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Nicht-Kommerzialität im Gesundheitsbereich: die Friedelpraxis

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"

Friedelpraxis ist ein Experiment unter dem Motto „Gesundheit für Alle“, das wir in unserer Praxis für chinesische und osteopathische Medizin in Berlin-Neukölln im März 2013 gestartet haben. Ziel ist es, Menschen bedarfsorientiert ganzheitliche medizinische Behandlungen unabhängig ihrer ökonomischen Hintergründe zu ermöglichen. Dabei wollen wir als Behandelnde weder bedeutende materielle Einbußen erleiden, noch wollen wir, dass unsere Arbeit ein individueller Akt der Wohltätigkeit ist. Die Reflexion unseres ersten Jahres hat Anfang 2014 ergeben, dass wir weitermachen wollen.

Wesentlich dazu beigetragen hat eine wirksame Unterstützung durch Menschen, in deren Zusammenhang unsere Praxisidee entstanden ist. In regelmäßigen Abständen treffen wir uns, um alle auftauchenden Fragen und Probleme gemeinsam zu bearbeiten, politische Visionen mit unserem Handeln abzugleichen und Informationstexte zu formulieren. Die kontinuierliche Begleitung ist für uns zwei Behandelnde in vielerlei Hinsicht ein tragendes Fundament.

Das öffentliche Krankenversicherungssystem unterstützt leider nach wie vor kaum alternative Gesundheitsansätze, so dass viele Versorgungsleistungen privat bezahlt werden müssen, was sich nicht jede*_r leisten kann. Dadurch stoßen wir in unserer Heilpraxis oft an Grenzen: Frequenz und Häufigkeit von Behandlungen werden bestimmt von der finanziellen Situation der Patient*_innen, manche medizinisch benötigten Behandlungen kommen aus Geldmangel gar nicht erst zustande. Mit unserem Experiment wollen wir dazu beitragen, das zu verändern.

Unsere konkrete Vision ist also leicht in Kürze formulierbar:

Wir möchten nicht, dass Gesundheit vom Geld abhängt –
wir möchten, dass unsere Behandlungen bedarfsorientiert stattfinden können.

Aber: Wie kann das gehen?

– Zum einen können Vereinbarungen abgeschlossen werden, die bei sämtlichen Beschwerden der Patient*_innen das Angebot einer heilkundlichen Behandlung im Rahmen der zeitlichen Möglichkeiten der Heilpraktikerinnen umfassen. In dem Fall wird dieses Experiment mit einem festen – selbst gewählten – monatlichen Betrag unterstützt, unabhängig davon, ob eine Zeitlang gar kein Behandlungsbedarf besteht oder in einem Zeitraum häufiger Behandlungen benötigt werden.

Das bietet die Möglichkeit, sich heilkundlich behandeln zu lassen, ohne sich vor den Kosten zu fürchten. Uns Heilpraktikerinnen bietet es eine gewisse Sicherheit mit einem festen monatlichen Einkommen.

– Zum anderen gibt es die Möglichkeit, sich dem Kreis der Menschen anzuschließen, die schon jetzt dieses Experiment mit festen Dauerspenden (in selbstgewählter Höhe ab 5 €) unterstützen, ohne notwendigerweise behandelt zu werden.

Wie ist die Friedelpraxis entstanden?

2009 hat sich eine Gruppe von neun Menschen unter dem Namen Wukosania zusammengeschlossen, um auf dem Projektehof Wukania in Biesenthal ein nicht-kommerzielles ganzheitliches Gesundheitszentrum zu etablieren. Wir haben Visionen entworfen, diskutiert, uns über gesundheitspolitische Themen ausgetauscht, zwei Räume für Behandlungen und Beratungen eingerichtet und uns mit Verantwortlichen für die Beratung zur Bewerbung und Vergabe von EU-Geldern für Strukturförderungsprogramme zusammengesetzt. Schließlich ist das Vorhaben an nicht miteinander zu vereinbarenden Vorstellungen des Zentrums und persönlichen Konflikten gescheitert.

Einige der politischen und gesellschaftlichen Ideen und Visionen werden in Wukania weiter verfolgt und warten teilweise noch auf konkrete Umsetzung.

Aus Wukosania sind auch die beiden Behandlerinnen der Friedelpraxis hervorgegangen. Ein Hauptunterschied zwischen der Friedelpraxis und anderen NK-Projekten besteht in ihrer Ausgangssituation: die meisten NK-Projekte werden mit der nicht-kommerziellen Grundidee entworfen und gegründet, wohingegen die Friedelpraxis sich aus herkömmlicher Heilpraxisfinanzierung(smöglichkeit) zunehmend transformiert. Allerdings wurde bereits vor Entstehung der Friedelpraxis versucht, nach individuellen Lösungen zu suchen, falls der finanzielle Hintergrund keine herkömmliche Kostendeckung gewährleisten konnte. Das geschah jedoch individuell und im Kleinen. Mit der Friedelpraxis wurde hingegen eine visionär verankerte und von mehr als nur den Behandelnden getragene Struktur geschaffen, die Interessierten und Patient*_innen die Möglichkeit zur politisch-gesellschaftlichen Positionierung bietet.

Was ist seit der Geburtsstunde der Friedelpraxis geschehen?

Das Projekt hat mittlerweile an Ausstrahlung dazugewonnen und weitere Menschen zu solidarischer Unterstützung animiert. Eine Mediendesignerin, die von unserem Experiment begeistert war, hat uns Gestaltung und Druck eines Flyers geschenkt. Im Zuge dessen haben wir eine Homepage [1] für die Friedelpraxis eingerichtet. Eine Frau aus dem Wendland, die innerhalb einer Hofstruktur mit solidarischer Landwirtschaft Kräuter anbaut, stellt Teemischungen für den internen Gebrauch in der Friedelpraxis her. Es gab verschiedene An- und Nachfragen von interessierten Kolleg*_innen für mögliche Zusammenarbeit und Austausch von Erfahrungen. Das Vertriebs kollektiv Schnittstelle, die Produkte aus Bio-Projekten unter Menschen bringt, packt unsere Flyer in ihre Abo-Kisten. Ende Mai 2014 haben wir die Friedelpraxis bei der Fahrradtour zu Kreuzberger und Neuköllner Kollektiven vorgestellt, die von der Regebogenfabrik organisiert wurde. Die Friedelpraxis ist mit anderen nicht-kommerziellen Projekten aus Bereichen der Landwirtschaft, Bildung und Handwerk vernetzt. Überregionale Treffen im Rahmen des NK-Seminars finden seit Jahren halbjährlich statt. [2] Ungefähr alle drei Monate verschicken wir einen elektronischen Newsletter an Interessierte.

Wie reagieren Menschen auf die Friedelpraxis?

Bislang gibt es zögerlich positive bis ungläubig begeisterte Reaktionen von Menschen, denen wir das erste Mal die Friedelpraxis mit ihrem Konzept vorstellen. Diese Reaktionen sind wunderbar, animieren zum Weitermachen, führen aber häufig nicht zur praktischen Umsetzung.

Einige Gründe für dieses Zögern sind uns bekannt, beispielsweise:

  • Vorsicht und Unwille zu Verpflichtungen,
  • Scham, so wenig Geld „zu bezahlen“, wo dieses Projekt doch erst recht unterstützt werden müsste oder
  • manche, die das Projekt gut finden, gerade jedoch keine akuten Beschwerden haben oder keine Zeit finden, reagieren deswegen noch nicht mit Vereinbarungen.

Weiterhin erklären wir uns das Zögern auch damit, dass diese Idee in ihrer Radikalität, die Möglichkeiten der totalen Wahlfreiheit zu lassen und der Versuch, Leistung und Gegenleistung zu entkoppeln, vielen Menschen unvertraut ist und unrealistisch erscheint.

Wandel bedarf Zeit

Bei der Wahl des Ortes zur gesundheitlichen Versorgung ist für einige Menschen die politische Dimension der Friedelpraxis mit ausschlaggebend, weil die „Behandlungen noch wertvoller werden durch die Verbindung von Gesundheit mit politischem Anspruch“.

Wie sieht es aus mit der materiellen Tragfähigkeit?

Stand im September 2014: Derzeit gibt es 20 laufende Vereinbarungen, 8 weitere sind aus unterschiedlichen Gründen wieder gekündigt worden. Es gibt zusätzlich Unterstützungsbeiträge von politischen Gruppen und Einzelpersonen.

Das Umlagesystem der nichtkommerziellen Praxis allein würde (noch) nicht die Lebenshaltungskosten der Behandlerinnen decken. Der Anteil der Einkünfte aus der Friedelpraxis am Gesamteinkommen der Behandlerinnen beträgt jeweils circa 25%.

Die meisten der Vereinbarungsunterzeichnenden stammen bislang aus dem Umfeld des NK-Seminars oder haben aus anderen Gründen zu uns Heilpraktikerinnen gefunden – und im direkten Gespräch mit uns von diesem Projekt erfahren.

Unregelmäßig kommt es zu – meist akuten – Behandlungen von Menschen, die quasi mittel-, versicherungslos und strukturellen (Mehrfach)diskriminierungen ausgesetzt sind. Diese Sitzungen stehen weder mit Geld noch Vereinbarungen im Zusammenhang, sondern sind politisch und sozial motiviert.

Wenn herkömmliche Versicherungen die Kosten der Heilpraktik- oder osteopathischen Leistungen übernehmen, kommt das schlussendlich ebenfalls der nicht-kommerziellen Friedelpraxis zugute. Gesetzliche Kassen übernehmen keine Behandlungskosten der chinesischen Medizin, die von Heilpraktiker*_innen angewendet wird, zunehmend jedoch die der Osteopathie. Der Großteil der Lebenshaltungskosten der Behandlerinnen wird durch Patient*_innen gedeckt, die übliche Behandlungspreise pro Behandlung zahlen, sowie durch praxisexterne Honorartätigkeiten.

Im Falle der (teilweisen) „Kostenübernahme“ durch Versicherungen kann nicht von ‚festem Einkommen‘ die Rede sein. Wir bewegen uns unweigerlich im paradoxen Zustand, Gesundheit nicht als Ware verwerten zu wollen, und dennoch die meisten Behandlungen mit einem Gegenwert zu versehen. Geben und Nehmen zu entkoppeln bleibt eine ständige Herausforderung. Wir finden, den unserem Gesundheitssystem zugrundeliegenden Solidargedanken richtig und nehmen die Möglichkeit, unsere Arbeit darüber zu finanzieren daher gern in Anspruch. Es ist für alle Beteiligten entlastend und unterstützt das Projekt Friedelpraxis.

Den darinliegenden Widerspruch wollen wir bei unserer Weiterentwicklung im Bewusstsein haben.

Update:

Das Projekt befindet sich seit Sommer 2015 in einer Phase der Neuorientierung, da die erste Phase als gescheitert befunden wird und beendet ist. Begleitgruppe und Behandelnde sind im Begriff, strukturelle Veränderungen vorzunehmen, bevor ein Neuanfang gegen Ende 2015 ausgerufen wird.

Fußnoten

Autor*innenbeschreibung:

Der Text stammt von der kompletten Friedelpraxis, also der Begleitgruppe und beiden Behandelnden.

Kategorien: Commons, Praxis-Reflexionen

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15. Februar 2016, 14:42 Uhr   0 Kommentare

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