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Zwei Arten von Gebrauchswert?

Auch in nicht besonders marxologisch bewanderten Kreisen wird gerne von »Gebrauchswert« und »Tauschwert« gesprochen. Mit »Gebrauchswert« ist in der Regel der sinnlich-nutzbaren Gegenstand gemeint, während der »Tauschwert« meist eine gesellschaftliche Größe bezeichnen soll, die — nomen est omen — erst im Tausch auftritt. Diese Sicht wird oft zusätzlich mit der Annahme verbunden, dass der Gebrauchswert in allen Gesellschaften existiert (also »überhistorisch« ist), während der Tauschwert nur im Kapitalismus vorkommt oder zumindest nur dort dominant (und somit »historisch-spezifisch«) ist. Dem hat Marx himself erheblichen Vorschub geleistet, als er im Kontext des Gebrauchswerts locker von »ewiger Naturnotwendigkeit« sprach.

Damit hat sich Marx in die Grütze geritten, meint Ernst Lohoff und erklärt ziemlich plausibel, was ich immer schon vermutete:

»Was den Gebrauchswert angeht, so verwickelt sich Marx innerhalb seiner Darstellung im Kapital in einen handfesten Widerspruch. In der Anfangspassage des Kapitals ist zu lesen: „Gebrauchswerte bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums, welches immer seine gesellschaftliche Form sei. In der von uns zu betrachtenden Gesellschaftsform bilden sie zugleich die stofflichen Träger des – Tauschwerts“ (MEW 23, S. 50). Hier wird also Gebrauchswert als ein anderes Wort für von Menschen geschaffenen sinnlich-stofflichen Reichtum gefasst und damit als eine überhistorische Größe verstanden. Auf späteren Stufen der Darstellung im 1. Band des Kapitals behandelt Marx aber zwei Waren, bei denen seine Analyse zutage fördert, dass sie neben ihrem sinnlich-stofflichen Gebrauchswert auch noch einen zweiten, übersinnlichen, rein gesellschaftlichen Gebrauchswert haben, der in der bürgerlichen Ökonomie auch ihr wesentlicher Gebrauchswert ist. Das gilt zunächst einmal für die ausgesonderte allgemeine Ware, das Geld. Indem Gold zu Geld wird, bekommt es den Gebrauchswert, Wert in der Form der unmittelbaren Austauschbarkeit zu repräsentieren. Dieser Gebrauchswert hat weder stofflichen Charakter noch ist er überhistorisch. Die Arbeitskraft wiederum hat neben dem Gebrauchswert, bestimmte Güter (Leinwand, Rock) hervorzubringen, den Gebrauchswert, Profit und Mehrwert zu erzeugen, und dieser Gebrauchswert, der den Kapitalisten allein interessiert, ist ebenfalls rein gesellschaftlich in einem historisch-spezifischen Sinne. Im 3. Band des Kapitals geht Marx auf den seltsamsten Warentypus ein, den der Kapitalismus überhaupt hervorbringt: das als Ware gehandelte Geldkapital. Diese Ware, da macht Marx überhaupt kein Geheimnis, hat überhaupt nur einen rein gesellschaftlichen Gebrauchswert. Wer sich etwa Geld leiht, dem wird dieses „als Wert, der den Gebrauchswert besitzt, Mehrwert, Profit zu schaffen“ ausgehändigt (MEW 25, S. 355). Das passt erst recht nicht zu der im 1. Kapitel des Kapitals behaupteten Identität von Gebrauchswert und sinnlich-stofflichem Reichtum. Diese Inkonsistenz in der Marx’schen Argumentation lässt sich ohne Weiteres beseitigen. Man muss sich an das halten, was Marx im Fortgang seiner Darstellung faktisch macht, und sich von der Identität von Gebrauchswert und sinnlich-stofflichem Reichtum und damit von einem überhistorischen Gebrauchswertbegriff verabschieden. Der Gegensatz von Gebrauchswert und Tauschwert ist kein Gegensatz zwischen einer überhistorischen und einer spezifischen kapitalistischen Kategorie, sondern ein Binnengegensatz innerhalb der Wertbeziehung.« (Ernst Lohoff, Auf Selbstzerstörung programmiert, S. 23, Fußnote 9)

Was heißt das? Der Gebrauchswert ist nicht zu retten. Er ist nicht das »Gute«, das nur sein schlechtes Gegenüber, den Tauschwert loswerden müsse, und alles wird gut. Gebrauchswert und Tauschwert sind zwei Seite der gleichen Medaille, die aus der Warenproduktion resultieren. Wir werden sie nur zusammen los oder gar nicht. Und das geht nur durch eine neue Produktionsweise jenseits der Warenform. Dito gilt dann auch für die Arbeit:

»Wer den Gebrauchswert als überhistorische Kategorie interpretiert, muss natürlich auch jene menschliche Praxis, die Waren hervorbringt, die Arbeit also, in entsprechender Weise aufspalten. Arbeit gilt dementsprechend im ersten Kapitel des Kapitals ausschließlich in ihrer Bestimmung als abstrakte Arbeit, als tauschwertsetzende Arbeit, als etwas spezifisch Kapitalistisches. Die konkrete Arbeit soll es dagegen unterschiedslos in allen Gesellschaftsformationen geben. In den Frühschriften hatte Marx noch ganz andere Töne angeschlagen und hat die Arbeit als solche ebenso vehement wie zutreffend angegriffen: „Die Arbeit ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, ungesellschaftliche, vom Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende Tätigkeit.“ (Karl Marx: Über Friedrich Lists Buch „Das Nationale System der Politischen Ökonomie“, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 14. Jg., Heft 3 1972, S. 436) Statt diesen Frontalangriff im Kapital fortzuführen und kategorial zu präzisieren, hat Marx seine Kritik entschärft und den Arbeitsbegriff in einer der herrschenden Arbeitsreligion angepassten Weise verwendet. Dabei lässt sich die Differenzierung zwischen tauschwert- und gebrauchswertsetzender Arbeit ohne Weiteres auch von einem Standpunkt formulieren, der Arbeit, wie Marx in den Frühschriften, als die spezifisch kapitalistische Tätigkeitsform fasst. Beim Gegensatz von konkreter und abstrakter Arbeit handelt es sich um einen Binnengegensatz innerhalb des Wertverhältnisses. Beide Pole, sowohl konkrete Arbeit als auch abstrakte Arbeit, existieren nur innerhalb der Wertbeziehung.« (Ernst Lohoff, Auf Selbstzerstörung programmiert, S. 24, Fußnote 10)

Guter Artikel von Lohoff — Leseempfehlung!

Kategorien: Lernen, Theorie

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27. Juli 2013, 06:24 Uhr   67 Kommentare

1 Hans-Hermann Hirschemann (27.07.2013, 11:57 Uhr)

Na, das ist ja ein lustiger Denkfehler, der Ernst Lohoff da reitet.

Marx konstatiert vollkommen zu Recht, dass es in allen Gesellschaftsformationen nützliche Gebrauchsgegenstände (oder Tätigkeiten) gibt und geben wird, die ein Nutzpotenzial = Gebrauchswert darstellen und deren Summe den materiellen Reichtum der jeweiligen Gesellschaft ausmacht (der übrigens nicht allein Produkt menschlicher Arbeit sondern ebenso der Natur ist, worauf Marx z.B. in seiner Kritik des Gotharer Programms ausdrücklich hinweist).

Damit ist aber keineswegs gesagt, dass es in allen historischen Gesellschaftsformationen die gleichen Gebrauchswerte gibt, wie etwa den Gebrauchswert von Geld. (Auch der Gebrauchswert von Ritterrüstungen ist nicht überhistorisch).

Diesen Unsinn kann Ernst Lohhoff Marx nur aufgrund des eignen Fehlschlusses unterschieben.   

2 Hans-Hermann Hirschemann (27.07.2013, 12:40 Uhr)

Der Gegensatz von Gebrauchswert und Tauschwert ist kein Gegensatz zwischen einer überhistorischen und einer spezifischen kapitalistischen Kategorie, sondern ein Binnengegensatz innerhalb der Wertbeziehung.«

Marx sprich meines Wissens nirgends von einem (prinzipiellen) Gegensatz von Tausch- und Gebrauchswert, schon gar nicht in Form eines moralistischen Dogmas, das das Lied vom edlen Gebrauchswert (oder Bedürfnis danach) singt.

Die marx/engelssche Perspektve ist die der (welt-)gemeinschaftlichen Beherrschung deren (umweltbewusster) Her- bzw. Bereitstellung, sprich, die gemeinsame Zweckbestimmung unter Einschluss einer gemeinschaftlichen Bestimmung von Produktionsstandards oder -mengen im Angesicht übergreifender Zwecke in sozialer bzw. ökologischer Natur.

Die dabei (nicht) aufzubringende Arbeitszeit würde kalkulierbar gemacht und zu einem Entscheidungskriterium in dem ganzen Strauß anderer Entscheidungskriterien wie etwa das der „Naturverträglichkeit“. 

Der konkrete Gebrauchswert der Daten, mit deren Hilfe dann die (welt-) gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit erfasst würde, wäre natürlich auch kein überhistorischer.

3 Hans-Hermann Hirschemann (27.07.2013, 13:36 Uhr)

Statt diesen Frontalangriff im Kapital fortzuführen und kategorial zu präzisieren, hat Marx seine Kritik entschärft und den Arbeitsbegriff in einer der herrschenden Arbeitsreligion angepassten Weise verwendet.

Das komplettiert den vorherigen Unfug.

Ich sehe all das als Indikator eben der Entfremdung deren Überwindung hier gewollt scheint. Es zeigt  die derzeitige Mächtigkeit des Bedürfniss nach überhistorisch gültigen „Begriffen“ die (wie klassisch Gott und Teufel) als Fetisch dienen, die völlig losgelöst von der Erde scheinend angehimmelt oder verteufelt werden (je nach Bedarf) und denen dabei allerhand Wunder bzw. teuflische Wirkungen unterstellt werden.

Man kann Arbeit in einem übergeordnet anthropologischen Sinne verstehen und das spezifisch menschliche Element des planvollen Herstellen eines gesellschaftlichen Nutzens hervorheben (wie es Marx und mehr noch Engels immer wieder gemacht haben) oder das Wort im jugendlichen Leichtsinn einfach so „definieren“, dass dies lediglich die kapitalitische Art der Zwangsarbeit beschreibt, die die Subjekte des Handelns einander (und von der Naturumwelt) entfremden.

Im esten Fall hilft das, die marx/engelsche Theorie sozialer Emanzipation allegemein nachvollziehbar zu machen. Im zweiten Fall kommt das dem Bedürfnis nach Sektenbildung entgegen.

Die „antibürgerliche“ Provokation „Arbeit abschaffen“ mischt sich prima mit Schlaraffenlandträumen, die gerade Ausdruck von Verhältnissen sind, in denen die bürgerliche Aufteilung von Hand- und Kopfarbeit aus Sicht der letzteren auf das Allerbequemste gelöst scheint. Auf genau der Basis entstehen Utopien, die sich als Verwirklichung des reinen Geistes verstehen.     

4 Franz Nahrada (27.07.2013, 17:49 Uhr)

Also erstens sollte Arbeit – WENN man sie  in einem übergeordnet anthropologischen Sinne verstehen und das spezifisch menschliche Element des planvollen Herstellen eines gesellschaftlichen Nutzens hervorheben möchte, schon ihrem Anspruch nach die Tätigkeit sein, die ihr Notwendigkeit schrittweise verringert. Wir befinden uns hier in einem theoretischen Terrain wo pausenlos die Perspektive der Automation und der Autopoiesis diskutiert wird. Das Geklotze „Aber gearbeitet werden muss“ ist hier äußerst wenig hilfreich.

Zweitens erscheint mir nach einem Vortrag den Robert Kurz selig mal in den Neunziger Jahren hielt, das Rätsel des Gebrauchswerts schon lange gelöst. Andersrum: Was Ernst Lohoff konstatiert, die Differenz zwischen sinnlich-stofflichem Reichtum und dem was Gebrauchswert ist, ist nicht der Unterschied von zweierlei Sorten Gebrauchswert sondern das magere Innenleben der Kategorie Gebrauchswert schlechthin. Ich erinnere mich noch, als in Kapitalschulungen der sechziger und siebziger Jahre diese Abstreaktion noch als Beweis dafür abgefeiert wurde, dass „sich diese Gesellschaft von der Natur nicht ihre Gesetze vorschreiben lässt„. (Resultate der Arbeitskonferenz 1, Der Aufbau des „Kapital“). Nun, das ganze kann man auch weniger heroisch und sehr viel banaler formulieren als den Umstand, dass es der Kategorie des Gebrauchswertes ganz egal ist, wer was wozu und wie gebraucht. Diese Gleichgültigkeit gegenüber der Stofflichkeit ist mit ziemlicher Sicherheit so nur der kapitalistischen Gesellschaftsformation eingeschrieben. Die Kategorie des Gebrauchswerts ist so abstrakt, weil die Warenform so universell ist und jede Tätigkeit oder Arbeit als wertproduzierende jene seltsam gleichgültige Haltung zum Gebrauchswert hat die Marx schon in den James Mill Exzerpten als „scheinhafte Produktion“ entlarvte.

Also: der „Gebrauchswert“ ist nicht die gute Seite gegen die böse des Tauschwerts“, gebongt. Aber bitte nix vergeheimnissen!

5 Hans-Hermann Hirschemann (27.07.2013, 21:07 Uhr)

Keine Frage ist die Verringerung notwendiger Arbeit (der Notwendigkeit, die Dinge des täglichen Bedarfs zu erarbeiten) zentrales Element bzw. Anliegen kommunistischer Emanzipation. (Wir kennen die Marxschen Ausführungen zum Reich der Freiheit).

Allerdings steht dabei eben in Frage, wie die Vergößerung des Reiches der Freiheit von notwendiger Arbeit, (ob durch Verbesserungen der Produktivität, durch mehr Langlebigkeit der Produkte oder aufgrund einer gesteigerten Fähigkeit zur intelligenten Begrenzung unsinniger Anstrengungen) auf den Charakter der dann immer noch notwendigen Arbeit zurück wirkt. Etwa darauf, wie und von wem der bestimmt wird.

Die brennende Frage ist, was die (Welt-) Gesellschaft in die Lage versetzt, die erzielten Freiheitsgewinne dazu zu nutzen, die Verteilung, den Charkter, die Umweltfreundlichkeit, die Mengen und insgesamt die Zwecke der notwendigen Arbeit zu bestimmen. Bzw. womit sich die Globalisierten dieser Erde in die Lage versetzen, ihre unterschiedlichen Bedürfnisse, mit dem für deren Befriedigung jeweils nötigen Arbeitsaufwand, den zu beachtenden Grenzen sozialer bzw. ökologsche Vernunft bzw. Rücksichtnahmen usw. ins Benehmen zu setzen.

Die Kategorie des Gebrauchswerts ist so abstrakt, weil die Warenform so universell ist

Nein, vielleicht ist die Verwechselung von Wirklichkeit und Begriff für warenproduzierende Gesellschaften typisch, aber der Kategorie des Gebrauchswertes ist es tatsächlich egal, ob Dinge, die unter ihr fallen, kapitalistisch, kommunistisch oder ganz ohne menschlichliches Zutun erzeugt sind.

und jede Tätigkeit oder Arbeit als wertproduzierende jene
seltsam gleichgültige Haltung zum Gebrauchswert hat die Marx schon in
den James Mill Exzerpten als “scheinhafte Produktion” entlarvte.

Auch das ist in dieser Einseitigkeit falsch. Diese abgelutschte „Weisheit“ macht m.E. einen Gutteil der Entfremdung anti-kapitalistischer Theorie von den lebendigen Subjekten sozialer Emanzipation aus.

Kapitalismus ist ja gerade deshalb für so viele Menschen so attraktiv, weil die Konkurrenz privateigentümlich motivierter Produktionsagenten um die Gunst ihrer Kunden unter dem Strich eine stetige Verbesserung und Verwohlfeilung  von Gebrauchsgegenständen und Diensten bewirkt.

Das Problem ist halt „nur“ die Unmöglichkeit einer hinreichenden sozialen Steuerung des Ganzen nach Kriteren sozialer bzw. ökologischer Vernunft, und dass dieses Ansinnen auch noch weitgehend als Bedrohung der eigenen Freiheit emfunden wird, die Produkte des Raubbaus an Arbeit und anderen Naturkräfte in aller einkaufspadadisischen Unschuld zu genießen. 

Siehe: http://oekohumanismus.wordpress.com/2008/11/23/sind-wir-des-warensinns/

Zweitens erscheint mir nach einem Vortrag den Robert Kurz selig mal in den Neunziger Jahren hielt, das Rätsel des Gebrauchswerts schon lange gelöst.

So?

6 Franz Nahrada (27.07.2013, 21:55 Uhr)

Die brennende Frage ist, was die (Welt-) Gesellschaft in die Lage
versetzt, die erzielten Freiheitsgewinne dazu zu nutzen, die Verteilung,
den Charakter, die Umweltfreundlichkeit, die Mengen und insgesamt die
Zwecke der notwendigen Arbeit zu bestimmen. Bzw. womit sich die
Globalisierten dieser Erde in die Lage versetzen, ihre unterschiedlichen
Bedürfnisse, mit dem für deren Befriedigung jeweils nötigen
Arbeitsaufwand, den zu beachtenden Grenzen sozialer bzw. ökologsche
Vernunft bzw. Rücksichtnahmen usw. ins Benehmen zu setzen.

Eine Frage, zu deren Beantwortung wir dringend Experimente und Diversität brauchen. Die „Globalisierten dieser Erde“ sind in eine globale Gesamtfabrik hineingezerrt worden, deren fossile Existenzbedingung zunehmend schwindet, während auf der anderen Seite lokale Möglichkeiten von Produktion und Kreislauf (nicht zuletzt durch Wissenscommunities und globale Kommunikation) zunehmend steigen.

Eine „Verbesserung und Verwohlfeilerung von Gebrauchsgegenständen und Diensten“ scheint mir nicht mehr die Haupttendenz der globalen Gesamtfabrik zu sein. Aber vielleicht ist das jetzt schon zu weit gegriffen in unserer Auseinandersetzung, wird sich schon noch entwickeln. Vielmehr glaube ich doch noch einiges zum Gebrauchswert sagen zu müssen. Die Vorstellung, eine Ware hätte (nur) einen Gebrauchswert ist ja schon die Abstraktion von ihren mannigfaltigen stofflichen Bezügen. In der Permakultur, als Gegenmodell, wird versucht mit einem System der multiplen Nutzenstiftung aller Gegenstände zu arbeiten, und diese Gedanken scheinen Dir doch ohnehin nahezuliegen. Es ist nicht egal, was mit den Abfällen passiert, ob sie am Ende der Pipeline liegenbleiben oder ob sie als Nähstoff wieder in die Produktion eingehen. Michael Braungart und sein amerikanischer Kollege Mc Donough haben das auf die Produktionswelt als ganzes ausgedehnt, und sie sind zu erstaunlichen Resultaten und Potentialen gekommen. Wenn ich also wie Du vom Standpunkt der „sozialen Steuerung des Ganzen nach Kriteren sozialer bzw. ökologischer Vernunft“ ausgehe, und diese mit dem Interesse nach autonomer Lebensgestaltung versöhnen will, hilft mir die Kategorie des Gebrauchswerts keinen Flohsprung weiter. Soweit mal.

7 Hans-Hermann Hirschemann (27.07.2013, 23:27 Uhr)

Ja, natürlich brauchen wir jede Menge räumliche oder sonstwie begrenzte Experimente. Auch noch so weltgemeinschaftlicher Umgang mit den Ressourcen der Welt bräuchte notwendig regionale oder sonstwie bestimmte Freiräume, wo Überraschendes und interessante Unterschiede entstehen können.

Dennoch sollte bereits in den nächsten Jahrzehnten wesentliches hinsichtlich eines globalen Füreinanders (unter Einschluss der Möglichkeit zu lokalen Stoffkreisläufen) erreicht sein, das auf Grundlage ökologisch kompetenter Übereinkünfte funktioniert, an deren Zustandekommen, Umsetzung, Kontrolle und Weiterentwicklung die Menschen und Institutionen aller Weltregionen beteiligt sind. 

Die Vorstellung, eine Ware hätte (nur) einen Gebrauchswert ist ja schon die Abstraktion von ihren mannigfaltigen stofflichen Bezügen.

Aber das hieße ja gerade, die Kategorie „einen Gebrauchswert haben“ mit der Wirklichkeit der manigfaltigen Gebrauchswerte (Nutzpotenziale) zu verwechseln. Auch Waren haben unzählig viele verschiedene Gebrauchswerte deren Bedeutung und Entwicklungspotenzial nur aus dem jeweiligen Kontext heraus und auch jedes Mal nur in bestimmer Hinsicht beurteilbar sind. 

In der Permakultur, als Gegenmodell, wird versucht mit einem System der multiplen Nutzenstiftung aller Gegenstände zu arbeiten, und diese
Gedanken scheinen Dir doch ohnehin nahezuliegen.

Ja, das finde ich nicht unsympathisch. Blöderweise muss ich jetzt aber daran denken, dass die heutige Möglichkeit, mit einem Wecker zu telefonieren, Briefe zu schreiben, zu fotografieren und auch noch Radio zu hören und Fernsehen und Musikvideos zu gucken auch eine recht mulible Nutzenstiftung ist.

Was ja gerade das Problem ist angesichts der sozialen bzw. ökologischen Kosten des riesigen Materialauffwands, der unter den jetztigen Bedingungen dafür nötig und auch nicht in einer vernüftigen Weise steuerbar scheint.

Michael Braungart und sein amerikanischer Kollege Mc Donough haben das auf die Produktionswelt als ganzes ausgedehnt

Danke für den Hinweis.

… hilft mir die Kategorie des Gebrauchswerts keinen Flohsprung weiter

Es geht ja nur um die Erkenntnis, dass zwar in allen erdenklichen historischen Formen der Aufteilung, Zusammenlegung usw. von Arbeit, Genuss, Verantwortung, Zweckbestimmungskompetenz usw. Gebrauchsgegenstände produziert und konsumiert werden, das Entscheidende für deren soziale Qualität und ökologische Verantwortbarkeit (bzw. für den Einfluss, der darauf genommen werden kann) aber die Art und Weise ist, in der das geschieht (geschehen kann).

Nur zu wissen, dass Atomkraftwerke einen oder auch mehrere Gebrauchswerte haben, verhilft in der Tat zu keinem Flohsprung.

Immerhin scheinen wir uns darin einig (wohl auch mit Stephan MZ), dass die Kategorie Gebrauchswert keine ethische Relevanz hat.   

8 Hans-Gert Gräbe (28.07.2013, 07:52 Uhr)

Vielleicht sollte man auch mal wieder die Perspektive des Menschen als „tool making animal“ und nicht als „Gebrauchswert making animal“ stärker betonen? Alles, was hier diskutiert wird, setzt ja die Tools schon als gemacht voraus, oder?

9 Franz Nahrada (28.07.2013, 09:41 Uhr)

Die Tools sind in der Tat der Schlüssel zum Verständnis der Gesellschaftsformationen – übrigens auch und insbesondere die Kommunikationstechnologien.

Natürlich gibt es keinen vollständigen Begriff vom Gebrauchswert ohne die Betrachtung der Tools….und wir stünden eigentlich vor einer Resurrektion der Eigenarbeit, würde die Allianz aus Wirtschaft und allgemeiner Borniertheit uns nicht ständig das Gegenteil einreden.

10 Hans-Hermann Hirschemann (28.07.2013, 14:04 Uhr)

Alles, was hier diskutiert wird, setzt ja die Tools schon als gemacht voraus, oder?

Die Emanziation der Vorderfüße brachte dem Menschen Handlungsfreiheit und damit eine Karriere sowohl als the tool making als auch als the planning animail. Siehe Engels wundervollen Aufsatz über „den Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“.

http://oekomarx.wordpress.com/zu-den-marx-engels-texten/o-texte-des-grunen-marx-1/engels-uber-die-fortgesetzte-menschwerdung-des-affen-arbeit-verschafft-handlungsfreiheit/

Eine (welt-) gemeinschaftlich abgestimmte Bestimmung der Gebrauchswerte (= des Nutzens) von Produktionsergebnissen und von Maßnahmen zur Vermeidung von Schäden, die mit deren Produktion, Verbrauch und Abfallverwertung möglicherweise einher gehen, erfordert natürlich vor allem eine (welt-)gemeinschaftlich abgestimmte Kontrolle (Bestimmung, Eingrenzung) der Gebrauchswerte (= der Nutzpotenziale) und des Schädigungspotenzials der dafür einzusetzenden Produktionsmittel (der Tools).

11 Franz Nahrada (28.07.2013, 19:22 Uhr)

Naja, lieber Hans-Hermann, wir sind doch hier bei Keimform, und da geht es um alles andere als eine voll ausgebildete aufgeklärte postkapitalistische Weltgesellschaft, die sich auf ein „System der Arbeiten und der Bedürfnisse“ geeinigt hat. Idealbilder sind schön und auch ein wenig tautologisch, die Frage hier ist eher: wie kommen wir dorthin. Theoretisch wie praktisch.

Ich denke dass Du an dieser Adresse richtiger wärest: http://www.system-wechsel.org/index.php

Um mich dennoch auf Deine Frage einzulassen und eine Brücke zu schlagen:

Wenn ich einen Gedanken bei Marx ein wenig problematisch finde, dann ist es der (paraphrasiert:) „Gebrauchswerte verwirklichen sich nur im Gebrauch, ihre Realisation fällt im Regelfall aus der politischen Ökonomie heraus, die Disziplin die sich mit ihnen beschäftigt ist die Warenkunde und wir schaun uns nur die Gebrauchswerte an, die direkt mit den Gegenständen der poltioschen Ökonomie zu tun haben“.

Was fehlt, ist eine qualitative Ökonomik, was das bedeutet hab ich schon vor 11 Jahren bei Ökonux geschrieben.

(„Qualitative Ökonomik würde also die Qualitäten (Gebrauchsweisen) der
Dinge beschreiben, wie sie mit anderen Dingen interagieren, wie sie mit
Menschen und Menschen mit ihnen interagieren etc. Sind sie Zeiträuber,
machen sie uns wirklich freier, klüger, glücklicher etc…??“)

In der Zwischenzeit hat die Mustertheorie von Christopher Alexander eine gewaltige Karriere gemacht und erscheint mir ein Schlüssel zur Konstruktion einer qualitativen Ökonomik.

12 Christian Siefkes (28.07.2013, 20:29 Uhr)

Die Argumentation leuchtet auch mir nicht ein. Wie HHH im 1. Kommentar schon festgestellt hat, scheint der Kategorienfehler bei Lohoff zu liegen, weil er aus „Gebrauchswerte/-gegenstände gibt es in allen Gesellschaften“ (ein Mensch, der überhaupt nichts braucht/gebrauchen kann, ist tot) locker-flockig „der Gebrauchswertcharakter jedes einzelnen Dings [das Geld, die Ritterrüstung, die 3,5-Zoll-Diskette] ist überhistorisch und ewig“ gemacht hat. Letztere Aussage ist offensichtlich unsinnig und lässt sich daher leicht bashen, aber Marx vertritt sie an keiner Stelle. Sie hat auch nichts zu tun mit Marx‘ Erkenntnis, dass ohne Stoffwechselprozesse mit der Natur und ohne Interaktionen mit anderen Menschen ein Überleben als Individuum und als Gesellschaft schlechterdings nicht möglich ist.

Der von dir kritisierte Satz mit der „ewigen Naturnotwendigkeit“ lautet ja vollständig:

Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln. (MEW 23, S. 57)

Ist das falsch? Ich denke nicht.

Man kann zwar statt von „nützlicher Arbeit“ auch von „Tätigsein“ o.ä. reden, aber das ist eine reine Umbenennung, inhaltlich ändert es nichts.

Ein inhaltlicher Einwand könnte höchstens von einem Freund der Vollautomatisierung gemacht werden, nämlich dass es sich ja nicht unbedingt um menschliche Arbeit handeln muss, sondern man sie in irgendeiner fernen Zukunft komplett den Maschinen überlassen könnte. Das würde allerdings eine komplett autonome Maschinen-KI-Infrastruktur erfordern, in der die Menschen die Kontrolle über die gesellschaftliche Reproduktion vollständig an die intelligenten Maschinen abgetreten haben (denn die Maschinen zu programmieren, zu warten/überwachen und auf Kurs zu halten, wäre ja auch konkret-nützliche Arbeit). Daher ist das nicht nur ein sehr spekulatives Szenario, sondern auch von höchst fragwürdiger Wünschbarkeit.

13 Hans-Hermann Hirschemann (28.07.2013, 20:59 Uhr)

Lieber Franz,
dass meine Meinung nicht das trifft, um was „es“ hier geht, tut mir aufrichtig Leid.

Aber vielleicht magst du mir zur Vermeidung weiterer Missverständnisse erklären, von was das, um das es hier geht, die Keimform sein soll? Nenne meine Kommentare in der Zwischenzeit einfach „Gedanken von jenseits meines Tellerrandes“.

da geht es um alles andere als eine voll ausgebildete aufgeklärte postkapitalistische Weltgesellschaft, die sich auf ein “System der Arbeiten und der Bedürfnisse” geeinigt hat

Schätze. dass du damit das, um was es mir geht, karrikieren wolltest. Das alte Spiel mit dem Pappkamaradenschießen! Na gut.

Was mich betrifft habe ich mit Idealismus ebenso weinig am Hut wie mit einem „System der Arbeiten und der Bedürfnisse“. Tautologien kann ich nirgends erkennen.

Weiter im Text:

die Frage hier ist eher: wie kommen wir dorthin. Theoretisch wie praktisch.

Und kein Wort über das Dort, wohin es (?) deiner Meinung nach keimförmig gehen soll?

Zu Marx Bemerkung zum Gebrauchswert als etwas Außerökonomisches das jetzt nicht interessiert. Zwar hat Marx m.E. dahin gehend Recht, dass sich ein Gebrachswert erst im Gebrauch realisiert (und sei er noch so ideell), aber ich sehe diese Aussage insgesamt auch als eine Schwachstelle.

Erstens weil diese ständigen Nutzwertrevolutionen der kapitalistischen Ära natürlich auch ökonomische Potenzen haben.Zweitens weil die Gebrauchswertseite (in Kombination mit einer sozial bzw. ökologisch vernünftigen Setuerung des Weltwirtschaftens) für den Prozess der Transformation zentral ist, d.h. des historischen Prozesses innerhalb dessen der von Marx/Engels konstatierte Widerspruch zwischen dem (welt-) gesellschaftlichen Charakter der Produktion und deren privateigentümliche Aneignung aufgehoben werden kann.

Werde mir den 11 Jahre alten Aufsatz durchlesen.

14 Wolfram Pfreundschuh (30.07.2013, 07:55 Uhr)

Das Problem in der Argumentation über ewige oder geschichtlich bestimmte Form des Gebrauchswerts wäre nach meiner Auffassung aufgelöst, wenn der Unterschied von Form und Formbestimmung aufgeklärt wäre. Wenn man vom Wesentlichen ausgeht, so ist doch der Gebrauchswert jedweder Inhalte die Nützlichkeit eines Dings, der Nutzen als Zweck einer Wirtschaftlichkeit schlechthin. Was haltet ihr von der Formulierung zum Gebrauchswert, wie ich ihn im Kulturkritischen Lexikon dargestellt habe?

Gebrauchswert hat ein Gut, das für verschiedene Zwecke brauchbar, also in irgendeiner Art nützlich und deshalb wirtschaftlich ist, gleich ob schön oder hässlich, menschlich oder unmenschlich, sachlich oder dem Geist dienlich ist. Der Gebrauchswert selbst kann aber nur stofflich dem Gebrauch dienen, also nur der einer Sache oder einer Dienstleistung sein. Er wird entweder produziert oder stellt durch Tradition oder Recht ein bestimmtes Eigentum dar, gleich, ob der Gebrauch selbst bestimmter Zweck seiner Erzeugung war und gleich, wodurch das Bedürfnis nach ihm entstanden ist. Wesentlich ist, dass ein Gut für Menschen nützlich ist, von ihnen rpoduziert wird und durch sie dort angeeignet werden kann, wo ein Bedarf nach diesem Nutzen formuliert wird, sei dies vor oder sei dies nach ihrer Produktion, also als Inhalt eines Willens oder als Inhalt eines Bedürfnisses – oder eben als Inhalt von beidem. Besteht dieser Nutzen aber auch wirklich gleichgültig, ist also der Gebrauchswert einer Sache in einer Existenzform, worin er gegen alles andere sich selbst gleichgültig verhält, so kann dies Ding nur eine Ware sein, ein Ding, worin der Reichtum einer bestimmten, einer bürgerlichen Gesellschaft seineElementarform hat. Hier existiert dessen Nützlichkeit als gesellschaftlicheEigenschaft an einem Ding, das nur als ein äußerer Gegenstand, als Form einer dem Menschen äußerlichen Vergegenständlichung menschlicher Arbeitexistiert. Dieser ist zwar wie jeder Reichtum Produkt menschlicher Arbeit und Gegenstand gesellschaftlich vorhandener Bedürfnisse. Aber dies ist inWirklichkeit gleichgültig: Es muss lediglich ein Bedürfnis in einer Gesellschaft geben, worin äußerliche Gegenstände aufeinander bezogen werden, das nach dem Gebrauch einer Ware oder einer Dienstleistung verlangt, die auf dem Markt nach ihrer Prdoduktion angeboten wird, – gesellschaftlich verstanden also nach dem Gebrauch irgendwelcher Sachen, die auf einem Markt von Sachen als Warensammlung existieren.

15 Franz Nahrada (30.07.2013, 10:45 Uhr)

Ich bin ja voll mit Deiner Darstellung einverstanden, Wolfram, aber wie wäre die Fortsetzung:

Die Kategorie des Gebrauchswertes selber, als die Idee einer Nützlichkeit sans phrase, entspringt und entspricht einer Gesellschaft von Warenproduzenten. Keine andere Gesellschaft wäre derart gleichgültig gegen die bestimmte Natur des Nutzens, der ihren Produkten innewohnt.

Dann erst wird ein Schuh draus. Wie gesagt, Robert Kurz war in vielem gerade dadurch dass er über Marx hinausging (und das heißt auch das Verhältnis von Kategorie und Gesellschaft reflektierte) für mich der legitimste Erbe seines Geistes.

16 Hans-Hermann Hirschelmann (30.07.2013, 16:26 Uhr)

Die Kategorie des Gebrauchswertes selber, als die Idee einer Nützlichkeit sans phrase, entspringt und entspricht einer Gesellschaft von Warenproduzenten.

Wohl eher Ausruck von Regression als Weiterentwicklung vor irgendwas. Verallgemeinerung der Nutzlosigkeit als gesellschaftliche Utopie?

Junge, Junge …

Was nicht alles geschieht, wenn Gestobene zu Himmelsboten erchoren werden und deren Harfenspiel den verzückten Nachtänzer über jeden Zweifel erhaben macht.

17 Hans-Hermann Hirschelmann (30.07.2013, 21:39 Uhr)

“… der Kapitalismus ist schon in der Grundlage aufgehoben durch die Voraussetzung, daß der Genuß als treibendes Motiv wirkt, nicht die Bereicherung selbst.“

Marx: Das Kapital, MEW Bd. 24, S. 123

Gebrauchswert = Nutzen = Mittel der Bedürfnisbefriedigung mittels (mehr oder weniger ideelle) Aneignung.

In allen erdenklichen Gesellschaften gibt es konkret nützliche Gegenstände bzw. Tätigkeiten.

Die Unterschiede bestehen in der Art und Weise (den gesellschaftlichen Möglichkeiten, Gewohnheiten, Notwendigkeiten, Zwängen usw.) der gesellschaftlichen Bestimmung bzw. Mitbestimmung des Nutzens und in wie weit und wie bzw. in welchem Verhältnis der zu den sozialen bzw. ökologischen Kosten seiner Herstellung und Aneignung steht bzw. gestellt werden kann.

Die derzeitigen Behauptungsbedingungen der Individuen und Institutionen, die zum Zwecke der Her- und Bereitstellung bzw. Aneignung der gesellschaftlichen Existenz- und Bereicherungsmittel (weltweit) miteinander interagiern (müssen), hindern sie daran, auch nur daran zu denken, die Qualität, Menge, Produktionsbedingungen und Umweltauswirkungen der Nutzpotenziale (Mittel ihrer Bedürfnisbeftriedigung bzw. der  Existenzsicherung und Bereicherung) miteinander abzustimmen d.h. sie in den Rahmen gemeinsam erarbeiteter Entwicklungspläne zu stellen.

Allerdings wächst auf Basis des kapitalistischen Füreinanders am Ende sowohl die Notwendigkeit als auch die prinzipielle Möglichkeit der sozialen Emanzipation aus diesem unwürdigen Zustand.

Kapitalismus treibt die Menge und die Qualität der als nützlich empfundenen und begehrten Gegenstände und Tätigkeiten (die Entwicklung der Gerauchswerte) wie verrückt voran. Auch die damit einher gehende Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten.

Zentraler Fortschrittsmotor bleibt die Konkurrenz privateigentümlich aufgestellter Aneignungsagenturen um die Möglichkeit zur Veräußerung der von ihnen spekulativ her- bzw. bereitgestellten bzw. angeeigneten/bessenen Gebrauchswertpotenziale (Nutzpotenziale) im Austausch gegen Waren, die die Tauschwerte (in letzter Instanz den gesellschaftlich notwendigen Arbeitsaufwand zur Her- und Bereitstellung) der veräußerten Gebrauchswerte repäsentieren. 

Aus Sicht der privaten Wertaneignungsagenturen, die sich für die sozialen bzw. ökologischen Voraussetzungen und Wirkungen ihres Geschäftserfolges nicht groß zu rechtfertigen brauchen,  ist es zwar egal, was deren Kunden begehren.Hauptsache, sie begehren überhaupt nur etwas, das ihnen verkauft werden kann.

Das ist und bleibt auch ein zentrales Problem kapitalistischer Vergesellschaftung (auch wegen der gesellschaftlichen Macht in Kombination mit der Produktion gesellschaftlich fragwürdier Gebrauchswerte bzw. Bedingungen ihrer Produktion, Weiterverwertung usw. ) Aber es ist nicht die ganze geschichtliche Wirklichkeit.

Die entwickelt sich. Und dabei vollziehen sich Emanzipationsprosesse bzw. -begehren, -möglichkeiten und -auseinandersetzungen, die sich als Elemente der Aneignung (welt-) gesellschaftlicher Bestimmungsgewalt über das Nutzpotenzial gesellschaftlicher Mittel der Existenzsicherung und Bereicherung deuten bzw. weiterentwickeln lassen (vor allem im Hinblick auf deren Schadpotenzial und problematischen Produktionsbedingungen bzw. -wirkungen).

Es ist von größter Bedeutung, solche (keimförmigen) Anzeichen zu erkennen und bewusst in Richtung eines gesellschaftlichen (am Ende auch weltgemeinschaftlichen)  Managements des menschlichen Stoff(bedeutungs)wechsels voran zu bringen.    

Etwa mittels Ökosteuern bzw. deren Weiterentwicklung zu einem System von Ökozöllen. 

18 Wolfram Pfreundschuh (31.07.2013, 09:16 Uhr)

Hallo Franz,über eine Erbschaft des Marx’schen Geistes zu reflektieren, halte ich für ziemlich geistlos, und ganz absurd ist, über deren Legitimität zu
verhandeln. Schließlich geht es um Kategorien, die richtig oder
falsch, zutreffend oder daneben sein können. Für mich ist wichtig,
dass es hier nicht um ein ideelles Verständnis von Nützlichkeit gehen sollte, dass es hier also nicht um Ideologiekritik geht, sondern um die Grundlagen einer Analyse. Nutzen unterstellt immer Herrschaft, schreibt Marx.

„Herrschaft und Benutzung ist ein Begriff“
(Marx in Marx-Engels-Werke Bd.1, S. 339)

Von daher ist dieser nie gleichgültig. Der Nutzen ist die Wirtschaftsform der Naturmacht Mensch, die im Einzelnen, wie auch allgemein Form des menschlichen Stiffwechsels ist, die es als solche gibt, die aber auch formbestimmt sein kann – sowohl im Verhältnis der Menschen zu ihrer Natur, wie auch zu ihrer Gesellschaft. Es geht um die Existenzform des
Nutzens, und man kann gegen diese gleichgültig sein, wenn man damit
nichts zu schaffen hat, wenn man ihn z.B. als Herrscher schon per se
inne hat, als Feudalherr, König oder sonst was. Deshalb geht es um
die Wirklichkeit, um das Dasein eines Nutzens in einem Ding, das für
sich schon gleichgültig hiergegen, also wertmäßig bestimmt ist.
Das hast du in meinem Text wohl überlesen. Es geht hierbei nicht um
Ideologie, nicht um eine „Idee der Nützlichkeit sans phrase“,
wie du zitierst, sondern um ein gesellschaftliches Verhältnis, wo
sie in einem Ding vermittelt wird. Solange ein Gebrauch einen Wert
darstellt (z.B. für den Bauern wie auch dem Lehnsherrn im
Feudalismus) kann man ihn Gebrauchswert nennen. Dazu braucht’s keine
Ideen. Erst wenn der Wert als Substanz eines gesellschaftlichen
Verhältnisses allgemein existiert, wird er zu einem wirklich für
die Menschen äußerlichen Gegenstand, der gleichgültig gegen sie
existiert. Und dieses macht hier den Gebrauchswert eben aus, weil der
niemals ohne Tauschwert zu begreifen ist, weil er also in der Form,
in der diese Nützlichkeit existiert (siehe Formbestimmung) zugleich
nur isoliert und doch bezogen ist. Aus dem Gebrauchswert selbst kann
deshalb kein „Schuh“ werden, weil er immer schon ein Schuh
ist und zugleich Existenzform der Schuhe im Warentausch. Als Schuh
hat er Macht gegen den, der keine Schuhe hat, in welcher Gesellschaft
auch immer der lebt. Aber als Gebrauchswert, der gleichgültig gegen
seine Bestimmtheit existiert, gibt es ihn nur in der bürgerlichen
Gesellschaft.

Über die hinauszudenken ist gar nicht nötig, weil mit ihrer Überwindung
sich diese Formbestimmung auflöst, der Gebrauchswert dann aber auch
hinfällig wird, weil er durch sinnvolle Beziehungen, die bei dieser Überwindung notwendig entstehen, auch wirklich aufgehoben werden muss. Dass das nicht durch die Proklamation eines Sozialismus schon erledigt ist und auch nicht durch technologische Verbesserungen, hat doch die Geschichte des „Realsozialismus“ längst gezeigt. 

19 Franz Nahrada (01.08.2013, 11:12 Uhr)

Hallo Wolfram,

das „was hätte Marx wohl heute gesagt“ Spiel mag ein ziemlich luxuriöses und spekulatives Spiel sein, für geistlos halte ich es trotzdem nicht – und nachdem sich viele auf ihn berufen ist die Frage der Legitimität durchaus eine spannende. Aber gut, ich hab Dich per pm gebeten diese Frage hier nicht zu diskutieren, sie lenkt in der Tat ab vom Gegenstand um den es geht.Ich nehme erfreut die Conclusio Deiner mail zur Kenntnis, denn mit der stimme ich voll überein:

Über die hinauszudenken ist gar nicht nötig, weil mit ihrer Überwindung sich diese Formbestimmung auflöst, der Gebrauchswert dann aber auch hinfällig wird, weil er durch sinnvolle Beziehungen, die bei dieser Überwindung notwendig entstehen, auch wirklich aufgehoben werden muss. Dass das nicht durch die Proklamation eines Sozialismus schon erledigt ist und auch nicht durch technologische Verbesserungen, hat doch die Geschichte des “Realsozialismus” längst gezeigt.

Also um das eingangs nochmal festzuhalten: der Gebrauchswert ist deswegen eine irrationale Kategorie, und Ernst Lohoff hat Recht mit dem Einspruch gegen die überhistorische Formulierung, weil er lediglich die unmittelbare Beziehung eines Warenkäufers oder Gebrauchers zum Objekt seines Interesses reflektiert, und hier schließt sich subjektive und objektive Seite in der Tat zusammen, das Bedürfnis hat ein Objekt und dieses Objekt ist qualitativ und quantitativ bestimmt. Von dieser Seite gibt es keinen direkten Übergang zum Wert. Der Gebrauchswert figuriert in der Wertformanalyse lediglich als Quantität, in der Äquivalentform. Die Verallgemeinerung dieser Form durch die Geldware setzt zwar auch einen Gebrauchswert voraus, nämlich Wert auszudrücken, zu verdinglichen und zu erhalten, doch ist damit nur noch einmal ausgedrückt, wie inhaltsleer die Kategorie des Gebrauchswerts ist.

***

Die Stelle aus dem Marx – Brief an Ruge ist adressiert an die spätfeudalen Verhältnisse in Deutschland, an Despoten und Monarchen, in der Verallgemeinerung wird mir diese Aussage unerträglich. Benutzung kann nur dort Herrschaft sein, wo ihr ein Wille des benutzten Objektes gegenübersteht, es ist doch etwas schräg von meiner Herrschaft über das Auto zu reden, außer ich verliere sie ;-). Ein aufgeklärter Standpunkt ist das nicht, aus dieser Gleichsetzung folgen sehr leicht moralische Invektiven wie bei Adorno. Ich will Dir das nicht unterstellen, aber ich muss Dich bitten die sehr dunklen Formulierungen zu explizieren;

„Der Nutzen (?) ist die Wirtschaftsform (?) der Naturmacht Mensch (?), die im Einzelnen, wie auch allgemein Form des menschlichen Stoffwechsels (?) ist, die es als solche (!!) gibt, die aber (?) auch (?) formbestimmt sein kann (?) – sowohl im Verhältnis der Menschen zu ihrer Natur, wie auch zu ihrer Gesellschaft. Es geht um die Existenzform (???) des Nutzens, und man (?) kann gegen diese gleichgültig sein, wenn man damit nichts zu schaffen hat, wenn man ihn z.B. als Herrscher schon per se inne hat, als Feudalherr, König oder sonst was. Deshalb (??) geht es um die Wirklichkeit, um das Dasein eines Nutzens in einem Ding, das für sich schon gleichgültig (?) hiergegen (?), also wertmäßig bestimmt ist.“

Tut mir leid, ich verstehe den von Dir gemeinten Zusammenhang nicht.

20 Wolfram Pfreundschuh (01.08.2013, 17:40 Uhr)

Hallo Franz,
ja, ich denke, dass wir da vor einer ganz zentralen Frage der
Marxrezeption stehen. Adorno musste in seiner Kulturtheorie invektiv werden, weil er seinen wesentlichen Bezug auf Marx mit dem Warenfetischismus selbst nicht begriffen hatte. Marx hatte die Ware als das beschrieben, was sie ist: ein nützlich Ding, das aber nur durch seinen Tausch nützlich sein kann. Adorno verlegte den
Warenfetisch in die Wahrnehmung und macht damit aus der Theorie vom Warenfetischismus eine Philosophie (eher noch eine Psychologie) der Verdinglichung, der Verfälschung der Wahrheit durch eine „Entsubjektivierung“ des Menschen. Aber es geht bei dieser Theorie vom Warenfetisch um dessen Sinnlichkeit selbst, um die Herrschaft eines Nutzens, den die Sache in der Warenform selbst verkörpert und auch wirklich hat. Du schreibst:
Benutzung kann nur dort Herrschaft sein, wo ihr ein Wille des benutzten Objektes gegenübersteht
Tatsächlich haust der Wille, wenn man das so ausdrücken will, in den Sachen, die den Menschen als eine fremde Macht gegenüberstehen. Doch dieser Wille hat seine Substanz im Nutzen, die sie für den Menschen haben, ist ein dem Markt übereigneter, ein ihnen entzogener Nutzen, der in der Warenform die Umkehrung des gesellschaftlichen Verhältnisses vollzieht, indem er als das, was er durch sie ist, nicht für sie sein kann. Damit verkehrt sich die Naturmacht der Menschen, die in der gesellschaftlichen Produkten wirksam ist, in eine gesellschaftliche Macht, die in den Dingen haust. Was sie erzeugt haben kann nur dadurch Macht haben, weil sie darin ihre Lebensproduktion entäußert haben.
Tatsächlich und wirklich und sinnfällig haben die Dinge als Waren Macht über sie, wenn sie für sich bestimmt auf dem Warenmarkt existieren. Man muss sie haben, um leben zu können. Ihre Nützlichkeit ist der pervertierte Nutzen, den jede Macht inne hat, der Nutzen, der gegen sie selbstständig existiert. Das macht die Ware zu einem wirklich verrückten Ding, weil sein Nutzen für die
Menschen als Nutzen für den Markt zugleich existiert, gesellschaftliche Macht darstellt, die Menschen ohnmächtig sein lässt, wenn sie nicht haben, was sie zum Leben haben müssen.
Nutzen hat Marx nicht nur auf feudale oder bürgerliche Verhältnisse bezogen, sondern als materielle Grundlage eines Machtverhältnisses überhaupt beschrieben Im zitierten Text heißt es „Herrschaft und Benutzung ist ein
Begriff, hier wie überall“.
Der Fetisch, der den Waren anhaftet, besteht darin, dass sie etwas
darstellen, was tatsächlich das Gegenteil von dem ist, was sie sind:
Nützliche Dinge, die menschliche Macht entäußert haben, um in der
Veräußerung der Waren die Menschen an sich zu ketten.
Dass sie zugleich ideologisiert werden, , dass sie in den geistern des Himmels oder der Kultur ihren Zusammenhang, ihre religio suchen, ist klar, weil sich der mystisch gewordener Charakter ihrer lebensproduktion bestens hierfür eignet. Das hatte ja auch Marx schon in seiner Kritik nicht nur an der Religion, sondern auch an den „Kompilatoren“, also den Gebrauchswertfetischisten seiner Zeit formuliert. Und in den 70ger Jahren war dies auch ein ganz allgemein verbreitetes Thema in der linken Auseinandersetzung. Falsch wurde es, nachdem es immer mehr als Wahrnehmungsform behandelt wurde, als „fetischisiertes Bewusstsein“. Damit war eine richtige Ideologiekritik am Bewusstsein, das sich den Verhältnissen selbst überlassen hatte, zu einem Verständnis von Gebrauchswert geworden, der plötzlich völlig unabhängig von seiner Warenform begriffen und ihr als Naturform eines Nutzens entgegengehalten wurde. Aber mit der Ideologiekritik daran, tut man im Grunde dasselbe, wenn man die Nützlichkeit der Dinge hiervon abtrennt und damit die Lebenswelt des Konsumenten als allgemeiner Inhalt der Warenform bestärkt. Doch es geht nicht um eine schlechte Form, sondern um die Formbestimmtheit der Ware, um die wirkliche verkehrte Welt der Verhältnisse des Warentauschs.

Vielleicht klären sich damit auch deine Fragen an meinem Text auf, denn der Nutzen ist schon lange, bevor es die bürgerliche Gesellschaft gab, der ökonomische Zweck der Wirtschaft, nämlich möglichst wenig Aufwand für möglichst sinnvolle Produkte zu betreiben.

21 Hans-Hermann Hirschelmann (01.08.2013, 18:43 Uhr)

Über die hinauszudenken ist gar nicht nötig, weil mit ihrer Überwindung sich diese Formbestimmung auflöst, der Gebrauchswert dann aber auch hinfällig wird, weil er durch sinnvolle Beziehungen, die bei dieser Überwindung notwendig entstehen, auch wirklich aufgehoben werden muss.

„Die Überwindung“als revolutionäres Subjekt? Und am Ende ihrer  Bemühungen raubt diese fabelhafte Überwindung allen begehrten und am Ende beschlossenen und zur Verfügung gestellten Dingen und Tätigkeiten ihrer Nützlichkeit?

So etwas muss wohl herauskommen, wenn Andeutungen über „die Formbestimmung“ zu Fetischen werden die sodann den zauberhaften Überwindungsgeist zu versprühen haben, der hiernach alles weitere erledigt.

Wo Gebrauchswerte sind, ist Herrschaft. Richtig. Weil, wo die reine Kategorie aufhört und das wirkliche Leben beginnt, Ethik ins Spiel kommt. Herrschaft ist deshalb nicht gleich Herrschaft. (Und die Kategorie „Herrschaft“ zu bekämpfen statt dem Streben nach Formen kollektiver Selbstbeherrschung förderlich zu sein ist eine der wirklich unbrauchbaren Seiten linker Geistreichheiten).

Wirksam wird Herrschaft über Gebrauchswerte in der Art wie der Nutzen einer Sache oder Tätigkeit (allgemein der materielle Reichtum einer Gesellschaft) bestimmt werden kann, wer dabei den Nutzen hat, wer den Schaden oder das Risiko trägt, wer wie und in welchem Umfang welcherart Verantwortung trägt usw. Schließlich, wer sich dafür in welchem Maße abmühen muss oder kann oder am Ende vielleicht in den sauren Apfel beißen muss – oder in einen schmackhaften.

Es ist ein Unterschied ums Ganze ob darüber (welt-) gemeinschaftlich entschieden werden kann oder jede/r nur seinen unmittelbaren Nutzen vor Augen haben kann.

Die Her- und Bereitsstellung von Nützlichkeiten (welt-) kommunistisch zu bestimmen heißt vor allem, in Hinblick auf den dabei nötigen Umweltverbrauch und sozialen Kosten (darunterder nötige Arbeitsaufwand als EIN Entscheidungskriterium unter anderen) zu brauchbaren Formen kollektiver Selbstbeherrschung zu kommen.

der Gebrauchswert ist deswegen eine irrationale Kategorie, und Ernst Lohoff hat Recht mit dem Einspruch gegen die überhistorische Formulierung, weil er lediglich die unmittelbare Beziehung eines
Warenkäufers oder Gebrauchers zum Objekt seines Interesses reflektiert

Das ist und bleibt ein Fehlschluss aufgrund einer kruden Verwechslung von Kategorie und Wirklichkeit.

Rationalität ist, wo Zwecke verfolgt werden. Weil die Kategorie „Gebrauchswert“ oder „Nützlichkeit“  ebenso wie die Kategorie  „Natur“ oder „Arbeit“  als solche keine besonderen Zwecke kennt, ist die sich um die Frage von Nutzen und Schaden drehende Wirklichkeit (geschichtliche Bewegung) keineswegs ohne jede Rationalität.

Nur dass wir derzeit einen erschreckenden Mangel an Vermögen zur gesamtgesellschaftlichen bzw. zu ökologischen Vernunft zu beklagen haben, der schleunigst behoben gehört.

Aber vielleicht sollte ich den Fehlschluss positiv sehen. Immerhin deutet das auf Auflösungstendenzen bezüglich der Heiligkeit hin, die in „Keimformdebatten“ für Gewöhnlich  „den Bedürfnissen“ zugesprochen wird.

22 Stefan Meretz (01.08.2013, 22:29 Uhr)

Leider hat sich niemand wirklich auf die Argumente von Lohoff eingelassen, sondern mit dem Argument Gebrauchswerte stünde synonym für den sinnlichen Reichtum/Nützlichkeit abgewiesen. Hier differenzieren zu wollen, sei nur ein Wortspiel.

Abkürzend nehme ich mir im folgenden Christians Kommentar, weil er mir am genauesten zu argumentieren scheint.

…scheint der Kategorienfehler bei Lohoff zu liegen, weil er aus
“Gebrauchswerte/-gegenstände gibt es in allen Gesellschaften” (ein
Mensch, der überhaupt nichts braucht/gebrauchen kann, ist tot)
locker-flockig “der Gebrauchswertcharakter jedes einzelnen Dings [das
Geld, die Ritterrüstung, die 3,5-Zoll-Diskette] ist überhistorisch und
ewig” gemacht hat.

Das lese ich anders, du fasst Lohoff hier nicht richtig zusammen. Zuerst zeigt Lohoff, dass der Marxsche GW-Begriff überhistorisch gefasst ist. Das könnte Konsens sein, oder? Dann folgert Lohoff aber nicht, wie du unterstellst, »der Gebrauchswertcharakter jedes einzelnen Dings (…) ist überhistorisch und
ewig«. Sondern Lohoff Argumention geht so:

(1) Marx fasst GW als sinnlich-stofflichen Reichtum überhistorisch. Hingenommen.

(2) Marx fasst GW aber auch gesellschaftlich-formbestimmt, nämlich beim Geld und der Arbeitskraft.

(3) Offensichtlich verwendet Marx hier zwei Begriffe (deswegen meine Überschrift), die sich widersprechen? Das wäre zu prüfen.

Du schreibst weiter, die Aussage

hat auch nichts zu tun mit Marx’ Erkenntnis, dass ohne
Stoffwechselprozesse mit der Natur und ohne Interaktionen mit anderen
Menschen ein Überleben als Individuum und als Gesellschaft
schlechterdings nicht möglich ist.

Eben. Das ist doch so banal und offensichtlich, dass hier kein Dissenz liegen kann. Nur geht es hier um GW, und wenn ja, um welchen Begriff von GW? Nun beziehst du dich Marx zitierend auf meinen Hinweis der »ewigen Naturnotwendigkeit«:

Der von dir kritisierte Satz mit der “ewigen Naturnotwendigkeit” lautet ja vollständig:

Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit,
ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den
Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu
vermitteln. (MEW 23, S. 57)

Ist das falsch? Ich denke nicht.

Man kann zwar statt von “nützlicher Arbeit” auch von “Tätigsein” o.ä.
reden, aber das ist eine reine Umbenennung, inhaltlich ändert es
nichts.

Doch, und das ist der Punkt. Es geht hier um Begriffe, Kategorien, nicht um bloße Worte. Hier vermischt Marx einen überhistorisches Faktum, das unbestritten sein dürfte (Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur), mit einem Begriff, dessen überhistorische Geltung ich (mit Lohoff) infrage stelle.

Das Argument liefert (2): Marx selbst verwendet GW auch in einer Weise, der der »Stoffwechseldefinition« (so will ich das mal abkürzend nennen) nicht entspricht, ja, ihr widerspricht. Geld hat nichts mit Stoffwechsel zu tun, sondern ist ein bloß gesellschaftlich konstituiertes Ding zur Repräsentanz von Wert, und der Wert ist gar kein Ding mehr, sondern nur noch gesellschaftliches Verhältnis. Die Arbeitskraft ist ebenfalls historisch-spezifisch, als sie GW schaffen kann, um W zu realisieren.

Wir haben es mit zwei Begriffen in einem Wort zu tun: Gebrauchswert.

Das Problem wird man durch Umbenennung tatsächlich nicht los, sofern man bei einem Wort bleibt. Was allein ginge, wäre sozusagen einen Begriff (und damit ein Wort) für den überhistorischen und einen Begriff (und ein Wort) für den historisch-spezifischen Aspekt zu finden. Dito dann beim Begriff der Arbeit.

23 Franz Nahrada (01.08.2013, 23:32 Uhr)

Hallo Stefan

Marx hat im K1 ein paar Zeilen vorher, an entscheidender Stelle keine „Stoffwechseldefinition“ von Gebrauchswert gemacht, sondern eine ganz andere:

„Die Ware ist zunächst ein äußerer Gegenstand, ein Ding, das durch seine
Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt. Die
Natur dieser Bedürfnisse, ob sie z.B. dem Magen oder der Phantasie
entspringen,
ändert nichts an der Sache.
Es handelt sich hier auch nicht darum, wie die Sache das menschliche
Bedürfnis befriedigt, ob unmittelbar als Lebensmittel, d.h. als
Gegenstand des Genusses, oder auf einem Umweg, als Produktionsmittel….Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert.“

statt Phantasie könnte man auch sagen „gesellschaftliche Praxis“. Und wenn man den Faden weiterspinnt, dann kommen wir an der Feststellung der „Krisis“-Gruppe nicht vorbei, dass nämlich die Geschichte aller Gesellschaften die Geschichte von Fetischverhältnissen ist. Insoferne ist auch das Messer in der Hand des Atztekenpriesters, mit dem er das Herz eines Opfers an die Götter rausschneidet, oder die Zange zum Anbringen peinlicher Torturen wie sie das römische Recht im 15. Jahrhunderts mit seiner Forderung nach dem Geständnis von Verbrechern notwendig gemacht hat, oder die Pyramide oder die Kathedrale oder die Kanone oder die Lanze oder das Gift oder die Krone oder der Reichsapfel …. natürlich ein Gebrauchswert.

Von wegen zwei Begriffe von Gebrauchswert!
In der überhistorischen Dimension ist einbegriffen dass Gesellschaft über Gegenstände funktioniert, die produziert und gebraucht werden, und darin ist das lebensspendende Stoffwechselmäßige ebenso einbegriffen wie das symbolisch herrschaft Vermittelnde oder das Bedrohliche oder das Tötende. Gar nicht anders ist es mit dem Geld oder der Arbeit, in früheren Gesellschaften war eben auch der Sklave ein Gebrauchswert wie das Vieh.

Der Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft besteht im übrigen eben auch nicht darin dass gearbeitet wird, sondern dass gesellschaftlich notwendige, wertbildende Arbeit ausbeutbar ist.

Ob ich Errnst Lohoff damit widerspreche, weiß ich nicht, für mich war jedenfalls entscheidend dass man an der Gebrauchswertkategorie sehr wohl zeigen kann dass sie gesellschaftlich geprägt ist. Find ich übrigens lustig dass ich das Argument schon mal 2006 (offensichtlich erfolglos)  in Christians Wiki gebracht habe:

Robert Kurz, den ich auch sonst in vielem nach wie vor sehr schätze,
hat mal in einer Krisis Runde einen sehr lichten Moment gehabt als er
Marx vorwarf, den Gebrauchswert-Begriff unreflektiert verwendet zu
haben. Sprich die Gleichgültigkeit der ökonomischen Elementarform gegen
die besondere Natur des Bedürfnisses ist tatsächlich eine
„Entgleisungsbrutalität“ einer Gesellschaftsformation von einzigartiger
historischer Qualität und keineswegs eine „Ontologie gesellschaftlichen
Seins“. Und Marxisten ist das 100 Jahre nicht aufgefallen, wenn zum
Beispiel die „Resultate der Arbeitskonferenz 1“ im Jahre 1974 diese
Passage in dem Sinn kommentierten, daß sich „diese (i.e. die
bürgerliche) Gesellschaft von der Natur nicht ihre Gesetze vorschreiben
läßt“ dann liest sich das heutzutage angesichts ihrer „Erfolge“ dabei
schon wie eine unfreiwillige Satire.
Das ist aber alles keine Kritik am Wertbegriff, sondern im
Gegenteil stellt ganz klar daß sich eben der Wert als die dominierende
Größe im Verhältnis darstellt (und selbst noch seine scheinbare
„Kehrseite“ definiert). Der Wert ist nichts anderes als die Form wie
sich Arbeitsteilung in einer Gesellschaft abspielt, in der nicht a
priori Abreden über die Arbeitsteilung existieren; dann muß eben sich
jedes Arbeitsprodukt als Anspruch manifestieren, im Austauschprozeß ein
bestimmtes Quantum gesellschaftlicher Arbeit überhaupt zu
repräsentieren. Das ist logisch zwingend – ebenso sehr wie die Einsicht
daß das eigentlich gar nicht geht, weswegen dieser Anspruch die
Wertformen aus sich heraustreibt, relative Wertform, Äquivalentform,
Geld, Kapital, und die auf den Wertformen gegründeten gesellschaftlichen
Organisationsformen. Der erwähnte Anspruch geht aber nur auf, wenn das
Produkt eben abstrakt nützlich für irgendwen sprich ein „Gut“ ist
– und das impliziert tatsächlich alle …. aufgezählten
Absurditäten. Vom wertkritischen Standpunkt würde ich daher der
Forderung zustimmen, den Begriff „Gut“ als ökonomische Ideologie zu
brandmarken anstatt ihn unreflektiert zu verwenden. 

http://www.freie-gesellschaft.de/wiki/Diskussion:Gut

24 Franz Nahrada (02.08.2013, 00:01 Uhr)

Nochmal zu Wolfram:


ja, ich denke, dass wir da vor einer ganz zentralen Frage der


Marxrezeption stehen. Adorno musste in seiner Kulturtheorie invektiv
werden, weil er seinen wesentlichen Bezug auf Marx mit dem
Warenfetischismus selbst nicht begriffen hatte. Marx hatte die Ware als
das beschrieben, was sie ist: ein nützlich Ding, das aber nur durch
seinen Tausch nützlich sein kann. Adorno verlegte den
Warenfetisch in die Wahrnehmung und macht damit aus der Theorie vom
Warenfetischismus eine Philosophie (eher noch eine Psychologie) der
Verdinglichung, der Verfälschung der Wahrheit durch eine
“Entsubjektivierung” des Menschen. Aber es geht bei dieser Theorie vom
Warenfetisch um dessen Sinnlichkeit selbst, um die Herrschaft eines
Nutzens, den die Sache in der Warenform selbst verkörpert und auch
wirklich hat. Du schreibst:


„Benutzung kann nur dort Herrschaft sein, wo ihr ein Wille des benutzten Objektes gegenübersteht“

Tatsächlich haust der Wille, wenn man das so ausdrücken will, in den
Sachen, die den Menschen als eine fremde Macht gegenüberstehen. Doch
dieser Wille hat seine Substanz im Nutzen, die sie für den Menschen
haben,

stehen sich hier nicht zwei sehr verschiedene Charaktere des „Menschen“ gegenüber? Sprichst Du nicht hier eigentlich vom Warenhüter?

 ist ein dem Markt übereigneter, ein ihnen entzogener Nutzen, der
in der Warenform die Umkehrung des gesellschaftlichen Verhältnisses
vollzieht, indem er als das, was er durch sie ist, nicht für sie sein
kann.

Meinst Du: der Warenhüter kann seine Ware nicht losschlagen ohne Käufer, der Käufer seinerseits die Ware nicht erwerben ohne Geld?
Muss man das so verrätselt ausdrücken?

 Damit verkehrt sich die Naturmacht der Menschen, die in der
gesellschaftlichen Produkten wirksam ist, in eine gesellschaftliche
Macht, die in den Dingen haust. Was sie erzeugt haben kann nur dadurch
Macht haben, weil sie darin ihre Lebensproduktion entäußert haben.


Tatsächlich und wirklich und sinnfällig haben die Dinge als Waren Macht
über sie, wenn sie für sich bestimmt auf dem Warenmarkt existieren. Man
muss sie haben, um leben zu können. Ihre Nützlichkeit ist der
pervertierte Nutzen, den jede Macht inne hat, der Nutzen, der gegen sie
selbstständig existiert. Das macht die Ware zu einem wirklich verrückten
Ding, weil sein Nutzen für die
Menschen als Nutzen für den Markt zugleich existiert, gesellschaftliche
Macht darstellt, die Menschen ohnmächtig sein lässt, wenn sie nicht
haben, was sie zum Leben haben müssen.

Also jeder weiß: wegen mir werden die Dinger nie und nimmer produziert, sondern wegen meinem Geld.  Verändert sich dadurch der Gebrauchswert der Dinge?


Nutzen hat Marx nicht nur auf feudale oder bürgerliche Verhältnisse
bezogen, sondern als materielle Grundlage eines Machtverhältnisses
überhaupt beschrieben Im zitierten Text heißt es „Herrschaft und
Benutzung ist ein
Begriff, hier wie überall“.


Der Fetisch, der den Waren anhaftet, besteht darin, dass sie etwas
darstellen, was tatsächlich das Gegenteil von dem ist, was sie sind: Nützliche Dinge, die menschliche Macht entäußert haben, um in der Veräußerung der Waren die Menschen an sich zu ketten.

Ich denke das mit dem ketten kommt logisch später. In der Beschreibung der Re – Feudalisierung, die Du letztlich ganz grandios auf Lora gemacht hast, (“ Sie stehen vor einem hochgradigen Potenzial an Arbeitsvermögen und
Produktivität und befinden sich zugleich in einer Gesellschaft, in der
es unmöglich erscheint, dies alles sinnvoll für die Menschen anzuwenden“) wird ja tatsächlich perspektivisch der Gebrauchswert der Dinge umfunktioniert zum Herrschaftsmittel, durch „Kundenbindung“ und tausend technologische Irrationalitäten, von denen Hans Hermann sicher auch tausend Lieder zu singen weiß (Wir wissen ja seit neuestem warum wir auch gerade diese tollen Handys haben: weil sie den Kollateralnutzen haben, uns selbst besser überwachbar zu machen) und die niemand besser analysiert hat als U.Sigor.


Dass sie zugleich ideologisiert werden, dass sie in den Geistern des
Himmels oder der Kultur ihren Zusammenhang, ihre religio suchen, ist
klar, weil sich der mystisch gewordener Charakter ihrer lebensproduktion
bestens hierfür eignet.

Jetzt versteh ich zumindest was Du mit Kulturalisierung meinst.

Das hatte ja auch Marx schon in seiner Kritik
nicht nur an der Religion, sondern auch an den „Kompilatoren“, also den
Gebrauchswertfetischisten seiner Zeit formuliert.

Was und wen meinst Du damit?

Und in den 70ger
Jahren war dies auch ein ganz allgemein verbreitetes Thema in der linken
Auseinandersetzung. Falsch wurde es, nachdem es immer mehr als
Wahrnehmungsform behandelt wurde, als „fetischisiertes Bewusstsein“.
Damit war eine richtige Ideologiekritik am Bewusstsein, das sich den
Verhältnissen selbst überlassen hatte, zu einem Verständnis von
Gebrauchswert geworden, der plötzlich völlig unabhängig von seiner
Warenform begriffen und ihr als Naturform eines Nutzens entgegengehalten
wurde. Aber mit der Ideologiekritik daran, tut man im Grunde dasselbe,
wenn man die Nützlichkeit der Dinge hiervon abtrennt und damit die
Lebenswelt des Konsumenten als allgemeiner Inhalt der Warenform
bestärkt. Doch es geht nicht um eine schlechte Form, sondern um die
Formbestimmtheit der Ware, um die wirkliche verkehrte Welt der
Verhältnisse des Warentauschs.

Vielleicht klären sich damit auch deine Fragen an meinem Text auf,
denn der Nutzen ist schon lange, bevor es die bürgerliche Gesellschaft
gab, der ökonomische Zweck der Wirtschaft, nämlich möglichst wenig
Aufwand für möglichst sinnvolle Produkte zu betreiben.

Mir erscheint es nicht nachvollziehbar, wie Du einerseits Nutzen und Herrschaft gleichsetzt, und andererseits den Nutzen hier abstrakt hochleben lässt.


25 Hans-Hermann Hirschelmann (02.08.2013, 00:07 Uhr)

Was allein ginge, wäre sozusagen einen Begriff (und damit ein Wort) für den überhistorischen und einen Begriff (und ein Wort) für den historisch-spezifischen Aspekt zu finden. Dito dann beim Begriff der Arbeit.

Aber das gibt es doch längst. Ich empfehle noch einmal  Engels Aufsatz über „den Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“, der auch dem Standpunkt des reifen Marx entspricht.Hier wird Arbeit, für jeden denkenden Menschen auch ganz ohne Philosophenlatein nachvollziehbar, als (gegenüber den anderen Tieren) spezifisch menschliche Tätigkeit verstanden, die bewusst auf einen Nutzen für andere zielt.

Daran geknüpft ist die marx/engels’sche Perspektive der (welt-) kommunistischen Emanzipation aus der kapitalistischen Nötigung zur Gelderwerbsarbeit bzw. zur Vermietng der Arbeitskraft für fremde Zwecke, die nicht die eigenen sind bzw. nicht menschengerecht nach Kriterien gesamtgesellschaftlicher bzw. ökologischer Vernunft bestimmt werden können. 

Also Arbeit = überhistorisch und Loharbeit bzw, Gelderwerbsarbeit oder Tauschwert schaffende Arbeit historisch begrenzt.Der Widerspruch ist keiner der Wörter für diese Kategorien sondern ein gesellschaftlichen Widerspruch, nämlich der zwischen verschiedenen historischen Möglichkeiten (und Notwendigkeiten).

Einen in ähnlicher Weise auf Definitionswidersprüche reduzierendes Verständnis  historischer Entwicklungsperspektiven könnte man beim Begriff „Arbeitsteilung“ konstruieren die Marx/Engels ja noch in den Pariser Manuskripten abschaffen wollten.

Später besannen sie sich darauf, auf andere Formen der Arbeitsteilung (und damit eingeher gehenden Aneingnungs- bzw. gebrauchswertbestimmungsvermögen) zu zielen.

Das liegt auf der gleichen Ebene die die Einebnung des Unterschiedes zwischen privat- und gemeineigentümlichen (Mit-) Bestimmungsverhältnissen (in Hinblick auf den zu erzielenden Nutzen und der zu vermeidnden Schäden und Risiken) wenn plötzlich „das Eigentum“ abgeschafftwerden soll (und damit die Bestimmung der Werkzeugentwicklung und -nutzung als solche).    

26 Hans-Hermann Hirschelmann (02.08.2013, 00:43 Uhr)

Woher rührt nur das starke Bedürfnis , den Unterschied zwischen Gebrauchswert (= Nutzen) haben und einer sein, zu verwischen? Oder den historischen Fortschritt des Verlangens, dass Angeklagte nicht eines bloßen Verdachts wegen verurteilt werden dürfen durch Hinweis auf daran anknüpfende Folterpraxis zu negieren?   

27 Franz Nahrada (02.08.2013, 00:48 Uhr)

Den Fortschritt leugnet niemand…aber meinst Du wirklich dass er in der Kategorie „Gebrauchswert“ steckt?

28 Hans-Hermann Hirschelmann (02.08.2013, 01:53 Uhr)

Die Kategorie „Gebrauchswert“ ist amoralisch, bar jedes spezifischen Inhalts, ohne Fort- oder Rückschritte und ohne jedes interesse daran, wie der geformt und verstanden wird. 

Reale Fortschritte in der mitmenschlich (und in seinen ökologischen Implikationen reflektierten) Bestimmung von Gebrauchswerten und den sozialen bzw. ökologischen Kosten ihrer Her-und Bereitstellung (sowie ihres Verbrauchs bzw. iher Weiterverwertung/Entsorgung) lassen sich auch innerhalb des kapitalistischen Warensinns ausmachen bzw. erzielen.

Dies bildet die materielle Grundlage der Idee eines revolutionären Reformismus, der in der Lage wäre, die nötige Transformation zu wuppen.   

29 Wolfram Pfreundschuh (02.08.2013, 02:23 Uhr)

Hallo Franz,
Marx hat in irgendeiner Fußnote im Kapital ja mal geschrieben,
warum Aristoteles, der sich schon sehr gründliche Gedanken zum Wert
und dem darin implizierten Vergleich gemacht hatte, nicht auf einen
Wertbegriff kommen konnte: Die Gesellschaft, für die Wert zum
Begriff ihrer allgemeinen Vermittlung, ihr abstrakt Allgemeines
geworden ist, hat es damals noch nicht gegeben. Es gab das Wort, aber
nicht den Begriff, der eben enthält, was als gesellschaftliches
Wesen anders erscheint, als es ist. Der Widerspruch von Erscheinung
und Wesen erst hat zur Erkenntnis einen Begriff nötig, um nicht
Mythologie zu sein.
Natürlich ist es falsch, von zweierlei Gebrauchswertbegriffen zu
reden. Es gibt eine Geschichte des Gebrauchswerts, keine Unendliche,
wie das hier angeklungen ist, sondern eine wirkliche, in der sicher
schon vieles kommuniziert wurde, was man Gebrauchswert nannte, was
damit aber noch kein Begriff war. Es geht doch dabei weder um die
Ewigkeit, noch um die Vergangenheit. Es geht um die Basis des
Denkens, um die Substanz, aus der unsere Wirklichkeit erklärt werden
kann. Wichtig ist doch die Frage, wieweit der Gebrauchswert eine
sinnliche Substanz hat, oder ob er selbst schon eine Abstraktion
enthält. In der Diskussion hier werden Unterschiede in
Begriffswelten aufgebaut, die keine sein können: Es gibt keine
abstrakte Arbeit ohne konkrete, keinen Gebrauchswert ohne Nutzen,
keine Gedankenabstraktion (Ideologie) ohne „Realabstraktion“. Es
handelt sich bei alledem um begriffliche Zusammenhänge, die in der
Wirklichkeit untrennbar sind und ein und derselben Welt angehören.
Es gibt keine Abstraktion aus ihr selbst heraus. Sie wäre nur
willkürlich, beliebig.
Es muss darin doch die Erkenntnis stecken, die entweder Denken
schon eröffnet hat oder die bereits gemacht ist, also als Text
vorliegt. Bei dir kommen immer schon Begriffe rein, die noch garnicht
nötig sind. Man muss nicht an Ware hinzunehmen, um über
Gebrauchswert nachzudenken. Man muss aber Gebrauchswert begreifen, um
das Verhältnis von Waren zu verstehen. Er ist eben selbst schon dies
Zwittrige von Inhalt und Form, ohne seine Erzeugung durch eine Produktion undenkbar und ohne seinen Untergang in der Konsumtion nur unwirklich: Natürlicher Inhalt und doch nicht Natur, weil aus dem Zusammenhang gerissen. Das ist deshalb aber kein „anderer Gebrauchswert“.
Diese Auseinandersetzung hatte ich 1974 schon in der Spaltung der
„Arbeitskonferenz“, dem Vorläufer der Marxistischen Gruppen und
des Gegenstandpunkts mitgemacht. Karl Held hatte den Gebrauchswert
einfach als natürlichen Inhalt verstanden, dem der Tauschwert
äußerlich angetragen wird. Peter Meier-Gildemeister hatte den
Gebrauchswert rein hegelianisch als Sinnesgespaltenheit verstanden,
als Schmerz im Hegelschen Begriff, in welchem das Subjekt daran
leidet, dass etwas von ihm getrennt ist, was zu ihm gehört. Ich
hatte die Entgegensetzung von beidem kritisiert und 1976 in meinem
Buch „Der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaft“ versucht, eine
Vermittlung zu finden. Darin sollte deutlich werden, dass der
Begriff, wo er als abstrakt Allgemeines entsteht, immer die Natur zur
Substanz hat und diese zugleich selbst auch abstrakt wird. Daher ist
die Wertsubstanz eine Abstraktion von Natur, abstrakt menschliche
Arbeit, und doch konkret als zeitabhängige Bildnerin von
Gebrauchswerten, die allerdings nur im Durchschnitt ihren Wert
gesellschaftlich darstellen können, auf den sie sich reduzieren
müssen. Dieser Gebrauchswert kann sich nur im Tauschwert darstellen
und seine Natur im Tausch verwirklichen – kann also nicht
unmittelbar für den Menschen existieren.
Ich verherrliche keinen Nutzen, bin kein Moralist, sondern sehe
darin den Inhalt dieser ganzen Geschichte seiner Form, weshalb es
nötig ist, ihn als Zweck des Verwertungsprinzips zu verstehen, der
vom Wert schließlich bestimmt wird, und nur von ihm bestimmt werden
kann, weil die Arbeitskraft selbst natürliche Fähigkeiten hat, die
zugleich durch ihr Wertsein denaturiert werden.

30 Hans-Hermann Hirschelmann (02.08.2013, 07:49 Uhr)

wieweit der Gebrauchswert eine sinnliche Substanz hat, oder ob er selbst schon eine Abstraktion enthält.

Der Begriff des Gebrauchswert ist eine Abstraktion des Begreifens. Er abstrahiert von jeder gesellschaftlichen Besonderheit seiner Qualität und (Form seiner) Bestimmung außer eben überhaupt nützlich gefunden zu werden. Ich sehe keinen Grund, irgendwas anderes hinein zu gemeimnissen.  (Außer vielleicht, dass die Fähigkeit der Abstraktion mit der Erfahrung wirklicher Gleichgültigkeit wachsen mag). 

Ich abstrahiere auch, wenn ich sage: „konkrete Gebrauchswerte für konkrete Menschen, die sich und die Mitwelt aus konkreten historischen oder lokalen Bedingungen ihrer Existenzsicherung und Bereicherung heraus wahrnehmen“.  Nur halt so, dass das Forschungsinteresse (hoffentlich) auf die Wahrnehmung der wirklichen Unterschiede gelenkt wird zum Beispiel auf die fehlenden Möglichkeiten der Einflussnahmen auf die gesamtgesellschaftliche (bzw. ökologische) Vernunft dieser und jener Gebrauchswerte oder Ansätze, diesen Mangel zu beheben. 

Enst Lohofffs Kritik und seine positive Rezeption verrät im Übrigen kein besonders großes Verständnis der dialektischen Methode, die  Marx im Kapital anwendet. Der definiert hier eben nicht ein für alle Mal gültige Begriffe von etwas einmalig Bestimmten (Dogmen, die über deren Materialisierung zur Weltgeschichte am Ende als reiner Geist zu sich selbst kommen).

Stattdessen entwickelt er das Verständnis der spezifisch kapitalistischen Formen (und deren Einfluss auf die Inhalte) anhand der inneren Widersprüche  der Ware als allgemein sichtbare Elementarform des materiellen Reichtums in Gesellschaften mit kapitalistischer Produktionsweise.  Im Verlaufe des systematischen Durchdenkens ändern sich die Abstraktions- bzw. Konkretionsperspektien der Wahrnehmumng.

Zu Beginn der Entwicklung eines brauchbaren Verständnisses (auch Erkenntnisse haben einen Gebrauchswert) der inneren Entwicklungsdynamiken eines kapitalistischen Füreinanders ist es durchaus angemessen , von der „Warenkunde“ zu abstrahieren.

In einer späteren  Phase der Entwicklung (und des Marxschen 6-Bücher-Plans) , wo es um konkrete Prozesse der  Aneignung der Bestimmungsmittel gesellschaftlicher Arbeit durch die (Welt-) Gesellschaft selbst geht, (gegangen wäre), käme es aber gerade darauf an, die Emanzipationsbemühungen gesellschaftlicher Akteure um eine explizit (welt-) gesellschaftliche Bestimmung der Gebrauchswerte hervorzuheben und deren Erfolgsbedingungen zu klären bzw. herzustellen.

Dann gehts um die Veränderung der gesellschaftlichen (Form-) Bestimmungen der Brauchbarkeit von Ritterrüstungen, Diskettenlaufwerke, Geld und solchen Dingen. Und wie sich das für moderne Produktionsbedingungen auf Basis ökologischer Vernunft gestaltet.     

31 Christian Siefkes (02.08.2013, 20:22 Uhr)

@Stefan #22:

Sondern Lohoff Argumention geht so:

(1) Marx fasst GW als sinnlich-stofflichen Reichtum überhistorisch. Hingenommen.

Nicht hingenommen! „Sinnlich-stofflicher Reichtum“ ist eine Formulierung von Lohoff, die sich bei Marx so weder in den Worten noch in der Sache findet und die mir auch inhaltlich inadäquat erscheint. Insbesondere die „Stofflichkeit“ wird da hineingemogelt, obwohl sie weder von Marx postuliert wird noch inhaltlich passt. Es gibt doch vieles, was Gebrauchswert/brauchbar/nützlich sein kann, ohne stofflich zu sein — MP3-Dateien und Massagen z.B.

In deiner Gütersystematik unterscheidest du stoffliche und nicht-stoffliche Beschaffenheit. Marx spricht dem Nicht-stofflichen an keiner Stelle den Gebrauchswertcharakter ab — nur Lohoff tut das. Er muss es auch tun, da es die erste Voraussetzung ist, um den vermeidlichen Widerspruch herbeizuführen.

Die zweite Voraussetzung ist dann eine unscharfe Verwendung des Begriffs „überhistorisch“. Das Überhistorische am Gebrauchswert ist doch nur, dass eine Gesellschaft ganz ohne Gebrauchswerte, ganz ohne konkret-nützliche Dinge und Praktiken nicht vorstellbar ist. Aber die konkreten in einer Gesellschaft existierenden Gebrauchswerte sind selbstverständlich gesellschaftlich bestimmt, hängen von den sozialen und technischen Gegebenheiten in dieser Gesellschaft ab  (dafür hatten ich und andere ja schon diverse Beispiele gebracht). Wie sollte es auch anders sein? Daher kann ich diese Aussage unterschreiben:

(2) Marx fasst GW aber auch gesellschaftlich-formbestimmt, nämlich beim Geld und der Arbeitskraft.

Mit der Ergänzung, dass das natürlich nicht nur für Geld und Arbeitskraft, sondern auch für fast alle anderen Gebrauchswerte gilt.

Wenn man also das hineingemogelte „stofflich“ streicht und zwischen der überhistorischen Kategorie „Gebrauchswert“ und dem historisch-gesellschaftlichen Bezug jedes einzelnen Gebrauchswerts unterscheidet, dann gibt es keinen Widerspruch.

32 Franz Nahrada (02.08.2013, 21:12 Uhr)

Ja, Christian , Du schlägst in dieselbe Kerbe wie ich unter #23. Wenn jemand Gebrauchswerte überhistorisch als „sinnlich – stofflich“ bestimmt hat, dann liegt das nahe an einer Idealisierung vorkapitalistischer Gesellschaften und einer Leugnung ihres Gewalt- und Fetischcharakters, gegen die ich mit drastischen Beispielen argumentieren wollte. Wenn aber Gebrauchswert dann überhaupt als überhistorische Kategorie verwendet wird schnurrt das auf die Banalität zusammen dass keine Gesellschaft vom Händchenhalten lebt, dass jede Gesellschaft Aneignung und Formveränderung von Naturgegenständen für menschliche Zwecke betreibt.

Dennoch bleibt die Frage offen, was an der „überhistorischen“ Kategorie des Gebrauchswerts dran ist. Wenn die Elementarform des Reichtums verrät, dass die Welt zum universellen Gegenstand des Nutzens und der Aneignung für menschliche Bedürfnisse geworden ist, dann ist das eben nicht nur eine Gleichsetzung mit, sondern zugleich eine differentia spezifika zu vorkapitalistischen Gesellschaften. Wenn der Nutzen zugleich ein allgemeines Charakteristikum der Elementarform und zugleich gerade nicht das formbestimmende ist, dann ist hier etwas sehr Spezifisches am Werk: eine Produktionsweise, der ein Nutzen ebensoviel wie ein anderer gilt, sofern er nur zuvor durch Zahlung die Wertsubstanz realisiert.

33 Wolfram Pfreundschuh (02.08.2013, 22:18 Uhr)

Es ist doch zunächst auch banal: 
„Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert. Aber diese
Nützlichkeit schwebt nicht in der Luft. Durch die Eigenschaften des
Warenkörpers bedingt, existiert sie nicht ohne denselben….

Der Gebrauchswert verwirklicht sich nur im Gebrauch oder der Konsumtion.
Gebrauchswerte bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums, welches
immer seine gesellschaftliche Form sei. In der von uns zu
betrachtenden Gesellschaftsform bilden sie zugleich die stofflichen
Träger des – Tauschwerts.“ (MEW
Bd. 23, S. 50)


Das „Historische“ ist das Ding, das nützliche Eigenschaften
hat, egal ob sie dm Magen oder der Fantasie dienen. Im 3. Band
spricht Marx auch vom Gebrauchswert des Geldes, das dem Finanzkapital
z.B dadurch nützlich ist, dass es ihm Mehrwert bescheren kann. Die
Nützlichkeit aber hat letztlich immer stoffliche Substanz, weil sie
die Gesellschaftlichkeit des Stoffwechsels, die Naturmacht des
Menschen in ihrer spezifisch gesellschaftlichen Form, die Macht der
gesellschaftlichen Produktion transportiert. 

Es ist doch nur eine scholastische Diskussion, wenn daraus mehr gemacht
wird, ob stofflich, sinnlich geistig usw. Entscheidend ist die Form
als Ding, das als Ware in Beziehung versetzt wird, die es dann in
einer bestimmten Weise nützlich macht, also in seiner
Formbestimmtheit zugleich Form ist, einen  dinglichen Charakter
hat. Wer eine Bibel kauft, kauf nur das Buch, nicht eine Wahrheit der
Verkündung Gottes. Von daher wird sich nichts daran ändern, wenn es
„bessere Bücher“ gibt, oder alternative Bücher oder
supertolle Ideen, Tauchroboter oder sonst was. Auch die
selbstverwalteten Betriebe und „Keimformen“ verändern
nichts durch ihren stofflichen Charakter, solange die Rechtsform des
Eigentums nicht verändert wird, solange also diese Formbestimmtheit
erhalten bleibt. Es gibt keine alternativen Inhalte zu dieser,
solange sie besteht, keine Nische und keine Parallelwelt. Der
wesentliche Fehler der Keimformtheorie ist, dass sie an die Sache
glaubt und damit gerade ihrer
gesellschaftlichen Form nützlich ist (siehe z.B. Wikipedia). Die
wahre Keimform der Veränderung ist der Kapitalismus selbst. Er hat
alles hervorgebracht, was auch zu seinem Umsturz nützlich ist. Das
verlangt nicht die Kritik des Nutzens, sondern die Kritik seiner
politischen Form, die seine ökonomische Macht darstellt.
Der Umsturz oder die Subversion der Geldverhältnisse kann sich nicht aus
der Freiwilligkeit einer Ignoranz dieser Bestimmtheit ergeben,
sondern nur aus dem bewussten Verhalten hiergegen, durch Überwindung
der Bestimmtheit mit der Aufhebung dieser Form, durch die Aneignung
des Enteigneten, das dem gesellschaftlichen Verhältnis entzogen ist
 (siehe auch Die Aneignung der entwendeten Zeit)

Andererseits aber muss auch die materielle Basis dieser Subversion hergestellt
werden, z.B. war das mal ein wesentlicher Grund für
Gewerkschaftskassen usw. Von daher kommt beides zusammen – aber nur
wenn und wo es zusammenkommt. Bisher hat sich jeder Umsturz aus dem
Scheitern von Reformen ergeben. In der Reform muss dies entwickelt
werden, nicht durch Anspruch auf eine Freiheit, sondern durch die
Freiheit der Kritik an der Sache selbst durch die Subjekte, die als
deren Objekte bestimmt sind, die also diese Formbestimmung zu tragen
haben. Und das sind inzwischen nicht nur die Proleten, sondern fast
alle Menschen, weil der Kapitalismus selbst nur noch als
Feudalkapitalismus fortbestehen kann und fast jeden Bürger zu seinem
Objekt bestimmt hat.

34 Wolfram Pfreundschuh (03.08.2013, 01:19 Uhr)

Die  letztlich immer stoffliche Substanz macht ja eben die Arbeitswerttheorie aus. Es ist egal, ob ein Arbeitsmensch eine Sache oder reines Geld dadurch produziert, dass er Mehrwert produziert oder sogar einen Mehrwert, der nicht mehr zirkuliert und aus einem fiktiven Kapital in die Grundrente verschwindet. Die Arbeitskraft ist die letztendliche Stofflichkeit, ob sie sich durch Waren ernährt oder für ihre Miete löhnen muss. Immer geht das ab von ihrer Freizeit, was sie zur Wertschöpfung tun muss, sowohl ihre Reproduktion wie die Reproduktion des ganzen Kapitalverhältnisses. Das Geld bestimmt nur deshalb die Welt, weil jeder es haben muss, um überhaupt leben zu können.Was früher Feudal war, war durch den Glauben an die höchste Persönlichkeit allgemein, weil der Glaube noch materielle Ohnmacht zu kompensieren hatte. Auch das war stofflich. Es ist doch die Grundlage des historischen Materialismus überhaupt, dass die ganze Geschichte auf dieser materiellen Basis des Lebens gründet, selbst wo sie nur noch als Evenkultur oder als Casinokapital wahrgenommen wird.

35 Hans-Hermann Hirschemann (03.08.2013, 07:35 Uhr)

Wenn jemand Gebrauchswerte überhistorisch als “sinnlich stofflich” bestimmt hat, dann liegt das nahe an einer Idealisierung vorkapitalistischer Gesellschaften und einer Leugnung ihres Gewalt- und Fetischcharakters, gegen die ich mit drastischen Beispielen argumentieren wollte

Der Moralismus, der hier zum Ausdruck kommt, scheint mir genau das Problem zu sein, das die nötige Klarsicht blockiert. Wer die Wahrnehmung geschichtlicher Fakten oder theoretische Aussagen ausschließlich entsprechend ihres vermeintlichen Gebrauchswertes für die Legitimation bzw. Delegitimation verhasster oder erträumter Konstellationen sortieren und nutzen möchte, verliert leicht die Fähigkeit, zwischen Ideologie und Wissenschaft zu unterscheiden und damit z.B.  auch  soziale Emanzipation  und deren Fort- oder Rückschritte innerhalb der gegebenen (oder vergangener) Verhätnisse zu würdigen.

Es ist ein Unterschied, erst einmal zu konstatieren, dass in allen erdenklichen Gesellschaften Dinge und Tätigkeiten oder irgendwelche anderen Potenziale her- und bereitgestellt werden müssen, von denen sich Menschen irgendeinen Nutzen versprechen, oder ob man sich später daran macht, die konkreten historischen Faktoren zu untersuchen, die deren konkrete Bedeutung, Deutung erklären bzw. bestimmen.

Also ob man  die konkreten gesellschaftlichen Hersteungsbedingungen bzw. -formen konkreter Gebrauchswerte (oder Schädigungspotenziale) ins Visir nimmt. Auch eine Reduktion der empirischen Betrachtung auf den Fakt der spezifisch kapitalistische „Formbestimmtheit“  von Nutzpotenzial, kann das Denken in eine Weise blockieren, dass es für die Produktion brauchbarer Theorien sozialer Emanzipation nicht mehr viel taugtweil es zur Heilserwartung auf ein spärteres Himmelreich neigt, statt auf die Prozesse zu achten, die den Warensinn am Ende tatsächlich überwinden können.

Was all die gesellschaftlichen Aktivitäten in Sachen „kritischer Konsum“ für die geschichtliche Bewegung bedeuten (kann) bliebe dann etwa ganz aus dem Blick.    

36 Franz Nahrada (03.08.2013, 09:38 Uhr)

Hans Hermann,

Auch eine Reduktion der empirischen Betrachtung auf den Fakt
der spezifisch kapitalistische “Formbestimmtheit”  von Nutzpotenzial,
kann das Denken in eine Weise blockieren, dass es für die Produktion
brauchbarer Theorien sozialer Emanzipation nicht mehr viel taugtweil es
zur Heilserwartung auf ein spärteres Himmelreich neigt, statt auf die
Prozesse zu achten, die den Warensinn am Ende tatsächlich überwinden
können.
Was all die gesellschaftlichen Aktivitäten in Sachen “kritischer
Konsum” für die geschichtliche Bewegung bedeuten (kann) bliebe dann etwa
ganz aus dem Blick.
  

versteh ich nun überhaupt nicht. Du meinst einen emphatischen Begriff von Gebrauchswert haben zu müssen, um die schrotthafte Natur der kapitalistischen Produktewelt kritsieren zu können? Oder ist das die alte Leier „wenn ich ableite dass die Polizei grüne Uniformen trägt, dann kann ich mich praktisch mit ihr nicht mehr auseinandersetzen?“.Die Erwartung auf ein künftiges Himmelreich hat hier niemand; und es ist interessant, die vielfältigen Bewegungen zu verfolgen, die hier und heute praktisch die isolierte eindimensionale Nutzeneinschreibung kritisieren, die jedes Produkt schon zum Abfall machen noch bevor es auf den Markt kommt. Das monierst Du doch auch. In diesem Sinn sollten wir die Debatte so aufheben, dass wir uns der Gebrauchswertseite und ihrer ansatzweisen Revolutionierung durch Keimformen einer neuen  Gesellschaft wieder empirisch zuwenden. Hier sehe ich den echten Streitpunkt, denn Wolfram hat die Sinnhaftigkeit von so etwas wie kritischem Konsum von seiner Seite ja kategorisch verneint. Fragt sich nur, wie sonst die Menschen lernen sollen, gemeinsam einen sinnvollen Gebrauch von dieser Welt zu machen.

37 Hans-Hermann Hirschemann (03.08.2013, 11:23 Uhr)

versteh ich nun überhaupt nicht.

Das war natürlich zu befürchten.

Du meinst einen emphatischen Begriff von Gebrauchswert haben zu müssen,

Nein, wie kommst du darauf?  Ich bin überhaupt gegen den ganzen Dogmatismus des „Begriffe-von-etwas-Haben“ Zirkus.  

Für eine Analyse des Gebrauchswertes von Atomkraftwerken braucht man auch keine Emphase. Für die Eringung einer postkapitalistischen Perspektive nützlich ist dagegen ein wachsendes Refexionsvermögen im Hinbick auf  die Zusammenhänge von Produkt und Produktionsbedingungen, wie es sich im Verlaufe des Anti-AKW-Widerstandes herausbildet. 

um die schrotthafte Natur der kapitalistischen Produktewelt kritsieren zu können?

Es ist ohne Belang für die angedeutete Befreiungsperspektive, und was meines Erachtens eine brauchbare Vorstellung davon blockiert, was mich befähigt, im kaptitalistischen Füreinander eine „schrotthafte Natur“ zu sehen. Die Fähigkeit zum gekonnten Kapitalismusausschimpfen ist auch nicht das Ziel (öko-) kommunistischer bzw. ökohumanistischer Perspektivfindung der ich mich verpflichtet fühle.  

Mir gehts um gesellschaftliche Prozesse der Befähigung zur sozialen Steuerung des globalen Stoffwechsels. Von dem, was in einer gesamtgesellschaftlichen (und ökologisch aufgeklärten) Entwicklungsperspektive an menschlichen Anstrengungen und Naturveränderungen zu tun bzw. zu vermeiden wäre.

In diesem Sinn sollten wir die Debatte so aufheben, dass wir uns der Gebrauchswertseite und ihrer ansatzweisen Revolutionierung durch Keimformen einer neuen  Gesellschaft wieder empirisch zuwenden.

Wobei mir „durch Keimformen“unklar ist. Ich stimme jedenfalls Wolfram zu, wenn er die Bedeutung von Reformen für ein hinreichend verbreitetes Bedürfnis nach einer grundlagenden Strukturveränderung hervorhebt

Interessant wird die Debatte erst wenn man über Ökosteuern, die Idee deren Erweiterung zu Ökozöllen oder auch einer vernünftigen Anwendung der Vergabe von Emissionsrechten redet, bzw. über dessen gesellschaftsveränderndes Potenzial im Sinne der Etablierung gesamtgesellschaftlicher bzw. ökologischer Vernunft als Entscheidungsinstanz.

Hier sehe ich den echten Streitpunkt, denn Wolfram hat die Sinnhaftigkeit von so etwas wie kritischem Konsum von seiner Seite ja kategorisch verneint. Fragt sich nur, wie sonst die Menschen lernen sollen, gemeinsam einen sinnvollen Gebrauch von dieser Welt zu machen.

Da stimme ich dir allerdings voll und ganz zu.

38 Wolfram Pfreundschuh (03.08.2013, 12:57 Uhr)

Hallo Franz,
das „versteh ich nicht“, wie du das hier so schlicht reindrücken kannst:

„Hier sehe ich den echten Streitpunkt, denn Wolfram hat die Sinnhaftigkeit
von so etwas wie kritischem Konsum von seiner Seite ja kategorisch
verneint. Fragt sich nur, wie sonst die Menschen lernen sollen,
gemeinsam einen sinnvollen Gebrauch von dieser Welt zu machen.“

Du weißt ja auch durch meine Post an dich, dass ich die Einheit von Nutzen und Sinn anstrebe, die ich als Substanz des wirtschaftlichen Fortschrittes ansehe. Es ist der Punkt 9. meiner Zusammenfassung des Aneignungstextes. Du hast es mit mir selbst schon diskutiert und schon mal für gut befunden:

„Wirtschaftlicher Fortschritt kann nur heißen, dass immer weniger Aufwand für immer sinnvollere Produkte aufgebracht wird. Gesellschaftlicher Fortschritt kann also nur sein, wenn etwas gänzlich Subjektives – Sinn – sich mit etwas gänzlich Objektivem – dem Nutzen – vereint hat.“

Es ist das, was selbst nach einer Aufhebung des Kapitalismus verlangt, der sich gerade diesem Fortschritt entgegenstellt, weil der Verwertungsprozess prinzipiell für die Menschen unwirtschaftlich ist. Fast jeder Mensch weiß doch inzwischen, dass er zu technischen oder stofflichen Fehlentwicklungen treibt. Kein Atomkraftwerk ist nötig ohne diesen Grund, das wussten wir schon von Anfang an. Warum jetzt diesen Zauber um einen „schlechten Gebrauchswert“, so als müsse man das ständig hinzuziehen?
Etwas ganz anderes ist, wenn über den Aneignungsprozess selbst nachgedacht wird, wie oben, wo die Überwindung einer Form ansteht.Bleib also mal auf dem Teppich und sieh auch mal genauer hin, was inhaltliche Verbesserungen sind: Reformen, die nur mit der Aufhebung der herrschenden Form zu einer wirklich gesellschaftliche Veränderung werden können. Dazu gehört natürlich die Auseinandersetzung mit den Inhalten „der Gebrauchswerte“, die Positionierungen gegen Montsanto, Fracking, AKW, Landverödung, Klima, Ökologie und, und … Wer damit kokettieren will, verhindert allerdings eine wichtige Diskussion: Die Organisierung eine Widerstands gegen die Gewalt der Geldformen und ihrer Staatsapparatur. Deine pädagogische Sorgen zu dem, „wie sonst die Menschen lernen sollen, gemeinsam einen sinnvollen Gebrauch von dieser Welt zu machen“ hätten, kann nun ich wiederum absolut nicht teilen. Es geht bei allem um wirkliche gesellschaftliche Bezüge.

39 Franz Nahrada (03.08.2013, 12:59 Uhr)

@ Hans- hermann: Naja da sitzen wir jetzt im Dilemma. Das hat ich eingangs gemeint mit „gehört nicht hierher“.

Es geht nicht darum ob Ökosteuern richtig oder falsch sind. Oder Grundeinkommen.  Oder Emissionsrechte. Oder Produktvorschriften.

Es ist einfach so, dass Keimform.de jene Elemente an kapitalismusaufhebender Politik diskutiert, die mit dem aktiven Entstehen von Gemeinschaften, die in ihrer Tätigkeit und Funktionsweise über den Kapitalismus hinausverweisen, zu tun hat.

Das ist, wenn Du so willst, der Gebrauchswert von keimform.de; einen Hammer und eine Zange gebraucht man für verschiedene Arbeiten. Der kapitalismuskritische Diskurs hat sich aufgesplittert in verschiedene Diskursfelder, und sie sind gerade in ihrer Verschiedenheit nützlich.

So seh ich das jedenfalls.

Manchmal ist Social Hacking ganz nett und ich hätt mir Deine Seiten nie angeschaut ohne Deine Intervention. Aber der Diskurs hier ist ein anderer als der Diskurs dort.

@ Wolfram: Vielleicht können wir uns auch drauf einigen, dass das irgendwie auch die Antwort auf Deinen Post gerade ist, ich halte die Kulturkritik ja ebenfalls für ein wichtiges Diskursfeld…. wobei ich Widerstand und vernünftige Aneignung dennoch oft meilenweit auseinanderdriften sehe.

40 Hans-Hermann Hirschemann (03.08.2013, 14:42 Uhr)

Ok, ich halte es anders als es Wolfram vielleicht tut, für möglich, dass die selbtgegebenen Schranken dieses Ortes (bei der Findung einer Perspektve jenseits von Markt und Staat) eine Bedingungen für dessen spezielle Produktivität sein könnte. Das ist eben der (temporäre) Vorteil von „Entfremdung“ und „Exklusion“ 😉

Ich vertstehe, dass man sich auf die Wahrnehmung und Diskussion sozialer Experimente mehr oder minder sozialer Produktion in abgezirketen (Freizeit-) Bereichen beschränken möchte. Habe also ein gewisses Verständnis dafür, dass die mögliche Bedeutung von Systemweltinterna wie Ökosteuern, Green New Deal, UN-Nachhaltigkeitsziele  usw. für die Ermöglichung einer kommunistische Transformation (als sich in Etappen vor und zurück bewegende soziale Aneignungsbewegung) hier kein Thema sein sollen.

Allerdings sind die gesellschaftlichen Grundagen der unterschiedlichen Sichtbereiche und -weisen und die sich aus deren Probleme ergebenen Herausforderungen nicht so einfach zu trennen. 

Dazu gehören mE. die Nachteile einer überhistorischen Fetischisierung des Geldfetisches.

Solong

Gruß hh

PS. Wenn ich als Eurer ungebetener Gast dennoch einen Wunsch äußern dürfte: Mich würde mal interessieren, was in euren Commons-Augen  das Google Engegement für Mozilla bedeutet. Nebenbei gefragt.  

41 Stefan Meretz (04.08.2013, 16:46 Uhr)

@Christian #31:

“Sinnlich-stofflicher Reichtum” ist eine Formulierung von Lohoff, die
sich bei Marx so weder in den Worten noch in der Sache findet und die
mir auch inhaltlich inadäquat erscheint. Insbesondere die
“Stofflichkeit” wird da hineingemogelt, obwohl sie weder von Marx
postuliert wird noch inhaltlich passt.

Dazu hat Wolfram in #33 sowohl das Zitat von Marx gebracht (»Gebrauchswerte bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums, welches immer seine gesellschaftliche Form sei«) wie das nötige gesagt. In meinen Worten: Es geht um den Stoffwechsel mit der Natur, die in einem gesellschaftlichen Vermittlungzusammenhang stattfindet. Keine MP3-Datei ohne stoffliche Infrastruktur, keine Massage ohne Liege. Ich könnte auch dich aus #12 zitieren,

dass ohne Stoffwechselprozesse mit der Natur und ohne Interaktionen mit
anderen Menschen ein Überleben als Individuum und als Gesellschaft
schlechterdings nicht möglich ist.

Hier deskriptiv vom sinnlich-stofflich Reichtum zu sprechen finde ich völlig angemessen.

In deiner Gütersystematik
unterscheidest du stoffliche und nicht-stoffliche Beschaffenheit. Marx
spricht dem Nicht-stofflichen an keiner Stelle den
Gebrauchswertcharakter ab — nur Lohoff tut das.

Nein, das tut Lohoff überhaupt nicht. Und meine Gütersystematik befasst sich tatsächlich mit einzelnen Gütern, nicht mit dem hier diskutierten Gesamt der Schaffung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen. Die hier diskutierte Frage ist doch, ob es kategorial angemessen ist, mit dem GW eine überhistorische Kategorie zur Erklärung des historisch-spezifischen Formzusammenhangs im Kapitalismus zu verwenden. Ich meine nein. Wäre das nämlich so, dann kann der Tauschwert nur in einem äußerlichen Zusammenhang zum GW stehen, tatsächlich stehen beide in einem inneren Verhältnis.

Aber die konkreten in einer Gesellschaft existierenden Gebrauchswerte
sind selbstverständlich gesellschaftlich bestimmt, hängen von den
sozialen und technischen Gegebenheiten in dieser Gesellschaft ab

Nein, es geht nicht um die konkreten Inkarnationen, sondern um ihre gesellschaftliche Form. Es geht um die Waren- und Wertform, worin der GW Teil des Binnengegensatzes von Wert und GW ist. Das ist das Argument. Ich finde es nachvollziehbar.

Um auch was kritisches zum Lohofftext zu sagen: Mir scheint das widersprüchliche Verhältnis von überhistorischem und historisch-spezifischen Aspekt beim GW zu schnell in Richtung historischer Spezifik, also kapitalistischer Formbestimmung, aufgelöst zu werden. Ein »Schuh« wird erst draus, wenn man das Verhältnis tatsächlich als dieses fasst und nicht einseitig in die eine oder andere Richtung vereindeutigt und zum Verschwinden bringt.

42 Hans-Hermann Hirschemann (04.08.2013, 17:30 Uhr)

Da ja die Behauptung nun ist (entgegen dem, was bei nüchterner Betrachtung vermutet werden muss) NICHT Kategorie und die darunter fallenden konkreten Inhalte zu verwechseln, (auf letztere haben Formen ihrer Bestimmung natürlich Einfluss, niemand würde das bestreiten), wäre die daraus geschlossene Behauptung vermutlich, dass es in einer vom Warensinn befreiten Gesellschaft keine brauchbaren Dinge und Tätigkeiten mehr gäbe.

Ich kann darin keinen Sinn erkennen, außer es handelt sich um einen Versuch, das Begehren nach einem Nutzen zur Sünde zu erklären zu dem „der Kapitalismus“ „uns“ nötigt.  

Mich würde mal interessieren, welchen Zusammenhang zwischen Wert und Gebrauchswert du konkret wahrnimmst, Stefan? Vielleicht steckt hier das Problem.

43 Hans-Hermann Hirschemann (04.08.2013, 17:49 Uhr)

Es geht um die Waren- und Wertform, worin der GW Teil des Binnengegensatzes von Wert und GW ist.

Dieses Binnengesetz (deren Erscheinung z.B. ständiges Gebrauchswertwachstum aufgrund der Jagd nach Konkurrenzvorteilen = Extraprofiten und der dadurch bewirkten Entwertung der Waren ist, die z.B. Konzentrationprozesse erzwingt) gibt aber, wie du weißt, nicht außerhab der Warenproduktion.

Da sind die Gebrauchswerte (und deren Verhältnis zum Arbeitsaufwand, den ökologischen Implikationen usw.) dann anders bestimmt, z.B. kommunistisch, etwa in der Form (welt-) gemeinschaftlicher Forschungs- und Abstimmungsprozesse.  

44 Hans-Hermann Hirschemann (05.08.2013, 07:16 Uhr)

Dieses Binnengesetz (deren Erscheinung z.B. ständiges
Gebrauchswertwachstum aufgrund der Jagd nach Konkurrenzvorteilen =
Extraprofiten und der dadurch bewirkten Entwertung der Waren ist, die
z.B. Konzentrationprozesse erzwingt)

Sorry, das war in der Eile etwas arg verkürzt gesagt. Die Nötigung zu qualitativen Verbesserung der Gebrauchswerte (aus Verbrauchersicht) zwecks Erzielung von Extraprofiten mittels Wettbewerbsvorsprünge (in der Unternehmensperspektive) soll zwar (aus Sicht der Unternehmen) individuell den Preisverfall der Waren aufhalten.

Was aber auf lange Sicht nicht gelingen kann, weil die Konkurrenz bald in der Lage ist, den gleichen Gebrauchswert herzustellen und womöglich auch noch mit einem geringeren Arbeitsaufwand. Also insgesamt für den gleichen Profit eine gößere Menge des Gebrauchswertes produziert werden muss.  (Was dann wieder zu Konzentrationsprozessen nötigt usw.)

45 Hans-Gert Gräbe (05.08.2013, 09:33 Uhr)

Nach meinem Verständnis setzt ein einigermaßen objektivierender Begriff von „Gebrauchswert“ die deutlich subjektiveren Begriffe Gebrauch, Nutzen und Zweck voraus, denen wiederum entsprechende Beschreibungen von Gebrauch voausgehen (auch darin unterscheiden sich Biene und Baumeister). Beschreibung von Gebrauch setzt Herstellungspraxis voraus (allein dies, noch nicht deren Beschreibung), jedoch entsteht ein Begriff von „Gebrauchswert“ erst, wenn eine größere Menge von gleichartigen Dingen verfügbar sind, die nach dieser Beschreibung von Gebrauch auch praktisch zu gebrauchen sind. Kurz, jene Abstraktion „Gebrauchswert“ kann überhaupt erst entstehen, wenn sich eine einigermaßem serialisierte Herstellungspraxis etabliert hat, so dass diesem Begriff auch Beschreibungen von Herstellung vorgänig sind. In denen natürlich Werkzeuge gebraucht werden, die Beschreibungen von Herstellung also ihrerseits auf Beschreibungen von Gebrauch aufsetzen.

Dass mit der Planung einer Fabrik die Herstellung von Beschreibungen von Herstellung und mit der modernen Informatik (genauer: mit dem Gebrauch derselben) nun auch Beschreibungen von Herstellung von Beschreibungen von Herstellung eine Rolle spielen und mit den Möglichkeiten der Simulationauch der Gebrauch von Beschreibungen von Herstellung, das sei nur in Parenthese bemerkt. So weit vielleicht mal etwas expliziert, was ich mit der Perspektive des Menschen als “tool making animal” und nicht als “Gebrauchswert making animal” meinte. Dass Marx in den ersten drei Kapiteln von Band 1 Kapital zu solcherart Grundlagen sehr wenig geschrieben hat (um es vorsichtig auszudrücken) ist allgemein bekannt.

46 Franz Nahrada (05.08.2013, 09:36 Uhr)

@ #44 – Wobei „Verbesserung der Gebrauchswerte“ überlagert und formbestimmt wird von tausenderlei kapitalismusimmanenten Absurditäten:
* jeder Mensch eine Monade, monadisches Verkehrsmittel Automobil, monadische Wohnform Wohnschachtel oder Einfamilienhaus
* jeder Mensch ein gebundener Kunde, konstante Erregung, Verschleiß, Markenabhängigkeit, Reparaturunmöglichkeit … und so weiter. Das System der Bedürfnisse und Stofflichkeit in der kapitalistischen Gesellschaft ist genauso absurd und letztlich grausam wie die Produktionswelt.

WEIL also die Konkurrenz den „Vorteil“ so schnell wettmachen kann, entwickelt sich alternativ dazu eine schleichende Bösartigkeit in der „Produktgestaltung“.

47 Franz Nahrada (05.08.2013, 09:43 Uhr)

@ # 45 Der von Dir richtig benannte zentrale Wesenskern „tool making animal“ (auch wenn Du es eine „Perspektive“ nennst), bedeutete, dass das Hauptprodukt einer Gesellschaft die Beschreibungen der Herstellung von Gebrauchswerten wären. Das sehe ich als in einer P2P Gesellschaft realisierbar. Unter kapitalistischen Bedingungen müssen diese Beschreibungen verschleiert werden, sie werden gehandelt und letztlich monopolisiert.

48 Stefan Meretz (05.08.2013, 10:18 Uhr)

@HHH#42: Wie kommst du zu dem Schluss, dass es

befreiten Gesellschaft keine brauchbaren Dinge und Tätigkeiten mehr gäbe

Ich schrieb doch explizit vom Verhältnis von zwei Aspekten des GW (das Wort mal hingenommen), einem historisch-spezifischen im Kapitalismus und einem überhistorischen in allen Gesellschaften — folglich auch in einer befreiten. Mir geht es nur darum beides nicht kurzzuschließen.

Mich würde mal interessieren, welchen Zusammenhang zwischen Wert und Gebrauchswert du konkret wahrnimmst, Stefan?

Genau das interessiert mich nicht. Ich diskutiere das Problem als kategoriale Frage. Zum Verhältnis von Gebrauchswert und Wert hat Marx ein dickes Buch geschrieben: das Kapital. Ich diskutiere auf der Ebene von Marx.

Noch eine Bemerkung zum »tool making animal«: Das halte ich für eine überholte Wesensbestimmung aus den 1970ern, da inzwischen unzählige Ergebnisse darüber vorliegen, dass sehr viele Tiere selbst »tool making animals« sind und trotzdem keine Menschen. Aus meiner Sicht muss das Mensch-Welt-Verhältnis umfassender begriffen werden: Menschen stellen ihre Lebensbedingungen gesellschaftlich her — im umfassenden Sinne: Dinge, Infrastrukturen, Kommunikation, soziale Verhältnisse. Darin — und nur darin — liegt die commonistische Potenz, dass sie das in einer Weise tun, dass alle Menschen ihre Bedürfnisse maximal befriedigen können und nicht sich ein Teil auf Kosten von anderen durchsetzt.

49 Stefan Meretz (05.08.2013, 10:33 Uhr)

Ungewohnte Unterstützung bekam ich heute von hier: »Die Ware ist die Mucke« — danke.

50 Franz Nahrada (05.08.2013, 11:09 Uhr)

Markus Gabriel:

Unsere materiellen Praktiken bis hin zur Wahl der Speise, die man mittags essen will, sind unter anderem auch ideologisch
bestimmt. Deswegen glaube ich, dass man Marx’ Analyse des Fetischismus
und, wie er sagt, der „theologischen Mucken der Ware“ verwenden kann, um die Struktur der Ware besser zu verstehen. Ich glaube also nicht, dass
die Ware erst einmal einen nackten, materiellen Wert hat, der dann in
sehr komplexen Prozessen verstellt wird, sondern dass die Ware
tatsächlich theologische Mucken hat, dass dies aber die Realität der
Ware ist. Hinter den theologischen Mucken steckt also nicht der
materielle Wert, sondern die Ware ist die Mucke.

Man kann deswegen auch nicht den Gebrauchswert
isolieren und gegen den Tauschwert ausspielen. Dies setzt wieder eine
materialistische Verkürzung voraus. Das hat Marx so nicht gesehen.
Deswegen benutze ich ihn an dieser Stelle, vielleicht teilweise entgegen
seinen Intentionen. Von einem Klassiker der Philosophie kann man aber
eben auch erwarten, dass man ihn kreativ neu deuten kann, um neue
Ergebnisse zu erzielen. Und teilweise war Marx eben immer auch ein
Philosoph.

„ideologisch bestimmt“ ist freilich sehr unbestimmt. Um es gelinde zu sagen. Ich hab in # 44 handfeste ganz wenige sachliche Gründe und Formbestimmungen der gesellschaftlichen Nutzungsweisen in der Warengesellschaft angegeben – also was die Inhaltsseite der Gebrauchswerte anbelangt. Die weiter oben abgehandelte Frage nach der Form des Gebrauchswert überhaupt (isolierte Nutzenfunktion) ist davon unberührt. Die stellt auch Gabriel in dem Interview überhaupt nicht.

51 Stefan Meretz (05.08.2013, 14:21 Uhr)

Du meinst #46, nehme ich an.

Doch, indem Gabriel festhält, dass die Ware keinen unschuldigen isolierbaren Kern (vulgo überhistorischen GW) hat, sondern »Mucke« (aka Fetisch) ist (vulgo historisch-spezifische Form des GW im Kapitalismus), stellt er die Frage nach der Form des Gebrauchswerts. Weitergehende Ausführungen macht er nicht, ist ja nur ein Interview, aber die Frage so stellen zu können, ist wertvoll.

52 Hans-Hermann Hirschelmann (05.08.2013, 17:31 Uhr)

@45

Nach meinem Verständnis setzt ein einigermaßen objektivierender Begriff von “Gebrauchswert” die deutlich subjektiveren Begriffe Gebrauch, Nutzen und Zweck voraus

Von denen Marx auf der Ebene der grundsätzlichen Bestimmung der Grundelenemte einer jeden Ware (Wert und Gebrauchswert) aber ausdrücklich (und an dieser Stelle zurecht) absieht.  Marx ging es  wie gesagt  niemals um ein philosophisches Basta! bei der Definition eines überhistorischen Wesens konkreter (historischer) Gebrauchswerte, die alle möglichen konkreten Inhalte, Gestalten, Gelegenheiten und Umständen von Gebrauchswerten positiv erfasst.

Bitte nicht die logische und die empirische Betrachtung durcheinander bringen! 

Marx war an Entwicklungsbedingungen kapitalistischer Produktionsverhältnisse interessiert. Und er ging im Wesentlichen der Frage nach, in wie weit die am Ende eine (welt-) kommunistische Bestimmung von Nutzen (Schaden, Risiken usw.) möglich (wie natürlich auch nötig) machen – könnten.

Auf der Ebene der Aneignung der Zweckbstimmungsgewalt (welt-) gesellschaftlicher Arbeit (und was an den Voraussetzungen und Wirkungen des Nutzenbereien zu bedenken ist) durch die (Welt-) Gesellschaft selbst (innerhalb langwierger gesellschaftlicher Prozesse mit immer mal wieder auch Sprüngen) ist wiederum sehr wohl (wie Wolfram schon andeutete) interessant, wer und was einen worauf bezogenen konkreten Nutzen eines Gutes oder einer Tätigkeit bestimmt, welche Probleme dabei auftauchen und wie die – etwa mittels weniger privateigentümlicher Bestimmungsweisen – vermieden werden können.

Hier ist die Frage, wo genau sich innerhalb des ganzen Warensinns Möglichkeiten, Erfahrungen, Perspektiven einer (welt-) gesellschaftlicher Bestimmung von Gebrauchswerten ergeben (nicht aber eines nutzlosen Gebrauchswertbegriffs)  und wie das weiterentwickert werden sollte und kann.

Das darf bei der nötigen Kritik an der Gebrauchswert-Gleichgültigkeit wesentlicher Poduktionsantriebe und -bedingungen nicht vergessen werden.   
Hier mal ein Beispiel, wo sich Marx um einen Bedeutungswandel von Gebrauchsswerten reflektiert.

Für den ausgehungerten Menschen existiert nicht die menschliche Form der Speise, sondern nur ihr abstraktes Dasein als Speise; ebensogut könnte sie in rohster Form vorliegen, und es ist nicht zu sagen, wodurch sich diese Nahrungstätigkeit von der tierischen Nahrungstätigkeit unterscheide. Der sorgenvolle, bedürftige Mensch hat keinen Sinn für das schönste Schauspiel; der Mineralienkrämer sieht nur den merkantilischen Wert, aber nicht die Schönheit und eigentümliche Natur des Minerals; er hat keinen mineralogischen Sinn

Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, MEW Bd. 40, S. 542 

53 Hans-Hermann Hirschelmann (05.08.2013, 20:29 Uhr)

Grrr, trotz Nacheditierbarkeit mehrere Fehler übrig. Ein Abschnitt deshalb noch einmal:

Hier [bei Prozessen einer sich allmählichen bis sprunghaft vollziehenden Vergemeinschaftung des Bestimmungsvermögens] ist die Frage interessant, wo genau sich innerhalb des ganzen Warensinns Möglichkeiten, Erfahrungen, Perspektiven einer (welt-) gesellschaftlicher Bestimmung von Gebrauchswerten ergeben und wie das weiterentwickert werden sollte / kann.

Ein mit bestimmtem Inhalt und bestimmter moralischer Qualität aufgeladener Gebrauchswertbegriff  ist dafür meines Erachtens ohne Gebrauchswert.  Die verzweifelte Suche nach so einem vom Kontext losgelösten einzig wahren Begriff sehe ich als Ausdruck von Entfremdung bzw. als Verdinglichngsphänomen und damit Ausdruck der Unmöglichkeit einer gemeinschaftlichen Bestimmung eines gesellschaftlichen Nutzens.

54 Hans-Gert Gräbe (05.08.2013, 21:40 Uhr)

@Franz #47: „Unter kapitalistischen Bedingungen müssen diese Beschreibungen verschleiert werden, sie werden gehandelt und letztlich monopolisiert.“ Das verstehe ich nicht, wie kann ich eine „verschleierte Beschreibung“ so operationalisieren, dass am Ende ein wirklich Ding herauskommt, das entsprechend der Beschreibung des Gebrauchs auch gebraucht werden kann? Hältst du #45 wirklich für Wortspielerei?

@HHH #52. „Von denen Marx auf der Ebene der grundsätzlichen Bestimmung der Grundelenemte einer jeden Ware (Wert und Gebrauchswert) aber ausdrücklich (und an dieser Stelle zurecht) absieht.“ Ja und? Frei nach Brecht: Wenn die Theorie nicht auf die Praxis passt, dann suchen wir uns eine andere Praxis? Geht es hier um Marx-Exegese oder Begriffsarbeit? Ich bin höchstens bei zweiterem dabei.

55 Hans-Hermann Hirschelmann (05.08.2013, 21:52 Uhr)

Unsere materiellen Praktiken bis hin zur Wahl der Speise, die man mittags essen will, sind unter anderem auch ideologisch bestimmt.

Oder umgekehrt: Wissenschaftlich bzw. in einem herrschaftsfreien Diskurs aller Beteiligten nicht haltbare Vorstellungen etwa über die Richtigkeit von Praktiken bis hin zur Speise, die man mittags essen will,  ergeben sich unwillkürlich aus solchen Formen der Arbeitsteilung, die eine (welt-) gemeinschaftliche Begutachtung und Entscheidung nicht erlauben bzw, die Beteiligten davon befreien.

Ich glaube also nicht, dass die Ware erst einmal einen nackten, materiellen Wert hat, der dann in sehr komplexen Prozessen verstellt wird, sondern dass die Ware tatsächlich theologische Mucken hat, dass dies aber die Realität der Ware ist. Hinter den theologischen Mucken steckt also nicht der materielle Wert, sondern die Ware ist die Mucke.

Das verstehe ich nicht. Wer behauptet einen „nackten materiellen Wert einer Ware“? Was soll das  sein?

Bei freier Konkurrenz zum Tausch (gegen die Ware Geld) bestimmte Güter erhalten einen von deren Gebrauchswerten (von deren Nützlichkeit) unabhängigen Tauschwert.

Dessen Auf und Ab ist letztlich von der zur Reproduktion dieses Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit gesteuert.

Wo ist da ein nackter materieller Wert?

Hinter dem Phänomen, dass sich die gesellschaftlichen (Poduktions-) Verhältnisse der Menschen und deren Institutionen (zum Beispiel wie viel Arbeit es die gekostet hat und welche sozialen bzw.ökologischen Voraussetzungen und Wirkungen damit verknüpft sind) lediglich als dingliche Eigenschaften begehrter Güter darstellen (nämlich deren kleine oder große Preise) steckt nicht „der Wert“ sondern die kapitalistischen Formen der Arbeitsteilung. 

Die sind des Warensinns. 

Man kann deswegen auch nicht den Gebrauchswert
isolieren und gegen den Tauschwert ausspielen.

Aber wer macht das? Wenn ich die Kategorie „Fahrt“  von der Kategorie „Verkehrsmittel“  unterscheide  und sage, dass „Fahrt“ erst einmal gar nichts über deren Formbestimmtheit und sonstigen Möglichkeiten und damit verbundenen Zwängen aussagt und ganz unabhängig von der Wahl des Verkehrsmittel gilt, und nur ausgesagt ist, dass zur Fortbewegung Fahrzeuge benutzt werden, dann behaupte ich doch nicht, dass es egal ist, ob eine Fahrt mit einem Fahrrad, einer Eisenbahn, einem Fesselballon, einem Bobbycar, einem Kleinwagen, oder einem Porsche  zurück gelegt werden kann.

Dies setzt wieder eine materialistische Verkürzung voraus. Das hat Marx so nicht gesehen.

Ich begreife nicht, was Marx da nicht gesehen haben und worin sich hier eine „materielle Verkürzung“ verstecken könnte. 

56 Hans-Hermann Hirschelmann (05.08.2013, 22:11 Uhr)

Geht es hier um Marx-Exegese oder Begriffsarbeit? Ich bin höchstens bei zweiterem dabei.

Ausgangspunkt war eine verfehlte Marxkritik, dem hier Widersprüche im „Gebrauchswertbegriff“ vorgehalten wurden. 

Zum Ringen um wissenschaftliche Redlichkeit gehört auch die Erörterung dieses Faktums.

Du hattest zur Frage der Gebrauchswertbestimmung von Produktionsmitteln bemerkt:

Dass Marx in den ersten drei Kapiteln von Band 1 Kapital zu solcherart Grundlagen sehr wenig geschrieben hat (um es vorsichtig auszudrücken) ist allgemein bekannt.

Ja, da kann es durchaus helfen, mal ein wenig weiter im Text zu gehen. Manchmal hilft dann sogar Exergese.

Aber davon abgesehen meine ich, genügend Argumente gegen die Philosophenmarotte eingebracht zu haben, nach blaublütigen Begriffen von und zu allem und nichts zu verlangen. 

57 Hans-Hermann Hirschelmann (05.08.2013, 22:45 Uhr)

jedoch entsteht ein Begriff von “Gebrauchswert” erst, wenn eine größere Menge von gleichartigen Dingen verfügbar sind, die nach dieser
Beschreibung von Gebrauch auch praktisch zu gebrauchen sind.

Um verschiedene Dinge wertvoll finden zu können, weil sie zu etwas zu gebrauchen sind bedarf es keiner Erfahrung mit Massenproduktion und mit dem Gebrauchswert des Geldes auch wenn dies wie alle historischen Erfahrungen natürlich die Wahrnehmungen und die daran geknüpften Assoziationen verändert.

So fastinierend es auch ist, Zusammenhänge zwischen Realabstraktionen und Kategorien aufzuspüren, sollte dennoch zwischen beiden unterschieden werden.

So weits um die fortgesetzte Mensch(heits)werdung geht:

Das tool making animail  ist wie gesagt nichts ohne das plannig animail. Es wird am Ende nicht eine quasi naturgegebene Art der Bestimmung von Gebauchswerten (und den dafür zu tragenden Kosten) akzeptieren sondern Mittel und Wege finden, die eigene (aber nichts desto tzotz unbeherrschbare) Naturgewalt Kapitalismus ökohumanistisch aufzuheben.     

58 Stefan Meretz (06.08.2013, 22:07 Uhr)

Wer hätte gedacht, dass ich mal einen Text eines Landesvorsitzenden der Linkspartei guten Gewissens empfehlen kann: http://www.streifzuege.org/2013/vor-dem-epochenbruch

Passt nicht direkt zur Gebrauchswert-Debatte, aber indirekt schon.

59 Christian Siefkes (06.08.2013, 22:32 Uhr)

@Stefan #41:

Dazu hat Wolfram in #33 sowohl das Zitat von Marx gebracht (»Gebrauchswerte bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums, welches immer seine gesellschaftliche Form sei«) wie das nötige gesagt.

OK, das stimmt, wobei ich vermuten würde, dass Marx das „stofflich“ hier eher im Sinne von „konkret“ und nicht im Sinne der Stofflichkeit aus deiner Systematik meint, also MP3-Dateien und Massagen keineswegs ausschließen will. Sind wir uns soweit einig?

In meinen Worten: Es geht um den Stoffwechsel mit der Natur, die in einem gesellschaftlichen Vermittlungzusammenhang stattfindet. Keine MP3-Datei ohne stoffliche Infrastruktur, keine Massage ohne Liege.

Meine Sorge ist dann allerdings, dass eure Verwendung des Begriffs zumindest missverständlich ist, weil die meisten die Stofflichkeit erstmal im Sinne deiner Systematik verstehen werden. Sprich: dass man dann zwar USB-Stick, Datenkabel und Liege als Teil des „sinnlich-stofflichen Reichtums“ versteht, nicht aber die MP3-Datei und die Massage. Weil er dieses Missverständnis nahelegt, finde ich den Begriff unglücklich. „Sinnlicher Reichtum“, von mir aus.

Die hier diskutierte Frage ist doch, ob es kategorial angemessen ist, mit dem GW eine überhistorische Kategorie zur Erklärung des historisch-spezifischen Formzusammenhangs im Kapitalismus zu verwenden.

Die berühmte Frage, die Marx sich generell stellt und sie sich durchs ganze Kapital durchzieht, ist doch, „warum dieser Inhalt jene Form annimmt“ (MEW 23, S. 95). Er versucht immer, den gesellschaftsübergreifenden Inhalt zu identifizieren hinter der spezifischen Form, die er in einer ganz bestimmten Gesellschaft (dem Kapitalismus) annimmt.

Überhistorisch: Gebrauchswerte, die konkrete Bedürfnisse befriedigen, konkret-nützliche Arbeit, die sie herstellt und die gesamtgesellschaftliche Reproduktion besorgt, physische Infrastrukturen und Naturressourcen. Formspezifisch: Waren, Erwerbsarbeit und Kapital. Die überhistorischen Kategorien „erklären“ die historisch-formspezifischen dabei aber nicht, sondern sie sind das, was die unterschiedlichen Gesellschaften gemeinsam haben.

Gäbe es ein solches gesellschaftsübergreifendes Gemeinsames nicht, dann wären andere Gesellschaftsformen ja buchstäblich ganz unvorstellbar, da wir nichts uns aus unserer Gesellschaft Bekanntes dort (in — selbstverständlich — veränderter Form) wiedererkennen könnten.

60 Hans-Hermann Hirschelmann (07.08.2013, 00:39 Uhr)

Meine Sorge ist dann allerdings, dass eure Verwendung des Begriffs zumindest missverständlich ist, weil die meisten die Stofflichkeit
erstmal im Sinne deiner Systematik verstehen werden. Sprich: dass man
dann zwar USB-Stick, Datenkabel und Liege als Teil des
“sinnlich-stofflichen Reichtums” versteht, nicht aber die MP3-Datei und
die Massage.

Wobei die Massage ja nun als der Inbegriff des stofflich-sinnnlichen Reichtums gelten kann 😉 

Und warum ist die bestimmte Aneinanderreihung der Codes in einer MP3 Datei kein stofflicher Reichtum im Sinne von in etwas Stofflichen außerhalb der eigenen Willkür bereit gestelltes Potenzial für Reichtum?

Wenn bei Marx von materiellen Grundlagen von Reichtum die Rede ist, geht es m.E. um diejenigen Potenziale von Dingen oder Tätigkeiten, von deren Aneignung (von deren Zunutzemachen) sich die Aneignenden einen Nutzen versprechen. Materiell, weil die Aneignenden sich die Nutzpotenziale nicht einfach in Dichlein-Deck-Dich Manier herbei zaubern können, sondern vor einer jeden Aneignung als innerhalb der nutzbaren Dinge und Tätigkeiten hausendes Potenzial vorhanden sein müssen.

Materielle Bedingungen der Exiszezsicherung und Bereicherung sind diejenigen Bedingungen,die sich nicht ohne weiteres außer Kraft setzen oder wesentlch verändern lassen.

Gebrauchswerte (= Nutzpotenziale) sind stets (wenigstens außerordentlich weitgehend) in (historisch) bestimmter Weise gesellschaftlich bestimmt. Das gilt sowohl für die Fähigkeit, die Motivation oder die soziale (bzw. ökologische) Qualität zur Aneignung als auch die  Fähigkeit, Motivation und die sozialen (bzw. ökologische) Implikationen für bzw.bei deren Her-und Bereitstellung.

Und Gebrauchswerte werden auch erst durch gesellschaftlch (historisch) bestimmten Interaktion wirklich zu solchen. Der Interaktionen der Herstellenden, der zur Verfügung stehnden oder gestellten  Dinge und Tätigkeiten sowie der Aneignenden. Die ist im Kapitalismus zwar weitgehend von der privateigentmlichen Verfügung über die „Tools“ und die vereinzelte Produktion im Wettbewerb mit der Konkurrenz anderer Privatanbieter bestimmt (Mitsamt dem ganzen poltischen, kulturellen oder rechtlichen Zirkus drum herum). Aber es gibt natürlich trotzdem Bewegung uin Richtung einer ökohumanistischen bzw. kommunistischen Aneignung.

Die Weise, wie die Interaktionen gestalten werden können, die Formen der Arbeitsteilung sind entscheidend. Und alles hängt mehr oder minder vom Stand der Produktivkraftentwicklung ab. (Auch so eine überhistorisch gültige Kategorie, deren historisch möglicher stofflicher bzw. sozialer oder ökologischer Inhalt damit noch lange nicht bestimmt ist).    

61 Stefan Meretz (07.08.2013, 10:04 Uhr)

@Christian#57: Sehr schön, wir kommen zum entscheidenden Punkt (das mit dem sinnlich oder stofflich oder beides lenkte eher ab):

Die berühmte Frage, die Marx sich generell stellt und sie sich durchs
ganze Kapital durchzieht, ist doch, “warum dieser Inhalt jene Form
annimmt” (MEW 23, S. 95). Er versucht immer, den
gesellschaftsübergreifenden Inhalt zu identifizieren hinter der
spezifischen Form, die er in einer ganz bestimmten Gesellschaft (dem
Kapitalismus) annimmt.

Nein, das lese ich anders und meine, dass Marx seinen Hegel viel zu gut kannte, als das er sich auf ein solches fragwürdiges Gebäude eingelassen hätte (allerdings nicht ganz konsequent, so meine Kritik).

Richtig, Marx fragt “warum dieser Inhalt jene Form
annimmt”. Der Inhalt jedoch ist keineswegs ein formneutraler überhistorischer, sondern durch die Form bestimmt. Um das näher zu beleuchten, empfehle ich dir einen Beitrag von Annette Schlemm: Zu Produktions- und Eigentumsverhältnissen als Inhalt-Form-Verhältnis – anderes Thema, aber gleiche Kategorienkonstellation.

Der von mir kritisierte Kategorienfehler besteht genau darin: Den Inhalt formneutral zu nehmen, ihn daher als überhistorisch zu setzen, um dann zu meinen, sich nur der Form zuwenden zu müssen, die den neutralen Inhalt quasi „überformt“. Genau so nicht! Genau das wäre ein äußerliches Verhältnis, das so typisch für die bürgerliche philosophische Logik (aka formale Logik) ist. Marx hingegen hat das Verhältnis von GW und W als inneres Verhältnis, als sich wechselseitig bestimmendes Verhältnis mit dem Primat auf der Form gefasst und damit die bürgerliche Äußerlichkeit überwunden. Dass er trotzdem manchenorts GW überhistorisch fasste, sind Rudimente des noch nicht ganz überwundenen Denkens im Außenverhältnis. Der Hinweis von Lohoff, dass es sich um einen Binnengegensatz im Wertverhältnis handelt, ist daher völlig angemessen, wobei er eigentlich noch begründen müsste, warum das Wertverhältnis das übergreifende Allgemeine von GW und W ist. Zum übergreifenden Allgemeinen siehe meinen Trafo-Vortrag zur Hegelschen Dialektik.

Weiter:

Gäbe es ein solches gesellschaftsübergreifendes Gemeinsames nicht, dann
wären andere Gesellschaftsformen ja buchstäblich ganz unvorstellbar, da
wir nichts uns aus unserer Gesellschaft Bekanntes dort (in —
selbstverständlich — veränderter Form) wiedererkennen könnten.

Da stimmen wir voll und ganz überein. Die Frage ist nur, worin das übergeifende Allgemeine der Geschichte besteht. Diese für ein Transformationsdenken über den Kapitalismus hinaus absolut zentrale Frage beantworte ich im nächsten Teil meiner Trafo-Vortragsreihe — kommt demnächst 😉

62 Franz Nahrada (07.08.2013, 10:48 Uhr)

Stefan,

die Geschichte mit Inhalt und Form bezieht sich bei Marx auf das Verhältnis von Arbeit und Wert, und dann genauer auf das Verhältnis von Wertsubstanz und Wertformen. Ich denk da geht es sowieso nicht überhistorisch zu.

Ich wundere mich nach wie vor, dass der Hinweis von mir, dass Gebrauchswert in seiner nackten Abstraktion sozusagen die Kehrseite des Tauschwerts ist, die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegen den Inhalt der Produktion kategorial ausdrückt, noch immer nicht aufgegriffen worden ist.

Auch der Vergleich mit „Arbeit sans phrase“ ist ja durchaus erhellend, was eben auch nicht zu dem Schluss verleiten darf dass in anderen Gesellschaften nicht gearbeitet wird.

Aber das Formbestimmte wäre eben direkt am Gebrauchswert aufzuzeigen. 

Die erste Formbestimmung die Marx gibt ist die, dass der Gebrauchswert in der politischen Ökonomie nur bedingt eine Rolle spielt. Das ist ja für sich genommen keineswegs eine methodische Vorschrift, sondern, wenn man es ernst nimmt, ein vernichtendes Urteil über Theorie und Praxis der bürgerlichen Gesellschaft. Sie lässt sich von den Bedürfnissen und ihren Inhalten nicht ihre Gesetze vorschreiben, hat zu diesen ein rein instrumentelles Verhältnis, weil es ihr um den Reichtum der Gesellschaften in Wertform geht. Deswegen muss man wohl Warenkunde betreiben, aber das geht die politische Ökonomie nichts weiter an. Leider hat Marx hier einen expliziten Hinweis auf die Absurdität des referierten Sachverhaltes unterlassen, und daher der Ökonomenzunft einen Freibrief ausgestellt unter dem wir heute noch leiden.

63 Franz Nahrada (07.08.2013, 10:53 Uhr)

Erschwerend kommt noch der Umstand dazu, dass es gerade die Vulgärökonomie ist, die so tut, als sei das Bedürfnis Ausgangspunkt der Ökonomie, und dann mit Kategorien wie „Nutzen“, „Gut“, „Präferenz“, „Präferenzordnung“ eine hilfreiche Funktion des Geldes ableiten will. 

64 Wolfram Pfreundschuh (07.08.2013, 13:07 Uhr)

@Franz

die Geschichte mit Inhalt und Form bezieht sich bei Marx auf das Verhältnis von Arbeit und Wert, und dann genauer auf das Verhältnis von Wertsubstanz und Wertformen. Ich denk da geht es sowieso nicht überhistorisch zu.Ich wundere mich nach wie vor, dass der Hinweis von mir, dass Gebrauchswert in seiner nackten Abstraktion sozusagen die Kehrseite des Tauschwerts ist, die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegen den Inhalt der Produktion kategorial ausdrückt, noch immer nicht aufgegriffen worden ist.

Die „Geschichte mit Inhalt und Form“ bezieht Marx auf die doppelte Form, auf die Warenform, welche die Getrenntheit von Arbeit und Bedürfnis gegensinnig vermittelt, und also einen Wert nötig hat, um überhaupt wirklich da zu sein. Er unterstellt damit die Einheit von Arbeit und Bedürfnis, die in einer Waren produzierenden Gesellschaft entzweit ist.
Die „nackte Abstraktion“ ist somit nicht der Gebrauchwert, sondern der Wert. Und dieser ist im ganzen Verhältnis von Tauschwert und Gebrauchswert, von Preis und Nutzen gesellschaftlich gegenwärtig. Ohne dieses Verhältnis der Einheit im Gegensatz bleibt es bloße Mystifikation, wie sie den bürgerlichen Ökonomen dann zu einer zweigeteilten Wahrheit wird.
Etwas ganz anderes ist der organische Gehalt, der dabei vermittelt wird, der also tatsächlich nützlich und tatsächlich erarbeitet ist, und den man historisch oder überhistorisch nennen mag, je nachdem, was damit gesagt sein soll. Dieser Gehalt ist immer beides, Arbeit und Bedürfnis, Arbeiter und Reproduzent, systemgebunden wie „systemübergreifend“. Weder lässt sich der Gebrauchswert für sich gegen das System entwickeln, noch der arbeitende Mensch für sich. Daher tritt der Gebrauchswert auch nicht in einer „Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegen den Inhalt der Produktion“ auf.  In Einheit mit dem Tauschwert, in der Einheit von konkretem Nutzen in der gesellschaftlichen Relativität des Tauschwerthältnisses ist die Ware nicht bestimmt oder gleichgültig, sondern bestimmt UND gleichgültig gegen ihre Bestimmtheit, wie es Hegel und Marx formulieren.
Was bei dieser Diskussion gänzlich in Vergessenheit gerät ist das Verhalten der Kritik der politischen Ökonomie, die zur Camouflage wird, wenn am einen oder anderen die Aufhebung des Warenverhältnisses festmacht und in der Sache selbst schon die Überwindung des Kapitalismus zu entwickeln sucht. 

65 Hans-Hermann Hirschelmann (07.08.2013, 14:59 Uhr)

„…dass der Hinweis von mir, dass Gebrauchswert in seiner nackten Abstraktion sozusagen die Kehrseite…“

Auf diese krude Vermischung von Emperie und Kategorie wurde natürlich schon eingegangen.

66 Hans-Hermann Hirschelmann (07.08.2013, 15:29 Uhr)

Die bürgerliche Gesellschaft …

…lässt sich von den Bedürfnissen und ihren Inhalten nicht ihre Gesetze vorschreiben…

Auch ein (welt-)kommunistisches Miteianander könnte sich seine Gesetze natürlich nicht „von den Bedürfnissen und ihren Inhalten“vorschreiben lassen. Solche Schlaraffenträume sind gerade Ausdruck eines bürgerlichen  Utopismus.

67 Andreas Exner (19.08.2013, 17:26 Uhr)

Das Theorem, wonach der Gebrauchswert zu historisieren sei, ist schon früher entwickelt worden und hat Einiges für sich. Allerdings überzeugt dieses Element aus dem Zitat aus Lohoffs Text mich noch nicht:

„Diese Inkonsistenz in der Marx’schen Argumentation lässt sich ohne
Weiteres beseitigen. Man muss sich an das halten, was Marx im Fortgang
seiner Darstellung faktisch macht, und sich von der Identität von
Gebrauchswert und sinnlich-stofflichem Reichtum und damit von einem
überhistorischen Gebrauchswertbegriff verabschieden.“

Man kann diese Inkonsistenz ebenso beseitigen, indem man den Gebrauchswert, anders als Marx in späteren Teilen des „Kapital“, konsequent auf den genannten „sinnlich-stofflichen Reichtum“ bezieht.

In heutiger ökonomischer Sprache versteht man den Begriff „Gebrauchswert“ in der Regel nicht mehr, er ist aus dem Sprachschatz der Ökonomie gestrichen, da ist vielmehr vom „Nutzen“ die Rede; und auch der hat eigentlich keine systematische Bedeutung mehr für die ökonomischen Theorien, die ja nicht mit „Nutzen“ hantieren, sondern mit Preisen und Mengen.

Der Begriff des Nutzens offenbart vielleicht noch stärker als der des Gebrauchswerts, der immerhin noch ein aktives, zugreifendes Moment impliziert, eben den Gebrauch und das Brauchen (das Bedürfnis), während Nutzen auch im Passiven realisiert werden kann, als bloßer (produktiver oder unproduktiver) Konsum, wo ich den eigentlich zu historisierenden Aspekt sehen würde: in der Auflösung der Welt in „nutzbare“ oder „nutzbringende“ Elemente, in das recht eigenartige Konstrukt von „Nutzeneinheiten“, auf die zu messen auch die Neoklassik nach einigen frühen wagemutigen Versuchen letztlich verzichten musste.

(Und diese nützliche Auflösung der Welt in scheinbar zu isolierende Einheiten hakt sogar in sich, denn ein Auto beispielsweise ist nur dann ein Gebrauchswert, wenn es auch Straßen ohne Staus gibt, wie Elmar Altvater vor vielen Jahren bemerkt hat; er prägte den Begriff der „sphärischen Gebundenheit“ der Gebrauchswerte, die der Kapitalismus systematisch ignoriert).

Die Auflösung der Welt in „Nutzenelemente“, das ist ganz sicher eine dem Kapitalismus höchst eigene und zerstörerische Sichtweise, wie man mit Blick auf die anthropologische Literatur oder auf Textzeugnisse früherer, vor dem Kapitalismus liegender Epochen zu verstehen lernt.

Was den Gebrauchswertbegriff auch für radikale Gesellschaftskritik meiner Meinung nach immer noch zu einem Gebrauchswert macht, ist sein Verweis auf ein tatsächlich überhistorisches Moment. Das liegt nicht im Begriff selbst, sondern in dem, was mit „stofflich-sinnlichem Reichtum“ gemeint ist, den der Gebrauchswert bezeichnen soll – wobei man auch den Begriff des Reichtums in der Tat problematisieren müsste.

Der Ansatz von Krisis und Exit verschiebt das „überhistorische Element“ nur eine gedachte Etage tiefer, mit sprachpolizeilicher Tendenz. Ja, der „Gebrauchswert“ ist historisch an den Kapitalismus gebunden, sowohl als Begriff als auch seinem Inhalt nach. Das würde mich aber nicht hindern, ihn weiter zu verwenden in kritischer Absicht, denn aus Tellern kann man noch im Kommunismus essen, auch wenn diese dann anders hergestellt würden. (Ebenso wie man durchaus weiterhin von konkreter Arbeit sprechen mag, auch wenn man weiß, dass Arbeit ein zu historisierender Begriff ist, wie anthropologisch gezeigt werden kann; statt etwa den überhistorischen Kern der Arbeit nun „Tätigkeit“ zu nennen, was ja nur eine sprachliche Verschiebung bedeutet und keine theoretische Einsicht.)

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