Rezension von Annette Schlemm, Climate Engineering

Das Argument 343 (Titelbild)Aus Das Argument 343 (Dezember 2025), S. 605–608.

Schlemm, Annette, Climate Engineering, Wie wir uns technisch zu Tode siegen, statt die Gesellschaft zu revolutionieren, Mandelbaum, Wien, 2023 (Taschenbuch, 320 S., 20 €)

Die kapitalistische Wertverwertung ist dabei, die Erde in einen in Teilen unbewohnbaren Planeten zu verwandeln. Zu den Konsequenzen einer zu erwartenden Erderhitzung von drei Grad gehören extreme Hitzewellen und Dürren, das Absterben der Korallenriffe, die drohende Überflutung von Küstenregionen und -städten, sinkende landwirtschaftliche Erträge und häufiger werdende Extremwetterereignisse. Schon heute sind massive Schäden und zahlreiche vermeidbare Todesfälle die Folge. Da das eigentlich Notwendige – eine zügige und drastische Reduktion der Treibhausgasemissionen – kaum stattfindet, drehen sich immer mehr Debatten um den ›Plan B‹, die Hoffnung auf technische Lösungen zur Abwendung oder Abmilderung des Klimakollaps. Diese sind als Geoengineering oder Climate Engineering (kurz CE) bekannt.

Schlemm bevorzugt den zweiten Begriff. Sie analysiert CE, dessen technische Grundlagen und mögliche Konsequenzen aus marxistischer Perspektive. Das Buch setzt dabei zwei Schwerpunkte. Es beginnt mit einer sachlichen Analyse der relevanten Ansätze. Ihre Bilanz ist: die vielleicht wirkungsvolleren seien wegen unkalkulierbarer Risiken oder schwerer Nebenwirkungen unverantwortbar, die weniger problematischen hingegen nicht wirksam, um einen wesentlichen Beitrag zur Emissionssenkung zu leisten (164f). Im zweiten Teil folgt eine gesellschaftspolitisch kritische Wertung, deren Fazit im Untertitel des Buchs zum Ausdruck kommt und ihr den Vorwurf einbrachte, sie wolle die »Erderwärmung für politische Zwecke kapern« (FAZ vom 17.4.2024, S.12).

Sie arbeitet heraus, dass sich unter dem harmlos klingenden Begriff ›Negativ­emissionen‹ großräumige Eingriffe in das Klimasystem verbergen, deren mögliche ­unerwünschte Konsequenzen kaum erforscht sind (14). Gleichzeitig diskutiert sie, wie es überhaupt soweit kommen konnte, dass eine zumindest begrenzte Anwendung ­mancher CE-Techniken – trotz der damit verbundenen Risiken und kaum absehbaren Neben­wirkungen – kaum noch abwendbar erscheint.

Sie kritisiert das in weiten Teilen der Klimabewegung bis vor kurzem noch lautstark vorgetragene Postulat, die Erderhitzung sei auch ohne Einsatz von CE-Techniken auf 1,5 Grad zu begrenzen, als wirklichkeitsfremd – dieses eigentlich sehr wünschenswerte Ziel hätte bereits vor langem ein konsequentes Umsteuern erfordert, das aber ausgeblieben ist (19). Verf. erläutert, den aus diesem Versäumnis folgenden Widerspruch, dass es ohne massiven Einsatz von CE zu einer dramatischen Erhitzung mit fatalen Konsequenzen kommen dürfte, die Anwendung solcher Technologien jedoch mit enormen Risiken und Unwägbarkeiten einhergeht. So sei CE in den optimistischeren Szenarien des Weltklimarats (IPCC) in beträchtlichem Umfang eingerechnet – in Bericht von 2022 wird mit der Entfernung von bis zu 700 Gigatonnen CO2 gerechnet, was etwa dem zwanzigfachen der jährlichen weltweiten Emissionen entsprechen würde – obwohl keine CE-Techniken existieren, die die kalkulierten Negativemissionen im benötigten Maße herbeiführen könnten. (24)

Schlemm sieht die Menschheit »in einer doppelten Bredouille«: einerseits sei zu wünschen, dass zumindest manche »Climate-Engineering-Maßnahmen funktionieren«, und zwar deutlich besser und in größerem Umfang, als nach dem erreichten Stand der Technik bislang zu erwarten ist. Gleichzeitig biete ein Einsatz dieser Techniken aber selbst beträchtliche Risiken und könnte sehr gut weitere drastische Folgen haben, sofern er sich überhaupt als machbar erweist (25).

Detailliert analysiert Verf. die verschiedenen CE-Techniken unter Berücksichtigung ihrer Potenziale und Risiken. Manche Ideen wie die Errichtung gigantischer Sonnenspiegel im Weltall sind eher Science Fiction – es gibt keine konkreten Projekte in diese Richtung und real dürften sie viel zu teuer sein oder sich technisch als nicht machbar erweisen (73). Andere Ansätze wie die Injektion von Aerosolen in die Stratosphäre sind machbar und vergleichsweise kostengünstig, tragen jedoch das Risiko eines ›­Terminationsschocks‹ (starker Wiederanstieg der Temperatur). Da sie nur kurzfristig wirken, müssten sie über lange Zeiträume hinweg fortsetzt werden, andernfalls würde die Temperatur schlagartig auf das Niveau ansteigen, das den inzwischen weiter emittierten Treibhausgasen entspricht, mit katastrophalen Folgen, die den Effekt einer langsameren Temperaturerhöhung ohne CE noch übertreffen würden (69). Bei manchen Maßnahmen, etwa dem Ausdünnen der Zirruswolken, ist hingegen noch nicht klar ist, ob sie überhaupt die erwünschte Wirkung erzielen würden (69). Andere Ansätze wie die Entfernung von CO2 direkt aus der Atmosphäre (DACCS) oder die bioenergetische Pflanzennutzung mit CO2-Abscheidung und Speicherung (BECCS: Pflanzen werden angebaut und später zur Energiegewinnung verbrannt, wobei das in der Pflanze gebundene CO2 aufgefangen und gespeichert wird) wurden zwar bereits experimentell erprobt, sind jedoch teuer und brauchen große Mengen an Energie oder Land. Um signifikant zum Emissionsausgleich beizutragen, müssten sie innerhalb der nächsten Jahrzehnte um mehr als den Faktor 1000 gesteigert werden, was wegen der damit verbundenen Kosten und technischer Unwägbarkeiten kaum möglich erscheint (79).

Ein allgemeines von Schlemm beleuchtetes Problem ist der ›Moral Hazard‹: Die Idee, durch CE das Klima ›retten‹ zu können, verstärkt die Tendenz, weiterhin CO2 kaum gebremst zu emittieren, insbesondere da die CE-Techniken als billiger gelten als der notwendige Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen (74). Die vage Hoffnung auf CE dürfte somit dazu beitragen, dass die weltweite Nutzung fossiler Brennstoffe noch immer ansteigt, statt für eine Umkehrung den Weg zu bereiten. Die gesellschaftliche Dimension des Problems kann so verdrängt oder gar geleugnet werden (191). Die Hoffnung auf den ›Technofix‹ CE verhindert die Einsicht, dass der Wachstumszwang des Kapitalismus in Frage gestellt und überwunden werden müsste, um die Erde als generell bewohnbaren Planeten zu erhalten (175). Schlemm betont hingegen, dass CE nicht nur eine Technik ist, sondern eine Politik –, die die Wurzeln des Übels übersieht und unsichtbar macht (171f). Lesenswert sind auch ihre daran anschließenden Überlegungen zu Formen und Inhalten einer »Climate-Engineering-Gerechtigkeit«, an der die Klimagerechtigkeitsbewegung solche Techniken messen kann (197ff).

Im vorletzten Kapital skizziert Schlemm eine »CE-Ethik« (218), derzufolge CE, wie andere Technik, die »menschlichen Handlungsmöglichkeiten erweitert«, die Menschheit aber gleichzeitig gefährdet und selbst im Falle von erfolgversprechenden Techniken beträchtliche Kosten hat (219f). Sie argumentiert für das Prinzip der Vorsorge, wonach auch CE-Techniken nur dann zum Einsatz kommen sollen, wenn gefährliche Folgen für Menschen und Umwelt ausgeschlossen werden können (224-26), verweist dabei auf den dargestellten Widerspruch, dass Risiken nicht auszuschließen sind, jedoch ohne CE die drohenden Folgen der Erderhitzung verheerend sind (227). Für die Reduktion der Ursachen der Erderhitzung sei deshalb die Machtfrage zu stellen, da gegenwärtig die Machstrukturen genau dies verhindern (227f). Verf. hält daher an der Notwendigkeit der Entwicklung einer neuen Gesellschaftsform, in der alle Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen können, ohne die natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören, fest, auch wenn sie weiß, dass die »dafür nötige Revolution« kaum rechtzeitig kommen dürfte, um die Erderhitzung noch auf einem halbwegs erträglichen Umfang begrenzen zu können (230).

Auch wenn Kritik an CE-Maßnahmen an sich nichts Neues ist, ist eine so differenzierte, theoretisch und politisch begründete Kritik wie im Buch von Schlemm selten. Zudem hat sich der Wind in den letzten Jahre ein Stück weit gedreht, etwa durch die Aufnahme von Negativemissionen in die optimistischeren IPCC-Szenarien oder durch die Akzeptanz bestimmter solcher Maßnahmen in neueren Werken von Klima-Science-­Fiction-Autoren wie Kim Stanley Robinson. Tatsächlich ist eine pauschale Ablehnung nicht mehr vertretbar, dafür ist die Erderhitzung schon zu weit vorangeschritten. Das macht detailliertere Analysen, wie Verf. sie anstellt, notwendig. Ihr Werk, das aus marxistischer Perspektive eine umfassende Einordnung und kritische Evaluation solcher Techniken bietet und dabei eine umfassende Kapitalismuskritik mit ethischen Überlegungen auch fürs Hier und Jetzt kombiniert, ist ein lesenswerter Beitrag zu einer schwierigen Debatte.

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