Nehmen, Geben, Opfern

Besprechung eines Abschnitts aus dem Buch von Georges Duby (1977): Krieger und Bauern. Die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft im frühen Mittelalter, Frankfurt am Main: Syndikat, dort: Nehmen, Geben, Opfern (S. 52 -60).

Den Text habe ich vor ein paar Jahren für mich zusammengefasst und möchte ihn nun gerne teilen.

Duby steht in der Tradition der Historikerschule Annales (Marc Bloch, Febvre, Braudel, Pirenne, Ariès, LeGoff, …). Er geht der Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft im frühen Mittelalter nach. Das ist die vorkapitalistische Periode, in der kapitalistische Keimformen noch nicht vorkommen.

Nach Duby muss man die Geisteshaltungen jener Zeit verstehen, um die Triebfedern der Waren- und Wertbewegungen im 7./8. Jh. aufzudecken. Jene Zeit wird von der Gewohnheit und der Notwendigkeit beherrscht, zu plündern und Opfer zu bringen. Rauben und Schenken ergänzen sich und bringen den Austausch von Gütern hervor. Mit den zeremoniellen und sakralen Opfern und Freigebigkeiten werden die Früchte der Arbeit z.T. wieder zerstört. Andererseits garantieren sie Umverteilung des Reichtums und verhelfen den Menschen zu dem, was ihnen am wertvollsten ist – zur Gunst der geheimen Kräfte, die das Universum regieren.

Krieg und Aggression bestimmen die Zeit nach den Völkerwanderungen. Die persönliche Freiheit definiert sich durch die Teilnahme an militärischen Expeditionen. Wichtigste Aufgabe des Königs ist die Führung des zum Angriff versammelten Volkes. Zwischen kriegerischer Aktion, die das ausmacht, was wir Politik nennen, und Plünderung gibt es keine Grenze. Fremde werden als Beute betrachtet. Jenseits der natürlichen Grenzen gilt jedes von Fremden bewohnte Gebiet als Jagdgrund. Jedes Jahr brechen Scharen junger Männer auf, um es zu durchstreifen und den Feind auszurauben. Die Beute: Schmuck, Waffen, Vieh, Männer, Kinder und Frauen. Gefangene erbringen Lösegeld, andernfalls bleiben sie Eigentum der Entführer. Krieg ist Quelle der Sklaverei und – eine wichtige These – Krieg bildet die Grundlage regelmäßiger wirtschaftlicher Aktivitäten von erheblicher Bedeutung.

Die Feindschaft zwischen Volksstämmen hat regelmäßigen friedlichen Transfer von Reichtümern zur Folge. Tribut ist nichts anderes, als geregeltes Beutemachen zugunsten eines Stammes, der so vom Plündern abgehalten wird. Friedensschlüsse werden mit gegenseitigen Gaben gepflegt. Statt wechselnder Angriffe kommt es zum geregelten Kreislauf gegenseitiger Gaben. Das Geben ist das Gegengewicht zum Nehmen.

Der Anführer verteilt die Beute unter seinen Waffengefährten und opfert den unsichtbaren Mächten. Freigebigkeit ist Bedingung der Macht, die die Götter den Kriegsherrn verleihen. Trotz unsicherer Lage schenken und opfern die Menschen. Eine Vielzahl von geistigen und nicht materiellen Bedürfnissen bestimmt das Wirtschaften. Die Einhaltung bestimmter Riten impliziert scheinbar sinnlose Zerstörung von Reichtümern. Duby bezieht Mauss‘ Gabe[1] auf diese frühmittelalterliche, vorkapitalistische Zeit.

Die Großen des Königreichs müssen mit vollen Händen an den Hof kommen. Ihre regelmäßigen Geschenke stellen ihre Freundschaft und Ergebenheit zur Schau. Und sie bedeuten mehr. Kein Reicher kann Bittstellern die Tür verschließen, keiner kann Hungrige fortschicken, keiner kann Schutz verweigern. Auf die Weise wird ein Großteil der zusammenfließenden Güter unter jenen ver­teilt, die sie gebracht haben. Über den Umweg der herrschaftlichen Freigebigkeit verwirklicht die Gesellschaft Gerechtigkeit und hebt ärgste Not auf. Das Ansehen der Fürsten hängt von ihrer Großzügigkeit ab. Sie rauben, um freigebiger zu schenken. Auf den Hauptver­sammlungen treten sie in einen Wettbewerb der Freigebigkeit. So wird jede Zusammenkunft im Hause des Herrschers zum Höhepunkt eines Tauschsystems, das sich ins ganze Sozialgefüge verzweigt und den König zur regulativen Kraft macht. Gleichzeitig häuft der König den meisten Reichtum an. Er braucht eine Reserve, aus der er schöpfen kann.

Der Schatz des Königs, der durch Geschenke an Kirchen, an adlige Getreue oder an andere Könige ständig schrumpft und durch Gaben und Plünderungen immer wiederaufgefüllt werden muss, bildet die Grundlage der königlichen Macht. Er vereint das Kostbarste, was die materielle Welt birgt: Silber, Gold und Edelsteine – die Herrlichkeiten. Er muss bei Zeremonien gezeigt werden. Die Herrscher müssen von allen Seiten mit Schmuck umgeben sein wie mit einem Strahlenkranz.

Das Volk bezieht seinen Ruhm aus des Königs Reichtümern. Sie sind so verarbeitet, dass sie das Auge erfreuen. Werkstätten mit den besten Handwerkern gehören zur königlichen Schatzkammer – vor allem Goldschmiede. Sie bereichern das Rohmaterial um den unschätzbaren Wert ihrer Arbeit. Höfe sind Brennpunkte feinster Handwerkertechnik. Diese Pracht steht im Gegensatz zum Elend des ausgehungerten, unterdrückten, niedergehaltenen Bauernstandes, dessen Arbeit den Luxus an den Höfen ermöglicht.

Man darf nicht glauben, der Luxus wäre allein den Königen und den Großen vorbehalten gewesen. In jener Welt der Armut kennen selbst die bescheidensten Menschen Feste, bei denen regelmäßig das Gefühl der Verbundenheit belebt und das Wohlwollen der unsichtbaren Kräfte durch eine gemeinsame, kurzlebige und fröhliche Zerstörung von Gütern inmitten der Entbehrung erzwungen werden soll.

Selbst in ärmsten Gräbern wurden Gegenstände entdeckt, traurige Nachahmungen derer, mit denen die Leichen der Könige geschmückt wurden. Im Germanien des 7. Jh. produzierten wandernde Goldschmiede und Schmelzer für die Bauern Spangen und Gürtelschließen aus Bronze, deren Dekor die künstlerischen Motive der Königs- und Aristokratenschätze unters Volk brachte.

Aberglaube und Furcht vor dem Unsichtbaren spielen eine wichtige Rolle. Überall lauern übernatür­liche Kräfte, denen man durch Verbote begegnet, durch weihevolle Handlungen und Opfergaben. Die haben großen Einfluss auf das, was man heute Wirtschaftsbe­wegungen nennt.

Die Verehrung von Bäumen und Wäldern errichtet Tabus, die abhalten, den Nährboden auszudehnen, obwohl es an hungrigen Bäuchen nicht mangelt. Das Christentum braucht lange, um den Aberglauben auszurotten. Noch im 11. Jh. verurteilt der Bischof von Worms das Fortbestehen. Die religiösen Vorstellungen zwingen zu notwendigen Opfern. Sie werden Kräften dargebracht, deren Grenzen niemand kennt.

Fromme Schenkungen verursachen – im Gegensatz zu den weltlichen – einen entscheidenden Verlust, der auf Kosten der Produktion und des Verbrauchs geht, da sie nicht – wie Geschenke an Herren und Könige durch Verteilung ausgeglichen werden. Sie stellen echte Opfer dar: Vieh, Pferde, gar Menschenopfer – jüngeren Ausgrabungen zufolge an den äußersten Grenzen der christianisierten Provin­zen noch im 10. Jh. Eine große Anzahl der Opfergaben wird den Toten dargebracht, die man folglich – zumal in einem „Wirtschaftssystem“, das weit in das Übernatürliche hineinreicht – als wichtige Verbrauchergruppe betrachten muss. Der Verstorbene nimmt neben den Nahrungsvorräten sein persönliches Eigentum mit ins Grab: Schmuck, Rüstung, Werkzeuge, eine ganze Ausstattung, um die der Haushalt der Überlebenden schlagartig ärmer wird. Geschenke der Angehörigen kommen hinzu. Die Übergriffe auf den Besitz der Lebenden wirken sich einschneidend aus. Keine Investition könnte unproduktiver sein. Dennoch ist dies die einzige Investition, die die sehr arme Gesellschaft in großem Umfang betreibt. Die Christianisierung lässt die Gräber allmählich leerer werden. Das ist – so Duby – möglicherweise der unmittelbarste und wichtigste Beitrag des Christentums zur ökonomischen Entwicklung. Der Prozess geht langsam voran. Noch die karolingischen Kapitularien setzen den Kampf gegen die Totengaben fort.

Die aufwendigen heidnischen Gepflogenheiten werden ersetzt. Nun fordert die Kirche den Totenanteil. Nun werden die Schätze in den heiligen Stätten des Christentums gehortet. Langsam bilden sich Schätze um Altäre und Heiligenreliquien. Tabus schützen vor Plünderungen.

Überlieferungen vermitteln das Entsetzen der Christenheit, als heidnische Wikinger diese Tabus verletzend über Gold und Silber in den Sakristeien herfallen. Alles, was an Goldgeschmeide aus jener Zeit erhalten ist und nicht in Gräbern gefunden wurde, stammt aus diesen Schätzen. Die Christianisierung verändert radikal den Totenkult des Hortens. Was vorher verloren blieb, wird so fruchtbar. Die Christenheit sammelt im Laufe dieser dunklen Jahrhunderte die Vorräte an Edelmetallen, die nach dem Jahr 1000 ein Auferstehen der Geldwirtschaft – so Duby – ermöglichen.

In die christlichen Bräuche schleicht sich der Aberglaube ein, der die Opferung irdischer Güter zum sichersten Mittel erklärt, um göttliche Gunst zu erwerben und sich von Sünden zu reinigen. Mit Opfergaben erkauft man Gottes Vergebung, wie man sich mit Bußgeldern den Frieden im Weltlichen erkauft.

Geopferte Güter werden nicht mehr zerstört, verbrannt, vernichtet. Sie werden Fürbetern – einem besonderen Amt – überlassen. So bildet sich mit dem Christentum eine Gruppe von Spezialisten heraus, die sich weder an Landarbeit noch an militärischen Aktionen beteiligen und doch einen der wichtigsten Bereiche des Wirtschaftssystems darstellen. Sie produzieren nichts. Sie leben von den Abgaben anderer. Im Austausch liefern sie Gebete und heilige Handlungen für die Gemeinschaft. Die rituellen Gaben und Opfer zur Ehre der göttlichen Macht vermehrt den Grundbesitz der gut versorgten Müßiggänger laufend – durch eine Flut von Landschenkungen an die Kirche. Alle damaligen Haushalte – die der Könige und der Mönche ebenso wie die der ärmsten Bauern – sind bemüht, sich selbst zu versorgen und die wesentlichen Konsumgüter aus dem eigenen Land zu gewinnen.

Gleichzeitig ist die Gesellschaft von einem verzweigten und verflochtenen Netz zirkulierender Güter und Dienstleistungen durchzogen, Folgeerscheinung der notwendigen Freigebigkeit. Freigebigkeit der Abhängigen gegenüber dem Schutzherren, der Eltern der Braut, der Freunde dem Gastgeber eines Festes, der Großen gegenüber dem König und umgekehrt, der Freigebigkeit der Reichen gegenüber den Armen sowie aller Menschen gegenüber den Toten und gegenüber Gott. Hierbei handelt es sich um eine unendliche Zahl von Tauschakten, aber noch lange nicht um Tauschhandel im eigentlichen Sinn.

Der Bleiverkehr im Gallien des 9. Jahrhunderts, das es von den britischen Inseln einführt, gibt Beispiele dafür: Abt Einhard aus Seligenstadt bezahlt eine große Summe Münzgeld. Lupus von Ferrières verspricht, für den gebenden König zu beten. Papst Hadrian bekommt von Karl dem Großen Tausend Pfund Blei geschenkt. Daran ist weder ein Kaufmann beteiligt noch gibt es eine Bezahlung. Trotzdem zirkuliert dieses seltene Produkt und sogar über große Entfernungen. Ähnlich verhält es sich mit Gewürzen im Austausch gegen großzügige Geschenke.

Da sie kaum Handelsspuren im heutigen Sinne entdecken können, haben die Wirtschaftshistoriker dem Europa des Frühmittelalters eine Selbstbe­schränkung zugeschrieben, die den Tatsachen nicht gerecht wird. Andere halten Tauschgeschäfte für kommerziell, die gar nicht kommerziell sind.

Für Duby bedeutet die Expansion des Handels die allmählich fortschreitende und unvollständig bleibende Eingliederung einer auf Plünderung, Schenkung und Freigebigkeit beruhenden Wirtschaft in den Rahmen einer aufkommenden Geldzirkulation.

Mein Fazit aus Dubys Darstellung:

  1. Das „wirtschaftliche Handeln“ im Frühmittelalter entspricht nicht dem, was heute unter Wirtschaft verstanden wird. Herrschaftsverhältnisse, Religion und andere gesellschaftliche Aspekte vermischen sich völlig mit Wirtschaft. Im Sinne Luhmanns ist diese „Wirtschaft“ kein eigenes System. Karl Polanyi spricht in The Great Transformation von der Einbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft. Daraus folgt: Eine eigenständige Wirtschaft gibt es im Frühmittelalter nicht.
  2. Den Tausch gibt es einerseits. Tausch entsteht durch Gaben und Gegengaben. – Den Tauschhandel oder Warentausch W-W, aus dem sich dann angeblich W-G-W entwickelt haben soll, gibt es allerdings nicht. Wichtig: Es ist vor allem kein Äquivalententausch.
  3. Da es zuvor – in der Antike – Geld[2] gegeben haben soll und nun nach der Völkerwanderung eine geldlose Zeit angebrochen ist, stellt sich die Frage, welche Rolle das Geld spielt. In Dubys Text kommt Geld als Lösegeld, Bußgeld und Opfergeld vor. Das sehen manche als Warentausch. Für Bourdieu z.B. liegt der Unterschied zwischen Gaben- und Warentausch ausschließlich in der zeitlichen Verzögerung[3]. Duby dagegen sieht die vorkommenden Geldformen als das Gegenteil von Geld im Warentausch an: Geld als Opfer, als Tribut, als Zollen von Achtung. Für Duby ist der Gabentausch kein Warentausch.
  4. Duby macht die Thesen von Marcel Mauss (Die Gabe, dt. 1968) im europäischen Frühmittelalter – und nicht wie Mauss in fremden Kulturen – fest. In dieser vorkapitalistischen Gesellschaft spielen Individuen keine Rolle, stattdessen Kollektive. Untereinander gibt es gar keinen Tausch. Der findet mit Feinden und Fremden statt und orientiert sich  nicht am Wert im Marxschen Sinne (Arbeitszeit als Maß für Wert)[4].
  5. Die Kategorien, die Wirtschaften unter kapitalistischem Vorzeichen ausmachen (Markt, Geld, Ware, Wert, abstrakte Arbeit), sind in dieser vorkapitalistischen Gesellschaft nicht vorhanden. Eine Vorzeitökonomie als solche gibt es nicht (siehe 1).   

    Unter Ontologisieren des Geldes versteht man die Annahme, Geld habe es schon immer bzw. seit sehr langer Zeit gegeben[5]. Dabei wird die Funktion des heutigen Geldes den damaligen Geldformen – dem Opfergeld, dem Lösegeld, dem Bußgeld – retrospektiv übergestülpt. Gegen diese Vorgehensweise wenden sich die Annales-Historiker. LeGoff benutzt dafür den Begriff Anachronismus.

[1] Marcel Mauss, Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, München 1975, S. 15/16: „In den Wirtschafts- und Rechtsordnungen, die den unseren vorausgegangen sind, begegnet man fast niemals dem einfachen Austausch von Gütern, Reichtümern und Produkten im Rahmen eines zwischen Individuen abgeschlossenen Handels. Zunächst einmal sind es nicht Individuen, sondern Kollektive, die sich gegenseitig verpflichten, die austauschen und kontrahieren … Zum anderen handelt es sich bei dem, was ausgetauscht wird, nicht ausschließlich um Güter und Reichtümer, bewegliche und unbewegliche Habe, wirtschaftlich nützliche Dinge. Es sind vor allem Höflichkeiten, Festessen, Rituale, Militärdienste, Frauen, Kinder, Tanz, Feste, Märkte, bei denen der Handel nur ein Moment … eines weit allgemeineren und weit beständigeren Vertrags ist. Schließlich vollziehen sich diese Leistungen und Gegenleistungen in einer eher freiwilligen Form, durch Geschenke und Gaben, obwohl sie im Grunde streng obligatorisch sind, bei Strafe des privaten oder öffentlichen Kriegs.“

[2] Wobei unklar ist, ob dieses Geld dem heutigen entspricht.

[3] Das kritisiert David Graeber. Bourdieu sehe diese Formen als Warentausch an („Aktuelle Strömungen in der Tauschtheorie“, in: Graeber, Die falsche Münze unserer Träume, 2012).

[4] Ein Aspekt, den Eske Bockelmann in Geld. Was es ist, das dich beherrscht (2020) ganz anders sieht.

[5] etwa Heinsohn/Steiger (2004): Eigentum, Zins und Geld. Rätsel der Wirtschaftswissenschaft, aber auch in Kinderbüchern wie Was ist Was Geld. Vom Tauschhandel zum Bitcoin, Bd. 78 (2017)oder in Sparkassen-Informationen für den Wirtschaftsunterricht der 70er Jahre wie Claus C. Grupp, Geld zu jeder Zeit. Geschichten vom Geld am Rande der Geschichte (ca. 1970, keine ISBN)

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