypen) sein, bei Solawis eher die Infrastruktur, die für einen gemeinschaftsgetragenen Produktions-Prozess zugänglich wird und zumindest dem „reinen“ Marktmodell entzogen wird. Eine Kombination Open Hardware + CSX wäre damit meiner Meinung nach der nächste wichtige Schritt (etwa eine Solawi, die mit OSE- oder FarmHacks-Ressourcen arbeitet und diese dabei weiterentwickelt).
In solchen Prozessen kann Eigentum entstehen, solange das noch notwendig ist. Solawis verkaufen zum Teil durchaus noch Produkte an „Nichtmitglieder“ und gelangen dadurch an finanzielle Ressourcen, die sie auch für den Aufbau von Technologieressourcen nutzen können.
Deshalb würde ich wie auch im Text gesagt in der Transformationsphase (nicht in der endgültigen Utopie) eine CSX-ähnliche Hybridform erwarten, in der durchaus noch etwas herkömmlichere Strukturen bestehen, bei denen also Projekte auch durch Verträge und in einigen Fällen auch Geldflüsse miteinander in Verbindung stehen können, die aber nach Möglichkeit schon auf Geld verzichten und stattdessen Bedürfnisse abgleichen und etwa z.B. Mindest-Liefermengen festlegen. Dadurch wird das „abstrakte“ Geld mit seiner inhärent problematischen Tauschlogik, die z.B. zum Wachstumszwang führt, langsam verdrängt.
(Am Rande: Das Thema „was ist eigentlich Commoning wirklich?“ ist schon spannend. Ich habe vor kurzem in der Kommening-Mailingliste eine interessante Diskussion gelesen, die zwischen den Konzepten CSX und Commoning zu differenzieren versucht hat. Dort wurde dann Commoning tatsächlich eher als die „utopische“ Vorstellung beschrieben, dass Projekte und Prozesse bereits miteinander verflochten sind und kein Geld mehr notwendig ist. Aber wäre das nicht dann schon eher „Commonismus“? Traditionelles Commoning bzw. Allmende, wie es Ostrom untersuchte, scheint ja auch eher dem heutigen CSX nahe zu stehen, denn auch dort werden z.B. Fischgründe oder Weiden geteilt und Erzeugnisse wie Fische oder Fleisch danach teilweise verkauft, also auch wieder in Eigentum umgewandelt.)
Danke für den Hinweis auf die Munus-Stiftung. Sieht tatsächlich nach einem weiteren interessanten Beispiel für einen möglichen „Standard“ aus. Cecosesola ist auch ein tolles Projekt, das ich gerne noch näher untersuchen möchte. Gerade das mit dem Naturalien-Lohn wusste ich z.B. noch nicht, es überrascht mich aber auch nicht. In Argentinien gibt es zaghaft ähnliche Ansätze, die aber viel kleiner sind.
Kurz zu den Plattformen/Wikis: Das der P2P Foundation hat mich irgendwie immer etwas abgeschreckt, auch wenn das tatsächlich einer „zentralen Anlaufstelle“ zur Zeit am nächsten kommt. Kann man aber sicher verbessern.
Liebe Grüße und noch mal Danke für den Kommentar!