Konkrete Utopien und utopische Potenzialitäten

Utopietheoretiker mit Pfeife: Ernst Bloch
Utopietheoretiker mit Pfeife: Ernst Bloch (Fotograf: Krueger, Lizenz: CC-BY-SA)

[Voriger Teil: Utopiekritik, Utopistik und die Probleme des „Modells Zukunftswerkstatt“]

Ohne einen Bezug auf Ernst Blochs Begriff der „konkreten Utopie“ wäre jede Debatten über Utopien unvollständig. Bloch grenzt die konkrete Utopie vom bloß „Utopistischen“ bzw. der „abstrakten Utopie“ ab (Bloch 1959, 1:179–180) – sie beschreibt „real Mögliche“ und hat dabei eine „Prozeßwirklichkeit“: „ die konkrete Phantasie und das Bildwerk ihrer vermittelten Antizipationen sind im Prozeß des Wirklichen selber gärend und bilden sich im konkreten Traum nach vorwärts ab“ (ebd., 226). Die konkrete Utopie steht als „reale Möglichkeit“ am „Horizont jeder Realität“ (ebd., 258).

Indem er den Fokus auf den „Prozeß“ und die „reale Möglichkeit“ legt, betont auch Bloch, dass die Analyse im Hier und Heute anfangen muss statt mit dem utopischen Entwurf. An den typischen Utopist:innen kritisiert er, dass sie nur die „abstrakte Ergründung eines von Geschichte und Gegenwart […] unabhängigen Phantasiestaats“ leisten können und wollen: „Die Traumlaterne scheint bei abstrakten Utopisten in einen leeren Raum, das Gegebene hat sich der Idee zu fügen“ (ebd., 2:675). Es ist das doppelte Problem fast jeden utopischen Entwurfs: Da wo die Darstellung der Utopie vor der Frage nach deren Realisierbarkeit kommt, zeigt schon die Form der Darstellung sehr klar, dass das Phantasiegebilde eben unabhängig von „Geschichte und Gegenwart“ entworfen wurde. Letzterer wird zwar in Form der Frage nach dem „Übergang“ oder „Transformationsprozess“ abschließend noch Rechnung getragen – aber da dieses analytische Anhängsel auf die entworfene Utopie selbst keinen nennenswerten Einfluss hat, kann das Ergebnis zwangsläufig nur unbefriedigend ausfallen.

Auch das andere von Bloch angesprochene Problem haben wir schon behandelt: In jeder Utopie hat sich „das Gegebene […] der Idee zu fügen“ – die Utopist:innen verfolgen eine Idee oder eine Reihe von Ideen und ihr gesamter Gesellschaftsentwurf geht aus diesen Ideen hervor. Der gesellschaftlichen Komplexität können sie damit nicht gerecht werden – keine real existierende oder potenziell mögliche Gesellschaft hat jemals sauber einer aufzählbaren Menge an Ideen entsprochen. Die Anforderungen der Wirklichkeit, in der sich Menschen wiederfinden, sind theoretisch nicht vorwegzunehmen. Für reale Probleme und Herausforderungen werden Lösungen gefunden, von denen die Theoretiker:in vorab nichts wissen kann, weil sie die genaue Situation gar nicht kennt – und die sie wahrscheinlich, selbst wenn ihr das Problem durch den Kopf ginge, zurückweisen würde, weil sie ihren vorformulierten Ideen nicht entsprechen.

Und selbst wenn es prinzipiell möglich wäre, die Welt nach einer Reihe von Ideen zu organisieren, würden sich diese Ideen in der Praxis nie rein durchsetzen, weil ja unterschiedliche Menschen von verschiedenen Ideen, Wünschen und gesellschaftlichen Zielvorstellungen ausgehen. Sie versuchen die Gesellschaft in verschiedene Richtungen zu zerren – was dabei herauskommt, hängt von Kräfteverhältnissen und Umständen ab, aber es ist niemals das, was irgendeine der beteiligten Gruppen als ihr Idealbild (ihre Utopie) bezeichnen würde.

Die Utopist:innen imaginieren sich eine Gesellschaft, in der genau ihre Ideen vollständig gewonnen haben und die Gesellschaft komplett dominieren. In der Realität gibt es aber, auch wenn sich einige weitergehend durchsetzen und andere weitgehend scheitern, nie absolute Gewinner:innen – einige bekommen mehr von dem, was sie wollen, andere weniger, aber niemand bekommt alles. Die heutige Realität wurde etwa stärker durch die Neoliberalen geprägt als durch irgendeine andere Gruppe. Und doch haben auch die Neoliberalen keineswegs bekommen, was sie wollten, und eine neoliberale Utopie würde sich von den heutigen Gesellschaften stark unterscheiden – wie Wendy Brown in ihrem lesenswerten Buch In the Ruins of Neoliberalism zeigt.

Wie aber ist es nun mit Blochs „konkreten Utopien“, vermeiden sie diese Probleme? Man kann seine Argumentation dahingehend lesen, dass wie er Wallerstein dafür plädiert, bei der Suche nach konkreten Utopien mit der „ernsthafte[n] Einschätzung historischer Alternativen“ anzufangen – also vorne, im Hier und Heute zu beginnen, statt wie die Utopist:innen hinten mit der erträumten Idealgesellschaft. Er selbst betont, dass es ihm um die „Arbeit in und mit wirklichen Tendenzen“ geht, während „die sentimentale [und] abstrakte Weltverbesserung […] ausgespielt“ habe. Mensch dürfte nicht bei der „subjektive[n] Empörung“ über die herrschenden Verhältnisse stehen bleiben, so wichtig diese als Antriebskraft für die Suche nach Alternativen auch sei. Vielmehr gelte es darüber hinaus nach den „wirklich vorhandenen revolutionären Faktoren“ zu forschen, von denen die Veränderung der Gesellschaft tatsächlich ausgehen kann (Bloch 1959, 2:723).

Unter Bezug auf Bloch wirft dann auch Annette Schlemm Simon und Stefan vor, dass diese das „ideale Allgemeine als ihr[en] Maßstab“ nehmen, anstatt des „jeweils konkret mögliche[n] Andere[n], ausgehend von den je konkreten Zuständen und Bedingungen“. Ihre sog. „kategoriale Utopie“ beziehe sich auf „überhistorische Momente des Menschseins“, statt dort zu beginnen, wo wir heute stehen (Konkrete Tendenz statt abstraktes Ideal). In Blochs Worten kommen sie über „abstrakte Weltverbesserung“ nicht hinaus.

Allerdings gibt es trotz der Ähnlichkeiten zu Wallersteins Argumentation auch einen zumindest potenziellen Unterschied: Wo Wallerstein die Offenheit der Zukunft betont – es gilt von den möglichen Zukünften die beste zu finden und zu fördern –, kommt bei Bloch zumindest an einigen Stellen und in gebrochener Form die Kernauffassung der bereits behandelten materialistischen Geschichtsauffassung zum Ausdruck: dass nämlich der Kapitalismus zwangsläufig dem Untergang geweiht sei und dass die ihm ebenso zwangsläufig folgende Gesellschaft in ihren Grundzügen heute schon erkennbar sei. So sieht er einen „subjektive[n] Faktor [des] Untergangs“ der kapitalistischen Gesellschaft, nämlich das „Proletariat, das von [dieser] Gesellschaft als ihr Widerspruch mitproduziert ist und sich als Widerspruch bewußt wird“, sowie einen „objektive[n] Faktor ihres Untergangs“, nämlich die „Akkumulation und Konzentration des Kapitals, [die] Monopolisierung, [die] Überflußkrise, die dem Widerspruch zwischen erlangter kollektiver Herstellungsweise und beibehaltener privater Aneignungsform entstammt“ (Bloch 1959, 2:724).

Wie schon zitiert sieht er in der konkreten Utopie den „konkreten Traum nach vorwärts“ (ebd., 1:226). Er betont: „Der solide Traum schließt sich tätig an das an, was geschichtlich fällig und in mehr oder minder verhindertem Gang ist“ (ebd., 2:727). Während Marx und Engels noch davon ausgingen, dass die Zukunft sowieso kommen würde, und den „Utopie“-Begriff deshalb für obsolet erklärten, war diese ungebrochene Zukunftshoffnung für Bloch nicht mehr vertretbar – zwei Weltkriege und die Fehlentwicklung der Sowjetunion zum Stalinismus statt zum erhofften Fundament einer besseren Gesellschaft hatten das unmöglich gemacht. Deshalb erkennt er an, dass die vorhergesagte Zukunft „mehr oder minder verhindert“, behindert und aufgehalten werden kann.

Dementsprechend warnt er vor „jenem banalen, automatischen Fortschritts-Optimismus an sich, der nur eine Reprise des kontemplativen Quietismus ist“. Er warnt vor der aus simplifizierenden materialistischen Erwartungen abgeleiteten Erwartung eines „Zukunftsstaat, der […] als abgemachte Konsequenz innerhalb der sogenannten eisernen Logik der Geschichte“ mutmaßlich zwingend kommen müsse – mit der Konsequenz, dass das Individuum „die Hände in den Schoß legen“ und ruhig abwarten könne, während der „Kapitalismus, dadurch, daß man ihn zu Ende funktionieren läßt, als sein eigener Totengräber“ fungiert (ebd., 1:228).

Davon will Bloch nichts wissen:

Das alles aber ist grundfalsch, ja so sehr neues Opium fürs Volk, daß […] selbst ein Schuß Pessimismus dem banalautomatischen Fortschrittsglauben an sich vorziehbar wäre. Denn ein Pessimismus mit realistischem Maß ist immerhin nicht so hilflos überrascht vor Fehlschlägen und Katastrophen, vor den entsetzlichen Möglichkeiten, die gerade im kapitalistischen Fortgang gesteckt haben und weiter stecken. Denken ad pessimum [= in Bezug auf das Schlimmste] ist jeder Analyse, die es nicht wieder verabsolutiert, ein besserer Mitfahrer als die billige Vertrauensseligkeit. (ebd.)

Bloch schrieb dies unter Eindruck der beiden Weltkriege und des Holocausts, doch auch angesichts der Klimakatastrophe, die bereits begonnen hat, bleibt sein Verweis auf die „entsetzlichen Möglichkeiten, die gerade im kapitalistischen Fortgang […] stecken“ von ungebrochener Relevanz. Sein „Denken ad pessimum“ entspricht auch der Forderung von Annette Schlemm (2013), wonach sich alle Utopien einem „Crashtest“ unterziehen müssten – einer Belastungsprobe, um zumindest gedanklich zu untersuchen, wie gut sie nicht nur unter Idealbedingungen, sondern auch im „Worst Case“, unter den denkbar schlechtesten Bedingungen funktionieren könnten.

Bloch selbst ist allerdings durchaus ambivalent. Trotz seines Plädoyers für einen „Pessimismus mit realistischem Maß“ scheint bei ihm die Geschichte im Kern nur eine Richtung zu kennen, auch wenn die Entwicklung in diese Richtung zumindest für einige Zeit „mehr oder minder verhindert“ werden kann (wie oben zitiert). Er schreibt: „Konkreter Utopie kommt es also darauf an, den Traum von ihrer Sache, der in der geschichtlichen Bewegung selbst steckt, genau zu verstehen“ (Bloch 1959, 2:727) und der „gesetzmäßigen Tendenz“ des „künftig Vorhandene[n]“ (ebd., 878) zum Durchgriff zu verhelfen. Auf diese Weise bleibt sein Begriff der „konkreten Utopie“ zumindest ein Stück weit an den Determinismus der materialistischen Geschichtsauffassung gebunden, wie ihn Engels und andere Denker:innen in dieser Tradition vertreten hatten.

Was bleibt vom Utopismus?

Was also bleibt vom Utopismus? Zwei Dinge, denke ich: Zum einen das, worin sich Bloch und Wallerstein einig sind: Dass mensch bei der Suche nach möglichst guten – oder zumindest möglichst wenig schlimmen – Zukünften immer im Hier und Heute anfangen muss, durch die Untersuchung der sich heute stellenden Alternativen – und nicht mit einem Gesellschaftsideal, das irgendwelche abstrakt formulierten Prinzipien umsetzt und dessen Erreichbarkeit noch völlig ungeklärt ist.

Zum anderen aber auch, dass es in Vergangenheit und Gegenwart ja viele Kämpfe um eine bessere Zukunft – Revolutionen, Aufstände, Demonstrationen, Forderungen und Kampagnen, Flucht- und Migrationsbewegungen – gab und gibt. Bini Adamczak und Guido Kirsten sprechen hierbei von „utopischen Potenzialitäten“, die in solchen Kämpfen um eine bessere Welt zum Ausdruck kommen – und die als Potenzialitäten, als auf ihre Realisierung wartende Möglichkeiten auch dann in der Welt bleiben, wenn die Kämpfe selbst zunächst scheitern oder nur teilweise erfolgreich sind (Adamczak und Kirsten 2013, 15).

Wobei auffällig ist, dass die erfolgreicheren unter den sozialen Kämpfen und Emanzipationsbestrebungen in aller Regel keine komplette Idealgesellschaft vor Augen hatten und haben, sondern etwas viel Konkreteres: Ein Recht, das einigen oder allen vorenthalten wird und das erkämpft werden soll, oder auch ein Vorrecht oder Privileg, das nur einigen gewährt wird auf Kosten aller anderen und das es deshalb zu beseitigen gilt. Diese Rechteperspektive hat Menschen immer wieder beflügelt in einer Weise, wie es dem Utopismus anscheinend nie gelungen ist. Sie hat dafür gesorgt, dass die Gegenwart zumindest in einigen Ländern und in mancher Hinsicht deutlich besser ist als das sonst der Fall wäre – und als es in Ländern der Fall ist, wo die Rechteperspektive bislang weniger erfolgreich war. Ohne Zweifel wird sie auch bei künftigen Kämpfen um eine bessere Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Darauf werde ich im nächsten Teil eingehen.

[Fortsetzung: Utopisches Denken und der Rechteansatz]

Dank

Für hilfreiche Hinweise zum Verständnis von Ernst Bloch danke ich Annette Schlemm.

Literatur

Adamczak, Bini und Guido Kirsten (2013). „If … then … else.“ In: „Etwas fehlt“. Utopie, Kritik und Glücksversprechen, Hg. Jour Fixe Initiative Berlin, 13–29. Münster: Edition Assemblage.

Bloch, Ernst (1959). Das Prinzip Hoffnung. 3 Bde. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1976.

Brown, Wendy (2019). In the Ruins of Neoliberalism. The Rise of Anti-Democratic Politics in the West. New York: Columbia Univ. Press.

Schlemm, Annette (2013). „Was fehlt? Crashtest für Schönwetterutopien.“ In: „Etwas fehlt“. Utopie, Kritik und Glücksversprechen, Hg. Jour Fixe Initiative Berlin, 241–253. Münster: Edition Assemblage.

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