Ein Universelles Stigmergisches Allokationsystem

Peers support each otherIn vielen Diskussionen ob hier im Blog oder sonst wo, komme ich immer wieder dazu festzustellen, dass viele Skepsis, die dem Keimform-Ansatz entgegengebracht wird, vor allem darin begründet liegt, dass sich die meisten Leute einfach nicht vorstellen können, dass Bedürfnisse und Fähigkeiten zusammen kommen ohne das jemand oder etwas Zwang ausübt.

Wir verweisen dann immer auf die Stigmergie als wichtige Organisationsform. Damit ist eine Form der Organisation gemeint, die im wesentlichen darauf basiert, festzuhalten, wo noch etwas getan werden müsste. Diese Hinweise ermöglichen es dann anderen, die gerne etwas tun wollen, auch etwas zu tun, was gebraucht wird.

Die Erfahrung der meisten Menschen ist aber weit weg von funktionierenden stigmergischen Organisationsstrukturen. Ich glaube, viele denken dabei eher an dreckige WG-Küchen oder zugemüllte Wälder als an Freie Software oder Wikipedia. Eine Möglichkeit diese Situation zu ändern, wäre möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, Stigmergie selbst zu erfahren. Bisher ist das nur in eng umgenzten Bereichen möglich und die medialen Systeme, die zu diesem Zweck eingesetzt werden (seien sie jetzt virtuell oder nicht-virtuell) sind zum einen oft eher primitiv (z.B. TODO-Listen) und zum anderen meist speziell auf ein einzelnes Projekt zugeschnitten, was dazu führt, dass man deren Wirksamkeit erst erfahren kann, wenn man sich an diesem konkreten Projekt beteiligt. Die Wirksamkeitserfahrung ist bei stigmergischen Systemen also an aktive und nicht an passive Partizipation gebunden und es gibt zwar Millionen von Wikipedia-Benutzern aber eben nur ein paar tausend Autoren.

Um diese Situation zu ändern möchte ich ein Universelles Stigmergisches Allokationssystem (USA) bauen, um folgendes zu erreichen:

  • Vielen Menschen die Gelegenheit geben, Erfahrungen mit Stigmergie zu machen.
  • Vielen Menschen die Gelegenheit geben, Erfahrungen mit der eigenen Bedürftigkeit zu machen.
  • Konsumptive mit produktiven Bedürfnissen zusammen zu bringen. Menschen sollen reale Bedürfnisse zumindest gelegentlich durch das Mitmachen im USA befriedigen können.
  • Ein Experimentierfeld zu eröffnen in dem man lernen kann, wie ein USA aussehen könnte, dass einmal wirklich dazu beitragen kann eine commons-basierte Gesellschaft zu ermöglichen.

Die Kernfunktionen des USA müssten sein:

  • Die Erhebung von „Stigs“. Ein Stig ist ein Datensatz, der aus ein paar Stichworten besteht, die ein Bedürfnis kategorisieren und mit einem potentiell anonymen Benutzer und einem (virtuellen oder realen) Ort verknüpft sind. Man kann auch noch eine Ablaufzeit hinzufügen.
  • Extrem einfache Bedienbarkeit. Ein Stig muss sehr spontan erzeugbar sein.
  • Mobile Bedienbarkeit.
  • Eine Filtermöglichkeit nach Ort, Zeit, Freundeslisten und Stichworten um die Befriedigung von Bedürfnissen zu ermöglichen.

Das klingt noch sehr abstrakt. Ich gebe euch ein paar Anwendungs-Beispiele, um zu verdeutlichen, was mir vorschwebt:

  • Claudia entrümpelt endlich mal ihren Keller. Dabei findet sie ein paar Sachen, die sie zwar nicht mehr braucht, die aber auch zu schade zum Wegwerfen sind. Ebay ist ihr zu aufwändig und kompliziert. Statt dessen guckt sie ins USA (Filter: Heizstrahler, Ort: Umgebung 4 km) und findet Jana, die einen Heizstrahler sucht und um die Ecke wohnt. Ein kurzer Anruf und Jana holt den Heizstrahler ab, der sonst auf dem Elektroschrott gelandet wäre.
  • Paul ist gerade neu in der Stadt und möchte gerne Leute kennen lernen. Er ist begeisterter Brettspieler und sucht deswegen im USA nach Leuten, die Mitspieler suchen und in der Nähe wohnen (Filter: Brettspiele, Umgebung 10km). Er findet zunächst niemanden, stellt selbst ein Bedürfnis ein (Brettspiele, Ort: hier, Zeit: 1 Monat) und wird schließlich von Klara gefunden, die einfach mal gucken wollte, was die Leute, die im USA sind und in der Nachbarschaft wohnen, so treiben (Filter: *, Umgebung 1km).
  • Maria hat Lust auf Kuchen und gibt das im USA bekannt (Kuchen, Zeit: 1 Tag, Ort: hier). Luis backt gerade einen Kuchen und kann ohne viel Mühe ein doppeltes Rezept backen und wohnt bei Maria um die Ecke (Filter: Kuchen, Zeit 1 Tag, Umgebung 300m).
  • Miri studiert Physik und lernt gerade für die Prüfung. Sie sucht eine Antwort auf eine schwierige spezielle Frage und gibt diese ins USA ein (Quantencryptogravitationstheorie, Ort:*, Zeit: 1 Woche). Carolin wohnt am anderen Ende des Planeten und ist Professorin in genau dem Spezialgebiet, dass Miri gerade studiert und hat einen globalen Filter für genau dieses Thema aktiviert (Filter: Quantencryptogravitationstheorie, Ort: *) und kann Miri weiterhelfen.
  • Jan sitzt bei schönem Wetter mit Freunden im Park. „Jetzt ein kühles Bier“, denkt er sich und gibt genau diesen Wunsch über sein Smartphone ins USA ein (Bier, Ort: hier, Zeit: in der nächsten Stunde). Nur ein paar hundert Meter weiter geht gerade eine Party zu Ende, beim Aufräumen ist ein halber Kasten Bier übrig. Peter guckt in seinem Laptop nach ob jemand das vielleicht gebrauchen kann (Filter: Bier, Umgebung 1km) und findet Jan.

Dabei bin ich mir sehr bewusst, dass das Hauptproblem dabei nicht so sehr ein technisches ist, sondern das soziale Problem vor allem darin liegt, eine kritische Masse von Menschen zum mitmachen zu bewegen. Um das zu erleichtern möchte ich mich an folgenden Designprinzipien orientieren:

  • Selbstverständlich muss das ganze Freie Software sein. Als Lizenz würde ich auf die AGPL setzen.
  • Ich möchte aber zu Beginn noch nicht auf eine dezentrale Lösung setzen. Dezentralisierung ist eine enorme zusätzliche technische Hürde, die einiges enorm erschwert insbesondere im Bereich der Suche, die aber genau für die USA zentral ist.
  • Das System soll aber von Anfang an so entworfen werden, dass es in einem späteren Schritt dezentralisiert werden kann, ohne alles noch mal von vorne bauen zu müssen.
  • Keine inhaltliche Beeinflussung. So soll es z.B. durchaus erlaubt sein, das System einfach als Marktplatz a la ebay zu „missbrauchen“. Wenn wir dann am Ende vielleicht nicht im Kommunismus landen, so wäre dann doch zumindest ebay auskooperiert. Auch ethische Vorgaben würde ich nicht machen wollen. Legale Einschränkungen, die den Betrieb gefährden würden, sind wohl unvermeidbar. (Das ist streng genommen kein Designprinzip der Software, sondern einer konkreten Instanz. Es ist ja jeder freigestellt das auf dem eigenen Server anders zu handhaben).
  • Erweiterbarkeit sollte von Anfang an mitgedacht werden, so dass man z.B. über ein Pluginsystem Instanzen für spezielle Bedürfniskategorien anpassen kann.
  • Die Stichworte (Tags) bleiben frei. Eventuell kann man später einzelne Tags redaktionell verknüpfen (z.B. unterschiedliche Sprachen oder Synonyme). Zunächst würde ich da aber ganz auf die Schwarmintelligenz setzen und nicht auf komplizierte Ontologien.
  • Einfachheit zuerst. Das gilt nicht nur für die Bedienung sondern auch für den Funktionsumfang. Meine Erfahrung mit solchen Projekten ist: Wenn man sich zu viel vornimmt, wird man nie fertig.

Außerdem erhoffe ich mir von der Universalität des Ansatzes auch, dass es leichter wird die kritische Masse zu überspringen, bzw. dass die kritische Masse in einzelnen Nischen übersprungen werden kann. Es ist auch möglich, dass sich am Ende unterschiedliche Instanzen um unterschiedliche Bedürfnisse kümmern. Das System selbst sollte einfach und universell bleiben.

Bisherige Versuche soziale Netzwerke zur Koordination von Bedürfnisbefriedigung zu nutzen gehen meistens von den Fähigkeiten aus und die Leute, die ein Bedürfnis haben, suchen dann im Datenbestand (Beispiele: Nutzigems, Couchsurfing, Schenknetzwerke wie freecycle, …). Möglicherweise funktioniert das gut, so lange man sehr spezialisierte Anwendungsbereiche hat. Die doch recht eingeschränkte Reichweite von universelleren Ansätzen (Nutzigems, Schenknetzwerke, …) lässt mich denken, dass es vielleicht etwas bringen kann, es einfach mal umgekehrt zu versuchen.

Außerdem passt es auch besser zu einer Commons-basierten Gesellschaft, in der eben Bedürfnisse befriedigt werden und nicht auf Verdacht für einen Markt produziert wird, wo man das Zeugs dann unbedingt losschlagen muss. Ich denke auch, dass der Impuls „Ich brauche X“ einfacher zu erfassen ist als ein „Ich habe Y und will es loswerden“. Meine gesamte Bibliothek zu verdaten um sie eventuell mal zu verleihen, das mach ich nicht so schnell, aber mal eben Suchen ob jemand in der Nachbarschaft ein Buch braucht, was ich gerade wegschmeißen will, dass macht man schon eher mal.

Nun ist es leider so, dass ich alleine nicht die Ressourcen habe um ein solches Projekt zu stemmen. Hätte jemand Lust bei Konzeption und Umsetzung mitzuarbeiten? Dann bitte melden. Vielleicht fällt uns dann auch noch ein schönerer Name für das Ding ein.

UPDATE: Es gibt momentan eine Mailingliste, ein Pad und einen Entwurf für ein Lastenheft über das sich Mitarbeiter_innen und andere am Projekt interessierte koordinieren.

 

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