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Die Gesellschaft nach dem Geld (1)

Streifzuege 78[Kolumne Immaterial World in der Wiener Zeitschrift Streifzüge]

Das ganze wissenschaftliche Denken ist von Ware und Geld besetzt. Das ganze Denken? Nein, ein kleines gallisches Dorf …, ähm, ein kleines wissenschaftliches Forschungsprojekt erforscht eine Gesellschaft nach dem Geld (GndG). Und damit eine Gesellschaft jenseits von Ware, Tausch, Markt und Staat obendrein. Gefördert von der Volkswagenstiftung. Verrückte Dinge geschehen in schier unverrückbaren Zeiten. Doch der Reihe nach. In zwei Kolumnen möchte ich über die Grundlagen und die Umsetzung des GndG-Projekts berichten, in dem ich mitarbeite. Zunächst also zur Entstehung und den theoretischen Grundlagen.

Das Programm „Originalitätsverdacht“ der Volkswagenstiftung (die unabhängig vom VW-Konzern ist) lud ein, Anträge zu Themen zu stellen, die nach gängigen Kriterien keine Chance auf Förderung hätten. So taten sich Wissenschaftler*innen von drei Unis und dem Commons-Institut zusammen und stellten einen Antrag für ein Kurzprojekt „Die Gesellschaft nach dem Geld“. Der Antrag kam durch, und die „Eröffnung eines Dialogs“, wie diese erste Phase betitelt ist, gelang. Die Ergebnisbände „Postmonetär denken“ bzw. „The Society after Money“ dokumentieren die Reflexion über postmonetäre Praktiken, Theorien und Utopien.

Die zweite Phase, die nach erneuter erfolgreicher Antragstellung ebenfalls von der Volkswagenstiftung gefördert wird, erstreckt sich über vier Jahre. Aktuell ist ein Drittel der Förderzeit absolviert. Es geht um die Entwicklung einer postmonetären Gesellschaft als Computer-Simulation. Das gibt es bisher noch nicht. Allerdings gab es mit der Socialist Calculation Debate der 1920/30er Jahre einen Vorläuferdiskurs, in dem ähnlich „große Fragen“ diskutiert wurden und der mit dem „Computersozialismus“ (Cockshot/Cottrell u.a.) aktuell Anschlüsse gefunden hat. Allerdings gehen die Intentionen unseres Simulationsprojekts viel weiter.

Im Unterschied zu liberalen und sozialistischen Modellen – da gibt es große Ähnlichkeiten – verzichtet das GndG-Projekt auf vier sonst übliche Setzungen.

(1) Tausch ist die natürliche Beziehungsweise von Menschen. Diese Annahme verewigt nicht nur historisch gewordene besondere Sozialbeziehungen, sondern mündet notwendig in die Seligsprechung der verallgemeinerten Formen des Äquivalententausches (Tausch gleicher Werte bzw. Herstellaufwände), des Marktes (Tausch als gesellschaftlich bestimmende Form von Sozialbeziehungen) und des Geldes (Geld als allgemeine, sich gegen alle Waren tauschende Ware).

(2) Bedürfnisbefriedigung wird vorwiegend durch Konsum realisiert. Diese Annahme sowie die Ansicht, dass Arbeit eher mit Plage und zu vermeidender Mühsal verbunden ist, spiegelt tatsächliche Knechtschaftsverhältnisse im Kapitalismus wider. Es zeigt den Fetischismus, dem wir unterliegen: Die sachlich-re/produktive Seite des „Reiches der Notwendigkeit“ hat sich gesellschaftlich unserer Verfügung entzogen und zeigt sich nurmehr als verselbstständigtes Hamsterradgesetz der Konkurrenz, während wir uns nur außerhalb der Arbeit im „Reich der Freiheit“ als Konsumwesen verwirklichen können. Wissenschaftlich tritt uns diese Annahme als Figur des homo oeconomicus, des isolierten nutzenmaximierenden Individuums, entgegen.

(3) Gesellschaften gründen auf dem Gegeneinander von Interessen. Diese Annahme wurde von Adam Smith dahingehend gewendet, dass, über den Markt vermittelt, das bornierte Verfolgen eigener Interessen im Ergebnis zu maximaler Wohlfahrt für alle führe. Allerdings brauche es dann, so Thomas Hobbes, einen „Leviathan“ (Staat), der regulierend Rahmenbedingungen setze und Konflikte vermittle.

(4) Eigentum sichert Produktion und Verteilung. Hier unterscheiden sich liberale und sozialistische Sichtweisen dann doch. Während das Privateigentum in liberaler Sicht entscheidender Anreiz für wirtschaftliche Aktivität sei, weil andere – staatlich sanktioniert – von der Nutzung von Produktionsmitteln und den Ergebnissen der Produktion ausgeschlossen werden könnten, ermögliche das Staatseigentum in sozialistischer Sicht eine zentrale Regulation oder gar Planung der Wirtschaft, um auf diese Weise negative Effekte eines freien Marktes auszugleichen. Arbeitszwang und Exlusionslogik wohnen jedoch beiden Ansätzen inne, in der sozialistischen Variante jedoch in abgeschwächter Form.

Wir nehmen hingegen an:

(1) Die individuelle Kopplung von Geben und Nehmen als „Tausch“ ist keine natürliche Vermittlungsform von gesellschaftlichen Beiträgen und Entnahmen: Beiträge und Entnahmen erfolgen freiwillig und bedürfnisbasiert.

(2) Bedürfnisbefriedigung entsteht nicht allein durch Nutzung von Befriedigungsmitteln, sondern ebenso durch Schaffung derselben: Menschen besitzen beitragsbezogene produktive wie nutzenbezogene sinnlich-vitale Bedürfnisse, die aneinander gekoppelt sind.

(3) Es braucht keine von der gesellschaftlichen Vermittlung von Beiträgen und Entnahmen getrennte Instanz der Regulation: Bedürfnisunterschiede nehmen keine Interessenform an, die im Gegeneinander politisch durchgekämpft werden müssen, sondern sie werden als solche, als Bedürfniskonflikte, verhandelt – und zwar als eingebetteter Bestandteil der gesellschaftlichen Vermittlung zwischen Herstellung und Nutzung.

(4) Es gibt kein exkludierendes und rechtlich durchgesetztes Eigentum mehr: Die Verfügung über die Produktion und ihre Ergebnisse erfolgt kollektiv durch die tätigen Menschen. Diese kollektive Verfügung ist vergleichbar mit der heute rechtlichen Form des Besitzes.

Im Buch „Kapitalismus aufheben“ haben zwei Projektmitglieder wesentliche Grundlagen für das Projekt entwickelt. Sie konnten theoretisch zeigen, dass Freiwilligkeit (1) und kollektive Verfügung (4) eine gesellschaftliche Struktur der Inklusionsnahelegung erzeugen. Diese unterscheidet sich fundamental von der kapitalistischen Exklusionslogik. Die Annahme der produktiven Bedürfnisse (2) gewannen wir aus der Kritischen Psychologie, und die Kritik der Interessen- und Staatsform (3) ist wertkritischen Analysen zu verdanken.

Doch sind diese theoretischen Überlegungen zutreffend? Wie lassen sie sich empirisch prüfen, fehlt doch für eine Simulation eine existierende Vergleichsgesellschaft? Das agentenbasierte Simulationsmodell und unser Forschungsplan sind Inhalte der Kolumne in der nächsten Ausgabe der Streifzüge. Stay tuned!

Kategorien: Commons, Eigentumsfragen, Theorie

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27. April 2020, 06:12 Uhr   26 Kommentare

1 Benni Bärmann (30.04.2020, 22:15 Uhr)

Ich finde Du verwendest hier den Begriff „Sozialismus“ einengend auf Staatssozialismus. Guck Dir mal die Wikipedia-Seite an was da für ein breites Spektrum an Ansichten drunter fällt. Für mich ist euer „commonismus“ immer noch eine Unterart des Sozialismus.

Ich finde das auch nicht nur vom Begriff her falsch sondern auch politisch, weil es falsche Linien zieht.

2 Stefan Meretz (03.05.2020, 20:10 Uhr)

Ja, ich verwende den Begriff einengend oder vereindeutigend, denn: „Es gibt keine eindeutige Definition des Begriffs“ (Wikipedia). Für mich ist der Staatssozialismus die konsequente Variante des Sozialismus, weil sie die Regulation über den Markt nicht nur einschränkt, sondern zu ersetzen beansprucht. Was diesen Anspruch angeht, befinden sich Staatssozialismus und Commonismus tatsächlich auf gleicher Ebene, was die kategoriale Grundlage angeht, überhaupt nicht.

3 Jojo Klick (04.05.2020, 18:41 Uhr)

@Stefan: Dann ist doch aber der Commonismus eine genauso konsequente Variante des Sozialismus, weil er nämlich auch „die Regulation über den Markt nicht nur einschränkt, sondern zu ersetzen beansprucht“. Ich persönlich benutze den Begriff Sozialismus eher selten, eben weil er so wenig aussagt.

4 Benni Bärmann (04.05.2020, 18:54 Uhr)

@Stefan: Gerade weil es keine eindeutige Definition des Begriffs gibt – wie bei fast allen politischen Begriffen – ist es eben umso wichtiger, wie man sich da einordnet. Ich verstehe ja noch wenn man zwischen Liberalismus und „Staatssozialismus“ eine Äquidistanz halten will, wenn Du aber eine Äquidistanz zwischen „Sozialismus“ als Oberbegriff und Liberalismus halten willst, bedeutet das, dass Du sehr viele Leute exkludierst(!) aus Deinem Projekt, deren Werte sehr nah an Deinen sind (zB ist Dein Co-Autor Mitglied eines sozialistischen Jugendverbandes soweit ich weiß ;). Es richtet also sehr viel Schaden an. Ich wüsste auch nicht wozu es gut sein sollte. Es ist ja auch kategorial nur unschärfer, nicht schärfer. Du lehnst doch an libertären oder anarchistischen Sozialisten nicht ab, dass sie Sozialisten sind? Und falls doch, wüsste ich einfach nicht wozu das gut sein soll.
Und wenn ich mich richtig erinnere hast Du das bisher auch nie getan. Wieso jetzt auf einmal diese Wende?

5 Manfred Fußnecker (06.05.2020, 10:47 Uhr)

Sozialismus ist nun mal streng hierarchisch organisiert im Gegensatz zum Commonismus. Ich denke das ist der wesentliche Unterschied, der auch zur Exklusion und/oder zum Arbeitszwang gegenüber Menschen führt.

6 Manfred Fußnecker (06.05.2020, 10:53 Uhr)

Ich fände es ungeheuer interessant, Erfahrungsbericht aus commonsbasierten Organisationen zu bekommen, wie im täglichen Miteinander hierarchiefreie Formen funktionieren. Ich denke da an z.B. Cecosesola.

7 Benni Bärmann (06.05.2020, 12:37 Uhr)

@Manfred:

„Sozialismus ist nun mal streng hierarchisch organisiert im Gegensatz zum Commonismus.“

Nein. Libertäre Sozialisten existieren. Der Anarchismus ist eine sozialistische Strömung und schon immer gewesen und eines der zentralen Dogmen des Anarchismus ist die Ablehnung von (unnötiger) Hierarchie.

8 Stefan Meretz (06.05.2020, 21:17 Uhr)

@Jojo#3: Der Commonismus ist gar kein Sozialismus, weil Commonismus keine Warenproduktion mehr kennt (das meinte ich mit dem kategorialen Unterschied). Aber wenn schon Sozialismus, einer Übergangsgesellschaft, die Warenproduktion noch kennt, dann ist in meinen Augen der Staatssozialismus, also die konsequente zentralgeplante Variante des Sozialismus, ein Konzept auf gleicher Ebene wie der Commonismus hinsichtlich der Ersetzung des Marktes – nur als Sozialismus eben weiter im Rahmen von Waren, Wert und Preis. Staatssozialist*innen (aktuell z.B. Computersozialist*innen) stellen sich in gleicher Radikalität der gleichen Frage einer anderen Form der Vergesellschaftung, beantworten sie nur völlig anders. Dennoch finde ich hier den Dialog spannend, weil ähnliche Aspekte – etwa nach der Transpersonalität – diskutiert werden.

9 Stefan Meretz (06.05.2020, 21:24 Uhr)
@Benni#4: Ich lehne gar keine Sozialist*innen ab. Und ich finde das Argument des Schadenanrichtens wirklich nicht angebracht. Ich diskutiere inhaltliche Unterschiede nicht politisch-taktisch, sondern einfach inhaltlich mit voller Anerkennung der Positionen von anderen Menschen. Wie auch sonst?
In deinen Augen hätte ich präziser Staatssozialismus schreiben sollen anstatt nur Sozialismus. Okay, kann ich annehmen. Für mich ist die spannendste Variante des Sozialismus, das Role-Model sozusagen, wenn man schon drauf steht (ich ja nicht), die konsequente zentral-geplante Variante, weil ich den Anspruch, eine andere Form der Vergesellschaftung hinzubekommen, teile. Nur sehe ich nicht, dass das auf zentralsozialistischem Weg geht.
10 Stefan Meretz (06.05.2020, 21:32 Uhr)

@Manfred: Ja, ich stimme zu, konsequenter Sozialismus mit zentraler Planung bringt immer Hierarchien mit. Aber das ist für mich nur die erscheinende Oberfläche und nicht das wesentliche Problem. Das ist die Warenproduktion. Deswegen bin ich mit vielen Strömungen des Anarchismus nicht glücklich, weil sie zwar Hierarchien und Herrschaft nicht wollen (da bin ich im Boot), aber kein Vergesellschaftungskonzept jenseits der Warenform haben. Mir haben aber auch schon etliche Anarchist*innen gesagt, dass sie im Grunde das Gleiche wollen wie wir im Buch beschrieben haben. Okay, ist doch gut, aber da scheint es wirklich viele Strömungen zu geben, die ich nicht wirklich durchschaue.

11 Jojo Klick (07.05.2020, 01:04 Uhr)

@Stefan: Ich glaube wenn du Sozialismus als „Übergangsgesellschaft, die Warenproduktion noch kennt“ definierst, gehst du damit wirklich den MLern auf den Leim. Wie Benni schreibt, war der Sozialismus als Begriff historisch viel breiter (und ist es auch heute noch) und umfasst eben auch Anarchist*innen. Es stimmt, dass es innerhalb des Anarchismus auch Strömungen gibt, die nicht die Warenform ablehnen oder ein Vergesellschaftungskonzept jenseits davon haben, aber mindestens für die Anarchokommunist*innen trifft das eben schon zu. Das was Pjotr Kropotkin in „Die Eroberung des Brotes“ als anarchistischen Kommunismus beschrieben hat z.B., kommt schon ziemlich nah an den Commonismus ran.

12 Benni Bärmann (07.05.2020, 01:05 Uhr)

@Stefan: Warenproduktion bedeutet getrennte Privatproduktion. Zentralplanung ist das ja nun gerade nicht. Also irgendwie verstrickst Du Dich da gerade in Widersprüche (aber andere Debatte).

Beim Sozialismus dreht es sich zunächst überhaupt nicht um Warenproduktion. Das ist einfach der historisch entstandene Oberbegriff aller Bewegungen, die versuchen das Leben der Menschen besser zu machen, die nichts zu verkaufen haben, außer ihre Arbeitskraft. Diese Bewegungen haben ganz unterschiedliche Strategien entwickelt (und sich bis aufs Messer um die Richtige gestritten).  Commonismus ist da einfach eine davon, auch wenn es Dir nicht passt 😉

Am Sozialismus ist einfach nichts „kategorial“, das ist ein politischer Begriff kein theoretischer.

Du entledigst Dich der Geschichte der Arbeiter:innenbewegung, weil sie Dir nicht gefällt einfach in dem Du den bewegungspolitischen Begriff „Sozialismus“ auf ein „kategoriales“ Bild (ich würde sagen Zerrbild) von Staatssozialismus verengst. Das hat keinen kategorialen Erkenntnisgewinn (weil dann könntest Du ja einfach „zentralistischer Staatssozialismus“ sagen). Und es ist eine politische Katastrophe (bzw. wäre es, wenn es nicht eh niemanden interessieren würde, was wir hier so ins Internet schreiben), weil Du damit im Nachhinein denjenigen Sozialisten recht gibst, die andere Sozialisten ausgeschlossen (und im Extremfall umgebracht) haben, weil die ja keine richtigen Sozialisten seien.

Gerade wenn man einen kategorialen Anspruch hat, ist es umso wichtiger darauf zu achten, welche politischen Begriffe man benutzt und wie.

Das selbe haben die MLer übrigens auch schon versucht indem sie „Sozialismus“ kategorial interpretiert haben und es mit ihrer fiktiven „Übergangsgesellschaft“ und ihrer realen Parteidiktatur identifiziert haben. Du betreibst damit volle Kanne deren Spiel, wenn auch in Negation.

Eine postmoderne Variante dieser Diskursstrategie ist übrigens der Parteiname der „Die Linke“, aber das nur am Rande.

13 Manfred Fußnecker (07.05.2020, 10:06 Uhr)

Die Bedürfnisse der Menschen werden doch, in den Staatsformen die wir geschichtlich kennen, manipuliert. Egal welche Staatsform, immer schreit es in jeder Person nach Statuserreichung und einem besseren Häuschen, als das des Nachbarn zu besitzen. Davon konnte sich auch der Sozialismus nicht befreien. Der Commonismus (schrecklicher Begriff) strebt nach einer Gemeinschaft, die sich von diesem Denken befreit.

14 Stefan Meretz (13.05.2020, 20:56 Uhr)

@Jojo#11: Die Bestimmung des Sozialismus als „Übergangsgesellschaft, die Warenproduktion noch kennt“ ist von Marx, dem vielleicht die MLler*innen „auf den Leim“ gegangen sind. Zurecht sozusagen, denn Marx hat damit ein bestimmtes Trafokonzept angedacht, das dann mit der Arbeiter*innenbewegung und dem Realsozialismus geschichtsmächtig wurde. Dass es auch andere Linien gab, weiß ich, ich halte mich hier jedoch schlicht an den Marx der Kritikschrift zum Gothaer Programm von 1875.

Gleichzeitig bin ich sehr interessiert an Texten von Anarchokommunist*innen, die eine Vergesellschaftung jenseits der Warenform dachten oder denken. Kropotkin lehnt immerhin die Lohnarbeit ab. Ich subsummiere Anarchist*innen generell jedoch nicht unter den Sozialismus, weil sie (aus guten Gründen) eine Übergangsgesellschaft der Diktatur des Proletariats ablehnten (allerdings nicht unbedingt die Warenform).

15 Stefan Meretz (13.05.2020, 21:57 Uhr)

@Benni: Nein, sorry, das sind zwei Diskurse, und ich lasse mir meine inhaltliche Sicht nicht absprechen, nur weil du eine bewegungspolitische Sicht bevorzugst. Aus meiner Sicht deutest du die Geschichte um, wenn du die von Marx ausgehenden Überlegungen einer Übergangsgesellschaft einfach für „fiktiv“ und von einer „Parteidiktatur“ ausgedacht erklärst.

Wie ich in #14 schrieb, nehme ich die inhaltliche Bestimmung von Marx, der zwei Phasen des Kommunismus unterschied, ernst – die erste Phase wurde später Sozialismus genannt. Das war zwar eine politische Entscheidung, doch mich interessiert die inhaltliche Bestimmung, und die war eine Phase der Warenproduktion. Das war alles aus der Zeit heraus nachvollziehbar, und das bringt mich jetzt nicht dazu, es inhaltlich umzudeuten oder für Quatsch zu halten.

Ich weiß nicht, was es bringen soll, alles unter den Begriff Sozialismus zu packen. Aus zum Teil guten Gründen haben sich Anarchist*innen gegen bestimmte Elemente der damaligen vorherrschenden sozialistischen (sozialdemokratischen wie dann auch kommunistischen) Arbeiter*innenparteien gewandt.

Dann noch inhaltlich:

Warenproduktion bedeutet getrennte Privatproduktion. Zentralplanung ist das ja nun gerade nicht.

Doch ist es, denn „getrennte Privatproduktion“ ist dem Inhalt nach stets jene, in der die Betriebe Tausch- und Geldbeziehungen nach außen haben – unabhängig davon, ob diese von einem Markt oder einem Zentralplan vermittelt werden. Nur im Realsozialismus war das keine „getrennte Privatproduktion“ auf Basis des Privateigentums, sondern „getrennte Einzelproduktion“ auf Basis des Staatseigentums. Nur weil zentral geplant wird, verschwindet der Charakter als Warenproduktion nicht. Und das war kein Geheimnis, sondern wurde auch so benannt.

Beim Sozialismus dreht es sich zunächst um Warenproduktion. Das ist für mich inhaltlich die Essenz dessen, was sich Sozialismus nennt – in der ganzen Spannbreite von Markt- bis Staatssozialismen. Darin waren die realen Unterschiede dann durchaus groß: Von Schweden über Jugoslawien bis zur Sowjetunion.

Wenn du das ausschließlich bewegungspolitisch sehen willst, dann musst du die inhaltlichen Unterschiede verwischen, dann ist alles irgendwie Emanzipatorische auch das Sozialistische. Das finde ich nicht hilfreich.

16 Silke Helfrich (13.05.2020, 23:24 Uhr)

@Manfred Fußnecker,
Erfahrungsberichte von Cecosesola:
dazu gibt es ja ein Buch (schon etwas älter, die Kurzfassung von drei spanischen Originalbänden auf deutsch) http://archiv.labournet.de/internationales/ve/cecosesola.pdf | https://diebuchmacherei.de/category/auf-dem-weg-gelebte-utopie-einer-kooperative-in-venezuela/ und demnächst wird auch ein bisschen was in einem Dokfilm erklärt.

Homo Comunis wird im Sommer fertig sein:https://www.seemorefilm.de/

17 Jojo Klick (14.05.2020, 15:21 Uhr)

@Stefan: #14 Marx nennt die Übergangsgesellschaft in der Kritik des Gothaer Programms aber nicht Sozialismus, sondern „erste Phase der kommunistischen Gesellschaft“. So weit ich weiß benutzte erst Lenin den Begriff Sozialismus für diese Übergangsgesellschaft. Der Begriff Sozialismus ist außerhalb dieser marxistisch-leninistischen Denkfigur (die sie sich dabei leider zurecht auf Marx beziehen kann) deutlich breiter besetzt worden, eben auch von Anarchist*innen. Du kannst natürlich sagen, dass du sie nicht unter den Begriff des Sozialismus subsumierst – wenn du nämlich die Lenin’sche Definition übernimmst -, aber das ändert wenig daran, dass sie ihn für sich benutzt haben und z.T. auch heute noch nutzen. Ich selber finde es wenig sinnvoll, den Begriff positiv zu benutzen, eben weil so viel darunter fällt (Anarchismus, Sozialdemokratie, ML, …), aber gerade wegen dieser breiten Bedeutung taugt er glaube ich auch nicht dazu etwas zu bestimmen, von dem wir uns abgrenzen wollen, nämlich den warenproduzierenden Markt- und Staatssozialismen.

18 Manfred Fußnecker (14.05.2020, 23:07 Uhr)

@Silke Helfrich: Danke für den Buchtipp. Habe es gerade bestellt und bin sehr gespannt. Die Diskussion hier dreht sich für meinen Geschmack zu viel um rein akademische Fragen…

19 Stefan Meretz (18.05.2020, 14:55 Uhr)

@Jojo: Ja, Marx nannte den Sozialismus noch „erste Phase“ des Kommunismus. Das sind nur Wortunterschiede, inhaltlich ist es das, was ich beschrieb: eine Übergangsgesellschaft basierend auf Warenproduktion.

Sehr schön hier erklärt: https://system-change.net/?p=251 😉

20 Christian Siefkes (19.05.2020, 18:37 Uhr)

@Stefan: Aber um Worte dreht sich doch die ganze Debatte. Die Frage ist doch: Warum bestehst du darauf, den Begriff „Sozialismus“ denen wegnehmen zu wollen, die sich was Positives darunter vorstellen, um ihn stattdessen lediglich für eine Planwirtschaft sowjetischer Prägung verwenden zu wollen? Von Marx hast du diese Begriffsverwendung nicht, das hätten wir geklärt. Und selbst den expliziten Freund:innen dieses Modells war ja noch bewusst, dass auch andere „Sozialismen“ zumindest vorstellbar sind – weshalb Honecker den Begriff „real existierender Sozialismus“ geprägt hat zur Bezeichnung dieses speziellen Sozialismus in Abgrenzung von den anderen, mindestens vorstellbaren. Willst du wirklich hinter diesen Erkenntnisstand zurückfallen?

21 Stefan Meretz (23.05.2020, 09:40 Uhr)

@Christian: Ich nehme niemandem was weg. Die Debatte dreht sich für mich nicht um Worte, sondern um Begriffe. So verwende dem Begriff nach Sozialismus für die erste Phase des Kommunismus (=Übergangsgesellschaft) aus Marx‘ Gothaer Programmkritik. Darauf konnte sich der Realsozialismus begrifflich berufen. Das „real“ wurde verwendet, um sich von Kritiker*innen (wie mich) abzugrenzen: nicht perfekt, aber wenigstens real. – Warum muss ich Sozialismus gut finden?

22 Stefan Meretz im Interview | Kritische Psychologie Heute (14.06.2020, 12:24 Uhr)

[…] interessiert, den kann ich auf den kurzen Artikel zu den theoretischen Grundlagen verweisen, der in der Zeitschrift Streifzüge erschienen ist. Und wer sich ausführlicher mit der der Theorie des Commonismus befassen möchte, kann das […]

23 Thomas Fuhrmann (03.07.2020, 09:52 Uhr)

Zur Frage ob Staat oder Markt kann ich das Modell der participatory economics ergänzen. Hier wird über einen dezentralen iterativen Planungsprozess Produktion und Konsumtion koordiniert, anstelle, wie im (Staats)-Sozialismus, diese Aufgabe einer „Koordinatorenklasse“ oder dem „freien Markt“ zu überlassen.

24 Perikles (03.07.2020, 17:37 Uhr)

@Thomas Fuhrmann,

das von Michael Albert und Robin Hahnel entworfene Modell der „Participatory Economics“ (Parecon) würde meines Erachtens zu einer gigantischen Bürokratie und quasi nie endenden Versammlungen führen, die abermals eine „Koordinatorenklasse“ entstünden ließen, weil nach einer Weile allen Beteiligten die Zeit und Lust dafür fehlte ständig irgendwo Eingaben zu machen, diese zu prüfen und die Allokation quasi „bewusst-manuell“ vorzunehmen.

Darüber hinaus besteht die Frage wer es gut finden würde wenn es keine spontane Wahlfreiheit des Konsums mehr gäbe und irgendein Planungsbüro (oder eine künstliche Intelligenz, wie bei zahlreichen Vorstellungen eines „Computersozialismus“ vorgesehen?) von allen Konsumvorlieben weiß.

Eine diskussionswürdige Kritik an Parecon hat der US-amerikanische Mathematiker und Philosoph David Schweickart geliefert (der obendrein ein eigenes Modell der „Economic Democracy“ formuliert hat, das einen realistischeren Eindruck als Parecon macht): http://dschwei.sites.luc.edu/parecon.pdf

Eine ebenso interessante Aufzählung problematischer Punkte von Konzepten einer zentralen oder dezentralen Planwirtschaft bringt Meinhard Creydt vor: http://www.meinhard-creydt.de/cms/wp-content/uploads/2020/06/creydtproblemekonzeptenachkapgesl2020.pdf

25 Thomas Fuhrmann (04.07.2020, 09:38 Uhr)

@Perikles,
ich kann dir das Buch „Alternatives to Capitalism – Proposals for a Democratic Economy“ von Robin Hahnel und Erik Olin Wright empfehlen, 2016 bei Verso erschienen. Im Wesentlichen ist es ein Dialog zwischen den beiden Autoren. Hahnel geht darin ausführlich auf Kritiker wie Schweickart und andere Markt-Sozialisten (wie auch Wright, der eine Mischung verschiedener Ansätze vorschlägt, aber dabei sehr vage bleibt) ein und entkräftet deren Gegenargumente.

26 Die Gesellschaft nach dem Geld (2) — keimform.de (13.07.2020, 12:04 Uhr)

[…] der letzten Ausgabe der Streifzüge (Frühling 2020) habe ich die Entstehung und Grundüberlegungen des Forschungsprojekts Die Gesellschaft nach dem Geld (GndG) vorgestellt. Letztere habe ich in vier Punkten […]

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