Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Den Betrieb übernehmen. Einstieg in Transformation?

So lautete die selbstgestellte Frage einer Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung vom November 2011 (hier die Playlist, die meine Quelle war). Um es vorwegzunehmen: Sie wurde nur von einem Referenten mit »nein« beantwortet. Alle anderen drückten sich mehr oder weniger um die Frage herum oder endeten mit einem mehr oder minder deutlichem Wünschen: Schön wär’s schon…

Ich beginne also mit dem klarsten Beitrag, dem »nein« von Bernd Röttger. Ja, genau, das ist der Kollege, der auch auf dem Podium beim Elevate-Festival der commons-basierten Peer-Produktion, wie sie Christian vorgestellt hat, widerprochen hat. Das Argumentationsschema ist das gleiche, weshalb sich eine Befassung damit lohnt.

Röttgers These ist, dass es eine »gradualistische Transformation« nicht geben könne. Damit ist die Ausdehnung eines nicht-kapitalistischen Bereiches bis zu dem Punkt gemeint, an dem alle kapitalistischen Bereiche umgewandelt sind. Röttger akzeptiert allerdings die auf der Konferenz übereinstimmend getroffene Einschätzung, bei den genannten Genossenschaften, Arbeiterkooperativen oder Alternativbetrieben würde es sich im Prinzip bereits um nicht-kapitalistische Strukturen handeln. Er widerspricht nur der These, dass diese den ganzen Kapitalismus verdrängen könnten. Seine Argumente sind:

  1. Es hat solche Strukturen immer gegeben, das Ziel der Ablösung des Kapitalismus wurde jedoch nie erreicht.
  2. Alle Umgestaltungsversuche sind an der Übermacht der Herrschenden gescheitert.
  3. Nach Marx könnten sich sozialistische Transformationsstrategien nicht auf ihren eigenen Grundlagen entfalten, sondern müssen aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgehen.
  4. Das sei so etwas wie Kommunismus im Kapitalismus außerhalb des Lohnarbeitsverhältnisses, und das könne es nicht geben, weil damit der doppelt freie Lohnarbeiter außer Kraft gesetzt wird.
  5. Kapitalismus produziert aus sich heraus immer nichtkapitalistische Milieus, ohne die er nicht überlebensfähig wäre. Diese werden immer wieder per »Landnahme« in den kapitalistischen Bereich zurückgeholt.

Der grundlegende Irrtum, das Ausgangsmißverständnis scheint mir darin zu liegen, dass Genossenschaften, Arbeiterkooperativen, Alternativbetriebe usw. als »nichtkapitalistische Bereiche« betrachtet werden. Sie sind es nicht. Es spricht nichts dagegen, Genossenschaften oder anderes zu gründen oder betreiben, und es ist auch nicht so, dass es in ihnen nicht auch Handlungsspielräume progressiver Art gäbe, aber sie für »nichtkapitalistisch« zu halten, ist Selbstbetrug eine irreführende Bedeutungsaufladung.

Schrumpft man die Bedeutung von Alternativbetrieben auf das ein, was sie sind — alternative Unternehmen –, dann entfallen die ersten beiden der oben genannten Argumente: Es geht und ging mit ihnen nie wirklich um eine eine Ablösung des Kapitalismus. Und im übrigen gibt und gab es eine Menge von erfolgreichen Umgestaltungen innerhalb des Kapitalismus, immerhin, mehr war aber nicht zu erwarten.

Argument 3 ist eine andere Formulierung für die uralte Debatte, ob Reformen einer Revolution vorzuziehen seien oder umgekehrt, wobei Röttger den reformerischen Weg kritisiert. Röttger denkt jedoch nicht an die commons-basierte Peer-Produktion oder die Keimformthese, die genau umgedreht behauptet, dass Transformationen sich nur auf ihrer eigenen Grundlage entfalten können, da sie sonst keine sind. Die Übernahme des alten Ladens (egal, ob per Reform oder Revolution) bedeutet eben immer auch Übernahme der alten Logik, die eine wirkliche Transformation im Sinne einer Aufhebung des Kapitalismus verhindert. Kurz: Auf Grundlage der Warenproduktion kann man zwar einen Sozialismus bauen, aber letztlich erweist sich der Staatsozialismus oder auch die sozialistische Marktwirtschaft (oder was auch immer man für Sozialismus hält) nur als politisch überformte Variante des Kapitalismus, in dessen »reine« Form sie auch irgendwann zurück verwandelt (die sog. »Wende«).

Argument 4 klingt wie ein logisches Eigentor des Referenten, geht es doch tatsächlich darum, den doppelt freien Lohnarbeiter, also den Zwang, die eigenen Arbeitskraft verkaufen oder verwerten zu müssen, um leben zu können, außer Kraft zu setzen. Gibt es keinen Verwertungszwang mehr, dann ist Kapitalismus auch nicht mehr möglich. Genau das zu erreichen, ist das Ziel, das in dem Maße immer brennender wird, wie der Kapitalismus immer weniger in der Lage ist, für die Lebensbedingungen der Menschen zu sorgen.

Argument 5 ist völlig zutreffend. Nur handelt es sich bei den »nichtkapitalistischen Milieus« nicht um jene Alternativbetriebe (dazu sind sie auch zu unbedeutend), sondern um wesentliche gesellschaftliche Funktionen wie Transport, Kommunikation, Post, Gesundheit usw., die per »Landnahme« (sprich: Privatisierung) in den kapitalistischen Bereich zurückgeholt werden. Gleichzeitig werden auch immer wieder Bereiche ausgestoßen, die nicht länger verwertungsträchtig erscheinen (etwa Schließung der Schlecker-Filialen im ländlichen Raum). Es handelt sich also um einen dynamischen Prozess der Einverleibung und Ausstoßung am Maßstab der Verwertungstauglichkeit. Dies habe ich auch in meinem Vortrag zur COM’ON-Tagung dargestellt.

So, das war schon der ergiebigste, weil begrifflich klarste Beitrag.

Richtig ärgerlich fand das Startreferat von Richard Wolff, gehypter Prof. aus den USA. Sein Titel sagt schon alles: Von Arbeitern selbst geleitete Unternehmen (»Workers self directed enterprises«). Wenn Arbeiter(innen) einen Betrieb selbst leiten, scheint das immer noch romantische Reflexe auszulösen: »Toll, der Kapitalist Unternehmer ist weg, jetzt machen die Arbeiter_innen es selbst«. Eben: Jetzt geben sie selbst den kollektiven Kapitalisten Unternehmer.

Wolff betonte zu Beginn, er sei Marxist und sei stolz darauf. Vielleicht hielt er das Bekenntnis für nötig, denn selbst in traditionellen Begriffen gedacht war nicht viel »Marx« in dem, was folgte. Im ersten Schritt der Transformation ginge es darum, so Wolff, dass die Arbeiter den Kapitalisten durch sich selbst ersetzen. Kein Witz, wörtlich: »displace and replace the capitalists with themselves«. Die Arbeiter müssten dann eine Doppelfunktion übernehmen, nämlich arbeiten und den Betrieb leiten und entscheiden: »what to produce, how to produce, where to produce, and what to make with the profits«. So würden die Arbeiter zu ihrem eigenen Vorstand werden.

Diese Maßnahmen zur internen Organisation der Betriebe würde die »traditionellen sozialistischen«, bisher eher makroökonomisch angelegten Forderungen nach »sozialisiertem Eigentum« und »Plan-Apparat« ergänzen. Weil in der Geschichte die internen Betriebsstrukturen unangetastet blieben, seien die gewesenen Sozialismen und auch der (US-) Sozialstaat gescheitert.

Nach Wolffs Auffassung würde die drei Bände des »Kapital« von Marx von der Produktion und Verteilung des Mehrwerts handeln. Marx klage an, dass die Arbeiter ausgebeutet würden. Nun sei es angesagt, dass sich die Arbeiter mittels der vorgeschlagenen Kapitalistenersetzung selbst den Mehrwert aneigneten. Diese Figur kehrt immer wieder.

Als Ausweg aus der Krise schlägt Wolff vor, ein staatlich finanziertes Programm aufzulegen, das es Arbeitslosen ermöglicht, eigene selbstgesteuerte Unternehmen zu gründen. Dies gäbe auch den Kunden eine neue Wahl: Produkte von einem hierarchisch-kapitalistischen Unternehmen oder einem arbeitergesteuerten Kooperativunternehmen zu kaufen (analog zu Normal-Kaffee vs. Fairtrade-Kaffee). Unternehmen würden auf diese Weise »demokratisiert«.

Soll man bei solchen Vorschlägen lachen oder weinen?

Ein Vorteil hat der Wolff-Vortrag: Er sagt »crystal clear«, was gewunden und verschwurbelt auch sonst linke Ansätze wollen: Irgendwie den Laden übernehmen und weiterführen. Natürlich nicht wie bisher »weiterführen«, sondern nur im besten Wollen für alle. Doch genau diese Illusion ist nicht aus den Köpfen zu bekommen: Wenn »wir« den Kapitalismus selber machen, dann wird er ganz anders sein und schließlich zu einem Sozialismus mutieren.

Doch es geht nicht darum, wer sich den Mehrwert aneignet, sondern es geht darum, das Mehrwert-Aneignen als Mittel der Produktion der Lebensbedingungen aus der Welt zu schaffen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Solange Kapitalismus herrscht, wird und muss auch um den Kuchen gekämpft werden — mit Gewerkschaften und allem. Doch es ist die Illusion abzulegen, dass das irgend etwas mit Emanzipation zu tun hat oder jemals zu tun haben könnte. Auch die Vorstellung, dass dann irgendwann einmal alles ganz anders und ohne Mehrwert und Co gemacht werden könnte, ist nicht einsichtig. Es handet sich schlicht um einen logischen Widerspruch (da spricht der Informatiker): Die Verwertungslogik zu befeuern, um sie abzuschaffen.

Dass Röttger dem Konzept der »gradualistischen Transformation«, wie sie Wolff präsentierte, widersprechen musste, ist immerhin etwas. Es tat dies jedoch prinzipiell von der gleichen gedanklichen Plattform — der Warenproduktion — aus. Der Unterschied zu Wolff (und den anderen hier nicht weiter genannten Beiträgen) wurde schließlich nur durch den alten Konflikt zwischen »Revolution« und »Reform«, zwischen der Priorität »erst die politisch Macht ergreifen« oder »erst die Betriebe demokratisieren« markiert. Beide Positionen hatten noch nicht mal ansatzweise einen Begriff davon, dass die Warenproduktion — egal, ob man sie insgesamt politisch übernimmt oder ausgehend vom Betrieb zu verändern trachtet — die unhintergehbaren Funktionslogiken setzt, in denen man sich bewegen muss, ob man will oder nicht. Als Staat muss ich politisch für das Funktionieren der Warenproduktion sorgen, als Betrieb muss ich am Markt konkurrenzfähig bleiben. Komplette oder begrenzte Planung ermäßig das prinzipielle Problem der Warenproduktion kein bißchen.

Wer emanzipatorische Gedanken auf die gedankliche Plattform der Warenproduktion stellt, wird eine Lösung nicht finden können. Der wird auch große Schwierigkeiten haben, nichtwarenförmige Ansätze überhaupt zu verstehen (wie etwa im Elevate-Gespräch u.a. mit Röttger zu beobachten). Der erste Schritt bestünde darin, zunächst einmal gedanklich die Plattform der Warenproduktion zu verlassen. Dann zurücklehnen, entspannen und sich umschauen, was es denn noch so gibt in der Welt jenseits der Warenproduktion, jenseits von Markt und Staat.

Nichts perfektes, aber etwas keimförmiges: die commons-basierte Peer-Produktion. Die Peer-Produktion muss zwar auch im Kapitalismus bestehen, aber sie muss nicht zu den Mitteln der Verwertungslogik greifen. Sie hat die Potenz eine neue Produktionsweise zu begründen, von vornherein jenseits der Warenproduktion. Um also Röttgers drittes Argument aufzugreifen: Sie geht zwar aus dem Kapitalismus hervor, entfaltet sich aber auf eigener Grundlage. Mit allen Widersprüchen, die das bedeutet.

Kategorien: Theorie

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20. April 2012, 07:48 Uhr   11 Kommentare

1 Christian Siefkes (20.04.2012, 17:06 Uhr)

Find ich ja durchaus bewundernswürdig, dass du dir eine Veranstaltung mit diesem Thema überhaupt antust! Danke für die ausführliche Berichterstattung und Analyse.

2 libertär (23.04.2012, 15:21 Uhr)

Den Betrieb übernehmen? Meine Antwort ist ein klares Ja. Und dabei geht es nicht darum, den Laden wie bisher, nur mit neuer Besetzung, weiterzuführen. Was viele Commons-Verfechter immer auszublenden scheinen, ist der Ausschluss des Proletariats von den Produktionsmitteln. Die müssen also zunächst in Besitz genommen werden. Und es sind die kapitalistischen Betriebe und Produktionsmittel, die übernommen werden müssen. Denn andere Produktionsmittel als die kapitalistischen haben wir nicht. Wir müssen aus ihnen das Beste machen und uns commonistische Produktions- und Lebensmittel herstellen.

3 Christian Siefkes (29.04.2012, 18:12 Uhr)

@libertär: Selbst wenn du deinen Betrieb übernimmst, ermöglicht das dir es ja aber noch nicht, die dort hergestellten Güter als Commons zu verteilen, denn nach heutigem Stand der Dinge musst du ja die Vorprodukte und Rohstoffe irgendwo einkaufen und auch deinen eigenen Lebensunterhalt bestreiten. Weshalb die bisherigen Betriebsübernahmen und auch die auf der Konferenz diskutierten Konzepte sich ja immer darauf beschränkten, weiter Waren für den Markt zu produzieren und nur intern die Dinge ein bisschen anders zu regeln.

Zur Frage, wo die Produktionsmittel herkommen sollen, wenn man die vorhandenen nicht einfach übernehmen kann, siehe z.B. COM’ON: Produktionsstrukturen transformieren.

4 Neoprene (29.04.2012, 20:05 Uhr)

Ich frage mich immer wieder bei solchen „klaren“ Losungen wie hier von libertär, warum sie zu den nun wirklich zu erwartenden Reaktionen z.B. dem klaren Einwurf von Christian nicht gleich was sagen. Kapitalistische Betriebe sind effektiv als Teil einer auf unterschiedliche Firmen aufgesplitterten (ja noch nicht mal aufgeteilten) aber technisch zusammenhängenden Produktionsstruktur. Das die angestrebte und für gut befundenen „Übernahme“ des eigenen Betriebs nur zugelassen wird bei völlig unbedeutenden Klitschen ist eh anzunehmen. Schon Opel Bochum hätten dessen Arbeiter nicht „übernehmen“ können, weil es ihnen in unserer Wirtschaft ja gar nicht gehört und es ihnen der bisherige Eigentümer auch nie und nimmer verkaufen würde und sie es auch nicht kaufen könnten, wovon auch. Es sei denn, die Kapitaleigner selber haben eine Fabrik aufgegeben, weil unrentierlich und selbst dann wäre das immer noch deren staatlich geschütztes Eigentum, daß die Arbeiter nicht legal in die Finger kriegen könnten. Und dann sollen die Arbeiter, die ja auch nur in einer auf Profite orientierten Warenproduktion nichts anderes machen können als in so einem Laden weiter Waren für irgendwelche kapitalistischen Märkte zu produzieren, das erfolgreicher also profitabler hinkriegen als ihre bisherigen Bosse? Und was wäre dann überhaupt besser?  

5 Wolfram Pfreundschuh (30.04.2012, 18:22 Uhr)

@Neoprene:
„Kapitalistische Betriebe sind effektiv als Teil einer auf unterschiedliche Firmen aufgesplitterten (ja noch nicht mal aufgeteilten) aber technisch zusammenhängenden Produktionsstruktur. … Schon Opel Bochum hätten dessen Arbeiter nicht “übernehmen” können, weil es ihnen in unserer Wirtschaft ja gar nicht gehört und es ihnen der bisherige Eigentümer auch nie und nimmer verkaufen würde und sie es auch nicht kaufen könnten, wovon auch.“
Ja, das ist der Punkt: Die abstrakt gestellte Eigentumsfrage: Wem gehört der Betrieb, führt genauso wenig weiter, wie die Individualität von „freien Beiträgen“, die als „gemeinnützlich“ verstanden werden, weil sie per se keine Form von Eigentum sein sollen. Die Eigentumsfrage kann nicht einfach idealisiert werden: Sie ist real – einmal am Privateigentum an einer „technisch zusammenhängenden Produktionsstruktur“ aufgeworfen, und einmal als Grundlage aller Reichtumsbildung, welche dem Einzelnen auch gesellschaftliche Grundsicherung vermitteln muss. Diese kann weder zufällig noch einfach freisinnig, libertär sein. Die Notwendigkeiten solcher Sicherheit, welche menschliche Gesellschaft ebenso ausmacht, wie die Reichtumsbildung aller Menschen, hat den Kapitalismus aus dem Widerspruch von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung zum Gegensatz von substanzieller Armut auf der einen Seite und formellem Reichtum auf der anderen Seite getrieben und damit seine organischen Grundlagen aufgelöst.
Es ist ist nach wie vor die Conditio sine qua non aller Fragen, die mit „Aufhebung des Kapitalismus“ einhergehen, eine Kollektivform der Produktion als ein Gemeinwesen aus den vorhandenen Produktionsmittel zu erkämpfen und sich diese anzueignen, welches hochentwickelte Produktionsanlagen als gesellschaftliches Eigentum verwalten und politisch entschließen kann. Das ist dann wohl auch die einzig adäquate Form der Aufhebung der Teilung der Arbeit, wie sie Marx begriffen hatte. Eine Umgehung der vorhandenen Industrie und der Rückfall in einen „Kleinteilsozialismus“ hätte eine verheerende Realisierung zur Folge, die der entwickelten Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung nicht gewachsen sein kann. Die schon in diesem Kontext bekannten Hungerkatastrophen und ihnen folgende Gewaltakte der Politik haben dies schon zur Genüge bewiesen. 
Es bleibt nur, Gesellschaft als politisches Gemeinwesen überhaupt aus dem herzustellen, was sie bereits ist und was aus ihr permanent geraubt wird. Von daher kann ich eine Lösung nur in einem Kommunalen Netzwerk sehen, in einer Internationale Kommunalwirtschaft, welche durch geeignete Kommunikationsformen besser als die Planwirtschaft einer „Arbeiterpartei“ in der Lage ist, die politische Auseinandersetzung um die Produktion zu führen und Gemeineigentum auch für große Projekte und „technisch zusammenhängenden Produktionsstruktur“ verfügbar zu halten.

6 Franz Nahrada (01.05.2012, 10:28 Uhr)

Wolfram, wir hatten darüber schon mal die Kontroverse ob die großen Industrien nicht an Bedeutung verlieren und sich daher die Eigentumsfrage gänzlich anders stellt. Wenn lokale Produktion dem Inhalt nach wieder intelligenter und vielfältiger werden kann, eingebettet in eine Kreislaufwirtschaft deren Wesenskern die Automatisierung ist , wenn zugleich das Transportwesen am Peak Oil seine Schranken findet, dann wird es wohl nicht ganz gleichgültig sein WIE das „Produktive Eigentum“ aka Betrieb  gestaltet ist.

Abstrakt mit Teilung der Arbeit und ihrer Aufhebung zu argumentieren wo uns eine globale Gesamtfabrik in eine hypertrophe und unsinnige „Arbeitsteilungsmanie“ geworfen hat bringt uns hier nicht weiter.

7 Wolfram Pfreundschuh (01.05.2012, 14:28 Uhr)

@Franz,
die Eigentumsfrage stellt sich anders, weil nicht die Arbeit selbst das Diktum einer veränderten Gesellschaft sein darf, also auch nicht der Besitz an Produktivkraft durch eine Klasse. Gerade weil eine „lokale Produktion dem Inhalt nach wieder intelligenter und vielfältiger werden kann“ (so deine Worte) ist auch eine lokale Subsistenzindustrie denkbar geworden. Und gerade weil die Industrialisierung als ihr fortschrittlichstes Resultat die Automation hervorgebracht hat, ist es nötig, sie auch über die Wertverwertung und das bornierte Einzelinteresse hinaus zu heben und in einem größeren technischen und gesellschaftlichen Zusammenhang im Zweck der Arbeitsersparnis, also wirtschaftlich zu betreiben.

Automation ist doch nicht gleichzusetzen mit einer automatischen Gesellschaft ohne Gemeinwesen und ohne menschliche Arbeit. Wenn ich mich auf diesen Minimalstandpunkt einer vollkommen automatisierten Arbeit einlassen soll, so will ich doch anmerken, dass auch Roboter gepflegt und repariert und versorgt werden müssen. Darüber hinaus ist auch so noch genug zu tun in der Pflege von Menschen z.B. und vieles andere mehr. Wenn man nicht über die Teilung der Arbeit, also die Zerlegung der Produktion in isolierte Arbeitsteile, in die Produkte von Privatarbeiten, nachdenken soll, wird man auch kaum eine Kritik der Warenform bis hin zur konkreten Lebensform durchhalten können und ziemlich locker auf sie wieder zurückfallen, weil er/sie ihre Form nicht wirklich inhaltlich begründet, den Wert nicht als Substanz einer Abstraktion des gesellschaftlichen Zusammenhangs begreifen kann. Siehe die sogenannte „Entwarenformung“.

8 Neoprene (01.05.2012, 15:42 Uhr)

Franz: „Wenn lokale Produktion dem Inhalt nach wieder intelligenter und vielfältiger werden kann, eingebettet in eine Kreislaufwirtschaft deren Wesenskern die Automatisierung ist.“

Hm, „Automatisierung“ gibt es ja schon, solange es Kapitalismus gibt. Jedenfalls in der Industrie und zum Teil in der Landwirtschaft. Was soll denn ja jetzt das irgendwie potentiell systemsprengende daran sein?

Warum soll denn diese Automatisierung lokale Produktionen eher möglich machen? Es wird zwar schon irgendwie stimmen, wenn du schreibst, daß die „globale Gesamtfabrik [uns] in eine hypertrophe und unsinnige “Arbeitsteilungsmanie” geworfen hat“, nur wage ich zu bezweifeln daß dieses Hypertrophe und Unsinnige wieder völlig zurück auf Null der lokalen Subsistenz gedreht werden kann und auch nur sollte.

Zudem scheint es mir eine fast unausrottbare Schimäre zu sein, ernstlich schon in naher Zukunft, ja manchmal geradezu schon jetzt von einer „vollkommen automatisierten Arbeit“ zu reden. Mir scheint dieses Schlaraffenland noch lange nicht um die Ecke zu lugen und wünschenswert wäre das für mich eh nicht.

9 Hans-Gert Gräbe (01.05.2012, 16:21 Uhr)

Den Betrieb übernehmen – das Neue als das gut vergessene Alte? Es gibt andere, deutlich länger existierende Formen kooperativen Handelns und (anderes Beispiel) auch klare gemeinschaftlich verwaltete Strukturen des Handelns. Dummerweise alles Beispiele für Produzent = KMU und nicht Produzent = Arbeiter sowie unter Ausnutzung der Konstruktionen eines Geldsystems. Vielleicht sind also doch Wege zur Selbstermächtigung und Sprengen der Warenform zwei nicht identische Dinge? Vielleicht ist an dem Holzweg (aus Stefans Sicht) doch was dran?

Kamen denn auf jenem linken Theorieseminar auch Vertreter solcher praktischer Erfahrungen zu Wort? Wäre ja spannend, Praxiserfahrungen einer solchen Transformation aus berufenem Munde und nicht gebrochen durch die Brille eines Herrn Prof. Wolff zu hören. Ok, eine rein rhetorische Frage.

10 libertär (02.05.2012, 15:21 Uhr)

Christian Siefkes: „Selbst wenn du deinen Betrieb übernimmst, ermöglicht das dir es ja aber noch nicht, die dort hergestellten Güter als Commons zu verteilen, denn
nach heutigem Stand der Dinge musst du ja die Vorprodukte und Rohstoffe irgendwo einkaufen und auch deinen eigenen Lebensunterhalt bestreiten.“

Das hängt von den spezifischen Produkten, der Größe des Betriebs und der Vernetzung mit anderen Commons ab. Einen Betrieb zu übernehmen heißt nach meinem Sprachverständnis „mindestens einen“, nicht „genau einen“ Betrieb zu übernehmen. Wenn alle einen Betrieb übernehmen, sind viele Betriebe, sind alle Betriebe übernommen.

„Zur Frage, wo die Produktionsmittel herkommen sollen, wenn man die vorhandenen nicht einfach übernehmen kann, siehe z.B. COM’ON: Produktionsstrukturen transformieren.“

Die Frage wird dort nicht vollständig beantwortet. Es werden weitere Fragen aufgeworfen. Woher sollen die 3D-Drucker kommen? Wie sollen das Kunststoffgranulat und das Keramikpulver produziert werden? Müsste man dazu nicht erst die Ölförderung, das Transportwesen, die Raffinierung und die petrochemische Industrie, sowie alle zuliefernden Industrien, also praktisch alles, in Commons umwandeln? Es wird immer gerne so getan, als ob mit einem 3D-Drucker, den man sich zusammengebastelt hat, weil jemand Material gespendet hat, und ein bisschen Granulat alles produziert werden könnte. Weitere 3D-Drucker, das Granulat und die Energie, die man für eine Massenproduktion braucht, sollen dann vom Himmel fallen. Ob 3D-Drucken überhaupt auch unter nicht-kapitalistischen Verhältnissen ein effizientes Verfahren ist, ist noch gar nicht geklärt.

Ansonsten finde ich die dort genannten Konzepte durchaus vernünftig und mit meinem Ansatz vereinbar. Es heißt dort: „Produktionsstruktur ist auch abhängig von der Art des „Lebensmittels““ und „Umwidmung ist aber auch möglich, wie die Computer als altes PM zeigen, die Selbstentfaltung ermöglichen, ohne aber selber Ergebnis von Selbstentfaltung zu sein (heute).“ In dem Fall müssen aber die bestehenden Produktionsmittel übernommen werden. Denn auch Computer fallen nicht vom Himmel.

Es läuft also darauf hinaus, dass man einige PM übernimmt, einige abändert, einige ganz neu entwickelt. Wobei Neuentwicklungen immer auch teils eine Kopie des Alten sind, eine Weiterentwicklung des Alten mit Hilfe der alten PM. Dass man vorhandene Produktionsmittel nicht übernehmen soll, entnehme ich dem nicht. Das wäre auch unrealistisch, weil verfeinerte Produktionsmittel immer mit Hilfe vorhandener Produktionsmittel geschaffen werden müssen. Wo soll man auch ohne Produktionsmittel anfangen?

Neoprene: „Schon Opel Bochum hätten dessen Arbeiter nicht “übernehmen” können, weil es ihnen in unserer Wirtschaft ja gar nicht gehört und es ihnen der bisherige Eigentümer auch nie und nimmer verkaufen würde und sie es auch nicht kaufen könnten, wovon auch. Es sei denn, die Kapitaleigner selber haben eine Fabrik aufgegeben, weil unrentierlich und selbst dann wäre das immer noch deren staatlich geschütztes Eigentum, daß die Arbeiter nicht legal in die Finger kriegen könnten.“

Eine Revolution, die das Eigentum, das bürgerliche Recht, infragestellt, ist legal nicht zu haben. Daher sind Rechtsfragen bei einer Revolution meine letzte Sorge. Eine „legale Revolution“ ist keine. Dass man gegen Gesetze verstößt, wird ein Revolutionär wohl verschmerzen müssen. Ich wüsste auch nicht, warum man an den bürgerlichen Gesetzen hängen sollte. Um die Abschaffung des Eigentums, das in den Gesetzen kodifiziert ist, geht es doch gerade bei der Revolution.

11 Neoprene (02.05.2012, 16:04 Uhr)

„Einen Betrieb zu übernehmen heißt nach meinem Sprachverständnis
„mindestens einen“, nicht „genau einen“ Betrieb zu übernehmen. Wenn alle
einen Betrieb übernehmen, sind viele Betriebe, sind alle Betriebe
übernommen.“

Ich bitte euch! Entweder reden wir über einen Plan, was man mit all den vielen eroberten Produktionsmitteln anstellen kann, wenn man erstmal nach einer flächendeckenden Revolution soweit ist, dann sind in der Tat „alle Betriebe übernommen“. Oder darum soll es gerade nicht gehen, sondern um die Schritt für Schritt, Betrieb um Betrieb dem Kapital abgerungenen Klitschen, Betriebe, Unternehmen. Um die weiter laufen lassen zu können, muß man eben letzlich doch wieder „praktisch alles in Commons umwandeln“, also eine veritable Revolution hingekriegt haben. Sonst wird es nicht nur am Keramikpulver für die ach so tollen Spielzeugmaschinen aka 3D-Drucker mangeln.Wenn „man“ denn tatsächlich die Macht und Kontrolle über ein hinreichend großes Gebiet mit den unterschiedlichsten Produktionmsmitteln mit Menschen unterschiedlichster Produktionserfahrungen, Ausbildungen und Konsumwünschen hat, denn wird man in der Tat sagen können „Es läuft also darauf hinaus, dass man einige PM übernimmt, einige abändert, einige ganz neu entwickelt.“ Vorher wäre das entweder Illusion oder sich nach der engen Decke der beschränkten Möglichkeiten strecken.

Und deshalb kann ich nur unverhohlen zustimmen, wenn libertär schreibt: „Eine „legale Revolution“ ist keine.“ Eben, oder andersrum: Solange ein bürgerlicher Staat auf seinem Recht pochen kann, es in der ganzen Gesellschaft durchsetzen kann, ihm die Menschen recht geben, daß das auch richtig so sei, solange wird es jeder Versuch mächtig schwer haben, mit legal, illegal, scheißegal diesem kapitalistischen Laden auch nur ein kleines Betriebchen aus der Rippe zu schneiden. Das sollte mein Verweis auf den Schimärencharakter der kollektiven Aneignung z.B. des Opel-Werks Bochum durch dessen Arbeiter zum Ausdruck bringen. Man muß deshalb noch kein Fetischist der bürgerlichen Legalität werden (machmal geht es selbst bei einem normalen Streik ja nur, wenn man sich nicht mehr an die diese strangulierenden Arbeits- und Gewerkschaftsrechtsprechung und Gesetze hält.) Aber so zu tun, als ob man *im* weiterhin stabilen Kapitalismus sich ein Eckchen rausnehmen könnte, ohne daß man dafür was auf die Mütze bekommt, das scheint mir abwegig zu sein. Manche Sachen kann man eben nicht scheibchenweise abschaffen. Das Privateigentum an Produktionsmitteln wird man nur komplett los oder gar nicht. Es gibt auch keinen Teilfrieden in einem imperialistischen Krieg. Sowas sind schon immer allgemeine Machtfragen gewesen.

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