Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Wider dem Über-Ich, für die Gefühle

Auf der Attac Sommerakadamie durfte ich vergangenes Wochenende ein „Theater der Unterdrückten“ kennenlernen. Ich fand die Methode sehr spannend, aber ich wurde unheimlich wütend. Wütend über den Selbstbezug den das Theater uns nahelegte. Ich glaube es ist für die Überwindung von Herrschaft entscheidend anders mit uns selbst umzugehen. Einige wenige Gedanken möchte ich hierzu anhand des Beispiels entwickeln.

Die Situation

Das Theater der Unterdrückten legt Unterdrückung offen und ermutigt Menschen neu und anders widerständig zu sein. Dabei nutzt es weniger einen theoretischen-sprachlichen Zugang, sondern versucht Gefühle, Gedanken und Impulse auf die Bühne zu bringen. Diese prägen unser Handeln ja sehr stark, darum ist es natürlich super gut sie offen zu legen. Und ich als Theoretiker stelle immer wieder fest wie hier Theorie versagt. Und wie wichtig deshalb andere Methoden sind.

Das Theater will neue solidarische Handlungsmöglichkeiten im Alltag finden. Nach Aufwärmübungen stellten Menschen drei Situationen vor, wo sie eigentlich solidarisch und widerständig handeln wollten, aber es nicht geschafft hatten. Das Publikum wählte die Geschichte mit am meisten Resonanz aus und los ging das Theaterstück. Die Szenerie: Thomas steht an der Abbruchkante zu dem Tagebau Garzweiler und traut sich nicht hinunter. Unten haben einige Polizist*innen Aktivist*innen festgesetzt und mit ihm stehen 150 Menschen an der Kante. Niemand rührt sich.

Nun wurde versucht Thomas inneren Konflikt als Standbild „aufzustellen“. Wichtig war hierbei immer die Regel „Show don’t tell“ – die Menschen sollten zuerst nicht ihre Gedanken kundtun, sondern eine klare Körperhaltung einnehmen. Thomas war zurückgezogen und ängstlich. Andere Menschen sollten dann die „inneren Stimmen“ darstellen, die ihn damals davon abhielten den Menschen im Tagebau zu helfen. Diese „Stimmen“ zerrten an ihm, versperrten ihm den Weg, redeten auf ihn ein … Sie durften ihre Meinung kundtun: Sie warnten vor rechtliche Konsequenzen, vor Polizeigewalt, vor Gefahr. Sie machten ihm Angst und sie machten sich um ihn Sorgen. Sie erklärten, dass sein Handeln (und er selbst) eh unwichtig ist, weil schon 6,000 Menschen in der Grube waren etc. Das war krass und das Publikum war ganz schön mitgenommen.

Dann konnten Menschen Thomas Position einnehmen und versuchen zu handeln. Eine Person versuchte die Stimmen abzulenken und nach vorne zu fliehen. Eine Person argumentierte kurz und drängelte sich dann hindurch. Eine Person versuchte die Stimmen niederzuschreien. Mir wurde ganz unwohl. Verschlimmert wurde die Situation noch durch das Publikum u.a. Männer, die Thomas „Feigheit“ vorwarfen. Aber auch die Theaterleitung machte es nicht besser. (Die Leitung war später kritikoffen und interessiert) Sie gab wohl nur Augusto Boals Theorie wieder, aber dann ist diese Theorie halt gefährlich. Boal bezeichnet diese Stimmen wohl als „Polizisten im Kopf“, die ihr Hauptquartier aber im Außen, in der Gesellschaft haben. Eine Person aus dem Publikum beehrte die Stimmen auch mit dem (wie ich finde sehr schönen) Begriff „Chor des Über-Ichs“.

Warum ich das Konzept des „Über-Ichs“ gefährlich finde

Ich kochte vor Wut und wollte mich auch einmischen. Aber wusste gar nicht wirklich wie. Die „Stimmen“ wurden tendenziell als irrational gebrandmarkt, als Herrschaftsinstrumente, als äußere Gewalt. Aber was sagten sie denn Schlimmes? Sie forderten Thomas auf an mögliche Gewalt zu denken, und Repression, und Konsequenzen. Sie waren nichts Fremdes, sondern wollten seine inneren Sorgen, Ängste, Impulse präsentieren. Aber in diesem Theater wurde sie von Publikum und Leitung tendenziell als Feind dargestellt. Als das was es zu überwinden galt. Was mensch niederschreien, ablenken, bekämpfen sollte. Wtf? Die eigenen Gefühle nicht ernst nehmen? Den Anspruch auf körperliche Unversehrtheit niederkämpfen? Die eigenen Sorgen niederschreien? Was wird hier für ein Selbstbezug performt und nahegelegt?

Das heroische, männliche Ich. Ein Ich, das sich von seinen Gefühlen nicht aufhalten lässt. Ein Ich, das trotz Angst und guter Gründe die Revolution vorantreibt. Ein Ich, das seine Gefühle überwindet und das einzig „Richtige“ tut. Und nur das wir uns nicht missverstehen: Ich will nicht, dass Thomas nicht in die Grube geht. Aber ich will verflucht noch mal, dass wir unsere Gefühle ernst nehmen. Wir können nicht einfach so über uns selbst drüber fahren. Die Kritische Psychologie sagt Gefühle bewerten unsere Welt. Sie bewerten unsere Welt auf Basis unserer Bedürfnisse. Sie sind quasi die Botschafterinnen unserer Bedürfnisse. Sie erzählen uns etwas über uns selbst und die Welt. Das heißt wenn wir unsere Gefühle nicht ernst nehmen, nehmen wir unsere Bedürfnisse, uns selbst nicht ernst. Wir können uns natürlich zu den Gefühlen verhalten, wir sind ihnen nicht ausgeliefert. Wir können sie befragen, kritisieren, abwägen – aber wir sollten sie nicht wegschieben, niederschreien oder platt machen. Das ist Selbstherrschaft.

Reframing: Prämissen statt Über-Ich

Jede Erklärung ist Theorie. Die Deutung des „Über-Ichs“ und der „Polizisten im Kopf“ sind Theorie. Eine Theorie die davon ausgeht, dass es das „Fremde in uns“, die „Kultur im Subjekt“, die „Gesellschaft im Individuum“ gibt. Die Kritische Psychologie wehrt sich gegen die Gegenüberstellung. Sie denkt das Subjekt immer als gesellschaftliches Individuum. Wir sind Gesellschaft. Aber wir sind nicht durch sie determiniert. Sonst wären wir ja alle ganz schön ähnlich. Gesellschaft schafft Bedingungen für unser Leben wie Lohnarbeit, Staatlichkeit, Sexismus. Und einen symbolischen Rahmen (Deutungen): Reichtum macht glücklich, Veganer*innen retten die Welt, Polizei ist unsere Helfer, der Kommunismus erlaubt Befreiung. Wir machen nun einige dieser Deutungen zu unseren eigenen Deutungen, zu unseren Prämissen. In diesen Prämissen trifft sich also quasi Gesellschaft und Individuum, hier vergesellschaften wir uns. Diese Prämissen leiten unsere Handlungen, sie empfehlen uns möglichst viel Geld zu verdienen oder Geschlechterrollen zu dekonstruieren.

Das Konzept von Über-Ich oder „Polizisten im Kopf“ reißt diesen Zusammenhang auseinander. Es tut so als gäbe es in uns ein Teil „was wir wirklich sind“ (Es, Natur, Triebe) und ein Teil der nur von der Gesellschaft kommt (Über-Ich, Kultur, Zwang). Ich halte das für Humbug. Wir sind natürlich gesellschaftlich, Natur und Gesellschaft ist gar nicht auseinander zu halten in uns Menschen.

Wiederum können wir uns gegenüber unseren Prämissen verhalten. Wir können bei neuen Erfahrungen darüber nachdenken: vielleicht rettet Veganismus nicht die Welt. Oder in Thomas Fall: Wir könne uns gemeinsam gegen Repression wehren und auf uns gegenseitig aufpassen. Oder: So hart sind Gesetze nicht oder sonst was. Aber dafür ist immer die Grundlage: Wir müssen zuerst unsere Prämissen und die dazugehörigen Gefühle ernst nehmen. Dann können wir uns zu ihnen verhalten.

Eine Person hat dies im Theater tatsächlich gemacht: Sie trat in die Rolle und sagte zu den Stimmen: „Schön das ihr hier seid, schön, dass ihr mich schützt und euch um mich sorgt, aber ich habe auch andere Bedürfnisse, andere Wünsche und deshalb geh ich da jetzt runter“. Das war sehr schön. Diese Person war Queerfeminista. Queerfeminismus legt uns natürlich einen anderen Bezug auf die eigenen Gefühle und das eigene Selbst als diese ärgerliche „heroische Männlichkeit“.

Für eine kommunistische Subjektivität

Ich finde das Theater der Unterdrückten noch immer großartig. Es schafft einen Raum unsere Gefühle auszudrücken und mit ihnen umzugehen. Aber ich glaube es wäre noch viel besser wenn es mit Theorie und Selbstbezug der Kritischen Psychologie oder einer queerfeministischen-antikapitalistischen Theorie verbunden wäre. Welches von den zwei find ich gar nicht so dolle wichtig, aber Kritische Psychologie ist schon schön systematisch und ganz toll :). Beide Theorien schaffen neue Selbstbezüge, „schaffen“ kommunistische Subjekte. Beide Theorien legen uns ein neuen Selbstbezug nahe als im Kapitalismus hegemonial. Also für den Queerfeminismus, Antikapitalismus und Kritische Psychologie.

Für Subjekte, die ihre Gefühle ernst nehmen, ihre Handlungen als begründet verstehen, und ihre Bedürfnisse als revolutionär.

Kategorien: Praxis-Reflexionen

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6. August 2019, 01:22 Uhr   1 Kommentar

1 Perikles (09.08.2019, 18:38 Uhr)

Ich weiß nicht ob Freuds Theorie des Über-Ich notwendig als Selbstherrschaft ausgelegt werden muss, aber nehmen wir deine These als valide Interpretation an, verweist sie auf einen treffenden problematischen Punkt, nämlich den Menschen derart aufzufassen, dass er ohne durch gesellschaftliche Normen angeleitete „Vernunftzentrale“ zwangsläufig triebgesteuert und irrational sei.

Ich stimme also zu, das Ziel kann weder eine Herrschaft der Ratio über die Gefühle und Bedürfnisse noch eine Herrschaft der Gefühle und Bedürfnisse über die Ratio sein.

Vielmehr sollte das Selbst als „inneres Team“ (Schul von Thun), „inneres Parlament“ oder „innere Gesellschaft“ begriffen werden, dessen Anteile zu einer abwägenden Übereinkunft kommen können und sollten.

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