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Ein revolutionäres Minimalprogramm

Seit einigen Monaten wird als eine Konsequenz einer von der Sozialistischen Initiative Berlin-Schöneberg angeregten Organisationsdebatte ein revolutionäres Minimalprogramm erarbeitet. Aus diesem Prozess (1, 2, 3) hat sich inzwischen das Bochumer Programm (PDF) herauskristallisiert. (Dokumentation der aktuellen Diskussion)

Das Programm könnte auch für Menschen, die den Keimformen nahestehen, interessant und unterstützenswert sein. Robert Schlosser, einer der elf Mitverfasser des Programms, begründet, warum eine solche Aufstellung von Forderungen innerhalb des Kapitalismus sinnvoll ist. Eine theoretische Kritik des Kapitalismus alleine reiche nicht, um revolutionäre Bewegungen anzustoßen. Ein kommunistisches Bewusstsein entwickelten Menschen oft erst in einer revolutionären Bewegung. In dem Programm finden sich einige Punkte, die genau jene Veränderungen einfordern, die einer Gesellschaft mit commonsbasierter Peerproduktion vorausgehen müssen. Die „wichtigsten politischen Forderungen“ des Programms beziehen sich gerade darauf:

  • Kommunalisierung und Demokratisierung von Energieversorgung, Lebensmittelversorgung und Transportwesen;
  • Kommunalisierung und Demokratisierung des Bildungswesens. Einheitliche Ausbildung in Theorie und Praxis für Alle bis zum 18. Lebensjahr.

Die Einschränkung der Kommunalisierung und Demokratisierung auf diese Bereiche mag vielleicht zu willkürlich und zu restriktiv erscheinen, will doch die Peerökonomie idealiter jede Produktion in kommunalen und dezentralisierten Gemeinschaften geeigneter Größe organisieren. Dazu muss jedoch auch der erste Schritt einer vielleicht langwierigen Transformation getan werden. Die kommunale Versorgung mit Energie, Lebensmitteln, Transport und Bildung würde Menschen in ihren elementaren Bedürfnissen von einer fremdbestimmten Produktion unabhängig machen und die Selbstverantwortung und -organisation, die eine künftige Produktionsweise kennzeichnen werden, einüben.

Die nächsten vier Forderungen kann die Commonsbewegung ohne weiteres unterstützen. Mit dem Ende des Staates, den auch die Commons irgendwann obsolet machen werden, sind diese Forderungen sowieso erfüllt:

  • Freiheit der Information, der Rede, der Versammlung und der Organisation;
  • Abschaffung des Beamtentums;
  • Trennung von Staat und Kirche. Abschaffung der Kirchensteuer;
  • Abzug aller deutschen Soldaten aus dem Ausland.

Im Programm folgen noch die „wichtigsten gewerkschaftlichen Forderungen“. Sie berühren die Commons nicht direkt, da es in Commons ja keine kapitalistische Produktion, keine Lohnarbeit, mehr gibt. Trotzdem ist eine Unterstützung zu erwägen, weil auch Menschen in Commons mehrheitlich noch in der kapitalistischen Gesellschaft verankert und vielleicht als Lohnarbeiter außerhalb ihres Commons vom Kapital abhängig sind. Wollen sie die Commons weiterentwickeln, müssen sie sich Freiräume vom Kapital verschaffen. Hier ergeben sich Anknüpfungspunkte zum Kampf der Gewerkschaften, natürlich nur der revolutionären (in Deutschland etwa IWW und FAU). Der Dialog mit emanzipatorischen Bewegungen und eine gewisse Synchronisation mit ihnen im Klassenkampf scheinen mir zur Lösung der Frage der Aneignung der Produktionsmittel bedeutsam. Denn, so versichert das Programm: „Abschaffung der Lohnarbeit mittels Selbstverwaltung der Unternehmen durch die Werktätigen ist unser wichtigstes Ziel.“ Stehen Betriebe erst unter der Kontrolle der Produzenten, so rückt die Perspektive einer demokratischen Selbstorganisation von wertfreier Gebrauchsgüterproduktion ein Stück näher.

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Eigentumsfragen

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13. Oktober 2011, 08:40 Uhr   17 Kommentare

1 StefanMz (13.10.2011, 13:05 Uhr)

Also, mir ist nach dem Artikel nicht klar

  • was das mit Commons zu tun hat (außer, dass am Ende alles mit Commons zu tun hat)
  • wie die Allgemeinforderungen inhaltlich gefüllt sind
  • wie sich das Etikett »revolutionär« begründet
  • wieso Lohnarbeit weg sein soll, wenn die Unternehmen selbst verwaltet werden
  • wer der Adressat ist (der Staat? die Leute allgemein? die Piraten? die »Wutbürger«?)

All das spricht nicht gegen die Forderungen. Der verbal-radikale Overhead wirkt auf mich jedoch reichlich altbacken und steht in eigenartigem Missverhältnis zum Allerweltscharakter der Forderungen.

2 Martin Bartonitz (13.10.2011, 14:54 Uhr)
3 libertär (13.10.2011, 23:11 Uhr)

was das mit Commons zu tun hat
Commons gibt es nicht ohne Kommunalisierung und Demokratisierung. Es ist daher folgerichtig, für Kommunalisierung und Demokratisierung einzutreten. Mir ist auch nicht bekannt, dass Commons-Bewegte dafür eintreten, dass die Freiheit der Information, der Rede, der Versammlung und der Organisation unterdrückt wird, dass in Commons ein Beamtentum etabliert wird, dass es einen Staat geben soll, dass es eine mit dem Staat verbündete Kirche geben soll, dass es weiterhin Geld und Steuern geben soll und dass Soldaten irgendwo eingesetzt werden sollen. Es ist daher eine notwendige Voraussetzung für eine Gesellschaft der Commons, dass diese Forderungen erfüllt sind.

wie die Allgemeinforderungen inhaltlich gefüllt sind
Der Inhalt einer jeden Forderung steht da. Z.B.: Der Inhalt der Forderung, die durch die Zeichenfolge Abschaffung des Beamtentums mitgeteilt wird, ist „Abschaffung des Beamtentums“.

wie sich das Etikett »revolutionär« begründet
Bei Schlosser heißt es: „Keine der Forderungen oder Ziele des Minimalprogramms stellt als solche die kapitalistischen Produktionsverhältnisse in Frage. Als einzelne könnten sie ausnahmslos als Reformen verwirklicht werden, ohne dass die kapitalistischen Produktionsverhältnisse verschwinden würden. In ihrer Summe würden sie allerdings in einem Umfang „Selbstverwaltung“ (Kommune, Sozialversicherungen) durchsetzen und dem Kapital Schranken auferlegen (Arbeiterschutzforderungen), dass sie ohne revolutionäre Massenbewegung niemals durchzusetzen wären.“ Ohne mich dazu zu positionieren, ob diese Einschätzung zutrifft – das wird sich in der Praxis zeigen –, halte ich das für eine Begründung, warum die Forderungen revolutionär sind.

wieso Lohnarbeit weg sein soll, wenn die Unternehmen selbst verwaltet werden
Das bezweifle ich auch stark. Ich habe vor einem Monat sogar einen Artikel dazu geschrieben, in dem ich meine Zweifel begründe. Ich sehe jedoch auch nicht, wo das im Bochumer Programm behauptet wird. Daher halte ich deinen Einwand für unsubstanziiert.

wer der Adressat ist
Der Adressat des Programms ist ausweislich des Programms die Mehrheit, die von den „Machthabern verplant und bevormundet“ wird, m. a. W. alle, die nicht zur Klasse der Herrschenden und des Kapitals gehören. Die Adressaten der Forderungen des Programms, die diese Mehrheit übernehmen soll, sind diejenigen, die die Forderungen erfüllen können. (Eigentlich logisch, da Forderungen nur Sinn machen, wenn sie erfüllt werden können.) Die Forderungen richten sich also an das Kapital, das seine Repression lockern soll. Die Forderung nach einer 5-Tage-Woche z.B. kann sich nur an die richten, die die Macht haben, Arbeit zuzuweisen. Es besteht kein Zweifel, dass die Minderheit der Mächtigen adressiert werden soll.

Wo siehst du einen „verbal-radikale[n] Overhead“? Ich konnte den nicht entdecken.

4 Wat. (14.10.2011, 21:07 Uhr)

wieso Lohnarbeit weg sein soll, wenn die Unternehmen selbst verwaltet werden

Wie sollten es die dort arbeitenden Menschen schaffen, gleichzeitig Lohnarbeiter zu sein und die Unternehmen zu verwalten?

Die Arbeiter schaffen als Lohnarbeiter das gesamte Arbeitsergebnis, das ihnen aber dann nicht gehört; den Unternehmenseignern.

Sie sind ja gerade deshalb Lohnarbeiter, weil sie das Arbeitsergebnis schaffen, aber dafür nur einen Lohn erhalten, der nicht wirklich etwas mit dem Gesamtergebnis zu tun hat, jedenfalls alles andere als eine Art Gewinnbeteiligung ist.

Sie bekommen diesen Lohn nur dafür, daß sie arbeiten, (beinahe) unerheblich wieviel sie dabei schaffen.
Sie arbeiten einen Teil ihrer Zeit für ihren Lohn, aber eben auch einen Teil als Mehrarbeit, den nicht sie bekommen sondern den sich der Kapitalist/Unternehmenseigner über das Arbeitsergebnis aneignet.

Lohnarbeit ist ausgebeutete Arbeit.

Es bedarf für Lohnarbeit eines Dritten, der sich das Arbeitsergebnis aneignet.

Wenn nun dieser Dritte fehlt und die Arbeiter selbst bestimmen, was/wieviel/von wem/wozu produziert wird, all diese Anforderungen aber von ihnen auch selbst ausgeführt und anschließend ‚verbraucht‘ werden – kann da mE von Lohnarbeit keine Rede mehr sein.
Ihnen gehört zusammen das Unternehmen/die Unternehmen, sie arbeiten zusammen und entscheiden gemeinsam, was es mit und durch sie ‚unternimmt‘.

Entscheidend ist tatsächlich, daß sie (sich) selbst verwalten und nicht ein ‚Managment‘ für sie.

5 StefanMz (14.10.2011, 23:37 Uhr)

@Wat: Lohnarbeit ist nicht davon abhängig, wer sich das Arbeitsergebnis aneignet und wer den Laden managet. Entscheidend ist, ob Arbeitskraft als Ware gegen Geld verkauft und dann zwecks Verwertung ausgebeutet wird. Es bedarf keines Dritten. Es handelt sich um ökonomische Funktionen, und wenn die ökonomischen Funktionen von ein und derselben Gruppe vollzogen werden, dann ist das eben so und ändert nichts an der Funktion.

Das gilt selbst, wenn es sich nur um eine einzige Person handelt: der/die Arbeitskraftunternehmer_in.

6 Wat. (15.10.2011, 05:17 Uhr)

@StefanMz

Wenn sie selbst entscheiden, „was/wieviel/von wem/wozu produziert wird, all diese Anforderungen aber von ihnen auch selbst ausgeführt und anschließend ‘verbraucht’ werden“, schrieb ich – und meinte – sie stellen die Produkte her, die sie selbst verbrauchen, wo ist da noch ein Verkauf ihrer Arbeitskraft als Ware?
Ich sehe da keinen mehr…

Sorry, wenn es mir nicht gelang mich deutlich auszudrücken.

Es stimmt wohl, allein, daß sie selbst produzieren und ‚überlegen‘, was sie mit dem Arbeitsergebnis tun, muß (zb. unter kapitalistischen Bedingungen) sich noch nichts an der Arbeit als Lohnarbeit ändern.
Allerdings ist es die Grundvoraussetzung selbst ‚zu verwalten‘, auf ökonomische Bedingungen der bekannten Art verzichten zu können.

Sie verbrauchen ihr Arbeitsergebnis als Arbeitsergebnis, also das Produkt, nicht als ‚Geld(-erlös)‘ aus diesem.

7 StefanMz (16.10.2011, 14:00 Uhr)

@Wat: Ok, wenn sie ihr Produkt selbst verzehren, ist das was anderes. Subsistenzproduktion ist keine Warenproduktion.

In diesem hier diskutierten Kontext ging es jedoch um was anderes. Der Autor zitiert:

»Abschaffung der Lohnarbeit mittels Selbstverwaltung der Unternehmen durch die Werktätigen ist unser wichtigstes Ziel.«

Hier wird unterstellt, das die Lohnarbeit abgeschafft werden könne, wenn man Unternehmen in die Selbstverwaltung übernimmt. Das bestreite ich.

@libertaer: Hier hast du nochmal das Zitat. Steht in deinem Artikel. Das wird so im Bochumer Programm behauptet.

8 Robert Schlosser (17.10.2011, 12:04 Uhr)

@Stefan Mz
Was Du geschrieben hast darf nicht unwidersprochen bleiben.
1. Ökonomische Funktion und Personifikation in kapitalistischen Produktionsverhältnissen
Es darf daran erinnert werden, dass Verwertung auf der Auspressung von unbezahlter Mehrarbeit beruht, die sich nicht von selbst macht! In kapitalistischen Unternehmen ist eine komplette Hierarchie von Über- und Unterstellungen noch immer die Regel. Und selbst in Unternehmen, mit sehr flachen Hierarchien und viel „Selbstbestimmung“ tront über Allem die Geschäftsführung, die den Notwendigkeiten der Verwertung und des Marktes Nachdruck verleiht. Marx weist erstens darauf hin, dass das Kapital ein Zwangsverhältnis ist, „das auf keinen persönlichen Herrschaft- und Abhängigkeitsverhältnissen beruht, sondern einfach aus verschiedenen ökonomischen Funktionen entspringt“ (Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, S. 47). Er betont zugleich, dass die „Teilung der zusammengehörigen Elemente des Produktionsprozesses“ zu Verselbständigungen „bis zur wechselseitigen Personifikation“ führt. (Marx, ebenda, S. 42) Die ökonomischen Funktionen werden von Personen wahrgenommen. Waren tragen sich nicht selbst zu Markte und die Auspressung unbezahlter Mehrarbeit bedarf des von Personen ausgeübten Kommandos über fremde Arbeitskraft. Das entspricht millionenfacher Erfahrung.
2. Abschaffung der Lohnarbeit durch Selbstverwaltung in Produktivgenossenschaften
Ich unterstelle mal, dass alle Unternehmen solche Produktivgenossenschaften sind und in Selbstverwaltung geführt werden. Ich unterstelle ferner, dass alle diese Genossenschaften noch Waren für den Markt produzieren. Die Mitglieder der Produktivgenossenschaft würden für ihre Arbeitsleistung Geld erhalten, damit sich sich auf dem Markt Konsumgüter kaufen können. Wir hätten also auf der einen Seite Gemeineigentum an Produktionsmitteln in der Form von Genossenschaften und wir hätten weiter allgemeine Warenproduktion. Hätte die menschliche Arbeitskraft unter solchen Bedingungen weiter Warencharakter? Aus meiner Sicht kann man das nicht allen Ernstes behaupten. Warum sollten Menschen, die als Teil einer Gemeinschaft, die über Produktionsmittel verfügt, ihre Arbeitskraft auf einem gar nicht existierenden „Arbeitsmarkt“ anbieten? Die Mitglieder der Produktivgenossenschaft hingen zweifellos ab vom Erfolg ihres – tatsächlich ihres! – Unternehmens auf dem (Waren-)Markt. Aber sie hingen nicht ab vom Verkauf ihrer individuellen Arbeitskraft auf einem „Arbeitsmarkt“! Die menschliche Arbeitskraft würde nicht mehr als Ware gehandelt. Bei Bedarf könnten Menschen die Genossenschaft wechseln, was aber nichts zu tun hätte mit einem Verkauf von Ware Arbeitskraft, weil sie immer nur von einer Gemeinschaft mit Produktionsmittelbesitz in eine andere wechseln würden und immer an der Selbstverwaltung teilnähmen.
Mir geht es nicht darum, einen solchen Zustand zu idealisieren, aber bereits unter solchen Umständen wäre die menschliche Arbeitskraft keine Ware mehr. (Ein solcher widersprüchlicher Zustand wäre überhaupt nicht auf Dauer aufrecht zu erhalten. Er würde entweder – den Gesetzen des Marktes folgend – zur Reprivatisierung der Produktionsmittel führen, oder zur Abschaffung der Warenproduktion).
Uns geht es natürlich um mehr, wir wollen den „voll entwickelten Kommunismus“, in dem es keine Warenproduktion mehr gibt, in dem die Menschen, die von ihnen erzeugten Produktionsmittel und Konsumtionsmittel planmäßig nach Bedarf verteilen. Die Aneignung der gegenständlichen Bedingungen ihrer Reproduktion in der Form der genossenschaftlichen Produktion aber ist der entscheidende Schritt, der überhaupt erst diese Perspektive eröffnet, indem er die Lohnarbeit abschafft. Die Abschaffung der allgemeinen Warenproduktion setzt voraus, dass die menschliche Arbeitskraft keine Ware mehr ist, so wie die Verallgemeinerung der Warenproduktion die Verwandlung der menschlichen Arbeitskraft in eine Ware voraussetzte. Die Abschaffung der Warenproduktion würde als nächstes voraussetzen, dass vernetzte Genossenschaften dazu übergehen, die gesellschaftliche Arbeit bewusst und planmäßig zu organisieren. Darüber zu spekulieren, wie schnell das gehen könnte und in welchen Formen das zu organisieren wäre, bedeutet, dass man sich auf das Feld der Utopie begibt. Dagegen habe ich keine grundsätzlichen Einwände, aber es führt zu nichts, wenn man nicht mit dem durch das Kapital erzeugten Klassenkämpfen rechnet und keine Perspektive zu bieten hat, welche nächsten Schritte die Mehrheit der LohnarbeiterInnen tun werden muss, um überhaupt die Gelegenheit zu erhalten, Warenproduktion abschaffen zu können.

9 StefanMz (17.10.2011, 13:34 Uhr)

@Robert Schlosser: Danke für deinen Widerspruch, den ich bzgl. Punkt 1 nicht als Widerspruch, sondern eher als Illustration des von mir gesagten wahrnehme: ökonomische Funktionen sind grundsätzlich unabhängig von bestimmten Personen. Dass sich für die Exekution der ökonomischen Funktionen Personen finden müssen und dort auch bestimmte Personen besonders gut passen mögen, liegt auf der Hand. Das sieht der Marx schon ganz richtig: Das Zwangsverhältnis entspringt den ökonomischen Funktionen — und nicht umgekehrt.

Wie du dann aber zum Punkt 2 kommst, ist mir schleierhaft. Selbstverständlich hängt auch bei den Genossenschaftsbeschäftigten der Verkauf ihrer Arbeitskraft vom Arbeitsmarkt ab. Nur, weil sie aktuell ihre Arbeitskraft verkauft haben, verschwindet doch nicht das ökonomische Zwangsverhältnis. Anderenfalls würde das gleiche auch für andere erfolgreiche Arbeitskraftverkäufer in »normalen« Unternehmen gelten.

In welcher Weise sich das Privateigentum organisiert — als individuelles oder wie auch immer kollektives — ist für die ökonomische Funktion, die es realisieren muss, egal. Kurz: Auf der Grundlage der Warenproduktion gibt es keine Emanzipation und von dort aus ist sie nicht zu erreichen. Das ist nun auch wirklich historisch widerlegt, finde ich.

Interessant finde ich deinen Vorschlag der Vernetzung, allerdings erscheint mir nur eine Vernetzung von solchen Produktiveinheiten sinnvoll, in denen keine Warenproduktion stattfindet. Eine neue Produktionsweise kommt nur als neue Produktionsweise auf die Welt und nicht als modifizierte alte. Das war schon mit dem aufkommenden Kapitalismus so und ist auch der Ansatz der commons-basierten Peer-Produktion. Zwei Lesetipps: Produzieren ohne Geld und Zwang und Fünfschritt — methodische Quelle des Keimform-Ansatzes (dazu gehört auch die FAQ). Vielleicht hast du mal Lust dich damit zu beschäftigen.

10 Robert Schlosser (17.10.2011, 16:12 Uhr)

@StefanMz
Hallo Stefan,
dass es auf der Grundlage von Warenproduktion keine soziale Emanzipation geben kann (jedenfalls nicht deren Vollendung in Gestalt der Überwindung gesellschaftlich erzeugter Sachzwänge, denen die Menschen unterworfen sind) bestreite auch ich nicht.
Allgemein vorherrschende Produktivgenossenschaften in Selbstverwaltung, die für den Markt produzieren, würden einen grundlegenden Widerspruch mit sich herumschleppen. Innerhalb der Unternehmen hätten die Menschen die Herrschaft der Kapitalbesitzer und wie ihrer Offiziere und Unteroffiziere – also die Herrschaft von Menschen über Menschen – abgeschüttelt, den Sachzwängen des Marktes wären sie aber nach wie vor unterworfen. Denen müssten sie sich dann sozusagen in Gemeinschaft beugen.
Die Geschichte zeigt aber beides:
1. Dass selbstverwaltete Betriebe durchaus etwas ganz anderes sind, als normale kapitalistische Betriebe, was man zuletzt sehr gut bei Zanon in Argentinien studieren konnte.
2. Dass diese Selbstverwaltung scheitert und sich letztlich auflöst, wenn die allgmeine Warenproduktion nicht überwunden wird.

In puncto Lohnarbeit und die Umstände, die die Arbeitskraft zur Ware machen, haben wir sicherlich einen grundlegenden Widerspruch, der in diesem blog kaum ausführlich diskutiert werden kann.

„Eigentümer seiner Arbeitskraft ist der Arbeiter, solange er als Verkäufer derselben mit dem Kapitalist verhandelt, und er kann nur verkaufen, was er besitzt, seine individuelle, vereinzelte Arbeitskraft.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 352.

siehe auch: http://www.marx-forum.de/marx-lexikon/lexikon_a/arbeiterklasse.html

Ein solches Verhältnis zwischen Käufern und Verkäufern von Arbeitskraft könnte überhaupt nicht zustande kommen, wenn alle Unternehmen Produktivgenossenschaften wären und alle arbeitsfähigen Menschen sich in solchen Genossenschaften frei assoziierten. Als Teil dieser Genossenschaften sind die Menschen nicht mehr Eigentümer ihrer „individuellen, vereinzelten Arbeitskraft“.

Danke für Deine angegebenen Links. Ich werde bei Gelegenheit darauf zugreifen.

Klaus-Robert

11 Neoprene (17.10.2011, 16:39 Uhr)

Wenn du schon zugibst, Klaus-Robert, daß deinen Genossenschaften ein recht rauher Konkurrenzwind entgegenblasen würde, Tendenz Scheitern, wenn sich nicht „bald“ eine „richtige“ Revolution, die die Warenproduktion abschafft, einstellt, warum schreibst du dann eigentlich solch ein Zwitterwesen so prominent auf deine Fahnen?

12 Robert Schlosser (17.10.2011, 18:25 Uhr)

@neoprene
Weil die Warenproduktion nur von Menschen abgeschafft werden kann, die sich die gegenständlichen Bedingungen ihrer Reproduktion angeeignet haben. Wenn das nicht geschehen ist, braucht mensch über Abschaffung der Warenproduktion nicht weiter sprechen. Das eine ist die Voraussetzung für das andere. Wenn Du mir eine andere, bessere Form der Aneignung aufzeigen kannst, als die Genossenschaften, dann bin ich ganz Ohr. In wieweit das eine mit dem anderen zusammen erledigt werden kann, weiß ich nicht, weil es von der Entscheidung und dem Handeln der Menschen abhängt, die sich die Produktionsmittel angeeignet haben. Über Abschaffung der Warenproduktion zu reden, ohne über die entscheidende Voraussetzung, Bedingung dafür auch nur zu diskutieren, halte ich für vergeudete Zeit. Das soll andere aber nicht abhalten.

13 StefanMz (17.10.2011, 19:36 Uhr)

@Klaus-Robert: Deine Punkte 1 und 2 könnte ich genauso formulieren. Nur seh ich das als Beleg dafür, dass es so nicht geht.

Auch das Kriterium »Aneignung der gegenständlichen Bedingungen der Re-/Produktion« in deiner Antwort an Neoprene finde ich richtig. Auch hier vermutlich nur die Differenz, dass ich dieses Kriterium gerade in der Warenproduktion nicht als gegeben ansehe, weil dort in der Aneignung der Produktion die Form der Produktion (eben die Warenform) mit angeeignet werden muss. Mein Schluss daraus ist, dass eine Aneignung der gegenständlichen Bedingungen der Re-/Produktion selbst schon ein Prozess außerhalb der Warenform sein muss (aber innerhalb des Kapitalismus). Dies jedoch ist keine schlechte Utopie, sondern ist reale Möglichkeit geworden. Vgl. dazu die entsprechenden Lesetipps.

Ja, bei der Warenform der Arbeitskraft kommen wir erstmal nicht zusammen. Selbst »wenn alle Unternehmen Produktivgenossenschaften wären« änderte sich nichts an dem ökonomischen Verhältnis, dem sie unterworfen sind — sie würden halt alle untereinander konkurrieren. Die Menschen könnten sich so nicht frei assoziieren — das geht nur jenseits der Warenform. Im übrigen sind Gewerkschaften schon dafür da, die Position der »individuellen, vereinzelten Arbeitskraft« zu überschreiten. Auch dort: keine Änderung des basalen ökonomischen Verhältnisses.

14 Wal Buchenberg (18.10.2011, 10:35 Uhr)

Hallo Leute,
zu der hier begonnen Diskussion hat sich noch Peter, einer der Initiatoren des Bochumer Programms http://www.marx-forum.de/sozialismus/Bochum.pdf,
im Marx-Forum zu Wort gemeldet. Meine etwas längere Antwort steht hier:
http://marx-forum.de/diskussion/forum_entry.php?id=5953

Gruß Wal

15 Uli Weiss (19.10.2011, 11:41 Uhr)

Hallo libertär, es überrascht mich, dass Du das Minimalprogramm für Menschen, die den Keimformen nahe stehen, für interessant hältst. Keimformen können u.a. so bestimmt werden:
1. Soziale Räume, die sich frei assoziierende Individuen schaffen, um in schöpferischer Tätigkeit ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.
2. Diese Tätigkeiten und deren Ergebnisse dienen keinen den Akteuren fremden, ihnen äußerlichen Zwecken.
3. Diese Tätigkeit und das Assoziieren ist ihnen selbst ein Bedürfnis.
4. Die hergestellten Produkte sind allgemein zugänglich ohne dass die Nutzer dafür ein Äquivalent zu leisten hätten.
5. Diese soziale Räume überschreiten den noch beschränkten Status der KEIM-Form in dem Maße wie es den daran beteiligten Menschen in miteinander kooperierenden Assoziationen gelingt, die gesamten Bedingungen ihrer Existenz in eben jener freien schöpferischen Tätigkeit herzustellen und damit nicht mehr auf die Produkte einer kapitalistischen Warenproduktion angewiesen zu sein. In diesem Prozess konstituiert sich die kommunistische Gesellschaft.
Von diesen Bestimmungen ausgehend: Haben die Forderungen Minimalprogramms irgendeinen kommunistischen Charakter, eröffnen sie wenigstens einen Übergang dahin?
1. Lohnarbeit dient einem den unmittelbaren Produzenten fremden äußerlichen Zweck, der Produktion von Waren, der Produktion von Wert und Mehrwert. Für die Bestimmung der Form einer solchen Tätigkeit als eine kapitalistische Lohnarbeit ist es völlig unerheblich, ob die Lohnarbeiter, die angewandte Ware Arbeitskraft, unter dem Kommando eines Kapitalisten, einer Aktiengesellschaft oder in Selbstverwaltung ausgebeutet werden bzw. sich selbst ausbeuten. Lohnarbeit schafft unverzichtbare historische Voraussetzungen für ihre Aufhebung. In ihr selbst steckt nicht ein Hauch von Keimform. In keinerlei Form kann sie einen Weg aus dem Kapitalismus eröffnen.
2. Warenproduktion auf großer Stufenleiter ist notwendig kapitalistische Warenproduktion und dies in allen ihren Phasen. Das gilt auch für alle Formen, die Kapital im Reproduktionsprozess annimmt: Geld, Ware, einschließlich gekaufte Ware Arbeitskraft, Produktionsmittel, Produktionsgegenstände, produzierte Ware, Geld … Nicht nur die Produkte haben also notwendig einen entsprechenden Charakter, sind Waren. Auch in die Produktionsmittel mittels deren sie entstehen, in die Technologie und in die Form der Tätigkeiten, mittels derer sie entstehen, ist der kapitalistische Charakter eingeschrieben. Es ist eine große Illusion, anzunehmen, die Produkte, die Produktionsmittel und die Produktionstätigkeit verlören diesen kapitalistischen Charakter, wenn sie einem (angeblich) nichtkapitalistischen Kommando unterworfen würden, etwa dem einer proletarischen Macht. Die Vorstellung vom Abwerfen der kapitalistischen Hülle bzw. des politischen Charakters von Herrschaft und damit des Übergangs zur Verwaltung von Sachen geht von einem äußerlichen Dualismus zwischen sozusagen allgemeinmenschlichen Inhalt und kapitalistischer Form aus. Das erstere käme rein zum Vorschein, wenn die – dem Inhalt äußerliche – Form abgeworfen würde. So ist der Übergang zum Kommunismus nicht mach- und nicht denkbar.
3. Auch die ganze Vorstellung von Minimal- und Maximalprogrammen ist dem Keimformdenken vollkommen fremd. In unserer Vorstellung und eben in keimförmig bereits vorhandenen sozialen Räumen können sich Menschen in der oben genannten Weise, indem sie sich die entsprechende Welt selbst schaffen, aus den kapitalistischen Verhältnissen herausarbeiten. Wer Wege aus dem Kapitalismus sucht kann praktisch an solchen Bewegungen teilhaben und/oder sich theoretisch auf diese beziehen. Dieser Bewegung ist aber keine Richtung zu geben. Sie ist nicht Schritt für Schritt in einen „revolutionären“ Kampf zu führen. Ganz absurd ist es, in Bezug auf diese soziale Räume „Freiheit der Information, der Rede, der Versammlung und der Organisation“ zu fordern, gegen ein Beamtentum aufzutreten, Trennung von Staat und Kirche zu fordern, über Geld, Steuern, Soldaten zu reden, Beschränkungen von Arbeitszeit, Gerechtigkeit usw. usf. Alle diese (innerbürgerlichen) Forderungen sind in Bezug auf die Keimformen gegenstandslos.
4. Nicht nur die einzelnen Forderungen des Minimalprogramms haben so einen bürgerlichen Charakter. Der ganze Anspruch, der Tätigkeit einer Masse von Menschen eine solche Richtung zu geben, die offenkundig nicht aus ihren Verhältnissen (denen der Lohnarbeit etwa) hervorgeht, sie an sie heranzutragen, sie zielgerichtet in Kämpfe zu verwickeln, hat mit dem Keimformdenken und mit Kommunismus nichts zu tun. Das ganze Projekt hat einen pädagogischen, avantgardistischen Charakter, ist von einem herrschaftsförmigen Denken geprägt. Es kann keinerlei Übergang zum Kommunismus eröffnen.
Die alten Leninschen Vorstellungen, die Orientierung auf eine zur Revolution zu befähigende, zu führende Arbeiterklasse hatten einst einen tiefen Sinn. Unter falscher – kommunistischer Flagge – haben sie aus vormodernen Verhältnissen heraus Zivilisation befördert, eine höchst widersprüchliche, aber immerhin. Das hat sich praktisch und theoretisch schon lange erledigt. Statt die Grundideen von „Was Tun?“ und der bolschewistischen Revolutionstheorie wieder aufleben zu lassen, halte ich es für sinnvoll, sich auf das Niveau des 21. Jahrhunderts zu begeben und tatsächlich über Kommunismus und dessen Keimformen nachzudenken.

16 libertär (19.10.2011, 13:32 Uhr)

@Uli Weiss
Wenn verschiedene Bewegungen oder Theorien aufeinander treffen, sich aneinander reiben, so kann sie das schärfen und zu mehr Klarheit führen. Es entstehen Berührungspunkte, Überschneidungen treten hervor. Die Beteiligten verlieren vielleicht auch Ecken und Kanten und fügen sich besser aneinander. Ich sehe das als einen erwünschten dialektischen Prozess, der zu mehr Selbst- und Fremderkenntnis beitragen kann. Daher begrüße ich es auch, wenn hier z.B. immer wieder über die ressourcenbasierte Ökonomie und die Zeitgeistbewegung berichtet wird.

Du fragst: „Von diesen Bestimmungen ausgehend: Haben die Forderungen Minimalprogramms irgendeinen kommunistischen Charakter, eröffnen sie wenigstens einen Übergang dahin?“

Ich will und kann nicht für die Verfasser des Programms sprechen. Ich gehe nur davon aus, wie ich das Programm verstanden habe. Zu deinen Punkten:

zu 1.: Deine Einschätzungen teile ich, auch wenn ich es nicht so zwingend sehe, dass in Selbstverwaltung immer Lohnarbeit bestehen muss. Einen Widerspruch zum Bochumer Programm sehe ich jedoch nicht, denn das Programm lehnt Lohnarbeit ab. Ich lese dort nicht, dass Lohnarbeit ein Mittel zum Kommunismus sein soll. Ein Ziel ist die Emanzipation von Lohnarbeit.

zu 2.: Ist das denn in Commons anders? Wer hat dort das Kommando über die Produktionsmittel? Die Kapitalisten sind es nicht, aber die Proletarier, d.h. die Produzenten. Irgendwer muss die Produktionsmittel kontrollieren, sonst wäre keine bewusste, an Zielen orientierte Produktion möglich. Den Eindruck, dass Commons ein planloses Chaos realisieren oder es anstreben, habe ich überhaupt nicht.

zu 3.: Was mit „Minimal-“ gemeint ist, ist nicht so ersichtlich. Ein machbarer Konsens zwischen den elf Verfassern, das mindestens Nötige, um eine Transformation auszulösen, oder das Minimum des Erwünschten? Gut, dass es jetzt Bochumer Programm heißt! 🙂 Dass antikapitalistische Bewegungen keine Richtung hätten und sich nicht im revolutionären Kampf befinden, halte ich für objektiv falsch. „Gegen den Kapitalismus“ ist bereits eine Richtung, wenn auch eine sehr vage Richtung, und im Kampf befinden sich sowieso schon alle, nämlich im Klassenkampf von oben. Es wäre an der Zeit, sich in diesem Kampf zu wehren. Wer den Kampf ignoriert und passiv bleibt, wird zerrieben werden.

Freiheit der Information, der Rede, der Versammlung und der Organisation zu fordern, finde ich nicht absurd. Wie soll es denn sonst gehen? Ich habe das schon oben in meiner Antwort an Stefan ausgeführt. Dass diese Freiheiten in Commons unentbehrlich sind und auch im Allg. verwirklicht sind, lässt sich schwer bestreiten.

zu 4.: Das ist z.T. falsch, da niemand das Proletariat in Kämpfe verwickeln muss. Es ist mittendrin im Klassenkampf. So ein Programm allein kann diese Tatsache auch nicht ins Bewusstsein rufen. Dazu wäre mehr Aufklärungsarbeit nötig. Ein solches Programm richtet sich m.E. an jene, die gemerkt haben, dass sie im Klassenkampf gar nicht gut wegkommen. Gegen die Informationsweitergabe durch eine besser oder anders informierte Avantgarde ist nichts einzuwenden. Dieses Blog macht übrigens genau das. Es ist sogar ein grundlegendes Element der Commons, Wissensdefizite bzw. -vorsprünge über offene Strukturen und Vernetzung abzubauen. Wer Wissen hat soll es weitergeben, es zum allgemeinen Wissen machen. Das verflacht Hierarchien, verallgemeinert potenzielles Herrschaftswissen.

17 Wal Buchenberg (19.10.2011, 13:59 Uhr)

Hallo libertär,
zu deiner Frage: was ist mit „minimal“ gemeint?
Das „Bochumer Programm“ ist ein revolutionäres Minimalprogramm.
Die Bezeichnung „revolutionäres Minimalprogramm“ bedeutet (nach Auffassung der Initiatoren) das praktikable Minimum, was sich jemand vornehmen kann (und vornehmen soll), der über den Kapitalismus hinausdenkt und über den Kapitalismus hinauswill.
Weil dieses praktikable Minimum über den Kapitalismus hinausweist, ist es auch (nach Auffassung der Initiatoren) ein „revolutionäres“ Minimum.
Ansonsten hast du das Bochumer Programm ganz gut verstanden. 😉

Gruß Wal

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