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Piraten und Knappheit und Eigentum

Ich geb’s zu: Ich habe letztens in Berlin mit der Zweitstimme die Piraten gewählt. Diese Stimme war aber nur eine halbe Stimme. Wie ich das meine, erkläre ich im folgenden anhand der widersprüchlichen Positionen der Piraten zu Knappheit und Eigentum.

Die Piratenpartei hat in ihren 10 Thesen zur Netzpolitik in der fünften These den Begriff der Knappheit verwendet. Dort heißt es:

Die Güter der materiellen Welt sind begrenzt und erschöpflich. Was der eine Mensch besitzt oder verbraucht, darauf muss der andere verzichten. Immaterielle Güter hingegen können beliebig oft vervielfältigt werden. In der Informationsgesellschaft gibt es keine natürliche Knappheit an immateriellen Gütern. Die Tragödie unserer Zeit besteht jedoch darin, dass mit Gesetzen eine künstliche Verknappung an immateriellen Gütern erzeugt wird.

Das hört sich erstmal gut an, erst beim genauen Hinsehen wird ein zentrales Ideologem der Piraten sichtbar. Worin besteht es?

Unausgesprochen werden den immateriellen Gütern, für die es »keine natürliche Knappheit« geben soll, die materiellen Güter gegenübergestellt, denen wohl — so die Implikation — eine »natürliche Knappheit« zukomme. Richtigerweise wird einleitend festgestellt, dass die »Güter der materiellen Welt … begrenzt und erschöpflich« sind, doch der Übergang zur Knappheit geschieht implizit: begrenzt/erschöpflich = knapp lautet der Schluss, den die Leser_in sich denken darf. Dieser (Kurz-) Schluss ist nicht unüblich, und die allermeisten werden ihn mitgehen. Dennoch ist es ein Kurzschluss. Warum? Zwei Aspekte werden vernachlässigt.

Erstens setzt die Vervielfältigung von immateriellen Gütern die Existenz einer materiellen Infrastruktur voraus, die mit begrenzten/erschöpflichen Gütern aufgebaut und unterhalten werden muss. Bei digitalen Informationsgütern liegt das auf der Hand (stoffliche Infrastruktur des Internets), aber auch wenn man etwa nur an die persönliche Weitergabe von Wissen denkt, müssen die beteiligten Menschen stoffliche Ressourcen nutzen und verbrauchen (sprich: ihre Existenz erhalten), um dies tun zu können. Ist jedoch einmal eine Infrastruktur vorhaben — dies ist der charmante und sichtbare Aspekt bei digitalen Informationsgütern –, so ist der Aufwand zur Güter-Vervielfältigung gering.

Fazit: Um immaterielle Güter herstellen, nutzen und vervielfältigen zu können, müssen stoffliche Ressourcen, Energie und Aufwand aufgewandt werden.

Zweitens gilt das gleiche grundsätzlich genauso für stoffliche Verbrauchsgüter: Um materielle Güter herstellen, nutzen und vervielfältigen zu können, müssen stoffliche Ressourcen, Energie und Aufwand aufgewandt werden. Allerdings fallen die stofflichen Ressourcen, die Energie und der menschliche Herstell- und Erhaltungsaufwand an anderen Stellen an. Es scheint so zu sein, als ob die Verhältnisse bei stofflichen Gütern ganz anders liegen als bei immateriellen Gütern. Es scheint so zu sein, als ob Immaterialgüter natürlich unknapp und stoffliche Güter natürlich knapp seien. Dem ist aber nicht so, und das liegt am Begriff der…

…Knappheit

Knappheit wird bei den Piraten (wie in der Gütertheorie üblich) als naturale Eigenschaft der Güter angesehen. Tatsächlich ist es jedoch eine soziale Eigenschaft des menschlichen Herstell- und Erhaltungsprozesses dieser Güter. Die Verwechselung von Gütereigenschaft mit der sozialen Art und Weise ihrer Herstellung und Erhaltung habe ich kürzlich für Commons und Ware diskutiert. Dort stellte sich heraus, dass Commons wie Ware keine »Dinge« sind, sondern zwei unterschiedliche Formen, Güter (im weitesten Sinne) herzustellen und zu erhalten. In dem Artikel wurden die Unterschiede nicht weiter besprochen. Einen wesentlichen Unterschied können wir uns nun anhand des Begriffs der Knappheit klar machen.

Güter, die als Waren hergestellt werden, müssen knapp sein. Anderenfalls sind sie nicht verkaufbar. Völlig unabhängig von ihrer Beschaffenheit (ob stofflich oder nichtstofflich) oder ihrer potenziellen Verfügbarkeit (reichlich oder begrenzt) muss dafür gesorgt werden, dass das Gut nicht erreicht, bekommen und genutzt werden kann, solange kein Äquivalent (üblicherweise Geld) in die Gegenrichtung fließt. Und dafür wird aktiv gesorgt: Das Lager, in dem die begehrten stofflichen Dinge lagern, wird abgesperrt und bewacht, und die unerlaubte Entnahme wird als Diebstahl verfolgt (selbst aus Abfall-Containern). Das Digitalgut wird abgesperrt (Kopierschutz u.a.) und bewacht (DRM u.a.), und die unerlaubte Entnahme (aka Raubkopie) wird als Diebstahl verfolgt. Da gibt es keinen wesentlichen Unterschied!

Güter, die als Commons hergestellt werden, müssen hingegen nicht knapp sein. Im Gegenteil geht es den Commons darum, möglichst für alle das herzustellen, was die beteiligten Commoners brauchen. Die Bedürfnisse sind der Maßstab. Bei nichtstofflichen Gütern — und hier kommt nun der Unterschied in der Beschaffenheit zum tragen — ist es einfacher, das Ziel der Bedürfnisbefriedigung zu erfüllen. Da die digitale Infrastruktur existiert und die meisten einen Pauschalzugang zu dieser abonniert haben (Flatrate) oder mitnutzen können, kann etwa der Wikipedia-Artikel zu Kosten gegen Null geladen und genutzt werden (open access). Was bei Commons ganz legal geht (die Freien Lizenzen machen’s möglich), geht technisch prinzipiell aber illegal auch bei proprietären Digitalgütern.

Bei stofflichen Commons wird der Zugriff unter den Commoners in der Regel so vereinbart, dass alle beteiligten Commoners einen fairen Anteil bekommen und die Commons erhalten bleiben. Der freie Zugriff wäre hier nur denkbar, wenn die Commons-Produktion die allgemeine Form der Produktion wäre und die beteiligten Produzenten dafür sorgen könnten, dass genug für alle da ist. Selbst wenn das nicht gelingen sollte — etwa weil aktuell bestimmte Ressourcen nicht ausreichend verfügbar sind –, so ist dies kein Grund dafür, Güter knapp zu produzieren. Im Gegenteil: Das Ziel ist, sie reichhaltig zu produzieren. Doch derzeit ist ohnehin die Ware als soziale Form der Produktion dominant, und der ist die Knappheit untrennbar eingeschrieben. Nix Knappheit, nix Ware.

Eigentum

Der Naturalisierung der Knappheit folgt die Naturalisierung des Eigentums auf dem Fuße. In einem Interview erklärt ein bayerischer Pirat:

… es gibt so etwas wie “geistiges Eigentum” nicht. Das ist ein Kampfbegriff der Verwertungsindustrie. Auch Künstler erschaffen ein Werk nicht einfach aus dem Nichts. Sie greifen auf den Wissens- und Kulturschatz der Allgemeinheit zu und konstruieren durch Kombination und Modifikation etwas neues. (…) Das hat … nichts mit Eigentum zu tun. Moralisch gesehen ist Eigentum ein Prinzip für knappe Güter (“Du sollst nicht stehlen”). Informationen sind aber gerade heute nicht mehr knapp.

Hier haben wir alles beisammen: Knappheit und Eigentum seien nur ein »Prinzip für knappe Güter«. Knappheit wird naturalisiert, denn dies seien nur jene Güter, die man »stehlen« könne. Doch Stehlen, Diebstahl, ist eine juristische Definition, also eine soziale Form, die sich historisch herausgebildet hat und als Gesetz kodifiziert wurde. Dazu gehört aus Sicht des Gesetzes selbstverständlich auch der Diebstahl nichtstofflicher Güter. Dies wird schnell klar, wenn man sich den Begriff des Eigentums vergegenwärtigt. Auch hier gibt es viele schiefe Vorstellungen.

Eigentum ist nicht eine Sache, die einer Person gehört, es ist auch nicht die Herrschaft einer Person über eine Sache, sondern es handelt sich um eine Dreiecksbeziehung: Eigentum ist die Beziehung zwischen Personen in Bezug auf eine Sache, bei der die eine Person die andere Person vom Zugriff auf die Sache ausschließen kann. Eigentum ist ein Exklusionsrecht. Eigentum ist die kodifizierte Form einer sozialen Exklusionsbeziehung. Diese ist — im Gegensatz zu den Vorstellungen des bayerischen Piraten — auf alle Sachen (gleich ob stofflicher oder nichtstofflicher Natur) anwendbar. Warum?

Weil Eigentum gebraucht wird, um Knappheit herzustellen. Knappheit ist Exklusion von der Verfügung über eine Sache oder ein Ding, und Eigentum ist die rechtliche Grundlage dieser Exklusion. Dies begreift man allerdings nur, wenn man Knappheit als soziale Form Dinge herzustellen versteht und nicht als Eigenschaft des Dings selbst.

Wenn man das dann mal erkannt hat und weiterhin die Legitimität des sogenannten »geistigen Eigentums« in Frage stellt, dann muss man konsequent sein, und die Legitimität des Eigentums generell in Frage stellen. Dann muss man ganz allgemein erkennen, dass das »Eigentum … ein Kampfbegriff der Verwertungsindustrie« ist, denn genau das ist der Fall. Nur unterliegen leider die Piraten in Bezug auf die stofflichen Güter diesem Kampfbegriff, während sie ihn für nichtstoffliche Güter in Frage stellen.

Fazit: Eine Mischung aus immateriellem Kommunismus und stofflichem Neoliberalismus geht auf Dauer nicht zusammen.

Von mir haben die Piraten nur eine halbe Stimme bekommen.

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Commons, Eigentumsfragen

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3. Oktober 2011, 17:12 Uhr   25 Kommentare

1 Sammelmappe » Blog Archive » Eigentum und Knappheit (03.10.2011, 17:37 Uhr)

[...] Eine halbe Stimme für die Piraten und eine ausführliche und verständliche Erläuterung zu Eigentu… Eigentum ist nicht eine Sache, die einer Person gehört, es ist auch nicht die Herrschaft einer Person über eine Sache, sondern es handelt sich um eine Dreiecksbeziehung: Eigentum ist die Beziehung zwischen Personen in Bezug auf eine Sache, bei der die eine Person die andere Person vom Zugriff auf die Sache ausschließen kann. Eigentum ist ein Exklusionsrecht. Eigentum ist die kodifizierte Form einer sozialen Exklusionsbeziehung. Oktober 3rd, 2011 in Fundstücke | tags: Eigentum, Gesellschaft, Güter, Piraten [...]

2 Benni (04.10.2011, 00:18 Uhr)

Fundamentale Widersprüchlichkeit hat dem Erfolg von Parteien aber noch nie geschadet, warum sollten gerade die Piraten die ersten sein, bei denen das anders ist?

3 Michael (04.10.2011, 00:23 Uhr)

In weiten Teilen kann ich der Argumentation folgen, allerdings scheint mir ein Unterschied zwischen stofflichen und immateriellen Gütern zu kurz zu kommen: “Copying is not theft”, d.h. der Begriff des Eigentums/Besitz ist hier durchaus unterschiedlich, auch im warenförmigen Kapitalismus.

4 Silke (04.10.2011, 07:59 Uhr)

ich seh das so: das Zitat des bayrischen Piraten zeigt, dass die Piraten die Knackpunkte auf der Agenda haben. Das ist gut.
Diese jetzt für alle Lebensbereiche zu durchdenken, ist die nächste Aufgabe. Das traue ich ihnen zu.
Wenn sie dann nicht auf die Commons kommen, die ihnen helfen könnten, eine programmatische Linie zu entwickeln, dann wäre das irgendwie schwer nachvollziehbar.

5 StefanMz (04.10.2011, 10:56 Uhr)

@Michael: »Copying is not theft« (Song von Nina Paley) entspricht genau der These, dass es etwas wie »geistiges Eigentum« nicht geben solle. Wenn man die Unterschied Eigentum/Besitz hinzunimmt, dann muss man sagen: »Geistiges Eigentum« gibt es als Rechtsform, aber auch nur als diese. »Geistigen Besitz« gibt es dagegen konkret-praktisch, nämlich in dem Moment, wo ich mir etwas aneigne (sic!). Davon ist prinzipiell niemand ausschließbar, vom »geistigen Eigentum« aber schon, weil es dort gar nicht um die tatsächliche Aneignung geht, sondern um den Ausschluss der anderen.

Dies aber, so meine zentrale These, gilt im Prinzip für stoffliche Güter genauso.

@Silke: Ich hoffe, die Piraten eignen sich einen umfassenden Begriff der Commons an und machen ihn zu ihrem »geistigen Besitz« ;-)

Es gibt aber auch mindestens zwei weitere Möglichkeiten: ENTWEDER sie reservieren Commons ausschließlich für immaterielle (nicht-rivale) Güter/Ressourcen ODER sie machen das Gegenteil und behaupten wie Nina Paley, dass nur stoffliche (rivale)Güter Commons sein könnten (was übrigens Nina Paley aus einen ebenso naturalistischen Eigentumsbegriff ableitet wie ihn die Piraten derzeit verwenden).

6 Benni (04.10.2011, 12:13 Uhr)

@Stefan,@Silke: Ich sehe nicht wieso sich “die Piraten” überhaupt da irgendwie entscheiden müssten. Seit wann werden Parteien für philosophische Erwägungen gewählt? die wahrscheinlichste Option ist doch, dass sie weiter rumeiern wie bisher. Alle Parteien eiern rum wenns ans Eingemachte geht, dass ist geradezu deren Aufgabe. Parteien sind nicht dazu da gesellschaftliche Widersprüche zur Kenntlichkeit zu bringen, sondern zuzudecken.

7 StefanMz (04.10.2011, 12:59 Uhr)

@Benni: Mir geht’s überhaupt nicht um Wahlen. Das ist für mich viertrangig. Es geht mir um die soziale Bewegung, die die Piraten (eben in Parteiform) ausdrücken.

8 Benni (04.10.2011, 13:42 Uhr)

@Stefan: Die soziale Bewegung ist ja aber doch viel breiter als dieser Parteiausdruck davon. Dann macht es wenig Sinn sich mit deren Aussagen exklusiv zu beschäftigen.

9 StefanMz (04.10.2011, 14:36 Uhr)

@Benni: Sicher ist die Bewegung viel breiter, aber genau diese Aussagen, die ich mir hier vorgenommen habe, halte ich für typisch (gar repräsentativ).

10 The User (04.10.2011, 23:16 Uhr)

Dass es den Piraten an Vision fehlt, sei jetzt einmal dahingestellt, dass die Äquivalenz knapp↔materiell, nicht knapp↔immateriell Unsinn ist, geschenkt. Aber es hilft nicht, einfach alles auf die Gesellschaftsordnung zurückführen zu wollen, der Begriff der „natürlichen Knappheit“ macht durchaus Sinn. Man muss natürlich berücksichtigen, dass Knappheit immer im Kontext vom Bedürfnis betrachtet werden muss, wie im Beitrag erwähnt.

Doch dann muss man auch klar sehen: Ein Unikat, das zwei Leute haben wollen, ist knapp. Daran ist nicht zu rütteln.

Und wenn die technischen Möglichkeiten nicht zur Verfügung standen, die Bedürfnisse der Menschen nach einem Gut zu erfüllen, dann waren diese gewissermaßen „von Natur aus“ knapp, und der Unterschied zu einer Knappheit, die erst durch Gesetzgebung zum Urheberrecht möglich geworden ist, ist klar zu sehen, auch wenn mittlerweile möglicherweise die technischen Möglichkeiten vorhanden wären, die Knappheit aufzuheben und sich diese natürliche Knappheit nun viel mehr in der Gesellschaftsordnung manifestiert hat, man mag sie immer noch natürlich nennen, wenn es beliebt.

„Immaterielle Güter“ zeichnet zudem auch noch die Unabhängigkeit von ihrem Träger aus, das sollte man nicht vergessen, dies macht eine Verknappung durch natürliche Umstände wie Ressourcenerschöpfung nahezu unmöglich, da man immer etwas neues finden kann.

11 Liu Linkspartei-Waehler (05.10.2011, 00:01 Uhr)

Die Piraten hätte ich nicht gewählt. Sie werden wohl den Weg der Grünen gehen und als neue FDP enden – wenn sie das nicht schon längst sind. In Friedrichshain-Kreuzberg wollen die Piraten jetzt Anke-Domsacheid-Berg als Stadträtin nominieren. Die Frau ist Mitglied der Grünen und hat für Microsoft und die berüchtigte neoliberale Unternehmensberatung McKinsey gearbeitet. Gerade in Berlin hat die Partei Die Linke sicherlich manches falsch gemacht, konnte sich in der Koalition gegenüber der SPD auch zu wenig durchsetzen. Aber es handelt sich um eine Partei, die in einer langen sozialistischen Tradition steht und in der offen über eine Überwindung des Kapitalismus diskutiert und nach heute gangbaren Wegen dazu Ausschau gehalten wird. @Stefan Auf der Website von “Wege aus dem Kapitalismus” ist zu lesen, dass die Gruppe WAK aus der linksparteinahen “Helle Panke” “rausgeschmissen” worden ist. Wenn man weiterlesen will, was passiert ist, kommt aber nur eine Fehlermeldung: Fehler 404 – Seite nicht gefunden. Was für Probleme hat es denn mit den Genossinnen und Genossen der Hellen Panke genau gegeben?

12 StefanMz (05.10.2011, 10:14 Uhr)

@The User:

Ein Unikat, das zwei Leute haben wollen, ist knapp. Daran ist nicht zu rütteln.

Doch, genau daran ist zu rütteln. Ein Unikat, also etwas, dass nur einmal »da« ist, ist nicht »knapp«, sondern es ist zunächst einmal nur begrenzt vorhanden. Das ist ein wesentlicher Unterschied. »Knapp« wird es erst, wenn

  1. es mehr Leute haben wollen (die Bedürfnisabhängigkeit), in deinem Beispiel zwei Leute,
  2. es in einer Weise hergestellt (womit das Unikat-Dasein überwunden wird) und angeboten wird, dass den Zugriff auf die nun eigentlich reichlich vorhandenen Güter unterbindet (als Ware)

Solche Güter ist knapp. Es ist ihre soziale Form (Ware), nicht ihre natürliche.

Nun wirst du sagen, es gebe aber »echte Unikate«, die nicht durch Produktion vervielfätigt werden könnten. Richtig, aber

  • genau die Verbindung von Warenform und (angeblicher) Unikateigenschaft wird künstlich erzeugt, etwa im Kunstmarkt, weil die Kunstware genau so funktioniert; es handelt sich mithin auch hier um eine Form »künstlicher Knappheit« (siehe Artikel)
  • bei tatsächlich natürlich-einmaligen oder allgemeiner: natürlich-begrenzten Gütern oder Ressourcen, kann trotzdem eine soziale Form des Umgangs damit gefunden werden, die nicht »Knappheit« bedeutet: etwa wechselseitige Nutzung oder auch der Entschluss, darauf zu verzichten oder andere Möglichkeiten.

Nur weil es eine Trennung von Produzenten und Konsumenten gibt, erscheint eine mitunter vorhandene stoffliche Begrenzung als Knappheit, weil es unter den Bedingungen der privat-getrennten Warenproduktion unmöglich ist, sich vor der Produktion über die Wege der Realisation von Bedürfnissen zu verständigen. Vielleicht gibt es zum Beispiel Wege der Bedürfnisbefriedigung, die die Nutzung der begrenzten Güter/Ressourcen ganz überflüssig macht. Im Kapitalismus treten Bedürfnisse grundsätzlich in Konkurrenz zu einander auf, ihre Erscheinungsform ist die Knappheit.

Ich weiss, dass es schwer fällt, sich von der Vorstellung von einer »natürlichen Knappheit« zu lösen, weil wir im Alltag ganz selbstverständlich von »knapp« reden (ich auch). Aber wenn es um das Begreifen der Warenproduktion geht, ist der Unterschied von Begrenztheit und Knappheit unabdingbar zu ziehen.

13 StefanMz (05.10.2011, 10:26 Uhr)

@Liu: Wir schon im Dialog mit Benni geschrieben, interessieren mich die Piraten als Partei nicht so sonderlich. Dies deswegen, weil ich die Parteiform grundsätzlich für keinen Weg der Emanzipation halten. Nächstes Mal wähle ich also vielleicht wieder die Nichtwähler, die Linken, DIE PARTEI oder irgendwas anderes Lustiges. Praktisch arbeite ich mit Partei-Fans oder Leidenden dennoch gerne zusammen, wenn es inhaltlich passt.

Der 404 auf wadk.de ist beseitigt. Kommentiere dann ggf. bitte dort.

14 The User (05.10.2011, 17:41 Uhr)

@StefanMz

Aber wenn es um das Begreifen der Warenproduktion geht, ist der Unterschied von Begrenztheit und Knappheit unabdingbar zu ziehen.

Definitiv, man kann Knappheit nicht unabhängig von der Gesellschaft sehen, doch 1. kann man „natürlich“ ja auch einfach das nennen, was sich über lange Zeit in vielen menschlichen Gesellschaften gehalten hat (etwa durch materielle Waren) und 2. stell dir doch eine Hungersnot vor, und es gibt einfach nicht genügend Nahrung, um alle Menschen zu ernähren, neue Nutzungsformen helfen da wenig, man kann nicht einfach mal so neue Technik erfinden, in alten Zeiten auch nicht Hilfe von außen besorgen, die Bedürfnisse werden mit Sicherheit auch nicht sinken, weil Menschen eine gewisse Menge an Nährstoffen benötigen, mehrfach nutzen kann man das Essen auch nicht, ergo: zwangsweise Knappheit, natürlich in Bezug auf die Gesellschaft (ohne hungrige gäb es ja keine Knappheit), aber es ist nicht durch die Gesellschaftsordnung bedingt.

15 StefanMz (06.10.2011, 12:06 Uhr)

@The User: Ich gebe dir ja grundsätzlich recht, doch ich will es nicht Knappheit nennen, um die Vermischung von sachlichen (»natürlichen«) und sozialen Formen zu vermeiden. Bei einer Hungernot (sagen wir: nach einer Naturkatastrophe) sind zu wenig Nahrungsmittel da. Umgangssprachlich sagt man »knapp«. Ich sage »zu wenig«, »unzureichend«, »begrenzt«, whatever.

Hm, genaugenommen stimmt auch das nicht: Nahrungsmittel sind genug da, nur gerade nicht an dem Ort zu der Zeit. Heute müssen wir uns als globale Menschheit denken. Niemand muss verhungern, es ist genug für alle da. Wenn nicht schnell genug Nahrungs- und andere Lebensmittel an einen Katastrophenort kommen, dann ist das ein Versagen der globalen Gesellschaftsordnung (durch sie »bedingt«, wie du schreibst).

Faktisch sind die meisten Hungersnöte jedoch nicht Folgen von Naturkatastrophen, sondern direktes Resultat des globalen Kapitalismus.

Eine Hungersnot ist der Extremfall einer Differenz zwischen den aktuellen Bedürfnissen und aktuellen Mitteln. Diese Differenz, die Not, muss nicht mit den Mitteln der Knappheit beseitigt werden. Das ist aber heute der übliche Weg: Nahrungsmittel müssen gekauft werden (sei es von Hilfsorganisationen, Regierungen etc.). Nahrungsmittel sind knappe Waren und müssen knappe Waren bleiben, auch wenn sie global reichlich vorhanden sind, aber lokal fehlen.

Ohne den Begriff »Knappheit« selbst aufs Korn zu nehmen, hat Ernst Lohoff das mal die Dialektik von Mangel und Überfluss genannt.

Zugespitzt gesprochen steht die Wahrheit auf dem Kopf: Die Not (die es zu wenden gilt: Notwendigkeit) besteht nicht in der Knappheit, sondern die Knappheit ist das (falsche) Mittel zu ihrer Linderung. Das ist so verrückt wie die Verhältnisse eben sind.

Die Wirtschaftstheorie hat sich den Begriff der »Knappheit« unter den Nagel gerissen und daraus eine Ideologie, einer Rechtfertigung, gemacht. Das versuche ich zu dekonstruieren.

Für andere Vorschläge bin ich offen.

16 The User (06.10.2011, 13:54 Uhr)

@StefanMz

Hm, genaugenommen stimmt auch das nicht: Nahrungsmittel sind genug da, nur gerade nicht an dem Ort zu der Zeit. Heute müssen wir uns als globale Menschheit denken. Niemand muss verhungern, es ist genug für alle da.

Das war allerdings mit Sicherheit noch nicht immer so. Wie definierst du denn Knappheit? Wenn die Gesellschaftsordnung dafür sorgt, dass nicht alle Bedürfnisse erfüllt werden, ist es Knappheit, wenn die Natur dafür sorgt (etwa wird keine Gesellschaftsordnung dafür sorgen, dass die Leute dort weniger zu essen gebraucht hätten), ist es keine Knappheit?

17 libertär (06.10.2011, 17:34 Uhr)

Das einzig Sinnvolle, was man als Partei im kapitalistischen Herrschaftswesen machen kann, ist, die gewährte Öffentlichkeit (Parlament, Ausschüsse, …) für Agitation und Propaganda zu nutzen und den Betrieb so gut es geht zu stören. Das System von innen, als Nutznießer des Systems, ändern zu wollen ist aufgrund der strukturellen Zwänge (Machtkonzentration, Dekadenz an der Macht) völlig illusorisch. Das sollten sich die Piraten früh eingestehen und sich emanzipatorischer Arbeit außerhalb des Demokratieschauspiels widmen. Wenn sie ihr Liquid Feedback für ganz Berlin zum Laufen bringen und sich dann auch an die Entscheidungen der Bürger halten, könnten sie den übrigen Parteien vielleicht eine ungemütliche Konkurrenz bereiten und die repräsentative Demokratie ein wenig bloßstellen.

18 Gemeingüter » Piraten und Gemeingüter (07.10.2011, 06:39 Uhr)

[...] Mit seiner Meinung ist er nicht allein. [...]

19 Samuel (09.10.2011, 00:09 Uhr)

Ich glaube ich muss hier mit dem Bild über die Piratenpartei ein wenig aufräumen und gebe dem hiermit einen Versuch.
Das Warum, der Kern, der Keim, die Idee aus der diese Partei entstand, besteht aus dem Wunsch endlich den Menschen die Möglichkeit zu geben mit zu gestalten und Einfluss auf den Weg unserer Gesellschaft zu üben.
Und genau dieses Element ist auch Teil der Piratenpartei selbst. Es ist jedem gestattet, bzw. sogar erwünscht, sich daran zu beteiligen und sich einzubringen, wenn er Lösungsvorschläge hat oder Verbesserungsmöglichkeiten sieht. Man hört nicht umsonst recht häufig die Worte “Das weiß ich nicht, da kenn ich mich nicht aus” aus dem Mund eines Piratens, bekommt er eine Frage gestellt, die seine Kompetenz übersteigt. Dies macht ihn in meinen Augen um einiges kompetenter als jeden anderen Politiker, der nur propagandistische Phrasen von sich gibt, damit die nächste Wahl gewonnen wird.
Ich sehe die Piratenpartei eher als Mittel zum Zweck das ganze System von innen her zu überholen und durch die Kompetenz aller beteiligungsbedürftigen Menschen auf ein neues höheres Level zu bringen, denn kritisieren ist einfach, besser machen oft um einiges schwerer.
Ich möchte hiermit jeden einladen den Ansatz der Commons selbst auf die politische Agenda der Piraten zu bringen und euch zu beteiligen, denn genau dazu ist diese Partei da; den sich dynamisch entwickelnden Prozess hin zu einer, für jedes Individuum, gerechten Weltgemeinschaft zu katalysieren.

Hier noch ein schöner Artikel (wäre schön, wenn ihr über den schreiben könnt) eines möglichen Paradigmenwechsels den die Piraten ausgelöst haben:
http://www.inf.uni-konstanz.de/netethicsblog/?p=444

Gruß, ein (noch) Nichtpirat

20 StefanMz (10.10.2011, 12:06 Uhr)

@Samuel: In der Tat interessant der Artikel. Für Leute, die Parteien für einen möglichen Weg halten, was zum Positiven zu verändern, ist die Etablierung des Commons-Paradigmas tatsächlich ein gutes Ziel. Transparenz und Beteiligungsmöglichkeiten alleine bringen das noch nicht.

Wenn du über den Artikel schreiben möchtest, dann bringen wir das hier ;-)

21 Samuel (10.10.2011, 12:49 Uhr)

@Stefan: Dieses Angebot nehme ich gerne an, gib mir jedoch ein Paar Tage. Ich melde mich per Email. Grüße

22 The User (15.10.2011, 23:00 Uhr)

@StefanMz
Die Frage war durchaus nicht rhetorisch gemeint. Wär schön, wenn du noch was dazu sagen könntest, wie du das verstehst, und ob nicht ein Unterangebot nicht immer zu Knappheit führt, wenn sich bei der Nachfrage nicht etwas ändert, unabhängig von der Produktionsform.

Zur Kunst:
Die Knappheit wird hier ja nicht unbedingt künstlich erzeugt (bei beschränkter Zahl von Abzügen und der gleichen natürlich schon, das ist albern, das hat mit Kunst nichts zu tun, das ist Geldmacherei), wenn der Künstler nunmal das eine Bild gemalt hat, hat ers gemalt und es gibt nur das eine. Meintest du überhaupt KUnst im Allgemeinen?

23 StefanMz (16.10.2011, 13:50 Uhr)

@The User: Sorry, ich wollte nicht absichtlich nicht antworten. Ich schreibe gerade an einem Artikel, in dem ich auf deine Fragen eingehen will. Das hat sich etwas verzögert, der Artikel kommt aber … bald. :-)

24 Knappheit ist künstlicher Mangel — keimform.de (18.10.2011, 09:17 Uhr)

[...] nach meinem Artikel »Piraten und Knappheit und Eigentum« angestoßene Diskussion möchte ich gerne in einem eigenen Artikel fortsetzen (und dabei die [...]

25 StefanMz (18.10.2011, 09:18 Uhr)

@The User: Der Artikel ist jetzt da: Knappheit ist künstlicher Mangel

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