Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Die psyAllmende und der Reichtum der alltäglichen Beziehungen

[Artikel aus der Zeitschrift Therapy Today des UK Counselling Journal, April 2013, leicht überarbeiteter Repost von psyCommons]

von Denis Postle, Independent Practitioners Network

Es leben etwa 60 Millionen Menschen in diesem Land. Wir werden geboren, wir überleben die elterliche und schulische Erziehung, wir ver- und entlieben uns, wir entwickeln oder übernehmen genug Wissen über das, was das Leben anbietet, um durchzukommen. Einige schlagen sich gut, andere weniger. Wenn wir den Statistiken glauben können, scheinen es 45 Millionen von uns ohne Hilfe der psychologischen Berufe zu schaffen.

Wir, die wir es schaffen, schaffen es, so denke ich, dank der psyAllmende. PsyAllmende benennt das allumfassende Netz von Beziehungen zwischen den Menschen mit dessen Hilfe wir den Alltag bewältigen. PsyAllmende, das sind die Überzeugungen, die Meinungen und insbesondere die aus Erfahrungen gewonnenen Erkenntnisse, die wir alle zu unserem Stückchen Menschsein, der Conditio humana, beitragen.

Wenn wir diese Fähigkeiten des gesunden Menschenverstands als „psyAllmende“ bezeichnen, so würdigen wir damit die zahlreichen Gelegenheiten, in denen wir Einsichten, Gefühle und Schwierigkeiten aus unserem Alltag einbringen: in der Kindererziehung, beim Erwachsenwerden, bei der Alten- und Behindertenpflege, indem wir wieder und wieder die Liebe finden, die uns und anderen gedeihen lässt und zu Erfolg verhilft, indem wir Nachbarn unterstützen, die von Ungemach heimgesucht werden, indem wir mit Freunden und Familien die großen Momente des Lebens feierlich begehen. Mit den Worten meines Kollegen Andy Rogers (1) ausgedrückt ist die psyAllmende eine reichlich sprudelnde Quelle von „alltäglicher Weisheit“ und auch, allerdings weniger unumstritten, „geteilter Macht“.

Die Luft, die wir atmen, das Funkspektrum, die Weltmeere und das Land, das wir bewohnen – sie alle sind “Allmenden” oder “gemeinschaftliche Güter”; sie gehören uns, und wir gehören ihnen.

Die psyAllmende ist auch eine von diesen Allmenden. Und, parallel zur Geschichte der Einhegung der Bodenallmende im Vereinigten Königreich und andernorts, hat auch die psyAllmende ihre Einhegungen. So wie die Politik sich unbemerkt in unser tägliches Leben einschleichen kann, haben die psyBerufe, die Psychiatrie, die Psychologie, die Psychoanalyse und die psychologische Beratung, die psyAllmende eingehegt.

Die Einhegungen

Einhegungen sind im Vereinigten Königreich nichts Neues. David Bollier erinnert uns: (2) „1876, nach 4000 Parlamentsbeschlüssen, befanden sich mehr als 98 Prozent des Agrarlandes in England und Wales im Besitz von weniger als einem Prozent der Bevölkerung.“ Wenn wir uns einmal kurz vorstellen, die psyAllmende sei ein Stück Land, dann haben die PsyBerufe Teile dieses Grundstücks eingehegt, zu ihrem Eigentum erklärt, und, wie marxistische Ökonomen sagen würden, durch Monopolrenten daraus Wert extrahiert.

Harte Worte, denken Sie vielleicht, aber war nicht das Ziel der Professionalisierung von Beratung und Psychotherapie – des Kampfs um einen privilegierten Status durch staatliche Anerkennung – in den letzten 20 Jahren die Verteidigung und die Verstärkung dieser Einhegungen der psyAllmende, vorgeblich, um das Interesse der Klienten zu schützen?

Als ich diese Sicht der psyAllmende bedachte und ihre psyEinhegungen immer deutlicher wurden, stellten sich für mich noch zwei weitere Fragen. Warum wurde so viel Energie aufgewendet, um diese Einhegungen zu verteidigen? Etwa weil in den vergangenen Jahrzehnten, durch Weiterbildungskurse in der Wirtschaft und im öffentlichen Dienst, das Wissen und die Autorität, die in den psyEinhegungen bewahrt wurden, entwichen sind – sich in der psyAllmende verbreitet haben? Und, zweitens (ein noch unangenehmerer Aspekt dieser professionellen Einhegungen der psyAllmende), woher kommen denn unsere gesammelten Fachkenntnisse und unser psyWissen?

Die Antwort ist doch, dass die psychologischen Erkenntnisse aus den Beziehungen mit „Klienten“, „Patienten“ und „Nutzern von Dienstleitungen“ stammen. Diese Beziehungen generieren Wissen, sie helfen Klienten, und die psyBerufe gewinnen daraus Fachkenntnisse und Fachwissen.

Für mich ist es schockierend, dass wir eine Art Monopolauswertung begangen haben, insofern wir zu dieser Ansammlung von Wissen und vor allem seiner professionellen Ausschließbarkeit beigetragen haben. Allmählich wird mir klar, dass die professionellen Einhegungen ein verstecktes Ziel haben: Für die psyBerufe bildet die psyAllmende ein gemeinschaftliches Gut, in dem sie wie Bodenschätze schürfen können.

Das Schürfen in der psyAllmende findet nun schon seit mindestens 100 Jahren statt. Aus den Beziehungen mit Klienten wurden rohe Erfahrungen entnommen, sodann bearbeitet und in ein Produkt oder eine Dienstleistung destilliert, für die wir als Berufsstand, wie oben erwähnt, eine Monopolrente oder ein Honorar erheben können.

Aber ist das nicht die gesellschaftliche Norm? Ist solches Wissen nicht eines der Produkte der Zivilisation? Muss uns dieser Schürfvorgang etwas angehen?

Ja, denn historisch gesehen folgen die psyEinhegungen einem medizinischen Modell des menschlichen Funktionierens und verstärken es noch, und dadurch entstand, gekoppelt mit (das gilt für manche mehr als für andere) eingehegten Kenntnissen, eine konkrete soziale Kategorie, nämlich die der “Geisteskrankheit”. „Geisteskrankheit“ ist ein Produkt der professionellen psychologischen Einhegungen.

Als “geisteskrank” diagnostiziert zu werden ist keine Kleinigkeit. Man gewinnt dadurch vielleicht Zugang zu wertvollen Hilfsmitteln, aber begleitet wird diese Diagnose von einem Stigma, das unter Umständen eine Grenze zieht zwischen „Krankheit“ und „Gesundheit“.

Ich habe allmählich den Verdacht, dass dieses Stigma der „Geisteskrankheit“ die Grenzen zwischen den professionellen psyEinhegungen und der psyAllmende widerspiegelt: Die Ausschließbarkeit der psyEinhegungen schafft und verschärft eine Entfremdung zwischen Menschen, die punktuelle, intensive, aber vielleicht vorübergehende Schwierigkeiten haben, und der übrigen Bevölkerung.

Eine reichhaltige Ökologie

Was könnte dies für die Zukunft von Beratung und Psychotherapie bedeuten?

Wie die Occupy-Bewegung betont, ist die Beschlagnahmung der Reichtümer dieser Welt durch ein Prozent der Bevölkerung nicht hinnehmbar.(3) Es gibt etwa 200.000 Psychopraktiker im Vereinigten Königreich – Berater, Psychologen und Psychiater. Das ist weit weniger als ein Prozent der Bevölkerung. Kann es nicht sein, dass die Einhegungen der psyAllmende auf die gleichen historischen, sozialen und politischen Ursprünge zurückgehen? Und ebenso ungerecht sind?

Ich finde schon. Und wenn ich richtig liege, was können wir tun? Wie kann diese Vision einer psyAllmende Psychotherapie- und Beratungspraktiker in eine Richtung lenken, die gerechter wäre – und Erneuerung oder Restaurierung mit sich bringen könnte?

Als erstes muss das Ausmaß der psyAllmende gesehen werden. Sie ist eine lebendige, wachsende Vielfalt – eine reichhaltige Ökologie von Verhandlungen, Gesprächen, Zusammenkünften unter Familien, Freunden, Arbeitskollegen und unzähligen Interessengruppen im weitesten Sinne des Wortes – die Unzahl von Kontakten zwischen 60 Millionen Menschen im Vereinigten Königreich. Ich möchte in diesem Zusammenhang das Blühen und Gedeihen dieser psyAllmende fördern. Ich möchte, dass wir aufhören, die Einhegungen zu verteidigen und unsere Aufmerksamkeit stattdessen auf „alltägliche Weisheit“ und „geteilte Macht“ der psyAllmende konzentrieren.

Ich will damit nicht die großen Probleme leugnen, die viele Praktiker im Moment auf Grund des wirtschaftlichen Drucks plagt, denke aber, es wäre sehr schade, wenn wir, weil wir die psyEinhegungen erhalten und verteidigen, nicht bemerken oder falsch verstehen, wo wir an diesem Punkt der sozialen und politischen Geschichte stehen. Ich glaube nämlich, dass uns das Internet eine Gutenberg-Wende beschert hat: eine Entwicklung wie sie ausgelöst wurde, als das Monopol der Kirche für die Erstellung von Texten und – was man allzu leicht vergisst – die Fähigkeit sie zu lesen, zerbrach.

Graswurzelaktionen

Wenn Sie bei Google “panic attacks” (Panikanfälle) eingeben, erhalten sie (im Englischen, Anm. der Übers) 28 Millionen Seiten Information, bei „depression“ 364 Millionen Seiten. Das Internet hat sich vor kurzem für meine Familie als sehr wertvoll erwiesen, als wir damit fertig werden mussten, dass ein geschätztes Familienmitglied erste Anzeichen von Demenz zeigte. Als begleitende Unterstützung für das intensive Lernen durch die persönliche Erfahrung war das Internet von unschätzbarem Wert, und ließ alles, was von den medizinischen und sozialen Diensten kam, als veraltet und irrelevant erscheinen.

Ich plädiere nicht etwa für eine Art von Technutopia – jede Techologie erweitert und beschneidet die menschlichen Fähigkeiten – aber es ist kaum zu bezweifeln, dass das Erscheinen des World Wide Web die professionellen Monopole auf die aus der psyAllmende destillierten Fachkenntnisse zerbrochen hat.

Wenn, wie ich beschrieben habe, die psyAllmende sich um sich selbst kümmert, wenn wir als Therapeuten ihr Primat anerkennen, sie bei unserer Arbeit als psychosozialen Rahmen berücksichtigen, dann nähern wir uns vielleicht einem Punkt, an dem wir umdenken und unsere beruflichen Wertvorstellungen überprüfen müssen.

Das klingt möglicherweise zu radikal, aber hat die Zukunft nicht schon begonnen? In vielfacher Weise hat sich der Konsum professioneller Dienstleistungen schon seit langem verändert: Graswurzelbeziehungen führten zur Bildung von Selbsthilfegruppen und Gruppen von Menschen mit speziellen Bedürfnissen, häufig an der Grenze zwischen offiziellen Einrichtungen der Gesundheitspflege und den Sozialämtern angesiedelt, und die sich selbständig machen in gemeinschaftlicher Entwicklung.

Bei der Recherche für diesen Artikel fand ich mehr als tausend Initiativen im Vereinigten Königreich, in denen die Macht neu verteilt, geteilt oder gemeinsam verwaltet wird. Zum Ende dieses Artikels seien vier Beispiele beschrieben.

Anonyme Alkoholiker

Anonyme Alkoholiker (AA) und die in den gleichen Zusammenhang gehörenden 12-Schritte-Programme sind ein starker und weit verbreiteter Ausdruck der psyAllmende. In Gehweite von meinem Wohnsitz in Westlondon gibt es mindestens 15 wöchentlich stattfindende AA-Treffen. Sie sind ein deutliches Beispiel dafür, wie ein gemeinsames Anliegen – der Wunsch, den Alkohol aufzugeben – durch einen auf der Graswurzelebene entstandenen, expertenfreien, auf kooperativen Befragungsprozess (cooperative inquiry) verfolgt werden kann.

Es wird ein schlichter Saal angemietet, Neulinge werden begrüßt, jemand kocht Tee, man stellt sich vor, nur mit Vornamen, und eine Stunde oder länger sprechen die Teilnehmer über ihre jeweiligen Erfahrungen mit dem Ziel, nüchtern zu bleiben. Manchmal folgen auch Lesungen aus den über Jahrzehnten gesammelter Erfahrungen der AA-Kultur, zur Ermutigung und Inspiration. Es werden Spenden gesammelt, die Teilnahme ist freiwillig, die einzige Pflicht ist die Aufgabe, nüchtern zu bleiben. Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit werden geschätzt, aber nicht zwingend verlangt. Anonymität und Diskretion sorgen für Sicherheit und Vertrauen und dafür, dass das Treffen sicher im Hier und Jetzt stattfinden kann.

Co-Counselling

Das Co-Counselling (vgl. auch co-counseln lernen) blickt auf eine lange und ehrenvolle Geschichte zurück, meiner Ansicht nach wurde ihr Wert als sehr wirkungsvolle Form selbstbestimmter Ausbildung dadurch überschattet, dass in den 90er Jahren der Fokus der Lernenden sich mehr auf Arbeitsplatz orientierte Weiterbildung und auf Qualifikationserwerb richtete. Die Methode ist aber weiterhin beliebt und erfolgreich im Vereinigten Königreich, auf dem europäischen Kontinent und in den USA und Kanada.

Beim Co-Counseln liegt der Wert ausdrücklich und grundsätzlich auf der geteilten Machtausübung. In einer 40-stündigen Ausbildung in Theorie und Praxis des Co-Counselns beginnen die Teilnehmer ihre Entwicklung zu qualifizierten Klienten. Die Rollen von Klient und Berater werden in alternierenden Sitzungen vertauscht, wobei jeweils der „Klient“ das Sagen hat. Der „Berater“ lernt, wie man dem Klienten ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt und auf Interpretationen, Ratschläge und das Einstreuen persönlicher Erfahrungen verzichtet .

Das Co-Counseln geht von der Überzeugung aus, dass der Mensch grundsätzlich intelligent, verantwortungsvoll und kooperationsfähig ist, sowie in der Lage, zwischen den eigenen und den Interessen anderer einen Ausgleich zu finden. Man könnte es als Träger für die psyAllmende-Prinzipien von geteilter Macht und alltäglicher Weisheit betrachten. Es braucht zwar langfristiges Engagement und Mut, wenn man seine Möglichkeiten voll ausschöpfen will, aber das Menschenbild, auf dem es basiert, kann, was den Nutzen angeht, mit allen anderen Methoden der Arbeit mit der Conditio humana, die ich kenne, mithalten.

Mumsnet (Ein Netzwerk von und für Eltern)

Im Jahre 2000 veranlasste ein katastrophales Ferienerlebnis Justine Roberts und Carrie Longton Mumsnet (www.mumsnet.com) zu gründen, eine Webseite, die Eltern das Leben erleichtern sollte durch ein Forum, in dem sie kollektives Wissen, Ratschläge und Unterstützung sammeln und weitergeben konnten. Mumsnet beschreibt sich selbst als „von Eltern für Eltern“. Inzwischen ist es das nachgefragteste Elternnetz des Vereinigten Königreichs, es werden im Monat 50 Millionen Seiten abgerufen und sieben Millionen Besuche gezählt.

Mumsnet bietet eine Staffel von Internetforen für Gespräche, Diskussionen, Ankündigungen, Kontroversen und Kampagnen zum Thema Elternschaft. Der ganze Inhalt ist öffentlich, kann von jedermann gelesen werden, und jeder kann sich zum Mitmachen anmelden, kostenlos und anonym.

Diese riesige Ressource ist leicht zugreifbar, aber schwer zusammenzufassen. Ich suchte nach ein paar gemeinsamen Anliegen: bei „Alzheimer“ kamen 629 Antworten, bei „Nervenzusammenbruch“ 2570, „Teenagerprobleme“ 8580. Das beliebteste Thema lautet „Bin ich etwa unvernünftig?“ – 265,000 Antworten.

Ich suchte nach Teilnehmern, die sich zu Mumsnet geäußert hatten. Ich fand Kommentare wie: „Ich bin seit 7,5 Jahren dabei und liebe euch verdammt nochmal auch alle!“ „MN hat mir mit unzähligen Stunden voller Lachen und Klatschgeschichten über schreckliche Schwangerschaftsübelkeit, postnatale Depression und Nächte voll Babygeschrei hinweggeholfen“; „…ich sprach mit ein paar Leuten, als meine Tochter 11 Jahre alt war, und ich spreche noch immer mit denselben Leuten, und sie ist heute 17. Es gibt ein paar ganz tolle Leute bei Mumsnet.“

Ähnlich wie bei den AA, fühlen sich die Teilnehmer auf Grund der Anonymität auch bei Mumsnet sicher und vertraulich, und das hat eine reiche Spezialsprache hervorgebracht. Die zahllosen Textgespräche zeigen das Innenleben (oft auch buchstäblich!) der Frauen und setzen sich mit ungeschminkter Offenheit und Humor für Themen ein wie flexible Arbeitszeiten, Familienfreundlichkeit, das ständige Jonglieren und die Wirtschaftslage. Mumnet symbolisiert die geteilte Macht und die alltägliche Weisheit, von der der Begriff psyAllmende spricht, und zeigt eine Möglichkeit, sie zu vertiefen und mit Leben zu füllen.

Strong Roots (wörtlich:  Starke Wurzeln)

Im Jahre 2006 von Lucy Scurfield gegründet, beschreibt sich Strong Roots als ein therapeutischen Gartenprojekt (siehe www.strongroots.org.uk). Im Grunde handelt es sich um ein Stück Land in Norwich, wo Menschen zusammenkommen, um sich weiterzubilden und Zugehörigkeit, Kameradschaft und Freude an der gemeinsamen Aufgabe des Gärtnerns zu erfahren.

Strong Roots kann auch gesehen werden als ein Prozess der gemeinsamen kooperativen Selbsterforschung (cooperative enquiry), mit Blick auf die persönliche Entwicklungsaufgabe “sich wachsen zu lassen“. Woraus die persönliche Entwicklung genau besteht, das bleibt der Entscheidung der jeweiligen Teilnehmer überlassen. Das kann Nichtstun sein, einzelgängerische Kommunion mit der Erde und gemeinsame Gartenarbeit, Gruppengespräche und Selbstoffenbarungen, wobei auch die Möglichkeit intensiverer Sessions zu zweit besteht. Aber alles dreht sich um die Erfahrung des Gärtnerns und des Gartenbaus – eine aussagestarke Metapher für Pflege, Kümmern und Wachstum.

Die Einrichtungen bei Strong Roots sind bescheiden: eine Komposttoilette, hölzerne Bänke, ein Sommerhaus, sowie Gartengeräte und Gärtnereibedarf. Auf dem Grundstück stehen mehrere tragende Obstbäume, und es gibt viele Beete, einige für Blumen und Fauna, andere für eine Fruchtfolge von Gemüse.

Die Teilnehmer berichten von ihrer Erfahrung: “Bei Strong Roots konnte ich mich finden und Selbstbewusstsein entwickeln. Seitdem ich dabei bin, habe ich Gewohnheiten abgelegt, die nicht gerade gut waren und gehe seither viel klarer und stärker durchs Leben.“ „In kleinen Räumen kriege ich Platzangst, hier draußen fühle ich mich offener. Es fällt mir leichter zu reden, weil es hier friedlich, aber nicht total still ist“; „Ich komme gerne zu Strong Roots, weil es hier ruhig und therapeutisch zugeht und ich mich in meiner Haut wohlfühle. Ich sehe auch gerne den Schmetterlingen und Bienen zu, wie sie zwischen den Blumen fliegen… Ich fühle mich wohl in meiner Haut, wenn ich über verschiedene Probleme spreche.“

Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen in einer sicheren und vertrauensvollen Umgebung blühen und gedeihen, dann bietet Strong Roots einen leicht zugänglichen Weg zu persönlicher Entwicklung. Für die psyAllmende ist Strong Roots in zweifacher Hinsicht relevant: Es erinnert uns daran, dass ein solches Engagement auch unabhängig von Krisen bestehen kann und demonstriert, wie durch die Machtteilung, die Qualifikationen und Erfahrungen von Praktikern nutzbringend eingesetzt und weitergegeben werden können.

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Nach mehreren Jahrzehnten als Filmemacher im Fernsehen ließ Denis Postle sich in den 1980er Jahren als Gruppenfacilitator ausbilden und unterrichtete später Facilitation an der Universität Surrey. Während dieser Zeit entwickelte er eine Form intensiver one-to-one Facilitation, mit Elementen aus Beratung und Psychotherapie und gründete später mit anderen das Independent Practitioners Network.

Für weitere Einzelheiten des psyAllmende-Vorschlags und um an seiner Weiterentwicklung teilzunehmen, besuchen Sie bitte den psyAllmende Blog: http://psycommons.wordpress.com

Quellenangaben:

(1) Persönliche Mitteilung.

(2) David Bollier. Reclaiming the commons. Boston Review 2002; 27(3). Siehe http://new.bostonreview.net/BR27.3/bollier.html

(3) Siehe http://www.occupytogether.org

Kategorien: Commons, Lernen, Praxis-Reflexionen, Theorie

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16. Januar 2014, 06:26 Uhr   21 Kommentare

1 Wolfram Pfreundschuh (16.01.2014, 11:52 Uhr)

„Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen in einer sicheren und vertrauensvollen Umgebung blühen und gedeihen“ Warum so weit schweifen, warum nur psyAllmende? Wenn schon dafür geworben wird, wäre in diesem Sinn noch naheliegender, hier auch für eine relAllmende zu werben: „Ein jeder trage des anderen Last!“ – ein Spruch der evangelischen Theologie. Klingt der nicht auch ganz prima? Der Allmende-Begriff ist eben ziemlich beliebig auszulegen und auszuweiten. Es wird gehegt und gepflegt, was die Vielen füreinander so draufhaben. Und es ist eben auch wirklich alles sehr zwischenmenschlich. Nur was sie als Vieles, als allgemeine Notwendigkeit ihrer vielen einzelnen Nöte sind, als wirkliche Allgemeinheit zu einer Art „Volksseele“ der Zwischenmenschlichkeit werden, das ist hier nirgendwo thematisiert. Es wäre zu deutlich, dass der Gedanke einer einhegenden psyAllmende schlicht reaktionär ist und dabei ist, eine Art Menschenpark zu entwickeln. Da könnt man sich doch mit den Sloterdijks gleich schnell mal kurzschließen, wenns doch eh ein Kurzschluss ist.

2 Christian Siefkes (17.01.2014, 18:46 Uhr)

Ich denke schon, dass das Konzept der psyAllmende/psyCommons Sinn macht, schließlich kann man auch die Sprache als Commons bezeichnen. Und dann kritisieren, wenn Teile der Sprache eingehegt werden, z.B. durch Slogans, an denen Firmen Exklusivrechte beanspruchen (während sie sie uns andererseits in die Köpfe brennen).

Was mir allerdings nicht einleuchtet, ist die Idee, dass die „psyBerufe“ die psyAllmende einhegen (genauso wenig wie Schriftstellerinnen und Journalisten die Sprache einhegen, wenn sie sie professionell und gekonnt benutzen). Schließlich zwingen sie niemand, zum Psychiater zu gehen, und verbieten niemand, sich stattdessen einfach bei einer guten Freundin auszuheulen.

Die Zunahme der „Geisteskrankheiten“ wie der Krankheiten insgesamt ist ein logisches Phänomen im Kapitalismus, denn wer gesund ist, den oder die kann man nicht „behandeln“ und an ihr also kein Geld verdienen (ob als Arzt, Psychologin oder Pharmaunternehmen). Das kann und sollte man kritisieren, aber hier von einer „Einhegung der Allmende“ zu sprechen, scheint mir ein schiefes Bild.

3 Wolfram Pfreundschuh (18.01.2014, 13:51 Uhr)

„hier von einer “Einhegung der Allmende” zu sprechen, scheint mir ein schiefes Bild.“

Ja, nicht nur schief, sondern zwangsläufig in sich verkehrt, weil Commons hier offensichtlich gleichgesetzt werden mit einem gesellschaftlich erzeugten Gemeinwesen. Wozu die „Neusprech“? Vielleicht, weil damit das vielgepriesene „Gemeinwohl“ endlich mal positiv wie das Produkt einer geeinigten Gesellschaft, als Gemeinprodukt, als Erzeugnis einer Gemeinschaft familiärer Konvenienz zu verstehen ist, das Bürgerprodukt als gesellschaftlich, die Gesellschaft als Vereinigung, die Gemeinschaft der Nützlichkeit schon als Gesellschaft suggeriert wird?

Christian: „schließlich kann man auch die Sprache als Commons bezeichnen.“

Warum dann nicht auch das Bewusstsein, die Kultur, die Kunst usw.? Ja warum dann nicht einfach das Bestehende zu dem erklären, was es ist: Gesellschaftliches Produkt? Wozu überhaupt „Keimform“? Ganz einfach: Weil dann offenbar wäre, dass die Praxis, die mit Commons suggeriert wird, überhaupt keine Veränderung, sondern nur eine veränderte Definition darstellt. Ansonsten müsste man eben die Frage beantworten, warum ein Gemeinwesen sich gegen die Menschen überhaupt entwickelt hat, was die Entfremdung des Menschen von SEINEM Gemeinwesen überhaupt ausmacht und wie der Kampf gegen solche Formbestimmung, gegen die Entfremdungsmacht des Privateigentums zu führen ist. Commonismus ist offensichtlich die dem Kleinbürger genehme Formulierung eines vermeintlichen, einer anderen Meinung von Kommunismus, ein für den Bürger umdefinierter Kommunismus also, der endlich den Individualismus mit dem Kollektivismus in einer ausgiebigen Kommunikationswelt zu versöhnen versteht, ohne an den Grundlagen dieser Ideologismen zu rühren.

Wie heißt es doch bei Marx:

„Der Kleinbürger ist … zusammengesetzt aus einem Einerseits und Andererseits … Er ist der lebendige Widerspruch. …. Wissenschaftlicher Scharlatanismus und politische Anpassung sind von solchem Standpunkt unzertrennlich. Es bleibt nur noch ein treibendes Motiv, die Eitelkeit des Subjekts …“ (Karl Marx, Über Proudhon, MEW 16, 31f).

4 Franz Nahrada (19.01.2014, 07:59 Uhr)

Wolfram, ich bin nicht Deiner Meinung, dass „Commons“ eine schlichte Umdefinition von „gesellschaftlich“ ist. Genau die Selbstbezüglichkeit und Tautologie des Gesellschaftsbegriffes, die solche Veranstaltungen wie die Soziologie im Kern ausmacht, findet sich im Commonsbegriff nicht. Bei den Commons geht es um reale Lebensprozesse, deren Organisation durch definierte Gruppen von Menschen und deren Instrumentalisierung durch die Privatmacht des Geldes und deren Allgemeinheit im Staat. Während im Arbeiterbewegungsmarxismus die Vergesellschaftung durch die Fabrik eine positive Handlungsgrundlage für selbstbewusste gesellschaftliche Subjektivität darstellen soll, wo sie doch nur eine perverse und entäußerte Form der Subsumtion vereinzelter und entwurzelter Individuen  darstellt, richtet die Theorie der Commons ihren Fokus auf die selbstproduzierten Formen von Gemeinwesen (anders hätte die Rede von „SEINEM Gemeinwesen“ auch keinen Sinn) und deren Verlaufsformen in einer Welt, die Gemeinschaftlichkeit nur als falsche, illusorische zu organisieren vermag. Commons sind keineswegs per se „richtig“ oder „Keimformen“, sie sind die tausend Materiaturen in denen sich Gemeinwesen jenseits von Herrschaft und sozialer Gegensätzlichkeit immer schon spontan gebildet hat, die unterbelichtete Seite, die in einer Geschichtsschreibung die nur staatliche Akteure und Individuen kennt, ausgeblendet wurde.

Ob der Begriff der psyCommons dafür taugt oder nicht doch eine zukleisternde Konstruktion ist, das wäre allerdings einer näheren Betrachtung würdig. Wir haben letztes Wochenende in Wien jedenfalls den Startschuss für eine mehrjährige Auseinandersetzung mit der „Mustersprache der Commons“ gegeben, die sich solchen Fragen widmet.

Leider bleibt Deine Kritik an den psyCommons erstaunlich unspezifisch, vielleicht kannst Du zum Gegenstand etwas mehr sagen, vielleicht auch wie wir ihn besser zu fassen kriegen….immerhin ist ja genau das Dein Metier.

5 Wolfram Pfreundschuh (19.01.2014, 09:55 Uhr)

Hallo
Franz, es geht doch nicht um einen Gesellschaftsbegriff der
Soziologie, der übrigens nur ein Gemeinschaftsbegriff ist (siehe
hierzu http://kulturkritik.net/philosophie/soziologie/index.html),
sondern um die Wirklichkeit von Gesellschaft, die auch die Grundlage
des Kapitalismus ist, die Produktivkräfte und inzwischen auch
Kommunikationswerkzeuge entwickelt hat, die in der Lage sind, dessen
Form zu sprengen. Im Widerspruch von der organischen Entwicklung der
Gesellschaft und ihrer Wertform besteht die Möglichkeit einer
wirkliche Aufhebung und Überwindung dieser Form. Demgegenüber ist
die „Keimform“ von Alternativen im zwischenmenschlichen
Alltag einfach naiv. Ohne eine Entwicklung aus dem vorhandenen Produktivvermögen, also der herrschenden Arbeitsform und Industrie hin zu einer Gesellschaft, in welcher der wirtschaftliche Nutzen für die Menschen Sinn hat, wird das nicht möglich sein. Das hat nichts mit mit dem überzitierten „Arbeiterbewegungsmarxismus“ zu tun.

Richtig am Projekt von Selbsthilfegruppen ist ihre Fähigkeit,
gesellschaftliche Probleme so zu versammeln, dass hierüber eine
Kommunikation möglich ist, die nicht einfach nur Abhilfe leisten will,
Abschaffung von Problemen anstrebt, sondern diesen Problemen einen
gesellschaftlichen Zusammenhang in einem Wissen und Bewusstsein
eröffnet, das auch über die Selbsthilfe hinausgreift und die Linderung
der privatförmigen Probleme als Basis für eine gesellschaftliche
Auseinandersetzung mit einem Leben unter Fremdbestimmung begreift.
Genaueres hierzu findet sich zum Beispiel in meinem Artikel Arbeit am Wahnsinn – Emanzipationsversuche gegen die herrschende Rationalität.

6 Franz Nahrada (19.01.2014, 13:05 Uhr)

Hallo Wolfram!

Danke zunächst für den Hinweis auf Euren Soziologie – Artikel, der die Tradition Münchner Wissenschaftskritik würdig fortsetzt. Soziologie kennt in der Regel keinen sachlich vermittelten Zusammenhang von Gesellschaft, sondern reduziert die gesellschaftlich produzierten Gegenstände auf Träger subjektiver Bedeutungsmuster, die sich einem zirkulären und monotonen Zweck der „Orientierung der Menschen aneinander“ verdanken.

Danke weiters für den Hinweis, dass von psyCommons eigentlich erst die Rede sein kann, wenn es so etwas wie Selbsthilfegruppen und eine bewusste Wahrnehmung der Notwendigkeit der gemeinschaftlichen Organisation psychischer Resilienz gibt. Das wiederum ist eingebettet in die eigentümliche Organisationsweise dieser Gesellschaft, die ihren Mitgliedern ein Angebot macht, in Freiheit unter Beachtung von gewaltsam sanktionierten Regeln ein erfolgreich gelingendes Leben zu führen. Konsequenterweise glauben viele Menschen nicht nur dass sie hätten, sondern haben tatsächlich praktisch ständig ein Problem mit sich selbst als Bündel von Fähigkeiten und Potentialen für Berufserfolg, Beziehungsglück und ganz allgemein Funktionalität in einer ihnen selber fremd gegenüberstehenden Gesellschaft. Die Arbeit daran ist im Regelfall die Praxis des Mitmachens und die Praxis der real existierenden Psychologie. Ein psyCommons / eine psyAllmende die übersieht in welchem Ausmaß das psychologische Verhältnis gesellschaftlich geprägt ist, verfiele tatsächlich dem von Dir geäußerten Verdikt des Menschenparks.

Im übrigen sind wir wieder mal im Kernpunkt unserer Kontroverse, nämlich beim „Widerspruch von der organischen Entwicklung der Gesellschaft und ihrer Wertform„. Ich möchte es mal so sagen, um drastisch verständlich zu sein: Kapitalismus als progressiv atomisierende Form der gesellschaftlichen Organisation zerstört einerseits Gesellschaftlichkeit und baut sie andererseits in Formen auf die wir ganz bestimmt nicht brauchen. Keimformen sind daher nicht einfach eine nette Gelegenheit oder eine Draufgabe, sie sind die bitter notwendigen Elementarbedingungen einer Möglichkeit von Veränderung. Gesellschaft organisiert sich nicht als „Resultat einer Einsicht in ihre Verkehrtheit“, das ist die bittere Lehre aus 40 Jahren vergeblicher Agitation, die leider nur die allerwenigsten gezogen haben. Die „Entwicklung aus dem vorhandenen Produktivvermögen, also der herrschenden Arbeitsform und Industrie hin zu einer Gesellschaft, in welcher der wirtschaftliche Nutzen für die Menschen Sinn hat“ ist ohne Experimente auf der Höhe der Zeit, ohne Kompass und ohne Richtschnur durch aus der Praxis gewonnene Modelle des Umbaus, überhaupt nicht zu haben. Wir müssen so viel zurücknehmen und regelrecht zerstören, dass ein konsensualer Prozess überhaupt nur denkbar ist, wenn das Neue seine attrahierende Kraft aus seiner sinnlich wahrnehmbaren Faktizität zumindest zum Teil schon entfaltet hat.

Warum fällt es uns nur immer so schwer, und darüber zu verständigen?

7 Franz Nahrada (19.01.2014, 13:20 Uhr)

Es ist übrigens spannend, wie sehr das im Artikel erwähnte „strong roots“ Projekt der gerade in Österreich eingeführten Praxis der „Green Care“ ähnelt. Zum Sachlichen, Green Care ist eine Aktivität die auf breiter Grundlage Bauern die Etablierung von Therapiegärten und die Aufnahme von psychisch traumatisierten Personen nahelegt. umfassende Info hier: http://www.greencare-oe.at/.

Daran kann man auch einiges an der Problematik moderner Allmenden ablesen, sie können fast nie ohne Zweckbündnisse mit staatlichen Stellen und privaten Unternehmen agieren, sie brauchen auch einen vermittelbaren Level an professioneller Kompetenz. Zu verfolgen bliebe freilich genau das Ziel, den „Therapiegarten“ in die Keimform eines wirklich wieder gemeinschaftlich hergestellten Wohn-, Arbeits- und Lebenszusammenhanges zu transformieren. In der Arbeit mit Akteuren im Kärntner Lavanttal 2011 habe ich solche Elementarformen „Globaler Dörfer“ gerade an solchen Transformationsprozessen in der Landwirtschaft zu exemplifizieren versucht – und am eigenen Leib schon alleine die heilende Wirkung dieser Idee verspürt.

8 Wolfram Pfreundschuh (19.01.2014, 17:44 Uhr)

Hallo Franz, ich bin gerade zurückgekommen von einem Besuch der
derzeitigen „8. Münchner Freiwilligen Messe“, wo ich für Radio
Lora einige Interviews gemacht habe. Über 80 Organisationen haben
dort Möglichkeiten zu einem gesellschaftlichen Engagement angeboten
und die Schlange der auf Einlass Wartenden war ca. 50 Meter lang,
weil man die Leute immer nur „portioniert“ einlassen konnte –
so groß war der Andrang. Es waren viele Junge und Alte, die sich
irgendwie sozial engagieren wollten. Auf meine Fragen nach dem, was
sie hier erwartet haben und ob sie das gefunden hätten, antworteten
viele, dass sie eine Sinnerfüllung in einer zwischenmenschlich
hilfreichen Begegnung in ihrer Freizeit suchen, weil sie sich in
ihrer Arbeitswelt entleert fühlen und sich ohnmächtig gegen die
gesellschaftlichen Entwicklungen erleben. Die Jugendlichen suchen
dabei vor allem auch wirkliche Kontakte, z.B. zu Migranten, denen sie
beistehen wollen.
Diese auf „Freiwilligensuche“ ausgerichteten Einrichtungen
zur „Förderung Bürgerschaftlichen Engagements (FÖBE)“
entlasten vor allem die professionellen sozialen Einrichtungen von
München und auch die Kassen von Kultureinrichtungen wie Museen,
Tierschutz und der Gesundheitspflege und des Sanitätswesens. Die
Messe wird von der Stadt betrieben, die einzige Stadt Deutschlands,
die einen Jahreshaushaltsüberschuss von über 450 Millionen EUR
vorweisen kann und noch eine Mittelschicht in einem höheren
Einkommenssegment hat. Hier kann man überall die von Dir
beschriebenen „heilsamen Wirkungen“ erfahren, wenn man genügend Zeit und Geld zum Selbsterhalt hat.

Deine Vorstellung von einem „Kapitalismus als progressiv atomisierende Form der gesellschaftlichen Organisation“, die einerseits Gesellschaftlichkeit zerstört und „andererseits in Formen aufbaut die wir ganz bestimmt nicht brauchen“, ist nicht sehr schlüssig. Er will ja schließlich auch funktionieren. Es ist doch nur eine Frage, wieviel Freizeit die Menschen dafür noch aufbringen können. Im Kapitalismus ist alles gleichzeitig, nicht nacheinander, wie du das darstellst. Es ist sein Doppelcharakter, der nicht durch bessere „Elementarbedingungen“ aufgehoben, sondern durch ein soziales oder psychologisches Engagement vielmehr selbst in seiner Ausbeutungsrate (=Mehrwertrate) „verbessert“ wird, solange die Eigentumstitel die Arbeitszeiten (und Freizeiten) bestimmen, weil ihm damit Reproduktionskosten gesenkt werden. Ich sehe nicht, wo es da an „Experimenten auf der Höhe der Zeit“ fehlt und wir „ohne Kompass und ohne Richtschnur durch aus der Praxis gewonnene Modelle des Umbaus“ hierzu unfähig bleiben. Ich sehe vielmehr, dass die sehr schönen und netten Projekte (z.B. der Permakultur) sich wunderbar in dieses Kapitalismusmodell einfügen lassen und Menschen damit zufriedenstellen, dass sie ihre nutzbringenden Beiträge
beisteuern und neue Ertragsformen und Produktionen sie über eine
weitergehende, vor allem soziale Gesellschaftskritik hinwegtragen.

9 Helmut Leitner (20.01.2014, 13:02 Uhr)

Hallo Franz, hallo Wolfram,ich weiß nicht, ob ich zu eurem Diskurs etwas beitragen kann, aber ich versuchs mal, auf der Basis einer musterbasierten Analyse der Commons-Bewegung, die ich für den Workshop am 10.-12.1. in Wien durchgeführt habe.

Ich teile Wolframs Position, skeptisch zu sein gegenüber einer leichtfertigen Verallgemeinerung von Begriffen wie psyCommons oder psyAllmende, weil imho klar unterschieden werden muss zwischen Gemeingütern (Lebensgrundlagen) selbst und einer organisierten Erstellung, Pflege und Nutzung solcher Güter, etwa in Organisationen des Staates,  privatwirtschaften Unternehmen oder Commons-Projekten.

Aus der Analyse der Commons ergab sich ein Commons-Referenz-Modell, das als Folie über Projekte gelegt werden kann, um eine Commonsähnlichkeit oder -verträglichkeit im Vergleich feststellen zu können. Diese Referenz-Modell enthält die Komponenten:

(1) Gemeingut
(2) Benutzergruppe
(3) Zugänglichkeit in einer möglichst fairen, offenen Form
(4) Non-Profit
(5) Non-Property
(6) Non-Paternalism
(7) Wertschätzungspraxis.

Weiters ist eine Unterscheidung in Lebenszyklus-Stadien eines Commons-Projektes sinnvoll:

(A) Naturhafter Zustand eines Gemeingutes
(B) Auftauchen einer Problemsituation für das Gemeingut
(C) Aufbau eines Commons-Projektes
(D) Pflege und Schutz des bestehenden Commons-Projektes
(E) Zerstörung oder Zerfall des Commons-Projektes.

Die Sprache ist sicherlich ein Gemeingut und verträgt sich auch mit den Punkten (1)-(7), aber auch wenn es bestimmte Einhegungsformen gibt (etwa im Markenschutz oder in Versuchen Definitionsmacht über Begriffe zu erlangen), weitgehend in einem naturhaften Zustand (A). Die Vermittlung der Sprache erfolgt weitgehend im zwischenmenschlichen Kontakt und durch öffentliche Schulen.

Das Beispiel der Anonymen Alkoholiker hat dagegen klar den Charakter eines Commons-Projekten, bei dem ein konkretes Gut, eine Dienstleistung, nämlich „die zwischenmenschliche Hilfe/Betreuung bei Alkoholproblemen“ in einer gemeinnützigen Form der Selbsthilfe zur Verfügung gestellt wird. Das bedeutet aber imho nicht, dass jedes ähnliche Gut („das Ausweinen bei der Freundin“) automatisch als Commons, oder als Teil eines fiktiven psyCommons bezeichnet werden kann. Es fehlt dazu der geregelte und gepflegte Zugang zu dem Gut im Rahmen einer selbstorganisierten Gemeinschaft, die sich um das Gut sorgt. Ein solches Projekt könnte aber („Club bester Freundinnen“) initiert werden, und existiert wahrscheinlich sogar da und dort in kleinem Maßstab.

Man könnte vielleicht eher mal, in einem ersten Schritt, von psyGütern sprechen, die jeder von uns, in vielfältigen Situationen, bereit stellt und auch konsumiert. Man kann aber eine Problemlage feststellen, nämlich dass durch die gesellschaftlichen Entwicklungen und Zwänge und durch technologischen Entwicklungen die sozialen Beziehungen und Kompetenzen verarmen (Hypothese), und dadurch Güter der menschlichen Zuwendung und Fürsorge weniger selbstverständlich als früher zur Verfügung stehen (Spruch „es braucht ein Dorf um ein Kind zu erziehen“) und so ein Trend zur bezahlten professionellen Dienstleistung (im Sinne einer Commodifizierung) anzunehmen ist.

Dieser Trend wird auch sicherlich durch von den Anbietern solcher Dienstleistungen verstärkt.Die Problemlage ließe sich gezielt analysieren und auch bearbeiten, wobei zweifelsfrei viele gemeinnützige Organisationen genau das tun, in kleinem oder größerem Rahmen Gemeingüter zu erzeugen, und Abhilfe für die drängenden eigenen Probleme oder Bedürfnisse zu schaffen. Man könnte sie als Commons-Projekte bezeichnen, wenn man es schafft, dies nicht als einen Vereinnahmungs-Versuch, sondern als wertschätzende Beobachtung zu kommunizieren.

Liebe Grüße,Helmut

10 Franz Nahrada (20.01.2014, 14:49 Uhr)

Danke Helmut,

ich denke dass ich da durchaus der Meinung bin das psyCommons ein verwaschener Begriff ist, der uns eher dazu auffordert zu klären wovon die Rede ist.

Übrigens glaub ich nicht, dass die Sprache in einem naturhaften Zustand ist; es gibt wohl kaum ein Gemeingut, das sich einer derart komplexen Pflege über die Jahrhunderte verdankt. Allerdings wirft das eben auch Fragen auf, welche Rolle Unternehmen (Duden) und staatliche Einrichtungen (Universitäten) in diesem Prozess spielen. Es gab Sprachvereine und Institutionen, die diesen Prozess initiierten,  ich würde die staatliche Organisation (zunächst) noch nicht als Einhegung bezeichnen, sondern als Wandel der Organisationsform eines Gemeingutes, (vielleicht ist das auch theoretisches Neuland und führt in vertiefte Erkenntnisse, richtig ist jedenfalls, dass der Staat mit Gemeingütern zunehmend destruktiv umgeht).

Der Begriff des Gutes, das haben wir ja schon mal definiert, ist spätestens in dem Moment problematisch, wo es ein „Objektivieren“ nicht mehr gibt, also die gemeinsame Sphäre sehr stark mit agierenden Personen verbunden ist. Das schaffen nur die Amis, die mit dem Parallelwort „Assett“ alles und jedes zum Gegenstand der potentielen Nützlichkeit machen.

11 Franz Nahrada (20.01.2014, 15:44 Uhr)

Lieber Wolfram

das mit der Freiwilligenmesse würde ich schon ein wenig anders als Du interpretieren;

Hier kann man überall die von Dir beschriebenen „heilsamen Wirkungen“ erfahren, wenn man genügend Zeit und Geld zum Selbsterhalt hat.“

Vielleicht ist es aber etwas anders und der spektakuläre Andrang verdankt sich der leisen Ahnung, dass (auch die eigene) Daseinsvorsorge nur mehr möglich ist, wenn es eine Mobilisierung in Richtung solidarischer Netze gibt. Ich denke nicht dass sich jemals in der Geschichte die Menschen ohne Not um Sinntankstellen geschart haben.

12 Wolfram Pfreundschuh (20.01.2014, 20:03 Uhr)

Ja, Franz, ist mir schon klar, dass Du da was anderes meinst. Ich glaube, dass wir da kaum weiter kommen. Vielleicht könnte man noch den Begriff „solidarische Netze“ klären. Aber der Unterschied bleibt. Ich gehe mehr von einer Kommune im politischen Sinn, also als gesellschaftliche Organisationsform eines Entscheidungsprozesses der Produzenten aus, die als erstes ihre ganz triviale Subsistenz bestimmen bzw. verabreden, um sich gegen die Märkte zu entwickeln und Formen der Auseinandersetzung finden, die ohne Repräsentation und Repräsentanten auskommen. Dem gegenüber werden die inhaltlichen Entwicklungen erst weiter kommen, wenn diese Subsistenz überhaupt als profane Lebensbasis funktioniert.

Dich versteh ich so, dass Du aus inhaltlichen Prozessen eine Sinnhaftigkeit zu entwickeln suchst, die sich den herrschenden Formen wie von selbst entgegenstellen, weil Du darin den Kapitalismus, den Du in einem inhaltlich Widerspruch verstehst, schon aufgelöst siehst. Das ist für mich eher eine „Upper-Class“-Sozialismus, der sich nach meiner Auffassung nur aus einem gut gesicherten Freizeitbereich heraus entwickeln kann, und schon deshalb Geld als Lebensbasis für seine Grundsicherung nötig hat.

Da wirst Du mich wohl nicht verstehen und ich verstehe auch nicht, wie aus einer Sprache in Mustern etwas entstehen soll, das nicht nur eine neue Definition darstellt, sondern Grundlage einer wirklichen Gesellschaft sein könnte. Für mich steht da als abschreckendes Beispiel das Venus-Projekt am Ende, in meinen Augen ein protofaschistisches Projekt einer kommunal strukturierten „Vernünftigkeit“, also der Vernunft eines kommunalen Strukturalismus, die sich unmittelbar kulturell verwirklichen soll, wie sie zuvor entworfen ist. Da kann ich einfach nicht mehr mit. Sorry. Mir ist der Lebensprozess dazwischen vor Augen und den sollte man nicht durch Muster eines theoretischen Verstandes verfüllen und bestimmen. Da werden die Ideale nicht funktionieren, er wird nicht einfach gerecht und nicht „fair“ sein können, weil Derartiges sich nur in der lebendigen Auseinandersetzung als deren Resultat einstellen kann. Von da her werde ich auch Helmut Leitner nicht verstehen können. Wie etwa sollte sich eine „Wertschätzungspraxis“ konstruieren lassen, ohne dass der Wert zuvor definiert wird, der geschätzt werden soll? Tut mir leid. Da komm ich einfach nicht mehr mit.

Grüße nach Wien.

13 Franz Nahrada (20.01.2014, 20:28 Uhr)

Na zumindest mit Deiner Kritik am Venus Project kann ich voll mit. Es ist eine amerikanische Krankheit, Kultur als privat bestimmte widerspruchsfreie Konstruktion in die Öffentlichkeit tragen zu wollen, deswegen gedeihen in den USA tausend Privatkulturen, aber genau deswegen auch keine wirkliche. Beim Screening von „Zeitgeist Moving Forward“ vor genau 3 Jahren hab ich zu Protokoll gegeben, dass ich in der Retortenwelt von Jacques Fresco nicht wirklich leben will.

Das Problem das Du mit der „Komune im politischen Sinn“ kriegst, ist dass sich die Assoziation der Produzenten so nicht mehr herstellt. Die Kommune, die Gemeinde, das ist heute eine Assoziation der Konsumenten, die ihre Lebenswirklichkeit gar nicht mehr in der Hand haben. Produziert wird zumeist anderswo, vielleicht auch in China, und der reale Lebensprozess vermittelt sich über Aldi und Lidl. Dagegen gibt es mittlerweile eine mehrheitsfähige emotionale Opposition, deswegen blühen Gemeinschaftsgärten, ohne dass sie noch viel mehr sind als impuissance mise en action. Du hast ja die Unwirklichkeit der modernen Stadt selber meisterhaft dargestellt.

Ich glaube auch nicht dass sich die inhatlichen Momente des (Wieder)Aufbaus der Kommune – wohgemerkt, da gibt es bei uns letztlich doch einen Gleichklang – von selber herstellen. Ich zitiere aus dem obigen verlinkten Essay von Dir wohlwollend und zustimmend:

Das Buch mit dem Titel „Stadt als Fabrik“ von Christoph Schäfer (http://www.christophschaefer.net/)
sprüht vor Fantasie hierzu. Und auch Initiativen wie Fab Labs, welche
die Bildung und Gestaltung von Fabrikationen aller Art als ein globales
Netzwerk von lokalen Werkstätten fördern wollen, vermitteln
Vorstellungen über gemeinschaftlich genutztes Produktivvermögen. Sie
fördern z.B. Fähigkeiten und Erfindungen, indem sie Individuen oder
Initiativen die Werkzeuge für Fertigung unterschiedlichster Art
zugänglich machen. „Fabulous St. Pauli“ ist z.B. die Initiative für ein
Fab Lab in Hamburg. Es „stellt Geräte und Konzept einer offenen
Hightech-Werkstatt für Stadt-Communities“ vor. Aber auch dies ist nur
der Anfang einer Bewegung, die ein freies Verhältnis von Arbeit und
Lebensgenuss sucht.


Letztlich kann diese nur aufgehen, wenn
sich die Kommunen selbst um eine funktionale Reproduktionsindustrie kümmern, in der die Menschen ihre Lebensgrundlagen für sich und zugleich
in ihrer Gesellschaft schaffen können und auch in der Lage sind, große Projekte vorzubereiten und zu entwickeln, also auch mehr zu schaffen als das, was sie für ihr bisheriges Leben nötig hatten.
Hierfür ist eine netzartige Beziehung der Kommunen weit über die Grenzen ihrer lokalen Ressourcen hinaus nötig, letztlich eine weltweite Beziehung, an der alle Kommunen frei teilnehmen können. Erst hierdurch wird die gesellschaftliche Geschichte dem globalen Kapital entwunden und der Weltbevölkerung übereignet. Doch das verlangt auch völlig andere Formen der Beziehung zwischen den einzelnen Lebenswelten, auch in der Bewertung der Aufwände, die in jedem Produkt stecken. Ich versuche, diese
Überlegungen weiter durch ein Konzept der Vertragswirtschaft in internationaler Kommunalwirtschaft auszuführen.

Also eine „Kommune im politischen Sinn“ entsteht auch bei Dir erst durch eine „Transition“, eine dramatische Umkehrung der Produktions- und Reproduktionsstruktur. Man kann hier getrost das Henne-Ei Problem stellen, dann bin ich halt mehr die Eierfraktion und Du mehr die Hennenfraktion.

14 Helmut Leitner (21.01.2014, 07:52 Uhr)

Wolfram, bei aller Liebe zur Intellektualität, es grenzt an eine wortmagische Haltung, wenn du „Wertschätzung“ dadurch analysieren und abkanzeln willst, dass du die Definition eines „Wertes“ und seine „Schätzung“ einforderst.

Nehmen wir als ein Beispiel für ein informelles (sich nicht selbst so definierendes) Commons-Projekt die Alpenvereine, die seit 150 Jahren existieren, in 8 Ländern mit ca. 2 Millionen Mitgliedern ca. 100.000 km Wanderwege und 1000+ Schutzhütten aufgebaut haben, die der Allgemeinheit zur Verfügung stehen, gratis bzw. zu Selbstkosten. Dieses Commons-Projekt war nur möglich, weil es eine Wertschätzung der Natur, der Berge, des alpinen Lebensraumes gab, die auch praktisch gelebt und weitergegeben wurde.  Man kann es auch Liebe zur Natur, Freude am Wandern und Bergsteigen, an der eigenen körperlichen Betätigungen und Leistung, etc. nennen. Es ist verbunden mit einem Respekt und einem Wissen um die Natur und ihre Gefahren (vom Wetterumschwung bis zu den Lawinen) und dem Gefühl der Verbundenheit, sowie Haltungen wie dem Nichtstören des Wildes und der Nichtverschmutzung der alpinen Umwelt. Um nur einige Aspekte exemplarisch zu nennen.

Nichts deutet darauf hin, dass es bei dieser Wertschätzung und Wertschätzungspraxis irgendwo um die Definition eines Wertes oder seine Schätzung ginge. Die Kombination der Worte „Wert“ und „Schätzung“ erzeugt ein neues Wort „Wertschätzung“, dessen Bedeutung sich nicht aus den Teilen ergibt. Das Ganze ist hier nicht nur mehr als die Summe seiner Teile, sondern etwas anderes als die Summe seiner Teile.

Liebe Grüße, Helmut

15 Helmut Leitner (21.01.2014, 10:03 Uhr)

Lieber Wolfram, lieber Franz,

man wird der Commons-Idee nicht gerecht, wenn man sie dem Freizeit-Bereich zuordnet, um sie dann in ihrer Bedeutung und ihrem Potenzial zu marginalisieren.

Man kann an Beispielen zeigen, dass sich jeder Art von Gut (ich unterscheide z. B. Ressourcen, Infrastrukturen, Dienstleistungen und Produkte) in der Privatwirtschaft, öffentlichen Wirtschaft und in einer Commons-Wirtschaft pflegen und verfügbar machen lässt.

Eine Commons-Wirtschaft kann Vollarbeitsplätze beinhalten (z. B. teilweise beim Roten Kreuz)  und sie kann monetär anschlussfähig gestaltet werden. Daraus ergibt sich eine grundsätzliche Durchgängigkeit und Transformierbarkeit  von Wirtschaft. Am Endpunkt der Entwicklung steht die Transformation privatwirtschaftlicher Unternehmen in commonswirtschaftliche Unternehmen, die durch entsprechende Regeln, Transparenz und Partizipation alle Formen der Einhegung und Ausbeutung vermeiden und ganz einfach nur dem Gemeinwohl dienen.

Liebe Grüße,
Helmut

16 Wolfram Pfreundschuh (21.01.2014, 14:44 Uhr)

Lieber Helmut, nein, ich wollte und will nichts runtermachen, was es alles an guten Taten und Verbindungen gibt. Auch was Franz einbringt, kann ich jederzeit unterstützen und gut finden. Indem ich allerdings von Freizeit rede oder von Arbeitsplätzen, meine ich die Existenzform, die hierdurch in keiner Weise verändert ist. „Monetär anschlussfähig“ ist alles, was gesellschaftlich einen Nutzen darstellt, und dabei bleibt es ja dann eben auch. Ich denke, dass es nicht um Transformation gehen sollte, sondern um Subversion.

Das Wort Freizeit gibt es, weil es das Wort Arbeitszeit gibt. Und Wert gibt es nur, wo es Unwert gibt. Das  meine ich: aus der Kritik es Unwerts entsteht nicht Wert und nicht Wertschätzung, sondern ein gänzlich anderer Inhalt der Beziehungen und Verhältnisse.

@ Franz: Ja Franz, ich habe nirgendwo infrage gestellt, dass es viele Schnittpunkte unserer Projekte gibt. Und ich will gerne bei Dir mal gute Eier frühstücken, wenn die Hennen bei mir auf dem Hof bleiben. Nur ohne Gitter drum rum wird’s nicht geschehen, solange es Autos und Füchse gibt.

Grüße Wolfram

17 Helmut Leitner (22.01.2014, 23:31 Uhr)

Lieber Wolfram,

eigentlich ist unsere Diskussion von der psyAllmende abgekommen und damit am Ende.

Aber ein paar Aspekte deiner Argumente wundern mich sehr, weil sie so unlogisch sind, trotzdem aber von dir im Brustton der Überzeugung vorgetragen werden. Vielleicht kannst du das aufklären.

Da ist mal dein Vortrag einer „impliziten Utopie“, der eine erwünschte Welt zeichnet, in der es keine Freizeit mehr gibt weil die Arbeit selbst verschwunden ist, da in dieser utopischen Welt jedes Werten und Bewerten überwunden wäre. Wenn man bedenkt, dass jede Wahrnehmung von lebendigen Orgnismen dem Erkennen und Vergleichen dient, dem Erkennen und aufsuchen der besseren Lebensbedingungen, mithin einem impliziten und expliziten bewerten (etwa welches der vielen Mädchen Mann begehrt), dann ist deine Utopie weiter hergeholt als ein religiöses Paradies, in dem Milch und Honig fließen.

Noch unlogischer wird das, wenn wenn du der gezeichneten Strategie der Transformation, eine von dir bevorzugte Strategie der Subversion gegenüberstellst, also diese Strategien vergleichst und bewertest. Du praktizierst also das, was es abzuschaffen gilt?

Letztlich widerspricht auch deine Aussage, dass es Wert nur dort gibt, wo es Unwert gibt, meiner Erfahrung. Obwohl ich, wie jedes Leben und auch du, ununterbrochen bewerte, also in Werten, Bewertungen und Wertschätzungen bewusst bin, habe ich den Begriff „Unwert“ nie gebraucht, und kenne ihn auch nur aus der niederträchtigen  NAZI-Terminologie des „unwerten Lebens“. Wozu diese leere Rhetorik?

Ich vermute schon, dass irgendein verborgener tieferer Sinn in deinen Aussagen steckt. Aber ich kann ihn nicht entdecken. Auch nicht, welche Impulse daraus für die von dir propagierte Subversion ausgehen könnten.

Liebe Grüße,
Helmut

18 Wolfram Pfreundschuh (23.01.2014, 09:06 Uhr)

Lieber Helmut, ich denke, dass es sich hier erstmal „nur“ um ein sprachliches Problem handelt, das allerdings auch oft ein erkenntnistheoretisches Problem ist. Du verwendest den Begriff „Wert“ so, wie ich „Urteil“ verwenden würde, und das ist in meinen Augen etwas ganz anderes. Wenn ich etwas beurteile, habe ich mich im Verhältnis zu dem Beurteilten entwickelt und eine Beziehung gefunden, die beim Bewerten nicht sein muss.

In meinem Lexikon hab ich das so formuliert:

„Der Wert einer SacheVorstellungIdee, Behauptung oder ähnlichem entsteht – im Unterschied zu einem Urteil – durch eine Bewertung, welche ihre Bedeutung und ihr Maß durch eine ihr äußerliche Qualität bestimmt, also durch etwas, was sie nicht ist. Wert hat etwas nur, weil es nicht als das da ist, was es sein soll, weil Sein und Dasein entzweit ist, weil ein Aufwand nötig ist, dass es werde, und zugleich da ist als Maß und Ziel seines Werdens. Wert ist das Vorhandene, das schon ist, aber zugleich nicht für die da ist, für die es Wert hat. Wert ist ein Verhältnis von Reichtum und Mangel, ein Verhältnis dort wo Mangel herrscht, und der herrscht als Reichtum über den Mangel. Wert ist die Einheit von beidem, an sich ein Widersinn, der sich im wirklichen Leben nur als Widerspruch verwirklichen kann, als Bereicherung durch Mangel, als Entzug einer Reichhaltigkeit, die Bereicherung nötig macht.“ (http://kulturkritik.net/begriffe/index.php?b=wert)

Gerade am Nazi-Begriff des Unwerts erkennst Du die Verwendbarkeit von Wert, der ja dies immer auch unterstellt. Hier gibt es einen Unwert, – ein Unurteil gibt es dagegen nicht. Es ist dann ein Fehlurteil.

Zur „Utopie“ des Verhältnisses Arbeit/Freizeit will ich noch anmerken, dass ich damit, wie ich sagte, nicht Zukünftiges, sondern Existenzformen einer Getrenntheit beschrieben hatte, dass man also begriffen haben sollte, dass es existenziell entscheidend ist, ob commens wirklich an diesem Verhältnis etwas ändern, oder ob es sich lediglich um die Freiwilligkeit guter Taten handelt, wie die Du ja auch am Beispiel des Alpenvereins beschreibst. Solange dies alles nur in Freizeit möglich ist, ist es lediglich eine sprachliche Selbsttäuschung und von daher reaktionär. Zu einer neuen Beziehung von Freiheit und Notwendigkeit halte ich es unumgänglich, das Privateigentum als Existenzform aufzuheben.

Gruß Wolfram

19 Franz Nahrada (23.01.2014, 22:08 Uhr)

Das ist ja jetzt wirklich schon weit offtopic abgeglitten, aber was weit schlimmer ist, es ist jetzt bei mir so dass ich die Argumentation wieder einmal gar nicht verstehe. Oder umgekehrt: ich finde es einfach saumäßig verkehrt, wie ein bestimmter Stil zu denken einen andern Stil zu denken desavouiert. Wieso soll denn ein Werturteil nicht überführbar sein in ein Urteil des Begriffs und umgekehrt?

Und zum sachlichen wäre schon im einzelnen darzulegen, warum Transformation nicht möglich, Subversion hingegen neue Verkehrsformen und eine positive Aufhebung des Privateigentums mit sich bringen soll.

20 Wolfram Pfreundschuh (23.01.2014, 22:31 Uhr)

Wenn es „offtopic“ ist und nur Stilfragen betrifft, dann sollten wir doch aufhören damit, oder?

21 Franz Nahrada (23.01.2014, 22:36 Uhr)

Naja, vielleicht ist eine Verständigung mal wirklich in einem Skype zu dritt leichter möglich.

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