espero-Schwerpunkt: Die Klimakatastrophe aus libertärer Perspektive

Klima im Kollaps – libertäre Perspektiven auf die Katastrophe
Einleitung des Gastherausgebers
Die Klimakatastrophe – oft auch als Klimakrise, Klima-Umbruch oder Klimakollaps bezeichnet – ist eine der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit. Ihre Auswirkungen bedrohen die Lebensgrundlagen weltweit und stellen bestehende soziale, politische und ökonomische Systeme fundamental in Frage. Der vorliegende Schwerpunkt versammelt libertär-emanzipatorische Perspektiven auf die Katastrophe, die im öffentlichen Diskurs meist an den Rand gedrängt werden. Statt auf staatliche Steuerung oder die Versprechen eines „grünen“ Kapitalismus zu setzen, fragen die Beiträge nach den tieferen Ursachen der Krise in Herrschaftsverhältnissen, kapitalistischer Wachstumslogik und einem zerstörerischen Verhältnis zur Natur. Damit verschiebt sich auch die Frage nach der Zukunft: Nicht, wie das Bestehende „nachhaltig“ verwaltet werden kann, sondern welche anderen Formen des Lebens, Produzierens und Zusammenhandelns unter den Bedingungen des Klima-Umbruchs nötig und möglich werden.
Der Schwerpunkt versammelt sehr unterschiedliche, teils bewusst gegensätzliche linkslibertäre Antworten auf diese Fragen. Gemeinsam ist den Beiträgen die Weigerung, die ökologische Krise als bloßes Managementproblem des Staates oder als Innovationsaufgabe eines „grünen“ Kapitalismus zu behandeln. Stattdessen rücken sie Wachstum, Herrschaft, Technik, Lebensweise und soziale Selbstorganisation als miteinander verschränkte Fragen in den Mittelpunkt. Die Beiträge argumentieren teils diagnostisch, teils polemisch oder essayistisch; einige entwerfen positive Gegenbilder – nicht als fertiges Programm, sondern als Möglichkeiten. Der Schwerpunkt zeigt, dass die ökologische und gesellschaftliche Vielfachkrise nur dann angemessen verstanden werden kann, wenn man sie nicht von Fragen sozialer Macht, technischer Infrastruktur und alltäglicher Reproduktion trennt.
Mehrere der Texte brechen dabei explizit mit einer falschen Alternative: der Idee, dass, wenn der (technische) Fortschritt uns nicht retten kann, nur noch Verzicht, Mangel und Untergang bleiben. Die hier versammelten Beiträge schlagen andere Wege vor. Sie fragen, welche Technik emanzipatorisch sein kann, welche Lebensweisen nachhaltig verallgemeinerbar und zugleich attraktiv sein können. Und sie suchen nach Formen gegenseitiger Hilfe, die in Zeiten wachsender Instabilität überlebenswichtig werden können und nicht auf Ausgrenzung beruhen.
Zum Auftakt skizziert mein Beitrag Linkslibertäre Perspektiven im Angesicht des Kollaps zentrale Debatten zu Wachstum, Overshoot und Kollaps, die zum Teil schon vor über 50 Jahren begonnen haben. Den grundlegenden Widerspruch verorte ich darin, dass der Kapitalismus auf permanentes Wachstum angewiesen ist, dieses auf einem endlichen Planeten aber auf Dauer nicht bloß problematisch, sondern strukturell unmöglich ist. Klima-Umbruch und die Überschreitung anderer planetarer Grenzen – mutmaßlich bis hin zum Kollaps – sind notwendige Konsequenzen, aber was folgt daraus für die Zukunft? In dem Artikel beleuchte ich, unter welchen sozialen Bedingungen sich Schrumpfung, Krisen und Kollapsprozesse in der Vergangenheit vollzogen haben und was das für unsere Zukunft bedeuten könnte. Ohne etwas schönreden zu wollen, betone ich dabei, dass der absehbare Kollaps zwar eine Katastrophe ist, aus linkslibertärer Perspektive aber durchaus auch Chancen bietet. Wenn das Alte zusammenbricht, eröffnen sich – wenn auch unter sehr schwierigen Bedingungen – Möglichkeiten, etwas Neues und hoffentlich Besseres aufbauen und durchsetzen zu können.
Jörg Bergstedt analysiert in Macht macht Klima kaputt Umwelt- und Klimazerstörung nicht primär als Folge des Kapitalismus, sondern grundlegender als Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen, in denen sich die Privilegierten Vorteile aneignen und Schäden auf andere abwälzen. Für ihn ist die Schlüsselfrage: Wer kann über Ressourcen, Räume und Risiken bestimmen – und wer muss die Folgen tragen? Er kritisiert dabei nicht nur Staaten und Konzerne, sondern auch Staatsnähe und Herrschaftsblindheit vieler Akteure, die für Umwelt- und Klimaschutz eintreten, sich dabei aber im Wesentlichen an staatliche Institutionen richten und in strengerer Regulierung, schärferen Gesetzen und anderen Formen staatlichen Handelns den Schlüssel zur Verbesserung sehen. Für Bergstedt sind solche Hoffnungen auf „bessere Herrschaft“ fehlgeleitet; er hält ihnen entgegen, dass Umwelt- und Klimaschutz ohne Herrschaftskritik letztlich immer systemstabilisierend wirken. Stattdessen plädiert er für einen radikalen Bruch mit allen Formen von Herrschaft.
Nicolas Guenot verschiebt in Technologische Vorstellungswelten im Zeitalter des Kollapses den Fokus auf die Frage der Technik, allerdings nicht in der simplen Form eines „für oder gegen Technik“. Vielmehr kontrastiert er verschiedene technologische Vorstellungswelten: Er fragt, welche Bilder von Zukunft, Fortschritt und Technologie unsere politischen Möglichkeiten prägen und welche Konsequenzen sich aus ihnen ergeben. Er kritisiert dabei weitverbreitete Hoffnungen, die die Klimakatastrophe und andere planetare Grenzüberschreitungen mit noch mehr Technologie „lösen“ wollen, statt nach ihren tieferen Ursachen zu forschen und die Technik selbst zu problematisieren. Guenot kritisiert solche „prometheische“ Fortschrittsgläubigkeit, weist aber auch technikfeindliche Träume von einer „Rückkehr zur Natur“ als illusorisch und sachlich falsch zurück. Stattdessen betont er die Notwendigkeit einer „konvivialen“ Technik, die Autonomie und Solidarität fördert statt sie zu unterlaufen – etwa durch Langlebigkeit, Transparenz, Dezentralität und Reparierbarkeit. Solche Ansätze sind nicht neu, müssen aber ausgebaut und gestärkt werden, damit Technik Teil der Lösung wird statt Teil des Problems zu sein.
Christfried Lenz führt die Technikdebatte in seinem Text Klimawandel – Energiewende – Zeitenwende weiter, verlagert den Schwerpunkt dabei jedoch auf Energieversorgung und gesellschaftlichen Umbau. Sein Beitrag rekonstruiert zunächst, wie die technische Entwicklung über Kraftmaschinen und fossile Verbrennung in die Klimakatastrophe geführt hat, insistiert aber zugleich darauf, dass Technik ein Mittel der Befreiung von Mühsal zugunsten eines freieren, lustvollen Tuns sein sollte und noch werden kann. Ausgehend von diesem positiven Technikverständnis erörtert er die Energiewende als nicht nur technischen, sondern perspektivisch auch gesellschaftlich-strukturellen Umbruch. Insbesondere in der Verbreitung von Solar- und Windenergie sieht er Chancen, die Energieversorgung auf eine neue Grundlage zu stellen, die nicht nur nachhaltig, sondern auch hochgradig dezentral ist. Dies eröffnet neue Möglichkeiten, nicht nur die fossilen Brennstoffe, sondern auch die kapitalistischen Großkonzerne zurückzudrängen und hinter sich zu lassen.
Hans Widmer (auch bekannt als P. M.) bringt mit seinem kurzen, bewusst polemisch-spielerischen Essay Der Elefant im Raum … einen deutlichen Tonwechsel in den Schwerpunkt. Auch er betont dabei die Chancen, die sich aus einer Überwindung der heutigen Lebensweise ergeben können. Den Schlüssel zu einer nachhaltigen und verallgemeinerbaren Lebensweise, die die planetaren Grenzen respektiert und nicht auf Kosten anderer Menschen geht, sieht er in einer deutlichen Senkung des Energieverbrauchs. Seine Vision einer dezentral selbstorganisierten Gesellschaft, in der „Hotel“-artige Wohnblöcke eine kompakte, aber zugleich komfortable Lebensgrundlage bieten, basiert auf der Idee, dass solch eine notwendige Schrumpfung kein asketischer Verlust sein muss, sondern zu einer durchaus attraktiven Umgestaltung des Alltags und des Wohnens führen könnte.
Zum Abschluss des Schwerpunkts fragt Annette Schlemm in ihrem Beitrag Gegenseitige Hilfe im Zeitalter des Kollapses, was der absehbare Kollaps für anarchistisches, emanzipatorisches Handeln bedeutet. Dabei vermeidet sie es, die Situation zu beschönigen oder aber in Fatalismus zu verfallen. Stattdessen macht sie deutlich, dass Hoffnungen auf eine rechtzeitige Rettung des Bestehenden mittlerweile illusorisch geworden sind, weshalb anarchistische Perspektiven darauf abzielen müssen, auch unter Bedingungen irreversibler Verschlechterung handlungsfähig zu bleiben. Sie widerspricht dabei dem autoritären Reflex, wonach in Krisen nur zentrale Steuerung Ordnung schaffen könne, und zeigt stattdessen, dass Menschen gerade unter extremen Bedingungen oft kooperativ, fürsorglich und selbstorganisiert handeln. Maßgeblich sind für sie dabei schon vorhandene Erfahrungen von Katastrophenhilfe, Disaster Anarchy und gegenseitiger Hilfe. Ihr Artikel ist somit – ganz im Sinne des Schwerpunkts – ein Plädoyer dafür, sich von trügerischen Hoffnungen zu lösen und sich stattdessen auf reale, praktische Möglichkeiten zur Bewältigung von Kollaps und Katastrophen zu konzentrieren, auf der Basis von gegenseitiger Hilfe, gemeinschaftlicher Selbstorganisation und direkter Aktion.