Geldfreie Produktion (2): Stigmergie und Selbstauswahl

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[Dieser Text entstand im Rahmen des von der Volkswagenstiftung geförderten Forschungsprojekts Die Gesellschaft nach dem Geld.]

Die am Ende des vorigen Artikels aufgeworfene Frage war, ob es nicht möglich ist, auf jede Art von Verrechnung komplett zu verzichten. Unter anderem würde dies den Wegfall jeder explizit vereinbarten Gegenseitigkeit – bei der Leistungen und Gegenleistungen bzw. Rechte und Pflichte ausgehandelt und aneinander gekoppelt werden – bedeuten. Klar ist dabei: Explizite Vereinbarungen könnten nicht durch die implizite Erwartung von Gegenseitigkeit auf individueller Basis ersetzt werden, wie sie bei Geschenken und Gefallen üblich ist. Dafür sind moderne Produktionsprozesse zu komplex: Zur Behandlung und Genesung im Krankenhaus trägt ja nicht nur die Ärztin bei, sondern auch Pfleger und zahlreiche andere Angestellte, die den Betrieb am Laufen halten. Dazu kommen noch all diejendigen, die die benötigte Ausstattung inklusive Instrumenten und Medikamenten bereitstellen oder dafür sorgen, dass das Krankenhaus zuverlässig mit Energie und Wasser versorgt wird, dass es über eine Flotte von Rettungsfahrzeugen verfügt etc.

Wenn die Vermittlung geldbasiert erfolgt, sorgen vorher abgeschossene Verträge dafür, dass all diese Beteiligten bezahlt werden – wenn auch oft in äußerst unausgewogener Weise (hohe Gewinne für Pharmaunternehmen, hohe Löhne für prominente Chefärzte, Mindestlohn für Reinigungskräfte), was es zu kritisieren gilt. Dabei muss die Bezahlung nicht unbedingt durch die Patientin selbst erfolgen, alternativ kommen etwa auch eine Krankenversicherung oder der Staat als Finanzier eines für die Nutzerinnen kostenloses Gesundheitssystems in Frage. Implizit erwartete angemessene Gegengaben der Patientin für all diese Beteiligten wären hingegen klarerweise ein Ding der Unmöglichkeit und würden zu totaler Überforderung führen.

Was also höchstens denkbar ist, ist eine Erwartung von Gegenseitigkeit auf allgemein gesellschaftlicher Ebene – andere tun etwas für mich, ich tue etwas für andere (aber im Allgemeinen nicht dieselben anderen), oder alternativ der Verzicht auf jede Erwartung von Gegenseitigkeit. In letzterem Falle werden Menschen nur dann aktiv, wenn sie selbst Lust auf eine Aufgabe haben oder diese für sinnvoll und wichtig halten, nicht aufgrund von Erwartungen anderer (die es dann nicht mehr gibt).

Beides klingt aus Produzentenperspektive ziemlich gut – man tut etwas für andere, entscheidet aber ganz autonom, was und in welcher Weise. Eventuell wird noch erwartet, dass man sich irgendwo betätigt, aber alles andere entscheidet man nach eigenem Gutdünken. Aus Nutznießerinnen-Sicht allerdings ergeben sich aus dem kompletten Verzicht auf Gegenseitigkeit Probleme, da mein Einfluss auf die Produzentinnen dadurch minimal wird. Beim Abschluss eines gegenseitigen Abkommens der Art „ich gebe, damit du gibst/machst“ kann ich immer darauf achten, dass die Bedingungen für mich stimmen. Passen mir die Konditionen nicht, finde ich vielleicht einen anderen Anbieter, der mir bessere bietet, oder ich kann nachverhandeln und in der Hoffnung auf bessere Konditionen z.B. mein eigenes Angebot erhöhen. Bei Verzicht auf direkte Gegenseitigkeit bleibt den Nutznießern hingegen nur das „Prinzip Hoffnung“. Sie können Wünsche äußern, aber was die jeweiligen Produzentinnen dann aus den (vermutlich sehr zahlreichen) Wünschen machen, ob sie sie komplett oder zum Teil ignorieren, ob sie sie rasch „abarbeiten“ oder erst einmal hinten anstellen, ist ihnen komplett selber überlassen.

Implizite Planwirtschaft

Dieses Problem mag dann als weniger gravierend erscheinen, wenn man in die Falle tappt, die ich als implizite Planwirtschaft bezeichne: Die Idee, dass eigentlich schon klar ist, was gesamtgesellschaftlich zu tun ist, und sich deshalb für alle Aufgaben nur noch jemand finden muss, der sie tatsächlich tut. In diese Falle geht etwa Stefan Meretz, wenn er schreibt: „Aus systemischer Perspektive ist es jedoch irrelevant, wer die notwendigen Beiträge leistet, sofern gewährleistet ist, dass dies durchschnittlich gesichert erfolgt.“ Tatsächlich ist in komplexen Gesellschaften sehr wenig „notwendig“. Selbst dass alle Menschen so alt wie nur möglich werden, ist nicht in einem strengen Sinne „notwendig“, wenn auch sicher wünschenswert; und daran, wie sie ihre Tage verbringen, ist fast gar nichts notwendig.

Bei geldbasierter Vermittlung entscheiden die Menschen selbst, was für sie wünschenswert ist, und zwar nicht nur als Produzentinnen, sondern auch als Konsumenten und Nutzer. Wer dabei ein begrenztes Monatsbudget zur Verfügung hat, kann immerhin selbst entscheiden, wie sie es jenseits des absolut „Notwendigen“ ausgibt – ob für eine große Wohnung, für gelegentliche größere Reisen, für ein Haustier und dessen Versorgung, für ein aufwendiges Hobby, oder in beliebiger anderer Weise. An dieser Individualisierung der Entscheidungsmöglichkeiten gibt es manches zu kritisieren, z.B. wenn Eltern selbst für ihre Kinder zahlen und im Vergleich zu Kinderlosen auf manches verzichten müssen – obwohl sie mit ihrer Entscheidung für Kinder dafür sorgen, dass die Menschheit nicht ausstirbt, was durchaus auch den Kinderlosen zugute kommt. Aber solche Ungerechtigkeiten hängen an der konkreten Verteilung von Geld, nicht daran, dass es überhaupt verwendet wird.

Und bei seiner Verwendung als „flexiblem Rationierungsmittel“ entscheiden die Menschen jeweils selbst, was aus ihrer Sicht notwendig bzw. wünschenswert ist – indem sie entscheiden, wofür sie ihr Geld ausgeben. Die Entscheidung liegt also dezentral bei den unterschiedlichen Konsumentinnen bzw. Nutzerinnen selbst, und aus meiner Sicht spricht einiges dafür, dass sie dort besser aufgeben ist als bei den jeweiligen Produzenten (ebenfalls dezentral) oder bei irgendeiner Zentralinstanz. Produzentinnen können zwar Wünsche sammeln, sie können aber nicht wissen, wie wichtig den Menschen ihre unterschiedlichen Wünsche sind. Habe ich mein eigenes Budget, kann ich entscheiden, was ich mir sofort gönne, was ich zurückstelle (und vielleicht dafür spare) und worauf ich ganz verzichte. Relevant ist dafür nicht nur mein eigenes Budget, sondern auch der Herstellungsaufwand der jeweiligen Güter, der sich in Form von Preisen niederschlägt. Kann ich hingegen meine Konsumwünsche nur in einer Art gesamtgesellschaftlicher Wunsch- oder To-Do-Liste vermerken, bin ich als potenzielle Konsumentin machtlos – ob, wie schnell und in welcher Weise mir andere einen Wunsch erfüllen, steht nicht mehr in meiner Hand.

Stigmergie?

Als Vermittlungsinstrument, um solche dezentral zusammengestellten Wunschlisten in nützliche Produkte umzusetzen, wird bisweilen das Stigmergie-Konzept genannt. Kurz gesagt bedeutet Stigmergie, dass Menschen Hinweise darauf hinterlassen, was getan werden könnte oder (aus ihrer Sicht) sollte, und andere, denen ein bestimmter Hinweis einleuchtet und die sich für einschlägig kompetent halten, diesen Hinweis dann „abarbeiten“ – ohne dass sie jemand dazu zwingt oder dafür bezahlt. Das wohl eindrucksvollste und größte Beispiel für Stigmergie ist die Wikipedia: Alle können die freie Enzyklopädie bearbeitet und Artikel erweitern oder korrigieren; niemand wird dafür bezahlt. In der Anfangszeit der Wikipedia bestanden die stigmergischen Hinweise vor allem auf „roten Links“, die auf noch fehlende Wikipedia-Artikel verwiesen. Inzwischen gibt es das fast gar nicht mehr, aber das Hinweissystem funktioniert weiterhin in Form von Kästchen über den einzelnen Artikeln, die etwa darauf hinweisen, wenn diese noch zu kurz, nicht „neutral“ genug oder in anderer Hinsicht unbefriedigend sind.

Als stigmergisches Projekt ist die Wikipedia erstaunlich erfolgreich; sicherlich hätten es sich die Macher von klassischen Enzyklopädien wie dem Brockhaus und der Encyclopædia Britannica nicht träumen lassen, dass eine Gruppe unbezahlter Amateure ihr Geschäftsmodell zerstören würde! Doch hängt der Erfolg dieser stigmergischen Selbstorganisation an ganz bestimmten Voraussetzungen, die sich für die meisten produktiven Vorhaben nicht herstellen lassen. Das Erfolgsgeheimnis der Wikipedia ist, dass all die unzähligen Hinweise unabhängig voneinander bearbeitet werden können. Ob ich einen Rechtschreibfehler in einem Artikel behebe, fehlende Quellenangaben nachrecherchiere und ergänze, schlecht geschriebene oder nicht-neutrale Absätze umschreibe oder komplett neue Artikel anlege: ich kann das jederzeit machen, ohne auf bestimmte Vorarbeiten anderer angewiesen zu sein. Ich setze einfach auf dem aktuellen Stand der Wikipedia auf und erstelle durch meine Arbeit einen neuen Stand. Wenn der neue Stand von der Community nicht als Verbesserung empfunden wird, wird sich schnell jemand anders finden, der die Änderung wieder rückgängig macht. Aber jede mögliche Änderung ist „atomar“, sie hat keine weiteren Voraussetzungen außer der Existenz und Erreichbarkeit der Wikipedia selbst.

Ganz anders bei den meisten materiellen Herstellungsprozessen: Hier sind zumeist eine ganze Reihe vorbereitender Schritte nötig. Um irgendein materielles Ding, ob Fahrrad, WLAN-Router oder Schlafsofa zusammenzubauen, müssen zunächst alle benötigten Einzelteile vorliegen; außerdem müssen alle benötigten Werkzeuge und Hilfsmittel vorhanden sein, eine passende Werkstatt oder Fabrikationsumgebung muss vorhanden und frei sein. Fehlt von den benötigten Dutzenden oder Hunderten Elementen auch nur eines, kann der Herstellungsprozess nicht beginnen oder er scheitert. Umgekehrt macht es wenig Sinn, auf Verdacht Einzelteile und Vorprodukte zu produzieren, ohne zu wissen, ob diese überhaupt irgendwo Verwendung finden werden. Noch schwieriger wird es, wenn das Gut oder seine Vorprodukte nicht lange haltbar sind oder wenn Lebewesen im Produktionsprozess eine Rolle spielen. Es reicht nicht, eine Kuh zu melken, wenn die Milch nicht anschließend gekühlt oder weiterverarbeitet wird; und wenn die Kuh nicht regelmäßig gemolken, gefüttert und getränkt wird, wird sie krank oder stirbt.

Bei den allermeisten materiellen Produktionsprozessen ist also die Atomarität der nötigen Aufgaben nicht gegeben – die meisten Aufgaben sind von diversen andern Aufgaben abhängig, die kurz davor, kurz danach oder parallel dazu ausgeführt werden müssen.

Ein weiteres Schlüsselfaktor zum Erfolg stigmergischer Selbstorganisation besteht darin, dass durch die schlechte oder falsche Ausführung einzelner Aufgaben kein dauerhafter Schaden entsteht. Bei der Wikipedia können schlechte oder böswillige Änderungen rasch durch andere rückgängig gemacht werden. Auch bei Freier Software (Open Source) spielen stigmergische Änderungen durch alle, die sich zum Weiterentwickeln der Software berufen fühlen, oft eine mehr oder weniger große Rolle. Dabei gibt es aber immer ein Kernteam oder eine Maintainerin, die das letzte Wort haben und alle vorgeschlagenen Änderungen prüfen, bevor sie sie in die Software übernehmen (oder eben auch nicht). Somit muss man als Nutzer nur dem Kernteam bzw. der Maintainerin trauen, nicht aber der vielleicht großen Anzahl weiterer Personen, die auf die eine oder andere Weise zur Entwicklung beigetragen haben.

Generell zeichnen sich erfolgreiche stigmergische Projekte dadurch aus, dass Beiträge zuerst erbracht werden können und erst hinterher geprüft wird, ob sie unschädlich sind und dauerhaft übernommen werden. Viele Tätigkeiten wirken sich aber unmittelbar aus und ihre Folgen können anschließend nicht mehr aus der Welt geschaffen werden. Nur wenige Patientinnen dürften sich einem Krankenhaus anvertrauen, dessen Pflegerinnen und Operationsteams nach dem Prinzip „hier gibt’s was zu tun, wer will denn mal?“ zusammengerufen werden. Der Schaden, den diese aus Unerfahrenheit, Fahrlässigkeit oder Böswilligkeit anrichten könnten, ist einfach zu groß. Das Prinzip „erst machen lassen, dann prüfen“, funktioniert hier nicht – und überall wo es nicht funktioniert, ist Stigmergie (so wie sie generell verstanden wird) nicht anwendbar.

Selbstausgewählte Teams?

Nun gibt es durchaus Alternativen zur Stigmergie, die einige ihrer Begrenzungen hinter sich lassen und dennoch auf der freiwilligen, vertragslosen „Selbstauswahl“ von Engagierten beruhen. Freiwillige Teams können sich zusammenfinden und sich unbezahlt („ehrenamtlich“) um bestimmte Unternehmungen kümmern – ob Krankenhäuser, Bauernhöfe oder Softwareprogramme. Die erwähnten „Kernteams“ vieler Freier Softwareprogramme funktionierten nach diesem Prinzip (freilich keineswegs immer unbezahlt – oft werden zumindest einige der Entwicklerinnen von Firmen bezahlt, die die Software selbst benutzen oder die durch Zusatzleistungen, z.B. Support, Geld verdienen). Zu solchen Teams können die potenziellen Nutzer Vertrauen aufbauen und ihre Kompetenzen überprüfen, und solche Teams können auch größere Vorhaben umsetzen, die sich nicht in zahlreiche atomare Einzelaufgaben unterteilen lassen.

Dennoch zeigt sich auch bei solchen Team der Nachteil der „einseitigen“, nicht auf explizit vereinbarter Gegenseitigkeit basierenden Selbstauswahl: Die Aktiven entscheiden nach eigenem Gutdünken, worum sie sich kümmern und welche Schwerpunkte sie sich setzen; Nutzerinnen, die selbst nicht aktiv werden, können nur unverbindlich ihre Wünsche äußern. Bei Freier Software zeigt sich dies darin, dass sie in vielen Fällen von Programmierern für Programmierer geschrieben wird. Bei jeder Art von Werkzeugen fürs Programmieren und fürs Management von Computern und Netzwerken sind Freie Programme exzellent und lassen ihre proprietären (nichtfreien) Alternativen oft weit hinter sich. Andere Arten von Software – ob Office-Programme, Grafik- und Videobearbeitung oder Spiele – gibt es zwar auch immer in freien Varianten, doch hinken diese ihren proprietäre Äquivalenten oft mehr oder weniger stark hinterher. Auch die Nutzerfreundlichkeit von Freier Software lässt aus Sicht von Nichtprogrammiererinnen oft etwas zu wünschen übrig – wer den ganzen Tag am Computer sitzt, weiß sie vielleicht zu schätzen, aber andere tun sich damit manchmal schwer.

Zum Teil liegen diese Unterschiede daran, dass proprietäre Softwarefirmen riesige Entwicklungsteams haben, mit deren Arbeit kleine Freiwilligenteams nicht mithalten können. Aber natürlich fallen auch diese riesigen Teams nicht vom Himmel, sondern bestehen aus Programmiererinnen, die wahrscheinlich zum Großteil ebenfalls nicht hinreichend motiviert wären, jahrelang freiwillig und unbezahlt an der Software mitzuarbeiten – aber das ihnen bezahlte (und letztlich von den Nutzern finanzierte) Gehalt sorgt für nötige Motivation. Und Firmen müssen, um am Markt Bestand zu haben, die Bedürfnisse und Wünsche ihrer (potenziellen) Nutzerinnen sehr ernst nehmen und ihre Produktgestaltung eng an diesen Wünschen ausrichten. „Der Kunde ist König“ ist zwar ein Slogan, der aber sehr viel Wahrheit enthält. Für unbezahlt arbeitende Freiwilligen-Teams sind die Nutzerinnen lange nicht so wichtig. Zwar fühlt es sich gut an, wenn die Software von vielen Leuten genutzt und geschätzt wird, und einige der Nutzerinnen werden früher oder später wahrscheinlich zu aktiv Beitragenden und sorgen so dafür, dass das Projekt weiterläuft. Aber letzteres sorgt wiederum für eine gewisse „Selbstähnlichkeit“ zwischen den Aktiven und deren „Lieblingsnutzern“: Entwickler entwickeln für andere Entwickler, in der Hoffnung, dass diese später auch mitentwickeln. Wer selbst nicht programmieren oder in anderer Weise beitragen kann, ist weniger interessant.

Dazu kommen bei materiellen Produkten und Dienstleistungen (Tätigkeiten) die bereits thematisierten Verteilungsfragen. Ein Softwareprojekt kann die entwickelte Software in ihrer jeweils aktuellen Version allen Interessenten zum Download anbieten. Dagegen kann eine Fahrradfabrik nicht einfach Räder für alle Interessentinnen bereitstellen – jedes weitere Fahrrad kostet Zeit und Ressourcen.

Geld und explizit vereinbarte Gegenseitigkeit sind nicht leicht überflüssig zu machen

Insgesamt ist zu sagen, dass zwar vieles gegen das Geld spricht und insbesondere gegen die Art und Weise, wie es sich im Kapitalismus „verselbständigt“ hat und als Zwang oder Drang zur Profitmaximierung alle anderen Verhältnisse dominiert. Gleichzeitig zeigt sich in historischer Rückschau aber, dass diese Verselbständigung des Profitprinzips sehr viel jünger ist als die Verwendung von Geld und aus dieser keineswegs zwingend folgt. Insbesondere ist dort, wo es zwar Märkte, aber kein Marktprinzip gibt – wo zwar Produkte gehandelt werden, nicht aber Land und Arbeitskraft – keine systematische Tendenz zur Profitmaximierung feststellbar, vermutlich weil sie ohne Marktprinzip sowieso nur sehr begrenzt möglich ist.

Zudem zeigt die Analyse, dass explizit vereinbarte Gegenseitigkeit der Art „ich gebe, damit du gibst/machst“ eine Möglichkeit menschlicher Interaktion ist, die durch andere Möglichkeiten kaum komplett und verlustfrei ersetzt werden kann – jedenfalls in „großen“ Zusammenhängen jenseits der Dunbar-Hürde, wo keine persönlichen Beziehungen zwischen allen Beteiligten mehr möglich sind. Ohne die Verwendung einer Art von Geld oder von einem dem Geld recht ähnlichen Verrechnungseinheit dürfte diese Art gegenseitiger Abkommen aber selten praktikabel sein – zu praktisch ist ein flexibles „Zwischentauschgut“ oder „allgemeines Äquivalent“, das in beliebigen derartigen Abkommen auf zumindest einer Seite auftauchen kann. Der Mythos von einer der Erfindung des Geldes vorgelagerten „Naturaltauschwirtschaft“ ist, wie wir gesehen haben, nur ein Mythos, und es wäre keineswegs plausibel, darin stattdessen die Zukunft zu sehen. Solange es explizit vereinbarte Gegenseitigkeit gibt, dürfte zu ihrer Vermittlung auch eine Form von Geld verwendet werden.

Das Nachdenken über Gesellschaftsformen, in denen explizit vereinbarte Gegenseitigkeit – und damit Geld – für niemand mehr zweckmäßig sind und daher verschwinden, kann zweifellos zu spannenden und inspirierenden Gedankenexperimenten führen. Wie dieser Text zeigt, sind die Hürden dafür aber sehr hoch. Kurz- und mittelfristig dürfte daher eine bescheidenere, aber immer noch höchst ambitionierte und zugleich extrem wichtige Frage auf der Tagesordnung stehen: Wie kann eine Gesellschaft funktionieren, in der sich die Vermittlungsformen nicht verselbständigen (etwa in Form der Profitmaximierung) und gegen die Menschen richten und in der niemand – weder einzelne Menschen noch die Natur – auf der Strecke bleibt? Geld als Mittel könnte es in solch einer Gesellschaft durchaus noch geben. Geld als Selbstzweck, dessen Vermehrung und Maximierung alle und alles untergeordnet werden, aber nicht.

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