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Nicht-aufteilbare Arbeiten im Freiwilligenspiel

Lily Braun (gemeinfrei, Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lily_Braun.jpg)(Voriger Artikel: Vorzüge und Abwandlungen des Freiwilligenspiels)

Das Freiwilligenspiel basiert auf der Grundidee, dass die Menschen die notwendigen und gesellschaftlich gewünschten Tätigkeiten freiwillig und selbstbestimmt untereinander aufteilen. Die benötigten Tätigkeiten werden dabei in öffentlich einsehbaren Listen gesammelt, aus denen sich die Menschen Aufgaben heraussuchen, die ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechen. Allerdings gibt es auch Aufgaben, die sich nicht auf diese Weise aufteilen lassen, sondern bei denen von Anfang an klar ist, wer sich dafür zuständig fühlt.

Eltern wollen sich vielleicht um ihre jungen Kinder kümmern; andere haben pflegebedürftige Verwandte, Lebenspartner oder Freunde, die sie betreuen möchten. Und Hausarbeiten (kochen, waschen, putzen, kleine Reparaturen durchführen etc.) können am ehesten von den im jeweiligen Haushalt lebenden Personen erledigt werden.

Eine absolute Notwendigkeit, dass solche Tätigkeiten von bestimmten Personen übernommen werden, gibt es freilich nicht. In früheren Zeiten wurden die Kinder wohlhabender Familien oft von Ammen, Kindermädchen und Hauslehrern aufgezogen. Und zu Beginn des 20. Jahrhundert aufgekommene sozialistisch-feministische Reformbewegungen strebten eine kollektive oder „industrielle“ Reorganisation dieser Tätigkeiten an.

So sah das von der Sozialdemokratin Lily Braun konzipierte „Einküchenhaus“ eine zentral bewirtschaftete Großküche für jedes Mietshaus sowie Kinderhorte und -krippen vor. Dies sollte Frauen aller Schichten von der Hausarbeit und Kinderbetreuung entlasten (Reuschling 2013: 156f). Später wurden ähnliche Ideen in manchen der israelischen Kibbuzim über mehrere Generation hinweg erfolgreich umgesetzt, etwa die gemeinschaftliche Erziehung der Kinder und Jugendlichen unter Gleichaltrigen mit nur losen Kontakten zu ihren Eltern. Ebenfalls verbreitet war die kollektive Haushaltsführung, die allerdings immer noch großteils von Frauen übernommen wurde (ebd.: 166ff).

Es gibt also keine gesellschaftliche Notwendigkeit dafür, dass bestimmte Dinge nur von ganz bestimmten Personen übernommen werden können. Dennoch sollten die Menschen in der Lage sein, sich bewusst für solche Aufgaben zu entscheiden, die dann niemand anders übernehmen kann, und das Freiwilligenspiel muss flexibel genug sein, mit solchen Entscheidungen umzugehen.

Eine weitere Aktivität, die sich nicht delegieren lässt, ist das Lernen. Wenn ich mir bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse aneignen will, bin ich damit eine gewisse Weile lang beschäftigt. Und wenn ich das Gelernte später zur Re/produktion der umfassenden Quasi-Flatrate einsetze, kommt es auch der Allgemeinheit zugute. Somit sollten meine Ausbildungszeiten auch als Beiträge ins Freiwilligenspiel einfließen können.

Berücksichtigung nicht-aufteilbarer Aufgaben bei der Berechnung des Durchschnittsbeitrags

Care-Arbeit, Ausbildung und andere nicht-aufteilbare Aufgaben können bei den Vorbereitungen zu einer neuen Spielrunde mit abgefragt und berücksichtigt werden. Jede Freiwillige gibt an, ob sie während des kommenden Jahres mit nicht-aufteilbaren Aufgaben beschäftigt sein wird, und schätzt den Umfang dieser Tätigkeiten ab. Je nachdem, wie hoch der Umfang der individuell abgeschätzten nicht-aufteilbaren Aufgaben ist, gilt die Freiwillige damit als anteilig oder voll beschäftigt; die Höhe der von ihr und von den anderen erwarteten Beiträge wird entsprechend berechnet.

Ein Beispiel für anteilige Beschäftigung: Ich will im kommenden Jahr einen Programmierkurs absolvieren, der mich schätzungsweise 200 Stunden beschäftigen wird. Diese 200 Stunden fließen in den insgesamt aufzuteilenden Aufwand ein. Angenommen, die anschließende Berechnung ergibt einen Durchschnittsbeitrag von 640 Regelstunden und ich will mich in Höhe des Durchschnittsbeitrags beteiligen. Dann verbleiben für mich 640 – 200 = 440 Regelstunden, für die ich mir weitere Aufgaben suchen soll. (Nicht-aufteilbare Aufgaben gehen mit normaler Gewichtung in die Aufwandsschätzung ein, da von Anfang an klar ist, wer sie übernimmt und sie also nicht höhergewichtet werden können oder müssen; eine Zeitstunde entspricht hier einer Regelstunde.)

Ein Beispiel für volle Beschäftigung: Ich schätze, dass ich mich im Lauf des Jahres etwa 1095 Stunden lang um meine beiden Kinder kümmern werde (3 Stunden pro Tag). Diesen Beitrag will ich auf jeden Fall erbringen und mich ansonsten mindestens in durchschnittlicher Höhe beteiligen. Da mein individueller Beitrag über dem Durchschnittsbeitrag liegt, bin ich damit schon voll beschäftigt; alle anderen Aufgaben werden unter anderen Freiwilligen aufgeteilt.

Auf diese Weise könnten Care-Tätigkeiten, Hausarbeit, Ausbildungszeiten und anderen Aktivitäten, die anderen zugute kommen, ohne aber frei aufteilbar zu sein, ins Freiwilligenspiel einfließen. Die mit ihnen Beschäftigten können so nicht fälschlich für unbeschäftigt oder „Trittbrettfahrerinnen“ gehalten werden, sondern es ist klar, dass sie auf ihre Weise ihren Beitrag leisten.

Bürokratie bei Beitragspflicht

Und wenn sich das Freiwilligenspiel zur Organisation der Quasiflat als nicht ausreichend erweisen sollte, sondern es stattdessen eine Beitragspflicht gibt, wie im letzten Artikel als Möglichkeit skizziert? Grundsätzlich können auch dann nicht-aufteilbare Aufgaben auf dieselbe Weise berücksichtigt werden, allerdings könnten eventuell weitere bürokratische Regelungen nötig werden.

Heute gibt es in Deutschland etwa „Pflegestufen“, die festlegen, wie viel Betreuungsaufwand für pflegebedürftige Personen je nach ihrem Gesundheitszustand besteht. Bei einer Beitragspflicht könnten ähnliche Obergrenzen für das Sich-Kümmern um Pflegebedürftige oder Kinder festgelegt werden; mehr Aufwand kann dafür dann nicht abgerechnet werden, selbst wenn es real länger dauert. Auch für Studien- und Ausbildungszeiten könnten Obergrenzen festgelegt werden, bis zu deren Höhe sie maximal angerechnet werden. Wer sich darüber hinaus weiterbilden will, kann dies zwar machen, muss es aber in seiner „Freizeit“ tun.

Im besseren Fall könnte allerdings auch bei Beitragspflicht auf solchen bürokratischen Overhead verzichtet werden. Nötig wird er wohl nur, wenn die Mehrheit der Menschen das Gefühl bekommt, dass andere nicht-aufteilbare Aktivitäten nur vorschieben, um sich vor der Beitragspflicht zu drücken. Wenn sich die Menschen gegenseitig vertrauen, sollte es ohne gehen.

Und wie im letzten Artikel ausgeführt, sehe ich sowieso gute Gründe für die optimistische Annahme, dass das Freiwilligenspiel robust genug sein sollte, um eine Beitragspflicht gar nicht erst nötig zu machen.

Fortdauern geschlechtsspezifischer Stereotypen

Eine in diesem Kontext drohende Gefahr ist allerdings, dass bestimmte Aufgaben weiterhin überwiegend von bestimmten Personengruppen übernommen werden könnten. Und zwar nicht, weil sie darauf besonders viel Lust haben, sondern weil dies von ihnen erwartet wird. So könnte es passieren, dass sich Klischees darüber halten, was Frauen und was Männern besonders „liegt“, und dass deshalb Hausarbeiten und Care-Tätigkeiten weiterhin in erster Linie von Frauen erledigt werden, während bei Autoreparaturen, Müllabfuhr und Softwareentwicklung Männer dominieren.

Ein Problem an solchen Klischees ist, dass sie selbstverstärkend sind: Je mehr ein Geschlecht bei bestimmten Tätigkeiten dominiert, desto schwieriger wird es für Angehörige des anderen, solche Aktivitäten überhaupt erst einmal als „ihr Ding“ ansehen zu können und damit ernst genommen zu werden. Die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten jedes und jeder Einzelnen werden so eingeschränkt.

Einen Automatismus, der dies aufbrechen könnte, gibt es wohl nicht. Es bleibt nur ein bewusster Umgang damit und die aktive Unterstützung und Ermunterung aller, die sich solchen Trends entgegenstellen.

(Wird fortgesetzt.)

Literatur

  • Reuschling, Felicita (2013): Domestic Utopias. In jour fixe initiative berlin (Hg.): „Etwas fehlt“ – Utopie, Kritik und Glücksversprechen. Münster: edition assemblage.

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Gender, Theorie

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26. Juni 2014, 07:19 Uhr   8 Kommentare

1 Vorzüge und Abwandlungen des Freiwilligenspiels — keimform.de (26.06.2014, 21:20 Uhr)

[…] (Fortsetzung: Nicht-aufteilbare Arbeiten im Freiwilligenspiel) […]

2 Martin Bartonitz (27.07.2014, 23:45 Uhr)

Hmmm, auch hier scheinen mir zu viele Regularien zur Steuerung verwendet zu werden. Ich las vor einiger Zeit ein Buch, das mir die Augen öffnete, dass jeder regulierende Eingriff in Beziehungsgeflecht die Situation verschlimmbessert. Hier hat einer über das Buch geschrieben: http://wirdemo.buergerstimme.com/2014/07/ueberall-ist-tanaland/

Ein anderer inspirierender Artikel mit einen genialen Video am Ende des Textes stößt in die gleiche Richtung:http://wirdemo.wordpress.com/?p=1066

Ansonsten finde ich die Besprechung der Freiwilligkeit versus Pflichten gelungen.

Viele Grüße
Martin

3 libertär (28.07.2014, 12:58 Uhr)

@Christian:¶
Wie üblich stimme ich dir zu, allerdings mit Ausnahme des letzten Abschnitts zu Stereotypen. Mir fällt auf, dass du, wenn du dich mit Genderthemen befasst, immer wieder falsche Ansichten übernimmst und somit zu falschen Thesen gelangst. Das war bei deinem Artikel, in dem du gegenderte Sprache vorgeschlagen hast und bei dem ich mir immer noch nicht sicher bin, ob das Satire, ein Medienkompetenztest oder ein Experiment mit den Lesern war, nicht anders als jetzt.¶

Du schreibst: „Eine in diesem Kontext drohende Gefahr ist allerdings, dass bestimmte Aufgaben weiterhin überwiegend von bestimmten Personengruppen übernommen werden könnten.“ Kannst du das auch begründen? Für wen oder was droht eine Gefahr? Worin bestünde diese Gefahr? Wie kommst du überhaupt darauf, dass beide Geschlechter – Menschen, die nicht eindeutig Mann oder Frau sind, klammerst du aus – jede Tätigkeit zu gleichen Anteilen erledigen sollten? Welche unausgesprochenen Vorannahmen stecken hinter dieser Überzeugung? Die Gruppen der Männer und Frauen sind (zum Glück) sehr verschieden voneinander und auch intern sehr heterogen. Mit Aussagen, dass alle Männer und alle Frauen sich in einem bestimmten Aspekt gleich verhalten sollten („sollen“ als Forderung gedacht), wäre ich sehr vorsichtig. Menschen sind zuallererst Individuen mit individuellen Interessen und nicht der Symmetrie einer Statistik verpflichtet, die sie in zwei Geschlechter einteilt.¶

Ich brauche dir sicher nicht erklären, was eine Partition einer Menge ist. Du vertrittst nun die steile These, dass es eine Partition der Menge der arbeitenden Menschen in zwei Mengen A und B geben kann, sodass jede Tätigkeit, die von x Menschen aus Menge A verrichtet wird, von etwa genauso vielen Menschen aus Menge B ausgeübt wird, und dass die Partition in Männer und Frauen so eine Partition sein sollte. Es ist schon mal höchst fraglich, ob es überhaupt so eine Partition geben kann. Falls doch, warum sollte eine Gesellschaft anstreben, dass sie mit der Partition in Männer und Frauen identisch ist? Wenn du so ein Symmetriefan bist, warum suchst du dir nicht einfach selbst so eine Partition zusammen (vorausgesetzt, es kann sie geben)? Was ist dadurch gewonnen, wenn auch noch Menge A nur Männer enthält und Menge B nur Frauen? Ist das nicht sexistisch, so etwas zu fordern? Ich verstehe diesen Genderquatsch schon im Kapitalismus nicht. Was wäre denn jetzt gewonnen, wenn statt nur Männer zu gleichen Anteilen auch Frauen auf dem Bau vom Gerüst fallen? Ich bin in der Frage ganz unsexistisch und bin erst mal dafür, dass Arbeitsplätze so eingerichtet werden, dass überhaupt niemand dort stirbt. Ob nun die Opfer, die der Kapitalismus fordert, gendergerecht verteilt sind, ist völlig egal. Erst recht verstehe ich den Genderquatsch nicht, wenn Tätigkeiten nicht dem Zwang unterworfen sind, Profit und Lebensunterhalt abzuwerfen. Wenn die Produktion nach den Bedürfnissen aller eingerichtet ist, kann doch jeder das tun, was er will. Warum sollen dann alle wieder einem Zwang, dem Zwang des Genderkorsetts, unterworfen werden?¶

Wenn du, indem du auf angeblich unbewusst wirkende Klischees hinweist, Menschen, die freie Entscheidungen treffen, unterstellst, sich manipulieren zu lassen, musst du dich natürlich auch dem Verdacht aussetzen, selbst als Manipulator aufzutreten. Wie kannst du diesen Verdacht entkräften? Wie willst du nachweisen, dass die Menschen jetzt gegen ihren Willen manipuliert werden, bestimmte Tätigkeiten auszuüben, aber unter deinem gendergerechten Arbeitsregime alle völlig freiwillig das tun würden, was du ihnen vorgibst? Ich weiß nicht, wie es den anderen Lesern geht, aber ich finde solche Anmaßung höchst absurd und mit dem größeren Individualismus, den eine Commons-Gesellschaft eigentlich allen ermöglichen sollte, nicht vereinbar.¶

4 libertär (28.07.2014, 13:27 Uhr)

Zusatzbemerkung:
Viele natürliche Partitionierungen der Gesellschaft existieren: Nach Haarfarben, nach Körpergrößen, nach Rassen/Ethnien, nach Klassen, nach Behinderung, nach BMI usw. Bist du nicht ganz böse haarfarbistisch, körpergrößistisch, rassistisch, klassistisch, ableistisch, dünnenfeindlich usw., wenn du dich auf die „Diskriminierungen“ bezüglich Geschlecht kaprizierst? Schon dumm, wenn die Mathematik ausschließt, was die Ideologie fordert.

5 Christian Siefkes (10.08.2014, 19:38 Uhr)

@Martin Bartonitz:

Hmmm, auch hier scheinen mir zu viele Regularien zur Steuerung verwendet zu werden. Ich las vor einiger Zeit ein Buch, das mir die Augen öffnete, dass jeder regulierende Eingriff in Beziehungsgeflecht die Situation verschlimmbessert. Hier hat einer über das Buch geschrieben: http://wirdemo.buergerstimme.com/2014/07/ueberall-ist-tanaland/

Regeln sind nicht per se gut oder schlecht, es kommt darauf an, wer sie macht und durchsetzt. Der verlinkte Artikel befasst sich mit von Externen (Hilfsorganisationen bzw. „Experten“) aufoktroyierten Regeln, so was funktioniert erfahrungsgemäß sehr schlecht, weil diese die Komplexität der lokalen Situation nicht verstehen. Elinor Ostrom hat darüber einiges geschrieben.

Etwas anderes ist es, wenn sich die Beteiligten (Commoners) selbst die Regeln machen. Das ist in jedem commonsbasierten System der Fall und anders könnten solche Systeme auch nicht funktionieren. Die von mir diskutierten Regeln sind in diesem Sinne immer nur als Vorschläge bzw. Denkanstöße zu verstehen — ob sie nötig und gegenstandsangemessen wären und welche Abwandlungen sich noch ergeben würden, lässt sich letztlich nur in der Praxis herausfinden.

6 Christian Siefkes (10.08.2014, 20:01 Uhr)

@libertär:

Du schreibst: “Eine in diesem Kontext drohende Gefahr ist allerdings, dass bestimmte Aufgaben weiterhin überwiegend von bestimmten Personengruppen übernommen werden könnten.” Kannst du das auch begründen? Für wen oder was droht eine Gefahr? Worin bestünde diese Gefahr?

Das habe ich im nächsten Satz schon beantwortet, nämlich:

Und zwar nicht, weil sie darauf besonders viel Lust haben [oder dabei besonders gut sind, könnte man hinzufügen], sondern weil dies von ihnen erwartet wird.

Ich fordere ja nicht, 50% der Linux-Kernel-Hacker_innen bzw. der Krankenpfleger_innen Frauen und 50% Männer sind, sondern dass jede_r, die/der Interesse und Talent am Kernelhacken bzw. Krankenpflegen hat, dieses Talent entdecken und erproben kann, ohne aufgrund von Äußerlichkeiten (ob Geschlecht, Haarfarbe, Abstammung, Körpervolumen etc.) ausgebremst zu werden. Das Tragische ist ja, dass die kleine Kernelhackerin ihr Talent heute vielleicht nie entdeckt, weil ihr Eltern, Lehrer_innen und Peers vermitteln, dass sie lieber mit Puppen als mit gcc spielen soll. Darum geht’s, dass das möglichst nicht vorkommt. Oder wie Tom Robbins sagt:

If a child wants to grow up to be a cowgirl, she ought to be able to do it, or else this world ain’t worth living in. I want every little girl–and every boy, for that matter–to be free to realize their fantasies. Anything less than that is unacceptable to me.

7 libertär (18.08.2014, 15:58 Uhr)

Leider weichst du in deiner Antwort meiner Kritik aus, statt auf sie einzugehen. In deinem Artikel ging es dir ausdrücklich um Personengruppen (siehe auch deine Zwischenüberschrift „Fortdauern geschlechtsspezifischer Stereotypen“). Jetzt tust du so, als ginge es um Individuen, die Arbeiten tun sollen, auf die sie keine Lust haben. Wenn du deine Meinung tatsächlich zu Letzterem hin geändert hast, dann braucht man auch nicht mehr die ganzen Partitionen in Geschlecht, Haarfarbe, Abstammung und was einem sonst noch einfallen mag. Es ist nämlich für das Problem, wie man erfüllende Tätigkeiten zuteilt bzw. Menschen solche Tätigkeiten für sich finden lässt, absolut unerheblich, von welchen Gruppen oder besser gesagt Prädikaten (rothaarig, schlank, dunkelhäutig, …) diese Menschen Elemente sind. Dann interessieren nur noch zwei Mengen, die Menge derer, die ihre Arbeit(en) aus eigener freier Entscheidung ausüben, und diejenigen, die das nicht tun. In dieser Hinsicht gibt es dann auch keinen Unterschied zum Kapitalismus. Denn heute gibt es ja freie Berufswahl für alle.

In deiner Antwort bringst du einen neuen Aspekt hinein, die Erziehung. Das wäre – da gebe ich dir Recht – tatsächlich ein Bereich, in dem auch heute im Kapitalismus sehr viele Entscheidungen angebahnt oder verunmöglicht werden. Sofern dies ohne Zwang geschieht (z.B. ein Kind entdeckt bei seinem Großvater mit zwei Jahren das Schachspiel, es fasziniert es und es wird Großmeister*) ist dagegen m.E. gar nichts einzuwenden. Wenn Kinder gegen ihren Willen sich an etwas beteiligen müssen, sehe ich das sehr kritisch. Der Zwang kann schon beim Kindergartenbesuch (den viele Kinder ablehnen und unter dem sie oft leiden) anfangen und hört bei Zwangs-Klavierstunden und Zwangs-Chinesischpauken, womit man Menschen für immer die Freude am Musizieren und Sprachenlernen rauben kann, noch lange nicht auf. Wie Kinder vor ihren Erziehenden, u.a. den ambitionierten, die ihren Nachwuchs als Projekt zur Selbstverwirklichung betrachten, geschützt werden können, ist eine wichtige Frage, die sich aber nicht erst im Commonismus stellt.

Deine Auffassung, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in den Vorlieben für bestimmte Tätigkeiten, auf das für die Betroffenen undurchsichtige Wirken von Stereotypen zurückgehen können, halte ich für empirisch widerlegt. Gerade in aufstrebenden Staaten am Anfang der Industrialisierung (heute im arabischen Raum z.B. oder das England Anfang des 19. Jh.) ist das Geschlechterverhältnis in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern recht ausgewogen. Es gibt z.B. in jenen Staaten ähnlich viele Frauen in den Ingenieursberufen wie Männer und insbesondere in den Entwicklungsländern überwiegend FabrikarbeiterINNEN. Erst mit wachsenden Freiheiten und Arbeiterrechten (Musterbeispiel Skandinavien) können Menschen die Tätigkeiten ergreifen, die sie am ehesten bevorzugen. Das muss noch nicht heißen, dass sie ihnen viel Spaß machen, was unter kapitalistischen Verhältnissen ohnehin kaum vorstellbar ist. Zumindest scheinen ihnen die frei gewählten Arbeiten am ehesten erträglich und mit ihrem Lebensentwurf verträglich zu sein. Haben sie die ökonomische Freiheit dazu (wie in hohem Maße in Skandinavien), so sind es eben überwiegend Frauen, die sich für körperlich anspruchslose und ungefährliche Teilzeitarbeiten oder sogar überhaupt keine Arbeit oder ein leichtes Leben als Hausfrau und Mutter entscheiden. Dass allerdings Männer die gefährlichen und anstrengenden Jobs machen, dürfte weniger darauf zurückgehen, dass sie so viel Spaß an wenig Freizeit, einer ruinierten Gesundheit und einem frühen Tod haben, sondern an dem gesellschaftlichen Zwang, der Familienernährer zu sein. Ich muss daher einschränken, was ich oben geschrieben habe: Heute gibt es freie Berufs- und Freizeitwahl, jedoch nur für Frauen.

*) Das wirft die Frage auf, ob im Commonismus auch die Leute auf normalem Niveau versorgt werden, die in ihrem Leben nie arbeiten, sondern nur spielen und damit andere unterhalten: Sportler, Künstler, Wettkampf-Computerspieler usw.

8 Christian Siefkes (20.08.2014, 22:11 Uhr)

@libertär:

Es ist nämlich für das Problem, wie […] Menschen [erfüllende] Tätigkeiten für sich finden […], absolut unerheblich, von welchen Gruppen oder besser gesagt Prädikaten (rothaarig, schlank, dunkelhäutig, …) diese Menschen Elemente sind.

Genau, oder genauer gesagt: So sollte es sein. Das ist aber kein Selbstläufer, weil gesellschaftliche Umstände es verhindern können. Und zwar nicht nur die Erziehung im engeren Sinne (also was Eltern, Lehrer_innen etc. machen), sondern auch die Sozialisierung im weiteren Sinne, also Erwartungen und Vorstellungen, die einem z.B. auch durch Peers (Gleichaltrige) vermittelt werden. Oder welche Rollenbilder einem die Medien und die Umwelt, in der eine_r aufwächst, liefern.

Oder durch die gesellschaftliche Ausgestaltung bestimmter Aufgaben/Berufe, wenn z.B. sehr flexible Einsatzzeiten („auf Zuruf“) oder sehr lange Anwesenheiten erwartet werden, was Leuten, die sich um kleine Kinder kümmern (und das sind heute nun mal mehr Frauen als Männern) die Beteiligung erschwert oder unmöglich macht.

Die zweite Hälfte deines Kommentars diskutiere ich nicht, die ist mir zu wirklichkeitsfremd und ignorant. Interessierst du dich für Argumente und Fakten (ich habe an der Stelle leider gewisse Zweifel), dann lies z.B. mal Das gleiche Geschlecht.

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