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Kapitalistische Keimzellen? – Bemerkungen zu Defiziten der Commons

Ich werde versuchen, auf einige Fehlentwicklungen in den Keimformen hinzuweisen. Die Gemeinschaften der Peerökonomie scheitern daran, einen Kurs in eine nicht-kapitalistische Ökonomie einzuschlagen. Die Gründe dafür sind, dass ihre Theorie keinen prinzipiellen Widerspruch zwischen der commonistischen und der kapitalistischen Ökonomie erkennt, eine Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln nicht vorsieht und eine Überwindung der Herrschaft einer Klasse und des Staates nicht anstrebt. Entsprechend fehlt auch eine revolutionäre Praxis. Eine Kritik der Commons scheint mir angebracht, weil die Commons als emanzipatorische Bewegung in den dominierenden kulturellen Modus unserer Zeit eingepasst sind. Diese Bewegung ist zu aussichtsreich geworden, um über ihre Nachlässigkeiten noch hinwegzusehen. Derzeit dürfte mit den Commons eine alternative Ökonomie gedacht und praktiziert werden, die das Potenzial hat, revolutionären Charakter anzunehmen.

Mit Marx begann die Erforschung einer möglichen ökonomisch-sozialen Transformation im Hinblick auf die bewusste Überwindung des Kapitalismus. Wir können die Commons den kapitalistischen Gemeinschaften im Feudalismus gegenüberstellen, um Erkenntnisse über Transformationspfade zwischen Gesellschaftsformen zu gewinnen. Eine Untersuchung würde darüber Aufschluss geben, welche Rolle den Commons zukommt und ob sie eine Transformation zum Sozialismus – einer Übergangsgesellschaft mit dem Kommunismus als Ziel – begonnen haben und wie sie sie vollziehen können.

In „The Transition to Socialism“ (aus Sweezy und Bettelheim 1972) skizziert Sweezy die Ursprünge des Kapitalismus, um daraus Lehren für eine mögliche sozialistische Revolution zu ziehen. Die Keimformen der Commons weisen zu den aufkeimenden Zentren des Kapitalismus des 15. Jhs. innerhalb des Feudalismus einige Ähnlichkeiten auf: Sie

  • sind lokal begrenzt, koexistieren mit der sie umgebenden Ökonomie;
  • konzentrieren sich auf gewisse Sparten der Produktion;
  • korrespondieren mit einer neuen Denkweise bei ihren Befürwortern und Beteiligten;
  • ringen mit der alten Ökonomie, erfahren teils Siege, teils Niederlagen;
  • stehen in Konkurrenz mit der alten Produktionsweise.

Die heutigen Keimformen unterscheiden sich jedoch auch in wesentlichen Aspekten. Die kapitalistischen Zentren stritten mit den etablierten feudalen Kräften um die Vorherrschaft im Staat und um die richtige Herrschaftsmethode. Eine Klasse trat an, eine andere als herrschende Klasse abzulösen und obsolet zu machen, was nach Jahrhunderten der Verbreitung und Festigung der kapitalistischen Strukturen gelungen ist. Der Kapitalismus wurde zudem im Schoß des Feudalismus vorbereitet. Beide Ökonomien existierten nebeneinander und standen in keinem fundamentalen Widerspruch. Beide beförderten die Bereicherung einer Klasse durch die Unterjochung einer anderen.

Die Transformation zum Sozialismus wird, nach Sweezy, nicht in einer ähnlichen Weise erfolgen können. Betrachtet man die gescheiterten Sozialismusversuche des 19. Jhs., Kommunen, die eine sozialistische Produktion als Alternative in einer kapitalistischen Umwelt zu etablieren suchten, wird klar, dass es nicht unbedingt erfolgversprechend ist, die „keimförmigen“ Ursprünge des Kapitalismus zu adaptieren. Ursächlich für den Misserfolg war der fehlende Beitrag jener Kommunen zum herrschenden System. Anders als kapitalistische Keimformen waren die sozialistischen den Zwecken der bestehenden Ökonomie diametral entgegengesetzt. Sie konnten mit dem Kapitalismus in keinem Bereich konkurrieren. Diese Beobachtungen deuten auf eine grundsätzliche Unvereinbarkeit sozialistischer Gemeinschaften mit dem Kapitalismus, auf einen tiefen Antagonismus zwischen diesen ökonomischen Systemen, hin.

Für die heutigen Keimformen ergibt sich ein anderes Bild. Sie sind eine konkurrierende Alternative zur kapitalistischen Produktionsweise, jedenfalls im Sektor der Informationsproduktion im weitesten Sinne. Die Innovationen der Informationstechnologie ermöglichen es seit einigen Jahren, dass Information dezentral mit geringem Aufwand kopiert werden kann. Weil dadurch die Exklusivität aller digitalen Informationsgüter angreifbar geworden ist, kann Information immer schwieriger kapitalistisch, als Ware, produziert werden. Die Keimformen machen dem Kapitalismus aber auch insofern Konkurrenz, als sie selbst kapitalistisch agieren. Die Gefahr besteht, dass in den Keimformen die kapitalistische Ausbeutung wieder eingeführt wird. Aufgrund einer innovativeren Produktionsweise könnte sie in manchen Projekten sogar effizienter und aggressiver auftreten als außerhalb.

Die Rolle und das Ziel der Keimformen bei der Umgestaltung der Ökonomie der Gesellschaft sind überhaupt recht ungewiss. Bewirkten die kapitalistischen Keimzellen im Feudalismus noch einen Umbau der Klassenstruktur, so ist eine entsprechende Ausrichtung bei den aktuellen Keimformen nicht zu erkennen. Wollten die Keimformen in eine nachkapitalistische Gesellschaft überleiten, so müssten sie im Klassenkampf für das Proletariat Partei ergreifen. Im Unterschied zu vergangenen Transformationen ist jetzt das Streben nach einer beherrschenden Stellung keine verfügbare Option, da nur noch die eine herrschende Klasse des Kapitals übrig ist. Entweder diese kapitalistische Klassengesellschaft wird fortgeschrieben oder das Proletariat entscheidet den Kampf für sich und eine klassenlose Gesellschaft bahnt sich an. Eine dritte Möglichkeit kann es logischerweise nicht geben.

Die Keimformen folgen anscheinend der ersten Möglichkeit. Sie fügen sich relativ reibungslos in den Kapitalismus ein. Unwissentlich fällt ihnen die Funktion zu, den krisenhaften Kapitalismus zu stärken und zu erneuern. Folgende Beobachtungen über die Keimformen stützen diese These:

  • Die Geldlogik wird in den Commons beibehalten. In Commons wird investiert, sie beziehen Spenden. Sie kaufen und verkaufen Güter in ihrem kapitalistischen Umfeld.
  • Die Commons produzieren teilweise Waren für den Markt. Das impliziert eine kapitalistische Ausrichtung ihrer Produktionsweise.
  • Die Commons problematisieren den Staat und seine Gewalt nicht.
  • Die Aufhebung des Eigentums, mithin die Enteignung der Kapitalistenklasse, ist nicht vorgesehen.
  • Der gegenwärtige Klassenkampf durch das Kapital und ein mögliches Einschreiten der Commons werden nicht thematisiert.

Die Keimformen der Peerökonomie verbreiten tatsächlich ein neuartiges Bewusstsein der Kooperation und der wertfreien Informationsproduktion. Jedoch ist sehr fragwürdig, ob diese Gedanken einen antikapitalistischen Fortschritt markieren. Wie gezeigt, stellen die Keimformen die kapitalistische Logik nicht fundamental infrage. Eine gewisse Kontinuität mit den Praktiken des Neoliberalismus (Überblick über seine Ideologie und Wirklichkeit in Harvey 2005) und eine Affinität mit der kapitalistischen Ökonomie sind nicht von der Hand zu weisen. In vielen Commons wird unter (selbst-)ausbeuterischen Bedingungen gearbeitet. Die Commons kommen dem neoliberalen Ideal der deindustrialisierten, ausgelagerten, unkoordinierten, handwerklichen Produktion durch ein Prekariat aus digitalen Nomaden sehr nahe. Der Kapitalismus selbst wirft Proletarier in solche prekären Arbeitsbedingungen. Die Grenze zwischen der eine neue Gesellschaft antizipierenden Peerproduktion und einem sich ständig neu erfindenden Kapitalismus verschwimmt immer mehr.

Die angeblich revolutionären Ideen der Commons, wonach die ubiquitäre Reproduzierbarkeit von Information im Widerspruch mit den kapitalistischen Produktionsverhältnissen stünde und diese sprengen könnte, werden plötzlich vom Kapital aufgegriffen und zu Geschäftsmodellen. Diese Entwicklung kommt m. E. nicht unerwartet. Einerseits berühren die Commons nur den Sektor der Informationsproduktion. Weil sie das Problem des Eigentums an Produktionsmitteln nicht angehen, weisen sie keine nennenswerten Erfolge in der materiellen Produktion vor und können somit in diesem Bereich den Kapitalismus auch nicht ersetzen. Andererseits wurde die Entwicklung, in die sich die Commons einfügen, lange vorbereitet. Die „Kulturrevolution“ der Postmoderne – losgetreten vor bald 40 Jahren –, die zugehörige Reform des Kapitalismus, der Neoliberalismus, sowie die (bis heute fortschreitende) Digitalisierung aller Arbeits- und Lebensbereiche haben einen Wandel in Kultur und Bewusstsein vorbereitet. Die Kinder dieser inzwischen abgeschlossenen Epoche, prototypisch vom „Digital Native“ verkörpert, finden heute in der aktuellen kulturellen Dominante des Digimodernismus (Kirby 2009) ihre geistige Heimat. Die postmoderne kritische Distanz gegenüber „Metaerzählungen“ ist im Digimodernismus gewendet worden: Sie ist einem Minimalkonsens der infantilen Ernsthaftigkeit gewichen, der nur gelten lässt, was subjektiv-emotional oder intersubjektiv-konsummäßig real ist bzw. als real inszenierbar (scripted reality) ist.1 Die besonderen Ideen der Commons sind mit den allgemeinen Ideen des Digimodernismus kompatibel. Bisweilen übernehmen die Commons bloß Lebensstile, die sie nicht erfunden haben und die in der Gesellschaft schon verbreitet waren, wie etwa die Vernetzung von Peers zur Informations(re)produktion. Insofern bewegen sie sich im Rahmen der Gewaltverhältnisse, die sich die herrschende Klasse als „Recht und Gesetz“ kodifiziert hat. Es gibt zwar, besonders in Deutschland, ein strenges Urheberrecht, doch ein Gesetz gilt de facto nur, solange es durchsetzbar ist.

Angesichts dieser Konformität der Commons stellt sich die Frage, welchen revolutionären Beitrag die Commons überhaupt leisten können oder wollen. Ihr Selbstbild als kapitalismuskritische Keimformen einer kommenden Ökonomie der Fülle blamiert sich an ihrer konformistischen und bisweilen offen kapitalistischen Praxis. Wie die Commons die Peerökonomie auf alle Produktionszweige ausdehnen wollen, wenn schon die Informationsproduktion trotz des reduzierten Warencharakters von Information immer noch (und z. T. wieder) kapitalistisch organisiert wird, lassen sie unbeantwortet. Da sie sich dem Klassenkampf des Kapitals nicht stellen und in der Frage der Vergesellschaftung des Eigentums keinen Handlungsbedarf sehen, werden sie eine Verallgemeinerung der Peerproduktion so nicht einleiten können.

Wenn sich die Keimformen in eine kapitalismuskritische Richtung entwickeln sollen, so muss sich ihr (Klassen-)Bewusstsein radikal ändern. Sweezy argumentiert, – da eine sozialistische Bewegung ihre neue Ökonomie nicht innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft erproben kann – dass es für sie keine neue ökonomische Praxis gibt, die ihr als Schmiede eines sozialistischen Bewusstseins dienen könnte. Zudem disqualifiziert die Commons ihre Affinität zum Kapitalismus derzeit als oppositionelle Bewegung. Eine solche Bewegung müsste nämlich erkennen, dass (1) kapitalismuskritische Theorien und Handlungsanleitungen nicht aus der Affirmation des Kapitalismus erwachsen können und dass (2) eine Revolution des gedanklichen Überbaus die Revolution der ökonomischen Basis erfordert. Die Unkenntnis über diese Fragen in den Bewegungen der Peerökonomie ist ein virulentes Problem.

Abhilfe könnte geschaffen werden, indem Experten der Kapitalismusforschung, also Marxisten, ihre Agitationsanstrengungen auf eine existierende Bewegung, auf die Menschen in Keimformen, richteten. Einige prominente Vertreter einer wissenschaftlichen Erforschung der Ökonomie sind etwa David Harvey, Michael Hardt, Antonio Negri und Michael Heinrich. Claus Peter Ortlieb, der sich um eine mathematische Widerlegung der VWL verdient gemacht hat, ist hier auch zu erwähnen. Und schließlich weise ich besonders auf Andrew Kliman hin, dem gelungen ist, die logische Konsistenz der Marxschen Theorie nachzuweisen (Kliman 2007). Diese Tatsache macht die Theorie für viele von antikommunistischen Dogmen bzw. bürgerlicher „Wissenschaft“ Manipulierte erst wieder befassungswürdig. Zu diesen Experten kann jeder aufschließen, der in Kenntnis der Marxschen Theorie und mit der Absicht, „alles in Zweifel [zu] ziehen“ (Marx), den Kapitalismus untersucht.

Idealiter werden die Proletarier, die täglich im Klassen- und Produktionskampf die Bedingungen ihrer Ausbeutung „untersuchen“, zu Experten in eigener Sache. So könnte eine Ansteckung der Keimformen mit marxistischen Gedanken für beide Seiten fruchtbar werden. Der Theoretiker trifft auf die unentbehrlichen Praktiker einer revolutionären Bewegung und die Praktiker erhalten eine Anleitung in der unentbehrlichen Theorie. Wer als Marxist sein Wissen weitergibt, Proletarier agitiert, handelt in der besten marxschen Tradition. Nur weil Marx selbst so gehandelt hat – sich Erkenntnisse erworben und sie in die proto-revolutionären Bewegungen getragen hat –, gibt es überhaupt eine Marxsche Theorie.

Mit der Agitation eng verwoben ist die Lösung des zweiten Problems, also der fehlenden ökonomischen Basis. Zur Festigung kommunistischer Ideen muss die kapitalistische Basis zurückgedrängt werden. Derzeitige Peerprojekte leisten diesbezüglich außer bei der Entwertung von Information nichts. Die kapitalistische Basis kann nur angegriffen werden, indem alle Elemente kapitalistischen Wirtschaftens konsequent aus den Keimformen verdrängt werden. Eigentum, Geld, Tausch und Märkte müssen bei allen Beteiligten aufs Äußerste bekämpft werden. Sie sollten in den Keimformen nicht toleriert werden. An einigen Beispielen sei gezeigt, wie sehr es Peerprojekten an Vorstößen in diese Richtung mangelt, wie verlogen – im Hinblick auf ihre prätentiösen Selbstbeschreibungen – und wie immanent kapitalistisch sie sind:

  1. Um die Jahrtausendwende setzte durchaus vielversprechend P2P-Filesharing mit einer breiten Beteiligung über das Internet ein. Seit der Mitte des letzten Jahrzehnts wandern die Prosumenten auf zentrale Dateispeicherdienste ab und spalten sich auf in gewerbsmäßige Uploader und in zahlende Downloader. Wer den Dienst nicht direkt bezahlt, zahlt über die „Konsumsteuer“ des Kapitals, die Werbung. Was als freier Austausch unter Gleichen begann, wurde vom Kapital okkupiert und in eine asymmetrische Beziehung zwischen mehreren Ebenen von Datenhehlern und Datenkäufern verwandelt. Das Kapital hat zurückgeschlagen und die Peers haben sich willig in seinen Dienst gestellt. In der kapitalistischen Vernunft ist das eine Erfolgsgeschichte. Das Kapital hat einen neuen Markt für bisher unverkäufliche Daten geschaffen, indem es sie ohne Rücksicht auf ohnehin kaum mehr durchsetzbare Urheberrechte zum Discountpreis anbietet. Und es hat eine Antwort auf die Probleme mancher Filesharer mit dem Gesetz gefunden: Als Verkörperung der „drei weisen Affen“ hat dieses Kapital Anbietern und Konsumenten den Mantel der Scheinheiligkeit umgehängt, wie es für viele bürgerliche Geschäfte, die auf eine Mittlerrolle angewiesen sind, üblich ist. Es hat sich einen Teil jener Personen, die ansonsten in P2P-Netzen beigetragen hätten, zu Lumpenproletariern erzogen, zu gewerblichen Beschaffern geschützer und begehrter Inhalte für seine Datenschleudern. Wer gerne in P2P-Netzen heruntergeladen (und notwendigerweise hochgeladen) hätte, ist nun immer häufiger auf die zentralen kommerziellen Dienste angewiesen. Er ist wieder Konsument und bezahlt die Speicherdienste direkt oder indem er die Werbung, die einem Download vorgeschaltet wird, durch seinen Konsum finanziert.
  2. Peerprojekte wiederholen den Fehler des Ökonomismus, der den Realsozialismus geprägt hatte. Ökonomismus bedeutet, die bestehende Ökonomie effizienter zu gestalten und die Produktivkräfte zu „entwickeln“. Es heißt sich wie jeder Kapitalist und Arbeiter dem Wachstumszwang unterzuordnen und dabei sich einzubilden, man sei revolutionär. Der Fehler ist in der Ideologie verwurzelt, dass die Produktivkräfte im Kapitalismus auf ein nicht näher bestimmtes und nicht begründetes Niveau gehoben werden müssten, damit eine sozialistische Revolution erleichtert oder möglich werde. Klar ist, dass mit dieser Strategie niemals der Sozialismus erreicht werden kann, weil die Produktivkräfte immer optimiert werden können. Der Ökonomismus leistet nichts, außer den Kapitalismus zu perpetuieren und ihn auch bei seinen Gegnern als alternativlos zu konsolidieren.
  3. Dezentrale Produktion ist nicht immer der zentralen Produktionsweise vorzuziehen. Sie kann ressourcenintensiver sein, weil Produktionsstätten an vielen Orten vorhanden sein müssen und der Transport zwischen vielen Orten aufwändiger ist. Sie kann kapitalistische Produktionsformen nachbilden oder mit ihnen identisch sein. Daher ist dezentrale Produktion nicht notwendig revolutionär gegenüber kapitalistischen Produktionsverhältnissen. Die Einbildung, allein durch Dezentralisierung und Kommunalisierung könne der Kapitalismus zurückgedrängt werden, ist besonders tief in der Commonsbewegung verankert. Für bestimmte Güter kann eine dezentrale Her-/Bereitstellung sinnvoll sein, etwa in der Energieversorgung. Sie ist dann adäquat, wenn Ressourcen (wie Körper-, Erdwärme, Sonnenlicht) fast überall verfügbar sind, wo sie verbraucht werden, oder Transportwege für Zu- und Abfuhr von Stoffen, Gütern und Abfällen möglichst kurz gehalten werden können oder die Produktionsstätte optimal mit ihren Lieferanten und Abnehmern in eine Infrastruktur einzubinden ist. Wie sinnvoll Dezentralisierung ist, muss jeweils für einzelne Industriebereiche beurteilt werden. Windkraftanlagen konzentriert man besser regional an besonders geeigneten Standorten, anstatt in jeden Garten ein Windrad zu stellen. Bei anderen Technologien sprechen sachliche Gründe stark gegen eine Dezentralisierung, wie z. B. beim Bergbau und bei der Schwerindustrie. Die zentrale, sachgerechte, Anwendung der Produktivkräfte ist ein Merkmal der Industrie. Dezentralisierung würde eine partielle Deindustrialisierung bedeuten.

    Der seit einigen Jahrzehnten – ganz ohne Commons – anhaltende Hype der Dezentralisierung verdankt sich im Wesentlichen der Leistungssteigerung durch Mikroelektronik. Vor etwa 100 Jahren vollzog sich eine ähnliche Entwicklung, als innovative Kleinelektrik es gestattete, einen Teil der Produktion ins Heim und an kleine Handwerker auszulagern. Die technische Miniaturisierung verlängerte und belebte die Fortexistenz vorindustrieller, rückschrittlicher, Produktionsweisen. Dasselbe geschieht heute unter der Ägide der neoliberalen Doktrin: Die Großindustrie soll möglichst viel Maschinerie beim Endkunden absetzen, egal ob diese dort produktiv genutzt wird oder verrottet. Und die Verbraucher sollen zu ineffizienten Kleinproduzenten werden, die auf einem noch so kleinen Markt sich um Minimalprofite kaputtkonkurrieren. Die von der Industrie Ausgestoßenen müssen sich ihr Lebensrecht erarbeiten, indem sie auf die ineffizienteste Weise sich als Kleinstkapitalisten vermarkten und so ihr eigenes Elend kapitalisieren. Dies hat ein Millionenheer gut gebildeter PR-, Medien- und IT-Spezialisten und -Generalisten hervorgebracht, die sich als ihre eigenen Kapitalisten selbst ausbeuten, sofern ihre Dienste überhaupt entlohnt werden. Nur blinde bis zynische Anhänger des Neoliberalismus und Commons-Optimisten können in diesem Massenelend den Reichtum einer neuen Gesellschaft erblicken.

  4. Zum Beleg der Realität der Dezentralisierung und damit auch der Vergesellschaftung materieller Produktion wird alle Hoffnung in eine Technologie gesetzt, die noch längst nicht ausgereift und verbreitet ist, das Fabbing oder 3D-Drucken. Blicken wir besser auf eine ähnliche dezentrale Technologie, die schon verbreitet ist und überraschenderweise nicht zum Ausbruch des Kommunismus geführt hat, das 2D-Drucken. Es ist ein gutes Beispiel für die dezentralisierte Ineffizienz. Millionen Exemplare verkleinerter Druckereien stehen in etwa 99% der Zeit ungenutzt bei Verbrauchern herum. Die industriellen Hersteller solcher vorindustriellen Werkzeuge freut es. Und die Kapitalisten, die Druckereien betreiben, haben keinen Rückgang ihrer Profite erlitten, weil die Minidrucker nicht konkurrenzfähig sind.

    Dieselbe kapitalistische Erfolgsgeschichte sage ich den 3D-Druckern voraus. Bald werden in vielen Haushalten 3D-Drucker stehen, mit teuren Granulaten befüllt werden, selten verwendet werden und keine Produkte drucken, die den industriell produzierten Konkurrenz machen könnten. 3D-Drucker sind nicht Replikatoren grenzenloser Fülle, sie erschließen vielmehr für das Kapital eine Nische in der Herstellung lokal benötigter kleiner Gegenstände in kleiner Auflage. Auch hier werden die Peers wieder die Rolle der nützlichen Idioten für die Kapitalexpansion spielen.

  5. Ein großes Rätsel der Commonsbewegung ist ihr widersprüchliches Verhältnis zum Eigentum. Es verwundert, dass sie, obwohl sie Eigentum ablehnt, keinen Versuch unternimmt, es zu beseitigen und in eine gemeinsame Verwaltung zu überführen. Stattdessen wird das Eigentum affirmiert, indem es in den ökonomischen Beziehungen zur kapitalistischen Umwelt anerkannt und vorausgesetzt wird.

    Der „Commoner“ verhält sich gerade wie ein Jude, der einen Schabbes Goi bezahlt. Obwohl Commoner wie Jude nicht die Arbeiten – d. h. die Arbeit fürs Kapital oder die Arbeit am Sabbat – verrichten, die ihnen ihre Ökonomie oder ihr Glaube untersagt, werden sie verrichtet. Ein Mittler tritt zwischen den Commoner oder den Gläubigen und die Arbeit. Häufig ist der Commoner eine gespaltene Persönlichkeit, einmal Commoner, einmal sein eigener „Schabbes Goi“. Er pflegt den Glauben, das kapitalistische Wirtschaften, das er immer voraussetzt, durch sein Commoning kompensieren zu können, sich mit Geld vom Kapital freikaufen zu können. Doch in Wahrheit verdankt er den commonistischen Freiraum, den er genießt, allein der Ausbeutung seiner selbst oder, sofern vorhanden, seinen Geldgebern. Sein Commoning lebt davon, dass es eine Welt ohne Commoning gibt. Ein Peerprojekt wird entweder von Proletariern über die eigene Ausbeutung durch das Kapital finanziert oder das Projekt ist selbst ein Unternehmen und lebt von der Ausbeutung der Peers oder es trifft beides zu. Vornehm ist dann von Finanzierung durch Spenden die Rede. So wird verschleiert, dass Commons für einen Markt im Tausch für Geld produzieren.

    Gleichgültig, woraus sich ein Commons speist, es setzt den Kapitalismus notwendig voraus und perpetuiert ihn. Durch ihre Commons schreiben die Proletarier unwissentlich, aber mit voller Überzeugung, ihre eigene Ausbeutung fort. Ein in der Psyche dieser Klasse tief verankerter Warenfetisch verhindert anscheinend, dass ihre linke Hand weiß, was die rechte tut.

Die heutigen Keimformen zeigen sich bezüglich der Fragen, die ihr Verhältnis zum Kapitalismus aufwirft, unschlüssig bis ignorant. Mit dieser Einschätzung der Commons sollte eine Reflexion darüber angestoßen werden, welche Ziele sich die Commons setzen und ob ihre aktuellen sozialen Formationen geeignet sind, diese zu verwirklichen. Die vorgeschlagenen Lösungsansätze können direkt von Marxisten und von Keimformen gemeinsam erprobt werden.

Literatur:

  • Harvey, David: A Brief History of Neoliberalism. New York : Oxford University Press, 2005
  • Kirby, Alan: Digimodernism: How New Technologies Dismantle the Postmodern and Reconfigure Our Culture. New York : Continuum, 2009
  • Kliman, Andrew: Reclaiming Marx’s „Capital“: A Refutation of the Myth of Inconsistency. Lexington Books, 2007
  • Sweezy, Paul M. ; Bettelheim, Charles: On the Transition to Socialism. New York : Monthly Review Press, 1972

1  Im Abschnitt „The Death of Competence“ arbeitet Kirby vielleicht einen essenziellen Zug des Digimodernismus heraus, der gerade die Commons berührt:

The digimodernist era, inheriting postmodernism’s critique of power/knowledge, its desire to “dismantle thought” and “expose reason,” is distinguished instead by a bogus valorization of these failings by electronic-digital culture. (They’re “cool,” “democratic,” “antielitist,” “young.”) It’s a lie: socioeconomically, now and here as always, power, wealth, and independence accrue to the highly literate, numerate, and articulate. Only the naïve are fooled: you might almost suspect a conspiracy (the competent few own and run society, while the inept masses are told they’re “cool” by the “culture” the competent control). Democratic government, if self-serving and short-termist, reduces all education to what will boost economic growth, since the latter reelects politicians; consumerism finds innumeracy especially useful, of course. In such a society knowledge and cleverness are inherently radical, subversive. (Kirby 2009, S. 244)

Kategorien: Commons, Eigentumsfragen, Theorie

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13. September 2011, 09:24 Uhr   25 Kommentare

1 proletkultur (13.09.2011, 11:23 Uhr)

Proletariat also. Aha. War „Abschied vom Proletariat“ (André Gorz) nicht schon in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts?

2 Franz Nahrada (13.09.2011, 12:53 Uhr)

Ich glaube der Artikel verkennt was Commons sind und verwechselt einiges. Das Problem der Commons ist zunächst nicht, eine neue Produktionsweise auf die Füße zu stellen. Commons sind gemeinschaftlich, partizipativ genutzte Ressourcen und die um sie herum entstehenden Felder sozialer Verantwortlichkeiten und Regulierungen. Daher handelt es sich im Ausgangspunkt natürlich einmal um ein defensives Projekt gegenüber dem Zugriff der Privatmacht des Geldes auf alles und jedes. Nur in Verbindung mit anderen Mustern gemeinschaftlicher Produktion und Politik wird daraus vielleicht eine Systemalternative.

Ich wusste nicht dass Sweezy und Bettelheim keimformtheoretische Ansätze haben. Nennen sie die tatsächlich „Commons“? Und ist es tatsächlich gerechtfertigt, die sozialistischen Experimente des 19. Jahrhunderts als Keimformen zu betrachten und wenn nein, warum nicht? Nur wegen ihres Misserfolges? Oder eher weil es gar keine kooperative Logik zwischen ihnen gab? Und: Wieso sind die „erfolgreichen“ Commons von heute kapitalistisch? Betrifft das nicht eher die Genossenschaften? „Warenproduzierende“ Keimformen? Wer nennt sich so, begreift sich so? Scheint mir alles ein wenig durcheinandergebracht zu sein. Die Charaktere die kooperativ freie Software entwickeln und die die für die weniger technologieerfahrenen das Packaging machen sind doch verschieden!

Eine Systemalternative enstünde dann, wenn die verschiednen Produzenten miteinander in ein synergetisches Vehäktnis gingen, also zum Beispiel Selbstversorgerhöfe auf denen Programmierer wohnen und arbeiten können, die wiederum (im einfachsten Fall) sich mit der Optimierung der landwirtschaftlichen Technologien beschäftigen. Diesen Mangel an „kooperativen Kreislaufschlüssen“ kann man tatsächlich monieren. Die Ausrede

Sweezy argumentiert, – da eine sozialistische Bewegung ihre neue Ökonomie nicht innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft erproben kann – dass es für sie keine neue ökonomische Praxis gibt, die ihr als Schmiede eines sozialistischen Bewusstseins dienen könnte

ist jedenfalls sehr fatal. Wo sonst soll Sozialismus entstehen als in einer zunehmend kooperativen Praxis der unmittelbaren Produzenten?

zu den einzelnen Punkten:

ad 1. Die Tatsache dass kapitalistische Betriebe den Filesharern eine Infrastruktur geben muss nicht unbedingt negativ gesehen werden. Es kann auch so interpretiert werden, dass ohne eine zentrale Rolle der miteinander kommunizierenden „Kunden“ gar keine Geschäfte mehr zu machen gehen. Natürlich sind Filesharer nicht unbedingt die Klientel die etwas Sinnvolles macht. Aber es sind schon ganz andere Gemeinschaftswerke entstanden, deren „enclosure“ zunehmend Empörung hervorruft. (Emporia, Couchsurfing). Hier kündigen sich Felder der politischen Auseinandersetzung an.

ad 2. Dezentralisierung ist zunächst eine Bedingung realer Freiheit und Selbstbestimmung, sie kann, die Betonung liegt auf kann, zu Zusammenarbeit auf großer Stufenleiter führen. Diese ist aber dann stofflich sinnvoll und nicht durch die kapitalimmanente Tendenz zu unsinniger Konzentration und Zentralisation getragen.

ad 3. Die Kleinelektrik war ein „bischen“ weniger universell als die intelligente dezentrale Automation. Die Debatte zu führen ist SEHR sinnvoll.

ad 4. Du kennst scheinbar nur den sehr eindimensionalen Gegensatz zwischen Haushalts- und Fabrikstechnologie. Das ist aber vielleicht beides kapitalistischer Schrott. Fabrikatoren sind nicht das Argument, aber das Muster „Containerfabriken auf Nachbarschaftsniveau“ kommen der Sache schon näher. Ich komm grad aus Tampere in Finnland wo in einem Viertel eine kleine Kooperative auf Apfelpressen spezialisiert ist. Ich hab gesehen dass auf diesem intermediären Level die Vorteile von Zentralisierung und Dezentralisierung gut ausbalanciert sind. Das ganze ist enorm effektiv und geht schneller als mit jedem Haushaltsgerät. Genau diese Technologiestufe wurde systematisch eliminiert.

ad 5. Commons SIND im Regelfall Gemeineigentum. Die Schluddrigkeit des Artikels in diesem Punkt macht mir zu schaffen!

Und wo bitte ist eine systemtranszendierende proletarische Politik, die noch einen Funken Wahrheit und Glaubwürdigkeit in sich trägt?

3 Hermann Wick (13.09.2011, 13:22 Uhr)

@libertär: Schau Dir mal den Vortrag von StefanMz vom 18.5.2010 an:
Commons jenseits von Markt und Staat.“ Dort wird sehr anschaulich gezeigt was Commons sind.
PS.: Dein Nickname „libertär“ passt m. E. nicht zu der Haltung die in Deinem Artikel zum Ausdruck kommt – oder ist es (fiese) Absicht um sich interessant zu machen?

4 Franz Nahrada (13.09.2011, 13:27 Uhr)

Es gab eine lange redaktionsinterne Diskussion ob dieser Artikel abgedruckt werden sollte. Vielleicht dient es ja der Präzisierung, wenn solche Missverständnisse ausgeräumt werden können. Ich hätte vorgeschlagen, solche Gastbeiträge mit einem redaktionellen Vorspann zu versehen.

5 The User (13.09.2011, 19:05 Uhr)

Die Keimformen machen dem Kapitalismus aber auch insofern Konkurrenz, als sie selbst kapitalistisch agieren. Die Gefahr besteht, dass in den Keimformen die kapitalistische Ausbeutung wieder eingeführt wird.

In der Tat existieren in vielen Communities, die etwa auf Freie Software ausgerichtet sind, Kräfte, die sich nicht im Widerspruch zum Kapitalismus sehen und sich mit ihren Commons in die Marktmechanismen einordnen wollen. Doch zwischen Commons und Markt besteht ein tiefer Antagonismus, mögen noch so viele Unterstützer für den Kapitalismus schallen, Gemeingüter, insbesondere dank der Informationstechnologie nicht knappe, stehen immer in diesem Widerspruch zum Markt, zur gewinnorientierten Allokation knapper Güter, und somit auch zum Kapitalismus.

Die Möglichkeit, direkt mit kapitalistischer Produktion zu konkurrieren und sich gar Märkte und Geld zu Nutze zu machen, schließt nicht die Möglichkeit aus, aus diesen Keimzellen heraus eben jene zu überwinden. Ich stimme Franz Nahrada zu:

Wo sonst soll Sozialismus entstehen als in einer zunehmend kooperativen Praxis der unmittelbaren Produzenten?

Antagonismus und Koexistenz schließen einander nicht aus.

Man sollte sich nicht von der Nähe mancher Vertreter insbesondere freier Software zum Kapitalismus blenden lassen, zu diesen habe ich einmal geschrieben: http://the-user.org/post/there-is-a-substantial-antagonism-between-free-software-and-capitalism

In vielen Commons wird unter (selbst-)ausbeuterischen Bedingungen gearbeitet.

Was soll bitte Selbstausbeutung sein? Wenn meine Arbeit aus freien Stücken nicht entfremdet ist und ich meine Zeit für Allgemeingüter ausschöpfe, so wie ich es sonst für andere Beschäftigungen tun würde, welchen Sinn macht dann der Begriff „Ausbeutung“?

6 libertär (14.09.2011, 10:23 Uhr)

The User:

Doch zwischen Commons und Markt besteht ein tiefer Antagonismus, mögen noch so viele Unterstützer für den Kapitalismus schallen, Gemeingüter, insbesondere dank der Informationstechnologie nicht knappe, stehen immer in diesem Widerspruch zum Markt, zur gewinnorientierten Allokation knapper Güter, und somit auch zum Kapitalismus.

Aber wie ist es mit Gemeingütern, die inhärent knapp sind? Information kann man beziehen und verteilen, ohne dass dabei nennenswert Geld fließen muss. Bei materiellen Gütern dürfte es anders aussehen. Oder gibt es Commons, die sich Ressourcen einfach nehmen (Eigentümer enteignen) und ihre Produkte je nach Bedürfnis an Leute verteilen?

Die Möglichkeit, direkt mit kapitalistischer Produktion zu konkurrieren und sich gar Märkte und Geld zu Nutze zu machen, schließt nicht die Möglichkeit aus, aus diesen Keimzellen heraus eben jene zu überwinden.

Für einen Markt produzieren heißt kapitalistisch zu produzieren. Güter, die für den Tausch hergestellt werden, sind Waren. Sie müssen mit anderen Waren auf einem Markt konkurrieren. Intern mag ein Commons weiterhin peermäßig organisiert sein. Dann agiert es eben als kapitalistisches Kollektiv. Das ist seit einigen Jahren ein Trend bei hippen Kapitalisten, hauptsächlich in der IT-Branche. Und das gab es auch bei „marxistischen“ Unternehmern in den 1970ern. 😉
Mich irritiert, dass du von „sich gar Märkte und Geld zu Nutze zu machen“ sprichst, als ob es die Commons fördern würde, wenn sie den Kapitalismus erhalten. Ich glaube, es ist genau umgekehrt: Der Kapitalismus macht sich die Commons zu Nutze. Ich sehe nicht, was es nutzt, eine Produktionsweise noch länger zu stützen, von der man sich ursprünglich verabschieden wollte.

Was soll bitte Selbstausbeutung sein?

Wenn ein Commons Güter bereitstellt, für die sonst bezahlt werden müsste, die einen Wert haben, so beuten sich die Commoner aus. Wenn das Commons wie oben beschrieben kapitalistisch produziert, ist die Frage, wer den Profit einstreicht. Werden alle Einnahmen zu gleichen Teilen oder „nach Bedürfnis“ (Gibt es ein Bedürfnis nach Geld?) verteilt? Oder behält man den Profit ein, um ihn im Commons zu investieren? Wie investiert man in eine Gemeinschaft, die gar nicht kapitalistisch sein will? Fängt man erst mal an, mit Geld zu wirtschaften, ist man im Nu bei profitgetriebener kapitalistischer Ausbeutung. Mit Geld ist nichts anderes zu haben.

7 Franz Nahrada (14.09.2011, 10:34 Uhr)

Mir wird zunehmend unklar worauf Du Dich beziehst. „Commons“ ist gerade kein Muster der Produktion, sondern eines der gemeinschaftlichen Verwaltung partizipativer Ressourcen – was durchaus Akte der Produktion miteinschließen kann.

8 The User (14.09.2011, 10:43 Uhr)

Fängt man erst mal an, mit Geld zu wirtschaften, ist man im Nu bei profitgetriebener kapitalistischer Ausbeutung. Mit Geld ist nichts anderes zu haben.

Hast du ein Beispiel von Commons, bei dem das der Fall ist?

Für einen Markt produzieren heißt kapitalistisch zu produzieren.

Ich sprach nicht von einer komplett auf den Markt ausgerichteten Produktion. Wenn eine Gruppe Geld eintreibt durch Spenden oder auch durch Anbieten gewisser Produkte oder Leistungen, heißt das ja nicht, dass sie nicht dabei für die Allgemeinheit produzieren können. Nimm z.B. Open Source Ecology – im übrigen auch materiell – diese verkaufen ein paar ihrer Sachen auf dem Markt, ihre maßgebliche Tätigkeit ist aber die Entwicklung der Gerätschaften, und ihre Ergebnisse werden zum Allgemeingut. Geld ist nun einmal äußerst hilfreich in dieser Gesellschaft.

9 Franz Nahrada (14.09.2011, 11:16 Uhr)

Noch ärger: ohne Geld ist zunächst mal fast nichts zu haben in dieser Gesellschaft. Erst wenn sich Gemeinschaften und Produzenten in eine Logik der bewussten Ausweitung geldfreier Räume füreinander begeben, dann kann sich an dieser Situation was ändern. Wenn das ohne Selbstausbeutung passieren soll, dann heißt die Antwort: aspektuelle Autarkie. Tu zunächst mal das, was sich wirklich lohnt zu tun weil es Spielräume real erweitert, und lass die Finger von dem wo derzeit der Markt noch besser ist und eine Konkurrenz sinnlos ist.

Wie das geht – das wären Fragen die es sich zu diskutieren lohnt. Das OSE Beispiel von User ist eine gute Illustration

10 Buchfreund (14.09.2011, 12:41 Uhr)

Hallo Libertär. Vielen Dank für den kritischen Artikel, er bereichert die Diskussion. Ich möchte gerne auf drei Punkte eingehen, die du als Beispiele bringst, und sie kommentieren: a) die 2D-Drucker, b) kapitalistische Keimformen und c) Enteignungen.
a) Drucker haben zwar nicht zum Kommunismus geführt, aber immerhin mir zur Entstehung freier Software beigetragen. Da sie kaum als Produktionsmittel (=PM) zu gebrauchen sind, können sie nicht in Konkurrenz zur kapitalistischen Druckerei treten. Um sie für die Commons zu erschließen, müssten sie technisch weiterentwickelt werden. Sie müssten freie Hardware werden, deutlich mehr und andere, größere Papierformate verarbeiten können und qualitativ die kapitalistischen Druckereien ausstechen können. Außerdem müssen sie zum Buchdrucken, mindestens für Taschenbücher geeignet sein. Das ist im Prinzip sogar mit ein wenig Basteln mit einem normalen Drucker möglich, müsste aber professioneller sein. Des Weiteren müssen die Ressourcen als Commons organisiert werden: ein Recyclingkreislauf für das benötigte Papier ist nötig, später (weil komplizierter) auch für die Materialien und die Tinte. Hat man das, sieht es schon ganz anders aus, und die materielle Produktion ist einen Schritt weiter gekommen.
b) Du erwähnst nur, das die kapitalistischen Keimformen die Klassenherrschaft prinzipiell nicht angetastet haben. Richtig, aber es gab eine enorme wirtschaftliche Konkurrenz. In der Frühen Neuzeit (1500-1800) war dem Adel eine ökonomische Tätigkeit außerhalb der LWS als nicht-standesgemäß verboten, gerade den Kleinadel hat das häufig ruiniert. Obwohl sich die kap. KF zunächst sehr wohl der feudalistischen Umwelt anpassen mussten (die Fugger haben bspw. die „Betriebsrechte“ an ihren Bergwerken als kaiserliche Regalien erhalten), konnten um 1800 die letzten verbliebenen Feudalrechte als geldwerte Leistungen abgelöst werden (Bsp.: Aufhebung der Leibeigenschaft). Es kommt, wie du richtig schreibst, darauf an, die ökonomische Logik der alten Produktionsweise nicht zu übernehmen. Das gilt aber nur für die projektinternen Bez. bwz. diejenigen zw. mehreren Projekten. Mit der kapitalistischen Umwelt kann zunächst nur kapitalistisch agiert werden. Sprich: so lange es keine Möglichkeit gibt, die Server der WP als freie Hardware zu beziehen, müssen sie gekauft werden oder als Spenden akzeptiert werden (hier wäre der Übergang zum Projektbeitrag fließend). Um die Commonslogik zu verbreiten, müssen die Projekte sich unabhängiger machen, indem die von ihnnen benötigten Rohstoffe und Fertigprodukte ebenfalls im Commoning hergestellt werden.
c) Enteignungen sind nun mal problematisch. Jedensfalls so lange man selbst in einer Minderheitenposition steht, schließlich handelt es sich um Verstöße gegen das geltende Recht. Das heißt aber nicht, das sie nicht vorkämen. Man kann z. B. Raubkopien als Enteignungen der Rechteinhaber verstehen. Hier sind im Bereich der Informationsgüter effektiv die Möglichkeiten vorhanden, Güter der Warenform zu entkleiden. Für andere Bereiche sehe ich im Moment keine Möglichkeit dazu.

11 Christian Siefkes (15.09.2011, 13:06 Uhr)

Die Analyse der Entstehung der frühkapitalistischen Keimformen halte ich für verfehlt. „Die kapitalistischen Zentren“ haben keineswegs „mit den etablierten feudalen Kräften um die Vorherrschaft im Staat und um die richtige Herrschaftsmethode“ gestritten – jedenfalls nicht am Anfang. Einen solchen Kampf hätten sie fast mit Sicherheit nicht gewonnen, sondern wären sang- und klanglos untergegangen. Stattdessen haben sie dem Feudalismus zugearbeitet, indem sie den Herrschern für deren Kriege Geld geliehen und Waffen verkauft haben etc.

Die eigentliche „Machtfrage“, in der das Regierungssystem nach und nach die dem Kapitalismus angemessene Form annahm (repräsentative Demokratie), wurde erst später gestellt, nachdem das Bürgertum ökonomisch schon relativ fest im Sattel saß. Im „Fünfschritt“ entspricht dem wohl am ehesten der fünfte und letzte Schritt, die Umstrukturierung des Gesamtsystems. Dementsprechend sinnlos und kontraproduktiv sind Ansätze wie deiner, die die „Machtfrage“ an den Anfang stellen. Man kann das Obergeschoss eines Gebäudes nicht vor den unteren Stockwerken aufbauen; wer mit dem Ende anfangen will, verschwendet deshalb nur seine Zeit (und die von anderen).

Dafür dass du dich auf Marx berufst, denkst du zudem erschreckend undialektisch. Du postulierst eine „grundsätzliche Unvereinbarkeit sozialistischer Gemeinschaften mit dem Kapitalismus“ und kritisierst an den Keimformen, dass sie „den krisenhaften Kapitalismus stärken und erneuern“. Tatsächlich ist das aber kein „entweder/oder“, sondern (gemäß dem dialektischen Fünfschritt-Modell) muss in Keimformen beides zusammenkommen:

„Der Begriff der doppelten Funktionalität taucht gelegentlich beim Funktionswechsel auf… Erstens muss sie funktional, also nützlich für die alte Logik sein. Sie kann nur von den Ressourcen des Alten leben, da sie ja noch nicht in der Lage ist, ihre eigenen Ressourcen (einschließlich der Mittel) herzustellen. Gleichzeitig muss sie zweitens — sofern es tatsächlich eine Keimform eines Neuen sein soll — inkompatibel zur Reproduktionslogik des Alten sein, sich also im Kern anders entwickeln.“ (FAQ zum Fünfschritt und zum Keimform-Ansatz, Frage 5)

Wäre die Keimform nicht für das Alte und innerhalb des Alten funktional, könnte sie nie eine hinreichend große Bedeutung gewinnen, um vielleicht irgendwann Grundlage einer neues Gesellschaft zu werden; wäre sie andererseits nicht grundsätzlich (in ihrer innersten Logik) unvereinbar, könnte sie das bestehende System nur modernisieren, aber nicht ablösen. Deiner Schwarz-Weiß-Malerei geht diese Erkenntnis einer möglichen doppelten Funktionalität leider völlig ab.

Ansonsten ist deine Argumentation öfters so schlampig, z.B. in der stichpunktartigen Auflistung über „die Commons“, dass man dazu nicht wirklich was Sinnvolles sagen kann – das wurde ja in den Kommentaren teilweise schon kritisiert.

Ihr Selbstbild als kapitalismuskritische Keimformen einer kommenden Ökonomie der Fülle blamiert sich an ihrer konformistischen und bisweilen offen kapitalistischen Praxis.

Tatsächlich wird umgekehrt ein Schuh draus: die meisten Peer-Produzierenden stellen den Kapitalismus ja gerade nicht in Frage und sehen sich nicht als Keimformen einer postkapitalistischen Ökonomie – aber in ihrer Praxis verhalten sie sich tatsächlich zur kapitalistischen Konkurrenz konträr und weisen perspektivisch darüber hinaus. Dass das „revolutionäre Bewusstsein“ fehlt, wird zwar von klassischen Linken gern kritisiert bzw. betrauert, aber wenn man nicht einer idealistischen „Das Bewusstsein bestimmt das Sein“-Konzeption anhängt, ist die Praxis eben viel bedeutsamer als das Selbstverständnis.

Zur Festigung kommunistischer Ideen muss die kapitalistische Basis zurückgedrängt werden. Derzeitige Peerprojekte leisten diesbezüglich außer bei der Entwertung von Information nichts.

Das stimmt nicht wirklich, schau dir mal den ganzen Bereich der Open Hardware an, da tut sich inzwischen sehr viel. Klar, dass sind alles Anfänge, die der kapitalistischen Massenproduktion noch nicht gefährlich werden können, aber das hätte man vor 20 Jahre über GNU/Linux auch sagen können.

Zum Thema Dezentralisierung hat Franz schon gut geantwortet. Dezentralisierung als Lösung aller Probleme zu propagieren (was IMHO eher selten ist, auch wenn es Leute gibt, die in diese Richtung gehen, Open Source Ecology z.B.) ist genauso falsch und platt wie dezentrale und miniaturisierte Produktion generell als „vorindustriell und rückschrittlich“ abzutun.

12 Wie traditionelle Denkformen überwinden? — keimform.de (15.09.2011, 13:57 Uhr)

[…] Vorfeld des Artikels »Kapitalistische Keimzellen?« des Autors »libertär« — wie schon von Franz erwähnt — Diskussionen darüber, ob der Text überhaupt […]

13 libertär (15.09.2011, 16:11 Uhr)

@Buchfreund:

zu a): Solche Entwicklungen befürworte ich auch. Aber mit freier Hardware allein wird man kaum weiterkommen, weil eben gerade nicht die Hardware frei ist, sondern nur die Entwürfe für diese Hardware. Mit meiner Bemerkung, dass die Commons nur Information entwertet haben, also ein Gut, das außer in der ersten Kopie (d.h. im Original) sowieso keinen Wert hat, sie mithin im Grunde gar nichts entwertet haben, wollte ich genau darauf hinweisen, dass die Entwertung materieller Güter immer noch ungelöst ist.
Eine kleine Druck- und Buchbindemaschine, mit der sich binnen wenigen Minuten ein Buch professionell herstellen lässt, gibt es übrigens längst. Sie wird von einem kapitalistischen Unternehmen produziert. Ich als verbohrter Traditionsmarxist, als der ich hier wohl inzwischen gelte, würde fragen, warum die Commons das Rad (bzw. diese Maschine) zweimal erfinden sollten. Wäre das nicht viel arbeitssparender und v.a. schneller zielführend, wenn die Arbeiter einer solchen Klitsche – vernünftig agitiert und klassenbewusst – ihren Betrieb sich einfach aneigneten und in ein Commons umwandelten?

zu b): Du schreibst: „Es kommt, wie du richtig schreibst, darauf an, die ökonomische Logik der alten Produktionsweise nicht zu übernehmen. Das gilt aber nur für die projektinternen Bez. bwz. diejenigen zw. mehreren Projekten. Mit der kapitalistischen Umwelt kann zunächst nur kapitalistisch agiert werden.“

Die heutigen Keimformen sollten sich die Anfänge des Kapitalismus nicht zum Modell nehmen. Denn heute geht es nicht darum, eine Ausbeutergesellschaft effizienter zu gestalten und dann selbst zur herrschenden Klasse zu avancieren. Es geht darum, mit der alten Gesellschaft radikal zu brechen. Deshalb habe ich die kapitalistischen Keimformen nicht als nachzuahmendes Modell angeführt, sondern wollte eigentlich zeigen, wie es nicht laufen sollte.

zu c): Die Enteignung bei Informationsgütern ist natürlich illegal. Aber ein Gesetz, das nicht durchsetzbar ist, ist halt keines. Faktisch kann gegen unerlaubte Kopien nicht vorgegangen werden. Das gilt nicht nur für den einzelnen Nutzer. Im Grunde verdanken viele große Web-Unternehmen ihr Geschäftsmodell der Nichtdurchsetzbarkeit des Urheberrechts. Man stelle sich nur mal vor, vor 20 Jahren hätten überall Läden eröffnet, die Disketten zu einem festen Stückpreis ankaufen, nicht prüfen was darauf gespeichert ist und ihren Kunden gegen einen monatlichen Beitrag erlauben, sich von allem so viele Kopien anzufertigen wie sie wollen. Undenkbar! Prinzipiell nichts anderes machen die heutigen Cyberlocker. Die Aufgaben so zu verteilen, dass keiner der an diesem Geschäftsmodell Beteiligten (Uploader, Linkverbreiter, Hoster, Zahlungsdienstleister, Werbedienstleister) zur Verantwortung zu ziehen ist, obwohl sie alle zusammen natürlich davon profitieren, würde ich als „juristisches Hacking“ bezeichnen.
Wenn das im angeblich rechtsfreien Raum Internet (der natürlich überhaupt nicht rechtsfrei ist) klappt, würde ich das offline nicht ausschließen. Breit angelegte Arbeiteraktionen – hier spricht wieder der verbohrte Traditionsmarxist – sind eben nicht zu stoppen. Gegen einen Generalstreik und massenhafte Enteignungen sind Staat und Kapital machtlos. Sogar Besetzungen einzelner Betriebe oder Immobilien werden meistens geduldet. Da sehe ich sehr viele Möglichkeiten.

14 libertär (15.09.2011, 17:17 Uhr)

@Christian Siefkes

„Dementsprechend sinnlos und kontraproduktiv sind Ansätze wie deiner, die die „Machtfrage“ an den Anfang stellen. Man kann das Obergeschoss eines Gebäudes nicht vor den unteren Stockwerken aufbauen; wer mit dem Ende anfangen will, verschwendet deshalb nur seine Zeit (und die von anderen).“

Ich habe doch gerade den Commons empfohlen, von dem Modell der kapitalistischen Keimformen Abstand zu nehmen. Insofern kannst du mir schlecht vorhalten, ich würde mich nicht an diesem Modell orientieren. Wo du herausliest, dass ich die Machtfrage an den Anfang stellen wolle, weiß ich nicht. Wenn es überhaupt um Macht gehen sollte, dann nur temporär in einer Diktatur des Proletariats. Ansonsten wäre es mir sehr recht, wenn gar keiner mehr, auch nicht irgendwelche Commons, Macht hätten.

„Wäre die Keimform nicht für das Alte und innerhalb des Alten funktional, könnte sie nie eine hinreichend große Bedeutung gewinnen, um vielleicht irgendwann Grundlage einer neues Gesellschaft zu werden; wäre sie andererseits nicht grundsätzlich (in ihrer innersten Logik) unvereinbar, könnte sie das bestehende System nur modernisieren, aber nicht ablösen. Deiner Schwarz-Weiß-Malerei geht diese Erkenntnis einer möglichen doppelten Funktionalität leider völlig ab.“

Lies nochmal in meinem Artikel. Ich anerkenne sowohl die Funktionalität im Alten als auch die Neuartigkeit der Produktionsweise der Commons: „Für die heutigen Keimformen ergibt sich ein anderes Bild. Sie sind eine konkurrierende Alternative zur kapitalistischen Produktionsweise, jedenfalls im Sektor der Informationsproduktion im weitesten Sinne.“
Ich widerspreche allerdings der Auffassung, dass die Commons fürs Alte funktional sein müssen, indem sie nach außen kapitalistisch agieren. Nein, sie müssen eine leistungsfähige und konkurrenzfähige Alternative zum Kapitalismus darstellen, aber nicht darum konkurrieren, wer den besseren, ausbeuterischeren Kapitalismus hinkriegt. D.h. Commons müssen z.B. ihre Mitglieder mindestens so gut versorgen können wie der Kapitalismus. Wenn die Commons sich weiterhin und noch stärker in der Nahrungsmittelproduktion engagieren, habe ich keine Zweifel, dass das bald gelingt. Für Millionen Menschen sind sie heute schon das bessere System, weil der Kapitalismus ihnen nur Obdachlosigkeit und Bettelplätze „bieten“ kann.

„Dass das „revolutionäre Bewusstsein“ fehlt, wird zwar von klassischen Linken gern kritisiert bzw. betrauert, aber wenn man nicht einer idealistischen „Das Bewusstsein bestimmt das Sein“-Konzeption anhängt, ist die Praxis eben viel bedeutsamer als das Selbstverständnis.“

Idealistisch ist daran gar nichts. Zunächst einmal habe ich ja angeschnitten, wie das Sein das Bewusstsein bestimmt, wie neue Produktionsmittel zu einem Bewusstseinswandel (Digimodernismus) beitragen. Das Bewusstsein, selbst ein materielles Phänomen, bestimmt ständig unser Sein. Um das zu erkennen, braucht man nicht Idealist sein. Marx hatte die Feststellung, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt als Kritik an den Verhältnissen geäußert, gerade nicht als ewiges Gesetz der Geschichte oder gar als Regel, die von Revolutionären zu befolgen wäre und ihnen praktisch ein Handlungsverbot auferlegte. Dass das Bewusstsein das Sein bestimmen solle, war als Aufforderung gedacht, als ausgebeutete Klasse sein Schicksal durch planmäßiges kollektives Handeln selbst in die Hand zu nehmen. Die Frage ist überhaupt nicht, in welche Richtung die Bestimmung exklusiv geht, weil alles materiell ist und Umwelt und Körper samt Gehirn immer wechselwirken. Die Frage ist vielmehr, welches Wissen wir uns aneignen, welche Entscheidungen wir treffen, welche Pläne wir verfolgen und wie wir mit anderen Menschen zusammenleben, wie wir Gesellschaft schaffen und damit auch uns selbst neu schaffen.

15 Christian Siefkes (15.09.2011, 19:52 Uhr)

@libertär:

Nein, sie müssen eine leistungsfähige und konkurrenzfähige Alternative zum Kapitalismus darstellen, aber nicht darum konkurrieren, wer den besseren, ausbeuterischeren Kapitalismus hinkriegt.

Ach, das ist doch reine Fantasie, welchem Peer-Projekt wäre es denn jemals darum gegangen, „den besseren, ausbeuterischeren Kapitalismus“ hinzukriegen?? (Wo das der Fall sein sollte, müsste man dann auch nicht groß darüber streiten, dass das mit Sicherheit keine Keimform einer postkapitalistischen Gesellschaft sein wird.)

Mit der „leistungsfähigen und konkurrenzfähigen Alternative“ ist das auch so eine Sache, da das Vergleichskriterium fehlt. Das im kapitalistischen Sinne „leistungs- und konkurrenzfähigste“ Unternehmen ist das, das die Wertverwertung maximiert. Peer-Projekte scheiden da von vornherein aus, weil sie überhaupt keinen Wert verwerten. Umgekehrt ist das beste Peer-Projekt sicherlich das, welches die Bedürfnisse der Beteiligten am besten befriedigt – was wiederum nach dem Maßstab kapitalistischer Unternehmen überhaupt kein eigenständiges Ziel sein kann, sondern höchstens Mittel zum Zweck. Peer-Projekte und Firmen sind wegen ihrer unterschiedlichen Zielsetzungen inkommensurabel.

16 Hans-Gert Gräbe (19.09.2011, 12:13 Uhr)

Der Keimform-Ansatz als Methode sucht nach Mustern eines grundlegenden Wandels der Vergesellschaftungsformen, kann also als Methode per se keine Aussage treffen, ob der im Konkreten betrachtete Wandel einer innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft ist oder über diese hinausweist oder gar, obwohl ein Wandel innerhalb dieser Gesellschaft, Momente eines weiteren, auf noch größerer Zeitschiene verlaufenden Wandels aufweist.

Ich denke, es gibt inzwischen genügend Evidenz, dass Geschäftsmodelle möglich sind, um auch mit einem Konzept wie „beitragen statt tauschen“ Geld zu verdienen. Dass also die Engführung der Wertform(en) auf eine Warenform und einen (produktzentierten) Tauschwert möglicherweise der evidente „Schnee von gestern“ ist, den diese Gesellschaft gerade – nicht zuletzt mit Blick auf die Vielzahl von herumlaufenden Beratern, die ja dafür bezahlt werden, dass sie zum Unternehmenserfolg „beitragen statt tauschen“ – gründlich durch neue Wertformen ergänzt. Und zwar durch Wertformen, in denen die neuen Formen des Zugangs zu „allgemeiner Arbeit“ (also die Kompetenz und speziellen Erfahrungen etwa der Berater mit Umbauprozessen – und ich meine da so ganz profane Dinge wie Einführung eines QS, sinnvolle Formen eines SCM usw., über die heute Firmen „allgemein“ vorhandenes Wissen für sich selbst produktiv machen) auch kapitalistisch prozessiert werden können. Prototypisch ist alles, was im Dienstleistungsbereich passiert, ein solches „beitragen statt tauschen“. Georg Quaas hat hierzu vor einigen Jahren einen spannenden Aufsatz geschrieben „Dienstleistungen als wertbildende Arbeit. Der blinde Fleck in der werttheoretischen Tradition“.

Ich verstehe nach wie vor nicht, warum mit dem Verlassen einer Waren produzierenden Gesellschaft (im Sinne meiner d-Thesen, letztes Update im Jahr 2004) der Kapitalismus am Ende sein soll, warum also der Übergang von einer Produktionsweise, in der die Produktion von Gütern im Mittelpunkt steht, zu einer Produktionsweise, in der die Produktion der Produktionsbedingungen im Mittelpunkt steht, nicht innerhalb einer kapitalistischen Hülle geschehen kann (und wird). Wo doch die (Re)produktion der Produktionsbedingungen schon immer das Hauptgeschäft des Unternehmers war.

Das wäre aber wohl zunächst aufzudröseln, wenn man weitergehende Potenzen einer „Commons basierten Peer Production“ identifizieren wollte. Meine scharfe (und bekannte) Gegenthese: Kapitalismus war schon immer „Commons basierte Peer Production“, allein die Lohnarbeiter konnten das aus ihrer Perspektive heraus nicht verstehen – wie im Übrigen auch Marx, wenn er im Kapital die, damals allerdings historisch vollkommen wohlfeile, Identifikation von „Produzent“ und „Lohnarbeiter“ vornimmt. Die weitere Engführung dieser Verkürzung als „Raub am Lohnarbeiter“ durch den Traditionsmarxismus lasse ich da zunächst noch mal außen vor. Was ja der späte Marx bereits selbst vehement kritisiert hat (siehe die Randglossen zu A. Wagner, MEW 19, S. 359).

17 Christian Siefkes (19.09.2011, 12:57 Uhr)

@HGG: Auch Dienstleistungen sind Waren, und das hat auch Marx schon klar gesehen (jedenfalls im Kapital, in den Grundrissen noch nicht so):

Die kapitalistische Produktion ist nicht nur Produktion von Ware, sie ist wesentlich Produktion von Mehrwert. […] Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwert für den Kapitalisten produziert oder zur Selbstverwertung des Kapitals dient. Steht es frei, ein Beispiel außerhalb der Sphäre der materiellen Produktion zu wählen, so ist ein Schulmeister produktiver Arbeiter, wenn er nicht nur Kinderköpfe bearbeitet, sondern sich selbst abarbeitet zur Bereicherung des Unternehmers. Daß letztrer sein Kapital in einer Lehrfabrik angelegt hat, statt in einer Wurstfabrik, ändert nichts an dem Verhältnis. (MEW 23, 532)

Wo keine Waren produziert werden, wird auch kein Wert produziert, und damit ist der Kapitalismus tatsächlich am Ende.

18 libertär (19.09.2011, 15:28 Uhr)

Eine Dienstleistung ist nichts anderes als die Produktion einer Ware dort, wo sie konsumiert wird, und somit lediglich ein spezieller Fall der Warenproduktion, der z.T. den Qualitäten des Gutes geschuldet ist. Manche Produkte können nicht transportiert werden oder sind immateriell (Bildung).

Hans-Gert Gräbe: „Ich denke, es gibt inzwischen genügend Evidenz, dass Geschäftsmodelle möglich sind, um auch mit einem Konzept wie “beitragen statt tauschen” Geld zu verdienen.“

Ja, aber anders als du meinst. Nämlich indem Arbeiter Werte beitragen, aber im Tausch vom Kapitalisten nichts erhalten. Das ist dann eine moderne Form der Ausbeutung, eine kapitalistische Perversion von P2P-Ideen. So lassen Kapitalisten gerne Leute per Crowdsourcing beitragen, zahlen ihnen aber keinen Lohn dafür. Ein Beispiel sind kostenlose Bilderhoster, die sich die Rechte an hochgeladenen Bildern angeeignet haben und damit handeln.

Ein weiterer Bereich, wo man eher Beiträge statt einen Tausch vermuten könnte, ist der Niedriglohnsektor – angesichts fehlender Reallohnsteigerungen also quasi alle Arbeitsverhältnisse. Bei den gering entlohnten Jobs kann der Eindruck entstehen, dass die Lohnarbeiter eher beitragen als dass sie für einen Lohn arbeiten. Dennoch hat ihre Arbeit einen Wert, eben einen sehr geringen. Wenn die Reservearmee sehr groß ist, Menschen fast rund um die Uhr in mehreren Jobs arbeiten, niedrige Löhne staatlich subventioniert werden und das Kapital auf die Reproduktion ihres teuren heimischen Proletariats weniger angewiesen ist, wirkt das senkend auf die Löhne. Es gibt in der Marxschen Theorie kein Gesetz, dass Arbeit erst ab einer bestimmten Lohnhöhe einen Wert hätte und darunter nur ein Beitrag sei. Ganz im Gegenteil: Die Ausbeutung ist gerade bei den geringen Löhnen (und hohen Mehrwerten) verschärft.

19 Peinhart (19.09.2011, 15:44 Uhr)

>>Wäre das nicht viel arbeitssparender und v.a. schneller zielführend, wenn die Arbeiter einer solchen Klitsche – vernünftig agitiert und klassenbewusst – ihren Betrieb sich einfach aneigneten und in ein Commons umwandelten?

Prima Idee – nur wer oder was käme dann gleich mal auf einen ‚Besuch‘ vorbei? Die Machtverhältnisse, sie sind nicht so. Das wäre höchstens eine Option, wenn das Kapital den Betrieb aufgibt – und zwar ganz aufgibt, also auch die Produktionsmittel nicht mehr in liquides Kapital zurückverwandeln, sprich verkaufen wollte. Und das wiederum ist eigentlich nur denkbar, wenn entweder der Krempel eh nicht mehr taugt, oder bereits ein weitgehender Wirtschaftszusammenbruch anliegt, der ihn aus anderen Gründen unverkäuflich macht. In dem Falle allerdings wäre es wünschenswert, wenn die Jungs und Mädels ‚vernünftig agitiert‘ wären…

20 Franz Nahrada (19.09.2011, 16:38 Uhr)

@ libertär. P2P Produktion ist dadurch definiert, dass sie freiwillig und ohne den stummen Zwang der Verhältnisse betrieben wird. Für ihre Weiterentwicklung hängt tatsächlich viel davon ab, dass solche Verwertungszusammenhänge aufgeklärt und beurteilt werden. Hier liegt noch vieles im Argen. Wenn Du nicht pauschal urteilen sondern gute und schlechte Beispiele bringen würdest wäre viel gewonnen.

@ HansGert. Ich weiß Du liebst es zu provozieren. In Deinem Papier von 2004 hast Du aber noch klar geschrieben, dass die Informationsgesellschaft von monopolisierenden Interessen dominiert wird.

21 libertär (19.09.2011, 17:40 Uhr)

@Franz Nahrada
Beziehst du dich auf meinen Kommentar #18? Ist mein Beispiel Crowdsourcing nicht gut (genauer: ein gutes schlechtes Beispiel)? Kapitalisten eignen sich freiwillige Beiträge eben an. Sie haben einen Wert, obwohl sie nicht bezahlt werden. Lohnarbeit wird für einen Nulllohn verrichtet.

22 Hans-Gert Gräbe (19.09.2011, 17:47 Uhr)

@ Christian:

Wo keine Waren produziert werden, wird auch kein Wert produziert, und damit ist der Kapitalismus tatsächlich am Ende.

Das Dumme ist, dass es viele Abstraktionsebenen gibt mit einer Semantik „Waren produzierend“, die in der Diskussion dauernd durcheinandergeworfen werden. Deshalb die Klammerbemerkung meinerseits.

@ Franz: Wenn du einen nicht affirmativen Bezug auf einen Text gleich als „Provokation“ wahrnimmst – dann „provoziere“ ich in der Tat. Ich habe die Gründe für diese meine „Absonderlichkeit“ im „kleinen Philosophen“ genauer ausgeführt. Ansonsten findest du bereits in Eben Moglens DCM die klare Sentenz „But ‚free competition‘ was never more than an aspiration of bourgeois society, which constantly experienced the capitalists’ intrinsic preference for monopoly. Bourgeois property exemplified the concept of monopoly, denying at the level of practical arrangements the dogma of freedom bourgeois law inconsistently proclaimed.“ Warum sollte das in einer kapitalistischen Informationsgesellschaft anders sein? Das Spannende kommt im DCM fünf Zeilen später „The law of bourgeois property is not a magic amulet against the consequences of bourgeois technology: the broom of the sorcerer’s apprentice will keep sweeping, and the water continues to rise. It is in the domain of technology that the defeat of ownership finally occurs, as the new modes of production and distribution burst the fetters of the outmoded law.“ Allerdings nicht „der Kommunismus“, sondern „the defeat of ownership“. Ob das schon mit dem Ende der Wertverwertung zusammenfällt, wäre – mit Blick auf die aktuellen Erfahrungen von Google, Ebay, Amazon und Konsorten – zu diskutieren. Allerdings, nach meiner bescheidenen Meinung, nicht in Termini einer verengten Sicht auf die kap. Ges. als „Waren produzierende“, sondern in einer weiteren Perspektive als „Produktionsbedingungen für Waren reproduzierende“ Gesellschaft. Dazu (zu einer solchen ökonomie-theoretischen Debatte in guter Tradition einer Kritik der politischen Ökonomie von Marxens „Kapital“) hat Quaas einen bemerkenswerten Anfang hingelegt.

23 libertär (24.09.2011, 12:10 Uhr)

Ein Zitat, das noch einmal beleuchtet, wie der wertmäßige Austausch eines Commons mit seiner Umwelt das Commons selbst in eine warenproduzierende Gemeinschaft (d.h. einen kollektiven Kapitalisten) umwandelt:

Der unmittelbare Produktenaustausch hat einerseits die Form des einfachen Wertausdrucks und hat sie andrerseits noch nicht. Jene Form war x Ware A = y Ware B. Die Form des unmittelbaren Produktenaustausches ist: x Gebrauchsgegenstand A = y Gebrauchsgegenstand B.(41) Die Dinge A und B sind hier nicht Waren vor dem Austausch, sondern werden es erst durch denselben. Die erste Weise, worin ein Gebrauchsgegenstand der Möglichkeit nach Tauschwert ist, ist sein Dasein als Nicht-Gebrauchswert, als die unmittelbaren Bedürfnisse seines Besitzers überschießendes Quantum von Gebrauchswert. Dinge sind an und für sich dem Menschen äußerlich und daher veräußerlich. Damit diese Veräußerung wechselseitig, brauchen Menschen nur stillschweigend sich als Privateigentümer jener veräußerlichen Dinge und eben dadurch als voneinander unabhängige Personen gegenüberzutreten. Solch ein Verhältnis wechselseitiger Fremdheit existiert jedoch nicht für die Glieder eines naturwüchsigen Gemeinwesens, habe es nun die Form einer patriarchalischen Familie, einer altindischen Gemeinde, eines Inkastaates usw. Der Warenaustausch beginnt, wo die Gemeinwesen enden, an den Punkten ihres Kontakts mit fremden Gemeinwesen oder Gliedern fremder Gemeinwesen. Sobald Dinge aber einmal im auswärtigen, werden sie auch rückschlagend im innern Gemeinleben zu Waren. Ihr quantitatives Austauschverhältnis ist zunächst ganz zufällig. Austauschbar sind sie durch den Willensakt ihrer Besitzer, sie wechselseitig zu veräußern. Indes setzt sich das Bedürfnis für fremde Gebrauchsgegenstände allmählich fest. Die beständige Wiederholung des Austausches macht ihn zu einem regelmäßigen gesellschaftlichen Prozeß. Im Laufe der Zeit muß daher wenigstens ein Teil der Arbeitsprodukte absichtlich zum Behuf des Austausches produziert werden. Von diesem Augenblick befestigt sich einerseits die Scheidung zwischen der Nützlichkeit der Dinge für den unmittelbaren Bedarf und ihrer Nützlichkeit zum Austausch. Ihr Gebrauchswert scheidet sich von ihrem Tauschwerte. Andrerseits wird das quantitative Verhältnis, worin sie sich austauschen, von ihrer Produktion selbst abhängig. Die Gewohnheit fixiert sie als Wertgrößen. (Kapital 1, S. 102-103; Hervorhebungen von mir)

Der Tausch von Gütern zwischen einem Commons und seiner Umgebung (ob mit Geld oder als primitiver Tausch) ist daher notwendig das Ende eines Commons.

24 Christian Siefkes (24.09.2011, 13:36 Uhr)

@libertär: Ja, wo ein Commons eingetauscht/verkauft, also veräußerlicht wird, hört es natürlich auf, ein Commons zu sein. Und da wo vermeintliche „Commons“ zur Warenproduktion eingesetzt werden, kann man IMHO auch kaum sinnvoll von Commons sprechen (auch wenn einige das tun), sondern sollte lieber von Gemeinschaftseigentum, Genossenschaft o.ä. reden. Weil Commoning und Warenproduktion unterschiedliche, miteinander inkompatible soziale Formen sind.

Interessant wird’s da, wo überhaupt keine Waren produziert werden, wie das z.B. bei Freier Software der Fall ist.

25 Die verkürzte Kritik der abstrakten Arbeit bei Holloway « Philosophenstübchen-Blog (05.10.2011, 17:32 Uhr)

[…] nicht herum kommen können. Insofern sehe ich keinen so großen Riß zwischen den Kontrahenten der Debatte im Keimform-Blog bezüglich des Stellens der […]

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