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Geldfreie Produktion (2): Stigmergie und Selbstauswahl

Demonetize-Logo mit Fragezeichen(Voriger Artikel: Subsistenz, Zentralplanung, Commons)

[Dieser Text entstand im Rahmen des von der Volkswagenstiftung geförderten Forschungsprojekts Die Gesellschaft nach dem Geld.]

Die am Ende des vorigen Artikels aufgeworfene Frage war, ob es nicht möglich ist, auf jede Art von Verrechnung komplett zu verzichten. Unter anderem würde dies den Wegfall jeder explizit vereinbarten Gegenseitigkeit – bei der Leistungen und Gegenleistungen bzw. Rechte und Pflichte ausgehandelt und aneinander gekoppelt werden – bedeuten. Klar ist dabei: Explizite Vereinbarungen könnten nicht durch die implizite Erwartung von Gegenseitigkeit auf individueller Basis ersetzt werden, wie sie bei Geschenken und Gefallen üblich ist. Dafür sind moderne Produktionsprozesse zu komplex: Zur Behandlung und Genesung im Krankenhaus trägt ja nicht nur die Ärztin bei, sondern auch Pfleger und zahlreiche andere Angestellte, die den Betrieb am Laufen halten. Dazu kommen noch all diejendigen, die die benötigte Ausstattung inklusive Instrumenten und Medikamenten bereitstellen oder dafür sorgen, dass das Krankenhaus zuverlässig mit Energie und Wasser versorgt wird, dass es über eine Flotte von Rettungsfahrzeugen verfügt etc.

Wenn die Vermittlung geldbasiert erfolgt, sorgen vorher abgeschossene Verträge dafür, dass all diese Beteiligten bezahlt werden – wenn auch oft in äußerst unausgewogener Weise (hohe Gewinne für Pharmaunternehmen, hohe Löhne für prominente Chefärzte, Mindestlohn für Reinigungskräfte), was es zu kritisieren gilt. Dabei muss die Bezahlung nicht unbedingt durch die Patientin selbst erfolgen, alternativ kommen etwa auch eine Krankenversicherung oder der Staat als Finanzier eines für die Nutzerinnen kostenloses Gesundheitssystems in Frage. Implizit erwartete angemessene Gegengaben der Patientin für all diese Beteiligten wären hingegen klarerweise ein Ding der Unmöglichkeit und würden zu totaler Überforderung führen.

Was also höchstens denkbar ist, ist eine Erwartung von Gegenseitigkeit auf allgemein gesellschaftlicher Ebene – andere tun etwas für mich, ich tue etwas für andere (aber im Allgemeinen nicht dieselben anderen), oder alternativ der Verzicht auf jede Erwartung von Gegenseitigkeit. In letzterem Falle werden Menschen nur dann aktiv, wenn sie selbst Lust auf eine Aufgabe haben oder diese für sinnvoll und wichtig halten, nicht aufgrund von Erwartungen anderer (die es dann nicht mehr gibt).

Beides klingt aus Produzentenperspektive ziemlich gut – man tut etwas für andere, entscheidet aber ganz autonom, was und in welcher Weise. Eventuell wird noch erwartet, dass man sich irgendwo betätigt, aber alles andere entscheidet man nach eigenem Gutdünken. Aus Nutznießerinnen-Sicht allerdings ergeben sich aus dem kompletten Verzicht auf Gegenseitigkeit Probleme, da mein Einfluss auf die Produzentinnen dadurch minimal wird. Beim Abschluss eines gegenseitigen Abkommens der Art „ich gebe, damit du gibst/machst“ kann ich immer darauf achten, dass die Bedingungen für mich stimmen. Passen mir die Konditionen nicht, finde ich vielleicht einen anderen Anbieter, der mir bessere bietet, oder ich kann nachverhandeln und in der Hoffnung auf bessere Konditionen z.B. mein eigenes Angebot erhöhen. Bei Verzicht auf direkte Gegenseitigkeit bleibt den Nutznießern hingegen nur das „Prinzip Hoffnung“. Sie können Wünsche äußern, aber was die jeweiligen Produzentinnen dann aus den (vermutlich sehr zahlreichen) Wünschen machen, ob sie sie komplett oder zum Teil ignorieren, ob sie sie rasch „abarbeiten“ oder erst einmal hinten anstellen, ist ihnen komplett selber überlassen.

Implizite Planwirtschaft

Dieses Problem mag dann als weniger gravierend erscheinen, wenn man in die Falle tappt, die ich als implizite Planwirtschaft bezeichne: Die Idee, dass eigentlich schon klar ist, was gesamtgesellschaftlich zu tun ist, und sich deshalb für alle Aufgaben nur noch jemand finden muss, der sie tatsächlich tut. In diese Falle geht etwa Stefan Meretz, wenn er schreibt: „Aus systemischer Perspektive ist es jedoch irrelevant, wer die notwendigen Beiträge leistet, sofern gewährleistet ist, dass dies durchschnittlich gesichert erfolgt.“ Tatsächlich ist in komplexen Gesellschaften sehr wenig „notwendig“. Selbst dass alle Menschen so alt wie nur möglich werden, ist nicht in einem strengen Sinne „notwendig“, wenn auch sicher wünschenswert; und daran, wie sie ihre Tage verbringen, ist fast gar nichts notwendig.

Bei geldbasierter Vermittlung entscheiden die Menschen selbst, was für sie wünschenswert ist, und zwar nicht nur als Produzentinnen, sondern auch als Konsumenten und Nutzer. Wer dabei ein begrenztes Monatsbudget zur Verfügung hat, kann immerhin selbst entscheiden, wie sie es jenseits des absolut „Notwendigen“ ausgibt – ob für eine große Wohnung, für gelegentliche größere Reisen, für ein Haustier und dessen Versorgung, für ein aufwendiges Hobby, oder in beliebiger anderer Weise. An dieser Individualisierung der Entscheidungsmöglichkeiten gibt es manches zu kritisieren, z.B. wenn Eltern selbst für ihre Kinder zahlen und im Vergleich zu Kinderlosen auf manches verzichten müssen – obwohl sie mit ihrer Entscheidung für Kinder dafür sorgen, dass die Menschheit nicht ausstirbt, was durchaus auch den Kinderlosen zugute kommt. Aber solche Ungerechtigkeiten hängen an der konkreten Verteilung von Geld, nicht daran, dass es überhaupt verwendet wird.

Und bei seiner Verwendung als „flexiblem Rationierungsmittel“ entscheiden die Menschen jeweils selbst, was aus ihrer Sicht notwendig bzw. wünschenswert ist – indem sie entscheiden, wofür sie ihr Geld ausgeben. Die Entscheidung liegt also dezentral bei den unterschiedlichen Konsumentinnen bzw. Nutzerinnen selbst, und aus meiner Sicht spricht einiges dafür, dass sie dort besser aufgeben ist als bei den jeweiligen Produzenten (ebenfalls dezentral) oder bei irgendeiner Zentralinstanz. Produzentinnen können zwar Wünsche sammeln, sie können aber nicht wissen, wie wichtig den Menschen ihre unterschiedlichen Wünsche sind. Habe ich mein eigenes Budget, kann ich entscheiden, was ich mir sofort gönne, was ich zurückstelle (und vielleicht dafür spare) und worauf ich ganz verzichte. Relevant ist dafür nicht nur mein eigenes Budget, sondern auch der Herstellungsaufwand der jeweiligen Güter, der sich in Form von Preisen niederschlägt. Kann ich hingegen meine Konsumwünsche nur in einer Art gesamtgesellschaftlicher Wunsch- oder To-Do-Liste vermerken, bin ich als potenzielle Konsumentin machtlos – ob, wie schnell und in welcher Weise mir andere einen Wunsch erfüllen, steht nicht mehr in meiner Hand.

Stigmergie?

Als Vermittlungsinstrument, um solche dezentral zusammengestellten Wunschlisten in nützliche Produkte umzusetzen, wird bisweilen das Stigmergie-Konzept genannt. Kurz gesagt bedeutet Stigmergie, dass Menschen Hinweise darauf hinterlassen, was getan werden könnte oder (aus ihrer Sicht) sollte, und andere, denen ein bestimmter Hinweis einleuchtet und die sich für einschlägig kompetent halten, diesen Hinweis dann „abarbeiten“ – ohne dass sie jemand dazu zwingt oder dafür bezahlt. Das wohl eindrucksvollste und größte Beispiel für Stigmergie ist die Wikipedia: Alle können die freie Enzyklopädie bearbeitet und Artikel erweitern oder korrigieren; niemand wird dafür bezahlt. In der Anfangszeit der Wikipedia bestanden die stigmergischen Hinweise vor allem auf „roten Links“, die auf noch fehlende Wikipedia-Artikel verwiesen. Inzwischen gibt es das fast gar nicht mehr, aber das Hinweissystem funktioniert weiterhin in Form von Kästchen über den einzelnen Artikeln, die etwa darauf hinweisen, wenn diese noch zu kurz, nicht „neutral“ genug oder in anderer Hinsicht unbefriedigend sind.

Als stigmergisches Projekt ist die Wikipedia erstaunlich erfolgreich; sicherlich hätten es sich die Macher von klassischen Enzyklopädien wie dem Brockhaus und der Encyclopædia Britannica nicht träumen lassen, dass eine Gruppe unbezahlter Amateure ihr Geschäftsmodell zerstören würde! Doch hängt der Erfolg dieser stigmergischen Selbstorganisation an ganz bestimmten Voraussetzungen, die sich für die meisten produktiven Vorhaben nicht herstellen lassen. Das Erfolgsgeheimnis der Wikipedia ist, dass all die unzähligen Hinweise unabhängig voneinander bearbeitet werden können. Ob ich einen Rechtschreibfehler in einem Artikel behebe, fehlende Quellenangaben nachrecherchiere und ergänze, schlecht geschriebene oder nicht-neutrale Absätze umschreibe oder komplett neue Artikel anlege: ich kann das jederzeit machen, ohne auf bestimmte Vorarbeiten anderer angewiesen zu sein. Ich setze einfach auf dem aktuellen Stand der Wikipedia auf und erstelle durch meine Arbeit einen neuen Stand. Wenn der neue Stand von der Community nicht als Verbesserung empfunden wird, wird sich schnell jemand anders finden, der die Änderung wieder rückgängig macht. Aber jede mögliche Änderung ist „atomar“, sie hat keine weiteren Voraussetzungen außer der Existenz und Erreichbarkeit der Wikipedia selbst.

Ganz anders bei den meisten materiellen Herstellungsprozessen: Hier sind zumeist eine ganze Reihe vorbereitender Schritte nötig. Um irgendein materielles Ding, ob Fahrrad, WLAN-Router oder Schlafsofa zusammenzubauen, müssen zunächst alle benötigten Einzelteile vorliegen; außerdem müssen alle benötigten Werkzeuge und Hilfsmittel vorhanden sein, eine passende Werkstatt oder Fabrikationsumgebung muss vorhanden und frei sein. Fehlt von den benötigten Dutzenden oder Hunderten Elementen auch nur eines, kann der Herstellungsprozess nicht beginnen oder er scheitert. Umgekehrt macht es wenig Sinn, auf Verdacht Einzelteile und Vorprodukte zu produzieren, ohne zu wissen, ob diese überhaupt irgendwo Verwendung finden werden. Noch schwieriger wird es, wenn das Gut oder seine Vorprodukte nicht lange haltbar sind oder wenn Lebewesen im Produktionsprozess eine Rolle spielen. Es reicht nicht, eine Kuh zu melken, wenn die Milch nicht anschließend gekühlt oder weiterverarbeitet wird; und wenn die Kuh nicht regelmäßig gemolken, gefüttert und getränkt wird, wird sie krank oder stirbt.

Bei den allermeisten materiellen Produktionsprozessen ist also die Atomarität der nötigen Aufgaben nicht gegeben – die meisten Aufgaben sind von diversen andern Aufgaben abhängig, die kurz davor, kurz danach oder parallel dazu ausgeführt werden müssen.

Ein weiteres Schlüsselfaktor zum Erfolg stigmergischer Selbstorganisation besteht darin, dass durch die schlechte oder falsche Ausführung einzelner Aufgaben kein dauerhafter Schaden entsteht. Bei der Wikipedia können schlechte oder böswillige Änderungen rasch durch andere rückgängig gemacht werden. Auch bei Freier Software (Open Source) spielen stigmergische Änderungen durch alle, die sich zum Weiterentwickeln der Software berufen fühlen, oft eine mehr oder weniger große Rolle. Dabei gibt es aber immer ein Kernteam oder eine Maintainerin, die das letzte Wort haben und alle vorgeschlagenen Änderungen prüfen, bevor sie sie in die Software übernehmen (oder eben auch nicht). Somit muss man als Nutzer nur dem Kernteam bzw. der Maintainerin trauen, nicht aber der vielleicht großen Anzahl weiterer Personen, die auf die eine oder andere Weise zur Entwicklung beigetragen haben.

Generell zeichnen sich erfolgreiche stigmergische Projekte dadurch aus, dass Beiträge zuerst erbracht werden können und erst hinterher geprüft wird, ob sie unschädlich sind und dauerhaft übernommen werden. Viele Tätigkeiten wirken sich aber unmittelbar aus und ihre Folgen können anschließend nicht mehr aus der Welt geschaffen werden. Nur wenige Patientinnen dürften sich einem Krankenhaus anvertrauen, dessen Pflegerinnen und Operationsteams nach dem Prinzip „hier gibt’s was zu tun, wer will denn mal?“ zusammengerufen werden. Der Schaden, den diese aus Unerfahrenheit, Fahrlässigkeit oder Böswilligkeit anrichten könnten, ist einfach zu groß. Das Prinzip „erst machen lassen, dann prüfen“, funktioniert hier nicht – und überall wo es nicht funktioniert, ist Stigmergie (so wie sie generell verstanden wird) nicht anwendbar.

Selbstausgewählte Teams?

Nun gibt es durchaus Alternativen zur Stigmergie, die einige ihrer Begrenzungen hinter sich lassen und dennoch auf der freiwilligen, vertragslosen „Selbstauswahl“ von Engagierten beruhen. Freiwillige Teams können sich zusammenfinden und sich unbezahlt („ehrenamtlich“) um bestimmte Unternehmungen kümmern – ob Krankenhäuser, Bauernhöfe oder Softwareprogramme. Die erwähnten „Kernteams“ vieler Freier Softwareprogramme funktionierten nach diesem Prinzip (freilich keineswegs immer unbezahlt – oft werden zumindest einige der Entwicklerinnen von Firmen bezahlt, die die Software selbst benutzen oder die durch Zusatzleistungen, z.B. Support, Geld verdienen). Zu solchen Teams können die potenziellen Nutzer Vertrauen aufbauen und ihre Kompetenzen überprüfen, und solche Teams können auch größere Vorhaben umsetzen, die sich nicht in zahlreiche atomare Einzelaufgaben unterteilen lassen.

Dennoch zeigt sich auch bei solchen Team der Nachteil der „einseitigen“, nicht auf explizit vereinbarter Gegenseitigkeit basierenden Selbstauswahl: Die Aktiven entscheiden nach eigenem Gutdünken, worum sie sich kümmern und welche Schwerpunkte sie sich setzen; Nutzerinnen, die selbst nicht aktiv werden, können nur unverbindlich ihre Wünsche äußern. Bei Freier Software zeigt sich dies darin, dass sie in vielen Fällen von Programmierern für Programmierer geschrieben wird. Bei jeder Art von Werkzeugen fürs Programmieren und fürs Management von Computern und Netzwerken sind Freie Programme exzellent und lassen ihre proprietären (nichtfreien) Alternativen oft weit hinter sich. Andere Arten von Software – ob Office-Programme, Grafik- und Videobearbeitung oder Spiele – gibt es zwar auch immer in freien Varianten, doch hinken diese ihren proprietäre Äquivalenten oft mehr oder weniger stark hinterher. Auch die Nutzerfreundlichkeit von Freier Software lässt aus Sicht von Nichtprogrammiererinnen oft etwas zu wünschen übrig – wer den ganzen Tag am Computer sitzt, weiß sie vielleicht zu schätzen, aber andere tun sich damit manchmal schwer.

Zum Teil liegen diese Unterschiede daran, dass proprietäre Softwarefirmen riesige Entwicklungsteams haben, mit deren Arbeit kleine Freiwilligenteams nicht mithalten können. Aber natürlich fallen auch diese riesigen Teams nicht vom Himmel, sondern bestehen aus Programmiererinnen, die wahrscheinlich zum Großteil ebenfalls nicht hinreichend motiviert wären, jahrelang freiwillig und unbezahlt an der Software mitzuarbeiten – aber das ihnen bezahlte (und letztlich von den Nutzern finanzierte) Gehalt sorgt für nötige Motivation. Und Firmen müssen, um am Markt Bestand zu haben, die Bedürfnisse und Wünsche ihrer (potenziellen) Nutzerinnen sehr ernst nehmen und ihre Produktgestaltung eng an diesen Wünschen ausrichten. „Der Kunde ist König“ ist zwar ein Slogan, der aber sehr viel Wahrheit enthält. Für unbezahlt arbeitende Freiwilligen-Teams sind die Nutzerinnen lange nicht so wichtig. Zwar fühlt es sich gut an, wenn die Software von vielen Leuten genutzt und geschätzt wird, und einige der Nutzerinnen werden früher oder später wahrscheinlich zu aktiv Beitragenden und sorgen so dafür, dass das Projekt weiterläuft. Aber letzteres sorgt wiederum für eine gewisse „Selbstähnlichkeit“ zwischen den Aktiven und deren „Lieblingsnutzern“: Entwickler entwickeln für andere Entwickler, in der Hoffnung, dass diese später auch mitentwickeln. Wer selbst nicht programmieren oder in anderer Weise beitragen kann, ist weniger interessant.

Dazu kommen bei materiellen Produkten und Dienstleistungen (Tätigkeiten) die bereits thematisierten Verteilungsfragen. Ein Softwareprojekt kann die entwickelte Software in ihrer jeweils aktuellen Version allen Interessenten zum Download anbieten. Dagegen kann eine Fahrradfabrik nicht einfach Räder für alle Interessentinnen bereitstellen – jedes weitere Fahrrad kostet Zeit und Ressourcen.

Geld und explizit vereinbarte Gegenseitigkeit sind nicht leicht überflüssig zu machen

Insgesamt ist zu sagen, dass zwar vieles gegen das Geld spricht und insbesondere gegen die Art und Weise, wie es sich im Kapitalismus „verselbständigt“ hat und als Zwang oder Drang zur Profitmaximierung alle anderen Verhältnisse dominiert. Gleichzeitig zeigt sich in historischer Rückschau aber, dass diese Verselbständigung des Profitprinzips sehr viel jünger ist als die Verwendung von Geld und aus dieser keineswegs zwingend folgt. Insbesondere ist dort, wo es zwar Märkte, aber kein Marktprinzip gibt – wo zwar Produkte gehandelt werden, nicht aber Land und Arbeitskraft – keine systematische Tendenz zur Profitmaximierung feststellbar, vermutlich weil sie ohne Marktprinzip sowieso nur sehr begrenzt möglich ist.

Zudem zeigt die Analyse, dass explizit vereinbarte Gegenseitigkeit der Art „ich gebe, damit du gibst/machst“ eine Möglichkeit menschlicher Interaktion ist, die durch andere Möglichkeiten kaum komplett und verlustfrei ersetzt werden kann – jedenfalls in „großen“ Zusammenhängen jenseits der Dunbar-Hürde, wo keine persönlichen Beziehungen zwischen allen Beteiligten mehr möglich sind. Ohne die Verwendung einer Art von Geld oder von einem dem Geld recht ähnlichen Verrechnungseinheit dürfte diese Art gegenseitiger Abkommen aber selten praktikabel sein – zu praktisch ist ein flexibles „Zwischentauschgut“ oder „allgemeines Äquivalent“, das in beliebigen derartigen Abkommen auf zumindest einer Seite auftauchen kann. Der Mythos von einer der Erfindung des Geldes vorgelagerten „Naturaltauschwirtschaft“ ist, wie wir gesehen haben, nur ein Mythos, und es wäre keineswegs plausibel, darin stattdessen die Zukunft zu sehen. Solange es explizit vereinbarte Gegenseitigkeit gibt, dürfte zu ihrer Vermittlung auch eine Form von Geld verwendet werden.

Das Nachdenken über Gesellschaftsformen, in denen explizit vereinbarte Gegenseitigkeit – und damit Geld – für niemand mehr zweckmäßig sind und daher verschwinden, kann zweifellos zu spannenden und inspirierenden Gedankenexperimenten führen. Wie dieser Text zeigt, sind die Hürden dafür aber sehr hoch. Kurz- und mittelfristig dürfte daher eine bescheidenere, aber immer noch höchst ambitionierte und zugleich extrem wichtige Frage auf der Tagesordnung stehen: Wie kann eine Gesellschaft funktionieren, in der sich die Vermittlungsformen nicht verselbständigen (etwa in Form der Profitmaximierung) und gegen die Menschen richten und in der niemand – weder einzelne Menschen noch die Natur – auf der Strecke bleibt? Geld als Mittel könnte es in solch einer Gesellschaft durchaus noch geben. Geld als Selbstzweck, dessen Vermehrung und Maximierung alle und alles untergeordnet werden, aber nicht.

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Freie Software, Theorie

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31. Juli 2017, 08:24 Uhr   13 Kommentare

1 Geldfreie Produktion (1): Subsistenz, Zentralplanung, Commons — keimform.de (31.07.2017, 12:22 Uhr)

[…] (Fortsetzung: Stigmergie und Selbstauswahl) […]

2 franziska (02.08.2017, 12:20 Uhr)

Ein Epochenübergang ist nichts harmloses; aber von nichts weniger reden wir, wenn wir von „der Alternative“ reden.

Es zeigt sich wieder und wieder: Es ist relativ leicht, sich einen Markt von einfachen „abstrakten“ Arbeitsleistungen auszudenken, und dies durch „Geld“ vermitteln zu lassen. Dabei wird vergessen, was dieses Geld sonst noch alles vermittelt, und zwar eben nicht in der „Verteilung“ („Allokation“) von Endprodukten, sondern bereits (und zwar mit denselben Gesichtspuntken, die Christian hier für die Arbeit geltend macht) in der Verteilung der Produktionsfaktoren auf systemisch und (weitgehend) zirkulär („reproduktiv“) miteinander verknüpfte (Re)Produktions- und Fortschrittsaufgaben:

A. mit den Mitteln des bestehenden Systems nicht vermehrbare Ressourcen (dafür steht grob vereinfacht „Boden“);

B. mit den Mitteln des Systems im Rahmen von A. nur in Fristen und/oder nur auf Kosten anderer reproduzierbarer Produktionskapazitäten (dafür stehen grob vereinfacht „Kapital“ und „Humankapital“, also Qualifikation und/oder besondere Leistungsbereitschaft);

C. mit den – im Rahmen von B. ohne Beschädigung des Reproduktionssystems – erwirtschaftbaren Mehrprodukten realisierbare, lohnend erscheinende Fortschrittsoptionen (dafür stehen grob: „Akkumulation, Investition, Kredit“).

Die Idee, man könne eine globale Riesenarbeitsteilung betreiben, ohne diese in die Herstellung eines Gutes einfliessenden Produktionsfaktoren in Preisen abzubilden (ab ob man das könnte, aber diesen Zweifel muss man erstmal theoretisch erhärten!) – diese Idee löst bei Befürwortern kapitalistischer Marktverhältnisse regelmässig HOHNGELÄCHTER aus: „kommunistische Naivität“ pur ist das.

Die Schwierigkeit, mit der (nicht nur) Christian kämpft, ist diese: Es gibt Eigentumsfreiheit nicht in Dosen, sondern entweder ganz oder garnicht. Eigentumsfreiheit ist nur zu machen mit Menschen, die den Eigentümer-Standpunkt gegenüber dem gesellschaftlichen (Re)Produktions- und Fortschrittsprozess (und das heisst: diesen Produktionsfaktoren gegenüber) aufgegeben haben, und ihn insgesamt als IHREN ansehen, statt als Mittel, das sie darauf hin begutachten, wie es ihren davon ganz verschiedenen Privatzwecken dient.

Das bedeutet aber, umgekehrt, dass sich dieser Prozess auch nicht mehr, wie er es heute tut, einer solchen Begutachtbarkeit und darauf beruhender Gestalt- und Lenkbarkeit durch (alle) (beteiligten) Einzelpersonen (solche wie Lenins Köchin), und das auch noch im Konsens, entziehen darf.
Genau darum muss er KOMPLETT von „unten“ her, von den elementarsten Produktionsaufgaben her aufsteigend, neu aufgebaut werden; das muss er sowieso, aus ökologischen Gründen, und zur Herstellung gleicher Lebensverhältnisse überall auf der Welt (überall da zumindest, wo dazu gute Vorausetzungen bestehen).

Neben den sich anbahnenden ökologischen und Ressourcen-Katastrophen ist dabei die Zersplitterung der (Welt)Bevölkerung eine entscheidende Randbedingung, unter der die zu kollektiver Vergesellschaftung Entschlossenen antreten. Die Frage, ob und von welcher Seite „wir“ (wir wenigen, die wir selbst unter uns noch uns den Luxus der Gesprächsabbrüche und alternativ des Polemisierens leisten) mit Zuzug rechnen dürfen, ist für das Vorgehen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten entscheidend.
Wir sind wenige, aber das macht (derzeit; noch) nichts.
Unsere Aufgabe besteht darin, Produktion dezentral-lokal, robust, naturnah und -verträglich, nachhaltig und IN DIESEM RAHMEN ressourcen- und arbeits(zeit)-produktiv entlang existenzieller Prioritäten (Essen – Wohnen – Arbeitsmittel) völlig neu aufzubauen.
Sie besteht GLEICHZEITIG darin (darum vor allem muss Arbeitszeit eingespart werden!), uns aufmerksam, verständig und hilfreich zu unserer Umgebung zu verhalten, wozu womöglich auch, immer wieder, zwischenzeitlich, die nötige Distanz (zum Teil auch räumlich zu verstehen) gehört.

Der Aufbau wird mit Sicherheit in hohem Mass und noch lange Zeit Mittel erfordern, die im Rahmen der neu aufzubauenden Produktionsweise erst später verfügbar zu machen sind (wenn überhaupt): Keimform im Schoss der alten Produktionsweise und Gesellschaft.
„Wir“ sind die Minderheit, die das Neue „im Schoss der alten Gesellschaft“ vorbereiten muss. Wir sollten uns endlich als solche verstehen und verhalten.

3 Carlo (02.08.2017, 17:37 Uhr)

Ich habe nun alle 3 Artikel mit großem Interesse gelesen. In meinen Augen stellt aber nicht das Geld das Problem dar. Geld ist nur ein von Menschen erdachtes Werkzeug. Das eigentliche Problem besteht meiner Ansicht nach im verbreiteten Menschenbild. Ich würde den Lösungsansatz hier zuerst suchen und nicht in der Wirtschaft. Die Art und Weise der Produktion und Verteilung muss sich am Menschen orientieren und nicht in die andere Richtung.

Wenn »wir« als Menschen zusammen leben möchten, und Humanisten wollen doch alle sein, kann menschliches Leben kein Wirtschaftsgut sein, weder im Ganzen, noch in Teilen. Menschenwürde ist nicht (ver)handelbar.
Das heute in der »westlichen« Welt verbreitetste Menschenbild – ein ökonomisches, eine eindimensionale Reduzierung auf die Arbeitskraft (Die Eindimensionalität der Betrachtung hindert ebenfalls, die Gesellschaft anders als hierarchisch zu denken. Versteht man jeden Menschen wie ein Neuron, mit mehreren Andockstellen, würden andere Gesellschaftsstrukturen vorstellbar. Stichworte neuronale Netzwerke und Heterarchie.), ist stark vom Menschenbild der antiken Sklavenhaltergesellschaften geprägt. Nicht umsonst basiert das moderne Arbeitsrecht auf dem römischen locatio conductio operarum, welches sein Modell im locatio conductio rei hatte. Auch die unterschiedliche Wertschätzung menschlicher Tätigkeiten wurde übernommen (artes liberalis/artes mechanicae).
Eine wissenschaftliche Begründung dafür, was ein Menschenleben wert sein soll, gibt es nicht. Dieser Wert wird willkürlich bestimmt. In vielen Köpfen ist verankert, dass der Wert des Menschen so viel ist, wie jemand für die Benutzung seiner Kraft zu zahlen bereit wäre (frei nach Hobbes). Willkürlicher Wert und willkürlicher Preis. Willkür als wichtigstes Prinzip der Gesellschaft.

Dabei tut sich das nächste Problem auf: Wie misst man menschliche Leistung, damit man überhaupt einen Wert ermitteln kann? Wie ist es möglich die Leistung eines Bergmannes, einer Hausfrau, eines Sängers, eines Blogschreibers, eines Polizisten, eines Ehrenamtlers, eines Fischers, eines Arztes, eines Profisportlers, eines Ingenieurs, eines Kloputzers … zu messen, um sie miteinander zu vergleichen? Wer bestimmt, wer mit welchem Lebensstandard auskommen muss? Bei der Beantwortung der Frage muss man betrachten, dass jede menschlichen Leistung neben Zeit auch Energie, Talent, Wissen, Interesse, Emotionen, Gesundheit beinhaltet.  Was wäre der materielle Gegenwert für eine Stunde Lebenszeit oder Gesundheit? Was ist ein Lungenkrebs eines Lackierers oder einer asiatischen Textilarbeiterin oder ein Burnout einer Krankenschwester wert?

Mit unterschiedlicher Fragestellung, wird man zu völlig verschiedenen Ergebnissen zum Zusammenleben in der menschlichen Gesellschaft kommen. Geld ist ein Werkzeug, Mittel zum Zweck. Es ist aber nicht die Ursache der Probleme der Gegenwart. Man kann es [Geld] unterschiedlich gestalten und verwenden. Es wäre mit seiner Hilfe möglich, eine Gesellschaft innerhalb sehr kurzer Zeit komplett zu verändern (sogar ohne jemandem Eigentum wegzunehmen). Zum Nutzen aller oder zum Nutzen weniger. Das Letztere erlebt man heute. Kaufkraft (wenigstens für eine Übergangsphase braucht man sie für an Geld gewöhnte Menschen) kann sich in einem Facebook-Like (Geld ohne Umlauf), in einer Münze, einem Stück Papier oder Holz, in Bits&Bytes, … verstecken. Aber davor muss man sich entscheiden, wie man in Zukunft miteinander umgehen will. Basierend auf Menschlichkeit und Gleichwertigkeit oder nicht. Denn danach richtet sich die Verteilung der erzeugten Güter und Dienstleistungen.
Im Gegensatz zu den zahlreichen Bekundungen der Führer von Politik, Parteien, Wirtschaft und Religionen existiert auf diesem Planeten kein Staat auf der Basis von Humanismus und Freiheit. Ich bin sicher, dass die wirtschaftlichen Möglichkeiten längst ein anderes Leben auf der Erde ermöglichen könnten. Allein, es fehlt der politische Wille. Möchte man tatsächlich nach humanistischen Grundsätzen leben, nicht nur auf geduldigem Papier, muss man das Bestehende radikal überdenken.

Und noch »ein« Nachsatz: Ich gehe nicht davon aus, dass Menschen für Geld arbeiten. Ich denke, dass sie Güter und Dienstleistungen im Auge/Kopf haben, welche man dafür erwerben kann. Das bedeutet, dass ein Mensch seine Leistung in die Gesellschaft einbringt und dafür von der Gesellschaft mit anderen Leistungen versorgt wird. Das Problem, was gesellschaftlich gelöst werden muss, um den bestmöglichen Lebensstandard aller Menschen zu erreichen, liegt im Zusammenspiel von Bedarf und Kapazität und nicht in Angebot und Nachfrage. Es geht dabei nicht um Gleichheit, sondern um Gleichwertigkeit von Menschen. Wie schon geschrieben: Es kommt darauf an, wie man auf die Probleme der Zeit schaut, welche Fragen man stellt und welches Ziel man erreichen will.

4 Perikles (04.08.2017, 00:00 Uhr)

Eine weitere Überlegung die mir in Bezug auf Franziskas und Niko Paechs Ausführungen zum „Limit“ der Biosphäre eingefallen ist besteht in der grundlegenden Problematik wie industrielle Produktion möglich sein soll die nicht die heutigen so genannten „externen Effekte“ mit sich bringt und nicht auf endloses quantitatives Wachstum angewiesen ist. Dies würde jedenfalls bedeuten den Lebensstandard des Globalen Nordens herunterfahren zu müssen bzw. stark „umzuschichten“.

Das betrifft nicht nur die Oberklasse sondern genauso den „Otto-Normal-Verbraucher“, der eben auch aus der Lohnarbeiterklasse kommt. Gerade im Zusammenhang des am 02. August dieses Jahres erreichten „Weltüberlastungstages“ (d.h. seit dem Tag lebt die Menschheit auf Pump, ergo über die gegebenen Ressourcen) und der Erkenntnis, dass auch Solarenergie und Elektrofahrzeuge in der Gesamtbilanz nicht unbedingt besser abschneiden als mit fossilen Brennstoffen betriebene Technologie, stellen sich fundamentale Fragen um die viele Linke herumschippern, da sie mit einer solchen Produktivkraft-Kritik die Vorstellung einer kommunistischen Überflussgesellschaft begraben müssten. Jedenfalls denken sie das – und vermutlich ist da was dran.

Denn wenn massenhafter Automobil-, Schiffs-, und Flugverkehr nicht machbar ist ohne die Biosphäre für das momentan gegebene Leben auf der Erde immer unwirtlicher zu machen, würde dies bedeuten Verzicht predigen zu müssen bzw. mehr aus dem Ärmel schütteln zu müssen als Kampagnen für höhere Löhne und höhere Steuern für Vermögende. Die ganze Nummer der Konsumankurbelung (und des damit immer mitschwingenden Links-Keynesianismus) wäre nicht zukunftsfähig.

Ich finde es erstaunlich wie selbst auf Seiten der (radikalen) Linken diese Tatsachen nur mit Zähneknirschen bejaht werden und man auf irgendwelche ominösen Hochtechnologien verweist die uns in Zukunft schon aus dem Schlamassel befreien würden, so dass niemand das bisherige industrielle System und die gegebenen Konsumgewohnheiten hinterfragen muss und wir „wieder zur Tagesordnung übergehen“ können.

Gemeinhin wird Wachstumskritik sogar als „Verzichts-Ideologie“ abgewatscht und in die Nähe ökofaschistisch-biologistischer Blut- und Boden-Ideologie gerückt. Das alles sei reaktionär da es zur Immobilität und Re-Regionalisierung von Produktion und Lebensweisen führen würde. An dieser Kritik mag was dran sein. Mir missfällt nur wie eine solche negative Entwicklung postwachstums-orientierter Überlegungen als zwangsläufig angenommen wird und man meint mit dieser Form von „Ideologiekritik“ wäre alles Wesentliche gesagt. Wobei viele Argumente schlichtweg Strohmann-Argumente sind.

Die „westliche Welt“ hat mit ihrem Lebensstandard ungefähr Mitte/Ende der 1960er Jahre den Punkt erreicht an dem ihr Konsumniveau und ihr Energieverbrauch nicht weiter hätte steigen dürfen. Ungefähr zur gleichen Zeit wurde die Gesellschaft immer komplexer und der Keynesianismus kam an sein Ende und wurde schrittweise durch den Neoliberalismus ersetzt. Keynes selbst war es allerdings der in seiner Abhandlung „Economic Possibilities for our Grandchildren“ von der Möglichkeit einer Ökonomie ohne quantitatives Wachstum sprach.

Haben wir es also obendrein mit einem Komplexitäts-Problem zu tun, derart, dass die Gesellschaft inzwischen viel zu unübersichtlich wurde als dass sie noch (räte-/basis-)demokratisch/demarchisch und wirklich ökologisch nachhaltig funktionieren kann? Ginge es also auch um eine Art „Rückbau“ um überhaupt in die Nähe ökologisch verantwortlicher und postkapitalistischer/kommunistischer Vergesellschaftung zu kommen?

Soweit einige Gedanken.

5 Perikles (04.08.2017, 00:47 Uhr)

PS: Hier übrigens John Meynard Keynes‘ 1928 gehaltene Rede „Economic Possibilities for our Grandchildren“ in deutscher Übersetzung: http://www.sokratischer-marktplatz.de/pdf/Text_Keynes_Enkelkinder.pdf

6 franziska (04.08.2017, 10:17 Uhr)

Die Antwort von Carlo verweist einmal mehr auf den Schwachpunkt in Christians Geld-Überlegungen (insofern bezog sich meine Antwort auch auf Christians Erwiderung in „Geldfreie Produktion (1)“): Im „kapitalistischen“ Geld ist nun mal alles mit allem verknüpft; „Menschen“ haben es nicht nur „miteinander“ zu tun, bringen nicht nur Leistungen ein und melden „Bedarf“ an, sondern sie verwalten, wie hierarchisch-ungut-arbeitsteilig auch immer, ihrer (aller Produktions-) „Kapazitäten“ und deren Fortschritt (wohin auch immer der geht). Da ist nichts abtrennbar, und wer anfängt, DAZU eine Alternative zu suchen, muss sie eben auf der Stelle GANZ finden – oder er hat keine.

@Perikles Eine nachmoderne Technologie ist ausgezeichnet durch technische Eleganz, Raffinesse, fein durchdachte Synergien, und vor allem: Sie ist auf Zwecke bez9gen, die sich im Rahmen einer bedürfnis-gerechten Lebenseinrichtung ergeben. Da ist technologisch rein garnicht von Verzicht die Rede, eher von Opulenz. Nur eben nicht im Sinne von Tonnenideologie, Science fiction (!), und „High“ (tech) aller Art, sondern eher im Sinne von… Intelligenz. (das gilt speziell für den Umgang mit „Natur“, genauer: der Biosphäre der wir angehören.)

PS: In meinem Beitrag oben muss es im Punkt B. heissen:
„..nur in Fristen und/oder nur auf Kosten anderer ERWEITERT reproduzierbarer (ODER VERMEHRBARER) Produktionskapazitäten“.
Und, etwas weiter unten im Text: Die „Eigentumsfreiheit“ gibt es nicht „dosiert“ (in geringerer oder höherer Dosierung). Eingedost („in Dosen“) gibts sie wohl eher nicht 😉

7 Perikles (04.08.2017, 13:45 Uhr)

Franzsika, das wäre eben die Frage ob man also vollkommen ohne Märkte und Verrechnungseinheit in Form eines Art Geldes auskommen muss und überhaupt kann (!).

Wird dies als Ziel gesteckt, sind wir wiederum bei den von Christian genannten Kritikpunkten an planwirtschaftlichen Vorstellungen bezüglich größerer Vernetzungszusammenhänge, Selbstauswahl, der Zentralität- vs. Dezentralitäts-Debatte und Rationierung.

Dass keine Mischformen möglich seien, es also „Eigentumsfreiheit nicht in Dosen gäbe“ (ich habe hierzu beispielsweise auf Diane Elsons Überlegungen zu „sozialisierten Märkten“ verwiesen, welche die Kritik an Plan- und Marktsozialismus beinhaltet und eine Art Querüberlegung darstellt) ist erst einmal eine Behauptung, die ich nicht für zwingend halte. Sicher dürfte aber sein, dass es ein Mehr an gesellschaftlich koordinierter Planung bedürfe. Dabei ist unklar wie diese politsch-ökonomisch vermittelt werden kann.

Bezüglich der Technikfrage skizzierst du eine Technologie wie du sie dir wünschst und wie sie durchaus sympathisch klingt. Die Frage wäre worauf du dich hierbei beziehst und ob es bereits konkrete Beispiele gibt.

Weiterhin halte ich es für fraglich ob es in speziellen Bereichen wie der Medizin und bestimmten Forschungseinrichtungen nicht weiterhin Hochtechnologie bedarf bzw. diese hier sogar um einiges massiver befördert werden müsste und inwiefern nicht gerade eine solche Hochtechnologie notwendig ist um naturschonender vorzugehen als heute. Allerdings bleibt natürlich die Frage des mitunter immensen Rohstoff- und Energieverbrauchs zahlreicher High-Tech-Maschinerie. Bisher jedenfalls.

Insgesamt sind mir deine Ausführungen noch zu abstrakt und ein Verweis auf gegebene  oder geplante Projekte und greifbare Beispielszenarien wäre hilfreich um deine Überlegungen vorstellbarer zu machen.

8 Christian Siefkes (05.08.2017, 13:07 Uhr)

@franziska #2 und #6:

Es gibt Eigentumsfreiheit nicht in Dosen [dosiert], sondern entweder ganz oder garnicht.

Ich würde dem entgegen, dass Eigentumsrechte vielmehr immer gesellschaftlich vermittelt und in unterschiedlicher Ausgestaltung auftreten; es ist keine Frage von „ganz oder gar nicht“, sondern von „was, unter welchem Umständen, mit welchen Konsequenzen?“ Wer behauptet, dass „Eigentumsfreiheit nur ganz oder gar nicht“ zu haben ist, hätte vor 200 Jahren auch zu dem Schluss kommen müssen, dass Eigentumsrechte an Menschen (Sklaverei) nicht aufhebbar sind, ohne das Eigentum komplett abzuschaffen. Inzwischen stellte sich heraus (zumindest in den kapitalistischen Zentren): Doch, das geht.

Viel besser als eine streng binäre Konzeption von „ganz oder gar nicht“ ist die Analyse von Eigentum als Rechtebündel, wie sie in der Commonsbewegung verbreitet ist. Ich hatte dazu schon mal gebloggt.

Da ist nichts abtrennbar, und wer anfängt, DAZU eine Alternative zu suchen, muss sie eben auf der Stelle GANZ finden – oder er hat keine.

Also müssen wir 10.000 Jahre Zivilisation wegschmeißen und wieder ganz von vorne anfangen? Es gibt natürlich durchaus Leute, die das so sehen, aber ich finde das Hegel’sche Konzept des „Aufhebens“ da hilfreicher: das Gute bewahren, das Schlechte entsorgen, und das schon in die richtige Richtung Zeigende weiterentwickeln.

9 franziska (06.08.2017, 12:57 Uhr)

(Langer Beitrag. Textteile von nachrangiger Wichtigkeit sind kursiv.)
 
Wir sind in einer Art Trilemma, es scheinen immer nur zwei von drei Zielen realisierbar:
1. die Prioritäten der Einzelnen in ihrer Lebensführung und -planung;
2. die erreichte Komplexität der modernen Produktionsapparate und ihre Anforderungen an „user“ und „Bediener“;
3. Steuerung, Gestaltung, Planung mit den je vorgegebenen Möglichkeiten auf Zwecke hin.
((Es war und ist das Versprechen des gegenwärtigen kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Systems, mit seinen Mitteln alle drei Aufgaben im Verbund lösen zu können.
Wir diskutieren hier, weil uns dies Versprechen entweder an sich bereits unhaltbar, oder nur mit unerträglichen Kosten einlösbar erscheint.))
Die drei grossen Gruppen an Vorschlägen, die radikal „alternativ, geld- und marktfrei“ operieren, sind charakterisiert durch denjenigen Punkt unter den dreien, auf den sie verzichten:
1′. die „demarchische“ Zentralplanung,
2′. die ökologische und modernitätskritische technologische bzw. Produktivkraft-„Vereinfachung“
3′. die alternativ-vermittelnden Geld- und anderen Steuerungsformen wie zB Stigmergie.
Zu jedem dieser utopischen Entwürfe gehört die Versicherung derer, die ihn vertreten, dass die vorgesehene Einbusse verkraftbar sei, bzw eben durch „intelligente“ Handhabung der Herausforderung sogar in Errungenschaften verwandeln könnten.
Einwände, die sich einzig gegen den unbewältigten Punkt der je andern wenden, können wir uns sparen, wenn uns die drei Optionen selber klarsind.
Ebenso können wir ausser prinzipiellen Erwägungen und einigen praktischen Ansätzen einander nichts Nennenswertes vorzeigen, was zu einer Vor-Entscheidung hinsichtlich der praktischen Umsetzbarkeit beiträgt – die Einwände der je anderen Seite sind mit dem derzeit verfügbaren Wissen nicht endgültig zu entkräften.
Es geht da eigentlich eher um sehr grundsätzliche Entscheidungen, welcher Art Experiment man sich verschreiben, und wofür man Mitstreiter gewinnen möchte.

((Das auch zur Anfrage von Perikles an mich oben. Keimform wird sich nicht in ein alternativ-agrar-wissenschaftliches, bau-ökologisches oder Verfahrens- und Material-technisches Forum verwandeln. Es geht eben drum zu begründen, warum man überhaupt in eine bestimmte Richtung forschen will. So virtuos sind wir – speziell in ökologisch fortgedchrittenen Disziplinen – technologisch nicht aufgestellt, dass da schon mal vorab die Lösungen in Lehrbüchern aufgereiht zur Übernahme angeboten wedren könnten. Es ist bei lebenden Systemen die Frage, ob das überhaupt je der Fall sein wird. Angefangen bei uns. Kann es sein, dass du die Leistungsfähigkeit der Medizin ein klein wenig über- und die krankmachende Wirkung eines Lebens mit 100.000en Chemiegiften, Immissionen aller Art, Anforderungen moderner Berufstätigkeiten selbst oder gerade unter entwickelt-urbanen Bedingungen unterschätzt? Vom Krieg und andern Katastrophen ganz zu schweigen. (Ich buche das Letztre unter dem Bloch’schen Term „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ oder „Gefällesituationen aller Art“. Für mich ist die politische Handlungsfähigkeit der kollektivistisch orientierten Bevölkerungsminderheit ein zentraler Bestandteil der Gesamtstrategie. Nochmal so ein „Gesamt“, wo die (kollektiven) Ressourcen nicht einfach mehrfach verbraucht werden können, sondern sorgsam auf Prioritäten verteilt werden müssen.))

Mein Plädoyer für den Verzicht auf 3′ unterscheidet sich von den andern beiden, dass die Produktivkraftebene in die Auseinandersetzung über ein alternatives Produktionsverhältnis mit einbezogen ist.
Anders als die andern, sehe ich auch die Notwendigkeiten und Anforderungen einer bedürfnisgerechten Lebensführung nicht als verfügbar und in frei gestaltbaren Lebensentwürfen übergehbar an.

„Zivilisations-“ (eigentlich eher nicht) und Industrie-kritisch (schon eher) ist dieser Gesichtspunkt, weil er das in die Lebensführung Eingreifende (und sie Beschädigende) fortgeschritten-global-modern-arbeitsteiliger Produktionsweisen nicht allein dem Produktionsverhältnis anlastet, und dabei die Frage aufgeworfen wird, wieviel von diesem elenden „Reich der (selbstverordneten?) Notwendigkeit“ ins „Reich der kollektivistischen Freiheit“ mit übernommen werden muss, und wieviel durch (einzig kollektivistisch realisierbare?) Technik-Utopien in Richtung Automatisierung, Individualisierung, Entlastung (aller Art, auch ökologisch) erreicht werden kann.

((Diese technischen Utopien werden übrigens bei Erörterungen wie jetzt denen von Christian, wenn überhaupt, dann einzig betrachtet als begünstigende und irgendwie schon gegebne Voraussetzungen; fast immer wird unterstellt, dass man diese Utopien zügig realisieren kann, und zwar auch und gerade mit Arbeitsteilungs-, Steuerungs- und Vermittlungsformen, die solche Technik eigentlich schon voraussetzen, Aber gut; wenn man fest entschlossen ist, es auf diesem Weg zu probieren, zählen solche Anfangshindernisse nicht.))

Ich glaube nun nicht, dass ein Hinweis wie meiner geeignet ist, die Aufmerksamkeit der hier Schreibenden und/oder Lesenden in „meine“ Richtung zu lenken.
Deswegen noch ein Gedanke zu Christians Erwiderung.

Die 3-4 „knappen“ und zT in reproduktiven Kreisläufen festgelegten Produktionsfaktor-Gruppen jenseits der „abstrakt“ (oder eben auch nicht, sondern mit individuellen Vorlieben und Vorgaben hinsichtlich Art des Einsatzes und des Ertrags) eingebrachten Arbeitsbereitschaft sind von JEDER Entscheidung, die über genau die abstrakte Handhabung dieses Produktionsfaktors „Arbeit“ hinausgeht, unmittelbar betroffen – ihr ZUSAMMENHANG, ihr Wechselwirken miteinander ist betroffen. Genau das ist impliziert mit der Behauptung, dass die ganze Produktion neu aufgebaut werden muss, sobald man anfängt, sie erstmals auf Zwecke jenseits der blossen Weiter-Entwicklung und des Produktiv-Machens vorhandener technologischer Optionen auszurichten.

Bezieht die Einzelperson diese Produktion (von der sie auch möglichst garnichts mitbekommen will) uneingeschränkt auf „ihre“ Privatzwecke, dann herrscht (spätestens) Konkurrenz um die genannten Gruppen von Produktionsressourcen, wie immer die dann auch ausgetragen wird (wie anders als kapitalistisch?).
Anm. Alle Probleme vereinfachen sich scheinbar, wenn man eine zwar moderne, aber statische Wirtschaft unterstellt. Angesichts der aufgehäuften Existenzrisiken können wir uns ein solch beschauliches Weiterwerkeln auf dem erreichten „Status (wenns denn einer wäre) quo“ leider nicht leisten. Wir sind zur Dynamik und schnellem kollektiven Lernen verdammt – „bei Strafe des Untergangs oder mörderischer zivilisatorischer Rückschritte“.  

Unentschieden bleibt die Frage, wie eine Konkurrenz der Wünsche, die sich auf die Gestaltung der gesamten Produktionsweise beziehen, auszutragen wäre (Riskantheit, Forschungsaufwand, Fortschrittsgeschwindigkeit – auf welchen Feldern?, Bedürfnisgerechtheit, ökologische Verträglichkeit uvam).
Die besondere Pointe meines Einwands war:
Entweder, man ignoriert solche Wünsche oder Forderungen völlig – jeder hat nun mal nur für sich selber zu sorgen, extreme Restriktion.
Oder, es entsteht das Problem, wie sich die Einzelnen mit ihren Prioritäten überhaupt auch nur „kompetent“ zum Ganzen ihrer aller (Re)Produktion stellen sollen. Dieses Ganze ist primär relevant unterm Gesichtspunkt allgegenwärtiger reproduktiver Abhängigkeiten (das nicht-„Atomare“ der Einzelproduktion) – die Eigentums- und Rechtsformen, in denen darüber verfügt wird, kommen lang danach (und müssen sich an diesen Rahmen halten). Die Frage ist erstmal: ob und wie überhaupt darüber zu verfügen ist. Die Antwort von modernitäts- und industrie-kritischer Seite ist: Garnicht wird verfügt, und auch die Bewältigungus- und Kompensationsfähigkeiten des „Systems“ sind längt illusionär.

(Ich deute nur an: Nach meiner Überzeugung sind Preise und Preiskalkulationen durch Einzelbetriebe unfähig, die realen Einflüsse von Nachfrage nach den 3-4 grossen Produktionsfaktorklassen konsistent abzubilden.
Dies widerspricht selbstverständlich auch den Aussagen des 3.Bands des Kapitals, wo versucht wird, eine solche Konsistenz abzuleiten, wesentlich gestützt auf die angeblich besondre Profitabilität lohnintensiver Branchen (ua Grundrente!), und auf eine theoretisch trübe Darstellung der Herkunft des „Extraprofits“ als Ergebnis produktiv-innovativer Investitionen.)

10 Simon Sutterlütti (08.08.2017, 18:08 Uhr)

#Stigmergie: Es kommt mir vor als hättest du Stigmergie nicht richtig verstanden. Stigmergie bedeutet zuerst einmal nur das es ein hinweisbasiertes System gibt. Diese Hinweisen stecken entweder direkt in den Dingen oder werden zusätzlich zu diesen kommuniziert. Auch ein Markt ist ein stigmergisches System. Wenn wir also sagen, der Commonismus ist auch Stigmergisch, heißt das noch nicht viel. Es ist eher eine Aussage darüber wie gesellschaftliche Vermittlung als ’selbständiges‘, losgelöst vom interpersonalen funktioniert. Damit ist mit dem Konzept Stigmergie auch noch nicht alle Fragen einer commonistischen Vermittlung beantwortet. Es zeigt nur auf wie Informationen/Hinweise transportiert werden.

In einer commonistischen Gesellschaft wird es Konflikte geben – über allerlei Dinge z.B. wollen wir lieber mehr Erdbeere oder Schulen herstellen im nächsten Jahr. Die Konflikte müssen auf interpersonalen Ebene entschieden werden. In vielen verschiedenen Orten für vielen verschiedenen Ebene (polyzentr. Selbstorga).

#Einbezug der Bedürfnisse der Nutzenden: Das find ich schon spannender. Ich find es relativ einsichtig, dass Menschen wenn sie iwo freiwillig beitragen auch Mittel herstellen wollen die für andere Menschen sinnvoll sind. Darin ‚realisiert‘ sich ihr produktives Bedürfnis nach gesellschaftlicher Teilhabe. Dies ist natürlich nur ein Nahelegungsverhältnist, die Leute können auch einfach komischen Mist herstellen. Jedoch werden Commons die komischen Mist – wie bspw. bedienungsunfreundliche Software – herstellen höchstwahrscheinlich zerfallen, weil es nicht wirklich Spaß macht Mist herzustellen.

#Keine Versorgungssicherheit: Warum soll es keine Absprachen zwischen Commons geben? Die sagen dann halt, dass sie diese 500 Schrauben und 10 Eisenteile bis zum 3.Februar wirklich brauchen. Wenn die nicht kommen, wird aber nicht die erste Reaktion eine Sanktion sein: Diese scheiß Schraubenherstellenden. Sondern es macht viel mehr Sinn nach den Gründen für die Verspätung zu suchen und vielleicht das Schrauben-Commons zu unterstützen bei der Problemlösung.
Eine spannende Frage finde ich hier nach Sanktionsmöglichkeiten: Vl bekommt ein unzuverlässiges Commons iwelche Bemerkungen oder Bewertungen?

#Implizites Planwirtschaft: Junge, Junge. Planwirtschaft hat für mich immer ein Leistungsprinzip. Commonismus ist also niemals Planwirtschaft. Aber ich wills mal ernst nehmen: Bei Stefnas Zitat geht es um eine Grundaussage der Kritischen Psychologie: Die Gesellschaft funktioniert auch ohne meine Beteiligung. Stefan behauptet an keiner Stelle, dass dieses ’notwendige‘ schon klar ist. Nein, es ist ein Prozess der gesellschaftlichen Aushandlung: Was ist uns wichtig herzustellen?

Also aus deiner Feststellung, dass die Herstellenden nicht dazu gezwungen werden die Bedürfnisse der Nutzenden zu einbeziehen folgerst du, dass sie das nicht tun werden. Da du commonistische Vermittlung nur als ‚automatische Stigmergie‘ denkst, folgerst du, dass es keine Absprachen oder Sicherheiten geben kann. Darum zurück zum Geld als Mittel statt Selbstzweck (im Chor mit Gemeinwohlökonomie, Gesellianer*innen, und der bürgerlichen Mitte). Also irgendwie alles nicht überzeugend …

Tut mir leid, dass ich hier und da böse klinge. Ich hätte das natürlich auch alles wieder bereinigen können, aber ich bin schon auch enttäuscht … Weniger von der Frage nach dem Einbezug der Nutzenden (die Frage find ich schon länger spannend), aber von dieses Unverständnis der Stigmergie (nähmlich als Teil der Vermittlung nicht als Ein und Alles), die du auch seit mehreren Jahren mitvertrittst und dem Vorwurf der Planwirtschaft ….

11 Wolfgang Tah (08.08.2017, 20:02 Uhr)

@Christian
[Dieser Text entstand im Rahmen des von der Volkswagenstiftung geförderten Forschungsprojekts Die Gesellschaft nach dem Geld.]
Ich habe den Eindruck, dass Du gar keine Vorstellung von einer Gesellschaft nach dem Geld hast.
Dein Untersuchungsgegenstand bleibt stets auffällig abwesend.

„Das Nachdenken über Gesellschaftsformen, in denen explizit vereinbarte
Gegenseitigkeit – und damit Geld – für niemand mehr zweckmäßig sind und
daher verschwinden, kann zweifellos zu spannenden und inspirierenden
Gedankenexperimenten führen. Wie dieser Text zeigt, sind die Hürden
dafür aber sehr hoch.“
Die Hürden scheinen für Dich zu hoch.

Und fast wie zu erwarten steigt, wie Phönix aus der Asche, das sog. „Gute Geld“ wieder mal empor.

Heiter weiter …

12 franziska (09.08.2017, 10:55 Uhr)

Ich antworte nochmal, weil ich auch auf Stefans Beitrag drüben zur Dunbar-Zahl erwidern möchte, aber das Zerreissen von zusammengehörenden Diskussionssträngen vermeiden möchte.

Denn die Dunbar-Zahl steht ja für etwas: nicht bewältigbare Komplexität.
Hier: nicht bewältigbare Komplexität der Abstimmung, Partizipation, Konsensbildung und Koordination zwischen beteiligten (Massen von) Einzelpersonen. Die utopisch demarchische Zentralplanung 1′ soll da helfen, was allgemein zurecht bezweifelt wird.
Aber auch die beiden andern von mir oben genannten alternativen Vergesellschaftungs-Ansätze stellen (Vereinfachungs)Versuche angesichts ansonsten nicht (oder nur vermeintlich, mit kapitalistischen Märkten und Geld usw) bewältigbarer Komplexität dar:
2′: die Unüberschaubarkeit (für egal wen) des riesigen gobalen Reproduktionssystems ;
3′: die extreme Vielfalt der Gesichtspunkte, aus denen Prioritätenkonflikte (und damit Komplexität der Planung, Gestaltung, Steuerung) erwachsen.

Es sind damit zwei in der aktuellen radikalen Linken häufig anzutreffende Grundpositionen infragegestellt:

1. In der Herstellung der materiellen Voraussetzungen des je nächsten historisch anstehenden Produktionsverhältnisses soll man immer nur die CHANCE sehen, aber nicht die Not und Notwendigkeit, der man ohne den Übergang in dies neue Produktionsverhältnis nicht gerecht werden kann.

2. „Wir sind ja bereits vergesellschaftet.“ Aber: Die Epochen-und Übergangs-Krise erweist ja gerade schlagend (eher sogar: vernichtend) die Unangemessenheit der „alten“ Vergesellschaftungsweise angesichts der auf ihren Grundlagen erarbeiteten historischen Fortschritte: Angesichts dessen ist Vergesellschaftung an sich infragegestellt; das neue Produktionsverhältnis ist ein immer dringlicheres Desiderat, aber wie man an (nicht nur) unseren Debatten sieht, ist es leider damit noch nicht umgesetzt.
(Das Schwadronieren der Klassiker, wie einfach die Planung in der freien Produzenten-Assoziation sein würde, mag auf die französische Provinz der 1860er und 1870er Jahre zugetroffen haben. 2017 darf (und muss) man das getrost vergessen.)

Ich merke das an, weil man den Idealismus, den Glauben an eine über alle Zusammenbrüche fortbestehende Vergesellschaftung, durch die wir schon mal vorab alle verbunden wären, auch bei Stefan drüben ausgesprochen sieht. „Vergesellschaftet“ sind wir derzeit, mit Müh und Not, über die jämmerlichen bürgerlichen Vermittlungsformen „Medien“, Institutionen, Normen:
Markt/Geld/Preise/“Angebot und Nachfrage“;
Demokratie/Rechtsstaat/Regierungs-Behörden;
autoritär verfasste Öffentlichkeit, bürgerlich(-hegemonial)e Kultur und Lebensformen.
Was immer an Misständen zu beklagen ist, resultiert spätestens heute unkorrigierbar aus der Unfähigkeit, die aus dem erreichten Stand der Produktivkräfte uns erwachsenden Probleme (und die aufgrund fehlschlagender Versuche ihrer Bewältigung hinzukommenden) mit diesen Mitteln zu lösen.

Man könnte im Wort „nicht bewältigbare Komplexität“ fast das Epochenproblem gefasst sehen, das aus der gelösten Aufgabe der „Entwicklung der Produktivkräfte“ resultiert. Da sind sie nun, diese ganzen (Produktions)Mittel, unsagbar entwickelt und „sich“ immerzu noch weiter entwickelnd  – aber ihre Beziehung auf Zwecke, „unsere“ Zwecke, statt auf „ihr“ ewiges Sich-weiter-Entwickeln, steht aus: Mittel zur Mittelentwicklung verwenden, ist der einzige Zweck, der vergesellschaftbar erscheint. Andres schaffen „wir“ nicht.

EINE Quelle von Konsens und Koordination (jenseits der Dunbar-Hürde) wird völlig vergessen:
Die Besinnung auf Prinzipien der Produktion und Lebensführung, die allgemein zuverlässig geteilt sind, derart dass Arbeits- ja sogar Wissens-Teilung (genau abgestimmt) ohne Dauerkontrolle und -abstimmung funktionieren, weil alle sich drauf verlassen können, dass „die Andern“, an ihrem Ort, so handeln werden wie man selbst – „alle können alle vertreten“.
Aber das setzt ein begriffliches Durchdringen der gesamten relevanten und geteilten Existenz- und Produktions-Bedingungen voraus, wie man es heute nicht mal in Ansätzen antrifft.
Statt: Wie verteidige ich meine (zufälligen) Besonderheiten, und wo kann ich sie halbwegs nützlich einbringen, könnte die Frage ja auch mal lauten: Was hab ich mit anderen gemeinsam, und welche Unterschiede zwischen uns sind dabei vernachlässig- und verzichtbar? Was, umgekehrt, ist bei mir und den andern das unbedingt zu berücksichtigende Individuelle? Umgekehrt: Was müssen (und können) alle, manche, andre einzelne wissen von dem, was (andre) einzelne bzw manche wissen können (und müssen)? Was muss wer mit wem teilen?

Man könnte in Antworten auf diese Frage den Ansatz erkennen für eine Vermittlungsform, die das zu primitive Medium Geld (ebenso wie die andern „bürgerlichen“ Vergesellschaftungsstrategien) als Antwort auf das „Trilemma“ ablöst; man könnte sie auch unter einen Titel subsumieren: Kollektive Lernfähigkeit und -bereitschaft. Sie zu entwickeln, wäre Aufgabe der nächst-anstehenden Epoche.

13 Christian Siefkes (15.08.2017, 19:05 Uhr)

@Simon:

Stigmergie bedeutet zuerst einmal nur das es ein hinweisbasiertes System gibt. Diese Hinweisen stecken entweder direkt in den Dingen oder werden zusätzlich zu diesen kommuniziert. Auch ein Markt ist ein stigmergisches System. Wenn wir also sagen, der Commonismus ist auch Stigmergisch, heißt das noch nicht viel. Es ist eher eine Aussage darüber wie gesellschaftliche Vermittlung als ’selbständiges‘, losgelöst vom interpersonalen funktioniert. Damit ist mit dem Konzept Stigmergie auch noch nicht alle Fragen einer commonistischen Vermittlung beantwortet. Es zeigt nur auf wie Informationen/Hinweise transportiert werden.

Naja, aber wenn es das nur das wäre, wäre der Hinweis auf die Stigmergie ja eine Banalität — wie du selbst sagst, ist der Markt auch stigmergisch (unter anderem), das wäre dann also alles andere als neu. Nein, was z.B. die Wikipedia so interessant macht, ist dass es sich um ein (weitestgehend) rein stigmergisches System handelt, wo auf Basis der Hinweise dann nicht noch lauter Verträge abschlossen werden (wie es wiederum für den Markt typisch ist), sondern vielmehr jede_r „erlaubnisfrei“ und vertragsfrei sich dort und so einbringen kann, wie sie oder er möchte. Das weiterzudenken, finde ich in der Tat sehr spannend — nur muss man dann auch ehrlicherweise die Begrenzungen dieses Konzepts anerkennen.

In einer commonistischen Gesellschaft wird es Konflikte geben – über allerlei Dinge z.B. wollen wir lieber mehr Erdbeere oder Schulen herstellen im nächsten Jahr. Die Konflikte müssen auf interpersonalen Ebene entschieden werden.

und

Stefan behauptet an keiner Stelle, dass dieses ’notwendige‘ schon klar ist. Nein, es ist ein Prozess der gesellschaftlichen Aushandlung: Was ist uns wichtig herzustellen?

Genau da stellt sich aber ja schon die spannende Frage: Wie aushandeln? Da gibt’s ja verschiedene Möglichkeiten, die andererseits aber alle nicht ganz ohne sind, wenn man bedenkt, dass letztlich 7 Milliarden Menschen von diesem Aushandlungsprozess betroffen sind und also irgendwie involviert sein müssten. In der Artikelserie diskutiere ich verschiedene Möglichkeiten eines solchen Aushandlungsprozesses und erörtere ihre Begrenzungen. Vielleicht gibt es noch andere und bessere Möglichkeiten, aber die müssten von dir oder anderen, die sie sehen, auch dargestellt werden — mit einer Trivialisierung wie „[das wird dann eben] auf interpersonale[r] Ebene entschieden“ (interpersonal zwischen Milliarden von Menschen??) hilfst du niemandem weiter und zeigst nur, dass du das Problem noch nicht wirklich erfasst hast.

Jedoch werden Commons die komischen Mist – wie bspw. bedienungsunfreundliche Software – herstellen höchstwahrscheinlich zerfallen, weil es nicht wirklich Spaß macht Mist herzustellen.

Nein nein, aus Sicht derer, die sie programmieren, ist die Software ja durchaus benutzerfreundlich — nur Leute, die sie benutzen wollen, ohne selbst Programmierer_innen oder extrem computererfahren zu sein, sehen das vielleicht anders. Deshalb schreibe ich von „einer gewissen ‚Selbstähnlichkeit'“ zwischen den Urheber_innen Freier Softwareprojekte und deren Nutzer_innen. Das ist ja keine Fiktion, sondern es lässt sich leicht feststellen, wo die Stärken Freier Software liegen und wer (nämlich u.a. andere Programmierer und „Power-User“) sie am häufigsten einsetzt.

Und ausgehend von meinen eigenen Erfahrungen als Softwareentwickler würde ich sagen, dass es eher andersherum ist, als du postulierst: Mehr Spaß macht die Entwicklung von Software, die genau macht, was ich (als Profi) von ihr erwarte, ohne irgendwelche unnötigen Umwege. Auf die Empfehlungen von Usability-Expert_innen zu hören, macht die Entwicklung komplizierter und das Ergebnis aus Profi-Sicht nicht unbedingt besser, auch wenn die Software dadurch für andere definitiv benutzbarer wird.

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