Die vierte Internet Revolution passiert jetzt

Dieser Artikel wurde geschrieben auf Anfrage von Leuten des Debattenblogs der IL. Da deren Mühlen etwas langsam mahlen und es um aktuelle Ereignisse geht, veröffentliche ich ihn schon mal hier. Dass nur als Erklärung vorne weg, weil die Zielgruppenansprache vielleicht ein bisschen off wirkt 😉

Bekanntlich rennt die Zeit im Internet schneller als anderswo. Was eben noch Gewissheit war, ist jetzt schon überholt. Ein Trend jagt den nächsten. Doch grob lässt dich die Geschichte des jungen Mediums in drei Phasen einteilen. Interessanterweise korrespondieren diese Umbrüche auch mit den historischen Umbrüchen, die mehr oder weniger gleichzeitig in der größeren Welt „draussen“ passierten.

Das Internet kam zusammen mit der 68er Revolution in die Welt als ein Medium für eine sehr kleine Technikelite, für die meisten Menschen genauso unzugänglich wie ein Teilchenbeschleuniger. Im Laufe der Jahre verbesserte sich die Zugänglichkeit dann etwas auf das Niveau von Universitätsbibliotheken. Doch von Anfang an waren viele kulturelle Normen des Netzes ähnlich zu solchen der 68er. Aus dieser Verbindung von Hippiekultur und Technikelite sollte sich später dann das entwickeln, was „Californian Ideology“ (Barbrook/Cameron) genannt wurde.

Ein Phänomen für breite Bevölkerungsschichten wurde das neue Medium erst, als persönliche Computer weit verbreitet waren, Telekommunikationsunternehmen begannen günstige Anschlüsse zu verkaufen und nicht zuletzt an einem der erwähnten Teilchenbeschleuniger das WWW erfunden wurde, was eine ganz neue Art der Präsentation und des Zugangs ermöglichte. Das war die zweite Internetrevolution. Das alles während „draußen“ in der weiteren Welt der kalte Krieg sein Ende fand und der Neoliberalismus seinen endgültigen Siegeszug begann. Demgegenüber erschien das „Neuland“ (Merkel) als eine „blühende Landschaft“ (Helmut Kohl) in der vergleichsweise unreguliert ganze Branchen umgekrempelt wurden und sogar erste zarte Pflänzchen einer ganz neuen Produktionsweise (Wikipedia, Linux, Open Source, …) entstanden.

Doch mit dem Beginn des „Kriegs gegen den Terror“ drehte sich der Wind. Die dritte Internetrevolution war eine Konterrevolution. Das Netz wurde stärker reguliert, überwacht und eingehegt. Staat und Kapital arbeiteten dabei Hand in Hand in einer ähnlichen Bewegung wie sie seit dem 17. Jahrhundert überall geschieht, wo Kapitalismus ist: Enclosure of the Commons. Während staatliche Insitutionen regulierten und überwachten übernahmen diejenigen neuen Techkonzerne, die den Kollaps der New Economy überlebt hatten, das Aufbauen der Zäune um die Datengärten und katapultierten sich damit innerhalb weniger Jahre in die Spitzenklasse der kapitalistischen Wertschöpfung.

Ein zentraler Mechanismus um die neuen Commons in ihre Schranken zu weisen war die Erfindung von Corporate Social Media. Es gelang den Konzernen die Beziehungen der Menschen zu monetarisieren in dem sie einen goldenen Käfig für sie bauten, der es ihnen einfach wie nie machte, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen und eine unendliche Vielfalt von Communities aufzubauen. Viele commonistische Errungenschaften aus der zweiten Phase des Internet (Blogs, Foren, …) wurden in die neuen Gärten überführt während gleichzeitig diese Gärten selbst auf der Vorarbeit der Commoners errichtet wurden. Kratze auch nur einen Millimeter an der Oberfläche eines beliebigen Techmonopolisten und darunter ist immer noch die blühende Welt der frühen Jahre zu finden. So war diese Einhegung auch viel weniger vollständig als in vergangenen Phasen des Kapitalismus. Ein Großteil der Wertschöpfung passierte immer noch in neuen Produktionsweisen, die nicht mehr reel sondern nur noch formell unter das Kapital subsummiert waren. Niemand hat dieses prekäre Verhältnis so prägnant beschrieben wie Randall Munroe (@xkcd) in diesem bekannten Comic:

Das konnte nicht so weiter gehen. Seit Jahren gibt es den Versuch mit Scams wie „Crypto Curency“, „Blockchain“, „NFT“ oder „Web 3.0“ die Enclosure of the Commons neu zu forcieren, doch deren Unzulänglichkeiten werden immer offensichtlicher und die Communities, die sie versuchen zu propagieren immer randständiger. Es ist nur eine Frage der Zeit bis dieses Kartenhaus endgültig kollabiert, da es im Kern eine Ansammlung von immer bizarreren Schneeballsystemen darstellt.

Das klassische Modell des Silicon-Valley-Kapitalismus ist derweil in seiner ersten ernsten Krise seit dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Fast alle großen Techkonzerne entlassen Tausende von Mitarbeitenden. Die Zukunftsvorstellungen der vermeintlichen Techvisionäre erscheinen immer fadenscheiniger. Investoren zweifeln an Zuckerbergs „Metavers“ ebenso wie an Musks Marsbesiedelung. Beide erscheinen immer mehr als die aus der Zeit gefallene Remakes von linker 80er Jahre Science Fiction (William Gibbson, Kim Stanley Robinson, …), die sie sind. Und auch dieses Mal passiert fast gleichzeitig „draussen“ ein geopolitischer Umbruch: Die „Zeitenwende“ (Scholz).

Selbstverständlich ist Geschichte immer offen, doch es deutet viel darauf hin, dass es diesmal wieder in die andere Richtung gehen könnte. Die Commoners haben aus ihrer Niederlage gelernt. Ein großer Nachteil der wilden Jahre war, dass die nicht vorhandene Regulation nicht nur viele kreative Nischen ermöglicht hat sondern auch das Aufblühen von faschistischen Hasswellen mit sich brachte. Fast alle haben inzwischen verstanden, dass es irgendeine Form von Regulierung braucht, damit das Netz kein Ort ist, an dem einfach der stärkere Bully gewinnt. Doch gerade an dieser Aufgabe scheiterten die Techkonzerne. Weder immer ausgefuchstere Algorithmen noch Heerscharen von schlecht bezahlten Moderator*innen waren in der Lage das Problem zu lösen. Denn es gibt da einen grundsätzlichen Zielkonflikt: Die Hasswellen sind profitabel weil sie Aufmerksamkeit und Emotionen erzeugen, die die Leute bei der Stange halten, damit sie sich weiter die Werbung angucken. Natürlich gibt es auch noch andere Geschäftsmodelle, man kann einfach Zugang direkt verkaufen, wie es am erfolgreichsten vermutlich Netflix oder Spotify vormachen oder man kann sich schleichend in einen klassischen Medienkonzern verwandeln, nur dass die Rolle der Redaktion nach und nach von einem Algorithmus übernommen wird (im Grunde ein klassisches Automatisierungsmodell). Beides hat aber nicht die transformative Rolle für die Öffentlichkeit, wie es Corporate Social Media hat.

Und die Plattform, die am meisten mit diesen Problemen zu kämpfen hat, weil sie am nächsten dran ist an der globalen politischen Öffentlichkeit, kollabiert als erstes in genau diesen Tagen: Twitter. Elon Musk ist dabei eher ein Katalysator, der den sowieso unvermeidlichen Niedergang beschleunigt, als seine Ursache. Twitter war noch nie profitabel und genau seine Position als einerseits zentrales globales politischen Kampffeld und Organisations- und Mobilisierungsplattform für politische Bewegungen von rechts bis links hat den Umgang dort in den vergangenen Jahren immer mehr vergiftet. Und diese Dynamik hat auch dazu geführt dass die gesellschaftliche Linke dort immer mehr auf einem Rückzugskampf war, obwohl sie es war, die diesen Ort überhaupt erst politisch relevant gemacht hat. Und nicht zuletzt hat diese von der Plattform forcierte Dynamik dazu geführt, dass auch innerlinke Debatten immer unkonstruktiver und unversöhnlicher wurden, dass immer mehr auf einzelne berühmte Personen fokussiert wurde und immer weniger wirklicher Diskurs statt fand. Was wir daraus lernen können: Der eine zentrale Ort für eine politische globale Öffentlichkeit (der in Zeiten des Anthropozäns natürlich eigentlich dringend gebraucht würde) kann nicht profitabel organisiert werden.

Nun sind diese Probleme für alle, die sie sehen wollten, schon seit Jahren recht offensichtlich. Weswegen es auch schon seit Jahren immer wieder Versuche von Commonern gibt, selber solche Orte zu schaffen, an denen wir unser Gemeinsames verhandeln oder auch nur bloß mit unseren Freund*innen in Kontakt bleiben können, ohne dabei als Werbekunden und Datenlieferanten ausgequetscht zu werden oder gar Opfer rechter Hetzkampagnen zu werden. Bei den meisten dieser Versuche war von Anfang an Dezentralität Programm. Denn wenn es verschiedene Foren/Server/Instanzen gibt, die jeweils von eigenen Communities betrieben und moderiert werden, die aber dennoch Inhalte miteinander austauschen können, gibt es keine Notwendigkeit für die unmögliche Quadratur des Kreises der einen Moderationspolicy für alle. Ein weiteres wichtiges Merkmal war immer, dass die verwendete Software Open Source sein muss. Denn so verhindert man effektiv, dass neue Zäune gebaut werden.

Nun gab es glücklicherweise genau zum Zeitpunkt des schleichenden Twitterkollaps schon eine sehr aktive Community rund um eine Software, die nicht nur dieses Paradigma implementiert sondern zusätzlich genau die Anwendung von Twitter (also Kommunikation vor allem über kurze Textnachrichten) ermöglicht, nämlich „Mastodon“. Eine Entwicklung aus Berlin, die nicht nur einfach ein Twitter Ersatz sein will, sondern den Anspruch hat, durch subtile Implementierung und vor allem Nicht-Implementierung von Features, das allgemeine Diskussionsklima positiv zu beeinflussen. Inzwischen bestehen auch Jahre der Erfahrung mit der Software, die es erlauben davon auszugehen, dass das zumindest teilweise glückt.

Mastodon hat zusätzlich den Vorteil, dass man dort nicht nur mit anderen Mastodon-Instanzen kommunizieren kann, sondern mit allen anderen Projekten des „Fediverse“. Dort kann jede Software, die das standardisierte ActivityPub-Protokoll spricht, mit jeder anderen kommunizieren. So war von Anfang an schon eine gewisse kritische Masse erreicht. Und es gibt inzwischen einen ganzen Zoo an solchen freien Projekten (Friendica, PeerTube, Pixelfed, …), die so ziemlich jede Funktion, die bisher noch von Corporate Social Media angeboten wird, ermöglichen. Es gibt also wirklich eine realistische Chance, dass wir uns in naher Zukunft komplett vom Modell Corporate Social Media lösen können und damit einen zentralen Teil des immateriellen Kapitalismus in unsere Hände überführen können. Im Grunde ist es ein kollektiver Enteignungs- oder Wiederaneignungsprozess, der da gerade statt findet.

Momentan herrscht bei Mastodon eine unglaubliche Dynamik und Aufbruchstimmung. Täglich treten hundertausende neue Nutzer*innen dem Netzwerk bei und es kommt zu einem Clash of Cultures, der ein wenig an den „eternal September“ der ersten Jahre der zweiten Internetrevolution erinnert und natürlich einige technische und soziale Probleme mit sich bringt. Es gibt aber auch mit solchen Wellen inzwischen einige Erfahrung dort und viele sind sehr zuversichtlich, dass sich das schnell zurecht ruckelt, auch wenn es die größte Welle ist, die wir dort je erlebt haben.

Ein Problem, dass dabei oft gerade von linken Aktivist*innen, die neu im Netzwerk aufschlagen, adressiert wird, ist, dass die dezentrale Struktur von Mastodon es mit sich bringt, dass es nicht so einfach ist, wie bei Twitter, es als Mobilisierungstool zu benutzen. Es gibt eben nicht den einen Ort, an dem man alle erreicht. Dennoch kann man potentiell auch dort alle erreichen, nur hilft einem halt kein ausgefeilter Aufmerksamkeitslenkungsalgorithmus dabei. Das hat auch nicht nur Nachteile sondern auch Vorteile, zB muss man sich dann auch weniger mit dem bei Twitter üblichen Kapern von Hashtags durch Rechte auseinandersetzen. Es ist schwieriger für die rechten Netzwerke sich einzelne Galionsfiguren raus zu picken und zu jagen, bis sie die Plattform verlassen müssen. Aber wichtiger ist vermutlich, dass das politische Paradigma von Mastodon tatsächlich ein anderes ist als das von Twitter: Politik auf Mastodon ist in erster Linie Organisierung und erst in zweiter Linie Mobilisierung, während es bei Twitter anders herum ist.

Ein weiterer Vorteil des dezentralen Modells ist, dass es – scheinbar paradoxerweise – verhindert dass es zu Fraktionierung, Lagerbildung und Grabenkämpfen kommt. Wenn zwischen zwei Gruppen tatsächlich einmal die Situation so eskaliert, dass keine konstruktive Debatte mehr möglich ist, wird einfach die Verbindung eine Weile lang gekappt, alle können sich wieder beruhigen und dann vielleicht nach einer Zeit auch wieder miteinander reden. Gerade der notorische linke Spaltpilz wird so verwandelt in eine konstruktive Kraft, die Gemeinsames erst ermöglicht. Auch das ein Erbe aus der zweiten Internetrevolution, wo man lernte, dass „forken“ von Projekten auf lange Sicht kein Problem ist sondern im Gegenteil Zusammenarbeit erst ermöglicht. Und gleichzeitig kann man die ganz rechten effektiv ausgrenzen (ja, auch das wurde in der Vergangenheit schon praktiziert) und sie dann in ihrem eigenen Saft verdorren lassen. Bekanntlich kriegen die alleine eh nix zu stande.

Und nicht zuletzt kann man an diesem Beispiel lernen, wie erfolgreiche Revolutionen tatsächlich funktionieren: Wenn die da oben nicht mehr können und die da unten nicht mehr wollen können die Leute, die Jahrelang harte Organisierungs- und Aufbauarbeit gemacht haben und dafür oft belächelt und bekämpft wurden, die Früchte ihres Tuns einsammeln.

Ein Kommentar

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