Auskooperieren

Da ich diesen Begriff durchaus gerne benutze, will ich doch mal ein eigenen Beitrag dazu schreiben — damit ich den dann stets verlinken kann 😉

Der Begriff »out-cooperate« ist im Englischen wohl nicht total unüblich, aber auch nicht gerade weit verbreitet. Das deutsche Äquivalent »aus-kooperieren« oder ohne Bindestrich: »auskooperieren« ist hingegen eine Neuerfindung und wird derzeit nur im engeren Umfeld von keimform.de verwendet. Auch deswegen ist eine etwas ausführlichere Erläuterung sinnvoll.

Nun will ich nicht so gaaanz weit ausholen (und etwa erstmal »Kooperation« klären), sondern mich direkt auf die Quelle beziehen, die ich bislang immer angegeben habe: »Out-Cooperating the Empire? – Exchange with Christoph Spehr« (Juli 2006). Christoph Spehr entwickelt in dem Interview die beiden Seiten des Auskooperierens. Einerseits gibt es die »dunkle Seite der Kooperation«, bei der Firmen, Menschen oder allgemein Strukturen durch eine effektivere Produktionsform, die sehr stark auf massenhafte Kooperation setzt, verdrängt werden. Dies kann bis zur Pleite oder Aufgabe eines Geschäfts gehen, wie das jüngste Beispiel des Brockhaus zeigt. An die Stelle der verdrängten alten tritt eine neue Produktionsweise, die die »helle Seite der Kooperation« repräsentiert. Sie basiert auf neuen Formen der Zusammenarbeit jenseits der Verwertungslogik. Es geht also nicht nur etwas verloren (die alte Produktionsweise), sondern an die Stelle tritt etwas Neues, die Anfänge einer neuen Produktionsweise.

Auskooperieren darf jedoch nicht mit der traditionellen Konkurrenz verwechselt werden. Auskooperieren ist also nicht das gleiche wie rauskonkurrieren. Die klassische Marktkonkurrenz basiert darauf, dass ich auf dem Feld der Verwertung besser bin als der Konkurrent, der am Ende vom Feld verdrängt wird, so dass ich dessen Marktanteile und am Ende gar seine Produktionsmittel übernehmen kann.

Auskooperieren hingegen eröffnet ein neues Feld, das nach völlig anderen Regeln funktioniert, aber das gleiche Produkt herstellt. Die Massen-Kooperation spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie kann nur durch eine progressive Inklusionslogik erreicht werden: Je mehr mitmachen, desto mehr machen mit. Auf dem Feld der Verwertung ist es genau umgekehrt: Je weniger Konkurrenten mitmischen, desto besser — für mich, wenn ich der Sieger und am Ende der Monopolist bin. — Das sei mal die einfache Sicht darauf, differenzierter wird es unten.

Die Dramatik des Auskooperierens besteht darin, dass real Menschen ihre Jobs und damit Lebensperspektiven (mindestens temporär) einbüßen. Wenn ich im Feld mit einer Exklusionslogik erstmal draußen bin, ist es schwer, wieder »rein« zu kommen, um dort dann wieder andere exkludieren zu können. Da hilft das Angebot vom Nebenfeld der Inklusionslogik erstmal gar nichts, weil ich dort mein Leben nicht fristen kann — dort läuft eben nichts oder nur wenig über Geld, das ich schließlich hier und heute irgendwann brauche, um meinen Kühlschrank zu füllen.

Jetzt hängt es stark davon ab, wie ich insgesamt diese Umbruchssituation begreife. Sehe ich sie nur als Verfallsprozess regulärer Strukturen eines normal funktionierenden Kapitalismus, dann kann ich nur gegen diesen Verfall sein und muss gegen ihn arbeiten, also mindestens retten, was zu retten ist. Der Staat wird angerufen, nach der besseren Politik wird gerufen und dergleichen mehr. Gewerkschaften sind die Inkarnation dieses legitimen Verteidigungsstandpunktes.

Sehe ich im Verfall aber die Kerne einer neuen Produktionsweise entstehen, dann ist die Frage, wie diese neue Produktionsweise, die sich ja erst ansatzweise zeigt, irgendwann meinen Kühlschrank füllt. Ja, das eine der Fragen hier auf keimform.de. Und die Peerconomy ist ein wichtiger Vorschlag in dieser Richtung. Christoph Spehr hat den Widerspruch in dem o.g. Interview von 2006 ganz gut formuliert (eigene Übersetzung):

In der Diskussion über eine alternative Ökonomie gibt im Moment zwei vorherrschende Diskussionen: Eine, die sagt, dass der Kapitalismus selbst aus-kooperiert und durch ein neues kooperatives Modell der ökonomischen Akkumulation, Verteilung, Information und Entscheidungsformen ersetzt werden muss. Das ist die Oekonux-Position. Die andere Position ist die eines stark regulierten Kapitalismus unter politischer Kontrolle, aber einer Ökonomie, in der die treibenden Kräfte und Regulationsformen kapitalistisch sind, eine Ökonomie des Profits, der Konkurrenz und des Privateigentums. Das ist de facto die Position der meisten linken Parteien in Europa. Das Argument der letzteren Position geht so: Kapitalismus ist hässlich, aber es gibt bisher kein anderes System, dass in Hinblick auf Innovationsgeschwindigkeit konkurrieren kann.

Nun, genau das letzte (Innovation) beginnt sich zu ändern, und das Auskooperieren ist eine Form, in der sich das zeigt. Die zweite von Christoph genannte Position (in der Minderheit derer, die überhaupt was anderes wollen) ist sicherlich in der deutlichen Mehrheit. Sie hat aber keine Perspektive. Doch das Festhalten am Alten ist verständlich, gibt es doch immer noch nichts greifbares Neues. Dennoch wirkt die Beschwörung von Institutionalisierung und Professionalisierung in dem Interview hilflos.

Steht nun »Auskooperieren« immer für »das Gute«? Nein. Nicht nur, weil es die oben beschriebene »dunkle« Seite gibt, sondern auch, weil die Cleverlis vom Spielfeld der Verwertung erkannt haben, dass die Methode des »Auskooperieren« ganz gut als Mittel der Konkurrenz verwendet werden kann. Diese Variante wird in der Regel beim Web-2.0-Business angewendet. Sie geht ungefähr so: Liefere eine coole Funktionalität im Bereich des social networkings, sorgen für massenhafte Kommunikation und Kooperation — und zwar kostenlos. Baue nun um die Masse, wenn sie dann mal kritisch geworden ist (sich also aus sich selbst produziert und ausdehnt), ein Geschäftsmodell. Meistens läuft das auf Werbung hinaus, seltener darauf, den Leuten direkt was zu verticken (weil die sich dann angenervt verpissen — es gibt Ausnahmen). Fertig ist das Trittbrettfahrer-Modell des Auskooperierens.

Jetzt, wo ich das gerade so durchdenke, fällt mir ein aktuelles Beispiel ein: re:publica. Die aktuelle Konferenz in diesem Jahr trägt den Titel »Die kritische Masse«. Die kritische Masse wofür? Zwei Möglichkeiten sind denkbar. Einmal die kritische Masse, um als Bloggerei als relevantes Medium neben den traditionellen Medien wahrgenommen zu werden, wie das in den USA durchaus der Fall, hierzulande aber gar nicht. Oder die kritische Masse dafür, dass ein Teil der Bloggerei sich auf Kosten des Fußvolks professionalisiert (sprich: Geld damit verdient), wie es etwa DonAlphonso vermutet. Geht es also hier um das klassische Auskooperieren eines überkommenen alten Modells wie der traditionellen Medienlandschaft, oder um eine gut getarnte Trittbrettfahrerei? Wahrscheinlich, wie immer, ist’s eine Mischung aus beidem.

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