Monat: Juli 2026

Linkslibertäre Perspektiven im Angesicht des Kollaps

Einsamer Eisbär nahe Spitzbergen
Viele Eisbären auf Spitzbergen finden durch die früh schmelzende Arktis kein Packeis mehr, wodurch sie zunehmend verhungern. Quelle: Andreas Weith / Wikimedia, 2015, CC BY-SA 4.0.

Hier dokumentiere ich den Anfang meines Artikels “Linkslibertäre Perspektiven im Angesicht des Kollaps”, erschienen in der Ausgabe Nr. 13 der undogmatisch-libertären Online-Zeitschrift espero (S. 25–63). Der Artikel ist Teil des von mir betreuten Themenschwerpunkts Die Klimakatastrophe aus libertärer Perspektive.

Das Wachstum und seine Grenzen

Wachstum ist das zentrale Element im Kapitalismus. Wo es kein oder nur wenig Wachstum gibt, gibt es Krise, da das vorhandene Kapital nicht komplett profitabel verwertet werden kann. Ein Problem, das aufgrund der wirtschaftlich stagnierenden Lage in Deutschland mit derzeit sehr wenig Wachstum gerade wieder in aller Munde ist.

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The problem of mediation

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„A post-capitalist society must determine the measure by which it mediates needs, weighs them against each other, and translates them into societal production“ (Hermann Lueer, 2026b)

Hermann Lueer has presented a perceptive and methodologically rigorous engagement with our book “Kapitalismus aufheben” [EN: Make Capitalism History] (Lueer, 2026b, own translation). It is refreshing to read a critique that does not stop at superficial polemics but instead raises structural questions regarding societal form. He acknowledges the intent, analytical advances, and results of our theoretical analyses (non-moral approach, utopia of possibility, constitution prior to rupture, critique of the form of mediation, critique of the state). We accept the criticism that it remains unclear how “a stable, transparent, and societally viable mode of production and distribution” is supposed to emerge from commoning and stigmergy—this point is entirely valid and has been raised by other authors as well. From today’s perspective, the state of the argument in “Make Capitalism History” (Sutterlütti & Meretz, 2023) must be characterized as rudimentary in this regard. More recent texts attempt to address these shortcomings (see below). However, the focus here is on the critique of the position held at that time; we do not wish to use the excuse that the material is “outdated.” Lueer’s critique addresses central questions concerning post-capitalist societies in general, making it a particularly interesting topic for discussion. Consequently, this response will take a somewhat broader approach. It will not, however, attempt to fill the gaps from that time—some pointers in this direction can be found at the end of the text, with references to more recent publications. This response focuses primarily on the question of what is fundamentally required for a society-wide system of mediation to function and generate coherence. For that is the question Lueer raises.

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Das Problem der Vermittlung

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„Eine postkapitalistische Gesellschaft muss bestimmen, nach welchem Maßstab sie Bedürfnisse vermittelt, gegeneinander abwägt und in gesellschaftliche Produktion übersetzt.“ (Hermann Lueer, 2026b)

Hermann Lueer hat eine scharfsinnige und methodisch saubere Auseinandersetzung mit unserem Buch „Kapitalismus aufheben“ vorgelegt (Lueer, 2026b). Es ist erfrischend, eine Kritik zu lesen, die nicht bei oberflächlicher Polemik stehen bleibt, sondern die strukturelle Fragen nach der gesellschaftlichen Form stellt. Sie würdigt die Intention, analytischen Fortschritte und Ergebnisse unserer theoretischen Analysen (nichtmoralischer Ansatz, Möglichkeitsutopie, Konstitution vor Bruch, Vermittlungsformkritik, Staatskritik). Die Kritik, dass unklar bleibe, wie aus Commoning und Stigmergie „eine stabile, transparente und gesamtgesellschaftlich tragfähige Produktions- und Verteilungsweise hervorgehen soll“, nehmen wir an – sie ist völlig berechtigt und wurde auch schon von anderen Autor:innen vorgebracht. Aus heutiger Sicht ist der Stand  des Buches “Kapitalismus aufheben” (Sutterlütti & Meretz, 2018) in dieser Hinsicht als rudimentär zu kennzeichnen. Neuere Texte versuchen die Defizite einzufangen (s.u.). Aber hier soll es jetzt um die Kritik des damaligen Standes gehen – mit „ist veraltet“ wollen wir uns nicht herausreden. Lueers Kritik betrifft zentrale Fragen postkapitalistischer Gesellschaften im Allgemeinen und ist deshalb so interessant zu diskutieren. Diese Entgegnung wird daher etwas weiter ausgreifen. Sie wird jedoch nicht darin bestehen, die Leerstellen von damals zu füllen – einige Hinweise dazu finden sich am Ende des Textes mit Verweis auf neuere Publikationen. In dieser Entgegnung geht es vorrangig um die Frage, was eine gesamtgesellschaftliche Vermittlung prinzipiell braucht, um zu funktionieren und Kohärenz zu erzeugen. Denn das ist die Frage, die Lueer aufwirft.

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