Linkslibertäre Perspektiven im Angesicht des Kollaps

Hier dokumentiere ich den Anfang meines Artikels “Linkslibertäre Perspektiven im Angesicht des Kollaps”, erschienen in der Ausgabe Nr. 13 der undogmatisch-libertären Online-Zeitschrift espero (S. 25–63). Der Artikel ist Teil des von mir betreuten Themenschwerpunkts Die Klimakatastrophe aus libertärer Perspektive.
Das Wachstum und seine Grenzen
Wachstum ist das zentrale Element im Kapitalismus. Wo es kein oder nur wenig Wachstum gibt, gibt es Krise, da das vorhandene Kapital nicht komplett profitabel verwertet werden kann. Ein Problem, das aufgrund der wirtschaftlich stagnierenden Lage in Deutschland mit derzeit sehr wenig Wachstum gerade wieder in aller Munde ist.
Wenn das Wachstum allerdings gelingt wie erhofft, sind die Folgen enorm. Bei 3 Prozent realem (über die Inflation hinausgehendem) Wachstum pro Jahr verdoppelt sich die Wirtschaftsleistung innerhalb von weniger als 24 Jahren. In einem Jahrhundert steigt sie um fast das Zwanzigfache an. Das Problem ist, dass Wachstum, um wie im Kapitalismus erhofft und erwartet zu funktionieren, exponentiell ist und sein muss. Auch wenn es relativ gesehen immer gleich bleibt – eben etwa 3 Prozent pro Jahr, oder auch 2 oder 5 Prozent, der genaue Wert spielt keine Rolle –, muss der jährlich hinzukommende Betrag in absoluten Zahlen immer größer werden, da er ja relativ zu einem ebenfalls immer größer werdenden Ausgangsbetrag gemessen wird.
Eine permanente Verdoppelung innerhalb eines etwa gleichbleibenden Zeitraums ist nur rein mathematisch auf Dauer möglich. In der realen Welt stößt man hingegen früher oder später an das Problem, dass nicht mehr genug da ist, um eine weitere Verdoppelung zu ermöglichen. Ein Anstieg um den Faktor 20 (genauer gesagt eher 19) pro Jahrhundert – was 3 Prozent jährlichem Wachstum entspricht – mag zunächst abstrakt „machbar“ erscheinen. Allerdings ändert sich das, wenn man noch ein paar Jahrhunderte weiter denkt: Nach 200 Jahren müsste die Wirtschaftsleistung dann schon 370-mal so groß sein wie zu Beginn, nach drei Jahrhunderten mehr als 7.000-mal so groß, und nach einem Jahrtausend wäre ein aberwitziger Anstieg auf fast das 7-billionenfache des Ausgangswerts nötig.1
Pablo Servigne und Raphaël Stevens, auf deren Handbuch der Kollapsologie ich noch zurückkommen werde, stellen fest, dass Menschen an lineares Wachstum gewöhnt sind und exponentielle Prozesse deshalb meist intuitiv unterschätzen; Zahlen wie die genannten sprengen die Grenzen der Vorstellungskraft und erschließen sich nur durch Ausrechnen.2 Dass ein solches Wachstum auf einem Planeten mit endlicher Fläche und begrenzten Ressourcen nicht dauerhaft möglich ist, sollte offensichtlich sein. Um Missverständnisse zu vermeiden: Gemeint ist immer reales, nicht bloß nominelles Wachstum; es reicht nicht, dass die Preise steigen, denn das wäre nur Inflation. Vielmehr müsste sich die Menge der produzierten und zirkulierenden Güter in ähnlicher Größenordnung vervielfältigen, was aber auf Dauer nicht möglich ist.
In diesem Text geht es nicht nur um die Frage, warum und wann die kapitalistische Wachstumsdynamik deshalb an ökologische und materielle Grenzen stößt. Er fragt auch, welche politischen Probleme, Herausforderungen und womöglich gar Chancen sich aus dieser Diagnose ergeben. Wenn dauerhaftes Wachstum auf einem endlichen Planeten nicht möglich ist, stellt sich unweigerlich die Frage, unter welchen sozialen Bedingungen sich Schrumpfung, Krisen und mögliche Kollapsprozesse vollziehen werden, und wie es nach dem Ende des Wachstums weitergehen könnte. Doch zunächst lohnt es sich, die bisherigen Debatten, Diagnosen und Diskurse zu würdigen, für deren Anfänge man einige Jahrzehnte zurückgehen muss.
Frühe Debatten um Grenzen und Overshoot
Die Erkenntnis, dass exponentielles Wachstum auf einem endlichen Planeten3 nicht auf Dauer möglich ist, ist nicht neu, sondern spätestens seit 1972 durch den breit rezipierten Bericht Die Grenzen des Wachstums4 einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Themen sind neben der Erschöpfung endlicher Rohstoffe die begrenzte Aufnahmefähigkeit der Umwelt für Schadstoffe. Treibhausgase als wesentliche Quelle der Erderhitzung können auch als ein solcher Schadstoff aufgefasst werden, waren in dem Bericht aber noch kein explizites Thema.
Fortsetzung in der espero Nr. 13 auf S. 27.
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Falls sich jemand wundert: Hier sind in der Tat deutsche
Billionen gemeint, nicht die um den Faktor 1.000 kleineren englischen
billions, die deutschen Milliarden entsprechen.↩︎ -
Vgl. Pablo Servigne / Raphaël Stevens: Wie alles
zusammenbrechen kann: Handbuch der Kollapsologie, aus dem
Französischen übersetzt von Lou Marin, Wien: Mandelbaum, 2022, S. 42
f.↩︎ -
Oder selbst in einem endlichen Sonnensystem; siehe dazu
den späteren Abschnitt Könnten die Technik oder das Weltall Auswege
bieten?↩︎ -
Donella Meadows / Dennis Meadows / Jørgen Randers /
William W. Behrens III: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club
of Rome zur Lage der Menschheit, aus dem Englischen übersetzt von
Hans-Dieter Heck, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1972.↩︎