Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
Artikel drucken

Pro und Contra Stigmergie

Die Debatten um die Konturen einer neuen Gesellschaftlichkeit jenseits von Ware und Geld intensivieren sich; wir erkennen klar, dass wir uns trotz aller vereinzelten Commons-Praktiken und trotz aller Werkzeuge, die uns das komplexe Resultat unserer gesellschaftlichen Beziehungen zu antizipieren helfen, noch immer aut theoretischem Neuland befinden und versuchen müssen, die Muster eines „Vereins freier Individuen“ in ihrem Zusammenwirken zu verstehen.

Ich beziehe mich im folgenden insbesondere auf diesen Beitrag von Stefan Meretz.

Ein wegweisender Beitrag, gibt aber doch zu einigen Fragen Anlass. Die neue Form der gesellschaftlichen Vermittlung ohne Ware, Preis und Geld soll sich ganz prominent über die je einzelne stigmergische Selbstbeauftragung der Individuen (oder Kollektive) vollziehen. Simplifiziert ausgedrückt: Was alle (oder die große Zahl) tun wollen, ist gesellschaftliches Bedürfnis. Es bedarf also keines expliziten zentralen gesellschaftlichen Reflexionsprozesses (oder dessen algorithmischen Äquivalent) um zu einer validen Information über die Bedürfnisse zu kommen.

„Stigmergie ist ein Konzept zur Beschreibung einer besonderen Form der Koordination von Kommunikation in einem dezentral organisierten System, das eine große Anzahl von Individuen umfasst. Dabei kommunizieren die Individuen des Systems nicht unmittelbar, sondern nur indirekt miteinander, indem sie ihre lokale Umgebung modifizieren. Das gemeinsam Erstellte wird gleichsam zum Auslöser (vergl. Emergenz) von Anschlussaktivitäten und zur allgemeinen Anleitung dafür, wie mit dessen Erstellung fortzufahren ist.“ (Wikipedia)

Auffällig ist dass sich dieses Konzept aus Naturbeobachtung ableitet, also bei großen Schwärmen oder Populationen von Tieren.

„Unterschieden wird die sematektonische von der markerbasierten Stigmergie. Bei der sematektonischen Stigmergie beeinflusst der augenblickliche Zustand der Aufgabenerfüllung (zum Beispiel der Stand und die Merkmale des Nestbaus) das Verhalten der miteinander kommunizierenden Individuen; bei der markerbasierten Stigmergie sind es hingegen aufgabenunabhängige Marker (zum Beispiel Geruchs- und andere Botenstoffe), die in der Umwelt platziert wurden.“ (ebenda)

Das Moment der bewussten Gestaltung und Koordination durch gemeinschaftlich organisierte (und auch jederzeit zur Nichtkooperation fähige) Menschen fällt in dieser Begrifflichkeit unter den Tisch – und dennoch sollen die Resultate dieser autopoetischen Relation die Leistungen des Geldes punkto Information und Koordination bei weitem übertreffen:

„Während jedoch die signalisierte Information beim Geld eindimensional und nur quantitativ ist (“Es rechnet sich – nicht”), ist sie bei der Stigmergie multidimensional und qualitativ. Ihre Vermittlungspotenz ist also wesentlich umfassender, einzelne Vermittlungen können wesentlich spezifischer gestaltet werden.“ (http://keimform.de/2014/grundrisse-einer-freien-gesellschaft/)

Zugleich wird aber postuliert, dass es Commons der Koordination braucht, um dafür zu sorgen dass relevante Information und auch ihre handlungsmäßigen Kompetenzen lokal verfügbar sind. Dies steht in einem gewissen Widerspruch zur Ausgangsthese dass das Wissen lokal sei.

Wollen wir nicht einen zugleich vollkommen freien und dennoch oder gerade darin auf eine Notwendigkeit des Gemeinwohls orientierten „neuen“ Menschen postulieren, dann müssen wir uns Rechenschaft darüber ablegen, dass wir schon aus der Erfahrung der freien Softwareentwicklung auch gewaltige Defizite kennen, die vielleicht im Bereich der Informationsproduktion nicht so auffällig ins Gewicht fallen, die wir uns aber grosso modo nicht leisten können.

  • Redundanz: Damit ist gemeint dass Aufgaben x-fach angegangen werden, wobei es dann zu einer explosionsartigen Vermehrung von Komplexität, Kompatibilitätsproblemen etc. kommen kann.
  • Irrelevanz: Damit ist gemeint dass einerseits dringende gesellschaftliche Bedürfnisse nicht sichtbar oder zu schwer in den Griff zu bekommen sind, während das leicht zu tuende und raschen Erfolg Garantierende die Mitarbeiter magisch anzieht.
  • Inkohärenz: Damit ist gemeint, dass verschiedene Teilprozesse durchaus zu gegenläufigen Resultaten oder unerwünschten Effekten im Gesamtsystem führen können. Bekannt ist das Beispiel der Automobilität, die in ihrem Gesamteffekt immer schwerer beherrschbar wird und zum Verkehrsinfarkt führt.

Vielleicht wäre es wirklich notwendig, sich die Vermittlungsketten und Zwischenglieder eines komplexen Produktionsprozesses einmal genau anzusehen, und das Element des Bewusstseins von unmittelbaren Handlungsnotwendigkeiten und deren Stellenwert im System der gesellschaftlichen Arbeit an konkreten Beispielen zu erfassen. Wir müssen davon ausgehen, dass das kapitalistisch geprägte Technologiesystem (plus die Herrschaftssysteme davor) uns eine riesige Hinterlassenschaft an struktureller Irrationalität beschert hat, die noch der Aufarbeitung harren. Daran ohne eine Technologie- und Wissenschaftskritik anknüpfen zu wollen und die Hoffnung in die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung des Einzelnen vor Ort zu setzen, ist eine zu schwache Basis  für eine Alternative.

Einige Hinweise, die vielleicht ohnehin mitgemeint sind:

1. Man kann ein derart komplexes System wie die kapitalistische Produktion/Reproduktion nicht von einem Tag zum anderen durch ein anderes System ersetzen. Wesentlich erscheinen partielle Auskopplungen, „Inseln der Gebrauchswertorientierung“, kommunale und lokale (autonome) Strukturen  in denen andere Kreisläufe geprobt, entwickelt und gelebt und weitergegeben werden können. Wesentlich erscheinen gerade dort Werkzeuge, die uns in die Lage versetzen, Handlungsalternativen oder Präferenzen ex ante in ihren Auswirkungen testen zu können, simulativ und erfahrbar machen wie sich das Verhalten des Einzelnen (des Kollektives) und die gesellschaftliche Auswirkung jeweils darstellen.

2. Dabei ist spannend, dass im kapitalistischen System selbst solche Mechanismen der eigenverantwortlichen Entscheidung, Selbststeuerung und dezentralen Zielfindung immer stärker eingefordert und zugleich dem irrationalen Imperativ der Konkurrenz und Verwertung unterworfen werden. Das könnte auch, wie zum Beispiel Dieter  Sauer meint, ein systemsprengendes Potential enthalten. (Siehe Artikel in den „Grundrissen“)

3. In einem rationalen System der Zweck-Mittelverfolgung unter arbeitsteiligen Bedingungen wäre an den jeweils einzelnen Kettengliedern zu zeigen, dass ohne eine intensive Kommunikation zwischen „aktivem“ (der der liefert) und „passiven“ Teil (der, der beliefert wird) ständig genau jener systemische Überschuss der Verantwortungslosigkeit entsteht, der im Artikel explizit angesprochen ist. Diese Verantwortwortungslosigkeit lässt sich an keiner bestimmten Stelle des Produktion/Reproduktionsprozesses aufbrechen, sondern nur durch eine „Kaskade der Reflexion“ über den Gesamtprozess. Es ist damit nicht gemeint, dass die Güter nicht in der bestellten Qualität geliefert werden (das passiert sehr wohl), sondern welche systemischen Reibungsverluste und „Nebenwirkungen“ durch diese mangelnde aktiv-passiv Abstimmung entstehen. Im Nachvollzug einer rationellen Kommunikation lässt sich viel über die möglichen Formen einer freien Gesellschaft lernen.

Wenn auch die Rede von einer „Übergangsgesellschaft“ in der Vergangenheit schematisch und spekulativ, an einem unausgewiesenen Phasenmodell und fiktiver historischer Notwendigkeit orientiert war, so ergibt sich umso mehr die Aufgabe, Übergangsstrukturen historisch konkret zu denken, zu entwickeln und umzusetzen. Dabei kommen sowohl Prozessen im Zentrum des Systems als auch solchen der ganz bewussten Abkopplung und Neukonstruktion gleichermaßen Bedeutung zu. „Muster der Demonetarisierung“ werden mit großer Wahrscheinlichkeit an beiden Orten aufzufinden und aufeinander zu beziehen sein. Die Kenntnis dieser Muster wird uns ebenso wie die der beschriebenen Anti-Muster bei der Beurteilung lokaler Problemlösungen hilfreich sein.

 

(Der Beitrag entstand in Diskussion mit Heiner Harbach bei Vorbereitungsgesprächen für eine Konferenz „Muster der Demonetarisierung“ in Wien)

Kategorien: Commons, Theorie

Tags:

20. Januar 2015, 12:50 Uhr   8 Kommentare

1 Flavio (20.01.2015, 18:32 Uhr)

Danke für die konstruktiven Gedanken, ich finde die darin aufgeworfenen Fragen und Ansätze richtig. Vorallem der implizite Punkt, dass man es nicht rein spekulativ vorweg-denken kann, sondern auch „empirisch“ (aber nicht unbedingt akademisch) erforschen muss, am besten durch Forschung in, mit und durch Commons-Projekte – so wie Du es in deinem Buch-Beitrag zu „Muster de Commoning“ anvisierst (wenn ich mich recht erinnere). Neben den Vermittlungs-Ketten in komplexen Produktionsprozessen müssten ja vor allem auch zwischenmenschliche Problemlöse-Strategien, also der Umgang mit Konflikten, notwendigen Exklusionen/Sanktionen etc. erforscht und weiter reflektiert werden.
Und für diese ganzen Fragen gilt es ein feines Instrumentarium von Kriterien, Kategorien etc. zu entwickeln. Also: es gibt ne Menge zu tun, die Transformation macht sich nicht von selbst – es gibt keinen Automatismus der Befreiung… Lg

2 willi uebelherr (20.01.2015, 21:12 Uhr)

Lieber Franz,

zunaechst. Ich bin froh, wieder von dir zu hoeren. Ich hatte mir schon grosse Sorgen gemacht.

So, wie ich Stefan verstehe, und dies insbesondere aus seiner Antwort an Christian, geht es ihm primaer um die Minimierung von externen Zwangsformen in lokaler Selbstorganisation. Aber gerade das ist doch auch dein Ziel, oder?

Zu deinen 3 Beispielen, die du, warum auch immer, ausschliesslich negativ behandelst. Also Redundanz, Irrelevanz und Inkohaerenz. In allen 3 Bereichen findest du mindestens die gleiche Bedeutung im positiven.

Die Redundanz ist die Vorraussetzung fuer Stabilitaet. Aber auch fuer die Vielfalt. Und Entwicklung ist ohne Vielfalt nicht moeglich. Und die Parallelitaet ist ebenfalls Vorraussetzung fuer Entwicklung. Aber so wie die guten Dinge entstehen koennen, koennen auch weniger gute Dinge entstehen. Und es waere fatal, wenn dies nicht so waere.

Auch in dem, was du unter „Irrelevanz“ beschreibst, sehe ich das Potential fuer beide Richtungen: negativ und positiv. Manchmal ist es sehr wichtig, so manches nicht ernst zu nehmen.

Unter „Inkohaerenz“ blendest du voellig unsere Erfahrungen aus. Wir lernen aus Fehlern, die aus falschen Vorstellungen entstanden und uns auf Abwege fuehren. Aber niemals duerfen wir unsere Raeume des Versuchens und Erprobens beschraenken. Auch nicht mit gutgemeinten Intentionen.

Insgesamt steht deine Antwort voellig kontraer zu dem, was ich von dir kenne und so sehr schaetze. Das Ende ist wieder gut. „Muster der Demonetarisierung“. Auch wenn es ein bisschen hoelzern klingt. Aber ich weiss, was du meinst.

mit lieben gruessen, willi
La Paz, Bolivia

3 Benni (21.01.2015, 21:54 Uhr)

wie weit man mit stigmergie kommt oder nich kommt lässt sich nich am reißbrett entscheiden, das muss man ausprobieren. deswegen: http://keimform.de/2013/ein-universelles-stigmergisches-allokationsystem/

damit muss ich dann endlich mal in die pötte kommen…

4 Stefan Meretz (23.01.2015, 12:30 Uhr)

@Franz: Danke für deine konstruktive Kritik, bei der ich weitgehend mitgehen kann.

Mit dieser Reflexion bietest du (ihr) selbst ein Beispiel für eine stigmergische Vorgehensweise: Deine Problembenennungen sind nun der Anschluss für andere dort weiterzudenken — dies zunächst im Raum der Gedanken. Doch genau jene Reflexion ist aus meiner Sicht konstitutiver Bestandteil gesamtgesellschaftlicher Vermittlung. Du führst vor, dass es dafür keiner Zentralbehörde braucht, sondern — wenn man sich diese Aufgabe mal ausgebaut als Selbstbeauftragung eines Commons vorstellt — allein Menschen, denen dieses Niveau an Reflexion ein Bedürfnis ist. Genau das führt mich zu der Formulierung des stigmergischen Gesetzes: „Gibt es genug unterschiedliche Menschen, so findet sich für jede
Aufgabe ein Nerd, der/die sich ihrer annimmt“. Und wir sind derzeit nur ein paar Leutchen, welche Dynamik muss sich erst entwickeln, wenn freie Menschen dies gesamtgesellschaftlich tun?

Lokalität ist für mich nicht nur eine geografische, sondern auch eine thematische Frage. Deswegen sehe ich die angesprochenen Koordinations-Commons als thematisch-lokal, so wie dich (wie mich) die thematisch-lokale Frage beschäftigt, wie das Ganze gesamtgesellschaftlich funktionieren kann. Entscheidend ist die Selbstbeauftragung.

Noch ein paar Einzelpunkte: Die Tatsache, dass die Überlegungen zur Stigmergie aus der Tierbeobachtung gewonnen wurden, hat bei mir zu der Frage geführt, welche Möglichkeiten hinzutreten, wenn die Signale nicht quasi-automatisch hinterlassen, sondern bewusst gesetzt werden. Darüber nachzudenken ist für mich die Herausforderung.

Zu Redundanz, Irrelevanz und Inkohärenz kann ich — ergänzend zu den Bemerkungen von Willi — noch anmerken:

Redundanz ist ein wichtiger Aspekt bei der Suche nach guten Lösungen. Praktisch ist das die Einsicht, dass es oft nicht „apriori die rationale Lösung“ gibt, sondern Ansätze praktisch ausprobiert werden müssen. Und praktisch zeigt sich in der Folge, welche Lösung(en) sich durchsetzt, womit die Redundanz wieder abnimmt. Redundanz ist notwendiger Innovationsfaktor.

Irrelevanz ist ein Kriterium von einem Standpunkt außerhalb. Relevant sind die Fragen, für die es ein Bedürfnis gibt. Da sehe ich wieder das o.g. stigmergische Gesetz greifen: Wo ein Bedürfnis nach Lösung einer Frage (Nutzungsbedürfnis), gibt es immer auch Leute, die sich des Problems annehmen, weil sie damit ihr komplementäres produktives Bedürfnis befriedigen können.

Inkohärenz kann und wird es immer geben. Bestimmte Probleme werden erst praktisch deutlich. Es wäre eine Illusion zu meinen, die alle von vornherein bedenken zu können. Die notwendige Reflektion über die Bedürfnisvermittlung ex ante ist gleichwohl ein zentrales Element stigmergischer Vermittlung. Treten dann dennoch Probleme (etwa: auf anderen Ebenen) auf, ist für mich die entscheidende Frage, wie schnell in der stigmergischen Vermittlung notwendige Änderungen möglich sind, wie anpassungsfähig und reaktiv solche stigmergischen Netzwerke dann sind.

5 Christian Siefkes (23.01.2015, 21:53 Uhr)

(Hatte diesen Kommentar großteils schon gestern geschrieben, konnte ihn da aber nicht abschicken. Daher sorry, falls es gewisse Doppelungen mit Stefan gibt.)

@Franz: Ich habe ja auch gewisse Zweifel, ob reine Stigmergie als gesellschaftliches Organisationsprinzip ausreichend ist und habe in Das Freiwilligenspiel) einen ergänzenden Vorschlag gemacht. Zur Verteidigung der Stigmergie möchte ich dennoch einige Punkte einwerfen:

Die Redundanz betrifft ja den Markt mindestens genauso — wenn irgendwo erhöhte Gewinne winken, stürzen sich alle auf dieselbe Sache, und sobald die entsprechenden Produktionskapazitäten alle auf Hochtouren laufen, kommt es zu einem massiven Überangebot (Stichwort „Schweinezyklus“). Ähnliches gibt es in stigmergischen Systemen auch, aber wahrscheinlich in sehr viel schwächerer Form, weil ja nicht alle denselben Anreize haben — nämlich die Gewinnhoffnung –, sondern ganz unterschiedliche.

Im Übrigen wäre Redundanz ja gar nichts schlimmes, sofern deshalb nicht anderes auf der Strecke bleibt und niemand nur widerwillig („weil’s gemacht werden muss“) mitarbeitet, sondern alle gerne tun, was sie tun.

Die Irrelevanz ist ja auch ein ganz massives Problem des Marktes — das Überlebenswichtigste bleibt auf der Strecke, wenn es den Betroffenen an Kaufkraft fehlt, während für die, die es sich leisten können, jeder Schnickschnack gemacht wird. Auch hier würde ich von der Stigmergie zumindest schon eine gewaltige Verbesserung gegenüber dem Status quo erwarten, weil zumindest alle Bedürfnisse gleiche Chancen haben, ernst genommen zu werden.

Dass „das leicht zu tuende und raschen Erfolg Garantierende die Mitarbeiter magisch anzieht“, halte ich im übrigen für eine tendenziell falsche Behauptung, hast du da Belege für? Ich würde eher denken, dass Aufgaben, die eine gewisse Herausforderung darstellen, Leute eher anziehen als das allzu triviale. Allzu schwer und unlösbar dürfen Dinge andererseits sicher auch nicht sein, um stigmergisch attraktiv zu sein. Im Idealfall sollten sich solche „Großaufgaben“ aber in kleinere Teilaufgaben unterteilen lassen, die weniger abschreckend wirken und auch für sich schon einen gewissen Sinn machen.

Richtig ist die Aussage allerdings wohl wieder für sogenannte Gamification-Ansätze, wenn die Mitstreiter_innen für erbrachte Leistungen in irgendeiner Weise „belohnt“ werden. Eine gute Kritik an solchen Ansätzen und warum sie zu suboptimalen Ergebnissen führen, enthält der Artikel Why I no longer contribute to StackOverflow. Aber das ist ja auch wieder keine Stigmergie im eigentlichen Sinne.

Warum du Inkohärenz als Problem ansiehst und was du damit überhaupt meinst, ist mir nicht so ganz klar. Solange Leute unterschiedliche Wertvorstellungen und Zielsetzungen haben, ist doch klar, dass sie bisweilen gegeneinander arbeiten werden — wenn etwa die einen alle von den Vorzügen des Veganismus überzeugen wollen und die anderen weiterhin essen möchten, was ihnen schmeckt. Solange niemand den anderen vorschreibt, wie sie zu leben haben, finde ich daran nichts Schlimmes.

Dein Beispiel für die „Automobilität“, die zum „Verkehrsinfarkt“ führt, passt hier auch nicht, weil das ja gerade wieder ein Markteffekt ist. Ähnlich Klimawandel etc. Die Frage wäre, ob ähnlich destruktive Effekte auch in stigmergischen Systemen auftreten? Ich würde eher denken, dass das dort sehr viel unwahrscheinlicher ist, aufgrund der anderen Zielkonstellation — niemand will einfach möglichst viele Autos verkaufen/möglichst viel Geld verdienen, sondern Leute wollen ja z.B. gerade Mobilität und haben daher ein Interesse daran, schlecht skalierenden Lösungen, die zu Staus und Immobilität führen, zu vermeiden. Und zum anderen aufgrund der Vieldimensionalität der Präferenzmatrix im Gegensatz zur Eindimensionalität des Marktes, wo alle ihre Gewinne zu maximieren versuchen — niemand will ja die Umwelt zerstören oder seinen Enkel_innen eine Welt voller Naturkatastrophen hinterlassen, aber im Kapitalismus müssen sich diese Präferenzen immer wieder der Gewinnmaximierung/Kostenminimierung unterordnen.

Deshalb wäre auch hier wieder meine Frage: kennst du überhaupt vergleichbare Beispiele aus stigmergischen Systemen?

6 Franz Nahrada (23.01.2015, 22:17 Uhr)

Hallo Stefan,

so harmlos sind meine Kritikpunkte nicht.

Redundanz bedeutet oft genug Inkompatibilität bzw. nicht einmal Interoperabilität. Es werden nicht nur gleiche Vorhaben x-mal begonnen, sondern die Entwicklungswege führen zu verschiedenen Lösungen, die dann miteinander nicht können. Ja richtig, hier und bei allen anderen Kritikpunkten kann natürlich das Stigma (στíγμα heißt ja Wunde, Schmerzpunkt) dazu führen, dass sich Menschen – Gruppen – Institutionen dazu aufschwingen, ex post Interoperabilität herbeizuführen. Doch die Komplexität solcher Vorhaben kann mitunter fast unbewältigbar sein. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine Verständigung über Standards und Schemata als allgemeine Kulturleistung hier enorm hilfreich ist. Diese kann ex definitione nicht lokal und a posteriori sein. Bei genauerer Betrachtung kann man die Verdrängung und Verdammung solcher Standards als eine Pathologie unserer wirtschaftsdominierten Denk- und Handlungsweisen identifizieren. Für mich gehört die Verständigung über Begriffe, Methoden, Verfahren und ihre Behandlung als partizipative Ressource zu den Elementarmustern einer funktionierenden freien Gesellschaft. Freiheit bedeutet eben auch Verlässlichkeit und Freiheit von Willkür.
Mir fällt auf, in welch ungeheurem Ausmaß die Sitten selbst dort noch verfallen konnten, wo andere schon Hopfen und Malz verloren wähnten. So sind zum Beispiel Apples User Interface Guidelines unglaublich hilfreich dabei gewesen, Fähigkeiten und Fertigkeiten von einem Programm ins nächste mitzunehmen. Das gilt heute nur mehr sehr beschränkt, wo sich jeder seine Guidelines selber zusammenschustert und dies im Namen einer noch „intuitiveren“ Benutzerführung. Dass die einmal erlernte Kulturtechnik dies alles weitgehend überflüssig gemacht hätte, wird dabei vergessen. Mir ist es wichtig, dass sich die Menschen auch und gerade über Abstrakta miteinander verständigen können, das ist im Grunde die Elementarbedingung kulturellen Fortschritts.

Irrelevanz kann natürlich auch von einer reflektierenden Instanz aufgefangen werden, wie es unter heutigen Bedingungen Marktforschung zu sein vorgibt. Das Problem ist, dass die Leute, die ein Problem haben, nicht dieselben sind, die es lösen können. Im Open Source Bereich tritt oft genug das Entwicklerinteresse an die Stelle des Problemlösens. Wie gesagt, für alles gibt es Gegenbeispiele, aber ich insistiere eben darauf, dass es einer besonderen Anstrengung bedarf, um diese Hürde zu meistern. Ein durchaus dezentraler Weg, das zu erreichen ist die bewusste Konstruktion von Benutzer / Entwicklergemeinschaften, oder bootstrap communities wie Douglas Engelbart sie genannt hat. Das heißt, wo ein gesellschaftliches Problem auftritt, wird es im Rahmen einer repräsentativen Experimentaleinheit behandelt, die sich aus allen involvierten Gruppen (das sind die Entwickler, Benutzer, Mitbetroffenen) zusammensetzt. Dabei ist es – um das Argument von Willi und Dir aufzugreifen – durchaus sinnvoll, mitunter sogar mehrere Experimentaleinheiten auf dasselbe Problem anzusetzen, weil dadurch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass mehr sinnvolle Lösungen gefunden werden. Es muss aber dann ein Kommunikationsprozess organisiert werden, der die gemeinsame Evaluation dieser Lösungen garantiert.
Letztlich bedarf es einer großen kollektiven Anstrengung, um die Menschheitsprobleme zu kategorisieren und zu priorisieren. Wir gehen nicht nur vom allgemeinen Menschen aus, also nicht von diesen oder jeden lokalen Populationen, wir gehen auch von einem planetaren System aus, das höchst dynamisch und interaktiv funktioniert. Daraus sind m.E. sehr klare Relevanzkriterien zu gewinnen. Es ist interessant, dass hier die Vorstellung einer „Berufung“ oder eines „Calling“ attraktiv wird, um zwischen den Aktionen der Individuen und Prozessen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz zu vermitteln. Diese Vorstellung ist der Stigmergie durchaus wesensverwandt; hier gilt es weiterzudenken.

Deinen Aussagen zur Inkohärenz schließe ich mich an; vor allem weil wir hier beide Elemente haben, die Dynamik von Prozessen und das Design ihres Zusammenspiels. Hier ist die Mustertheorie eine große Hilfe, die untersucht, wie sich möglichst konsistente und synergetische Problemlösungen evolutionär herausgebildet haben und für bewusst gestaltete Prozesse verwendet werden können. Die bereits beschriebenen Experimentalgemeinschaften spielen hier ebenfalls eine große Rolle, wenn sie eben keine single – issue Projekte in Angriff nehmen, sondern breitflächige ineinander verzahnte Lösungen. (so z.B. keine Autokonzepte, sondern Mobilitätskonzepte; kein Produktionskonzept, sondern ein Produktions – Abfall – Upcyclingkonzept ; kein Energiekonzept, sondern ein Energie – Ressourcen – Speicherkonzept; und so weiter).

So und nur so könnte ich mir eine „intelligente universelle Stigmergíe“ vorstellen.

7 Franz Nahrada (23.01.2015, 22:26 Uhr)

@Christian:

Du rennst bei mir offene Türen ein, meine  Kritikpunkte sind ja ein Versuch dafür zu argumentieren, nicht unreflektiert die Habitualismen des Marktes mitzuschleppen. Das ist leider keine reine Willensfrage, sondern tatsächlich eine Frage der Verfügbarkeit der geistigen Mittel und Werkzeuge, sich aus bloß reaktivem, opportunistischem und empirisch-statistischen Denken und Handeln zu befreien.

Meine Kenntnis der „stigmergischen Systeme“ (wollen wir sie mal so nennen) ist beschränkt auf Recherchen die ich vor langer Zeit in Slashdot und ähnlichen Communities zur Entwicklung und Verfügbarkeit von Softwaretools gemacht habe und das Verfolgen der Entwicklung von diversen Communities und Foren wie OSCar und Open Source Ecology. Das hat mir keineswegs nur gefallen. Ich denke aber auch dass wir alle noch nicht allzuviel zu sehen bekommen haben.

8 Franz Nahrada (24.01.2015, 16:54 Uhr)

Schreibe einen Kommentar