Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Wahrheit und Verantwortung(-slosigkeit)

Im Forschungsprojekt »Keimform« gibt’s einen neuen Text von Annette Schlemm zum »Wahrheitsanspruch von Wissen« – auch angeregt durch eine Diskussion über mentale Modelle einmal hier und zum zweiten hier. Reaktionen gibt es nicht nur in den Texten in Form von Kommentaren bei den Projekttexten, sondern auch außerhalb, zum Beispiel als Dorftratsch. Darum soll es in diesem Beitrag gehen.

Ich frage mich ganz ernsthaft: Wie kann man die Frage stellen, ob „es der Wissenschaft um die Veränderung der Welt gehen“ darf? Und ich frage mich genauso ernsthaft, warum im Dorftratsch (ist ja nur ein zufälliges Beispiel dort) die Texte zu mentalen Modellen und Wissenschaft mit zwei Bemerkungen abgefertigt werden: „alter Hut“ (=nichts Neues) und „links-intellekttuell schwülstig“ (=abgehobenes Zeug, hat nicht viel mit der Realität zu tun). Woher kommt diese Verweigerungshaltung?

Ok, hier meine These: Eine verantwortungslose Gesellschaft legt ein Verhalten nahe, in der Übernahme von Verantwortung generell abgelehnt oder vermieden wird. Um sich präventiv und vorausahnend jede mögliche sich anbahnende Verantwortung vom Leib zu halten, muss (a) der Zusammenhang von Wissen(schaft) und Veränderungsmöglichkeit zurückgewiesen und (b) jede denkende Herausforderung, die sich nicht auf der unmittelbar-sinnlichen Oberfläche bewegt, als Zumutung abgelehnt werden – und dies dann noch mit einer Haltung des „undogmatischen“ etc. Denn will je ich ein redlicher und mir sich selbst gegenüber ernstzunehmender Mensch sein, bedeutet (a), dass ich erkannte Veränderungsmöglichkeiten auch angehen müsste und (b), dass ich die Scheinevidenz des Sinnlichen hinterfrage, was bedeutet, mich denkend anzustrengen und mit ziemlicher Sicherheit mit den nahegelegten Denk- und Handlungsformen in Konflikt zu geraten.

Zu dem Ganzen gehörte auch, die hier aufgeworfenen Fragen als bloß moralische – oder, als Variante davon, als persönlich vorwerfende – zu behandeln und damit letztlich von sich zu weisen. Um nämlich die hier thesenhaft beschriebene restriktive Umgangsweise mit inhaltlichen Herausforderungen diskutierbar zu machen, müsste genau das, was wie in (a) und (b) beschrieben abgelehnt wird, aktiv durchbrochen und auf je sich selbst bezogen werden. Das macht es allerdings noch schwieriger. Traurig ist, dass es letztlich auf eine Art der „Selbstentmächtigung“ hinausläuft – das Gegenteil dessen, was wir brauchen.

Die beschriebene Form der Abwehr ist glücklicherweise nicht die einzige Rezeptionsform. Die Texte im Keimform-Projekt haben auch sehr „sich auf die Sache einlassende“ und in diesem Sinne „verantwortungsvolle“ Kommentare hervorgerufen.

Kategorien: Praxis-Reflexionen

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3. Dezember 2006, 13:09 Uhr   20 Kommentare

1 benni (03.12.2006, 15:51 Uhr)

Bevor ich mich aufrege, frag ich lieber mal nach: Bin ich damit auch gemeint?

2 StefanMz (03.12.2006, 16:13 Uhr)

Ja, mit dem letzten Absatz. Du warst doch nicht am Dorftratsch beteiligt, oder?

Mir ging es aber eigentlich nicht darum, wer nun da im Einzelnen was geschrieben hat, also nicht um die Personen, sondern um die Struktur. Wahrscheinlich kriege ich aber trotzdem Dresche – wenn nicht von dir, dann von denen, die sich dann doch als individuelle Personen angesprochen fühlen.

3 snauth (03.12.2006, 17:07 Uhr)

@StefanMz: Mit dem eigenen Modell die Ablehnung des eigenen Modells zu erklaeren: Das ueberzeugt niemanden, auch wenn es natuerlich gaengige Praxis ist. In meiner Wissenschaft bemuehe ich mich stattdessen, die eigenen Begriffe staerker zu machen, indem sie Kritiken als Kritiken ernst nimmt statt sich gegen sie abzuschotten. Oder anders gesagt: Recht zu bekommen anstatt recht zu haben.
Meine Herausforderung an was ich hier bisher ueber mentale Modelle und wissenschaftliche Wahrheit gelesen habe waere: Alltagstheorien, sinnliche Wahrheit, unmittelbar erlebte Koerperlichkeit, die und das Einzelne, inkommensurable Fragmentierung, metaphysische Erlebnisse, usw nicht als Un- und Nichtbegriff (Schein oder gar Trug) auszugrenzen sondern sich von ihnen einen Begriff zu machen, der ihnen im hier und jetzt nicht als zu Ueberwindendes das Existenzrecht abspricht. Waere das am Ende gar dialektisches Denken?
Aber das nur nebenbei…

4 StefanMz (03.12.2006, 18:09 Uhr)

Mit dem eigenen Modell die Ablehnung des eigenen Modells zu erklaeren: Das ueberzeugt niemanden…

Meinst du „…die Ablehnung eines anderen Modells“? Sonst verstehe ich die Aussage nicht.

Ansonsten stimme ich dir zu. Überrascht?

Außer vielleicht „Recht zu bekommen“ – ich glaube, darum geht es nicht, sondern um eine größere Handlungsfähigkeit, das ist letztlich der Maßstab. Allerdings ist genau das dann auch als Teil von Wissenschaft anzunehmen.

Vielleicht hast du auch gelesen, dass Annette im Dorftratsch durchaus inhaltlich auf die Kritik eingegangen ist. Das war nicht meine Intention hier, sondern Thesen zur Struktur solcher Reaktionen zu formulieren. Ich habe vorher auch lange überlegt, ob ich das machen kann, denn gemeinhin „macht man sowas nicht“. Und so regt sich Benni auf – obwohl nicht gemeint – und du liest es als Abschottung. Und ich fühle mich „schuldig“, obwohl ich gleichzeitig denke: Das kann es doch nicht sein. Und ich ärgere mich, dass du deinen Beitrag, der mal eben fordert, die volle Reichhaltigkeit der Welt aufzunehmen, mit der letzten Bemerkung „…das nur nebenbei“ ins Unernste ziehst: Eine Kopfnuss im Vorübergehen. – Da sind wir alle empfindlich und verunsichert.

5 benni (03.12.2006, 19:28 Uhr)

Ja, mit dem letzten Absatz. Du warst doch nicht am Dorftratsch beteiligt, oder?

Nein, ich war nicht im Dorftratsch. Dein Artikel war für mich aber zum einen so allgemein formuliert, dass mir nicht klar war, das Du nur den Dorftratsch meinst und nicht auch die OT-Diskussionen. Zum anderen habe ich in der von Dir kritisierten Haltung a) und b) durchaus ein Stück weit das wiedererkannt, was ihr mir oft entgegenhaltet (Wenn auch vielleicht nicht in dieser Zuspitzung). Und da wollte ich halt einfach mal hören, ob ich nicht vielleicht wirklich gemeint sein könnte. Ich bin froh, dass es nicht so ist.

Mir ging es aber eigentlich nicht darum, wer nun da im Einzelnen was geschrieben hat, also nicht um die Personen, sondern um die Struktur. Wahrscheinlich kriege ich aber trotzdem Dresche – wenn nicht von dir, dann von denen, die sich dann doch als individuelle Personen angesprochen fühlen.

Ich muss sagen, Deine These liest sich für mich auch ein bisschen wie Selbst-Imunisierung, da muß ich snauth zustimmen. „Recht bekommen“ finde ich allerdings auch nicht so super wichtig (auch wenns manchmal guttut). Handlungsfähigkeit fände ich klasse, mir ist aber nicht klar, inwieweit die hier von Dir formulierte These handlungsfähig macht. Die Dorftratsch-Leute sicherlich nicht, die regen sich auf (wenn sie es überhaupt hier finden) und Dich doch eigentlich auch nicht, oder?

6 Annette (03.12.2006, 20:15 Uhr)

Hallo,

ich hab auch eine Meinung dazu, siehe: http://www.thur.de/philo/kf/disk1.htm.

Ich beziehe diese Antwort explizit auf die DorfWiki-Dorfklatsch-Seite.

Beste Grüße
von Annette

7 snauth (03.12.2006, 21:06 Uhr)

Mit dem eigenen Modell die Ablehnung des eigenen Modells zu erklaeren: Das ueberzeugt niemanden…

Meinst du “…die Ablehnung eines anderen Modells”? Sonst verstehe ich die Aussage nicht.

Ja klar, das meinte ich.

Ansonsten stimme ich dir zu. Überrascht?

Nein, gar nicht ueberrascht, wenn ich nicht eine gemeinsame Basis vermuten wuerde, dann wuerde ich hier nicht zuweilen kommentieren.

… ins Unernste ziehst: Eine Kopfnuss im Vorübergehen. – Da sind wir alle empfindlich und verunsichert.

OK, tut mir leid. Intendiert war meine eigene Schwulstigkeit etwas abzumindern, aber anscheinend habe ich dich (Euch? Wer ist das?) damit getroffen. Wird nicht wieder vorkommen.

8 StefanMz (03.12.2006, 21:20 Uhr)

@benni: Also, um das mal ganz deutlich zusagen: Ich finde deine Kommentare eigentlich immer sehr hilfreich und bereichernd – auch (oder vielleicht gerade) wenn wir nicht übereinstimmen. Aber das wissen wir dann ja auch voneinander oder ahnen es. Diese Kritiken oder Fragen – oft sind es ja Fragen, die mir noch viel deutlicher Defizite zeigen als Kritiken – möchte ich nicht missen.

Und das auch noch: Ich sehe mich durchaus von meiner Kritik, sich Verantwortung nicht zu stellen, mit betroffen. Nicht gerade in den Punkten (a) und (b), wie ich sie beschrieb – meine Entzugsvarianten sind da vielleicht etwas subtiler;-) Aber ich halte mir zu Gute, dass mir das halbwegs klar ist. Eine absolute Forderung wie „sei verantwortungsvoll“ ist nämlich genauso problematisch, wie etwa „entfalte dich selbst“ – das geht nun mal unter dem zuwiderlaufenden Bedingungen nicht oder nur partiell. Worüber ich nur (immer wieder) entsetzt bin, ist die Tatsache, diesen durchaus individuell begründeten und nachvollziehbaren Entzug als das (gar: einzig) Richtige gerechtfertigt zu bekommen.

Ok, vielleicht schreibe ich mal ausführlicher was zum Verhältnis von Kritik, die auch Selbstkritik ist, und Handlungsfähigkeit. Eine These selbst macht noch nicht handlungsfähiger, das stimmt schon.

9 snauth (03.12.2006, 21:23 Uhr)

“Recht bekommen” finde ich allerdings auch nicht so super wichtig (auch wenns manchmal guttut). Handlungsfähigkeit fände ich klasse, mir ist aber nicht klar, inwieweit die hier von Dir formulierte These handlungsfähig macht. Die Dorftratsch-Leute sicherlich nicht, die regen sich auf (wenn sie es überhaupt hier finden) und Dich doch eigentlich auch nicht, oder?

Der Unterschied zwischen recht haben und recht bekommen ist grundsaetzlicher, als es sich vielleicht anhoert.

Hinter ersterem steht ein essentialisierender Begriff von Wahrheit (man ist im Besitz von Wahrheit oder eben nicht). Die, die nicht recht haben, sind zu belehren (durch bessere Darstellung der Wahrheit, die man hat, und wenn sie sich nicht belehren lassen, dann aergert man sich.

Hinter „recht bekommen“ steht ein performativer Begriff von Wahrheit (oder von mir aus auch deliberativer oder prozessualer Begriff: Wahrheit stellt sich in gemeinsamen Praxen unter bestimmten Bedingungen her). Ein produktiver Umgang mit Kritik wuerde in diesem Sinne versuchen aus dem im Dorftratsch formulierten Unbehagen zu lernen – soweit das eben moeglich ist – was manchmal voraussetzt den anderen produktiv misszuverstehen.

Der Punkt fuer mich dabei ist, wie du schon andeutest, aus der Defensive herauszukommen.

10 Franz (05.12.2006, 11:01 Uhr)

…dazu nur eine Bemerkung: die Überschrift des ersten Teils im Dorfwiki ist für mich kein wirklicher Diskussionsgegenstand und nicht mal des Diskutierens wert, sondern eine nachträglich aufgemachte ironische Kennzeichnung der Debatte mit Ernst Gruber, die sich für mich bisweilen auf einer völlig un-ernsten Ebene abspielt. Ernst ist ein zutiefst Gläubiger (an das Individuum, die Kreativität, die Individualität und die unio mystica der Menschen guten Willens sowie die positive Kraft des Denkens) und handelt und denkt in der Logik dieses Glaubens, als solchen kennen und nehmen und ertragen und bestaunen wir ihn im Dorfwiki (es gibt ja noch andere Denkformen neben der Wissenschaft und mit denen braucht es irgendeine Form von Koexistenz, freilich ohne faule Kompromisse), und ab und zu wird halt ein bischen Dampf abgelassen…. vielleicht hätte ich eine andere Überschrift wählen sollen. … wie schon der Titel der Seite „Dorftratsch“ sagt ist hier nicht der Ort für inhaltlich präzise Ausgeführtes…Eine Äußerung des praktischen Gefühls wie „Schwulstig“ läßt sich natürlich kritisieren,sie läßt sich aber auch begründen, das haben Uwe und Helmut schon vor der Kritik von Stefan getan, darauf geht der Hinweis von Stefan aber leider nicht ein, ihm genügen die 2 völlig unzusammenhängenden Ausgangspunkte, weil sich darauf bequem Kritik aufhängen läßt..Eine allgemeine Haltung zur Wissenschaft im Dorfwiki aus solchen Bemerkungen ableiten zu wollen ist etwas abgedreht, bei etwas genauerer Beobachtung hätte sich zum Beispiel entdecken lassen daß Uwe einer großen wissenschaftlichen Entdeckung auf der Spur ist…ich bin in diesem Kontext ärgerlich daß zum Beispiel der Artikel fürs Open Source Jahrbuch [ http://www.dorfwiki.org/wiki.cgi?BeitragOpenSourceJahrbuch/ArtikelInProgress ] den ich per email an alle möglichen Leute geschickt habe von kaum jemandem gewürdigt und vielleicht sogar durch sachdienliche Hinweise oder Kritik auf der Diskussionsseine unterstützt wird – während Sachen, die wirklich im nächsten Augenblick schon vergessen sein sollten, weil sie reine en passant Äußerungen darstellen, zum Thema von hochfliegenden Diskussionen und Erörterungen werden.

11 Helmut Leitner (05.12.2006, 16:56 Uhr)

Ich denke, dass Ernst es verdient, ernst genommen zu werden, in seiner Art als impulsive, un-diplomatische individualistische „Stimme des Volkes“. Er sagt im Prinzip „der Text ist furchtbar, diese Art von Wissenschaftlichkeit ist mir zuwider“. Das kann man nicht argumentativ erwidern, sondern man kann es nur entweder verdrängen oder als Feedback nehmen und versuchen, eine Sprache und Denke zu finden, die den Mann von der Straße auch erreicht.

Meine Kritik, und es ist ja „alter Hut“ und „Schwust“ explizit genannt, geht hoffentlich mehr an die Substanz. Da geht es seit Wochen, an verschiedensten Orten um den Begriff „Keimform“ und dann bebt der Berg und es wird eine Forschungsmaus geboren, die bei Adam und Eva beginnend „Wissenschaft“ und „Wahrheit“ definiert und eine Ersatzdiskusson über „Methoden“ beginnt. Irgendwie soll dann wohl, aus den verschlungenen Denkbegegungen und zermahlenen Worte nach ein paar hundert Seiten Text magischerweise Klarheit zur Keimform entstehen?

Vielleicht im Namen von „das Wahre ist das Ganze“, das in der Diskussion um die marxistische Wissenschaftlichkeit die bedenkenswerte Position des Popper’schen Kritischen Rationalismus ausklammert, der von Wissenschaft überschaubare und prüfbare Aussagen verlangt? Wo ist die intellektuelle Redlichkeit angesichts der Kritik? Wo ist die dialektische Synthese jenseits dieser Gegenposition?

Wie wird die Paradoxie umschifft, dass Kritische Theoretiker zwar die Emanzipation des Menschen und Erweiterung seiner Handlungsmöglichkeiten fordern, aber mit dem Gestus mittelalterlich-lateinsprechend-authoritätserheischender Priester Konstruktionen vorgeben und den autonomen Zugang zu vermeintlichem Wissen und damit Entscheidungsfähgkeit verbauen?

Wie kann man die Emanzipation des Menschen wollen, ohne ihm zu vertrauen?

12 benni (06.12.2006, 10:04 Uhr)

@Helmut: Na sowas, da wagt mal jemand einen offenen Forschungsprozess und lässt sich in die Karten gucken und Du beschwerst Dich über vermeintliche Elfenbeinturmerei und dass sie nicht sofort den Stein der Weisen haben. Tatsächlich: Wie kann man die Emanzipation des Menschen wollen, ohne ihm zu vertrauen?

Danke übrigens für die Einweihung unserer zweiten Kommentarseite, ich wusste noch garnicht, dass wir sowas haben.

13 Helmut Leitner (06.12.2006, 11:37 Uhr)

Benni, ihr müsstet phänomenologische Evolutionsforschung betreiben. Statt dessen erfolgt die Reinterpretation historischer Texte und Denkpositionen. Ihr habt euren Blick überhaupt noch nicht auf den Forschungsgegenstand gerichtet.

14 benni (06.12.2006, 12:00 Uhr)

@Helmut: Dein „ihr“ ist falsch adressiert. Ich bin selbst nur interessierter Beobachter.

15 snauth (07.12.2006, 08:30 Uhr)

die Reinterpretation historischer Texte und Denkpositionen

Eine Nachfrage @Helmut: Wann genau wird ein Text ein historischer? 10 Jahre, 50 Jahre, 100 Jahre? Ich hatte mich naemlich auch gefragt, warum es denn der reichlich angestaubte Kuhn mit seinen Paradigmen sein muss, der als Gegenfolie herhalten muss. Gibt es doch neuere „RelativistInnen“, wie beispielsweise Donna Haraway oder Bruno Latour, die es beide ohne Kuhn vielleicht nicht gaebe, die aber meines Erachtens deutlich interessanter sind. Aber dann dacht ich mir, naja, was soll dieser Aktualitaetsfetisch. Wenn Kuhn als weiterhin relevant aufgefasst wird, dann kann man sich ja auch auf diese Diskussion einlassen.

16 HelmutLeitner (08.12.2006, 09:25 Uhr)

@snauth, ich glaube, dass Missverhältnis ist klar ersichtlich. Der Artikel ist nicht wissenschaftlich. Er sagt nicht, in welchem Forschungsfeld er sich bewegt, er bietet kein „abstract“ als Zusammenfassung, er stellt keinen Bezug zum Forschungsthema her und grenzt den eigenen Beitrag nicht von den verwendeten Voraussetzungen ab. Als historische Zusammenschau klammert er wesentliche Positionen völlig aus, neben Popper („Abgrenzungsproblem der Wissenschaft gegen die Metaphysik“) kann man auch Luhmann’s Sicht der Wissenschaft als soziales autopoietisches System („Die Wissenschaft der Gesellschaft“) nicht einfach verschweigen. In der Schule würde der Lehrer sagen „Thema verfehlt, es geht um Keimform“.

17 keimform.de » Was kritisches Denken von FOSS Projekten lernen kann (08.12.2006, 09:51 Uhr)

[…] Von seinen Anfängen an hat FOSS vom Wissen(schaft)sethos der Aufklärung gelernt: Frei soll er sein, der Code/Gedanke, und gemeinsam mit Peers wird er entwickelt. Kritische Denker und Denkerinnen sind ebenfalls diesem Erbe verpflichtet. Ich meine, dass nun die Zeit gekommen ist, in der sich diese von den PragmatikerInnen, die in FOSS Projekten Wunderbares schaffen, inspirieren lassen sollten. Probehalber und auch als Beitrag zu der jüngeren Debatte ueber Dorftratsch und das Keimform-Forschungsprojekt lege ich hier einige Thesen vor, wie diese Inspiration aussehen könnte. 1. Given enough eyeballs, all problems are shallow: Der einsame Denker ist in den meisten Fällen eine tragische Figur, auf den Adornos Verdikt ueber den Autodidakten zutrifft: sein Wissen hat immer etwas Einseitiges und Schweres. Ziel kritischen Denkens ist trotzdem nicht Quantität, sondern Qualität durch gemeinsames Denken. […]

18 snauth (08.12.2006, 13:26 Uhr)

In der Schule würde der Lehrer sagen “Thema verfehlt, es geht um Keimform”

Nur dass wir eben nicht in der Schule sind, noch bist du der Lehrer, noch hast du hier die Macht zu bestimmen welche Art von Forschung unter Nennung welcher Theorien (Luhmann, Popper) und Einhaltung welcher Formalia (abstract usw) legitim ist. Wenn das hier also keimform.de waere (was es ist), so wuerde ich sagen: „Ort verfehlt, es geht um Keimform“.

19 Helmut Leitner (11.12.2006, 09:40 Uhr)

snauth, ich kritisiere den unwissenschaftlichen Charakter des Artikels, nicht mehr und nicht weniger, an Hand üblicher Kriterien, wie Vollständigkeit und Klarheit. Popper und Luhmann sind nur Beispiele für die Unvollständigkeit. Das fehlende „abstrakt“ ist so sehen: es gibt weder Wunsch des Autors noch Möglichkeit aus dem Artikel eine klare Aussage zu gewinnen.

Meine Macht ist zu sagen: So sieht Forschung nicht aus, das ist nicht Wissenschaft.

20 benni (11.12.2006, 10:20 Uhr)

@Helmut: Du vergisst, dass der Status der bisherigen Veröffentlichungen auch gar keiner mit dem Anspruch wissenschaftlicher Vollständigkeit ist. Es geht nur um Verständigung untereinander. Diesen Verständigungsprozeß machen sie dankenswerterweise öffentlich, damit wir auch was davon haben können (aber nicht müssen). Deine Vorwürfe sind wirklich gegenstandslos.

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