Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
Artikel drucken

Demonetize: Die Bewegung

demonetize[Bisher erschienen: Einleitung, Teil 1]

2. Wer ist bei Demonetarisierung aktiv und was machen sie?

Praktisch und akademisch

Eine Gemeinschaft oder Gesellschaft, die ihre Ressourcen und Fähigkeiten nach Maßgabe von Bedürfnissen teilt, ist die ursprüngliche Vision des Kommunismus. Diese Vision hat eine lange Geschichte und reicht mindestens bis zum Mittelalter zurück. Im 20. Jahrhundert entstanden demonetarisierte Praktiken in der frühen Kibbutz-Bewegung, die 1910 in Israel begann. Während der Spanischen Revolution 1936–1939 wurde Geld in vielen Regionen abgeschafft und durch die freie Verteilung von Gütern oder mittels verschiedener Arten von Bezugsscheinen und Rationierungssystemen ersetzt.

Unter dem Einfluss von Otto Neurath, der gegen einen allgemeinen Wertstandard und für einen Sozialismus auf Grundlage einer „natürlichen Wirtschaft“ argumentierte, diskutierten die Sowjet-Revolutionär_innen (1918–1921) ernsthaft die Möglichkeit, eine geldfreie Wirtschaft einzurichten. Manche davon traten für eine Bilanzierungseinheit auf Basis von Arbeitszeit oder -energie (Anstrengung) ein. Dennoch fuhr die sowjetische Buchhaltung fort, den an Wert verlierenden Rubel als Einheit zu verwenden, und Lenins „Neue Ökonomische Politik“ beendete jedwede Rede von einem Sozialismus ohne Geld. Geld wurde zu einem Werkzeug staatlicher Politik und strukturierte die ungleiche Machtverteilung zwischen den Arbeitenden einerseits und den Partei-Eliten andererseits.

Während der großen ökonomischen Debatte 1963–1965 in Kuba, argumentierte Che Guevara (unterstützt durch Ernest Mandel) gegen Geld, Märkte und materielle Anreize – und für ein neues Bewusstsein, freiwillige Arbeit und moralische Anreize. Guevara kritisierte das sowjetische Lohnsystem und vertrat die Ansicht, dass weder Geld noch Preise notwendig seien, wenn der staatliche Sektor Ressourcen, Arbeit und deren Produkt selbst verwaltet. Für den Übergang schlug er ein zeitweiliges System der Budgetierung vor, in dem Geld im Wesentlichen als Einheit der Buchhaltung fungierte. Nachdem er in der Debatte um das Thema Geld unterlegen war, verließ er Kuba. Fidel Castro nahm in der Folge allerdings eine ganz ähnliche Position ein, als er sagte: „Wir wollen das Geld entzaubern, nicht es rehabilitieren. Wir zielen sogar darauf ab, es gänzlich abzuschaffen“ (siehe dazu: Nelson 2011a: 32-44).

Für gegenwärtiges Handeln wichtiger scheinen uns demonetarisierte Praktiken jüngerer historischer Perioden, die häufig mit Protestbewegungen – etwa in den bewegten Jahren nach 1968 – verbunden waren. So praktizierte die legendäre anonyme Gruppe Diggers – namentlich inspiriert von der Diggers-Bewegung während des englischen Bürgerkriegs 1642–1649 – als Teil der Hippie- und Gegenkultur der 1960er Jahre in San Francisco freie Küchen und freie medizinische Versorgung auf der Basis von Spenden und freiwilliger Arbeit. Im Zuge der Arbeitskämpfe in Italien in den 1970er Jahren eigneten sich viele Akteur_innen Güter und Dienstleistungen wie Wohnung und Elektrizität ohne Kauf an, womit sie das Tauschprinzip negierten. Vor einigen Jahren erschienen Manifeste – beispielsweise das des Unsichtbaren Komitees (Invisible Committee 2008) oder von Research and Destroy (2008) –, die Visionen von Demonetarisierung erwähnten und dabei auf bereits existierende Praktiken aufmerksam machten. Zumindest in den Jahren der Chavez-Regierung spielte die Praxis beziehungsweise Perspektive der Demonetarisierung im Kontext des Bolivarianischen Sozialismus in Venezuela eine gewisse Rolle.

Manche der für Demonetarisierung eintretenden Strömungen verweigern sich einer Einordnung als „links“ oder „rechts“, beispielsweise die Zeitgeist-Bewegung. Diese propagiert die Vision einer sogenannten „ressourcenbasierten“ Ökonomie jenseits der Knappheit (post scarcity), in der niemand mehr arbeiten muss und es genug für alle gibt. Trotz der Attraktivität dieser Vision sind die speziellen Vorstellung der Zeitgeist-Vertreter_innen nicht unproblematisch. Offensichtlich gehen sie davon aus, dass der „richtige“ Einsatz von Computern und Technik zu einer harmonischen Gesellschaft der Fülle führen kann, doch auf zweifelnde Nachfragen nach dem Risiko solcher technischer Lösungen, selbst neue Probleme und Ausschlüsse hervorzurufen, hört man von ihnen wenig. Die ökologischen Effekte ihrer Vision scheinen sie wenig zu kümmern, auch wenn sie versichern, dass sie schon nachhaltig sein würde. Der Zeitgeist-Bewegung wurde gelegentlich struktureller Antisemitismus vorgeworfen, doch scheinen die Vorwürfe mehr auf Vorurteilen als auf Tatsachen zu basieren. Dabei sollte beachtet werden, dass die Bewegung nichts mit dem ersten „Zeitgeist“-Film des umstrittenen Filmemachers Peter Joseph zu tun hat — die Fortsetzungen der Filmreihe haben ihr hingegen als Inspiration gedient.1)

Als eine Form radikalen Denkens wird Demonetarisierung unserer Einschätzung und Erfahrung zufolge vor allem von weißen Akademiker_innen vertreten sowie von Mitgliedern der Mittelklasse, die nicht an der Universität beschäftigt sind. Insbesondere vermuten wir dabei eine starke Beteiligung jener, die von Abwärtsmobilität betroffen oder bedroht sind, die also die Ränge prekärer Arbeitender füllen. Als ein Konglomerat sozialer Initiativen betrachtet, involviert Demonetarisierung eine weitaus größere Bandbreite sozialer Akteur_innen: von den ärmsten und am stärksten von Diskriminierung betroffenen Gesellschaftsmitgliedern – vor allem im globalen Süden – bis hin zu den technologieaffinen und ökonomisch privilegierten Milieus der „kreativen Klasse“, die sich im globalen Norden zentriert. Hinsichtlich ethnischer Zugehörigkeit muss in weltweiter Betrachtung ein Ungleichgewicht im Bereich der Theorie festgestellt werden, während die zahlenmäßige Beteiligung gemäß Gender in Theorie wie Praxis – aber nicht notwendigerweise das damit verbundene Machtverhältnis – eher ausgewogen scheint (hier ausgehend von einer Gender-Zweiteilung). In Österreich und Deutschland gibt es schwache Verbindungen zu einigen queer-feministischen Strömungen, die unserem Eindruck nach in der Mittelklasse verortet sind. Punktuelle Ereignisse wie beispielsweise der Kongress Solidarische Ökonomie in Wien 2013 deuten darauf hin, dass jüngere Generationen ein besonderes Interesse an Demonetarisierung zeigen.
———————–
1) Die Herausgebenden von Degrowth in Bewegung(en) halten die Zeitgeist-Bewegung aus unterschiedlichen Gründen für problematisch, haben aber im Sinne von Transparenz und offener Debattenkultur nicht darauf bestanden, den Bezug zu streichen.

Kategorien: Praxis-Reflexionen, Theorie

Tags: , , , , ,

20. Juli 2016, 06:26 Uhr   9 Kommentare

1 Hans-Hermann Hirschelmann (20.07.2016, 12:18 Uhr)

Eine Gemeinschaft oder Gesellschaft, die ihre Ressourcen und Fähigkeiten nach Maßgabe von Bedürfnissen teilt, ist die ursprüngliche Vision des
Kommunismus.

Vielleicht sollte man sich „Kommunismus“ nicht als ein Subjekt mit eigenständiger Versionsgeschichte vorstellen. Die Vorstellung, dass ein kommunistisch bestimmten Für- und Voneinanders „entlang von Bedürfnissen“ organisiert ist (sein würde) kann man aber getrost als ersten noch recht hilflosen Versuch deuten, den Sehnsuchtsort gemeinschaftlicher Entscheidungsgewalt und Verantwortung (hinsichtlich der Entwicklung und Nutzung von Produktivkräften menschlicher wie außermenschlicher Natur) zu bestimmen.

Heute sollte man so weit sein, die – möglicherweise (öko-) kommunistisch zu bewältigende – Herausforderung in der Etablierung einer neuen Art zu sehen, die verschiedenen Bedürfnisse (etwa auch hinsichtlich eines ökologisch korrekten Stoffwechsels mit der außermenschlichen Natur) mit den dafür aufzubringenden Anstrengungen, möglicherweise zu erwartenden Risiken oder Schäden ins Benehmen zu bringen, was nach meiner Meinung nach in Richtung eines – am Ende weltgemeinschaftlichen – Nachhaltigkeitsmanagement weist.

Es sollte auch klar sein, dass das nicht ohne einen Mechanismus gehen kann, der Produktivitätssteigerungen befördert (nur, dass dabei eben auch die sozio-ökologischen Begleiterscheinungen bzw. Voraussetzungen und Auswirkungen in den Blick genommen werden – können). Schlicht zu behaupten, dass dies doch alles in der Bedürfnisorientiertheit eingeschlossen sei,  führt meines Erachtens zu einer Unterschätzung der Herausforderung.

Übrigens reicht es m.E. nicht, nur die positiven Erfahrungen mit bisherigen Ideen und Experimenten der geldlosen Vergesellschaftung zu erörtern. Es gibt genug Anlässe, die es geraten sein lassen, stets auch darüber zu reden, was verhindern könnte, dass aus einem Gutgemeint (erneut) ein Schlechtgelaufen wird.

Lenins Neue Ökonomische Politik kann meines Erachtens nur im Zusammenhang mit einer Analyse des sogenannten „Kriegskommunismus“ gebührend eingeordnet werden.

https://de.wikipedia.org/wiki/Kriegskommunismus

2 Martin Bartonitz (20.07.2016, 19:53 Uhr)

Es gibt noch einen, der davon überzeugt war, dass wenn alle im Produktionsprozess Beteiligten auf Augenhöhe gekommen sind, als zu gleich wichtigen Teilen Partner sind, es möglich sein würde, dass dann Geld nicht mehr benötigt würde. Und das hat kein geringerer als der in unseren Medien zuletzt verdammte Huammar Al-Gaddafi in seinem Grünen Buch. Nach der Lektüre des Buches und weiteren Berichten darüber, welche Errungenschaften der Staat bis zu seiner Zerstörung erreicht hat, muss ich der Erkenntnis von Ivo Sassek zustimmen:
„Man mag über ‎Gaddafi‬ denken und urteilen, wie man will; doch zumindest eine Sache ist und bleibt unbestreitbar: Wenn irgendein Mann auf dieser Erde für wahre ‪‎Demokratie‬ gekämpft hat, dann war es Muammar Al-Gaddafi! Wer das Gegenteil behauptet, lügt! Wir sind es ihm daher schuldig, Ausschnitte aus dem Grünen Buch als AZZ-Sonderbeilage zu veröffentlichen. …Wahrheit bleibt Wahrheit, und Recht muss Recht bleiben. Man konnte Muammar Al-Gaddafi leiblich ermorden; doch seine niedergeschriebenen Worte enthüllen seine unübertrefflich demokratische Gesinnung. Sie werden weiterleben. Gaddafi ist tot – es lebe die Wahrheit!“ 

3 Hans-Hermann Hirschelmann (21.07.2016, 10:51 Uhr)

Ja, genau das meinte ich.  Man muss nicht gleich so weit gehen, Pol Pot in die Reihe der historischen Demonetarisierer einzuordnen, um die Fallstricke dieser Perspektive wahrzunehmen. https://de.wikipedia.org/wiki/Muammar_al-Gaddafi
 

4 ricardo (21.07.2016, 12:12 Uhr)

“Eine Gemeinschaft
oder Gesellschaft, die ihre Ressourcen und Fähigkeiten nach Maßgabe
von Bedürfnissen teilt, ist die ursprüngliche Vision des
Kommunismus. Diese Vision hat eine lange Geschichte und reicht
mindestens bis zum Mittelalter zurück. Im 20. Jahrhundert entstanden
demonetarisierte Praktiken in der frühen Kibbutz-Bewegung, die 1910
in Israel begann. ”

Das kommunistische „jeder
nach seinen Fähigkeiten jedem nach seinen Bedürfnissen“ wird hier
direkt mit dem Geld in Verbindung gebracht. So als ob das Geld
generell verhindern würde, dass dieser schöne Gedanke nicht zum
Tragen kommt, folglich „demonetarisiert werden muss.

Diese „Vision“, der
Inhalt kommunistischer Reproduktion menschlicher Lebensverhältnisse
und das Geld stehen aber in überhaupt keinem Zusammenhang: In einer
kommunistischen Gesellschaft, wo es kein Eigentum mehr gibt, allen
alles gehört, bedarf es des Geldes nicht und im Kapitalismus ist es
nicht das Geld, das die „Vision“ verhindert, sondern der Zweck,
es vermehren zu wollen und zu müssen.

Für Geld arbeiten zu
müssen ist ein abstrakter, von den Bedürfnisse abgezogener Vorgang.
Würde das Geld durch einen anderen (abstrakten) Maßstab (Zeit,
Tausch) ersetzt, ändert sich nichts an dieser Abstraktheit. Der
Gedanke, das Geld abschaffen zu wollen ist deshalb nicht von Nutzen,
wenn man ernsthaft beabsichtigt, die kommunistische „Vision“
einlösen zu wollen. Das gelingt nur, wenn die Menschen unter
Berücksichtigung der Produktionsmöglichkeiten, die Reproduktion
ihrer Lebensverhältnisse selbst bestimmen können. Und dafür ist
die Voraussetzung, dass der Reproduktionsprozess Bedürfnis und
Produkt konkret vermittelt, also nur die Gebrauchswerte hervorbringt,
die zuvor von den Menschen, die sie benötigen und/oder wollen,
bestimmt wurden. Dann braucht es keinen abstrakten Maßstab, denn die
Zuweisung der Produkte an den Einzelnen ergibt sich von alleine.

5 torben (22.07.2016, 01:45 Uhr)

@ricardo

aber genau daher ist es imho doch sinnvoll, auch unter
dem Label „Demonitarisierung“ ein Moment dieses Abstraktionsmaßstabs
diskursiv anzugehen (und evtl Praxen anzuregen). Das damit allein
Kapitalismus auf allen Ebenen nicht aufgehoben werden kann, habe ich
zumindest so auch nicht verstanden (der Text steht ja auch in diesem
Degrows-Zusammenhang).
Eher kann dieses Ideologische
ohne-Geld-keine-Reproduktion auseinander genommen werden bzw dafür
Argumentationen geleifert werden

6 Christian Siefkes (23.07.2016, 19:40 Uhr)

@ricardo (ergänzend zu torbens Kommentar):

In einer kommunistischen Gesellschaft, wo es kein Eigentum mehr gibt, allen alles gehört, bedarf es des Geldes nicht

Das ist aber ja doch eine wichtige Erkenntnis, um deren Verbreitung sich die unter dem Demonetarisierungs-Label versammelten Initiativen bemühen! Für dich mag das selbstverständlich sein, aber damit bist du eben schon weiter als die allermeisten anderen.

und im Kapitalismus ist es nicht das Geld, das die „Vision“ verhindert, sondern der Zweck, es vermehren zu wollen und zu müssen.

Naja, dieser Teilsatz für sich allein genommen klingt wiederum so, als ob das Geld nur ein neutrales „Vermittlungsinstrument“ wäre, dessen sich eine nichtkapitalistische (nicht auf Geldvermehrung ausgerichtete) Gesellschaft ebenso intensiv bedienen könnte wie die heutige. Das scheint mir ausgesprochen unplausibel — ich will gar nicht bestreiten, dass Geld in einer kommunistischen Gesellschaft vielleicht noch eine gewisse Nebenrolle spielen könnte, ebenso wie es in vielen vorkapitalistischen Gesellschaften eine Rolle spielte — aber eben eine viel kleinere als heutige. Aber dass Geld die zentrale Vermittlungsfunktion einnimmt, die es heute hat, ist IMHO überhaupt nur denkbar, wenn es selbst nicht nur Mittel, sondern auch Zweck ist.

Sprich: Wenn wir den Profit als alles bestimmenden und überformenden gesellschaftlichen Zweck verdrängen wollen, müssen wir notwendigerweise auch das Geld und seine gesellschaftliche Rolle zurückdrängen. Und nichts anderes ist ja mit dem Demonetarisierungs-Begriff gemeint.

7 Christian Siefkes (23.07.2016, 19:48 Uhr)

Zu Kriegskommunismus, Gaddafi u.ä.: Es kann IMHO eben nicht darum gehen, das Geld verbieten zu wollen (so eine Macht haben wir ja glücklicherweise auch gar nicht!), sondern es überflüssig zu machen. Alles andere kann nur ins Desaster führen.

8 ricardo (26.07.2016, 10:12 Uhr)

torben:
„aber genau daher ist es imho doch sinnvoll, auch unter dem Label „Demonitarisierung“ ein Moment dieses Abstraktionsmaßstabs
diskursiv anzugehen (und evtl Praxen anzuregen). Das damit allein Kapitalismus auf allen Ebenen nicht aufgehoben werden kann, habe ich zumindest so auch nicht verstanden“

Meine zentrale Kritik war, dass Demonitarisierung vorgibt, auch auf eine dem menschlichen Dasein angepasste Bedürfnisbefriedigung zu zielen, was aber aus meiner Sicht nicht möglich ist, weil dies nur über eine theoretische Lösung, wie die produktive Sphäre zu gestalten sei, erreicht werden kann. Demonatisierung hat vielmehr den Anspruch, anhand von schon vorhanden (winzigen) geldfreien Räumen zu zeigen, dass es wirtschaftliche Lösungen ohne Geld geben könne. Das ist wohl möglich. Das Problem besteht darin, was dabei unter „Wirtschaft“, gesellschaftliche Bedürfnisse“ u. ä. zu verstehen ist. Es sind auf jeden Fall Begriffe, die von den konkreten Bedürfnissen abstrahieren. Das Geld muss demnach, wenn es um die Herstellung und Zuweisung realer Güter geht, durch einen „gerechteren“ abstrakten Maßstab oder durch eine strikte staatliche Regulierung ersetzt werden. Das ist aber – beabsichtigt oder nicht – etwas anderes als das, was die Theorie vorgibt zu wollen: konkrete menschliche Bedürfnisse befriedigen zu wollen.

Christian:
„Das ist aber ja doch eine wichtige Erkenntnis, um deren Verbreitung sich die unter dem Demonetarisierungs-Label versammelten Initiativen bemühen!“

Das kommunistische Prinzip der Reproduktion menschlicher Lebensverhältnisse ist ja erst mal sehr einfach zu verstehen und von daher auch keine Vision, sondern allein die Bereitschaft der Menschheit, eine solche Reproduktionsweise zu wollen. Für Vereine wie den GSP oder die Commons steht deshalb das Wollen im Vordergrund, weshalb sie sich bemühen, Theorien und Strategien zu entwickeln, wie man die Menschen dazu bringt, die kommunistische Reproduktion zu wollen. Das ist auch richtig, aber das Prinzip selbst steht dabei nicht oder kaum zur Debatte, obwohl sich daraus grundlegende theoretische Widersprüche ableiten, die für die Verwirklichung des Prinzip theoretisch zu klären und aufzuheben wären: Notwendigkeit und Freiheit, notwendige Arbeit und free activity, Individuum und Gesellschaft, Vernunft, Einsicht und Zwang , Konsens oder Mehrheitswille, Natur und Mensch, u. v. a.. Auf diesem Gebiet also wäre einmal eine eindeutige Begriffsbildung angesagt, um eine nachmoderne ökonomische Theorie auszuarbeiten, um die Bedingungen für die politische und ökonomische Aufklärungsarbeit und die politische Strategie entscheidend zu verbessern.

Christian:
„Naja, dieser Teilsatz für sich allein genommen klingt wiederum so, als ob das Geld nur ein neutrales „Vermittlungsinstrument“ wäre, dessen sich eine nichtkapitalistische (nicht auf Geldvermehrung ausgerichtete) Gesellschaft ebenso intensiv bedienen könnte wie die heutige.”

Nein
Christian, so war es nicht gemeint, ganz im Gegenteil: Der Inhalt des Geldes ist, verdichtet ausgedrückt, die abstrakte Verselbständigung des Eigentums. Unter dieser Prämisse läuft so gut wie Alles im kapitalistischen Leben (und Sterben) auf die Unterwerfung unter das Geld hinaus. Geld ist also viel mehr als nur Mittel zu sein. D. h. aber auch, in einer eigentumslosen (kommunistischen) Gesellschaft, die allein Gebrauchswerte erzeugt, wo der Zweck weggefallen ist, Geld zu vermehren, e r ü b r i g t sich das Geld (wie jedes andere Zirkulationsmittel, das die Einheit von Bedürfnis, Produktionsprozess und Produkt aufspaltet).

Wer will, dass seine individuellen Bedürfnisse auf möglichst angenehme (Produktions) Weise, befriedigt werden, der muss zuerst das Nichteigentum bzw. die kommunistische Reproduktionsweise wollen. Wenn man das nicht will, sondern nur das Geld nicht, und (damit) den Kapitalismus nicht, dann werden sich, ob man will oder nicht, andere Formen (abstrakte Maßstäbe, Institutionen, Vorschriften, Regeln) herausbilden, denen die Menschen und deren Lebensverhältnisse unterworfen sind. Dieses Ergebnis ist aber kontraproduktiv für das Ziel, das die Demonatisierung anzustreben vorgibt: „Ressourcen und Fähigkeiten nach Maßgabe von Bedürfnissen“ zu teilen.

9 Christian Siefkes (27.07.2016, 18:02 Uhr)

@ricardo:

weil dies nur über eine theoretische Lösung, wie die produktive Sphäre zu gestalten sei, erreicht werden kann. Demonatisierung hat vielmehr den Anspruch, anhand von schon vorhanden (winzigen) geldfreien Räumen zu zeigen, dass es wirtschaftliche Lösungen ohne Geld geben könne.

Mir scheint, du liest Dinge in den Text, die da nicht drin steht.

Unter Demonetarisierung lassen sich alle Konzepte fassen, die die Kernidee teilen, „dass Geld, Tausch und Wert historische soziale Formen darstellen“, die es „einzuschränken und schließlich abzuschaffen“ gilt. Also auch beispielsweise der GegenStandpunkt, unabhängig davon ob er diesen Begriff selbst verwendet oder nicht.

Der Begriff selbst ist insofern in der Tat negativ gefasst und zeigt nicht die eine richtige Art auf, wie die produktive Sphäre positiv umzugestalten ist — darüber gibt es unterschiedliche Vorstellungen, über die man dann streiten kann und soll, aber das schließt das Demonetarisierungs-Label ja nicht aus, sondern will im Gegenzug gerade dazu ermuntern!

Dass man „anhand von schon vorhanden (winzigen) geldfreien Räumen“ zeigen will, dass es anders gehen kann, mögen einige so sehen, andere würden anhand der Begrenztheit dieser Räume wohl gerade darauf verweisen, dass sich die ganze Gesellschaft ändern muss, wenn sich substanziell etwas verbessern soll. Beides passt in die Demonetarisierungs-Perspektive.

Schreibe einen Kommentar