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Wie verhindern wir die Klimakatastrophe?

Mein Eindruck der ganzen Diskussion ums Klima ist, dass sich tatsächlich fast niemand ernsthaft der Problematik stellt. Es gibt viele Varianten der Verdrängung des Problems und die Klimaleugner sind nur die offensichtlichste davon und alle haben sie durchaus einen rationalen Kern. Ich finde diese Haltungen bis weit in die Klimagerechtigkeitsbewegung hinein und würde auch niemals behaupten, dass ich frei davon bin.
Ok, um zu erklären was ich meine, möchte ich erst einmal ein paar Voraussetzungen setzen mit denen ich im folgenden operieren werde. Die lassen sich meiner Meinung nach alle sehr gut begründen, aber das werde ich im Rahmen dieses Artikels nicht tun:

  1. Wenn alles so weiter läuft wie bisher also mit halbherzigen Klimaschutzmaßnahmen steuern wir auf eine Welt zu in der sämtliche Kippunkte des Klimasystem gerissen werden. Das bedeutet eine Welt in der nur noch ca. 1 Milliarden Menschen ernährt werden können und nicht wie heute 11.
  2. Die ersten Folgen der Klimakrise sind bereits zu spüren. Schon jetzt sterben Menschen. Die ersten extrem drastischen Folgen dieses Worst-Case-Szenario werden wir noch erleben und bereits unsere Kinder werden einen Großteil der Wucht zu spüren bekommen.
  3. Um dieses Worst-Case-Szenario zu verhindern muss die Zunahme von CO2-Äquivalenten in der Atmosphäre (CO2e) sofort gestoppt werden und in vergleichsweise kurzer Zeit reduziert und innerhalb von wenigen Jahren auf Null gebracht werden. Ich leg mich jetzt hier nicht auf Jahres- oder Gradzahlen fest, das ist im wesentlichen Statistik. Wichtig ist nur: Je schneller das geht um so größer ist die Chance das Worst-Case-Szenario zu verhindern.
  4. Es gibt keine Möglichkeit BIP-Wachstum global und langfristig von den CO2e zu entkoppeln.
  5. Das Pariser Klimaabkommen hat sicherlich viele Schwächen und ist alles andere als perfekt, aber die Zielrichtung ist schon im Prinzip richtig. Diese Ziele einzuhalten ist also Mindestvoraussetzung jeder Lösung des Problems.

Wenn man diese Voraussetzungen annimmt, dann folgt daraus außerdem direkt für jede denkbare Lösung des Problems:

  • Eine Lösung, die primär auf Marktmechanismen und kapitalistische Innovation setzt, wird nicht funktionieren wegen 4.
  • Eine Lösung, die primär auf lokale Initiative und individuelle Verhaltensänderungen setzt wird nicht funktionieren wegen 3.
  • Eine „Lösung“, die auf Abschottung der kapitalistischen Zentren setzt wird nicht funktionieren wegen 1.

In der Klimagerechtigkeitsbewegung ist der Slogan „System Change not Climate Change“ schon länger weitestgehend Konsens. Der radikalere Flügel buchstabiert das konkreter aus damit, dass der Kapitalismus abgeschafft werden muss um das Problem zu lösen. In letzter Zeit hat meiner Wahrnehmung nach dieser radikalere Flügel durchaus mehr Gehör gefunden. Wenn man genauer nachfragen würde, was diese Leute alles unter Kapitalismus verstehen, und was genau sich ändern muss, würde man vermutlich auch wieder eine Vielzahl von Antworten bekommen. Aber auch diese Debatte, so spannend sie ist, ist nicht Gegenstand dieses Artikels.

Ich möchte mich statt dessen auf ein meiner Meinung nach noch viel größeres Hindernis bei der Lösung des Klimaproblems fokussieren: Nämlich den Nationalstaat. Warum ist das so? Außerhalb einer doch eher kleinen Fraktion von Marktradikalen (In Deutschland überwiegend in der FDP organisiert) behaupten nur recht wenige Menschen, dass man ohne durchaus massive staatliche Eingriffe das Problem lösen könnte. Und tatsächlich ist die unwirksame bis kontraproduktive Politik unserer Regierung ja auch weit entfernt davon, massive staatliche Eingriffe abzulehnen. Das beste Beispiel ist die ja durchaus nicht billige Förderung von Elektroautos (Warum uns das jetzt nicht retten wird, ist leider auch nicht Gegenstand dieses Artikels, sorry).

Massive staatliche Eingriffe sind also durchaus Konsens. Eingriffe, die das Klima retten sind trotzdem seit Jahrzehnten nicht in Sicht. Warum passiert das also nicht? Natürlich ist Korruption ein Grund. Politik und Wirtschaft sind in allen wichtigen Emmisionsländern stark miteinander verwoben und das nimmt mal legale oft aber auch illegale Formen an. Doch ist das ja auch nicht die Ursache des Problems sondern eher die Folge davon, dass beide halt aufeinander angewiesen sind. Und das wiederum hängt stark damit zusammen, dass Nationalstaaten miteinander in Konkurrenz stehen (Staatenverbünde wie die EU ändern an der Grundargumentation dieses Artikels übrigens nichts, weil die sich ja im wesentlichen nur zusammen tun um eben genau in jener Nationalstaatenkonkurrenz bessere Chancen zu haben). Wenn man genau hinhört was unsere Politiker:innen so von sich geben, dann hört man das zwischen den Zeilen auch sehr deutlich raus.

Das Grundproblem ist, dass jedes Land für sich zwar radikale Maßnahmen (wie sie von 3. gefordert werden) ergreifen könnte, dass das aber quasi sofort dazu führen würde, dass das Land am kapitalistischen Weltmarkt vor die Hunde geht und letztlich das auch für die Bevölkerung Armut und Elend bedeutet. Hierzulande ist es am deutlichsten natürlich wieder bei der Autoindustrie. Jeder zwanzigste Euro der Wertschöpfung kam 2015 aus der Autoindustrie in Deutschland. Hunderttausende von Arbeitsplätzen hängen da dran. Vom Klimastandpunkt aus gesehen muss man das eigentlich alles so schnell wie möglich abwickeln und vielleicht noch einen kleinen Rest an E-Autos und E-Bussen bauen. Die Folge im jetzigen System wäre: Deutschland fällt von der wichtigsten Macht in Europa zurück auf ein Level mit kleineren Ländern wie Spanien oder Italien. Das wird keine deutsche Politiker:in und sei sie auch noch so rot oder grün im jetzigen System jemals durchsetzen. Und das ist natürlich nicht nur ein deutsches Problem. Ähnliche Abhängigkeiten vom fossilen Kapital gibt es überall auf der Welt.

Das ist natürlich nicht die gesamte Wahrheit. Es gibt ja durchaus auch modernere Kapitalfraktionen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und genau deswegen auf Zukunftstechnologien wie z.B. Erneuerbare Energien setzen. Wegen 4. können die aber niemals das alles auffangen, was durch die fossile Industrie verloren geht. Was nicht ausschließt, dass es einzelne kleinere oder mittlere Länder geben könnte in denen das trotzdem funktioniert. Das erhöht dann aber nur den Druck in anderen Ländern weil dort ja dann eben weniger von diesen Zukunftstechnologien produziert werden kann.

Nun werdet ihr, die ihr ja vermutlich eh fast alle Antikapitalisten seid, sagen: Genau! Deswegen muss der Kapitalismus weg! Dass das in einem einzelnen Land nur schlecht funktionieren kann, weil es nur funktioniert, wenn man sich vom Weltmarkt entkoppelt, was mehr oder weniger auf Deindustrialisierung und eine Nord-Korea-Version hinausläuft, ist vermutlich sogar noch weitestgehend links(radikaler) Konsens heutzutage.

Ok, also Weltrevolution! Da bin ich dabei, aber so lange die Nationalstaaten und ihre Konkurrenz bestehen bleiben, würde selbst das nichts Wesentliches ändern. Es ist ja nicht nur die Logik von Profit und Kapital die hier wirkt, sondern ganz stofflich die Logik von Ressourcenverbrauch und Wohlstand. Wenn ich nun mal davon lebe, dass ich Kohle aus der Erde grabe und auf dem Weltmarkt gegen Lebensmittel eintausche, dann werde ich das auch tun wenn alle plötzlich Kommunist:innen geworden sein sollten. Es brauch also auch dann noch eine globale Koordination der Ressourcenströme und ein globales Management der CO2e. Das ist also im wesentlichen erst mal unabhängig von der Frage ob wir für Profit oder für unsere Bedürfnisse produzieren, so lange diese Bedürfnisse nicht auch global koordiniert werden.

Das wiederum bedeutet, dass wir mit dieser globalen Koordination durchaus heute schon anfangen können. Tatsächlich ist das ja erstaunlicherweise sogar schon passiert! Das Pariser Klima-Abkommen ist ja genau das! Es ist wirklich alles andere als perfekt aber seine schiere Existenz grenzt angesichts dieser Logiken, die ich hier ja gerade ausgebreitet hab, schon fast an ein Wunder. Sollten wir tatsächlich aus dem ganzen Schlamassel noch halbwegs unversehrt raus kommen als Menschheit, dann wird dieses Dokument sicherlich eines Tages auf einer Stufe mit der Magna Charta oder der Bill of Rights stehen in seiner historischen Bedeutung.

Doch sieht es danach ja leider momentan überhaupt nicht aus. Und das liegt meiner Meinung nach schlicht daran, dass es keine Instanz gibt, die dieses Abkommen auch durchsetzen kann. Damit liegt die Antwort auf die Frage im Titel nahe. Wir brauchen genau so eine Instanz.

Ich denke man kann sogar noch ein wenig mehr über den notwendigen Aufbau einer solchen globale Klimaregierung sagen:

  • Sie müsste eine demokratische Legitimation haben, die unabhängig von den Nationalstaaten ist. Das könnte z.B. eine globale direkte Wahl sein oder die Entsendung von Vertretern von Städten und Gemeinden.
  • Sie muss mit einfacher oder mindestens 2/3 Mehrheit Entscheidungen treffen können. Das Wichtigste: Einzelne Staaten können keine Entscheidungen blockieren wie im Weltsicherheitsrat.
  • Sie hätte das Recht den Netto-Ausstoß von CO2e von Nationalstaaten in einem gewissen Korridor zu bestimmen. Sie bestimmt aber auch nur darüber und sonst über nichts anderes. Wie genau die Länder ihre Reduktion organisieren bleibt ihnen überlassen.
  • Sie hätte die Mittel, das auch durchzusetzen. Ja, ich fürchte das müssten zumindest in der ersten Zeit in letzter Konsequenz auch militärische Mittel sein, auch wenn das die Pazifist:innen unter meinen Leser:innen sicher abschrecken wird. Ich lasse mich in dem Punkt aber gerne eines besseren Belehren, wenn ihr mir erklärt, wie das gehen soll. Sie bräuchte auf jeden Fall deutlich mehr Kompetenzen als selbst der UN-Sicherheitsrat.
  • Damit das ganze nicht als Wohlfahrtsausschuss und also in einer globalen Diktatur endet, braucht es einen ganzen Zoo von Institutionen, der da ein System von Checks and Balances installiert.

Mir ist bewusst dass das angesichts des derzeitigen politischen Zustands der Welt völlig abgedreht klingt und dass es natürlich extrem viele Kräfte gibt, die eine solche Lösung bis aufs Messer bekämpfen würden. Mir geht es weniger darum zu zeigen, dass diese Lösung besonders wahrscheinlich ist, sondern dass ich sie aus ziemlich simplen logischen Gründen tatsächlich für die einzige halte, die wirklich funktionieren könnte. Und eins ist auch sicher: Uns stehen die vermutlich disruptivsten Jahrzehnte der Menschheitsgeschichte bevor. Das passiert so oder so. Der Status Quo ist keine Option mehr und das wird auch immer mehr Menschen bewusst. Das zur Zeit überall auf der Welt Aufstände los brechen wie schon lange nicht mehr halte ich auch für einen Ausdruck dieses Bewusstseins. Diese Zukunft, die ich hier vorschlage ist übrigens die Option, die ich für am wenigsten disruptiv halte! Eigentlich müssten sich also alle Konservativen und Mächtigen dieser Welt darauf stürzen, das so schnell wie möglich einzuführen. In einem Satz zusammen gefasst würde ich sagen: Es gibt keine Möglichkeit ein globales Problem ohne wirksame globale Institutionen zu lösen.

Soweit erst mal. War ja schon lang genug. Vielleicht schreib ich demnächst dann auch nochmal einen kleinen Artikel darüber warum ich denke, dass das auch für unsere utopische Keimform-Perspektive ein Schritt in die richtige Richtung wäre, auch wenn so eine Weltregierung-Light ja eigentlich eher das Gegenteil von Commons ist.

Kategorien: Commons, Eigentumsfragen, Feindbeobachtung, Praxis-Reflexionen, Reichtum & Knappheit, Theorie

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8. November 2019, 16:31 Uhr   16 Kommentare

1 Gabriele Weis (09.11.2019, 12:53 Uhr)

Mich schaudert leider, Benni Bärmann, vor den gigantomanischen global-´babylonischen´ Institutions-Turmbauten, die Dir da vorschweben . . .
Meinst Du wirklich, es könne am wenigsten disruptiv gelingen, einen planetenumspannenden Gesundungsplan aufzustellen, indem Du den bestehenden Welt-Manipulations-Bestrebungen ein ökologisch-institutionel rettendes Gegen-Vorzeichen verpasst  –   und das Gleis ins Menschheitsüberleben sei gelegt ?
Du sagst es doch selbst:    „Eigentlich müssten sich also alle Konservativen und Mächtigen dieser
Welt darauf stürzen, das so schnell wie möglich einzuführen.
In einem
Satz zusammen gefasst würde ich sagen:
Es gibt keine
Möglichkeit ein globales Problem ohne wirksame globale Institutionen zu
lösen.“  –  dieses Mantra offerieren uns unsere Entscheidungsträger doch seit Jahren !!


Wie wär´s stattdessen mit dem Versuch, einfach nur nach  geeigneten Katalysatoren für das zu suchen, was, menschliche Lebensorganisation betreffend, dringend neuer Geleise und Strukturen bedarf   – – –   und  sich bereits über ein paar regionale Grundentscheidungen über Geld- & Politstrukturen mit immenser Fermentierungswirkung auf den Welthandel … auf den Weg bringen ließe, wenn es in die Köpfe gelangte ? ! !  !

(Monetative Geldinfrastruktur, BGE, Index-Steuer statt Arbeitsbesteuerung)



vgl. bei Interesse bitte:
1.10.2019  gw/  Brauchen wir ´Messlatten-Gesellschaften´ ??

2 Christian Siefkes (09.11.2019, 19:29 Uhr)

Ich eben ebenfalls zu dem Schluss gekommen, dass es praktisch sicher ist, dass „sämtliche Kippunkte des Klimasystem gerissen werden“ (oder jedenfalls eine Reihe wesentlicher Kipppunkte) und es infolgedessen mindestens 4 Grad wärmer werden wird. Die Folgen werden dramatisch sein: Große Teile der Welt dürften weitgehend unbewohnbar werden – insbesondere die Tropen und Subtropen bis hin zu Südeuropa – und die Menschen werden wahrscheinlich großteils in heute ziemlich menschenleere Regionen nahe den Polen umsiedeln müssen: Nordkanada, Sibirien, Grönland, Patagonien und die Antarktis. Die Verwerfungen werden dramatisch sein, die Nationalstaaten wie wir sie heute kennen werden das vermutlich allesamt nicht überstehen und der Kapitalismus wahrscheinlich auch nicht.

Das bedeutet eine Welt in der nur noch ca. 1 Milliarden Menschen ernährt werden können und nicht wie heute 11.

Das wäre in der Tat verheerend. Aber kennst du Begründungen für diese Aussage? Ich kenne eine entsprechende Bemerkung des Klimawissenschaftlers Will Steffen, aber ohne genauere Begründung. Möglichst viele Menschen am Leben zu erhalten wird denke ich tatsächlich die große Herausforderung werden, die auf die Menschheit in der kommenden Extremsituation zukommt.

Es gibt keine Möglichkeit BIP-Wachstum global und langfristig von den CO2e zu entkoppeln.

Das scheint mir nicht wirklich logisch. Also angenommen, CO2 selbst hätte gar keine schlimmen Folgen. Dann wären Öl, Gas und Kohle irgendwann alle verbrannt und die Menschheit müsste auf andere Energieträger umsteigen. Der (dann harmlose) CO2-Gehalt der Atmosphäre würde daraufhin sinken, aber wieso sollte das BIP kollabieren? Diese Aussage scheint mir die Bedeutung fossiler Energieträger zu überschätzen.

Ich stimme aber zu, dass für Länder, deren Schlüsselindustrie sehr CO2e-lastig ist – z.B. Öl, Gas, Autos oder Rindfleisch – eine drastische Reduktion der CO2e sicherlich mit einem massiven Einbruch des BIP verbunden wäre, weil ein Umstieg auf Ersatz-Industrien mit großen Kosten verbunden wäre und wahrscheinlich nur einen Teil der wegfallenden Arbeitsplätze/Umsätze ersetzen könnte.

Ich möchte mich statt dessen auf ein meiner Meinung nach noch viel größeres Hindernis bei der Lösung des Klimaproblems fokussieren: Nämlich den Nationalstaat.

Ich finde es seltsam, dass du hier den Nationalstaat als losgelöst vom Kapitalismus betrachtest. Bisher gab es keinen Kapitalismus ohne Nationalstaaten als politische Form und nahezu keine längerfristig erfolgreichen Nationalstaaten ohne Kapitalismus (vielleicht mit Ausnahme Kubas, aber allzu erfolgreich und komplett kapitalismusfrei ist das auch nicht).

Warum die Nationalstaaten – insbesondere die reichen und mächtigen unter ihnen – nun plötzlich zustimmen sollten, einen wesentlichen Teil ihrer Souveränität an eine Weltregierung abzugeben, auf die sie selbst keinen Einfluss nehmen könnten und die absehbarer Weise (wie du ja selber schreibst) ihre Schlüsselindustrien ruinieren würde, erschließt sich mir nicht. In der Praxis ist die Perspektive „Weltregierung innerhalb der nächsten 10 Jahre!“ genauso unrealistisch wie „Kommunistische Weltrevolution innerhalb der nächsten 10 Jahre!“

Ich stimme aber auch, dass neben diesen beiden unrealistischen Perspektiven keine andere Möglichkeit erkennbar ist, wie die Klimakatastrophe noch abgewendet werden könnte. Deshalb wird sie kommen.

3 Tobias (10.11.2019, 00:39 Uhr)

Danke Benni für die Veröffentlichung Deiner Gedanken.

Die Klimaveränderung durch die Menschen und wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten ist ein schwieriges Problem.

So wie wir jetzt leben, mit all den sozialen, soll heissen
Mensch-zu-Mensch-Abhängigkeiten im Ggs. zu Mensch-Natur-Abhängigkeiten,
scheint es unlösbar zu sein. Das zeigen die Klimamassnahmen der Regierung
(e-Autos mit Kohlestrom z.B.)
und auch die Vorschläge der Opposition (Verkehr umsonst, Mieten runter als Klimamassnahme der Linken z.B.).

Die Politik ist komplett hilflos, und keiner macht was.

Andere grundlegende Vorschläge, z.B. „Kapitalismus abschaffen“,
werden nicht breit publiziert, insbesondere nicht, was Alternativen sein könnten.
Es gibt auch keine mediale politische Diskussion, die den Namen verdient hätte,
also aufzeigt oder diskutiert, wie die Welt heute funktioniert.
Anscheinend betrachten dies diejenigen, die Publikationen
verbreiten lassen, als Bedrohung.

So kommt es dazu, dass jeder seine eigene Theorie zusammenliest und
sich zusammenstellt, wenn es hoch kommt noch mit Bekannten diskutiert.

Denn den veröffentlichten Schwachsinn, der so oft nachweislich
interessengeleitet und nicht erkenntnisgeleitet ist,
kann man nur eingeschränkt vertrauen.

Ich habe von Publikationen gehört, die schreiben, dass es möglich sei,
alle Menschen heutzutage ziemlich klimafreundlich zu unterhalten,
z.B. „Postwachstunsgesellschaft“, also wirtschaftlich-technisch,
wenn es die soziale und Macht-Ebene nicht gäbe.
So ist da eine Utopie: Irgendwie sozial organisiert geht’s.
Wie genau, darf nicht diskutiert werden, s.o..

Ehrlich gesagt bin ich da auch ziemlich hilflos.

Ich bin mir sicher, es gibt noch viele mehr oder weniger bekannte
und noch mehr unbekannte Möglichkeiten eine klimaschonende
Wirtschaftsweise global zu etablieren.

4 Benni Bärmann (10.11.2019, 07:36 Uhr)

@christian: „Ich kenne eine entsprechende Bemerkung des Klimawissenschaftlers Will Steffen, aber ohne genauere Begründung.“

Die Begründung ist die, die Du ja selbst genannt hast. Große Teile der Welt werden unbewohnbar und sind für Nahrungsmittelproduktion nicht mehr verfügbar. Aber ich hab jetzt auch keine detaillierten Studien zu dem Thema hier, aber ich glaub auch nicht, dass man das wirklich seriös machen könnte. Bisschen zu viele Unbekannte in der Gleichung.

„Diese Aussage scheint mir die Bedeutung fossiler Energieträger zu überschätzen.“

Ja, das ist vielleicht falsch ausgedrückt gewesen. Mit sehr viel Vorlaufzeit kann man das vielleicht sogar langfristig entkoppeln (aber nicht vom Ressourcenverbrauch an sich). Aber diese Zeit haben wir ja nicht mehr. Vor 20 Jahren wäre das vermutlich alles noch deutlich weniger disruptiv gegangen.

„In der Praxis ist die Perspektive „Weltregierung innerhalb der nächsten
10 Jahre!“ genauso unrealistisch wie „Kommunistische Weltrevolution
innerhalb der nächsten 10 Jahre!““

Wie gesagt: Die Disruption kommt eh. Auch für die Reichen und Mächtigen. Deswegen liegt das eigentlich in ihrem Eigeninteresse, die Macht kontrolliert abzugeben, damit sie möglichst viel behalten können. Was nützt es der USA, wenn sie zwar weiterhin souverän handeln können, aber ganze Bundesstaaten in den Fluten versinken und sie ihre Bevölkerung nicht mehr ernähren können? Das wird ihre Macht und ihr Reichtum auch nicht überleben und auch ihre glorreiche Armee wird das nicht verhindern können. Auch die Adeligen haben irgendwann Teile ihrer Macht abgegeben weil sie nicht mehr zu halten war. Manche Freiwillig, andere Gezwungen. Das wird so oder so kommen.

5 Jojo Klick (10.11.2019, 11:29 Uhr)

Ich würde Christians Kritik zustimmen, dass es wenig Sinn ergibt, den Nationalstaat so komplett losgelöst vom Kapitalismus zu betrachten. Der Nationalstaat ist ja aktuell v.a. ein Hindernis weil sich die Staaten in Standortkonkurrenz auf einem kapitalistischen Weltmarkt befinden.

In deinem Szenario gehst du ja schon davon aus, dass der Kapitalismus überwunden werden muss, aber die Re/Produktionsweise die dann an seine Stelle tritt, bleibt unbestimmt. Offensichtlich ist das noch kein Kommunismus/Commonismus, denn es gibt ja immer noch Staaten, bzw. eine Art Weltstaat.Aber es wäre doch gerade relevant, diese Re/Produktionsweise zu klären. Denn wenn diese es Menschen nahelegt, die Bedürfnisse anderer miteinzubeziehen anstatt auf Kosten von anderen zu produzieren und konsumieren, dann ist die Forderung nach einem Weltstaat nicht nur überflüssig, sondern würde auch Exklusionslogik wieder einführen.Was meinst du mit „Logik von Ressourcenverbrauch und Wohlstand“? Was macht diese Logik aus, durch was wird sie hervorgebracht?

6 Thomas U. Grüttmüller (11.11.2019, 00:21 Uhr)

Aus meiner Sicht ist es ein reines Energie-Problem. Unsere Energieversorgung weltweit kommt hauptsächlich aus fossilen Trägern und zu einem kleinen Teil aus Kernenergie. Das alles muss auf erneuerbare Energiequellen umgestellt werden, und schon ist das Problem gelöst.

Das Problem ist nicht unbedingt ein kapitalistisches. Die DDR mit ihrer Abhängigkeit von Braunkohle und nicht beherrschbaren KKWs hatte ohnehin schon eine Energie-Problem und stünde heute auch vor der Herausforderung, die Versorgung auf Erneuerbare umzustellen. Es mag sein, dass dies im Sozialismus besser geht; man könnte z.B. eine volkseigene Batteriefabrik auf die grüne Wiese setzen, ohne dass irgendeine Privatperson sich eine goldene Nase daran verdient. Umgekehrt kann es aber auch passieren, dass die Regierung in ihrer Betonköpfigkeit den Klimawandel als kapitalistische Propaganda abtut oder die Umstellung auf Erneuerbare viel zu halbherzig vorantreibt.

Am 18. November will „Die Linke“ (die sogenannte) in einer Bundespressekonferenz ihr Klimapapier vorstellen. Auf einer Veranstaltung in Hamburg hat der klimapolitische Sprecher Lorenz Gösta Beutin ein paar kleine Einblicke gegeben, aus denen ersichtlich wird, wie halbherzig auch „Die Linke“ sich diesem Thema annimmt: Die Stromversorgung soll bis 2030 auf 63 % Erneuerbaren-Anteil gebracht werden. Durch energetische Sanierung enteigneter Altbauten soll der CO₂-Ausstoß beim Heizen halbiert werden usw. Lauter unausgegorener, halbherziger Müll, der von den Parteikadern hinter dem Rücken der Basis zusammengeschrieben wurde. Aber immerhin, „Die Linke“ befasst sich jetzt mit dem Thema, Fridays For Future sei Dank.

Statt nur ein Ende des Kapitalismus zu fordern, sollte man auch dazusagen, was es dann sein soll. Ich möchte einen basisdemokratischen Sozialismus, und ich finde, der sollte vehement eingefordert werden.

Und auch, wenn ein Ende des Kapitalismus weltweit gerade nicht in Sicht ist, ist das kein Grund zum Verzweifeln. Ich finde, es gibt auch innerhalb des Kapitalismus gerade ein paar interessante Entwicklungen:

1. Die Preise für Erneuerbare fallen immer weiter, und irgendwann kommt der Zeitpunkt, ab dem Öl und Kohle nicht mehr konkurrenzfähig sind. Das gilt glücklicherweise auch für die USA, die aus dem Pariser Abkommen ausgetreten sind und von denen auf politischem Wege nichts mehr zu erwarten ist.

2. Die etablierten Autohersteller hatten Jahrzehnte Zeit, ein Elektrofahrzeug zu entwickeln, hatten aber keinen Bock drauf. Dann kam plötzlich Tesla, ein völliger Newbee, und hat mal eben ein Luxus-Elektroauto auf den Markt gebracht. Das ergab zwar vom Umwelt-Gesichtspunkt her keinen Sinn, denn es ist kein massentaugliches Auto. Für die alten Autohersteller ist es aber eine Katastrophe, denn ihre Verbrenner im High-End-Bereich sind auf einmal lahme Schnecken. Jetzt sind die alten Autohersteller plötzlich in Zugzwang, ebenfalls Elektroautos zu bauen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Neuwagen mit Verbrennungsmotor kaufen schon jetzt nur noch Idioten. Der Strom aus der Steckdose ist pro 100 km nur halb so teuer wie das Benzin an der Tankstelle. Und die Preise für Akkus halbieren sich derzeit alle vier Jahre, d.h. Verbrenner sind in wenigen Jahren bereits vom Anschaffungspreis her unwirtschaftlich.

7 Benni Bärmann (12.11.2019, 14:16 Uhr)

@jojo, Christian:

„Ich würde Christians Kritik zustimmen, dass es wenig Sinn ergibt, den
Nationalstaat so komplett losgelöst vom Kapitalismus zu betrachten.“

Ich verstehe nicht so ganz wo ich das getan haben soll. Zunächst ist doch mal festzuhalten, dass das nicht das selbe ist. Kapitalismus zeichnet sich ja historisch gerade aus durch eine zunehmende Trennung von ökonomischer und politischer Macht. Egal welches System auch immer danach kommen mag, wird es immer eine wieder stärkere Verbindung dieser beiden Sphären beinhalten. Wenn dann noch kein Weltkommunismus ist (und das ist innerhalb der nächsten Jahre ja auch nicht zu erwarten, selbst wenn ab sofort alles ausnahmsweise mal in die richtige Richtung laufen würde), dann wird es aber weiterhin noch irgendwelche Formen von Konkurrenz geben und das beinhaltet eben Konkurrenz um möglichst billige Energie zB. auch unabhängig vom Kapitalismus.
@jojo: „Was meinst du mit „Logik von Ressourcenverbrauch und Wohlstand“?“

Damit meine ich eben, dass die Verknüpfung von Ressourcenverbrauch und Wohlstand auch rein stofflich nicht zu vermeiden ist auch unabhängig vom Kapitalismus. Ein gewisser Lebensstandard für eine gewisse Anzahl an Menschen bedeutet einen gewissen Ressourcenverbrauch ob im Kapitalismus im Kommunismus oder auf Alpha Centauri. Natürlich kommt es auf das wie und das wieviel an. Aber welches System in Zukunft auch immer an die Stelle des Kapitalismus treten soll muss irgendeine Form von globalem Ressourcenmanagement beinhalten. Die von mir vorgeschlagene Weltregierung Light zur CO2e-Reduktion wäre ein Einstieg in so ein System.

@Thomas: Schön dass Du am Beispiel der DDR das auch nochmal deutlich gemacht hast, dass hier das ökonomische System nicht unbedingt der ausschlaggebende Faktor ist.

Bei „Aus meiner Sicht ist es ein reines Energie-Problem.“ kann ich aber schon wieder nicht mehr mitgehen. Waldzerstörung und Landverbrauch ist ein CO2e-Problem, aber kein Energieproblem. Torf, Viehwirtschaft, Beton, Agrotechnik und Chemische Industrie erzeugen CO2e in sehr erheblichem Ausmaß und haben mit Energie nichts zu tun. Und dabei ist noch nicht mal berücksichtigt, dass das Klima ja nur ein Teil der Ökologischen Krise ist und das Artensterben durch noch viel mehr Faktoren angetrieben wird und nicht bloß durchs Klima. Sicherlich sind erneuerbare Energieen mit der wichtigste Teil der Lösung aber leider bei weitem nicht die einzigen. Es ist durchaus ein Zukunftspfad vorstellbar in dem wir sehr bald alle Energie erneuerbar erzeugen und trotzdem das Klima aus dem Holozän kippt.

8 Christian Siefkes (12.11.2019, 19:09 Uhr)

@Benni:

Große Teile der Welt werden unbewohnbar und sind für Nahrungsmittelproduktion nicht mehr verfügbar. Aber ich hab jetzt auch keine detaillierten Studien zu dem Thema hier, aber ich glaub auch nicht, dass man das wirklich seriös machen könnte. Bisschen zu viele Unbekannte in der Gleichung.

Ja, aber darin liegt eben auch eine gewisse Hoffnung – Menschen können auf relativ engem Raum leben, wie Länder mit hoher Bevölkerungsdichte zeigen. Landwirtschaft wird sicherlich eine große Herausforderung bei der Aufgabe, möglichst viele Menschen am Leben zu erhalten, aber auch da gibt es sicherlich bislang nicht ausgereizte Möglichkeiten, z.B. vertikale Farmen mit mehreren Stockwerken. Es gibt einen lesenswerten Artikel über das Überleben in einer 4 Grad wärmeren Welt, wo die Autorin (Gaia Vince) auf solche Möglichkeiten eingeht.

Klar ist, dass das alles kein Zuckerschlecken wird und dass die kommunistischen Visionen einer schönen Zukunft, in der alle machen, was sie möchten und sich nehmen, was sie wollen, leider passé sind. Aber alle Hoffnungen würde ich deshalb nicht aufgeben; die Herausforderung wird darin bestehen, aus beschissenen Umständen doch noch das Beste zu machen.

Auch für die Reichen und Mächtigen. Deswegen liegt das eigentlich in ihrem Eigeninteresse, die Macht kontrolliert abzugeben, damit sie möglichst viel behalten können. Was nützt es der USA, wenn sie zwar weiterhin souverän handeln können, aber ganze Bundesstaaten in den Fluten versinken und sie ihre Bevölkerung nicht mehr ernähren können? Das wird ihre Macht und ihr Reichtum auch nicht überleben und auch ihre glorreiche Armee wird das nicht verhindern können. Auch die Adeligen haben irgendwann Teile ihrer Macht abgegeben weil sie nicht mehr zu halten war. Manche Freiwillig, andere Gezwungen. Das wird so oder so kommen.

„Das wird so oder so kommen“: Das denke ich auch, aber gibt es Beispiele (mehr als nur Ausnahmen) von Adeligen, die ihre Macht freiwillig abgegeben haben, Jahrzehnte bevor sie sonst vielleicht dazu gezwungen worden wären? Das wäre hier ja die notwendige Parallele.

Und „die USA“ ist halt kein Akteur. Macht ist in Demokratien nicht vererbbar, und die heutigen Politiker:innen, die alt genug sind, um es in wichtige Positionen gebracht zu haben, können sich ausrechnen, dass sie in 30–40 Jahren, wenn die Probleme vielleicht richtig kritisch werden, im Altersheim sitzen und kaum noch mehr mitkriegen werden, was um sie herum passiert – dann ist es nicht mehr ihr Problem.

Und was Reichtum betrifft, ist die im Kapitalismus übliche Zeitspanne, in der sich Investitionen rechnen müssen, 20–30 Jahre. Dass ihr Reichtum in 30 bis 150 Jahren womöglich ernsthaft bedroht sein könnte, wird viele Wohlhabende wahrscheinlich beunruhigen, aber nicht hinreichend stark, als dass sie deswegen bereit wären, heute im großen Stil auf Gewinnmöglichkeiten zu verzichten. Dass ist alles noch zu weit weg, zu unsicher („vielleicht findet sich ja doch noch eine praktikable Geoengineering-Lösung?“) und wird wahrscheinlich nicht mehr als ein achselzuckendes „naja, wenn nötig werden unsere Nachkommen halt rechtzeitig die Branche/das Land wechseln müssen“ auslösen.

Also dein Appell ans „Eigeninteresse“ der Reichen und Mächtigen ist ein guter Versuch, aber ich vermute, du wirst bei den meisten von ihnen damit auf Granit beißen 🙁 . (Sofern sie ein konkretes kurzfristiges Interesse an CO2e-intensiven Branchen haben – die paar Solar- und Windunternehmer musst du nicht überzeugen, aber das sind halt auch zu wenige, um viel zu ändern.)

9 Christian Siefkes (12.11.2019, 19:38 Uhr)

Ich habe mir auch nochmal die Idee, dass es aufgrund der Staatenkonkurrenz eine Weltregierung braucht, durch den Kopf gehen lassen. Tatsächlich stammen 71 Prozent der fossilen CO2-Emissionen aus sieben Staaten(verbünden) – China, USA, EU (inklusive des ausstiegswilligen Großbritannien), Indien, Russland, Japan und Südkorea.* Sollten sich die Entscheidungsträger aus diesen sieben „Ländern“ auf ein gemeinsames effektives Protokoll zur CO2e-Reduzierung einigen können, würde es dann daran scheitern, dass die anderen 30 Prozent nicht mitmachen? Ich denke nicht. Zum einen wären die anderen Staaten dann wahrscheinlich zum Großteil bereit, sich anzuschließen – um nicht als „Schurkenstaaten“ dazustehen und weil sie dann ja keine Wettbewerbsnachteile befürchten müssten. Zum anderen könnten die Länder, der sich doch verweigern, wahrscheinlich durch Strafzölle und Sanktionen so unattraktiv gemacht werden, dass ihr laxeres Emissionsregime keinen Wettbewerbsvorteil mehr darstellt.

(* Laut Wikipedia – die nicht einzelnen Ländern zugeordneten Emissionen aus internationaler Schiff- und Luftfahrt habe ich je zur Hälfte den sieben Großemittenten zugerechnet, wobei ich vermuten würde, dass deren realer Anteil eher größer ist.)

Andererseits: Wenn sich die Entscheidungsträger der sieben Großemittenten nicht auf einen konkreten Ansatz zur Emissionsreduzierung einigen können, sollten sie sich dann aber trotzdem darauf einigen können, einer Weltregierung einen Blankoscheck für eine Lösung auszustellen, auf die sie selbst gar keinen Einfluss mehr nehmen können? Das erscheint wenig plausibel…

OK, das sind jetzt nur die fossilen CO2-Emissionen – bei anderen Treibhausgasen und bei CO2-Emissionen aus Entwaldung dürfte die Verteilung etwas anderes und vielleicht etwas ausgewogener sein. Aber auch da denke ich: Generell wird es eine Handvoll an hauptverantwortlichen Akteuren geben, die deshalb auch bei der Lösung – sofern es eine gibt – die Hauptrolle spielen müssten. An diesen Hauptakteuren vorbei wird nichts gehen – aber wenn sie sich einigen könnten, wäre auch keine Weltregierung mehr nötig.

10 Benni Bärmann (14.11.2019, 07:06 Uhr)

@christian wg. den 70%: naja, darum gehts doch genau, um ein „effektives Protokoll zur CO2-Reduktion“. Ist schon klar, dass das nicht geht ohne dass die wichtigsten Produzenten mitspielen. Nur dieses „effektive Protokoll“ muss halt irgendwie halt auch wirklich effektiv sein. Sprich: Es muss Möglichkeiten geben Abweichler zur Vernunft zu bringen. Es kann ja jederzeit passieren, dass es sich ein Land anders überlegt. Das Problem haben wir ja jetzt schon mit den USA bei Paris. Außerdem sind die übrigen 30% auch nicht ohne, weil da viele Schwellenländer dabei sind, deren Emmissionen sehr schnell steigen. Ich vermute also, dass dieses Verhältnis sich in Zukunft eher verringert.

Irgendwie scheint in der ganzen Diskussion das Wort „Weltregierung“ auch ein bisschen ein Aufregerwort zu sein. Es geht doch nicht um eine Weltregierung in dem Sinn, was heute eine nationale Regierung ist. Ich würde es eher den Einstieg in den Ausstieg aus dem Nationalstaat durch effektive globale Institutionen nennen.

„Klar ist, dass das alles kein Zuckerschlecken wird und dass die
kommunistischen Visionen einer schönen Zukunft, in der alle machen, was
sie möchten und sich nehmen, was sie wollen, leider passé sind.“:

Da sehe ich ehrlich gesagt überhaupt keinen Zusammenhang. Das es eine Verbindung zwischen dem technischen Niveau und der Möglichkeit des Kommunismus gibt halte ich für eine marxistische Illusion. Der Kommunismus war zu allen Zeiten möglich, weil es zu allen Zeiten möglich war sich an den Bedürfnissen aller Menschen zu orientieren. Es geht eher darum, dass das Leben weniger luxeriös werden wird ganz unabhängig davon ob wir im Kommunismus oder im Kapitalismus leben.
„… aber gibt es Beispiele (mehr als nur Ausnahmen) von Adeligen, die ihre
Macht freiwillig abgegeben haben, Jahrzehnte bevor sie sonst vielleicht
dazu gezwungen worden wären?“

Naja das kommt auf die Definition von „freiwillig“ an. Natürlich gab es Druck. Aber eigentlich gibt es, wenn man sich die Geschichte anguckt immer wieder Situationen, in denen die Adligen Teile ihrer Privilegien abgeben um Schlimeres zu verhindern. Ich hab ja im Text oben schon auf Magna Charta und die Bill of Rights verwiesen. Das ganze „lange 19. Jahrhundert“ ist voll von einem permanenten hinundher in der Frage. Es gab auch damals immer Teile des Adels, die für Reformen waren und (meistens größere) Teile, die am alten Status festgehalten haben. Das ist heute ganz ähnlich denke ich. Entscheidend ist damals wie heute der Druck von Unten.

11 Perikles (14.11.2019, 18:25 Uhr)

Ich teile die Überlegung, dass es globaler Institutionen bedürfe, welche in der Lage sind einzelnen Akteuren (Unternehmen, Staaten) gewisse Standards und möglicherweise Entnahmegrenzen für Rohstoffe etc. vorzuschreiben.

Es ist jedoch völlig unklar wer diese initiieren soll und weshalb sich ein oder gar alle Nationalstaaten (der Nordhalbkugel) sich an die Vorgaben dieses Gremiums oder dieser Einrichtungen halten sollten. Woher sollen die Machtmittel kommen?

Wenn wir die Geschichte betrachten, entwickelten sich neue Institutionen selten einfach aus dem Nichts. Weitgehend handelte es sich dabei um Umformungen bestehender Institutionen.

Überhaupt erwarte ich eher von (größeren) Unternehmen und regionalen Intitiativen den Klimawandel zu drosseln als von den zentralen Staatsregierungen.

Eine mögliche Kombination eines Zusammenschluss regionaler Verbünde und globaler Institutionen sehe ich z.B. in Ansätzen wie dem Global Parliament Of Mayors. Also derart, dass Städte und Gemeinden ihre Beziehungen intensivieren und parallele Institutionen schaffen, welche sich global vernetzen und so zunehmend auf Unternehmen und Zentralstaats-Regierungen Druck ausüben können. In etwa wie eine globalisierte Hanse.

Eine solche Entwicklung könnte auch den Widerspruch von Regionalität und Globalität aufheben und Heimatbedürfnisse ebenso einlösen wie dem aufsteigenden Nationalismus Einhalt gebieten.

Eine für nahezu jeden Menschen verständliche Forderung könnte deshalb die (weitmögliche) Kommunalisierung und Demokratisierung (in Richtung deliberative Demokratie) von politischen Entscheidungen, Verwaltung und Öffentlicher Daseinsvorsorge sein.

Dazu hat Benjamin Barber 2013 einen Vortrag gehalten „Weshalb Bürgermeister die Welt regieren sollten“: https://www.youtube.com/watch?v=P-lBlZ3hqKc

12 Benni Bärmann (14.11.2019, 19:37 Uhr)

@perikles: Ob es jetzt ein Zusammenschluss von Nationalstaaten ist oder von Städten und Regionen ändert am Grundproblem nichts. In beiden Fällen wird es Einheiten geben, die nur sehr schwer zu überzeugen sein werden und andere, deren Existenz viel direkter bedroht ist.

13 doc (15.11.2019, 23:45 Uhr)

Nö. Kapitalismus, Nationalismus und Herrschaft sind drei Seiten von ein und der selben Scheiße. Ein gemeinsames Überleben auf der Basis des Klimawandels kann es geben, wenn Menschen nach Lösungen suchen und sich darüber auf Augenhöhe ins Benehmen setzen.  Und da nachhaltige Überlebensstrategien ohnehin nur in sozialen Gruppen denkbar sind, ist es erforderlich Netzwerke zu bilden. Es wird nichts mehr geben, was „Durchzusetzen“ wäre, es sei denn im Rahmen eine Kampfes der Reichen gegen die Armen um das Überleben. Solidarisch wird das nicht sein.

14 Benni Bärmann (16.11.2019, 15:48 Uhr)

@doc: ja, ich strebe auch eine Gesellschaft an, in der sich niemand mehr „durchsetzen“ muss. Nur rechne ich nicht damit, dass das in naher Zukunft möglich ist und selbst wenn morgen alle Herrschaftsmittel auf magische Weise verschwinden, so sind wir doch alle zu sehr in diesem System groß geworden um einfach so alle mit einzubeziehen.

Da die Lösung des Klimaproblems aber vor allem _dringend_ ist (siehe 3.), muss man den Klimaschutz halt doch irgendwie „durchsetzen“ und das geht halt nur global.

15 Christian Siefkes (16.11.2019, 17:17 Uhr)

@Benni #10:

Sprich: Es muss Möglichkeiten geben Abweichler zur Vernunft zu bringen. Es kann ja jederzeit passieren, dass es sich ein Land anders überlegt. Das Problem haben wir ja jetzt schon mit den USA bei Paris.

Effektivere Mittel als wirtschaftliche Sanktionen und Boykott werden sich da wohl nicht finden lassen. Oder denkst du ernsthaft, es könne eine Institution geben, die es sich leisten könnte, mit „militärischen Mitteln“ gegen atomar bewaffnete Staaten wie die USA, Großbritannien, Russland, China und Indien vorzugehen?

Übrigens hat ja auch die EU – obwohl deren Mitglieder ihr einen nicht so kleinen Teil ihrer staatlichen Souveränität abgetreten haben – nicht das Recht, gegen Mitgliedstaaten polizeilich oder militärisch vorzugehen. Was sich ja auch schon als Problem erwiesen hat, wenn etwa Polen oder Ungarn EU-Entscheidungen ignoriert haben, ohne dass die EU da viel machen könnte.

Außerdem sind die übrigen 30% auch nicht ohne, weil da viele Schwellenländer dabei sind, deren Emmissionen sehr schnell steigen.

Mein Argument war ja auch nicht, dass die unwichtig sind, sondern dass sie sich einen Abkommen vermutlich großteils anschließen würden, sofern die „Großen“ mit gutem Beispiel vorangehen.

Entscheidend ist damals wie heute der Druck von Unten.

Klar, mit genügend „Druck von unten“ geht theoretisch alles. Aber das ist nun wieder eine ziemlich andere Argumentationslinie als oben, wo du vom „Eigeninteresse“ der „Reichen und Mächtigen“ sprachst.

Das es eine Verbindung zwischen dem technischen Niveau und der Möglichkeit des Kommunismus gibt halte ich für eine marxistische Illusion. Der Kommunismus war zu allen Zeiten möglich, weil es zu allen Zeiten möglich war sich an den Bedürfnissen aller Menschen zu orientieren.

Ich sprach ja auch von (bestimmten) „kommunistischen Visionen einer schönen Zukunft“, nicht vom Kommunismus an sich. „Kommunismus“ ist ein flexibler Begriff, unter dem sich verschiedene Leute ganz unterschiedliche Dinge vorstellen, weshalb sich da kaum eine allgemeine Aussage treffen lässt. In einer vier Grad wärmeren Welt werden Solidarität, umfassende Kooperation und tatsächlich eine weitgehende Einbeziehung der „Bedürfnisse aller Menschen“ wahrscheinlich sehr viel nötiger sein als heute, weil die Alternative zu Massenmord und vollständigem Kollaps führen dürfte. Insofern sind das vielleicht gar nicht mal so schlechte Voraussetzungen für einen Kommunismus – aber eben für einen, der sich von Visionen wie Post Scarcity und vollautomatischem Luxuskommunismus radikal unterscheiden wird.

#12:

In beiden Fällen wird es Einheiten geben, die nur sehr schwer zu überzeugen sein werden und andere, deren Existenz viel direkter bedroht ist.

Tatsächlich gibt es ja auch die, deren Existenz sehr direkt bedroht ist und die trotzdem schwer zu überzeugen sind. Australien leidet ja jetzt schon massiv unter Klimawandel-verstärkten Waldbränden und könnte, da es in der subtropischen Zone liegt, durch den Klimawandel leicht unbewohnbar werden. Trotzdem macht seine Regierung – offenbar mit Zustimmung der Bevölkerungsmehrheit – eine klimafeindliche Politik wie kaum ein anderes Land. Und obwohl Florida absehbarerweise untergehen wird, wenn nicht sehr schnell viel passiert, wurde dort mehrheitlich Trump gewählt. Mit einem Verweis auf ein mehr oder weniger rationales Eigeninteresse lassen sich solche Verhaltensweisen nicht erklären, höchstens mit anderen psychologischen Faktoren wie Verdrängung.

16 Benni Bärmann (18.11.2019, 16:46 Uhr)
@christian: ja, das mit dem militär ist vielleicht nicht wirklich der entscheidende punkt.

Klar, mit genügend „Druck von unten“ geht theoretisch alles. Aber das
ist nun wieder eine ziemlich andere Argumentationslinie als oben, wo du
vom „Eigeninteresse“ der „Reichen und Mächtigen“ sprachst.

Ne. Beides muss zusammen kommen, damit das Wirklichkeit werden kann.

„Ich sprach ja auch von (bestimmten) „kommunistischen Visionen einer schönen Zukunft“, nicht vom Kommunismus an sich.“

Hm. Ok. Komische Unterscheidung. Eigentlich ist für mich jede Zukunft schön, wenn sie sich endlich mal an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Aber ich verstehe was Du meinst. Es macht natürlich einen Unterschied, ob es ein High- oder ein Low-tech-Kommunismus ist. Aber selbst wenn es klimabedingt erst mal hart wird, würde ja eine Gesellschaft, die an den Bedürfnissen der Menschen orientiert ist, sehr schnell auch wieder ein technisches Niveau erreichen mindestens so wie heute.

Tatsächlich gibt es ja auch die, deren Existenz sehr direkt bedroht ist und die trotzdem schwer zu überzeugen sind.

Damit hast Du natürlich Recht. Aber ich glaube schon, dass die materiellen Verhältnisse sich da über kurz oder lang Bahn brechen. Australien hatte übrigens auch schon mal ne kurze Phase, wo sie eine vergleichsweise klimafreundliche Politik gemacht haben, das wurde dann aber wieder kassiert. Je mehr die Folgen spürbar werden, umso mehr kommt die Klimapolitik auch ins kurz- und mittelfristige Denken bei den Leuten rein. Vermutlich halt zu spät, aber dass das früher oder später passiert, davon kann man glaub schon ausgehen.

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