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Facette jeder möglichen Zukunft: der Klimawandel

Autos unter Wasser – Bild von Michael Pinsky, Lizenz: CC BY(Voriger Artikel: Zukunftsperspektive: Autoritär-chauvinistischer Kapitalismus)

Bei jeder Betrachtung möglicher Zukünfte muss man den ökologischen Rahmen mitbedenken, in dem sie sich abspielen. Dieser Rahmen ist dabei nicht unabhängig von den Gesellschaften, die sich in ihm bewegen – mit dem menschengemachten Klimawandel beweist die Menschheit heute schon, dass sie das irdische Ökosystem in beträchtlichem Umfang beeinflussen kann. Auch frühere gravierende Veränderung – wie die Gestaltung des europäischen Landschaftsbilds, das wir heute als „natürlich“ empfinden, und wahrscheinlich das Aussterben großer Teile der einst existierenden Megafauna (Großtiere) – sind menschengemacht. Insofern ist der Effekt einer möglichen Zukunft auf das irdische Ökosystem selbst als Teil dieser Zukunftsperspektive zu diskutieren (und ich habe bei der Erörterung der möglichen kapitalistischen Zukünfte ja auch schon erwähnt, dass diese dem Klimawandel vermutlich wenig entgegen setzen werden).

Die Umkehrung gilt jedoch auch, so wird die Menschheit auf absehbare Zeit die Begrenztheiten des irdischen Ökosystems und der auf der Erde verfügbaren Ressourcen akzeptieren müssen – so lange jedenfalls, wie nicht Menschen in großem Stil in den Weltraum auswandern oder lernen, außerirdische Ressourcenquellen (wie den Mond, andere Planeten, Asteroiden oder Meteoroiden) auszubeuten.

Gleichzeitig ist jede Zeit von der Vergangenheit abhängig, was auch heißt: Jede mögliche mittel- bis langfristige Zukunft ist abhängig von menschlichen Verhaltensweisen der Vergangenheit, der Gegenwart sowie der absehbaren kurzfristigen Zukunft. Relevant ist das für allem in Hinblick auf den Klimawandel, da hier die Effekte menschlichen Handeln langfristige Wirkungen zeigen, die zum Teil erst Jahrhunderte später ihr volles Ausmaß erreichen werden. Dabei würde ich davon ausgehen, dass es absehbar ist, dass der Kapitalismus nicht innerhalb der nächsten paar Jahrzehnte unerwartet und weltweit absterben wird und dass, solange er dominiert, die bisherige Praxis eines weitgehenden „Weiter so“ mit bestenfalls halbherzigen Gegenmaßnahmen zumindest noch jahrzehntelang weiter gehen wird.

Der Bericht des IPCC

In seinem letzten Bericht (IPCC 2014) hat der „Weltklimarat“ IPCC vier Szenarien für die künftigen CO2-Emissionen und die absehbaren Folgen auf das Klima durchgerechnet. Da ich aus den genannten Gründen keine effektives Umsteuern der Klimapolitik in den nächsten paar Jahren erwarte, halte ich vor allem die beiden höheren dieser Szenarien für relevant. Das höchste Szenario – RCP8.5 – rechnet mit einem praktisch ungebremsten Anstieg der Emissionen bis Ende des Jahrhunderts gemäß den bisherigen Trends; das zweithöchste – RCP6.0 – geht davon aus, dass der Anstieg zwar deutlich abgebremst wird, aber doch weitergeht, und dass erst um das Jahr 2080 herum ein effektives Schrumpfen der CO2-Emissionen erreicht wird. Gemäß dieser Szenarien dürfte die globale Durchschnittstemperatur bis Ende des 21. Jahrhunderts um weitere 1,5 bis 5 °C (Untergrenze des zweiten bis Obergrenze des höchsten Modells) im Vergleich zur Durchschnittstemperatur um das Jahr 2000 ansteigen – wobei zu beachten ist, dass sie zwischen 1880 und 2012 bereits um knapp 1 °C gestiegen ist. Hitzewellen werden häufiger auftreten und länger andauern. In manchen Regionen, insbesondere in den Tropen, werden extreme Regenfälle häufiger und intensiver werden. Die Meere werden weiter versauern – der Säuregrad dürfte um etwa 60 Prozent zunehmen (ebd., 2, 8, 10–12).

Manche Tier- und Pflanzenarten werden aussterben, weil sie sich weder rasch genug an lokale Klimaveränderungen anpassen noch in klimatisch besser passende Regionen ausweichen können. Korallenriffe und andere Meeresbewohner werden unter der Versauerung leiden. Die Lebensmittelversorgung wird schwieriger – die Fischerei wird weniger produktiv und der Anbau der wichtigsten Grundnahrungsmittel (Weizen, Reis und Mais) wird in vielen Regionen schwieriger und weniger ertragreich. Verfügbare Wasserquellen (Oberflächen- und Grundwasser) werden zurückgehen. Im Ergebnis dürfte die Ernährungssicherung abnehmen und das Risiko von Versorgungsengpässen und Hungersnöten dürfte steigen (ebd., 16).

Vor allem in Entwicklungsländern – die oft in warmen Regionen liegen und kein gut ausgebautes Gesundheitswesen haben – wird die Gesundheit vieler Menschen unter dem Temperaturanstieg leiden. In vielen, vor allem auch in dicht besiedelten städtischen Regionen werden Hitzewellen, Stürme und Sturmfluten, extreme Regenfälle und dadurch ausgelöste Erdrutsche häufiger als heute auftreten. Aber auch Trockenheit, Wassermangel und Luftverschmutzung werden vielerorts zunehmen. Im höchsten Szenario werden Aktivitäten im Freien in manchen Regionen aufgrund von hohen Temperatur und hoher Luftfeuchtigkeit bis zum Jahr 2100 deutlich erschwert oder gar – ohne aufwendige Schutzkleidung – praktisch unmöglich. Manche Menschen werden ihre Heimat verlassen und sich neue Wohnorte suchen müssen, was das Risiko von Konflikten erhöht, falls sie anderswo nicht mit offenen Armen aufgenommen werden (ebd., 15f.).

Die steigenden Temperaturen führen zudem dazu, dass Hurrikans und Taifune stärker und gefährlicher werden: Wärmeres Wasser gibt Stürmen mehr Windenergie und wärmere Luft speichert mehr Wasser, wodurch die Regenmenge steigt. Gleichzeitig verursacht der Klimawandel Stockungen der Höhenwinde (Jetstream), wodurch die Wirbelstürme langsamer übers Land ziehen, was das Risiko von Überschwemmungen vergrößert, weil mehr Regen am selben Ort herunterkommt. Diese Effekte sind heute schon statistisch nachweisbar, werden aber in Zukunft noch zunehmen.

Das Steigen des Meeresspiegels

Auch nach dem Jahr 2100 wird die höhere Durchschnittstemperatur noch jahrhundertelang mindestens konstant bleiben (auch ganz ohne weitere CO2-Emissionen), sofern es nicht gelingt, große Mengen von CO2 wieder aus der Atmosphäre zu entfernen. Und auch nach einer Stabilisierung der Durchschnittstemperatur werden Veränderungen wie ein weiterer Anstieg des Meeresspiegels und eine weitere Erwärmung sowie Versauerung der Ozeane noch Jahrhunderte lang mit zum Teil gravierenden Folgen weiter gehen. Ab einer Erderwärmung von 1 bis 4 °C (der genaue Wert ist unsicher) über den heutigen Wert hinaus wird das Grönlandeis komplett abschmelzen – ein unaufhaltsamer Vorgang, der länger als tausend Jahre dauern könnte und einem Anstieg des Meeresspiegels von über sieben Metern zur Folge hätte. Eine neue Studie geht sogar von einer kompletten Schmelze des Grönlandeises ab einem Temperaturanstieg von 1,6 °C (Unsicherheitsbereich: 0,8 bis 3,2 °C) über das vorindustrielle Niveau aus (Singh und Singh 2013, 45) – ein Anstieg, der höchstwahrscheinlich erreicht werden wird, da schon das äußerst optimistische Übereinkommen von Paris einen praktisch identischen Anstieg von 1,5 °C über das vorindustrielle Niveau akzeptiert.

Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Schmelze schon in vollem Gange ist und Grönland in den letzten Jahren im Durchschnitt 232 Gigatonnen Eis eingebüßt hat. Manche Wissenschaftlerinnen befürchten, dass der „point of no return“, ab dem ein komplettes Abschmelzen über die kommenden Jahrhunderte unvermeidlich wird, schon heute überschritten ist. Auch wenn das unsicher ist, kann man definitiv davon ausgehen, dass es dazu kommen wird, da ein drastisches Herunterfahren der CO2-Emissionen in den nächsten paar Jahrzehnten nicht zu erwarten ist.

Der IPCC-Bericht weist zudem auf das Risiko hin, dass auch das Eis der Antarktis teilweise schmelzen könnte, was einen weiteren gravierenden Anstieg des Meeresspiegels zur Folge hätte, macht jedoch weder zur Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios noch zu den erwartbaren Folgen Angaben (IPCC 2014, 16). Eine neuere Studie (DeConto und Pollard 2016) zeigt jedoch, das im höchsten Szenarios (RCP8.5) das resultierende Abschmelzen des Antarktiseises einen Meeresspiegelanstieg um mehr als ein Meter bis zum Jahr 2100 und um mehr als 15 Meter (!) bis zum Jahr 2500 bewirken wird. Auch danach wird das Abschmelzen (auch ganz ohne weitere CO2-Emissionen) noch jahrhundertelang weitergehen, bis bei über 20 Metern Anstieg das Maximum erreicht ist. Die Effekte der Grönlandeisschmelze sind hier nicht eingerechnet und kämen noch hinzu – beides zusammen dürfte also ein langfristiges Ansteigen des Meeresspiegels um mindestens 27 Meter zur Folge haben.

Selbst im meiner Einschätzung nach viel zu optimistischen RCP4.5-Szenarien (dem zweitbesten der IPCC-Szenarien) kommt es zu einem teilweisen Abschmelzen der Antarktis und in Folge zu einem Meeresspiegelanstieg von zwar nur 30 Zentimetern bis 2100, aber vollen fünf Metern bis 2500.

Was das absehbare langfristige Ansteigen des Meeresspiegels um mindestens 27 Meter bedeuten wird, kann man sich unter floodmap.net ansehen. Große Teile vieler Küstenregionen und manchmal auch der dahinter liegenden Landstriche werden im Meer versinken, darunter halb Dänemark, fast die kompletten Niederlande und alle norddeutschen Küstenstädte. Bangladesh (eines der bevölkerungsreichsten Länder der Welt) wird nahezu komplett verschwinden, ebenso die benachbarte indische Küstenregion einschließlich der Millionenstadt Kalkutta. Die größten Städte Südostasiens – Bangkok, Hanoi, Ho-Chi-Minh-Stadt, Phnom Penh, Rangun – werden den Fluten zum Opfer fallen und ebenso einige der größten und wichtigsten chinesischen Städte (u.a. Hongkong, Shanghai und Shenzhen). Überschwemmt werden auch große Teile der japanischen Hauptstadt Tokio sowie von Kairo und Lagos, den beiden größten afrikanischen Städten. In Nord- und Südamerika wird insbesondere die Ostküste betroffen sein – verschwinden werden etwa große Teile von New York City, Boston und Houston, ganz New Orleans und die komplette Südspitze Floridas einschließlich Miami, ebenso große Teile von Rio de Janeiro und ganz Buenos Aires.

Ab einem gewissen Punkt wird dieser gewaltigen Anstieg des Meeresspiegels unabhängig von CO2-Gehalt der Atmosphäre und vom globalen Temperaturniveau weitergehen, aufgrund lokaler Feedbackmechanismen: Bei schrumpfender Eisdecke wird mehr Sonnenstrahlung absorbiert, wodurch die lokale Temperatur steigt; zudem sind die verbleibenden Eisschichten weniger hoch gelegen, weshalb es um sie herum wärmer ist (Singh und Singh 2013, 45f.).

Sollte die Menschheit alle fossilen Energieträger (Öl, Gas und Kohle), die noch im Boden sind, verbrennen, würde der Meerespegel sogar noch deutlich stärker ansteigen, um über 60 Meter. Dieser Prozess würde sich über mehr als 1000 Jahre hinziehen – lange gemäß menschlichen Zeitmaßstäben, aber sehr schnell gemäß geologischer Zeitrechnung. Dann würden auch Berlin und große Teile Norddeutschlands im Meer versinken.

Während 1000 Jahre eine lange Zeit sind, wird es schon sehr viel früher ungemütlich. Sofern die CO2-Emissionen in naher Zukunft nicht drastisch reduziert werden (wonach es nicht aussieht), dürften die Ozeane bis Ende dieses Jahrhunderts bereits um mindestens 1,80 Meter ansteigen – wobei schon ein Anstieg um ein Meter bedeutet, dass mehr als 100 Millionen Menschen weltweit ihr Zuhause verlieren. Das werden viel der heutigen Kinder noch erleben.

Neben der großen Eismassen der Antarktis und Grönlands kommen auch die Gletscher in Gebirgen in aller Welt ins Schmelzen. Das führt nicht zur zu einem zusätzlichen Anstieg des Meeresspiegels (der in all diesen Modellrechnungen nicht eingerechnet ist), sondern bedroht auch die Frischwasserversorgung in diversen Regionen.

Das Tauen der Permafrostböden

Weiter verstärkt wird der Klimawandel durch das von ihm ausgelöste allmähliche Auftauen der Permafrostböden im hohen Norden. Diese binden nämlich 1,8 Billion Tonnen Kohlenstoff – mehr als doppelt so viel als die derzeit in der Erdatmosphäre befindliche Menge. Sollte all dieser Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangen, würde sich deren CO2-Gehalt von derzeit etwa 407 ppm auf mehr als 1200 ppm verdreifachen – eine dramatische Veränderung, bedenkt man, dass schon der bisherige Anstieg um etwa 125 ppm gegenüber vorindustriellen Zeiten eine Steigerung der globalen Durchschnittstemperatur um gut ein Grad zur Folge hatte.

Eine neue Studie geht davon aus, dass schon bei einem Temperaturanstieg um 1,5 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau – zu dem nicht mehr viel fehlt – im Lauf der kommenden knapp 300 Jahre bis zu 500 Millionen Tonnen Kohlenstoff aus auftauenden Permafrostböden freigesetzt werden, wodurch die Temperatur um weitere 1,7 °C ansteigen würde. Das würde natürlich ein weiteres Tauen der verbleibenden Permafrostböden zur Folge haben, was die Erderwärmung nochmal verstärken würde – ein Teufelskreis, der auch bei einem kompletten Abstellen der menschengemachten CO2-Emissionen weitergehen würde. Die Unsicherheit ist dabei groß – im besten Fall werden nur 70 Millionen Tonnen Kohlenstoff freigesetzt und der zusätzliche Temperaturanstieg beträgt lediglich 0,13 °C. Klar ist aber in jedem Fall, dass das Auftauen der Permafrostböden einerseits Folge des Klimawandels ist, diesen andererseits aber noch verstärken werden – und dieser Effekt ist in den bisherigen Modellrechnungen noch nicht enthalten.

Gleichzeitig schafft das Auftauen der Permafrostböden unmittelbare Probleme für die Menschen, die auf diesen Böden leben, weil ihnen dadurch buchstäblich die Fundamente entzogen werden – Häuser bekommen Risse oder stürzen ein, Straßen verwandeln sich in Achterbahnen. Das passiert bereits, da die Permafrostschmelze schon begonnen hat.

Eine unvermeidliche Konsequenz des Klimawandels ist zumindest klar: Es wird ungemütlicher. Ein beträchtlicher Teil der Menschheit dürfte sich in den kommenden Jahrhunderten ein neues Zuhause suchen müssen. Auch in Regionen, denen keine Überflutung droht, werden die Zerstörungen durch extreme Wetterlage zunehmen und Aktivitäten wie Landwirtschaft, die einigermaßen verlässliche Wetterverhältnisse brauchen, werden schwieriger. In manchen Regionen werden Menschen nur noch in klimatisierten Wohnungen leben und ihr Zuhause ohne Schutzkleidung kaum noch verlassen können – die dafür benötigten Ressourcen bereitzustellen wird wiederum ohne fossile Energieträger deutlich schwer.

Was sind neben diesen direkten Folgen die Konsequenzen für mögliche Zukunftsszenarien und für Überwindungsperspektiven des Kapitalismus? Das wird Thema des nächsten Artikels sein.

Literatur

DeConto, Robert M. und David Pollard. 2016. Contribution of Antarctica to Past and Future Sea-Level Rise. Nature 531, Nr. 7596, S. 591–597. https://www.nature.com/articles/nature17145 (kostenpflichtig).

IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change). 2014. Climate Change 2014: Synthesis Report. URL: http://www.ipcc.ch/report/ar5/syr/ (Zugriff: 15.06.2018).

Singh, Bharat Raj und Onkar Singh. 2013. A Study About Realities of Climate Change: Glacier Melting and Growing Crises. IntechOpen. https://www.intechopen.com/books/climate-change-realities-impacts-over-ice-cap-sea-level-and-risks/a-study-about-realities-of-climate-change-glacier-melting-and-growing-crises (Zugriff: 15.06.2018).

Kategorien: Feindbeobachtung, Reichtum & Knappheit, Theorie

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18. Juni 2018, 07:47 Uhr   35 Kommentare

1 Franz Nahrada (18.06.2018, 08:24 Uhr)

Die Art, wie der Diskurs über den Klimawandel geführt wird, mit scheinbar streng wissenschaftlichen „Szenarien“, spiegelt eine Gesellschaft, die nicht nur von der Natur und ihren Kreisläufen getrennt ist, sondern sich selbst nur als zweite, äußere, blindwütige Natur wahrnehmen kann – weil der Wert eben eine solche Naturhaftigkeit und Subjektlosigkeit konstituiert.

Auf der Suche nach Altenativen und Lösungen bin ich auf die erstaunliche Arbeit von Wilhelm Ripl gestoßen, der zeigt, dass ein sehr großer Anteil der planetaren Erwärmung auf die anthropogene Beeinträchtigung des Wasserkreislaufes zurückgeht. Die Art wie wir Landschaft gestalten – das gesamte menschliche Siedlungs- und Landwirtschaftssystem – hat seiner Meinung nach einen entscheidenden Einfluss auf das meteorologische und klimatologische Geschehen. 

Ich zitiere ihn hier mal in größerer Ausführlichkeit, weil diese Theorie nicht nur sehr komplex ist, sondern weil sie auch die gesellschaftlichen Eingriffs- und Synergiepotentiale mit dem planetaren System aufzeigt. Ob Ripl in allen Details recht hat oder ob er einen sachlichen Fehler begeht, das überlasse ich der Diskussion. Aber eines weiß ich sicher: Wenn wir nur passiv etwas reduzieren zu müssen glauben, dann verkennen wir dass die Systemfrage längst eine planetare Gestaltungsfrage geworden ist. Dann reproduzieren wir den Zynismus der Ökologie, die den Menschen als Störfaktor im planetaren Ökosystem sieht, statt als seinen entscheidenden Gestalter. Dann reden und denken wir uns tatsächlich um unsere eigene Existenz.

—-

Zitat Ripl:>
„Die wichtigsten das Klima beeinflussenden Faktoren scheinen mir nicht
die Strahlungsbilanzen zu sein, sondern das Vorhandensein und die
Verteilung der dissipativen Strukturen (z.B. energieverteilende
Organismen und das wichtigste dissipative Medium: verdunstungsfähiges
Wasser). Das wichtigste Kühlmittel auf unserem Planeten ist Wasser, weil
es bereits bei der Verdunstung von einem Liter Wasser ca. 2500kJ
Energie der Umgebung entzieht. Wasser kann verdunsten, aber auch
versickern, wobei es bei der Versickerung die Oberböden auslaugt, Basen
und die löslichen Pflanzennährstoffe über die Flüsse ins Meer
transportiert, während das von der Pflanzendecke aktiv verdunstete
Wasser keine Stoffe in den Böden verändert.

Wenn nun der Bodenwasserspiegel in unseren Breiten während des
Sommers in den ständig leichter werdenden Böden absinkt, werden in
diesen wechselfeuchten Böden durch die eindringende Atmosphäre O2 zur
Oxydation der Humusstoffe und reduzierter Säurebildner wie
Schwefelverbindungen und Ammoniak verwendet und die wichtigsten für die
Pflanzen notwendigen Stoffe bei im Herbst ansteigenden
Bodenwasserspiegeln in den Flüssen abgeführt. Lösliches Material wird
ausgetragen. Studien an einem Stück intaktem Urwald zeigten, dass die
Stofftransporte von zwischen 15 -30 kg /ha und Jahr in den
landwirtschaftlich genutzten Gebieten auf bis zu 1500 kg/ha*a
angestiegen sind.

Wenn nun der Wasserspiegel absinkt, wird auch die
Verdunstungsfähigkeit der Landschaft sowie die tägliche Taubildung und
Kühlung ausfallen. Hochdrucks-Wetterlagen, Gewitter, starke lokale
Tiefdruckgebiete sowie extrem hohe, durch starke Winde kaskadenförmig
herangeführte Niederschläge sind die Folge. Ablandige Winde wärmen die
Meeresoberfläche auf und führen zum Abschmelzen des arktischen Eises.
Die Gebirgsgletscher dagegen werden durch verminderte
Sommerniederschläge in Form von Schnee abschmelzen.

Es kann gezeigt werden dass auch die Frequenz der kurzgeschlossenen
Wasserkreisläufe bei Vorhandensein einer durchgehenden Wald bzw.
Pflanzendecke, und somit der Dissipations- und Kühleffekt ansteigt.

Diese Hypothese zeigt, wenn sie nicht falsifiziert wird, dass die
lokale Siedlungswasser- und Landwirtschaft für die irreversiblen
ökologischen Schäden und die Klimaänderung verantwortlich sind und nach
dem Verursacherprinzip auch die Reparaturmaßnahmen vorzunehmen haben
während zu vermuten ist, dass eine Emissionssteuer weltweit zwar
vielleicht Banken retten kann, aber nicht das Klima.“

https://dvd-wissen.com/produkt/prof-dr-wilhelm-ripl-minimierung-der-klimaanderung-aufgabe-fur-zukunftsfahige-gesellschaften-die-vergessene-bedeutung-des-wasserhaushalts/

2 Herbert Maschke (18.06.2018, 08:27 Uhr)

[…] so lange jedenfalls, wie nicht Menschen in großem Stil in den Weltraum auswandern […]
– eine globale Geburtenkontrolle, die die Anzahl der Menschen konstant bei ca. 300 Millionen hält (das ist ca. der Wert vor Beginn der „Industrialisierung“), und die Resourcen der Erde würden mit heutigem Stand der Technik jedem dieser Individuen ein nachhaltiges und hochwertiges Leben ermöglichen.

3 Franz Nahrada (18.06.2018, 08:38 Uhr)

Herbert Maschke,  diese neomalthusianistische Sichtweise passt wunderbar zu der Weltbetrachtung, die ich in Kommentar 1 beschrieben habe. Haben sie vor, die Menschheit bis auf eine „gesunde“ Population des Planeten auszurotten?

Hätte man statt des schwammigen Begriffes „Nachhaltigkeit“ das von einigen vorgeschlagene Wort „Tragfähigkeit“ benutzt, dann wäre vielleicht klarer geworden, dass von der Art des unvermeidlichen menschlichen Eingriffs in die Natur die Zahl der Menschen abhängt, die ein „nachhaltiges und hochwertiges“ Leben führen können. Diese Zahl ist extrem variabel, und sie willkürlich festzusetzen verrät absolute Unkenntnis über die Gestaltungsmöglichkeiten die wir auf diesem Planeten haben. Die Idiotie, 98% der planetaren Oberfläche tendenziell (durch eine langsame Abwärtspirale und Ausdünnung des ländlichen Raums) von Besiedelung freizuhalten und die Menschen in die Megastädte zu treiben, treibt nicht nur die Klimakatastrophe voran, sondern ist auch so ziemlich eine der ungemütlichsten Zukunftsvorstellungen die es gibt. Und doch findet sie in den Migrationsszenarien der UN einen scheinbar unwidersprechbaren Legitimationsrahmen.

Hier habe ich mehr dazu ausgeführt: http://www.dorfwiki.org/wiki.cgi?FranzNahrada/NeueTexteUndTexteInArbeit/Schubumkehr

4 Herbert Maschke (18.06.2018, 08:54 Uhr)

Es stimmt, es erhitzt die Gemüter verständlicherweise sehr, der erste gedankliche Reflex, den man mit der „Geburtenkontrolle“ verbindet sind häufig genau die, wie denn eine – wie hoch auch immer ermittelte – Zielzahl an Menschen „erreicht“ werden soll. Durch einen Blick in die Geschichte der „Menschheit“, welche doch durch einen Fokus auf die potenzielle Destruktivität durchaus als Aneinanderreihung von Gräueln, Kriegen, weniger und mehr erfolgreichen Genozid-Versuchen gelesen werden /könnte/, erscheint der Gedanke der Geburtenkontrolle zunächst, als wäre er durch einen Geist wahnsinniger Massenmörder entstanden.

Doch das stimmt nicht.
Zunächst ist in dem Grundgedanken der Geburtenkontrolle der „Weg“, die „Methode“ zur Erreichung einer „Soll“-Zahl nicht festgelegt. Es gibt historische Versuche, mit der Chinesischen 1-Kind-Politik als wahrscheinlich populärstes Beispiel; dieses Modell hat deutliche Defizite, an denen man lernen kann. Malthus selbst übrigens, der diesen Gedanken noch in Proto-Form (sollte man schreiben Keimform ? 🙂 ) erbracht hatte, hat ebenfalls viele – sogar banale, arithmetische – Mängel.

Wer sehr tief taucht, ist einem so großen Druck ausgesetzt, dass er langsam auftauchen muss, um nicht zu zerplatzen. Das gilt genau so für die Reduzierung der Menschen-Zahl, welche aus moralischen und ethischen Gründen selbstverständlich durchaus viele, viele Generationen in Anspruch nehmen wird. Das entscheidende ist das /Bewusstsein/ und der /politische Wille/, dass der Planet eben eine Kapazität, oder „Tragfähigkeit“ besitzt; und wird diese überschritten, schadet das dem Planet und der Lebensqualität jedes einzelnen im Schnitt. 

Eine „solche“ Geburtenkontrolle ist jedenfalls ethischer und menschlicher, als die Variante der Geburtenkontrolle, auf die einige wenige verrückte politische Machtträger durch einen potenziellen dritten Weltkrieg aktuell hinsteuern; hoffen wir, dass die Zivilbevölkerung dieses mal den Bellizisten das Handwerk legen kann.

5 Franz Nahrada (18.06.2018, 09:04 Uhr)

Herbert Maschke: Der leider viel zu früh verstorbene Hans Rosling hat drauf hingewiesen dass eine solche Geburtenkontrolle sich selbst einpendelt. In ganz Asien hat sie das schon getan, und China ist zu recht von der Einkindpolitik wieder abgegangen. Die letzte Bastion des Bevölkerungswachstums ist Afrika, und paradoxerweise sind es die kolonialen Verbrechen des Westens die hier nachwirken.

https://www.youtube.com/watch?time_continue=29&v=yS_-HAFDJqg

https://www.horx.com/archiv/schluesseltexte-der-letzten-jahre/nachruf-hans-rosling/

Aber ich würde mich gerne mit Dir fetzen, ob nicht ein tolles nachhaltiges Leben für 12 Milliarden möglich ist !

6 Herbert Maschke (18.06.2018, 09:18 Uhr)

Danke für den Tip, Hans Rosling kenne ich noch nicht, das werde ich mir anschauen.
Mir reicht es völlig aus, wenn wir uns darauf einigen, dass, ganz simpel nach mathematischem Dreisatz, ein unmittelbares, direktes Verhältnis zwischen der durchschnittlichen Lebensqualität und der menschlichen Populationsgröße besteht. Wie diese beiden Variablen auf der festen Größe der „Tragfähigkeit“ des Planeten dann austariert werden, das überlasse ich gerne dem Stand der Technik und der Kunst großer Politiker. Wenn 12 Milliarden passen, dann gerne – aber ich sehe persönlich in Anbetracht der jetzt faktischen fast 8 Milliarden nicht, dass das ohne enorme Einbußen der durchschnittlichen Lebensqualität möglich ist.

Mir ist eine Welt, mit 300 Millionen Menschen, die sämtlich auf dem Niveau eines gebildeten, mit Vollzeit-Einkommen behafteten Einwohner eines Industrie-Staates ist, lieber, als eine Welt mit 12 Milliarden, in der sich gegenseitig im durch Abgase verpesteten Stau auf dem Weg zum Arbeitsamt, damit Sie miteinander um geringe Löhne konkurrieren (müssen), die durchschnittliche Lebenserwartung auf 50 Jahre, und die menschliche Würde auf Dritt-Welt-Niveau, reduziert ist.
Gerne darf es irgendwo zwischen diesen beiden „Extremen“ liegen, aber die Lebensqualität sollte Vorrang vor der Populationsgröße haben; jedem einzelnen zuliebe.

7 Franz Nahrada (18.06.2018, 10:41 Uhr)

OK auf die Debatte freu ich mich. Und auch dass wir doch im Grund dasselbe zu wollen scheinen ….. Als Eröffnung schlag ich John D. Lius gradiosen Kurzfilm „Hoffnung in einem sich wandelnden Klima“ vor.

https://www.youtube.com/watch?v=9YNOOtWbNes

bei der Gelegenheit schau auch hier rein:
https://www.youtube.com/watch?v=_F6gHVYpKAs&t=12s

8 franziska (18.06.2018, 11:22 Uhr)

Ohne Not fetze ich mich ungern; die Frage, ob und wie man 12 Milliarden ernähren KÖNNTE, ist nachrangig verglichen mit der, wieviele Menschen sich wieviel Platz für ihre Lebensform WÜNSCHEN. Das wird sich, glaube ich, aus drei Gründen dramatisch nach unten regulieren:
1. weil man, genau um biologische Gestaltungsmöglichkeiten wahrzunehmen, wird zurück aufs „Land“ (oder Meer) gehen müssen;
2. weil die dort wartenden Entwicklungs- und Entdeckungsaufgaben derart beanspruchend sind, dass SEHR viele Menschen, die sich ihnen widmen, für Familiengründung keine Zeit haben (wobei zugleich die Betreuung des Nachwuchses und die Begleitung seines Auf- und Hineinwachsens in die Erwachsenen-Gesellschaft vermutlich um Grössenordnungen reflektierter und sorgfältiger sein muss als heute);
3. weil alle, die eine Lebensform kennengelernt haben, in der die von Franz angedeuteten biologischen Gestaltungsmöglichkeiten erfolgreich entfaltet werden, nie wieder in einer (Mega)Stadt werden leben wollen.

Der von Ripl angesprochene Wasserhaushalt ist EIN, wenn auch zentraler Aspekt in der Betrachtung der Zusammenhänge zwischen Siedlung, Anbaumethoden und Klimafolgen. Das agrarindustrielle Grundprinzip der „unmittelbaren“ Pflanzenernährung“, das man für die kosten- und schadensträchtigen Nebenfolgen dieser angeblich hochproduktiven Anbauweise verantwortlich machen kann, betrachtet den Boden mehr oder weniger als Haltesubstrat. Ansonsten hat er jede Funktion verloren, dass er TOT ist, zumindest Bodenleben dabei weitgehend abgetötet wird, wird billigend inkaufgenommen, ebenso die Tatsache, dass die Lebensprozesse von Pflanzen auf eine intensive Zusammenarbeit mit dem Bodenleben hin ausgelegt sind, und ohne es quasi als funktionelle Rumpf-Präparate in einer künstlich „gestalteten“ Umgebung existieren, worin biologische Prozesse beinah ausschliesslich stören, und durch (der Absicht nach) optimal steuerbare chemische Prozessführung ersetzt werden.
Es gibt oder besser, gäbe einen dem diametral entgegengestezten Ansatz, man könnte ihm den Namen „ökologisches High Tech“ nennen -und damit ist nicht oder zum allergeringsten Teil, wenn überhaupt, Züchtung (oder Gentechnik) gemeint. Niemand kann heute die CO2-Speicherfähigkeit eines Bodens mit optimal LEBENDER organischer Substanz abschätzen. Allein für die (noch) vorhandene Masse der wichtigsten „toten“ Nebenprodukte der Lebensprozesse von Bodenorganismen, Glomalin (Klebestoff für „Krümel“ und damit Porenbildung) und die „Dauer“-Humus-Verbindungen, gibt es Schätzungen in Höhe der 30fachen Menge des in den Weltmeeren gespeicherten CO2. In der industriellen Landwirtschaft sind 1-2% „organische Bodensubstanz“ schon viel, Werte weit über 5% wären aber möglich. Die Frage, wie der Anbau ÜBER dem Boden aussehen muss, damit IM Boden solche Werte erreicht werden, ist wahrscheinlich eine der Schlüsselfragen im bezug auf die von Franz benannten „Gestaltungsmöglichkeiten“. (Das wiederholt sich bei den Ansätzen zur Förderung und Steigerung der Planktonproduktion in den Meeren.) Die Forschung an diesen Fragestellungen wird derzeit praktisch nur von Aussenseitern und akademischen Nischenbewohnern vorangetrieben. Und das hat einen Grund: Wie immer der Anbau im einzelnen „gestaltet“ werden wird (und es müssen ja garnicht ständig „Nutzpflanzen“, jedenfalls nicht die bekannten, womöglich noch in Monokultur, sein): Er wird auf sorgfältigster Beobachtung lokaler (ua. Nutzpflanzen)Biotope beruhen, und der dabei gewonnenen Erkenntnisse hinsichtlich der Anforderungen, die ihr Erhalt (bei uU extremeren Wetterbedingungen) stellt. In jedem Fall wird man sich diese Art Lebenstätigkeit nicht von Robotern abnehmen lassen; abgesehen davon, dass sie sie nicht erbringen können. Gut möglich, dass ein Grossteil der Problemlösungen im Zusammenhang mit CO2-Reduktion in der biologischen Landwirtschaft gefunden werden.
Edit: Zum Begrünungskonzept in den verlinkten Filmen merke ich an, dass der Wasserhaushalt im Boden nicht in erster Linie durch die Pflanzendecke geregelt wird (so wichtig es ist, dass der Bodne bedeckt ist), sondern natürlich vor allem durch die Bodenstruktur, die die Boden-Lebewesen zusammen mit den sie ernährenden Pflanzen aktiv bauen: Humus zB ist die Wasserspeicher-Substanz schlechthin.

9 Zukunftsperspektive: Autoritär-chauvinistischer Kapitalismus — keimform.de (18.06.2018, 19:58 Uhr)

[…] (Fortsetzung: Facette jeder möglichen Zukunft: der Klimawandel) […]

10 Franz Nahrada (19.06.2018, 07:07 Uhr)

Hallo Franziska,
Die grundsätzliche Übereinstimmung freut mich, irgendwann hat ja sogar mal ein kommunistisches Manifest davon gesprochen, dass der Gegensatz zwischen Stadt und Land aufgehoben gehört, während er unter den bestehenden Herrschafts- und Gesellschaftsverhältnissen ins Absurde verschärft wird. Davon ist von der Linken kaum noch etwas zu hören.

Eine wirkliche planetare Alternative – und um die geht es hier – wird es allerdings nur geben, wenn gezeigt werden kann, dass die Aufhebung dieses Gegensatzes auch tatsächlich einen substantiellen Fortschritt in Bezug auf die Wünsche der großen Mehrheit bringt.

Das fällt sofort in sich zusammen, wenn die Arbeit mit dem Land Mühe und Plackerei bedeutet. Deine Ausführungen deuten ein wenig in diese Richtung, und ich muss darauf hinweisen dass sich die Menschen in den Megastädten ja genau diese Befreiuung von Mühsal und Sorge erhoffen.
Wir brauchen eine Umlenkung enormer Produktivkräfte und vor allem der dezentralen Automation, wenn dieser Trend umgekehrt werden soll. Wie diese mit der von Dir angesprochenen Permakultur synthetisiert wird, wird die große Aufgabe für eine neue Generation von Makern sein. Ich bin da optimistischer was die Anpassungsfähigkeit der technologie anbelangt – richtet sich doch auch die Evolution der technologie letztlich nach den Gesetzen der Natur. Wir brauchen hier eine Synthese von „Carboner“ und „Silikoner“ Welt.

Ich stimme Deinen Ausführungen zur organisierten Kindesvernachlässigung zu, wenn wir wirklich schaffen in Gemeinschaften Gleichgesinnter zu leben,  wie es früher einmal die Klöster waren, dann wird es wirklich zur Frage der bewussten und reflektierten Entscheidung ob Mensch Kinder in die Welt setzt.

Insgesamt bietet das Leben in ruralen und peripheren Räumen der Möglichkeit nach einen Raum für gemeinschaftlich gelebte Kulturentwürfe, und die können sich voneinander unterscheiden wie Stadt und Nacht. Während wir heute den Zwang zur Hegemonie von Lebensstilen und Deutungsmustern haben, könnten sich in einer fraktalen planetaren Gesellschaft die sich dezentral und subsidiär organisiert, alle möglichen Resonanzen ergeben.

Klassisch ist hier Hans Widmers ‚bolo’bolo‘, in dem dieser Lleitgedanke erstmals radikal formuliert wurde:

„bolos (=intentionale Nachbarschaften, Dörfer) entstehen nicht einfach aus irgendwelchen Nachbarschaften oder weil es praktisch ist. Das wirkliche Motiv, das die ibus (=Individuen) veranlasst, in
bolos zusammenzuleben, ist ein gemeinsames nima. Bestimmte nimas kann
das ibu nur dann voll ausleben, wenn es andere ibus findet, die das
gleiche haben. In einem bolo verwirklichen, ergänzen und verändern die
ibus ihr gemeinsames nima. Umgekehrt können ibus, deren nima keine
gesellschaftlichen Formen zulässt (Einsiedler, Vagabunden, Misanthropen,
Individualanarchisten, Narren, Weise usw.) allein bleiben und in den
‹Zwischenräumen› der überall vorhandenen, aber nicht obligatorischen
bolos leben.
Das nima enthält eine Lebensauffassung, die Grundstimmung,
Philosophie, Interessen, Kleidung, Ernährungsweise (Kochstil),
Umgangsformen, Verhältnis zwischen den Geschlechtern, zu Kindern,
Wohnräumen, Gegenständen, Farben, Tieren, Bäumen, Ritualen, den
Tagesablauf, Musik, Tanz, Mythologie, kurz all das, was man als
‹Tradition› oder ‹Kultur› bezeichnen könnte. Das nima definiert das
Leben, so wie das ibu es sich konkret wünscht.

Die Quellen des nima sind ebenso vielfältig wie es selbst. Es können
ethnische Traditionen sein (noch lebendige oder wieder entdeckte),
philosophische Schulen, Sekten, geschichtliche Gemeinsamkeiten,
gemeinsam erlebte Kämpfe oder Katastrophen, Mischformen oder ganz neu
erfundene. Ein nima kann sehr umfassend und detailliert sein (wie bei
Sekten oder Volkstraditionen) oder aber nur Teilbereiche betreffen. Es
kann extrem eigenartig sein oder nur die Variante eines andern nima. Es
kann sehr offen und veränderungsbereit sein oder geschlossen und
konservativ. nimas können auch wie Moden durch die bolos gehen, oder
sich wie Seuchen verbreiten und wieder aussterben. Sie können sanftmütig
sein oder rabiat, passiv-kontemplativ oder aktiv-extravertriert. Die
nimas sind der eigentliche Reichtum der bolos. (Reichtum = Vielfalt der
Möglichkeiten, geistig wie materiell!)“

(http://www.literaturland.ch/appenzeller-anthologie/autorinnen-autoren/widmer-hans/nima/)

11 Benni (19.06.2018, 11:09 Uhr)

Geoengeneering wird immer mehr zum einzigen Ausweg. Das Kapital wird sicher einen Weg finden davon zu profitieren.

12 franziska (19.06.2018, 11:10 Uhr)

Verständigtsein ist gut, weil wir gemeinsam Probleme lösen müssen (wie wir uns bei allgegenwärtiger Wissens(auf)teilung verständigen sollen, ist nicht das geringste unter ihnen). Hier sind drei Probleme, die ich mit Passagen aus deinem Text verbinde, @ Franz (Nebentext kursiv):

1. Die Erleichterungen, die sich Stadtbewohner (und städtisch lebende Landbewohner) von Technik erwarten, beruhen auf einer von langer Hand durch technischen Fortschritt geformten, vor allem disziplinierten Lebensführung.
Eins der am meisten vernachlässigten Themen im Zusammenhang mit der Planung kollektiver Reproduktion ist die Frage, wie man eigentlich – wenn man das wollte – Reproduktionsniveaus hinsichtlich der Aufwendigkeit und Anspruchsfülle der verwendeten Technologien SENKT. Bei ökologischen oder Ressourcen-Knappheits-Erwägungen kommt dieser Gesichtspunkt grade eben noch, marginal, vor; beim Lebensstil (ausser bei „Aussteigern“) rein garnicht. Würde man sich dem Thema widmen, wäre klar, dass eine bewusste Rückabwicklung (anders als das „blinde“ Vorwärts-Wuchern von immer neuen, immer komplexeren Technologien, auf Basis gegebener) anders als genau abgestimmt und geplant unmöglich wäre: Da würden sich immer neue und nicht erwartete Bedarfs-Lücken auftun – das vorsichtige Zurückfahren würde alsbald in einen unkontrollierten Absturz münden. Und das gilt nicht minder für Vereinfachungen des Lebens- und Arbeitsstils; um so mehr, wenn dabei nicht auf bereits vorhandene und zwischenzeitlich aufgegebene Techniken zurückgegriffen werden kann, sondern völlig neue entwickelt werden müssen.
Die Bedürfnisse HEUTIGER Stadtbewohner, die sich aus IHREM Lebensstil ergeben, sind natürlich nicht zu verurteilen, aber sie sollten nicht die Vorgabe sein, an der wir radikale Lebensstil- und vor allem Produktionsweisen-UmstürzlerInnen uns orientieren.

Anm. 1: Eine Eigentümlichkeit vor-industrieller Produktions- „Architekturen“ wird gering geschätzt, nämlich die Bereitschaft, ganz bewusst aus rationalen Beweggründen SUBOPTIMALE Lösungen zu akzeptieren, die ein Problem HINREICHEND gut beheben. Solche Lösungen unter einschränkenden Randbedingungen aller Art zu finden, erfordert auch technische Intelligenz – gerade raffiniertes low tech stellt höchste Ansprüche!

Anm. 2: Man kann die aktuell technisch hypertrophen Produktions-Architekturen der Industriegesellschaften (die mit extrem wenig Redundanzen arbeiten; es soll ja alles immer maximal „produktiv“ sein!) nicht geordnet zurückfahren, sondern muss die radikalökologische Produktion in technischen ebenso wie sozialen Nischen bzw der Peripherie aufbauen (Regenerationsprojekte eignen sich hervorragend dafür). Bei diesem Neu-Aufbau einer Bedürfnis- (oder Menschen-), ökologisch (oder Natur-) und sozial (oder Kultur/ Vergesellschaftungs) -verträglichen Lebens- und Produktionsweise wird genau die innere Struktur der Produktionsweise (das, was ich ihre Architektur nenne), das sukzessive Hinzunehmen von Aufgaben, wenn die vorausliegenden gelöst sind, ein zentraler Entwicklungs-Gesichtspunkt sein.

2. Menschen, die in einer technisch weit fortgeschrittenden Branche gearbeitet haben, können sich meist nicht vorstellen, dass es Bereiche gibt, in denen wir zurück in eine absolute Pionier-Situation versetzt sind. Biologisch informierte komplette Selbstversorgung (ev mit Reserven und Überschüssen) auf einem vorgegebenen Gelände mit vorgegebener Grösse IST solch eine (noch dazu hoch komplexe) Herausforderung; und sie wird nicht kleiner, wenn man versucht, ihr mit möglichst wenig Industriegütern zu genügen (stattdessen möglichst regional (wenigstens reparatur-)autark, ressourcen-erhaltend, modular-synergetisch, leicht lehr- und lernbar, robust usw)  BEI MAXIMAL VIEL FREIER ZEIT (denn wir müssen ja noch andern herausforderungen genügen! und dabei gut leben…).

3. Alle, die hier schreiben, dürften darin übereinstimmen, dass die von ihnen befürworteten Vergesellschaftungsentwürfe ZWANGFREI funktionieren sollen. Vielfalt der Produktionsmethoden wird sich aus den Anforderungen der Regionalität und der ökologischen Verträglichkeit von selbst ergeben. Ob aber auch Vielfalt der kollektiven Einstellungen – das erscheint mir zweifelhaft. Darf ich das ersetzen durch REICHTUM: Alle Beteiligte, übergreifend über alle Regionen, sollen alles für alle, jeweils speziell und generell, Wichtige kennen, verarbeiten, sich darüber verständigen und gemeinsam weiter lernen. Sie sollen beweglich sein und den Ort bei Bedarf wechseln und sich andern Gemeinschaften anderswo jederzeit ohne grössere Probleme anschliessen können. Weltweites kollektives Lernen – GLEICHER Inhalts-REICHTUM für ALLE – das wäre meine Formel. (Und ein extrem vorsichtiger Umgang mit Arbeits- und Wissens(auf)teilung…) – Die dafür nötigen Vermittlungs-Leistungen nach aussen sind Gegenstand einer (meiner?) Transformationstheorie, unnd können hier nicht auch noch abgehandelt werden…

Genug Stoff für erheblichen Verständigungsbedarf, fürchte ich (zumal ich riesige Themenfelder nur extrem kurz ansprechen kann)…

PS: Wir sind ganz eng beim Klimathema, wenn meine Arbeitshypothese stimmt: Dass die biologische Boden- (und Meer)Bewirtschaftung der Schlüssel zur CO2-Rückgewinnung sein könnte (zusätzliche technische Not-Massnahmen jeder Art nicht ausgeschlossen).
Edit @Benni: Wenn Geo-Engineering die einzige Lösung sein soll, dann läufts mir kalt den Rücken runter. Grundsätzlich gibts da bei mir den Verdacht, dass der Energie- und Ressourcenaufwand dafür schnell wieder zu gross wird.

13 Franz Nahrada (19.06.2018, 14:36 Uhr)

@franziska: Wo finde ich mehr zu Deiner Transformationstheorie? Du sprichst so viele extrem wichtige Fragen aus, die normalerweise ausgeblendet werden, dass ich da unbedingt tiefer reinschaun will.

14 Annette (19.06.2018, 19:42 Uhr)

@ Franz: „Die Art, wie der Diskurs über den Klimawandel geführt wird, mit
scheinbar streng wissenschaftlichen „Szenarien“, spiegelt eine
Gesellschaft, die nicht nur von der Natur und ihren Kreisläufen getrennt
ist, sondern sich selbst nur als zweite, äußere, blindwütige Natur
wahrnehmen kann“

Was kritisiert Du an der Methode von „scheinbar streng wissenschaftlichen „Szenarien““? Hast Du Dir genau angeschaut, was da gemacht wird?
Und wieso spiegelt das die kapitalistische Gesellschaft? Das ist mir zu kurzschlüssig formuliert.

15 Annette (19.06.2018, 19:54 Uhr)

@ Franz, „Die Art wie wir Landschaft gestalten – das gesamte menschliche
Siedlungs- und Landwirtschaftssystem – hat seiner Meinung nach einen
entscheidenden Einfluss auf das meteorologische und
klimatologische Geschehen. „

Ja, meinst Du, das wissen die Leute vom IPCC nicht?  Das ganze Kapitel 11 und 12 des Beitrags der Arbeitsgruppe III für den 5. IPCC-Bericht handelt von den sachlichen Zusammenhängen, Landwirtschaft, Landnutzung etc. betreffend und Kapitel 13-16 gesellschaftliche Regulierungsmechanismen (wobei die sich hauptsächlich auf die üblichen „Governance“-Akteure beziehen). 

Um den Zusammenhang mit Wasserzyklen geht es u.a. in dem Bericht der AG I, Kapitel TS.4.6. Das waren nur einige kurze Blicke in tausende Seiten der letzten Berichte. Man muss ja nicht nur die Zusammenfassungen lesen… Ob Ripl bei den zigtausend wissenschaftlichen Quellen mit genannt wird, habe ich  nicht überprüft. Ansonsten gehen sie i.a. so vor, dass sie in die Szenarien nur das einbeziehen, was ziemlich genau, auch von den konkreten Wirkmechanismen her untersucht worden ist. Deshalb sind diese Berichte auch systematisch immer ein Stück  hinter der aktuellen Forschung hinterher, weil man wirklich nur gut Überprüftes und Verstandenes einbeziehen will. Dass beim Verlust von Eis über Land sog. „Wassermühlen“ entstehen und sich Wasser zwischen Eis und Land schiebt und dadurch das Eis schneller wegrutscht, kann man sich z.B. gut vorstellen, aber es war noch nicht genügend untersucht, um das in die bisherigen Berichte einzuarbeiten.

16 Annette (19.06.2018, 20:00 Uhr)

@ Benni „Geoengeneering wird immer mehr zum einzigen Ausweg.“

Tja, wenn es wenigstens funktionieren würde! (*Ironie*) Es gibt so gut wie keine Aussicht, dass  die üblicherweise diskutierten Maßnahmen, die massive Risiken in sich bergen, funktionieren könnten.

Das Problem besteht aber darin, dass mit zunehmenden Folgen des Klima-Umbruch der Ruf nach solchen Maßnahmen zunehmen und sich möglicherweise durchsetzen wird. Solange alle nur glauben, dass es schon nicht so schlimm wird, werden diese Sachen als „spinnerte Ideen“ unterschätzt, bis sie uns eines Tages vielleicht dann überraschen werden (bzw. die Debatten oder  Entscheidungen dazu). 

17 Annette (19.06.2018, 20:11 Uhr)

Zum Zusammenhang des  Klimawandels mit anderen Bedrohungen der ökologischen Grundlagen unseres Lebens kann man sich auch das Konzept der  „Planetaren Grenzen“ anschauen. Dort ist der  Klimawandel nur eins der 9 dort genannten Themenfelder, wobei es  zwischen allen viele Wechselbeziehungen gibt, die in diesem Kontext genauer erforscht werden. Siehe dazu u.a.:

https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2015/05/31/planetare-grenzen/

Auch dies ist um soziale Faktoren zu ergänzen, das geschieht z.B. in einer Abbildung, die auch noch die „social targets“ ergänzt (siehe in: https://wiki.zw-jena.de/images/d/df/Das_Zeitalter_der_Menschen.pdf)

18 Annette (19.06.2018, 20:27 Uhr)

Einige Worte noch  zur Frage der Bevölkerungsentwicklung: Seit der Jahrtausendwende ist tatsächlich erstmals zu sehen, dass die Länder China und Indien einen relativ großen Anteil an den schädlichen Emissionen haben, weil sich bei ihnen eine Art Mittelstand entwickelt mit entsprechender Lebensweise. Dieses Wachstum wird nur zu einem geringeren Teil „wettgemacht“ dadurch, dass vor allem in China viel für den Weltmarkt (also auch für uns) produziert wird.  (Es gab beim IPCC dann auch Debatten, ob es opportun ist, die entsprechenden Abbildungen überall mit zu veröffentlichen oder eher wegzulassen).

Trotzdem sollten wir uns davon nicht verleiten lassen,  die „Überbevölkerungs“-Karte zu  ziehen. Verursachend ist die kapitalistische Produktions- und Lebensweise, nicht die pure Anzahl an Menschen.

Wenn die dominierenden kapitalistischen Länder, wie damals schon vorgeschlagen und in vielen Bereichen technisch  möglich, in den 90ern eine „nachhaltige“ Produktions- und Lebensweise hinbekommen hätten, wären sie als solche ein gutes Vorbild für die anderen gewesen.  So allerdings verbreitete sich genau das Falsche zur welthistorisch falschesten Zeit, die es nur geben kann…

19 Benni (19.06.2018, 23:41 Uhr)

@annette: Wir betreiben doch längst Geoengeneering. Nur halt komplett unkontrolliert. Natürlich haben alle denkbaren Verfahren auf Risiken. Die Frage ist doch aber ob die kleiner oder größer sind als die Risiken des Klimawandels. Klar, vor 10 Jahren hätte ich auch gesagt, ne, lass mal lieber versuchen die Emmissionen zu drosseln. Nur reicht das halt offensichtlich inzwischen nicht mehr. Was bleibt also anderes übrig außer Alternativen zu erforschen und die mit den geringsten Nebeneffekten umzusetzen?

20 Christian Siefkes (20.06.2018, 18:28 Uhr)

@Alle: Danke für eure Kommentare. Auf einiges – wie Bevölkerungsgröße und Geoengineering – werde ich im Nachfolgeartikel eingehen. Das wird aber wohl noch ein Weilchen dauern, ihr wisst ja dass ich nicht so schnell bin und da werden auch nochmal Recherchen nötig sein.

@Franz, ergänzend zu Annettes Kommentaren: Was der Wilhelm Ripl anspricht, ist ja durchaus bekannt und wird in der englischsprachigen Debatte unter „land-use change“ verhandelt – Entwaldung, Zubetonierung von Grünflächen etc. Das trägt unstrittig zum Klimawandel bei, da Pflanzen eine wichtige CO2-„Senke“ darstellen und diese wird dezimiert. Andere Ursachen sind aber deutlich stärker. Hier sind die wesentlichen Faktoren laut IPCC-Bericht übersichtlich dargestellt (erfreulich, dass es auf US-Regierungsseiten noch echte Informationen zum Klimawandel gibt – ich fürchte nur, die werden früher oder später von dort verschwinden). Die drei wichtigsten sind:

  • Verbrennen fossiler Energieträger: 65 %
  • Methan (großteils aus Rinderhaltung und Anbau von Nassreis): 16 %
  • Entwaldung, Rodung für Landwirtschaft, Bodendegradation u.a. „land-use change“: 11 %

Klar, 11 % sind nicht nichts, aber selbst wenn man diese eine Quelle abschalten würde, würde der Klimawandel nahezu ungebremst weitergehen. Umgekehrt würde eine weitere „Begrünung“ der Welt die in Pflanzen gebundene CO2-Menge natürlich erhöhen – aber hinreichend viel Grünzeug, um die von der Öl/Gas/Kohle-Verbrennung freigesetzte CO2-Menge aufzunehmen, wird man nie wachsen lassen können, dafür ist die Erde einfach zu klein.

Zu Hans Rosling: der scheint mir einer der etwas zwanghaften Optimisten zu sein – wie auch Steven Pinker – die davon ausgehen, dass auch im Kapitalismus alles bereits immer besser wird. Da ist durchaus einiges dran, aber derart einseitige Sichtweisen – egal ob optimistisch oder pessimistisch – basieren bei aller mutmaßlich statistischen Unterfütterung meistens auf einer verzerrten Darstellung der Realität. Zu Pinker gibt es eine gute Kritik – ich könnte mir vorstellen, dass manches davon auch auf Rosling zutrifft.

@franziska und Franz: Bitte führt eure Debatte zu Stadt und Land anderswo fort, die hat mit dem Artikel nichts zu tun.

@Annette: Die Planetaren Grenzen habe ich mir schon angeschaut, habe dort aber immer das Problem, dass zwar sehr viel über einen „safe range“ gesprochen wird, aber sehr wenig darüber, was passiert, wenn dieser verlassen wird (mag sein, dass ich nur am falschen Ort gesucht habe).

Also z.B. zum Biodiversitätsverlust: Klar, dass derzeit viele Tier- und Pflanzenarten aussterben, ist ästhetisch und ethisch bedauerlich, aber inwiefern bedroht das die Menschheit (wenn es das tut)? Massenaussterben gab es in der Erdgeschichte ja nun schon eine ganze Reihe, und in the long run scheinen sie dem Leben auf der Erde nie geschadet zu haben.

Zu „Weniger als 35 Mt Stickstoff dürfen pro Jahr aus dem N-Kreislauf entfernt werden“, derzeit sind es aber viermal so viel – zunächst: kannst du (oder sonst jemand) überhaupt erstmal erklären, was das bedeutet, so dass es auch Lai_innen verstehen können? Und auch da würde ich gerne verstehen, was die kurz-, mittel- oder langfristig problematischen Folgen dieser Grenzüberschreitung sind.

21 Annette (20.06.2018, 21:52 Uhr)

@ Christian mit Fragen zu “ Planetaren Grenzen“ (PG).

Ja, auch hier sind die Themen sehr komplex und man braucht schon ganze  Bücher um alles auch noch so vereinfacht zu erklären, „dass es auch Lai_innen vestehen können“. Für die Versauerung der Ozeane hab ich das mal angefangen: https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2016/10/30/die-versauerung-der-ozeane/ (vor allem, weil es darum auch Streitdebatten gab, während die N-Frage weitgehend unbestritten ist).

Hier ist übrigens eine Tabelle zum Umgang mit Risiken drin, die ich für sehr wichtig halte bei solchen Diskussionen (über Strategien des Umgangs mit Risiken in Abhängigkeit von der Qualität des verfügbaren Wissens).

Welche Folgen das alles haben kann, kann niemand seriös eindeutig sagen. Grad im Konzept PG werden ja auch die Wechselbeziehungen der verschiedenen problematischen Themengebiete bearbeitet – dabei verstärken sich einige Effekte, einige heben negative Folgen anderer ein wenig auf. Außerdem hängen die Folgen ja sehr vom Verhalten der Menschen ab (siehe die Links hier in den Kommentaren über mögliche Bodenverbesserungsmaßnahmen), so dass man dazu nichts aus nur naturwissenschaftlicher Sicht sagen kann.

Zu den Effekten der Temperaturerhöhung gibts z.B. hier was: https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2017/05/08/die-naechsten-jahrzehnte/ oder auch hier: https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2017/05/09/eine-heisse-welt-ist-eine-kranke-und-hungrige-welt/. Oder hier http://www.thur.de/philo/pdf/2016_Migration%20und%20Flucht%20im%20Kapitaloz%C3%A4n.pdf ab S. 5. Auch hier sieht man, wie sehr gesellschaftliche Verhältnisse in die Folgen eingehen…

PG ist ansonsten kein fertiges Werk (wie es mal „Grenzen des Wachstums“ war, wo Autoren etwas ausgerechnet und die Ergebnisse dann zur Diskussion gestellt haben), sondern ein aktiver  Forschungszusammenhang, dessen Quellen die vielfältigsten wissenschaftlichen  Veröffentlichungen sind, die man sich natürlich dann anschauen muss, wenn man genau Bescheid wissen will (es gibt dazu auch noch nicht „das“ Buch, in dem alles dazu drin stünde). Zu den meisten Themen gibt es aber auch grundsätzlich schon viel populär-leichter Verständliches, man muss sich halt nur die Zeit nehmen.

22 Annette (20.06.2018, 22:06 Uhr)

Nochmal zu den Folgen für die Menschen.
Gerade beim Klima fällt auf, dass es schon Maßnahmenpakete gibt, wie man den  Folgen begegnen will. Für Deutschland sieht das demnach alles nicht sooo schlimm aus. Mit kleinen Veränderungen in Land- und Forstwirtschaft (Anpassung der angebauten Sorten an höhere Temperaturen…) und Hochwasserschutz etc. soll das alles irgendwie fast unbemerkt beherrscht werden. (Ach ja, und Elektromobilität: https://zw-jena.de/blog/2018/06/elektromobilitaet-ein-beitrag-zur-begrenzung-des-klimawandels/)

Das wirkliche Problem hat noch niemand so recht thematisiert: Schauen wir auf die langfristige Temperaturkurve, so sehen wir, dass das relativ stabile Klima seit ca. 11 000 Jahren eine absolute Ausnahme in der Weltgeschichte ist (das sog. „Holozän“). Alle Zivilisationen und alle Formen von Landwirtschaft haben bisher in diesen Verhältnissen existiert (wobei die Schwankungen der kleinen Eiszeit damals schon enorme gesellschaftlich-kulturelle Wirkungen hatten).

Was jetzt zu befürchten ist, ist ja nicht nur ein Anheben der Temperaturkurve um 2 oder 4 oder 6… Grad, sondern das Überschreiten der Kipppunkte (die im Konzept PG der Ausgangspunkt für Risikoeinschätzungen sind). Dadurch droht die Temperaturkurve in historisch kurzen Zeiten wieder große Ausschläge zu bekommen. D.h., es wird nicht nur durchschnittlich überall so und so viele Grad wärmer, sondern: es kann mal 100 Jahre 5 Grad wärmer sein und dann wieder 100 Jahre 5  Grad  kälter… (oder mehr – ich hab da nicht viel Phantasie).  Das macht dann jegliche Landwirtschaft, auch jegliche traditionelle oder bio-dynamische oder Permakultur in dem Sinne, wie wir es jetzt denken oder uns vorstellen können, obsolet.

Dazu  kann aber niemand was Seriöses prognostizieren. Gerade weil es nicht prognostizierbar ist. Prognostizierbar ist nur, dass die relative Stabilität der letzten 11 000  Jahre mit großer Wahrscheinlichkeit verloren geht (ob nun bei +3 Grad oder + 6 Grad…, im Moment sieht es noch gar nicht nach einem Abbremsen aus…) und Verhältnisse entstehen, wie sie die Menschheit noch nie erlebt hat.

Dass sich „die Natur“ über die folgenden Millionen von Jahren irgendwie wieder „erholt“, d.h. neue komplexe Zustände erreicht, ist dabei auch wahrscheinlich. Aber das sollte ja nicht das Kriterium sein, mit dem wir „Risiko“ definieren.

Ob dieser Klima-Umbruch gerade jene Herausforderung für die Menschheit wird, die als „Entwicklungs-Widerspruch“ für die nächste Entwicklungsstufe wirkt, ist noch offen. Erstens ist unklar, ob die natürlichen Rahmenbedingungen das überhaupt noch ermöglichen und  zweitens, ob sich die Menschen dementsprechend verhalten oder nicht.

23 Annette (20.06.2018, 22:11 Uhr)

@ Benni,  Du  hast das also tatsächlich ernst gemeint?

Ich will hier keine Diskussion dazu lostreten, aber genau diese Argumentation macht mir am meisten Angst. Es wird wahrscheinlich genau so kommen, weil Menschen sich eben immer noch lieber an solche Hoffnungen klammern als endlich Revolution zu  machen…

24 Benni Bärmann (21.06.2018, 14:15 Uhr)

@Annette: Selbst wenn heute die Weltrevolution kommt und in maximalem Tempo unser Leben umgestellt wird, werden wir wohl die Folgen des Klimawandels nicht mehr ohne Geoengeneering meistern können. Alleine schon deswegen finde ich, muss man die Forschung auf dem Gebiet unterstützen. Was ist denn die Alternative?

25 Annette (21.06.2018, 16:31 Uhr)

@ Benni,

meinst Du wirklich, wir könnten „die Folgen des Klimawandels“ MIT Geoegnineering meistern? Ob nun im Kapitalismus oder nach ihm? Wir kommen (als Menschheit) schon nicht damit zurecht, die unter einigermaßen „normalen“, sich selbst regulierenden atmosphärisch-biosphärischen Netzwerke unter relativ stabilen Holozänbedingungen zu handeln – und Du meinst ernsthaft, wir könnten die zusammenbrechenden und außer Rand und Band geratenden Regulierungsnetzwerke mit irgend einem Geoengineering wieder erzeugen und stabil halten?

Wie kriegst Du z.B. den Jetstream wieder  hin, dessen Außer-Funktion-Geraten grad zu so langandauerndern Extremwetterzuständen führt? (https://www.wetter.de/cms/grund-fuer-extremwetter-im-jetstream-herrscht-stau-4169053.html) Wie willst du den Golfstrom wieder stärken (https://www.tagesschau.de/ausland/golfstrom-113.html)?

Die Frage nach der Alternative ist hier ein Argument aus der Perspektive des Vogel Strauß. Es gibt nicht wirklich die Alternative, dass wir –  zumindest auf dem jetzigen Entwicklungsstand und die nächsten hunderte Jahre lang nicht – unsere Erde samt Atmosphäre und Biosphäre vernünftig terraformen.

Die Alternative, die wir diskutieren müssen ist, wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Speziell als konkrete Utopisten, also jene, die sich auf sich verändernde  Bedingungen beziehen, müssen wir uns mindestens von „Schönwetter-Utopien“ verabschieden. Was ist unter den dann zu befürchtenden Bedingungen noch  möglich, was ist vielleicht dann erst möglich, was wird dann not-wendig?

26 Franz Nahrada (21.06.2018, 18:02 Uhr)

@Christian:

1. auf die 11% bei Land use change kommt man m.E. nur, wenn man in dieser Frage die einseitige Fixierung auf Treibhausgase (C02 Assimilation – „Senke“) im Auge hat und nicht die Dynamik des Wasserhaushalts auf das Klima selbst.
2. Dass Du das Thema Stadt-Land hier wegeskamotieren willst stimmt mich seltsam, denn jede sinnvolle und massive Veränderung dieser klimawirksamen Faktoren hängt unmittelbar und direkt mit dem Verhältnis von Mensch und Landschaft zusammen.

Ich befürchte daher dass bei Dir die einzig mögliche wirksame Art, gesellschaftlich der Klimakatastrophe zu begegnen (siehe John D. Liu’s Film „Hoffnung in einem sich wandelnden Klima“) von vorneherein ausgeblendet wird. Dadurch wird den schwer defizienten Geo-Engineering Phantasien Tür und Tor geöffnet,

27 franziska (21.06.2018, 18:34 Uhr)

Und schon geht es los…:https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-06/klimawandel-treibhausgase-negative-co2-emissionen

@Christian Die Pointe ist dir entgangen (bzgl CO2; das hat fürs erste mit Stadt/Land nichts zu tun). „In Pflanzen“  (über und unter dem Boden) sind nur Bruchteile des Kohlenstoffs (noch dazu sehr reversibel, Stichwort: Mineralisation) gespeichert, der in organischen Verbindungen im Boden steckt – Indikativ; wieviel dort auf biologischem Weg gespeichert werden KÖNNTE (Potentialis) – da sind die Schätzungen nach oben offen. Wie bei so vielen speziell biologischen Parametern im Zusammenhang mit CO2. – Viele kennen nicht die erst seit 10-15 Jahren so richtig bekanntgewordene Tatsache aus der Pflanzenphysiologie, dass erhebliche Anteile der gesamten Photosyntheseleistung wachsender Pflanzen über die Wurzeln ihren Pilz- und Bakterien-Symbionten zugeleitet wird. (Zahlenangaben stark schwankend.) (Es ändert sich beim Übergang in die Vermehrungs-Phase, also Ausbildung von Fruchtkörpern usw). Das wird in der biologischen Agrartechnik durch Anbau hoch-biodiverser Zwischenfrüchte genutzt.
Wieviel die agrarindustrielle Bewirtschaftung der Böden zum gesamten CO2 Aufkommen beigetragen hat, ist noch nicht klar, aber die Kluft zwischen 10%org.Bodensubstanz unter Gras und 1% unter konventionellem Acker ist erheblich. Die Schwarzerdböden in Osteuropa lehren noch etwas andres, nämlich dass es möglich ist, humose Erdschichten (8m dick) anzuhäufen. Unter Mithilfe ua grosser Weidetierherden:https://www.metropolis-verlag.de/Die-Kuh-ist-kein-Klimakiller/1209/book.do
Wer immer Geld frei hat, sollte heute einen Preis ausloben auf die Entdeckung, wie (sog Dauer)Humus in freier Natur entsteht – ein Polymer aus aromatischen Ringen mit sehr viel reaktiven Seitengruppen (va Sauerstoff). (Freilich wird selbst das mit dem Polymer bestritten; ebenso ist unklar, was „Humus“ „dauerhaft“ macht.)Obwohl zentrale Annahmen in den Klimamodellen mit Hypothesen über „Humus“ und CO2-Speicherfähigkeit in Böden arbeiten, ist mein Eindruck, dass die betreffenden Boden- und Humus-Forscher verschiedener Fachgebiete nicht zusammenarbeiten und zentrale Arbeiten über Themen von Interesse für ALLE (und die Allgemeinheit sowieso) nicht kennen. Mir geht es bei so gut wie jedem Kontakt mit fast jeder Zentral-Sphäre bürgerlicher Gesellschaften so, dass  sich Abgründe an Dysfunktionalität aus Mangel an Kooperation auftun; so hier in der Wissenschaft.Von daher, @Annette 23: Wie solche Menschen, so organisiert, je etwas halbwegs Koordiniertes hinbekommen sollen wie eine „Revolution“ (oder gar das Danach), ist mir ein Rätsel… 

28 Christian Siefkes (23.06.2018, 18:51 Uhr)

Zum Geoengineering: Wenn ein Mensch in einen Brunnen gefallen ist, wird man ja auch versuchen, zu retten statt zuzusehen wie sie/er ertrinkt. Analog dazu: Sollte die Menschheit ernsthaft passiv zusehen wie die ganzen Küstenregionen absaufen und (sub)tropische Regionen womöglich unbewohnbar werden, statt zumindest zu versuchen, zu retten was noch zu retten ist? Ich wüsste beim besten Willen nicht, wie das ethisch zu rechtfertigen sein sollte und zumindest alle unmittelbar Betroffenen werden ja auch ein glasklares Interesse darin haben, die Rettung zu versuchen.

Also: Klar wird’s da Versuche geben, ganz egal ob vor oder nach einer „Revolution“ (warum sollte eine kommunistische oder was auch immer Menschheit nicht versuchen, sich zu retten?). Was die Erfolgsaussichten solcher Versuche gibt, bin ich allerdings äußerst skeptisch: Wie Annette schon angesprochen hat, reicht es nicht mal, die globale Durchschnittstemperatur wieder abzusenken (was schon schwierig genug wäre), da es eine ganze Reihe negativer Effekte gibt, die direkt mit dem erhöhten CO2-Gehalt der Atmosphäre zusammenhängen und nicht nur aus dem indirekten Effekt der Erwärmung herrühren. Aber wie kriegt man den Urin wieder aus dem Ozean, Jahre nachdem man reingepinkelt hat? Schwierig! Genauso schwierig (im Sinne von: praktisch wahrscheinlich unmöglich) stelle ich mir aus Rausfiltern des CO2 aus der gesamten Erdatmosphäre raus.

Und selbst wenn das gelingt, würde es nicht reichen, weil ja die Eisschmelze ein Runaway-Effekt ist, der nach Erreichen der entsprechenden Kipppunkte (und diese sind evt. schon erreicht) auch dann weitergehen wird, wenn die globale Durchschnittstemperatur wieder sinken würde. Genau wie eine Kugel auf einer schiefen Ebene nicht anhält, wenn man die Kraft wegnimmt, mit der man sie angestupst hat. Dazu bräuchte es also ganz unabhängige zusätzliche Maßnahmen, wo mir bislang sehr unklar ist, ob und wie sie funktionieren könnten. (Ein im Meeresgrund verankerter Damm um die ganze Antarktis und ein zweiter um Grönland? Wohl kaum!)

Und solange wir über Geoengineering unter kapitalistischen Umständen reden, stellt sich dann wieder die Frage nach der Finanzierung. „Das Kapital wird sicher einen Weg finden davon zu profitieren“ meint Benni, aber das gilt natürlich nur für einzelne Firmen, die zweifellos gern entsprechende Aufträge annehmen würden. Bezahlt werden muss es von Staaten aus Steuergeldern, und da wird das übliche Hickhack einsetzen — da alle profitieren, egal wie viel sie bezahlen, wird jeder Staat seinen eigenen Anteil möglichst klein zu halten versuchen. Wenn die Staaten heute schon die kollektive Reduktion der CO2-Emissionen nicht hinkriegen, warum sollten sie künftig die kollektive Finanzierung von verspäteten Rettungsmaßnahmen besser hinkriegen? Zwar könnte ich mir durchaus vorstellen, dass wenn New York und andere Großstädte tatsächlich unter den Meeresspiegel sinken, Geldstreitigkeiten plötzlich gar keine so große Rolle mehr spielen — aber bis es soweit ist, wird soviel Zeit vergangen sein, dass sich wahrscheinlich auch das Fenster für vorher evtl. mögliche Maßnahmen längst geschlossen haben wird.

Also mein vorläufiges Fazit zum Geoengineering: Versuchen wird und muss man es, dass es viel bringen wird scheint mir allerdings unwahrscheinlich.

29 Christian Siefkes (23.06.2018, 19:12 Uhr)

@Franz:

auf die 11% bei Land use change kommt man m.E. nur, wenn man in dieser Frage die einseitige Fixierung auf Treibhausgase (C02 Assimilation – „Senke“) im Auge hat und nicht die Dynamik des Wasserhaushalts auf das Klima selbst.

Bestreitest du die Erkenntnis des IPCC, dass der menschengemachte Klimawandel ein Ergebnis von Treibhausgasemissionen ist und dass
zwei Drittel dieser Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger herrühren? Wenn du das machst, wenn du also Klimawandelleugner bist, werde ich mit einschlägigen Gesprächen mit dir nicht weiter meine Zeit verschwenden. Warum sollte ich auch — wenn dich die extrem sorgfältig recherchierten und detailliert belegten IPCC-Berichte nicht überzeugen können, werde ich das zweifellos auch nicht hinkriegen.

30 franziska (24.06.2018, 09:10 Uhr)

Der Klimawandel ist eine Technikfolge, bekämpft werden kann er nur mit NOCH mehr (NOCH prekärerer) Technik. Die Menschen im Brunnen waren seit je nur zu retten, wenn die Brunnen immer grösser wurden und werden – bis sie die Ausmasse ganzer Küstenregionen annehmen. Und das ganze ist nicht mal im Ansatz anders zu gestalten, denn niemand wird mit einschlägigen Gesprächen weiter seine Zeit verschwenden. Warum sollte man auch — wenn die extrem sorgfältig recherchierten und detailliert belegten IPCC-Berichte nicht überzeugen, dann ist das nicht mehr diskutier-, nur (derzeit, noch) schimpfend ausfechtbar. Wir können im Zweifel Bürgerkrieg (Technologie dafür steht bereit), Verständigung… weniger (dafür ist Technologie schliesslich nicht gemacht).
Wenn DAS nicht DIE Erscheinungsform schlechthin der „Widersprüche“ in der (notgedrungen bürgerlichen) Spätmoderne ist – was dann?

Edit: Um noch etwas Konstruktives (als ob das helfen würde) nachzuliefern, möchte ich auf die beiden Autoren eines Aufsatzes vom Dezember 2015 in Nature (leider hinter Paywall) verweisen, Johannes Lehmann und Markus Kleber*):
https://www.nature.com/articles/nature16069
In diesem Artikel geht es um mancherlei höchst Bedeutsames (unter anderm die Frage des Polymer-Charakters von „Humus“), vor allem habe ich daraus gelernt, wie (angesichts der überragenden Rolle der belebten Böden für die CO2-Retention) Variationen in den Modellannahmen über Beschaffenheit und Verhalten von Huminstoffen (die höchst unsicher erforscht sind) deutliche Unterschiede in den Modellen (und, nebenebi, in den Bewältigungs-Strategien) verursachen. Man sollte meinen, eine interdisziplinäre Konferenz zu so existenziellen Themen jagt die nächste. Aber nein – in der aktuellen Wissenschaft weiss die rechte Hand nicht, was die linke Hand tut (und es sind ja hunderttausende Hände…)

*) Kleber hatte den Gehalt des Artikels in einer Präsentation auf seiner privaten Website dargestellt, ich kann die leider im Moment nicht finden.

31 Annette (24.06.2018, 20:45 Uhr)

@ Franziska,
wir hatten in der Zukunftswerkstatt das Glück, dass eine junge Frau so was studiert hat und uns schon vor Jahren in die  Bodenthematik eingeführt hat… Was so alles wichtig wird anstelle der schönen „sauberen“ Theorien!

Ja, es wird schon viele Möglichkeiten geben, für eine gewisse Menge Menschen Lebensmittel mit völlig neuen Methoden herzustellen. Wichtig finde ich bei allen, dass dabei die Rahmenbedingung existiert, dass der Energieumsatz begrenzt bleiben muss, damit nicht in irgend einer Weise zu viel direkte „Abwärme“ entsteht (was als globale Grenze ja neben der CO2-Problematik auch noch zu beachten ist). Deshalb sind Optionen, die weiterhin „Produktivkraftfortschritt“ auf Kosten von mehr Energieeinsatz, wie es seit Beginn des Frühkapitalismus lief, denken, obsolet. Deshalb wird das alles viel Arbeitszeit kosten, d.h. der Anteil notwendiger Arbeitszeit wird steigen. Das meine ich vor allem, wenn ich davon ausgehe, dass wir uns von  „Schönwetter-Utopien“ (von wegen dem Reich der Freiheit mit kaum noch  notwendiger Arbeit) verabschieden müssen. Das  Maß an menschlicher Arbeit wird in dem oben zitierten Film auch China ganz gut deutlich. Hunderttausend Hände… ein schönes Bild, aber auch ein anstrengendes. Für mich ist das ehrlich gesagt, nicht grad eine Utopie…

32 Annette (24.06.2018, 20:53 Uhr)

Geoeingineering: Grad sah ich im Fernsehen ein Interview mit einem Wetterforscher. Der machte drauf aufmerksam, dass der Einsatz von Aerosolen zur Erzeugung von Wolken mit Kühlwirkung ständig einen großen Einsatz erfordert, weil die Aerosole in einer Woche wieder durch Regen ausgewaschen sind. Und dass er der derzeitigen Welt nicht zutraut, gemeinsam eine so große Aktion ohne Störungen oder Ausfall,  etwa verursacht durch einen durchgedrehten Präsidenten wie jetzt Trump durchzustehen.
Also, wenn wir schon die CO2-Reduktion nicht durchstehen, wie sollen wir dann die Aerosolbesprühung durchstehen? Das Problem wird dadurch nicht einfacher, sondern nur verschoben und verschärft (weil bis dahin halt der CO2-Anteil immer weiter gesteigert wird und bei jedem Ausfall der  Aerosolbesprühung die  Folgen umso plötzlicher und unbeherrschbarer werden).
Aber wie schon erwähnt, das mit den  Aerosolen ist noch die „einfachste“ Aufgabe, alles  andere fällt in den Bereich nichtlinear-chaostheoretischer Nichtvorhersagbarkeit der vernetzten atmo-geo-hydro-cryo-biosphärischen Zusammenhänge, sobald die Kipppunkte überschritten sind.

Fällt Euch auf, dass wir wirklich mal durchmüssen durch das Akzeptieren, dass die Welt nicht mehr so einfach zu retten ist, wie wir das gerne hoffen? Erst wenn wir durch diese Ent-Täuschung durch sind, können wir wieder sinnvoll darüber nachdenken, wie wir die Fallhöhe noch etwas erniedrigen und was wir dann tun können…

33 mistkaeferchen (24.06.2018, 21:59 Uhr)

[Chemtrails-Spam gelöscht, CS.]

34 Aufgewachter (24.06.2018, 22:18 Uhr)

Der Mensch baut Treibhäuser, weil es den Treibhaus-Effekt in der freien
Natur nicht gibt. [… Restlichen Klimawandelleugner-Spam gelöscht, CS.]

35 franziska (27.06.2018, 11:26 Uhr)

Eine Fortsetzung bzw Vertiefung meines etwas knapp gehaltenen letzten Kommentars oben ist an der in meinem Nick verlinkten Stelle zu finden.

Ich denke, es ist offensichtlich, dass meine Beiträge zumindest sehr verwandte Intentionen haben wie die von Annette.
Meine hier auf der Seite immer wieder vertretene Hauptthese lautet: Die existenziellen Konflikte der nächsten Jahrzehnte werden auf der (im traditionellen Jargon gesprochen) Produktivkraft-Ebene (und genau darum dann auch auf der der Produktionsverhältnisse) ausgetragen werden – nicht nur unter uns oder „hierzulande“, in den „entwickelten“ Ländern; sondern in der gesamten Welt-Bevölkerung. Die dann anstehenden Auseinandersetzungen sind immer auch Verteilungskämpfe – solche um Prioritätensetzungen und die Frage, wer notwendige Verzichtsleistungen zu erbringen hat. In diesem, durchaus katastrophen-trächtigen Umfeld werden die diversen (!) Keimformen aufgebaut werden, in ihm muss es gelingen, sie zusammenwachsen und zusammenwirken zu lassen zur robusten, lebensfähigen, und wegen ihrer erwiesen überlegenen Problemlösefähigkeit allgemein zur Übernahme einladenden neuen Epochen- „Elementarform“.

Vorausgesetzt, es gibt überhaupt noch eine Zukunft. Was nicht sicher ist (aber auch nie war, und nie sein wird).

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