Autor: Jonna Klick

Massimo de Angelis‘ „Omnia Sunt Communia“ – Eine Grundlegung der Commons

Auf der Suche nach Commons-Theoretiker*innen, die Commons im Zusammenhang mit sozialen Kämpfen diskutieren, stieß ich durch eine Empfehlung von Friederike auf Massimo De Angelis und sein Buch „Omnia Sunt Communia: On the Commons and the Transformation to Postcapitalism“ (die Erstausgabe erschien noch mit dem Untertitel „Principles for the Transition to Postcapitalism“). Annette hat es relativ zeitgleich mit mir auch gelesen und bereits eine ausführliche Besprechung in mehreren Teilen auf ihrem Blog veröffentlicht. Es ist schade, dass es bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, denn das Buch bietet eine umfangreiche theoretische Bestimmung des Commons-Begriffs, die aus einer systemtheoretischen Perspektive stets auch das (kapitalistische) Umfeld heutiger Commons in den Blick nimmt sowie Commons im Kontext von Klassenkämpfen und sozialen Bewegungen diskutiert und damit einige interessante Anregungen für Transformationsstrategien liefert. Was leider zu kurz kommt, ist eine grundsätzlichere Kritik an Markt und Tauschlogik, deren Fehlen gemeinsam mit dem leider noch immer sehr üblichen Vermeiden utopischen Denkens dazu führt, dass De Angelis einigen Potentialen des Commonings, trotz sonstiger theoretischer Schärfe, nicht ganz gerecht wird. Dennoch lässt sich „Omnia Sunt Communia“ dank der oben genannten Punkte als eine Art „Grundlegung“ der Commons aus einer antikapitalistischen Perspektive bezeichnen.

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Commoning in der ZAD Rheinland

Vom 2.-22. August fand im rheinischen Braunkohlerevier, in den vom Tagebau Garzweiler II bedrohten Dörfer, das Festival „Kultur ohne Kohle“ statt, bei dem der Widerstand gegen die kapitalistische Zerstörung gefeiert, aber in zahlreichen Workshops und Podien auch viel inhaltlich diskutiert wurde: über die Klimakrise, über Kritik an Kapitalismus, Patriarchat und weißer Vorherrschaft, über Utopie und Transformation. In der aktuellen Folge des VLOGs vom Baumhausdorf Unser Aller Wald gibt es einen sehr schönen Einblick in das Commoning, also den Prozess der Selbstorganisation, der das Festival ermöglicht hat, in dem Menschen nach Bedürfnissen und Fähigkeiten aktiv geworden sind:

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„Perspektiven anarchistischer und marxistischer Staatskritik“ nachhören und -sehen

Nach den Aufnahmen von unserer Tagung zu antiautoritärem Kommunismus sind nun auch endlich die Aufnahmen der – früheren – Tagung zu Staatskritik vom April online. Ihr könnt sie euch hier ansehen und -hören. Leider gibt es nicht von allen Beiträgen Aufnahmen, aber wer z.B. nochmal in Hanna Poddigs Buchvorstellung von „From Democracy to Freedom“ reingucken will, kann das auch hier machen und von Ernst Lohoffs Vortrag zu „Staat und Politik in Zeiten von Corona“ gibt es bei Emma&Fritz eine Aufnahme. Viel Spaß!

Klimagerechtigkeit wird nicht in den Parlamenten gemacht – Warum Camp-Klos putzen mehr verändern kann als Wahlkampf

Für den Debattenblog der iL (interventionistische Linke) haben Indigo und ich einen Text geschrieben, in dem wir gegen die Parlamentarisierung der Klimabewegung und für grundlegende gesellschaftliche Veränderung von unten argumentieren:

Bäume sind gefallen im Dannenröder Wald. Sie fallen noch immer. Sie hinterlassen eine Schneise und bei vielen eine tiefe Ratlosigkeit, fast so leer wie der karge, zerwühlte Waldboden. Manche sind tief enttäuscht von den Grünen, die in Hessen regieren, manche hatten es nicht anders erwartet. Und immer wieder schleicht sich die Frage ins Bewusstsein: Wenn wir nicht einmal diesen Wald retten konnten, wie sollen wir dann die Klimakrise aufhalten? Wie sollen wir damit umgehen, dass wir Kipppunkten nicht mehr bloß gefährlich nah kommen, sondern sie bereits überschreiten? Dieser Zeitdruck und diese Ratlosigkeit waren bei vielen auch schon da, bevor der Danni geräumt wurde. Einige Klimaaktivist*innen reagierten darauf mit dem Entschluss, in die Parlamente zu gehen – über eben jene Partei, die in Hessen die Rodung des Dannenröder Waldes mit verantwortet. Auch jetzt halten sie daran fest, vielleicht weil sie glauben, dass sie die Grünen verändern können oder weil ja eigentlich die Bundesebene für den Bau der A49 verantwortlich ist – und dort wird dieses Jahr gewählt. Sollten wir also aus dem Danni die Lehre ziehen, dass wir andere, engagiertere, radikalere Politiker*innen brauchen?

Nein, aus dem Danni lässt sich eine Lehre ziehen, die viel tiefgehender ist: Klimagerechtigkeit wird nicht in den Parlamenten gemacht!

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Kritische Psychologie und Psychoanalyse

Einige Autor*innen hier bei Keimform beziehen sich ja immer mal wieder auf die Kritische Psychologie nach Klaus Holzkamp, Ute Osterkamp u.a.
Die ist leider gar nicht so weit verbreitet und gerade im unorthodox/anti-autoritär marxistischen Spektrum, dem man uns auch zuordnen könnte, beziehen sich viele, wenn es um Psychologie geht, eher auf die Freudsche Psychoanalyse – im Anschluss an die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, die versucht hat, diese mit dem Marxismus zusammenzudenken. Warum beziehen sich einige von uns hier also auf die Kritische Psychologie, auch wenn diese doch eher im Traditionsmarxismus entstanden ist? Ich würde sagen, weil keine andere psychologische Denkschule so konsequent die gesellschaftliche Natur des Menschen in den Mittelpunkt stellt. Damit liefert sie Analysewerkzeuge, die nicht nur den Zusammenhang von individuellem Leiden und gesellschaftlichen Bedingungen erfassen können, sondern die auch eine Befreiung von Kapitalismus und Herrschaft denkbar machen. Und das ist ja das, was wir hier versuchen.

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Diskussionsstand der Buchprojektgruppe zur commonistischen Transformation

Seit ungefähr einem halben Jahr denken Simon, Stefan, Jan, Indigo, Alice und ich an einem neuen Buchprojekt zu Transformation herum. Jetzt haben wir einen Text geschrieben, der unseren bisherigen Diskussionsstand zusammenfasst, um die inhaltliche Debatte weiter zu öffnen:

Im Buch Kapitalismus aufheben1 haben Simon und Stefan einige grundlegende Gedanken zu Utopie und Transformation dargestellt. Gerade bei der Transformation sind einige Fragen offen geblieben, weshalb wir mit einem neuen Buch daran anknüpfen und insbesondere auch die Verbindungen zu Eigentumsfragen und zu sozialen Kämpfen berücksichtigen wollen. Dieser Text bildet den Diskussionsstand unserer Buchprojektgruppe von September 2020 ab, der sich bei einem einwöchigen Treffen herausbildete, dem mehrere Online-Diskussionen vorangegangen waren.

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You can’t vote for communism

Originally published on Fightback.org.nz, a trans-Tasman socialist media project operating in Aotearoa/New Zealand and Australia.

Over the last couple of years, we have seen leftist activists throwing themselves into electoral movements – Syriza in Greece, Podemos in Spain, and more recently the movement for Jeremy Corbyn in the UK and for Bernie Sanders in the US1. To some extent, enthusiasm about these popular campaigns is certainly understandable after decades of only defensive or unsuccessful left wing struggles which were not able to achieve structural change. However, there is also a lot of confusion about what to actually expect from an electoral strategy, since these movements often talk the language of radical change (e.g. Sander’s “political revolution”) and socialism, but in fact only have a social democratic program for regulating capitalism. I would argue that for radical leftists, it makes sense to figure out where we actually want to get – let’s call it communism – in order to figure out how to get there and what our practice should look like. (Spoiler alert: electoralism is not such a practice.)

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Queer zu Markt und Staat – Commons als Befreiungsperspektive

Im August ist eine neue Ausgabe der Queerulant_in, einer Zeitschrift für queere Politiken und Praxen, mit dem Schwerpunkt „Queere Utopien / Das schöne Leben“ erschienen. Ich habe dazu einen Artikel zu queerer Kapitalismuskritik und Commons beigesteuert, den ich vor über einem Jahr dafür geschrieben habe. Heute würde ich einige Sachen vielleicht anders schreiben – z.B. mehr auf die gesamtgesellschaftliche Utopie (denn das kommt in der Zeitschrift trotz des Schwerpunkt-Titels leider etwas zu kurz) und auf soziale Kämpfe eingehen. Aber als niedrigschwellige Einleitung zum Thema Commons und Kapitalismuskritik aus queerer Perspektive taugt es vielleicht. Die Queerulant_in ist übrigens sebst auch ein Commons, denn sie wird nicht nur von einem Kollektiv herausgegeben, sondern auch kostenlos vertrieben, sowohl online als PDF, an den verschiedenen Auslageorten als auch im Abonnement – dank Spenden und Fördergeldern.

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„Let’s talk about system change!“ – Online-Seminare zu Kritik, Utopie und Transformation

Einige Leute, die auch hier bei Keimform schreiben, haben zusammen mit weiteren Menschen aus der Klimagerechtigkeitsbewegung Online-Seminare zum Thema System Change konzipiert, denn angesichts der Klimakatastrophe finden wir die Suche nach emanzipatorischen gesellschaftlichen Alternativen zu Kapitalismus dringender denn je.

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Aufstand und Konstruktion

Plakat von Crimethinc

Seit der Schwarze US-Amerikaner George Floyd am 25. Mai in Minneapolis vom Polizisten Derek Chauvin und seinen Kollegen umgebracht wurde, tobt in den USA ein Aufstand von einem Ausmaß, das es seit Jahrzehnten, seit der Ermordung Martin Luther Kings nicht mehr gegeben hat. Es gibt sowohl Demonstrationen als auch militante Auseinandersetzungen mit der Polizei und Plünderungen. Der Rückhalt, den diese Aktionen in der US-Bevölkerung haben, ist erstaunlich. So gaben bei einer repräsentativen Umfrage 54% der Befragten an, dass sie das Anzünden der Polizeiwache in Minneapolis gerechtfertigt finden (Quelle). Während Trump wenig überraschend eine harte Linie fährt, hat der Stadtrat von Minneapolis beschlossen, seine Polizeibehörde aufzulösen – die Bewegung zeigt also schon deutliche Erfolge. Auch in Deutschland gab es am vergangenen Wochenende Massenproteste in Solidarität mit der „Black Lives Matter“-Bewegung, die auch rassistische Polizeigewalt hierzulande thematisierten.

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