Sackgassen

Geeignete Container zur finanziellen Entsorgung stehen überall bereitDer folgende Text entstand als Diskussionsbeitrag für die demnächst erscheinende Oya Nr. 3, in der es ums „anders Wirtschaften“ gehen wird.

Auf dem Weg in eine andere Gesellschaft können sich vermeintliche „erste Schritte“ leicht als Sackgassen erweisen. Will man auf dem Mond landen, nutzt es einem gar nichts, dafür erst einmal auf einen Baum zu klettern, auch wenn dieser Schritt einen dem Mond minimal näher bringt. Das erklärt die Erfolglosigkeit vieler Ansätze, die vermeintlich in „die richtige Richtung“ gehen, aber zu mutlos sind, um einen wirklichen Unterschied zu machen.

Beispielsweise Ansätze zur Geldreform: diese Ansätze basieren auf der Annahme, dass es möglich sein müsste, ein Geldsystem einzurichten, das die negativen Eigenschaften des kapitalistischen Geldes vermeidet. Hergeleitet wird das von der historischen Tatsache, dass es in viele Gesellschaften Geld gab, ohne dass diese Gesellschaften kapitalistisch waren – allerdings wird dabei verkannt, dass in nichtkapitalistischen Gesellschaften Geld immer nur eine untergeordnete Rolle spielte. 90% der notwendigen Dinge wurden auf andere Weise hergestellt und aufgeteilt, beispielsweise in Subsistenzproduktion oder in direkten Abhängigkeitsverhältnissen (z.B. zwischen Feudalherren und leibeigenen Bauern).

Wo ein Großteil der notwendigen Dinge in geldvermittelter Produktion hergestellt wird, wird die Geldvermehrung – das Verwandeln von Geld in mehr Geld – notwendigerweise zum beherrschenden Zweck der Produktion, und es entsteht die Gesellschaftsform, in der sich alles um die Geldvermehrung dreht: Kapitalismus. Historisch gab es (mit eventueller Ausnahme der gescheiterten staatssozialistischen Experimente, die aber wohl von praktisch niemand mehr als anzustrebende Alternative angesehen werden), keine Gesellschaften, in denen die Produktion primär über Geld vermittelt wurde, die aber nicht kapitalistisch waren; theoretisch lässt sich zeigen (z.B. mit Karl Marx), dass solche Gesellschaften tatsächlich unmöglich sind.

Eine bloße Geldreform verfehlt deshalb das Problem. Um den Kapitalismus und seine negativen Konsequenzen in den Griff zu bekommen, ist es notwendig, die Geldverwendung Schritt für Schritt zurückzudrängen – darauf hinzuarbeiten, dass in immer mehr Bereichen die Produktion und Verteilung der Güter ohne Geld und ohne Tausch erfolgt, so wie es in einigen Bereichen (z.B. bei Freier Software) heute schon der Fall ist.

Ebenso oberflächlich wie Geldreform sind Idealisierungen eines „geldlosen Tausches“, wie sie etwa in Tauschringen verbreitet sind. Geld ist, wie Marx demonstriert, das „allgemeine Äquivalent“, das allgemeine Tauschmittel, das das Tauschen effizient und im großem Stil überhaupt erst möglich macht. Geldloser Äquivalententausch ist daher nur eine primitive Form des geldvermittelten Austausches; kein Schritt nach vorne, sondern einer zurück.

Die Herausforderung ist also, das Problem an der Wurzel zu packen – das Geld und das Tauschen allgemein überflüssig zu machen, statt nur seine Symptome zu bekämpfen oder Oberflächenphänomene verändern zu wollen.

Ganz ohne Geld kann man heute nicht überleben, und jedes Alternativprojekt wird für bestimmte Dinge Geld ausgeben müssen. Man muss also seine Kosten decken, aber das heißt noch nicht, dass man sich die Geldlogik zu eigen machen muss, dass man das Geldverdienen zum Ziel der eigenen Tätigkeit machen muss. Erfolgreiche Projekte trennen vielmehr die interne Logik der Kooperation und der freiwilligen Beiträge von der externen Logik des Marktes. Projekte wie die Wikipedia und Hackerspaces decken ihre Kosten über Spenden oder über die freiwillige Mitgliedschaft in einem Förderverein; sie verkaufen nichts und vermeiden es so, sich in der Geldlogik, der Notwendigkeit, Geld zu verdienen oder zu vermehren, zu verheddern.

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