Weitere Gedanken zu den Freund*innen

In den letzten Beiträgen habe ich mich mit dem Text der Freund*innen auseinandergesetzt. Wenn ich gute Texte lese, dann bringen die mich selbst weiter zum Nachdenken, darum hier zwei Gedankenbewegungen die aus dem Lesen und Reflexion hervorgingen. Sie sind sehr kurz und eher als Diskussionsanstoß gedacht. Die eine betrifft das Verhältnis von Utopietheorie und transformierender Praxis, der andere die utopische-inhaltliche Frage wer, wo im Commonismus Entscheidungen fällt.

Utopie – Produkt der Gedanken oder der Bewegung?

Da die freie Gesellschaft nicht durch die Entwicklungsgesetze der Geschichte verbürgt ist, wird sie nicht von der Bewegung automatisch hervorgebracht. Das Verhältnis von Bewegung und freier Vergesellschaftung ist problematisch und darum notwendiges Feld von Reflexion und Theorie. Aber die Utopietheorie der Freund*innen durchzieht der Unmut einer Verselbständigung der Theorie. Sie sorgen sich um eine Theorie, welche sich von der Praxis entfernt, diese zurücklässt, im schlimmsten Fall zu ihrem Hemmnis wird, wenn sie der Praxis eine falsche Richtung empfiehlt oder gar vorschreibt. Gleichzeitig wäre es jedoch eher positiv würde sich die Theorie von einer Praxis entfernen, welche die falschen Wege beschreitet. Einige Fragen treten aus diesem Verhältnis hervor: Bedarf die Theorie der Praxis als Grundlage? Falls ja, wie ist deren Verhältnis zu bestimmen? Was ist hier der Stellenwert von Theorie/von Praxis? Wann wir die Theorie praxisferne Reflexion, was Engels als Utopismus kritisierte? Macht dies die Theorie falsch, oder nur tendenziell uneinlösbar?

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Konsequenter Aufbauprozess: still pending

Vorheriger Artikel: keimform.de/2018/eine-verstaendigung-ueber-die-grundzuege-einer-klassenlosen-gesellschaft-ist-allemal-sinnvoll/

Wie auch bei der Diskussion der Utopie, kann ich auch bei der Transformationstheorie vielen Elementen zustimmen. Die Freund*innen sprechen sich gegen Staatseroberung aus und betonen die Bedeutung einer sozial(revolutionär)en Bewegung welche nicht nur erobert und zerstört, sondern welche es schafft in dem Transformationsprozess sich die Produktion anzueignen, „materielle Bedürfnisse zu befriedigen und bereits im Moment der Erhebung andere menschliche Beziehungen aufscheinen zu lassen“ (43). So weit so gut. Vorstellbar ist die Transformation als „wilde Bewegung der Besetzungen (41), welche aneignend das Eigentum praktisch hinterfragt und die Gesellschaft und die Produktion Schritt für Schritt erobert. Wichtiger Absetzpunkt ist hierbei eine gradualistische Transformationstheorie.

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„Eine Verständigung über die Grundzüge einer klassenlosen Gesellschaft [ist] allemal sinnvoll…“

„Genau wie ein linker Realismus, der Momente der schlechten Realität fortschreibt, ist ein Scheinradikalismus zurückzuweisen, der sich in der Feier von isolierten Revolten ergeht, maximale Zerstörung predigt und zur Frage nach einer anderen Gesellschaft nur Phrasen über die totale Freiheit des Einzelnen auf Lager hat“ (32)

Ich kann es nur immer wieder erfreulich nennen: Linksradikale die über Utopie nachdenken. Die Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft haben in ihrem Text Umrisse der Weltcommune einiges zu Utopietheorie und Utopieinhalt geschrieben.[1] Dieser Artikel möchte sich kritisch-solidarisch damit auseinandersetzen. Spannend ist der Text der Freund*innen insofern, als er wohl wieder ein gutes Beispiel dafür gibt was geschieht, wenn Linksradikale beginnen über Utopie nachzudenken: Viel Spannendes, und – wie könnte es anders sein – etwas Seltsames. Ich möchte zuerst mit ihrer Utopietheorie (Wie über Utopie nachdenken?) anfangen und mich dann dem Inhalt ihrer Utopie zuwenden.

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Rezension: Dario Azzellini (2018) »Vom Protest zum sozialen Prozess«

Rezension: Dario Azzellini (2018). Vom Protest zum sozialen Prozess. Betriebsbesetzungen und Arbeiten in Selbstverwaltung, VSA, Hamburg 2018.

In seiner Dissertation über Venezuela untersuchte Dario Azzellini die soziale Transformation und die kommunalen Räte im Spannungsfeld zwischen Selbstorganisation und Staat. Nun hat er sich dem internationalen Phänomen der “Rückeroberten Betriebe unter Arbeiter*innenkontrolle” (RBA) zugewandt. Die Leitfrage der Flugschrift lautet: “Ist es möglich, im Kapitalismus ‘anders’ zu arbeiten und damit die Perspektive einer demokratischen und solidarischen Gesellschaft jenseits des Kapitalismus aufzuzeigen und zu eröffnen?” (7)

Um dem nachzugehen hat Azzellini Feldforschung in dutzenden RBA weltweit betrieben. Anschaulich werden verschiedene Erfahrungen in Europa, im Mittelmeerraum, den USA und in Lateinamerika beschrieben, um daraus anschließend Gemeinsamkeiten abzuleiten. Da es sich bei drei der vier Kapitel um Überarbeitungen bereits erschienener Artikel handelt, wiederholen sich manche Sätze. Dies stört jedoch nicht weiter.

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»Kapitalismus aufheben« — Motivation und Kerngedanken

In den folgenden beiden Videos erläutern wir – Simon Sutterlütti und Stefan Meretz – was uns zum Schreiben trieb und welches die Kerngedanken des Buches »Kapitalismus aufheben« sind.

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Keimformtheorie – Vortrag bei der GRÜNEN JUGEND

Am 14.7.2018 habe ich bei der Jahresmitgliederversammlung der GRÜNEN JUGEND NRW einen Vortrag zur Keimformtheorie gehalten. In den Vortrag sind viele Aspekte des neuen Buches »Kapitalismus aufheben« eingeflossen. Hier das Video, in dem ich Folien und Audiospur synchronisiert habe.

Profitmaximierung und die Alternativen

Mutmaßliche Mitglieder eines Kooperativbetriebs beim Diskutieren; Bild von MisterMatt und MesserWoland, Lizenz: CC BY-SA 3.0(Voriger Artikel: Märkte für reale, aber nicht für „fiktive“ Waren wie Arbeits­kraft und Land?)

Im vorigen Artikel hatte ich festgestellt, dass die Alternative zu einem Markt für Arbeitskraft (wo Menschen ihre Arbeitskraft an Firmeneigentümer verkaufen, die sie dann nach eigenem Gutdünken einsetzen) demokratische Kooperativbetriebe sind, deren Mitarbeiter alle sie betreffenden Entscheidungen gleichberechtigt treffen. Nach innen unterscheiden sich solche Kooperativbetriebe (kurz: Kobetriebe) radikal von kapitalistischen Firmen, da es keine Trennung zwischen weisungsbefugtem Management und weisungsgebundenen Angestellten gibt. Nach außen ändert sich hingegen nicht zwangsläufig allzu viel: Kobetriebe stehen womöglich in Konkurrenz zu anderen Betrieben; sie können, wenn sie wollen, versuchen möglichst viele möglichst billig hergestellte Produkte möglichst teuer zu verkaufen, um so ihre Einnahmen zu maximieren und ihre Ausgaben zu minimieren.

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»Kapitalismus aufheben« — Bonuskapitel

Das Buch »Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie neu nachzudenken« von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz ist im VSA-Verlag erschienen und online auf der Website commonism.us verfügbar. Die Kapitel können hier auf keimform.de einzeln diskutiert werden. Hier geht es um das Bonuskapitel, das nur online erscheint:

Bestehende Transformationskonzepte

In dem Bonuskapitel (PDF) setzen wir uns mit anderen Transformationskonzepten auseinander. An diese selbst ernannten Transformationskonzepte gehen wir zunächst ohne Vordefinition heran und versuchen sie in ihrer Argumentation zu verstehen — um dann zu schauen, ob sie den transformatorischen Anspruch auch erfüllen können. Wir haben drei sehr unterschiedliche Konzepte beispielhaft untersucht. Unsere Kriterien für die Auswahl waren sehr grob: Wir wollen ein eher staatsbasiertes, ein eher marktbasiertes und ein Mischmodell mit explizit sozialistischer Ausrichtung auswählen. So fiel unsere Wahl auf:

  1. den Bericht „Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen
    (WBGU) der Bundesregierung;
  2. das Kapitel „Transformationsstrategien und Wandlungsprozesse“ des Buchs „Kapitalismus und dann?“, das von der Akademie Solidarische Ökonomie herausgegeben wurde;
  3. das Buch „Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus“ von Erik Olin Wright, das die Ergebnisse des über zehnjährigen Real Utopias Project zusammenfasst.

»Kapitalismus aufheben« — Nachwort

Das Buch »Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie neu nachzudenken« von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz ist im VSA-Verlag erschienen und online auf der Website commonism.us verfügbar. Die Kapitel können hier auf keimform.de einzeln diskutiert werden. Hier geht es um das:

Nachwort

Das Nachwort (mit Literatur: PDF) beginnt mit diesem Zitat:

Die freie Gesellschaft wird weder geplant noch verordnet, weder entworfen noch durchgesetzt. Sie wird erlernt und erschaffen.
Herrschaft wird nicht abgeschafft, sondern verlernt. Und Freiheit erlernt. Erlernt in Fühlen, im Denken und im Handeln.
Allein können wird dies nicht. Wir brauchen Strukturen – unmittelbare Räume und Beziehungen – und müssen diese schaffen, welche den Prozess des befreienden Lernens erlauben, fördern und schützen.
In dem Emanzipationsprozess – dem Verlernen der Herrschaft, dem Erlernen der Freiheit – müssen sich die Menschen selbst befreien. Niemand kann dies für sie tun. Im zunehmendem Maße müssen sie ihre Lebensbedingungen selbstbefreiend herstellen.
Eine freie Gesellschaft wird nur von sich befreienden Menschen erschaffen.

…und endet mit diesem Satz:

Utopie kann zeigen, was Menschen möglich ist, Transformation, wie das Mögliche wirklich werden kann.

 

»Kapitalismus aufheben« — Kapitel 7

Das Buch »Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie neu nachzudenken« von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz ist im VSA-Verlag erschienen und online auf der Website commonism.us verfügbar. Die Kapitel können hier auf keimform.de einzeln diskutiert werden. Hier geht es um das Kapitel 7:

Keimformtheorie

In diesem Kapitel (PDF) entwickeln wir die commonistische Aufhebungstheorie. Sie trägt den Namen Keimformtheorie, weil ihr die Annahme zugrunde liegt, dass sich die neue Gesellschaft aus Keimformen entwickelt. Die Keimformtheorie ist eine Möglichkeit, die Anforderung an eine Aufhebungstheorie, das ein qualitativer gesellschaftlicher Wandel hin zu einer freien Gesellschaft als Konstitutionsprozess einer neuen Gesellschaftsform gedacht (und gemacht) werden, inhaltlich auszugestalten. Es ist nicht die einzige Weise, dies zu tun, andere Aufhebungstheorien innerhalb des von uns aufgespannten Rahmens sind denkbar, und wir laden dazu ein, sie zu entwickeln. Indem wir die Keimformtheorie hier inhaltlich darstellen, wollen wir sie diskutierbar und kritisierbar machen und sie für eine Weiterentwicklung öffnen. Die Keimformtheorie versucht den qualitativen Wandel der Gesellschaftsform zu denken.