Das Problem der Vermittlung

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„Eine postkapitalistische Gesellschaft muss bestimmen, nach welchem Maßstab sie Bedürfnisse vermittelt, gegeneinander abwägt und in gesellschaftliche Produktion übersetzt.“ (Hermann Lueer, 2026b)

Hermann Lueer hat eine scharfsinnige und methodisch saubere Auseinandersetzung mit unserem Buch „Kapitalismus aufheben“ vorgelegt (Lueer, 2026b). Es ist erfrischend, eine Kritik zu lesen, die nicht bei oberflächlicher Polemik stehen bleibt, sondern die strukturelle Fragen nach der gesellschaftlichen Form stellt. Sie würdigt die Intention, analytischen Fortschritte und Ergebnisse unserer theoretischen Analysen (nichtmoralischer Ansatz, Möglichkeitsutopie, Konstitution vor Bruch, Vermittlungsformkritik, Staatskritik). Die Kritik, dass unklar bleibe, wie aus Commoning und Stigmergie „eine stabile, transparente und gesamtgesellschaftlich tragfähige Produktions- und Verteilungsweise hervorgehen soll“, nehmen wir an – sie ist völlig berechtigt und wurde auch schon von anderen Autor:innen vorgebracht. Aus heutiger Sicht ist der Stand  des Buches “Kapitalismus aufheben” (Sutterlütti & Meretz, 2018) in dieser Hinsicht als rudimentär zu kennzeichnen. Neuere Texte versuchen die Defizite einzufangen (s.u.). Aber hier soll es jetzt um die Kritik des damaligen Standes gehen – mit „ist veraltet“ wollen wir uns nicht herausreden. Lueers Kritik betrifft zentrale Fragen postkapitalistischer Gesellschaften im Allgemeinen und ist deshalb so interessant zu diskutieren. Diese Entgegnung wird daher etwas weiter ausgreifen. Sie wird jedoch nicht darin bestehen, die Leerstellen von damals zu füllen – einige Hinweise dazu finden sich am Ende des Textes mit Verweis auf neuere Publikationen. In dieser Entgegnung geht es vorrangig um die Frage, was eine gesamtgesellschaftliche Vermittlung prinzipiell braucht, um zu funktionieren und Kohärenz zu erzeugen. Denn das ist die Frage, die Lueer aufwirft.

Notwendigkeiten und Möglichkeiten

Als theoretische „Bruchstelle“ meint Lueer bei uns (ebd.) eine aus seiner Sicht fehlgehende Bestimmung des Kapitalismus als Leistungsprinzip zu erkennen, anstatt die Lohnarbeit als spezifische kapitalistische Form zu kritisieren. Tatsächlich ist im kritisierten Buch nie isoliert vom Leistungsprinzip die Rede, sondern immer vom Arbeits- und/oder Leistungsprinzip, Zitat (ebd., S. 37): „Der Kapitalismus basiert auf dem Arbeits- oder Leistungsprinzip: Ich erhalte nur einen Anteil am gesellschaftlichen Reichtum, wenn ich etwas leiste. Damit bin ich dazu gezwungen, in der kapitalistischen Form zur Gesellschaft beizutragen: Arbeit für Lohn“. Lueer reißt hier auseinander, was aus unserer Sicht zusammengehört. Indem wir vorgeblich die „spezifische Form [der Lohnarbeit] in ein allgemeines Leistungsprinzip“ auflösten, verlören wir den „entscheidenden Unterschied aus dem Blick: den Unterschied zwischen einer unbewussten, verselbständigten Vermittlung und einer bewussten gesellschaftlichen Regelung des Zusammenhangs von Aufwand und Konsum. Damit erscheint schließlich jede Form, in der individueller Beitrag und individueller Konsum bewusst aufeinander bezogen werden, bereits als Fortsetzung kapitalistischer Logik“ (eigene Herv.).

Was sagt Lueer hier aus? Es gäbe eine unbewusste und eine bewusste Vermittlung. Die unbewusste Vermittlung laufe über „Lohn, Geld und Markt“ und trete den Menschen, weil verselbständigt, „als äußerer Zwang“ entgegen. Bei der bewussten Vermittlung würden „individueller Beitrag und individueller Konsum“, tja, eben irgendwie bewusst aufeinander bezogen. Wie, ist noch unklar. Wohlbemerkt, es geht hier um die gesellschaftliche Bewusstheit. Diese gesellschaftliche bewusste Vermittlung beziehe Beitrag und Konsum individuell aufeinander, nur eben offen statt verdeckt. Doch wie anders als durch Kopplung (aka Zwang) ist das denkbar? Gesellschaftlich würde es ausreichen, alle Beiträge und alle Verbräuche in eine bewusste Vermittlung (ideal: Balance) zu bringen, warum soll das auch individuell der Fall sein müssen? Hier sei eine für uns zentrale Erkenntnis aus unserem Buch zitiert, die Lueer nicht beachtet: „Zwar müssen im Durchschnitt alle erforderlichen Beiträge erbracht werden, damit sich die Gesellschaft erhält, doch für die Individuen sind die gesellschaftlichen Notwendigkeiten … nur mehr Handlungsmöglichkeiten“ (ebd., S. 125). Hieraus erwächst die menschliche Freiheit. Gesellschaften, die gesellschaftliche Notwendigkeiten und individuelles Handeln aneinander koppeln, geben der Freiheitspotenz weniger Raum als möglich wäre. Der Kapitalismus etwa beschränkt die Freiheit auf den Konsum, während der Produktionsbereich vom Arbeitszwang gekennzeichnet ist. Lueer ist zuzustimmen, dass der Arbeitszwang im Kapitalismus verdeckt geschieht und sogar als „freie Wahl“ ideologisch verbrämt wird, doch was ist gewonnen, wenn Arbeit und Konsum mit einer Arbeitszeitrechnung nun „bewusst aufeinander bezogen“ verkoppelt werden? Zwang bleibt Zwang, unabhängig davon, ob mir dieser als freie Wahl oder bewusster Bezug untergeschoben wird (Sutterlütti, 2024). Und dieser Zwang war es, der den Marktkapitalismus des vermeintlich freien Westens mit dem Staatskapitalismus des gescheiterten Realsozialismus verband und das Scheitern des letzteren entscheidend mit erklärt (Sutterlütti, 2025). 

Maßlosigkeit

Eine aus der „Bruchstelle“ abgeleitete zentrale Kritik von Lueer ist, dass die commonistische Vermittlung „ohne Maß“ sei. Wir würden dazu tendieren, „die Notwendigkeit eines allgemeinen Maßes überhaupt zu suspendieren“. Was heißt das?

In der Diskussion um postkapitalistische Alternativen wird eine alte Frage aus der sozialistischen Kalkulationsdebatte der 1920er Jahre erneut eröffnet: Braucht eine postkapitalistische Vermittlung ein allgemeines Maß (Recheneinheit/unit-of-account, Wert, Preis o.ä.) oder verwendet sie die naturalen Größen der Dinge selbst (Tonnen, MWh, Meter etc.)? Im Jargon: unit-of-account vs. in-kind (oder in-natura) Vermittlung. Historisch setzte sich schnell die unit-of-account Sicht durch, und auch praktisch war im Realsozialismus wie im Kapitalismus das Geld (bzw. der Preis) die maßgebende Recheneinheit. Was passiert, wenn die Vermittlung über eine allgemeine Recheneinheit (unit-of-account) oder über multidimensionale Naturalgrößen (in-kind) läuft? Spielen wir beide Fälle durch.

Bei einer allgemeinen Recheneinheit müssen alle Größen auf das allgemeine Maß abgebildet werden. Es interessiert nicht die Qualität des Dings, sondern nur noch seine Quantität, aber nicht eine stoffbezogene Quantität, sondern ein komplett stoffloses abstraktes Maß. Das kann ein Geldmaß (Preis in Euro) sein, es kann aber auch ein irgendwie anders definiertes abstraktes Maß sein. Lueer denkt hier an ein Zeitmaß (Arbeitszeit in Stunden), andere schlagen ein Energiemaß (Energie in Wattstunden) vor, aber es wäre auch ein beliebiges anderes Maß denkbar, das einen hinreichend allgemeinen Charakter hat (Flächenverbrauch, Wasserverbrauch, CO2-Emissionsäquivalente etc.). Vorteile eines solchen Maßes sind Aggregierbarkeit und Vergleichbarkeit: Unterschiedliche Dinge können durch den gleichen Maßausdruck mittels Summenbildung zusammengefasst oder mittels Gegenüberstellung verglichen werden. Die sprichwörtlichen Äpfel und Birnen werden dann tatsächlich vergleichbar. Auf diese Weise könne „der gesellschaftliche Gesamtaufwand bestimmt, … zwischen konkurrierenden Produktionsalternativen entschieden und … Prioritäten über verschiedene Bereiche hinweg rational vermittelt werden“, so Lueer. Stimmt das? Zunächst liegen die Nachteile auf der Hand: Was nicht im allgemeinen Maß ausgedrückt werden kann, existiert rechnerisch nicht und geht damit auch nicht in die Vermittlung ein. Weil ein Vergleich von Äpfel und Birnen abstrakt möglich ist, kann es dazu kommen, dass Äpfel anhand des Maßkriteriums (z.B. „am zeitunaufwändigsten herzustellen“) ausgewählt werden, obwohl Birnen gewünscht sind. Warum die Qualität hierbei dennoch nicht völlig verloren gehen darf, diskutiere ich gleich.

Wenn man nun diese im Kapitalismus wohlbekannte Schablone zum Maßstab macht, schneidet alles, was dem nicht entspricht, denkbar schlecht ab. So auch die in-kind-Vermittlung über Naturalgrößen. Dort werden alle Dinge in ihrer eigenen Qualität und gegebenen oder gewünschten Quantität genommen: eine Tonne Stahl der Sorte C45, eine Megawattstunde elektrischer Energie aus Windkraft, zehn Personentage der Qualifikation Mechatronik, ein Mischwald mit 1000 Bäumen, tausend Stunden Krankengymnastik für die Reha nach Beinbrüchen etc. Tatsächlich sind diese Beispiele noch zu grob, weil der Kontext, in dem die Qualität in der gewünschten Quantität gebraucht wird, meist noch spezifischer ist. Eine Aggregation ist nur innerhalb einer Qualität möglich (Gesamtmenge des Stahls C45 oder Krankengymnastikzeit nach Knochenbrüchen etc.). Direkte Vergleiche (etwa Stahl mit Krankengymnastik) sind nicht möglich. Dafür lässt sich fast alles in-kind ausdrücken, wenn es sein muss, auch ohne Quantität, die manchmal gar nicht bestimmbar sein kann (z.B. Erhaltung eines Erholungsgebietes).

Abstrakt-allgemeine und konkret-allgemeine Vermittlung

Lueer schreibt: „Es muss … entschieden werden, welche Bedürfnisse Vorrang haben, welche Produktionsweisen zu aufwendig sind und welcher Aufwand gesellschaftlich gerechtfertigt ist“ und fragt sich „wie eine hochkomplexe gesellschaftliche Reproduktion ohne ein allgemeines, explizites Maß der Vergleichbarkeit koordiniert werden soll“. Also: Es brauche einen quantitativen Vergleich von Aufwänden, um entscheiden zu können, und nur ein Allgemeinmaß ermögliche diesen Vergleich. Das ist eine unbewiesene Setzung. Lueer kann sie machen, weil es im Kapitalismus so läuft und dadurch eine Augenschein-Plausibilität bekommt. Und im Kapitalismus funktioniert es, weil die Vermehrung des abstrakten Maßes systemischer Selbstzweck ist, dem alle Aktivitäten untergeordnet werden. Da der Zweck (Geldvermehrung) selbst ebenso abstrakt ist wie das Maß, gibt es keinen Widerspruch. Der Zweck ist in das Maß eingelassen, das gerade darin besteht, inhaltsleer zu sein, es ist bloße Quantität ohne Quantität von etwas zu sein. Das gilt auch für scheinbar inhaltlich fundierte Maße wie etwa die Arbeitszeit oder Energiemenge. Ähnlich wie beim Geld, das sich ursprünglich auf reales Gold bezog, schütteln Einheitsmaße ihre konkrete Herkunft ab und werden zu bloßen Zeichen.

Philosophisch ausgedrückt handelt es sich bei Maß und Zweck um eine abstrakte Allgemeinheiten. Es ist ein gigantischer Trugschluss, das inhaltsleere allgemeine Maß für neutral zu halten. Einzig die Leere ist der Inhalt. Wird sie in eine postkapitalistische Gesellschaft übertragen, dann formt diese Leere auch die Vermittlung, die ja eigentlich eine bedürfnisorientierte sein sollte. Mit einem abstrakt-allgemeinen Maß lässt sich gerade nicht entscheiden „welche Bedürfnisse Vorrang haben, welche Produktionsweisen zu aufwendig sind und welcher Aufwand gesellschaftlich gerechtfertigt ist“: Den Vor- oder Nachrang von Bedürfnissen können nur wir selbst entscheiden; ob eine Produktionsweise zu aufwändig ist, lässt sich nur bestimmen, wenn der Bedürfnisbezug klar ist; ebenso, welcher Aufwand gesellschaftlich gerechtfertigt ist. Das lässt sich nicht ausrechnen! Dafür braucht es die Hineinnahme aller Qualitäten in die Vermittlung, die für unsere Bedürfnisbefriedigung relevant sind, darunter solche, die sich quantitativ angeben lassen (z.B. soundsoviel Festmeter Bauholz), aber auch solche, die sich gar nicht quantitativ spezifizieren lassen (z.B. die Schönheit einer Landschaft). Jegliches Besondere fliegt hingegen aus einer abstrakt-allgemeinen Maßvermittlung raus.

Gibt es eine Alternative zu einer abstrakten Allgemeinheit? Ja, es ist die konkrete Allgemeinheit, in dem die Besonderen aufgehoben sind: „Das heißt, das Besondere steht dem Allgemeinen nicht als Fremdes gegenüber, sondern es ist von diesem selbst erzeugt, es ist das Allgemeine in der Form des Besonderen“ (Schlemm, 2012). Übertragen auf die gesellschaftliche Vermittlung bedeutet das: Das Besondere sind die unterschiedlichen menschlichen (und mehr als menschlichen) Bedürfnisse, das Allgemeine ist ihre gesellschaftliche Vermittlung. Wenn eine postkapitalistische Gesellschaft wirklich die Bedürfnisbefriedigung aller Menschen zum Ziel haben soll, die zudem nicht auf Kosten der mehr als menschlichen Welt geht, dann müssen diese Bedürfnisse in die gesellschaftliche Vermittlung eingehen und dürfen nicht durch einen Akt der Abstraktion zerstört werden. Dabei ist klar, dass eine konkret-allgemeine Vermittlung einen völlig anderen Charakter hat, ja, haben muss, als die aus dem Kapitalismus gewohnte über ein abstrakt-allgemeines Maß. Um das Denken zu können, ist es zunächst einmal erforderlich, von der falschen Verallgemeinerung kapitalistischer Vermittlung zu lassen, dass “eine hochkomplexe gesellschaftliche Reproduktion ohne ein allgemeines, explizites Maß der Vergleichbarkeit” nicht funktionieren könne. 

Beispiel

Wie können wir uns eine in-kind Vermittlung vorstellen? Ein Beispiel im interpersonalen Rahmen. In einem Wohnprojekt mit einigen Dutzend Wohnungen wird eine Wohnung frei. Schon lange gibt es im Projekt unterschiedliche Wünsche nach einer wohnlichen Veränderung: Die einen wollen sich verkleinern, weil die Kinder ausgezogen sind, die anderen wollen sich vergrößern, weil der Nachwuchs eigenen Wohnraum begehrt, wieder andere wollen eine WG gründen oder eine WG auflösen. Die frei gewordene Wohnung ermöglicht nun eine Rochade: Wenn sich die einen bewegen, entstehen für andere neue Möglichkeiten, deren Bewegung wieder neue Möglichkeiten schafft. Viele Möglichkeitsketten entstehen – aber welche ist die beste? In alter Manier könnte man nun nach einem abstrakten Maß suchen. Das muss kein Geld sein, es könnte auch so etwas sein wie eine ausgerechnete „Pro-Kopf-Fläche“, die jeder Person individuell zusteht. Nun kann man die beste Möglichkeitskette ausrechnen. Doch mitunter haben flächenmäßig große Wohnungen wenige separate Räume, und es gibt Menschen, die mehr Fläche für künstlerische Tätigkeiten benötigen, Menschen, die für ihre Rollis mehr Rangierfläche und barrierefreie Zugänge benötigen usw. usf. Fazit: Es gibt keine mit Hilfe eines abstrakten Maßes berechenbare Lösung, die alle Bedürfnisse integriert. Bei einer abstrakt-allgemeinen Optimierungslösung fallen jene Aspekte systematisch unter den Tisch, die sich nicht im abstrakten Maß abbilden lassen – welches es auch sei.

Wie könnte eine konkret-allgemeine Lösung aussehen? In Fish-Bowl-Sessions werden zunächst die Wünsche und Bedürfnisse erhoben. Erste Lösungsideen werden erwogen, Szenarien werden skizziert, starke und schwache Pfadabhängigkeiten werden identifiziert. Nach weiteren Runden stehen mehrere Szenarien, von denen keines alle Bedürfnisse ideal abdeckt. Neue Runden mit Bedürfnisreflexionen ergeben zweitbeste Optionen, die neue Szenarien möglich machen, die einen höheren Deckungsgrad der Bedürfnisbefriedigung ermöglichen. Nach einigen Runden des gegenseitigen Wahrnehmens der je anderen Bedürfnisse und Befragung der je eigenen Bedürfnisse steht ein Szenario, mit dem alle gut leben können. Oder es stehen zwei akzeptable Szenarien, von denen dann eines in einem Prozess des systemischen Konsensierens ausgewählt wird. Kreative Ideen, etwa das Teilen und gemeinsame Nutzung von Wohnraum, haben den Prozess entscheidend voran gebracht. Das ist Commoning.

Im Ergebnis wird die bei gegebenen Ressourcen relativ beste Lösung gefunden, bei der niemand unter den Tisch fällt, auch wenn nicht alle ihre Traumwohnung bekommen. Dies wäre mit einer abstrakt-allgemeinen Berechnungsoptimierung nicht zu erreichen gewesen.

Kurz gesagt: Szenarien statt Maßabstraktion. Wir können unsere erste Bestimmung eines Konkret-Allgemeinen im Falle der gesellschaftlichen Vermittlung präzisieren: Nicht die einzelnen Bedürfnisse als solche sind das Besondere, sondern das Szenario, das die unterschiedlichen Bedürfnisse in einer je besonderen Bezugnahme enthält. Und von solchen Szenarien gibt es in der Regel mehrere, sobald der Möglichkeitsraum etwas größer wird. Eine Gesellschaft ist ein sehr großer Möglichkeitsraum. Kann das interpersonale Commoning aus dem Beispiel in den transpersonalen Raum hinein verallgemeinert werden? Ja, transpersonales Commoning ist der Kern commonistischer Vermittlung und Szenarien und ihre Optimierung im gesellschaftlichen Maßstab sind ein wesentliches Tool. Dazu folgt unten noch etwas mehr, hier sollte zunächst die epistemologische Grundlage skizziert werden.

Doppelvermittlung

Bisher haben wir so getan, als ob sich eine Gesellschaft zwischen einer unit-of-account und einer in-kind Vermittlung entscheiden könne. Tatsächlich kann keine Gesellschaft auf die in-kind-Vermittlung verzichten. Es muss klar sein, was in welcher Qualität und Quantität produziert werden soll und was es dafür in welcher Qualität und Quantität braucht. Deswegen gibt es im Kapitalismus (und etwas anders auch im Realsozialismus) eine Doppelvermittlung: parallel via unit-of-account und in-kind. Die Ursache der Doppelvermittlung liegt, so Marx, im Doppelcharakter der Ware und der Arbeit: Die Ware ist gleichzeitig abstraktes Wertding und konkretes Nutzding, hat Wert und Gebrauchswert. Und die sie produzierende Arbeit hat diese Dopplung auch: Sie ist gleichzeitig abstrakt als die den Wert bestimmende Arbeitszeit als solche und konkret als die einen Gebrauchswert herstellende Tätigkeit. Im Kapitalismus dominiert die Wertseite die gesellschaftliche Vermittlung und bildet das Fundament der unit-of-account (aka Geld). Doch auch die Nutzenseite geht in die gesellschaftliche Vermittlung ein, denn es „ kann kein Ding Wert sein, ohne Gebrauchsgegenstand zu sein. Ist es nutzlos, so ist auch die in ihm enthaltene Arbeit nutzlos, zählt nicht als Arbeit und bildet daher keinen Wert“ (Marx, 1890/1962, S. 55). Betriebe und Endkonsument:innen interessieren sich für die konkrete Beschaffenheit der Dinge, die sie kaufen und verbrauchen bzw. weiterverarbeiten. Der Gebrauchswert bestimmt die in-kind-Vermittlung. Diese ist der unit-of-account jedoch völlig untergeordnet. Nicht was gebraucht wird, ist relevant, einzig was nachgefragt – gebraucht und bezahlt – wird, zählt.

Im Realsozialismus sollten die beiden Seiten der Doppelvermittlung kohärent geplant werden, doch das ging schief. Warum? Theoretisch ausgedrückt kehrte sich der fortbestehende widersprüchliche Doppelcharakter von Ware und Arbeit gegen die sozialistischen Ziele. Während im Kapitalismus die einzelnen Betriebe die Güterproduktion jeweils für sich planen und sie anschließend über den Markt vermitteln, wurde die Gesamtproduktion samt ihrer Stoffflüsse im Realsozialismus zentral geplant und dirigiert. Allerdings wurden die Wertrelationen des Marktes nicht ersatzlos gestrichen, sondern ebenso zentral berechnet: eine Doppelplanung. Dabei flossen politische Ziele mit in die Berechnung ein: Alltagsgüter sollten billig sein, dafür Luxusgüter teuer. Doch trotz politischer Preis-Willkür sollte die Wertbilanz insgesamt stimmen. Das klappte aber nicht, weil die Betriebe ebenso willkürlich ihre Partialinteressen zu sichern wussten. So gaben sie ihre Kapazitäten gegenüber den Planungsinstanzen systematisch zu gering an, um sich Spielräume durch „Planübererfüllungen“ zu erschleichen. Das wusste die Planbehörde und setzte systematisch höhere Planvorgaben. In den Planverhandlungen kam dann irgendwas heraus, das am Ende zahlreiche Verzerrungen und Externalisierungen (s.u.) hervorbrachte. Und starr war das Ganze auch noch. Also: Gute Absichten, die aber am Ende unter der impliziten Fortwirkung des Wertgesetzes nicht erreicht werden konnten. Gegen Ende des Realsozialismus wurde das auch mehr oder weniger offen diskutiert, wobei die willkürliche politische Aushebelung des Wertgesetzes als wesentliche Ursache für den ökonomischen Niedergang ausgemacht wurde. Nun denn, mit der Überführung des staatlich gelenkten in den freien Kapitalismus kam auch politisch das freie Wirken des Wertgesetzes und des Arbeitszwangs zurück (Sutterlütti, 2025). Nun konnten endlich Betriebe pleite gehen und Arbeiter:innen entlassen werden, die vorher durchgeschleppt wurden. Die Folgen sind bekannt.

Arbeitszeitrechnung hilft nicht weiter

Die Arbeitszeitrechnung ist ein neuer Vorschlag, der ein paar Dinge anders machen will als der Realsozialismus: dezentrale Planung über Rätestrukturen, öffentlicher Bereich mit kostenfreier Güterentnahme, nicht-zirkulierendes Geld, Einheitslohn für jede Stunde Arbeit. Der Lohn entspricht dem Betriebsgewinn abzüglich eines Anteils (Quasi-Steuern) für Investitionen, Reparaturen, Subvention des öffentlichen Sektors, Unterstützungen für nicht-arbeitende Menschen etc. Dass ein Einheitslohn Qualifikationsunterschiede ignoriert und dadurch Schwarzmärkte hervorbringt, auf denen qualifizierte Arbeit mehr einbringt, habe ich anderenorts dargestellt (Meretz, 2023). Hier geht es mir nicht um innere Modellwidersprüche oder das Festhalten an der Tauschlogik, sondern um zwei generelle Punkte, die alle Ansätze teilen, die eine allgemeine unit-of-account, welcher Art auch immer (ob echtes Geld oder nicht-zirkulierende Tokens), zur gesellschaftlichen Vermittlung verwenden.

(1) Eine allgemeine unit-of-account führt notwendig zu Externalisierungen. Externalisierungen bezeichnen das Herausfallen von bestimmten Bereichen aus der Vermittlung. Was nicht vermittelt werden kann, wird ignoriert. Kann zum Beispiel Umweltschutz nicht durch die Recheneinheit dargestellt und bewegt werden, ist die Umweltzerstörung durch Abkippen von Abprodukten der Produktion in der Umwelt die Folge. Im zeitgenössischen Kapitalismus wird mittels staatlicher Maßnahmen (Gesetze) oder marktlichen Eingriffen (Bepreisung der Abprodukte) versucht, dem entgegenzusteuern. Ein gleichsam hoffnungsloses Hinterherrennen. Bei einem Modell basierend auf Arbeitszeitrechnung tritt der gleiche Effekt ein. Es gibt viele Bereiche, in denen sinnlich-vital wichtige Bedürfnisse nicht buchhalterisch dargestellt werden können. Nun wäre es denkbar, dass eine Buchhaltungsgesellschaft sich entscheidet, Arbeit für die externalisierten Bereiche aufzuwenden, um diese via aufzubringenden Arbeitszeiten in die Buchhaltung zu integrieren. Doch ein solches Produkt, z.B. Umweltschutz, hätte von vornherein gesellschaftlichen und unproduktiven Charakter. Niemand könnte es individuell kaufen, um es zu konsumieren. Damit gäbe es keine Einnahmen, um die Produktion zu finanzieren, was bedeutet, dass sie aus den produktiven Bereichen subventioniert werden müsste. Ein Blick in die DDR zeigt: Das war dort ganz genauso. Und da es in den produktiven Bereichen klemmte und die Menschen unzufrieden waren, weil sie für ihre Tokens (aka DDR-Mark) wenig bekamen, wurde das gesellschaftliche Produkt Umweltschutz eben selten hergestellt. Das Kernargument an dieser Stelle ist: Mit einer unit-of-account entstehen zwei gesellschaftliche Produktionslogiken: Eine solche, die sich produktiv in die Vermittlung integrieren lässt, weil sie Produkte erzeugt, die sich individuell kaufen lassen und damit Einnahmen erzeugt, und eine solche, die in dieser Logik unproduktiv ist und nur Kosten darstellt, weshalb sie „extra“ behandelt werden muss (durch Subventionen oder andere Maßnahmen). Diese Logik-Spaltung führt zum nächsten Punkt, der Sphärenspaltung.

(2) Eine allgemeine unit-of-account führt notwendig zur Sphärenspaltung von Produktion und Care. Auch Care-Tätigkeiten zur interpersonalen Bekümmerung von Menschen (Kindern, Kranken, Alten etc.) sind unproduktiv. Sie kosten nur und bringen nichts ein – wenn man Care-Tätigkeiten nicht auch noch bepreisen will, um aus ihnen eine individualisierte Ware zu machen, was ich der Arbeitszeitrechnung nicht unterstellen will. Interessanterweise kritisiert Lueer in einem anderen Text (Lueer, 2026a) die naheliegende Idee, individuelle Care-Tätigkeiten einfach zu bezahlen und dem öffentlichen Bereich zuzuordnen (weil: nur Kosten, kein Ertrag), um sie in die gesellschaftliche Buchhaltung einzubeziehen. Lueer legt plausibel dar, dass bei interpersonalen Care-Tätigkeiten kein gesellschaftliches, sondern ein privates Produkt erzeugt und zudem sofort von der empfangenden Person konsumiert wird. Damit entstünden der Buchhaltung sogar doppelte Kosten: Einmal muss Lohn ohne verkaufbares Produkt gezahlt werden (=Kosten) und zweitens wird ein Produkt konsumiert, ohne dass ein Preis gezahlt wird (=fehlende Einnahme). Das dadurch entstehende Defizit geht – transparent – als Abzug in den Lohn ein.

Was bei einem gesellschaftlichen Produkt (Umweltschutz, s.o.) als Abzug von der kaufbaren Warenvielfalt erscheint, zeigt sich bei einem (pseudo-) privaten Produkt als Abzug vom Lohn. Das wird notwendig Unzufriedenheiten erzeugen, die mit noch so viel Transparenz und Ideologie nicht still gestellt werden können: Wenn ich mich schon dem Arbeitszwang beuge, egal ob mir das transparent erklärt oder ich hinterrücks dazu genötigt werde, dann will ich für meine Tokens auch eine angemessene Kompensation haben. Das ist die Subjektform im Kapitalismus und Motor für Wachstum, aber eine krasse Bürde für eine gutmeinende Tokengesellschaft. Es gibt einen ungeheuren Druck, ausreichend Konsumgüter zu produzieren, womit der Rahmen für Subventionen eines öffentlichen Bereiches schwindet.

Zwischenfazit: Jede Hinzufügung einer gesellschaftlich-allgemeinen unit-of-account (das von Lueer geforderte „allgemeine Maß“) spaltet die Gesellschaft in jene Bereiche, die im abstrakt-allgemeinen Maß ausdrückbar sind, und jene, die herausfallen und irgendwie anders behandelt werden müssen. Es ist eine Hinzufügung, weil jede Gesellschaft sowieso auf einer in-kind Vermittlung gründet. Die dadurch entstehende Doppelvermittlung mit dem Primat der unit-of-account macht die gesellschaftliche Organisation nicht einfacher, sondern komplizierter. Sie ermöglicht keine „rationale gesellschaftliche Reproduktion“, sondern unterminiert sie – sofern wir Rationalität, also Vernünftigkeit, daran messen, was allen Menschen zu Gute kommt. Eine bloße quantitative tokenifizierte Binnenrationalität ist eine Pseudovernünftigkeit, weil sie große Bereiche des menschlichen und mehr als menschlichen Lebens ausblendet, beschädigt oder gar zerstört. Lueers eingangs zitierter Anspruch, dass eine postkapitalistische Gesellschaft bestimmen müsse, „nach welchem Maßstab sie Bedürfnisse vermittelt, gegeneinander abwägt und in gesellschaftliche Produktion übersetzt“ kann klar beantwortet werden: Der Maßstab müssen die Bedürfnisse selbst sein. Alles andere, jeder Umweg über ein abstrakt-allgemeines Drittes, erzeugt systematisch Verwerfungen, die nicht wieder eingefangen werden können.

Ist full-in-kind möglich?

Dieser Schluss enthebt uns allerdings nicht der Beantwortung der Frage, ob denn eine vollständige gesellschaftliche in-kind Vermittlung möglich ist. Denn ist sie es nicht, könnte eine Arbeitszeitrechnung vielleicht die beste der schlechten Lösungen sein. Hier haben wir mit unserer full-in-kind Position strukturell schlechte Argumentationskarten. Wir können gerade keine „einfache einheitliche“ Lösung für alles präsentieren, weil es die nicht gibt und nicht geben kann (Sutterlütti et al., 2027). Was wir tun können, ist uns die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche vorzunehmen, um im Einzelnen durchzuargumentieren, warum und wie eine Bedürfnisvermittlung, die die in-kind Vermittlung letztlich ist, funktionieren kann. Wir sind allerdings auch strukturell im Vorteil, weil wir es nicht mehr mit Verwerfungen aufgrund der Einbringung einer fremden Logik zu tun haben, die alle algorithmischen Buchhaltungsansätze gemessen an den Bedürfnissen darstellen (auch wenn das bestritten wird). Sondern Konflikte sind allein in-situ, also im gleichen Medium der Bedürfnisse, zu bewältigen. Es gibt kein Ausweichen auf ein Drittes. Dort, wo die Konflikte liegen, müssen sie auch gelöst werden, und zwar in einer strukturell inkludierenden Art und Weise. Geht das? Wir meinen, es geht, und im Folgenden wollen wir ein paar Hinweise (mit Quellenverweisen) zu verschiedenen Bereichen geben. Wir orientieren uns dabei an Einzelkritiken, die uns wichtige Reflexionsanstöße gegeben haben und für die wir sehr dankbar sind. Am Ende jedes Absatzes verweisen wir auf eine Quelle, in der wir die Frage ausführlicher behandeln (fragt uns ggf., weil die Quellen meist noch nicht online sind).

(1) Reproduktion: Full-in-kind Vermittlung setzt voraus, dass die Trennung zwischen der „öffentlich-produktiven“ Sphäre der Lohnarbeit und der „privat-reproduktiven“ Sphäre der unbezahlten Care-Arbeit aufgehoben ist. Das ist nur erreichbar, indem jegliche Tätigkeiten von der Lohnlogik und damit vom Zwang befreit sind. Tätigkeiten der Fürsorge und der Güterproduktion sind dann in der gesellschaftlichen Planung strukturell gleichberechtigt. Kritisch ist allerdings das kapitalistische Erbe zu sehen, das in der Phase der Transformation noch sehr wirkmächtig ist. Dennoch würde eine besondere Belohnung den Care-Bereich erneut einem schädlichen Effizienzdruck unterwerfen. Eine Zeitdokumentation kann hingegen ein nützliches Instrument sein, um das reale zeitliche Gewicht und damit die gesellschaftliche Bedeutung von Sorgetätigkeiten sichtbar zu machen und eine faire Verteilung zu verhandeln. Da patriarchale Strukturen tief in der Subjektbildung verankert sind, muss die Transformation zudem über ökonomische Fragen hinausgehen und Machtdynamiken in privaten Beziehungen aktiv herausfordern. Ein entscheidender Hebel ist hierbei die radikale Entprivatisierung von Care-Tätigkeiten durch gemeinschaftliche Wohn- und Infrastrukturprojekte, welche die isolierte Kernfamilie ablösen. So kann eine feministisch-commonistische Ökonomie erreicht werden, in der alle Bedürfnisse in einem integrierten, demokratischen Planungsprozess berücksichtigt werden (Dornis et al., 2026).

(2) Produktionsketten: Produktionsketten erfordern eine koordinierte Abstimmung zwischen einer Vielzahl von Produktionseinheiten. Um Entfremdung zu vermeiden, findet die Planung nach dem Subsidiaritätsprinzip so nah wie möglich an der eigentlichen Produktion statt. Größere Verbünde können dabei Planungsaufgaben an spezialisierte Meta-Commons delegieren, während die Autonomie der einzelnen Betriebe gewahrt bleibt. Die Steuerung basiert auf Realvariablen wie Arbeitszeit, Material und Energie, um ökologische und soziale Folgeschäden aufgrund von Externalisierungen zu vermeiden. Da diese sachbezogene Planung komplex ist, dienen digitale Netzwerke und demokratisierte Planungswerkzeuge als notwendige technologische Basis (s.u.). Durch den Verzicht auf zentrale Befehlsstrukturen bei gleichzeitiger Verfügbarkeit offen einsichtiger Daten wird eine transparente Einsicht in die gesamte Produktionskette für alle Beteiligten ermöglicht. Schließlich fließen die Bedürfnisse der betroffenen Menschen und der Umwelt durch deliberative Prozesse direkt in eine kollektive Selbstregulierung der Wirtschaft ein (Aigner et al., 2026; Meretz & Sutterlütti, 2025).

(3) Informationsproblem: Das Informations- oder Wissensproblem gilt seit Hayek (1945) als Klassiker. Es besagt, dass nur die Akteure vor Ort über das kontextbezogene Wissen für ein rationales ökonomisches Handeln verfügen, weshalb nur ein Markt dieses lokale Wissen über Preise vermitteln kann. Mit der sog. KI könnte dieses Dogma Geschichte sein. Könnte, denn es setzt die Vergesellschaftung und Offenlegung aller betrieblichen Daten voraus, was nur das Ergebnis einer Vergesellschaftung der Produktionsmittel und den Übergang der Betriebe (einschl. der KI-Systeme) in kollektive Verfügung – eben Commons – sein kann. Dann könnten wir eine commonistische KI fragen: „Was würde es für die einzelnen Sektoren bedeuten, wenn wir global das 1,5-Grad-Ziel einhalten? Schlag mir fünf Szenarien vor“. Und mit dem Szenarien-Ansatz (siehe 5) können diese Vorschläge bewertet und auf ihre Umsetzbarkeit geprüft werden (Meretz, 2026).

(4) Polyinstitutionalität und Polyzentralität: Der polyinstitutionelle und polyzentrale Planungsansatz versucht die Schwächen sowohl starrer, zentralistischer Modelle wie auch rein emergenter Selbstorganisation zu überwinden. Anstatt auf eine einzige dominierende Institution zu setzen, basiert das Modell auf einer vernetzten Architektur, in der „Meta-Commons“ als flexible Koordinationsknoten fungieren. Dabei sind Zentralität und Dezentralität nicht absolute Gegensätze, sondern institutionell vermittelte relative Positionen in einem Netzwerk, die je nach Erfordernis unterschiedlich kombiniert werden. Globale Herausforderungen und sektorale Rahmenbedingungen werden auf höheren Ebenen verhandelt, während der Alltag der Produktion und Bedarfsdeckung in semi-autonomen, lokalen Commons selbstorganisiert bleibt. Durch diese fraktale Struktur ist das System hoch anpassungsfähig und resilient gegenüber lokalen Störungen, ohne die notwendige gesellschaftliche Kohärenz aufzugeben. Das Ziel ist ein institutioneller Pluralismus, der unterschiedlichen sozialen Bedürfnissen Raum gibt und die demokratische Selbstbestimmung in den Mittelpunkt stellt (Sutterlütti et al., 2027).

(5) Szenarien-Ansatz: Der Szenarien-Ansatz (Scenario Optimization) dient als Werkzeug für eine in-kind-Vermittlung unter unsicheren Bedingungen. Er ersetzt klassische, auf Wahrscheinlichkeitsmodellen basierende Prognosen durch die Auswertung realer, historischer Beobachtungsdaten („Szenarien“), die sowohl normale als auch extreme Ereignisse abdecken. Der Ansatz ermittelt mathematisch eine Lösung, die über alle gewählten Szenarien hinweg robust funktioniert, wobei die Strenge der Absicherung durch einen definierten Risikoschwellenwert festgelegt wird. Ein wesentlicher Vorteil ist, dass die Garantien unabhängig von der Eintrittswahrscheinlichkeit einzelner Szenarien gelten, solange diese nicht ausgeschlossen wurden. Dieser Ansatz erfordert kein vollständiges Modell der Welt, sondern lediglich eine adäquate Beobachtung. Während die Mathematik die Robustheit der Planung gewährleistet, verbleiben die inhaltlichen Fragen – wie die Auswahl relevanter Szenarien und die Abwägung von Kompromissen – in der Hand der betroffenen Commons-Strukturen (ebd.).

Referenzen

Aigner, E., Dornis, N., Sutterlütti, S., Gerdes, L., Meretz, S., Schmelzer, M., Hofferberth, E., Pahl, H., Schröter, J., & Scholz-Wäckerle, M. (2026). Planned degrowth in egalitarian futures: Investigating responses to capitalist legacies in the agent-based macroeconomic simulation of Commonism. Ecological Economics

Dornis, N., Sutterlütti, S., & Meretz, S. (2026). Commonism. In B. Akbulut, M. Dufour, S. Elias-Pinsonnault, A. Laurin-Lamothe, & S. Tremblay-Pepin (Hrsg.), Handbook on Postcapitalist Political Economy. Edward Elgar. 

Hayek, F. A. (1945). The Use of Knowledge in Society. The American Economic Review, Vol. 35, No. 4., 519–530. 

Lueer, H. (2026a). Gesellschaftliche versus private Reproduktionsarbeit. Oder: Wie man die marxistische Arbeitszeitrechnung ad absurdum führen kann. Arbeiterstimmen. https://arbeiterstimmen.wordpress.com/2026/02/07/gesellschaftliche-versus-private-reproduktionsarbeit/ 

Lueer, H. (2026b). Rezension zu Simon Sutterlütti / Stefan Meretz Kapitalismus aufheben. Arbeitszeitrechnung. https://arbeitszeitrechnung.org/kritik-des-commonismus/ 

Marx, K. (1962). Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie: MEW 23. Dietz. (Ursprünglich erschienen 1890) 

Meretz, S. (2023). Demokratischer Arbeitszwang. keimform.de. https://keimform.de/2023/demokratischer-arbeitszwang/ 

Meretz, S. (2026). KI als Endstadium des Kapitalismus – und was danach kommt. Freie Assoziation, (2). 

Meretz, S., & Sutterlütti, S. (2025). Distributed Commonist Planning. In J. Groos & C. Sorg (Hrsg.), Creative construction: Democratic planning in the 21st century and beyond (S. 83–97). Bristol University Press. 

Schlemm, A. (2012). Das konkret Allgemeine und das Besondere. Philosophenstübchen. https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2012/01/29/verstand-vernunft-11/ 

Sutterlütti, S. (2024). Das notwendige Ende der (Lohn-)Arbeit: Warum in einer effizienten, feministischen, ökologischen und demokratischen Planwirtschaft Arbeit freiwillig sein muss. PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 54(215), 221–243. https://doi.org/10.32387/prokla.v54i215.2121 

Sutterlütti, S. (2025). Warum ist der Sozialismus gescheitert? – Eine Kritik des Realsozialismus [Videoaufnahme]. https://www.youtube.com/watch?v=spbHZqCED_k 

Sutterlütti, S., & Meretz, S. (2018). Kapitalismus aufheben: Eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken. VSA: Verlag. 

Sutterlütti, S., Meretz, S., & Dornis, N. (2027). Institutions of polycentral planning in Commonism. In Democratic Economic Planning for the Future. Routledge. 

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