Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
Artikel drucken

Commonismus statt Sozialismus

aufhebung-des-kapitalismus[Beitrag aus: Aufhebung des Kapitalismus, Argument-Verlag, S. 259-277]

Die widersprüchliche Herausbildung einer neuen Produktionsweise

»Die soziale Revolution … kann ihre Poesie nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der Zukunft« (Marx 1852: 117).

In der linken Debatte fällt schnell auf, dass es keinen einheitlichen Begriff des Sozialismus gibt. Zwei Argumentationsstränge lassen sich identifizieren. Ein Strang erklärt offen, dass es sich beim Sozialismus um eine warenproduzierende Gesellschaft handele, in der getrennt produziert werde und folglich die Produkte Warenform annähmen. Im durch einen zentralen Plan geregelten Austausch behielten folglich Wertgesetz, Preis und Gewinn ihre regulatorische Funktion. Ein anderer Strang spricht von bloßer Güterproduktion, bestreitet also die Warenförmigkeit der Produkte mit dem Verweis auf das Gemeineigentum an den (wesentlichen) Produktionsmitteln sowie dem Plan, der den Markt als Vermittlungsinstanz durch einen „politischen“ Mechanismus ersetze. Diese Stränge stehen nicht so getrennt nebeneinander, wie die hier gewählte vergröberte Darstellung es nahelegen mag. In beiden spielt etwa etwa der Plan eine zentrale Rolle. Signifikant ist dennoch die völlige Uneinigkeit über den besonderen Charakter der sozialistischen Produktionsweise – Warenproduktion oder nicht?

Lösen wir die Uneinigkeit auf und versuchen wir den Sozialismus hinsichtlich seiner transformatorischen Potenz zur Aufhebung des Kapitalismus zu bewerten. Gemeinsam ist beiden Strängen der Bezug auf die Arbeitswerttheorie in der marxschen Fassung, die in der Regel positiv gelesen wird. Aus meiner Sicht war Marx‘ Intention jedoch die Analyse und Kritik der Bewegungsformen („Metamorphosen“) der Warenproduktion und nicht die Bereitstellung eines Methodensets, nach dem Ökonomie gestaltet werden könnte. Marx schloss eine Neugestaltung der Produktion in den Kategorien der Warenproduktion aus. Unter dem Druck der Arbeiterbewegung, die Bilder und pragmatische Handlungsanweisungen forderte, war jedoch auch er nicht gegen Rückfälle gefeit [1]. Akzeptiert man die Arbeitswerttheorie als transhistorische oder mindestens auch für den Sozialismus gültige Grundlage der Ökonomie, so folgen Arbeitszeitrechnung, Äquivalenzprinzip und Leistungsgerechtigkeit [2] auf dem Fuße – bis hin zur Konsequenz, dass sich die zur „Produktion [der Waren] gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit als regelndes Naturgesetz gewaltsam durchsetzt, wie etwa das Gesetz der Schwere, wenn einem das Haus über dem Kopf zusammenpurzelt“ (Marx 1890: 89). Dem meinten Sozialist*innen dadurch zu entkommen, dass sie nicht von einer „naturwüchsige[n] Glieder[ung] der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit allseitig voneinander abhängigen Privatarbeiten“ und bloß „zufälligen und stets schwankenden Austauschverhältnissen“ (ebd.) ausgingen, sondern im Plan jene Instanz sahen, mit der die Gliederung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und damit die Austauschverhältnisse systematisch zu regeln sein müssten.

Kann man schöner irren? Es ist tatsächlich schwer einzusehen, dass der im besten Wollen politisch gestaltete Plan letztlich doch von dem hinter dem Rücken der Akteure wirkenden Wertgesetz bestimmt sein soll. Aber es ist so. Noch schwerer ist es für aufrechte Sozialist*innen schließlich, den letzten logischen Schluss mitzugehen: Sozialismus ist eine warenproduzierende Gesellschaft und damit dem Kapitalismus ökonomisch strukturähnlich. Sie hat daher keine transformatorische Potenz in Richtung der Aufhebung des Kapitalismus, jedenfalls nicht mehr als dieser selbst [3]. Zurück also auf Los, stellen wir die Transformationsfrage neu.

Der Kapitalismus ist eine Klassengesellschaft, nur ist die Klassenfrage nicht der unmittelbare Hebel zur Aufhebung des Kapitalismus. Wenn die Einsicht akzeptiert wird, dass die Frage des „Wie wird produziert“ der Frage des „Wer verfügt über die Ergebnisse der Produktion“ vorgeordnet ist, dann wird klar: Bei der Transformation geht es um den Aufbau einer neuen Produktionsweise jenseits der Warenform. Um sich das zu verdeutlichen, seien die für die Kritik der Warenproduktion wesentlichen Punkte kurz skizziert.

Kritik der Warenproduktion

Ausgangspunkt ist der Begriff der Ware. Bei der Ware handelt es sich nicht einfach um ein „Ding“, sondern um ein soziales Verhältnis zur Herstellung unserer Lebensbedingungen im umfassenden Sinne. Die Tatsache, dass die meisten Menschen bei der Ware zunächst an ein Ding denken, illustriert den verkehrten Zusammenhang, den Marx den „Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden“ (Marx 1890: 87) nannte. Voraussetzung und Resultat der Warenproduktion ist die exklusive Verfügung über die Produktionsmittel, das Privateigentum.

Der Begriff des Privateigentums ist eigentlich ein „weißer Schimmel“, ist doch Eigentum immer „privat“ (lat. privare: berauben). Eigentum ist keine Beziehung von Personen in Bezug auf Sachen, sondern es fasst die Beziehung zwischen Personen in Bezug auf Sachen. Eigentum schließt Dritte von der Verfügung über ein Gut aus, ist also wie die Ware ein soziales Verhältnis. Das Gegenteil von Privateigentum ist folglich nicht das Gemeineigentum. Dieses kann man als kollektives Privateigentum begreifen, das dem individuellen Privateigentum strukturell gleichartig ist. Es ist unerheblich, ob Dritte von der Verfügung über Sachen von einem Individuum, einem Kollektiv oder einer Körperschaft ausgeschlossen werden.

Die strukturelle Kernkonstitution des Eigentums und der durch es sanktionierten Warenbewegung kann somit als Exklusionslogik begriffen werden. Die Ware bewegt und verwandelt sich in gegensätzlichen, einander ausschließenden Formen: Relativ- und Äquivalentform, konkrete und abstrakte Arbeit, Gebrauchswert und Wert, Produktion und Verwertung, Verwertung und Externalisierung, Kauf und Verkauf etc. Die Gegensätzlichkeit der „Metamorphose(n) der Waren, welche den gesellschaftlichen Stoffwechsel vermittelt“ (Marx 1890: 119) spiegelt sich in den gesellschaftlichen Spaltungen, die sie erzeugt. Dabei ist die Klassenspaltung nur eine von vielen. Im Kapitalismus werden die Spaltungen entlang nahezu jeder sozialen Dimension erzeugt: Geschlecht, sexuelle Präferenz, Hautfarbe, Alter, Bildung, Sprache etc. Diese sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche durchziehende Logik des Drinnen und Draußen bezeichne ich als Exklusionslogik. Die Exklusionslogik ist dabei stets ein dynamisches Verhältnis von realen Inklusionen und Exklusionen. Das Kapital inkludiert durchaus gerne jene, die seine Exklusionsfähigkeit gegenüber Dritten steigern. Die der Ware immanente und durch das Eigentum sanktionierte Exklusionslogik kann nicht entlang nur ein(ig)er Exklusionsdimension(en) aufgehoben werden, sondern eine Aufhebung ist nur möglich durch Aufhebung der sozialen Bewegungsform „Ware“ und „Eigentum“ bei der Produktion der Lebensbedingungen auf dem Wege der Durchsetzung einer neuen Produktionsweise.

Eine weitere Begründung, warum Vorstellungen der „Übernahme der Produktion“ durch Eroberung der Macht (auf welcher Ebene auch immer: Betrieb, Staat, Welt) nicht gangbar sind, findet sich in der Produktion selbst. Die Produktion ist kein neutrales Aggregat der Erzeugung von Mitteln zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, sondern die dargestellte spezifische soziale Bewegungsform der Ware unterliegt einem bezüglich der Bedürfnisse fremden Zweck, nämlich der Verkaufbarkeit, Mehrwertrealisierung und Profitmaximierung. In fetischistischer Verkehrung sind die Mittel dem fremden, feststehenden Zweck untergeordnet und werden von diesem geformt. Dies findet sich nicht nur zum Beispiel beim in die Produkte eingebauten Verfall („geplante Obsoleszenz“), sondern auch die Produktionsmittel sind mit dem Zweck durchsetzt, dem sie dienen. Mehr noch: Sie sind Vergegenständlichungen des Verwertungszwangs. Konzepte der „Übernahme der Produktion“ importieren diese Kontaminationen. Selbst wenn man von den sozialen Bewegungsformen der Ware, also der Exklusionslogik, absieht, können die Mittel zu ihrer Herstellung nicht ohne weiteres aus ihrem Kontext genommen und einem anderen Zweck unterstellt werden. Eine Fabrik zur Produktion von Keramik für den Markt produziert auch nach ihrer Übernahme durch die Arbeitenden Keramik für den Markt will sie nicht untergehen und die betroffenen Familien weiterhin ernähren.

Abbau, Umbau, Neubau

Stattdessen muss es um eine Neuschöpfung und Neukonfiguration von Produkten, Mitteln und Produktion gehen. Das ist ein komplexer Prozess der Aufhebung im dreifachen Sinne des Wortes: Beenden schädlicher, Umbau tragfähiger und Übernahme nützlicher Produktionsverfahren. Dabei werden vor allem solche Mittel und Werkzeuge in die neue Produktionsweise eingehen, die weitgehend universellen Charakter besitzen. Auch aus diesem Grund spielen Hightech-Werkzeuge und -Produktionsmittel eine zentrale Rolle bei den keimförmig entstehenden Projekten des Commonismus.

Einige Beispiele seien genannt. Wikipedia (wikipedia.org) ist eine Online-Plattform zur offenen Erstellung und Nutzung von enzyklopädischen Artikeln und hat auf diese Weise die proprietären, geschlossenen Pendants wie die Encyclopedia Britannica oder den Brockhaus auskooperiert [4]. Wikispeed (wikispeed.com) ist ein offenes Projekt zur Herstellung von modular aufgebauten, reparierbaren, Ressourcen schonenden Autos, das die Verfügung über das Gut wieder zurück in die Hände der Nutzer*innen gibt. Das Projekt Open Source Ecology (opensourceecology.org) hat sich mit dem Aufbau des Global Village Construction Set das Ziel gesetzt, die 50 wichtigsten Produktionsmittel zu entwickeln, die erforderlich sind, um eine lokale Gemeinde mit allen Gütern zu versorgen, die dem heutigen Stand der Möglichkeiten entsprechen. Die Auswahl ist willkürlich, und die Liste könnte beliebig verlängert werden. Projekte gibt es in allen Bereichen der Produktion: Elektronik, Pharmazie, Biotech, Robotik, Medizin, Kleidung, Möbel, Häuser, Landwirtschaft etc. Bei allen Projekten sind die Pläne frei zugänglich. Open Source und offene Kooperation sind Designprinzipien.

Signifikant sind die Unterschiede der physischen Beschaffenheit der resultierenden Produkte im Vergleich zu ihren Warenpendants. Kriterien, die unter Verwertungsbedingungen üblicherweise ignoriert werden, sind hier Konstruktionsprinzipien von Anbeginn der Entwicklung. Die Produkte sehen nicht nur anders aus, sie sind modular aufgebaut, zugänglich, dokumentiert, reparierbar, haltbar etc. Doch hier soll keine idealistische Schönschreibung betrieben werden. Es ist klar und in verschiedener Form auch deutlich sichtbar, dass die Projekte in einem strukturell feindlichen Umfeld bestehen müssen. Es geht dabei auch immer um Geld und die Finanzierung der Projekte, womit die Frage aufkommt, inwieweit sich die Projekte auf die Marktlogik einlassen oder auch bei der Finanzierung die Tauschlogik tendenziell unterlaufen (etwa durch Crowdfunding, Stiftungsfinanzierung oder Spenden). Diese Widersprüche können jedoch in diesem Artikel nicht weiter diskutiert werden (vgl. Meretz 2015).

Hat die hier nur angedeutete Alternative des Aufbaus einer neuen, commonistischen Produktionsweise unter den Bedingungen der Dominanz der alten, kapitalistischen eine Chance zur Durchsetzung? Wie könnte eine andere Form der gesellschaftlichen Vermittlung aussehen, wenn Markt und Plan als Möglichkeiten ausscheiden? Eine den sich vor unseren Augen bereits vollziehenden Realprozess begreifende theoretische Annäherung sei nun unternommen.

Gesamtgesellschaftliche Vermittlung jenseits der Warenform

Die gesellschaftliche Vermittlung wird durchschnittlich von den Menschen hergestellt, ist aber gleichzeitig vom konkreten einzelnen Beitrag unabhängig. Diese Doppelbeziehung macht die menschliche Handlungsfreiheit aus, die in dem Maße wächst, wie ich darauf vertrauen kann, dass der Vermittlungszusammenhang stabil funktioniert. In der Warengesellschaft wird dieses prekäre Vertrauen durch ein allseitiges System strukturellen Zwangs und die alles durchziehende Exklusionslogik hergestellt. Das Modell des gegenseitigen In-Schach-Haltens in der allgegenwärtigen Konkurrenz funktioniert solange gut, wie die systemische Integrationsfähigkeit durch Absorption von Arbeitskräften zum Zwecke der Verwertung die negativen Konsequenzen der realen Exklusionen übersteigt [5]. Wie kann nun eine Alternative gedacht und praktiziert werden?

Ansatzpunkt ist der erste Satz im Band 1 des Kapital von Karl Marx (Marx 1890: 49): „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform“ [6]. Die Ware wird hier als Elementarform der kapitalistischen Produktionsweise bestimmt. Eine Elementarform fasst die soziale Kernstruktur und -logik einer Produktionsweise. Sie ist die soziale Mikroform, die die gesellschaftliche Makroform erzeugt und umgekehrt [7].

In jeder historischen Epoche ist eine Elementarform konstitutives Moment im gesellschaftlichen Zusammenhang und hat auch nur dort ihre die Epoche bestimmende Funktion. Drei Epochen können herausgehoben werden. In den agrarischen Klassengesellschaften von der Antike bis zu den Feudalgesellschaften dominierte die Subsistenz-Produktion, während die Produktion für den Markt randständig blieb oder gar nicht vorkam. Die Gesellschaften dieser Epoche waren durch die personale Herrschaft von wenigen über viele gekennzeichnet.

Der Übergang zu einer abstrakten Herrschaft eines sachlich-unpersonalen (gleichwohl von „Charaktermasken“ exekutierten) Mechanismus im Kapitalismus war eine historische Zäsur. In der getrennten Privatproduktion besitzen die Waren „nur die Form von Waren, sofern sie Doppelform besitzen, Naturalform und Wertform“ (Marx 1890: 62). Die Ware spaltet sich in Produkt und Wert, in individuelle Nützlichkeit zur Befriedigung von Bedürfnissen und gesellschaftliche Anerkennung in Form der Wertabstraktion und erzeugt jene gegensätzlichen, exklusionslogischen Bewegungen wie sie vorher beschrieben wurden. Der Klassenwiderspruch wurde zum wichtigen immanenten Motor der Entwicklung, besaß (und besitzt) aber als solcher – wie dargestellt – keine Aufhebungspotenz.

Marx fasste diese Skizze der ersten zwei Epochen mit folgenden Worten treffend zusammen und gab einen Ausblick auf die ausstehende und heute erst heranreifende dritte Stufe (Marx 1858: 91): „Persönliche Abhängigkeitsverhältnisse (zuerst ganz naturwüchsig) sind die ersten Gesellschaftsformen, in denen sich die menschliche Produktivität nur in geringem Umfang und auf isolierten Punkten entwickelt. Persönliche Unabhängigkeit, auf sachlicher Abhängigkeit gegründet, ist die zweite große Form, worin sich erst ein System des allgemeinen gesellschaftlichen Stoffwechsels, der universalen Beziehungen, allseitiger Bedürfnisse und universeller Vermögen bildet. Freie Individualität, gegründet auf die universelle Entwicklung der Individuen und die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktivität als ihres gesellschaftlichen Vermögens, ist die dritte Stufe“.

Peer-Commons

Kann nun „freie Individualität, gegründet auf die universelle Entwicklung der Individuen“ als neuer sozialer Kernlogik, als soziale Mikroform einer den Kapitalismus aufhebenden Weise der Produktion der Lebensbedingungen näher bestimmt werden? Sie kann es, da sie bereits existiert: Es sind die Peer-Commons – die allerdings, und das gilt es zu diskutieren, zunächst nur als Keimformen des Commonismus innerhalb der dominanten Warenproduktion auftreten. Ein Commons (das „s“ wird für Einzahl und Mehrzahl verwendet) ist der Prozess der Nutzung und Erhaltung von Ressourcen durch eine Gruppe von Menschen, die ihren sozialen Prozess, das Commoning, selbst organisieren und dabei die Regeln ihres Miteinanders festlegen. Die Resultate dieses Prozesses sind traditionell die Erhaltung der gegebenen Ressourcen (meistens Naturressourcen wie Wald, Boden, Wasser) oder in neuerer Form die Herstellung von neuen Produkten (etwa Wissen, Software, Hardware, Nahrungsmittel, Produktionsmittel). Peer verweist in diesem Zusammenhang auf die Gleichrangigkeit der Beteiligten, die die Grundlage der selbst organisierten, freien Kooperation bildet. Peer-Commons sind vernetzbar, die Resultate des einen Commons können Ressource eines anderen sein. Damit ist ihre prinzipielle gesellschaftliche Integration und Verallgemeinerbarkeit gegeben. Doch in welcher Form können Produktion und Nutzung gesellschaftlich vermittelt werden, wie entsteht perspektivisch aus den vielen Mikroprojekten eine gesellschaftliche Makrokohärenz?

Vor der Beantwortung dieser Frage ist es sinnvoll, die unterschiedlichen Qualitäten der Elementarformen der Ware und der Peer-Commons zu verdeutlichen. Obwohl sich die realen Peer-Commons noch nicht auf ihrer eigenen Grundlage entfalten können, sondern sich als Keimformen in einer strukturell feindlichen Umgebung behaupten müssen, sind die Unterschiede in den Handlungslogiken dennoch bereits erkennbar.

Warenlogik und Commonslogik

Die Exklusionslogik als dynamisches Verhältnis von Inklusionen und Exklusionen wurde bereits als konstitutive Handlungsstruktur der Ware bestimmt. Voran kommt, wer sich auf Kosten anderer durchsetzt und dabei partielle Bündnisse eingeht. Dem steht die Inklusionslogik als bestimmendes Merkmal der Peer-Commons gegenüber [8]. Hier geht es darum, möglichst viele und geeignete Mitstreiter*innen zu gewinnen, um die Projektziele zu erreichen. Die grundsätzliche Freiwilligkeit, dem auf Seiten der Ware der Zwang zur Verwertung gegenübersteht, ist die Grundlage dafür, dass die Strukturen integrativ und gewinnend gestaltet werden müssen. Die Entfaltung des Einzelnen wird hier zur Voraussetzung für die Entfaltung der anderen Beteiligten. Diese Beziehungsform kann man auch als positive Reziprozität fassen, dem bei der Ware die strukturell exkludierende negative Reziprozität gegenübersteht [9]. Während negativ-reziproke Beziehungen tendenziell strukturelle Vereinzelung erzeugen, ist das Resultat positiv-reziproker Inklusionsbeziehungen die strukturelle Gemeinschaftlichkeit.

Die Produktion der Güter ist bei der Ware durch fremde Zwecke bestimmt, nämlich die Verwertung des eingesetzten Kapitals. Bei den Commons geht es um die je eigenen Zwecke, um die Befriedigung der Bedürfnisse. Bedürfnisse zählen auf der anderen Seite bei der Ware nur, sofern sie zahlungsfähig sind – Ökonomen nennen sie Bedarfe. Doch auch die Bedarfe sind nicht in ihrer vollen Bandbreite gemeint, sondern nur insoweit sie auf den Kauf der jeweils eigenen Ware zielen. Alle anderen Bedürfnisse werden unberücksichtigt gelassen oder gar verletzt, sie werden externalisiert. Die Folge ist die Vermittlung der Bedürfnisse ex post über den Markt oder den Staat, also nachdem die Produktion bereits gelaufen ist und die Waren zu Markte getragen wurden. Die Isolation der unterschiedlichen Bedürfnisse voneinander und ihre getrennte Befriedigung bringt die Individuen in eine Situation struktureller Verantwortungslosigkeit – ethisches Handeln wird so zur externen und ebenso fremden Anforderung, die zudem faktisch nicht einlösbar ist. Sie resultiert in struktureller Selbstfeindschaft ausgedrückt als das Gegeneinander unterschiedlicher Partialinteressen, die durch die Personen hindurchgehen: Mobilität gegen Straßenlärm, Arbeitsplätze gegen saubere Umwelt etc. Peer-Commons auf der anderen Seite tendieren dazu, die unterschiedlichen Bedürfnisse zu internalisieren und ex ante zu vermitteln, also bevor die Produktion beginnt. Die Kommunikation findet nicht wie bei der Ware über die abstrakte wertvermittelte Indirektion des Marktes statt, wo sich letztlich die Bedürfnisse durchsetzen, die am zahlungskräftigsten sind, sondern die Kommunikation bezieht sich unmittelbar auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen, die nun selbst und ohne die Möglichkeit des Einsatzes struktureller Gewalt (als die Geld wirkt) in struktureller Verantwortungsfähigkeit eine Vermittlung finden müssen. Dass dies auf der lokalen Ebene noch vorstellbar, auf regionalen oder überregionalen Ebenen schwierig wird, liegt auf der Hand (dazu gleich mehr). Dabei erscheint der vergrößerte Zeitaufwand für die direkte kommunikative Vermittlung unterschiedlicher Bedürfnisse nur vor dem Hintergrund der durch permanente Verbilligung der partialisierten Produktion erzwungenen Zeiteinsparung als „Ineffizienz“. Tatsächlich ist eine Ex-ante-Vermittlung gesamtgesellschaftlich betrachtet nicht nur effizienter, da durch ihre Ausrichtung eher auf die Vorsorge, Erhaltung und Schadensvermeidung als auf Nachsorge, Verschleiß und Schadensbewältigung (wie bei der Ware) orientiert ist. Sondern sie ist auch individuell befriedigender, da durch die Freiwilligkeit der produktiven Tätigkeiten in der tatsächlichen Zeitverausgabung die Lebensqualität liegt und nicht in eine abgespaltene Sphäre (Familie, Ehe, Freizeit, Urlaub etc.) ausgelagert ist.

Mit einer letzten Kontrastierung, die in besonderer Weise die Sozialismus-Diskussion betrifft, sei die vergleichende Betrachtung von Waren- und Commonslogik abgeschlossen. Gleichheit und Gerechtigkeit sind zentrale, positiv besetzte Leitbegriffe des Sozialismus, die gleichwohl historisch überhaupt erst mit der Warengesellschaft entstanden sind. Erst die Befreiung aus personaler Abhängigkeit schuf jene Gleichheit der Individuen als Tauschsubjekte auf dem Markt. Erst die sich hinter dem Rücken durchschnittlich herstellende Äquivalenz des Tausches schuf jene Gedankenformen der Gerechtigkeit, die uns heute so selbstverständlich erscheinen. Gegen diese Formen abstrakter Gleichheit und formaler Gerechtigkeit der Ware setzen die Commons hingegen auf die konkrete Besonderheit und empfundene Fairness der beteiligten Menschen. Sie berücksichtigen die Tatsache, dass die Menschen nun einmal besondere Individuen sind, jede und jeder einzelne für sich. Jede abstrakte Gleichbehandlung nivelliert diese Besonderheiten. Dass die bürgerliche Ideologie hier ansetzt, und die Besonderheit als Faktor im Kampf aller gegen alle hervorhebt, liegt auf der Hand [10]. Die Aufhebung dieser Form der Entfaltung der Individualität ist jedoch nicht leere Gleichmachung, sondern die Entfaltung aller in ihrer jeweiligen Besonderheit in einer Weise, dass niemand unter die Räder kommt. Das ist in der exklusionslogischen Praxis nicht denk- und machbar. Hier ist die Freiheit des anderen die Grenze der eigenen Freiheit. Inklusionslogisch begriffen ist hingegen die Entfaltung der konkreten Besonderheit des individuellen Menschen die Voraussetzung für die Entfaltung aller anderen Menschen. Diese positiv-reziproke Beziehung der Menschen zueinander fassten Marx und Engels (Marx/Engels 1848) als „Assoziation worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. Die Elementarform der Peer-Commons weist in ihrer sozialen Handlungslogik genau diese Beziehungsweise auf – in Keimform und mit allen Widersprüchen behaftet, die sich einstellen müssen, wenn sich die Mikroform nicht auf ihrer eignen Grundlage, sondern in strukturell feindlicher Umgebung behaupten und entwickeln muss.

Selbstentfaltung vs. Selbstverwertung

Damit kommen wir zu der Frage, wie denn jene Assoziation, deren inklusive Logik schon Marx und Engels auf den Begriff brachten, aussehen kann und wie ihre gesellschaftliche Vermittlung funktioniert. Es ist klar, dass die Ware als Elementarform, als Mikroform dieser Vermittlung ausscheidet – und damit auch, wie dargestellt, der Sozialismus als „Übergangsgesellschaft“. Die neue soziale Form der Vermittlung muss vielmehr in der dominanten alten Form direkt entstehen und sich dort verbreiten und schließlich die alte Warenlogik ablösen (zu den widersprüchlichen Schritten der Transformation vgl. Meretz 2014c und 2015). Wenn diese These stimmt und wir weiterhin an einem transhistorischen Begriff der zunehmenden Entfaltung menschlicher Möglichkeiten festhalten [11], dann müssen Vorformen dieses Transformationsprozesses überall in der sich auflösenden kapitalistischen Gesellschaft sichtbar sein.

Wie Dieter Sauer in diesem Band anschaulich darlegt, gilt das auch für die durch das Kapital vorangetriebenen Entwicklungen [12]. Die in empirischer Forschung gefundenen Ergebnisse verdichtet Sauer zur Fassung des Kernwiderspruchs kapitalistischer Warenproduktion als der zwischen „Entfaltung und Zerstörung“ der „produktiven Kräfte der Individuen“. In meinen Worten geht es um den Widerspruch zwischen Selbstentfaltung und Selbstverwertung (vgl. Meretz 1999) oder in Marx‘ Worten um den Widerspruch zwischen dem „absolute(n) Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen“, der „völlige(n) Herausarbeitung des menschlichen Innern“ und der kapitalistischen Erscheinungsform als „völlige Entleerung“, um den Widerspruch zwischen „universelle(r) Vergegenständlichung“ und „totale(r) Entfremdung“ (Marx 1858: 396). Sauer: „Eine im Prinzip fortschrittliche Tendenz verkehrt sich in zerstörerischer Weise wiederum in ihr Gegenteil“ (255 in diesem Band). Zurecht sieht Sauer dann auch die Entwicklung des Individuums als transformativen „Sprengsatz“ (Metapher mit Bezug auf Marx 1858: 602).

Dem Kapital kommt eine wahrhaft revolutionäre Funktion zu als es die Potenzen des Menschen entfaltet und den Widerspruch zuspitzt, der jedoch innerhalb des Kapitalverhältnisses nicht lösbar ist [13]. Seine Lösung entwickelt sich außerhalb davon, und das geschieht weitgehend unbemerkt vor unseren Augen. Mit geeignetem begrifflichem Rüstzeug sind die widersprüchlichen Prozesse der Herausbildung einer neuen Produktionsweise sichtbar zu machen. Voraussetzung dafür ist die begriffliche Entfaltung des Commonismus, also die Entfaltung der Peer-Commons als angenommener Elementarform auf ihrer eigenen Grundlage. Darum soll es nun im Rest des Textes gehen.

Commonismus

Gesetzt, die Elementarform commonistischer Vergesellschaftung sind die Peer-Commons. Wie lässt sich eine gesamtgesellschaftliche Vermittlung auf dieser Grundlage entwickeln? Drei Elemente, die sich teils getrennt, teils in Verbindung miteinander real entwickelt haben und weiter entwickeln, sollen hier erläutert werden: Soziale Netzwerke, polyzentrische Selbstorganisation und Stigmergie.

Soziale Netzwerke sind Systeme sozialer Interaktionen, die mit Hilfe der Netzwerktheorie beschrieben werden können. Soziale Netzwerke wachsen zunächst langsam und benötigen dafür externen Ressourcen-Input. Oberhalb einer bestimmten kritischen Schwelle wachsen große Netzwerke schnell und tragen sich selbst, indem sie die benötigten Ressourcen selbst erzeugen (Netzwerkeffekt). Teil des Wachstumsprozesses großer sozialer Netzwerke ist ihre interne Ausdifferenzierung durch Funktionsteilung und Clusterbildung. Es bilden sich Hubs (wichtige „Knoten“) mit vielen Verbindungen („Kanten“). In sehr großen sozialen Netzwerken folgt die Verteilung der Verbindungszahlen der Knoten dem Potenzgesetz: Von wenigen sehr großen Hubs mit sehr vielen Verbindungen bis hin zu sehr vielen Knoten mit wenigen Verbindungen sind alle Verbindungsdichten vertreten. Solche Netzwerke sind damit häufig skalenfrei, das heißt, Netzwerkausschnitte (fast) beliebiger Größe sind strukturell gleichartig (gleiche Verteilung der Verbindungsdichten). Sie sind damit entwicklungsoffen (flexibel restrukturierbar) und fehlertolerant, da im Extremfall des Ausfalls wichtiger Hubs die abgetrennten Teilnetze weiterhin ihre Funktion erfüllen können (etwa in Katastrophenfällen). Die commonistische gesamtgesellschaftliche Vermittlung ist als soziales Makronetzwerk denkbar [14], das zwei Eigenschaften aufweist, die die beiden nächsten zu erläuternden Begriffe darstellen: polyzentrische Selbstorganisation (Qualität der „Knoten“) und Stigmergie (Qualität der „Kanten“).

Polyzentrische Selbstorganisation ist ein Begriff von Elinor Ostrom (Ostrom 2009), der die strukturelle Meta-Organisation in großen Commons-Systemen beschreibt. Anders als in hierarchischen Systemen mit einem Entscheidungszentrum an der Spitze bilden sich viele Zentren heraus, die unterschiedliche Funktionen wahrnehmen. Polyzentren sind die Hubs im Netzwerk, die sich durch die Selbstorganisation der Commons entwickeln.

In Anlehnung an Siefkes (Siefkes 2008) sind vier Commons-Typen vorstellbar. Aufgabe der Projekt-Commons ist das Machen, sie setzen ihre selbstgesetzten Produktionsziele um. Die kapitalistische Analogie wäre der Betrieb. Rolle der Meta-Commons als eines der Polyzentumstypen ist die Koordination. Sie schaffen die Voraussetzungen für und die Koordination der Aktivitäten der Projekt-Commons. Die kapitalistische Analogie wären Management oder Planungsstäbe. Infrastruktur-Commons als weiterer Polyzentrumstyp schaffen die Infrastrukturen für die Vernetzung der Projekt- und Meta-Commons durch Organisation der Informations- und Stoffflüsse. Kapitalistische Analogie wäre das Netzmanagement (Strom, Gas, Bahn etc.). Dienste-Commons sorgen für die Bereitstellung kontinuierlich benötigter gesellschaftlicher Dienste, wie wir sie heute von Gemeindeverwaltungen kennen. Diese hypothetische Skizze ist nur ein Beispiel, das dazu dient, die Vorstellung einer gesellschaftlichen Vermittlung jenseits der Geldlogik greifbar zu machen. Bei der Frage wie die Vermittlung zwischen den verschiedenen Commons organisiert ist, kommt die Stigmergie ins Spiel.

Stigmergie ist eine Form der indirekten Koordination von Aufgaben in großen sozialen Netzwerken mittels lokaler Informationen. Ursprünglich aus der Tierforschung stammend wurde das Konzept auf technische und soziale Systeme übertragen [15]. Francis Heylighen (Heylighen 2007) hat die commonsbasierte Peer-Produktion als stigmergisches System beschrieben, das man als hinweisbasierte Aufgabenverteilung bezeichnen kann.

Aus individueller Sicht ist Stigmergie eine Form der Selbstauswahl, bei der sich Individuen einer Aufgabe verschreiben und sich dabei ggf. mit anderen koordinieren, die auch an dieser Aufgabe arbeiten (wollen). Im Gegensatz dazu sind hierarchische Systeme der Aufgabenverteilung fremdzuschreibend, da andere entscheiden, welche Aufgabe der Einzelne zu erledigen hat. Aber auch konsensbasierte Entscheidungen, die oft als Alternative zu hierarchischen Strukturen angesehen werden, haben ihre Nachteile. Sie skalieren nicht besonders gut (begrenzte Gruppengröße), tendieren zu ausufernden Diskussionen und sind anfällig für Provokateure. Konsens bedeutet nicht, dass alle Beteiligten einer Entscheidung zustimmen, sondern nur, dass es keine Gründe gibt, zu widersprechen und ein Veto einzulegen. Solche unter Umständen nur mäßige Akzeptanz der Entscheidung führt zu unklaren Motivationen nach einer Entscheidung auch tatsächlich die Aufgabe mit Energie umzusetzen. Bei freiwilliger Selbstauswahl ist die Motivationslage hingegen eindeutig: Ich tue genau das, was mir entspricht und ich tun will. Anders als in hierarchischen oder konsensorientierten Systemen fallen Entscheidung und Umsetzung zusammen. Damit wird auch jene „knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit“ überwunden, was Marx bereits als Kennzeichen der „höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft“ (Marx 1875) ansah. Heute findet man in Commons-Projekten häufig eine pragmatische Kombination von konsensorientierten und stigmergischen Entscheidungsverfahren.

Eine stigmergische Vermittlung der gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten wäre aus zwei Gründen sowohl effektiv (gesicherte Zielerreichung) wie auch effizient (minimaler Mitteleinsatz): wegen des bedürfnisbasierten, motivierten Handlungsantriebs und wegen des minimierten Transaktionsaufwands aufgrund der Selbstorganisation. Es bedarf keiner dritten Instanz, die die Koordination und Planung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene für andere übernimmt, und es bedarf auch keiner zusätzlichen Vermittlung etwa durch Geld. Das stofflich gesehen nutzlose Bewegen von Geld bindet menschliche Energie [16], die wesentlich sinnvoller für Tätigkeiten eingesetzt werden kann, die sowohl gesellschaftlich benötigt wie auch individuell befriedigend sind (zum Umgang mit unbeliebten Tätigkeiten vgl. Siefkes 2014). Gleichzeitig besteht auch eine funktionale Ähnlichkeit zum Geld als Signalgeber. Während jedoch die signalisierte Information beim Geld eindimensional und nur quantitativ ist („Es rechnet sich – nicht“), ist sie bei der Stigmergie multidimensional und qualitativ. Ihre Vermittlungspotenz ist also wesentlich umfassender, einzelne Vermittlungen können wesentlich spezifischer gestaltet werden.

Stigmergie folgt dem Netzwerkeffekt. Je mehr Menschen oder Projekte sich einer Aufgabe verschreiben, desto größer sind die Ressourcen und damit Möglichkeiten, das angestrebte Ziel auch zu erreichen. Diese positive Rückkopplung verstärkt sich selbst und führt zu einem exponentiellem Wachstum, was bereits heute in vielen Commons-Projekten zu beobachten ist. Nachteil des Netzwerkeffekts ist die kritische Masse die erreicht werden muss, um die Schwelle zu überschreiten, ab der das Projekt „wie von selbst“ wächst und trägt.

Im Unterschied zu hierarchischen und besonders zu konsensorientierten Entscheidungsstrukturen skaliert Stigmergie besonders gut für sehr große und komplexe Systeme. Stigmergie braucht Vielfalt und eine große Zahl von Menschen, die sich für eine Aufgabe interessieren könnten. In Anlehnung an das Linus-Gesetz [17] lässt sich ein Stigmergisches Gesetz der gesellschaftlichen Vermittlung so formulieren: „Gibt es genug unterschiedliche Menschen, so findet sich für jede Aufgabe ein Nerd [18], der/die sich ihrer annimmt“. Eine gesamte Gesellschaft erfüllt genau diese Anforderung.

Zusammenfassend: Jede Gesellschaft lässt sich als soziales Netzwerk fassen, auch der Kapitalismus. Die unterschiedlichen Qualitäten liegen in der Form der Knoten und ihrer Verbindungen, die die gesellschaftliche Vermittlung ausmachen. Im Kapitalismus haben wir es mit einem Doppelnetz zu tun. In einem Teilnetz sind die Knoten die Unternehmen (samt Lohnarbeiter*innen), deren Verbindungen ex post als gesellschaftlich gültige Austauschrelationen (worüber die Wertäquivalenz entscheidet) über Märkte realisiert werden. Diesem Netz ist eine zweite, abgespaltene Netzstruktur zugeordnet, deren interne Verbindungen vor allem, aber nicht nur, über die Reproduktionsbedarfe (die zahlungsfähigen Bedürfnisse der „Käufer“) entstehen. Die Struktur des gesamten Netzwerks und die Proportionalität der Gesamtheit der Verbindungen ergibt sich als Resultat eines unbewussten Prozesses „hinter dem Rücken“ (Marx 1890: 59) der Beteiligten. Die beiden Teilnetze funktionieren somit nach unterschiedlichen Logiken, die Verbindungen zwischen ihnen basieren auf gegensätzlichen Interessen und haben somit abstoßenden Charakter; gleichwohl bleiben es Verbindungen. Wie dargestellt resultiert diese widersprüchliche anziehend-abstoßende Wirkung aus dem Doppelcharakter der Ware, deren Exklusionslogik für das ganze Netz, also die gesellschaftliche Vermittlung insgesamt, bestimmend ist. Sie manifestiert sich im Konkreten in vielfältiger Weise entlang diverser willkürlich zu erzeugender menschlicher Unterscheidungsmerkmale und ist etwa mit „Konkurrenz“ viel zu undifferenziert beschrieben.

In der Skizze des Commonismus existiert nur ein Netz, das gleichwohl in sich hochgradig differenziert und polyzentrisch strukturiert ist (wie beschrieben). Die Sphärenspaltung ist aufgehoben. Die Knoten sind hier sowohl Peer-Commons (institutioneller wie informeller Art) wie auch Einzelpersonen, die je nach selbstbestimmter Zielsetzung eher mehr produktions- oder reproduktionsorientiert sind, was zudem beständig wechseln kann. Ihre Verbindungen untereinander entstehen aus ex ante bewusst eingerichteten oder im Prozess erzeugten stigmergisch vermittelten Beziehungen, die auf den Bedürfnissen der Beteiligten (Individuen oder Kollektive) beruhen. Planung wie Ausführung der gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten findet über das gesamte Netz verteilt statt und richtet sich permanent neu aus am Maßstab des Grades der Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen. Die Bewusstheit ist dabei nicht bei einer Institution (etwa eine Planbehörde) oder gar einer Person repräsentiert (wie in der nordkoreanischen Juche-Ideologie), sondern im Sinne kollektiver Bewusstheit vom gesellschaftlichen Prozess über das ganze Netz verteilt [19]. Statt fetischistischer Dingfixierung (Statussymbole etc.) liegt der Fokus auf der Gestaltung und Intensivierung der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Perspektivenwechsel

Niemand kann die Organisation einer freien Gesellschaft voraussagen. Darum geht es auch nicht. Es geht darum, die Vermittlung jenseits der Warenform prinzipiell denkbar zu machen, um daraus Inspiration und konkrete Kriterien für die Gestaltung der realen Commons-Projekte zu entwickeln. So sollte eines dieser Prinzipien deutlich geworden sein: Statt (fremder) Planung und Organisation der Produktionsprozesse geht es um die Selbstplanung (Meretz 1999) und Selbstorganisation (Schlemm 2006) durch die Produzent*innen. Statt für andere die Prozesse zu organisieren und zu planen, geht es darum, die Bedingungen und Infrastrukturen für die Organisation der Prozesse durch die Menschen selbst zu schaffen.

Die Frage ist also nicht, ob geplant wird, sondern wo, durch wen, für wen und orientiert an welchen Kriterien. Jede Gesellschaft ist in diesem Sinne eine Plangesellschaft. So aktivieren und fordern etwa Marktsysteme die Selbstplanung, dies jedoch unter den Bedingungen der Exklusionslogik auf volles eigenes Risiko und nicht auf Basis von Freiwilligkeit und Abgesichertheit. Fremdbestimmung und Existenzbedrohung schränken Kreativität und Motivation ein. Zentralplansysteme haben im Unterschied zu Marktsystemen die gesamtgesellschaftliche Proportionalität im Blick, können jedoch aufgrund ihrer unflexiblen hierarchischen Struktur nur zäh auf Veränderungen reagieren. Die Menschen sind zwar grundsätzlich abgesichert, in ihren schöpferischen Handlungsmöglichkeiten jedoch durch die Planvorgaben eingeschränkt. Der Perspektivenwechsel besteht nun darin zu erkennen, dass die Menschen selbst am besten wissen, wie die konkreten Anforderungen vor Ort und an der Sache bewältigt werden. Sie brauchen dafür geeignete Entfaltungsvoraussetzungen, die unter warengesellschaftlichen Bedingungen – mit Markt oder Zentralplan oder Mischformen – nicht gegeben sind. Erst die Aufhebung der Warenform durch die Peer-Commons schafft die Voraussetzungen für eine gesellschaftliche Vermittlung durch stigmergische polyzentrische Selbstorganisation, die ihrerseits die Voraussetzungen für die allgemeine menschliche Selbstbestimmung und -entfaltung schafft. Erst dann produzieren sich die Menschen als Menschen.

Anmerkungen

[1] Vgl. etwa die „Kritik des Gothaer Programms“ (Marx 1875), in der Marx weitgehend auf die Proudonsche Denkweise zurückgriff, die er zuvor massiv attackiert hatte. Dieses Dokument gilt fatalerweise noch immer als Referenz für eine kommunistischen Transformation (zur Kritik ausführlich Weiß 2009).

[2] Auch hier findet sich wieder der affirmative Bezug auf die Gothaer Programmkritik von Marx (1875), in der das Prinzip der Leistungsgrechtigkeit so formuliert wird: „Was aber die Verteilung der … [Konsumtionsmittel] unter die einzelnen Produzenten betrifft, herrscht dasselbe Prinzip wie beim Austausch von Warenäquivalenten, es wird gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer anderen ausgetauscht“. In Anlehnung an das kommunistische Prinzip „Jedem nach seinen Bedürfnissen“ (ebd.) wurde daraus kurz und bündig das sozialistische Prinzip „Jedem nach seiner Leistung“ (etwa im Realsozialismus).

[3] Zivilisatorische Fortschritte der sozialistischen Versuche sind gleichwohl ausdrücklich zu würdigen. So ist die friedliche Periode nach dem Zweiten Weltkrieg wesentlich auf die Konkurrenz zweier Entwicklungsvarianten der Warengesellschaft zurückzuführen. Intern wurden beträchtliche soziale Leistungen vollbracht.

[4] „Auskooperieren“ verweist im Gegensatz zum üblichen „auskonkurrieren“ darauf, dass Wikipedia nicht in der Exklusionslogik des Marktes, sondern in der Inklusionslogik der Commons operiert. Der Erfolg ist umso größer, je mehr Menschen an der Erstellung und Nutzung teilhaben können. Dass dies auch der Wikipedia nicht immer gelingt, hat mit den notwendigen Widersprüchen solcher Projekte im „feindlichen“ kapitalistischen Umfeld zu tun.

[5] In der Zeit der ökonomischen Expansion bis in die 1970er Jahre trug dieses Modell. Inzwischen reifen multidimensionale Krisen bis an die Grenze eines „Epochenbruchs“ (Sohn 2014) heran. Das Vertrauen in die Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit geht verloren. Ein neues Vertrauensmodell wird gesucht, kann aber innerhalb der Waren- und Exklusionslogik nicht gefunden werden.

[6] John Holloway (2014) weist darauf hin, dass Marx seine Analyse anstatt mit der Ware tatsächlich mit dem Begriff des Reichtums beginnt und damit einen ganzen Strauß an Fragen eröffnet, die auch eine transitorische Potenz haben (etwa der Form des Reichtums etc.). Doch auch Holloway interessiert sich kaum für den Begriff der Elementarform, der aus meiner Sicht als analytischer Kernbegriff anzusehen ist, genauer, die Ware als Elementarform kapitalistischer Produktionsweise.

[7] Robert Kurz (Kurz 2012: 57ff) weist darauf hin, dass das Moment der Ware (Mikroform) nur im Kontext der Totalität einer warenproduzierenden Gesellschaft (Makroform) auf den Begriff komme, während eine isolierte, historisch dekontextualisierte Verwendung der Begriffs der Ware einem „methodologischen Individualismus“ unterliege. Kurz setzt gleichzeitig jedoch den Struktur-Begriff der „Elementarform“ mit dem Genese-Begriff der „Keimform“ gleich und wird damit seinem eigenen Anspruch nach Differenzierung von Logischem und Historischem nicht gerecht (vgl. dazu Meretz 2014a).

[8] Verschiedentlich wird auch das Begriffspaar Konkurrenz- vs. Kooperationslogik gebraucht, wobei auch hier die Betonung auf dem strukturellen Moment liegt: Im Kapitalismus sind Konkurrenz und Kooperation keine Gegensätze, sondern Kooperation ist ein Mittel, um sich in der Konkurrenz besser gegen andere behaupten zu können. Die Kooperations- bzw. Inklusionslogik ist hingegen Zweck in sich, ist Selbstzweck: Kooperation um der Kooperation willen.

[9] Die romantische Liebe bekommt hier eine zentrale Funktion der individuellen Kompensation ohne die die negative Reziprozität als bestimmende Beziehungsform im Kapitalismus nicht auszuhalten wäre.

[10] Die sozialdemokratisierte Fassung der abstrakten Gleichheits- und Gerechtigkeitsforderung ist die der Chancengleichheit (oder -gerechtigkeit). Es ist die Chancengleichheit des Lottospiels mit der perfiden Logik, dass jedes Scheitern stets auf persönliches Ungenügen oder die ungerechte Behandlung durch andere zurückgeführt werden kann (vgl. dazu Meretz 2014b).

[11] Traditionell wurde die transhistorische Tendenz der zunehmenden Entfaltung der genuin menschlichen Potenzen in fetischistischer Verkehrung in die (verdinglicht verstandenen stofflichen) Produktivkräfte verlegt, die sich stets weiterentwickelten und für die schließlich die soziale Form, die Produktionsverhältnisse, zu eng werden würden. Auf die Füße gestellt ist dieser Gedanke weiterhin sinnvoll: „Kommunismus (ist) die wirkliche Bewegung“ (Marx/Engels 1846: 35) zur vollen Entfaltung der menschlichen Potenzen in einer Weise, dass immer mehr und schließlich alle Menschen ihre je individuellen Möglichkeiten entfalten können.

[12] In postoperaistischer Interpretation könnte man auch sagen, dass das Kapital auf die zunehmende Entfaltung der Potenzen der Multitude reagiert, indem es jene Potenzen in den Verwertungsprozess zu integrieren trachtet.

[13] Mit einigen begrifflichen Verrenkungen könnte der vorgeblich antagonistische Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital insofern „gerettet“ werden, als die Grundlage der „Arbeit“ die produktive Entfaltung menschlicher Lebenstätigkeiten im umfassenden Sinne und die Grundlage des „Kapitals“ die funktionalisierte Einhegung und Unterordnung derselben unter die Imperative der Verwertung darstellt. Dies jedoch ist kein Widerspruch zwischen Klassen, sondern einer, der durch die Individuen hindurchgeht. Sauer: „In seiner Rolle als Entrepreneur im ökonomischen Überlebenskampf hat der Beschäftigte den Gegensatz von Kapital und Arbeit in seinem eigenen Kopf auszutragen“ (255 in diesem Band).

[14] Auch Zentralplanung und Marktvermittlung sind als Netzwerke analysierbar. Sie sind jedoch entweder nicht skalenfrei oder nicht ausfallsicher (oder beides). Zentralplansysteme sind gerichtet-hierarchisch organisiert und damit wenig flexibel. Die Marktvermittlung entspricht eher einem skalenfreien Netz, verwendet jedoch als Vermittlungsmedium eine außerhalb der Handelnden stehende Instanz: das Geld. Fällt diese Vermittlungsinstanz aus (Finanzkollaps), dann fällt das Netzwerk schlagartig zusammen.

[15] In der Online-Enzyklopädie Wikipedia werden etwa Links auf noch ungeschriebene Artikel rot markiert, um potenzielle Autor*innen einzuladen, ihr Wissen zu dem markierten Begriff beizutragen und einen Wikipedia-Artikel zu verfassen.

[16] Schätzungen gehen davon aus, dass sich etwa die Hälfte des gesamtgesellschaftlichen Aufwands auf die Nutzung und Verwaltung von Geld bezieht, ohne dass ein nutzbares Ergebnis hervorgebracht wird – außer eben jener gesellschaftlichen Vermittlungsleistung, die ein System getrennter Privatproduktion unabdingbar braucht.

[17] Das Linus-Gesetz (Linus‘ Law) bezogen auf die Fehlerfreiheit von Computerprogrammen wurde von Eric Raymond (1999) so formuliert: „Given enough eyeballs, all bugs are shallow“, frei übersetzt etwa: „Alle Fehler werden leicht gefunden, wenn genug Augen in den Programmcode gucken“.

[18] Ein „Nerd“ oder „Geek“ ist ein Mensch, der völlig in einer Aufgabe aufgehen kann. Ursprünglich war damit auch eine abwertende Bedeutung verbunden: Sonderling, Streber, Freak.

[19] Ohne die Analogie zu sehr zu strapazieren finde ich es interessant, das es in der philosophischen Reflexion der Quantenphysik eine Bewegung weg vom einer Teilchenontologie („Offensichtlich ist das Standardbild von Elementarteilchen, zwischen denen Kraftfelder wirken, keine brauchbare Ontologie“) hin zu einer Relationenontologie („Verzichten wir auf Dinge als etwas Fundamentales; betrachten wir die ganze Welt als eine Gesamtheit von Strukturen oder Netzwerken von Beziehungen“ – beide Zitate aus Kuhlmann 2014) gibt. In Analogie zu Marx‘ Dampfmühle, die eine Gesellschaft mit Kapitalisten ergibt (Marx 1847, 130), könnte man sagen, dass die getrennte Privatproduktion ein Denken in Entitäten ergibt und die verbundene Peer-Commons-Produktion eines in Beziehungen. In dialektischen Wissenschaftstheorien werden jedoch beide Sichten nicht gegeneinander gestellt, sondern begriffen, dass sich die Qualität der Einzelentität nur in ihren Beziehungen zu anderen ergibt, die für ein verdinglichtes isoliertes Einzelnes nicht existiert (vgl. dazu Schlemm 2014). Analog hieße das, dass sich die Qualität der gesellschaftlichen Vermittlung nicht aus „Knoten“ oder „Verbindungen“ konstituiert, sondern aus dem Verbund von „Knoten“ und „Verbindungen“ des Gesamtnetzes. Daher ist auch die (Un-)Bewusstheit über die gesellschaftliche Entwicklung eine Qualität des Gesamtnetzes, sprich: der Produktionsweise als ganzer.

Literatur

Die Jahresangaben zu Marx/Engels beziehen sich im Fall der Deutschen Ideologie, des Elends der Philosophie und der Grundrisse auf das Entstehungsjahr, nicht auf die Erstpublikation, die wesentlich später erfolgte. MEW ist die übliche Abkürzung für die im Dietz-Verlag herausgegebene Reihe der Marx-Engels-Werke.

Heylighen, Francis (2007), Warum ist Open-Access-Entwicklung so erfolgreich? Stigmergische Organisation und die Ökonomie der Information, in: Lutterbeck, Bernd, Bärwolff, Matthias & Gehring, Robert (2007, Hrsg.), Open Source Jahrbuch 2007. Zwischen freier Software und Gesellschaftsmodell, Berlin.

Holloway, John (2014), „Das Kapital“ lesen: der erste Satz, in: Grundrisse 50, Wien.

Kuhlmann, Manfred (2014), Was ist real? In: Spektrum der Wissenschaft 7/14.

Kurz, Robert (2012), Geld ohne Wert, Berlin.

Marx, Karl (1847), Das Elend der Philosophie, in: MEW 4 (1973), Berlin.

Marx, Karl (1858), Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW 42 (1983), Berlin.

Marx, Karl (1875), Kritik des Gothaer Programms, in: MEW 19 (1973), Berlin

Marx, Karl (1890), Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band, 4. Auflage (hrsg. von Friedrich Engels), in: MEW 23 (1973), Berlin.

Marx, Karl & Engels, Friedrich (1846); Die deutsche Ideologie, in: MEW 3 (1973), Berlin.

Marx, Karl & Engels, Friedrich (1848), Manifest der Kommunistischen Partei, in: MEW 4 (1973), Berlin.

Meretz, Stefan (1999), Produktivkraftentwicklung und Subjektivität. Vom eindimensionalen Menschen zur unbeschränkt entfalteten Individualität, online: kritische-informatik.de/pksubjl.htm (Stand: 1.9.2014)

Meretz, Stefan (2014a), Keimform und Elementarform, in: Streifzüge 60, Wien.

Meretz, Stefan (2014b), Möglichkeiten statt Chancen, in: Neues Deutschland, 31.3.2014.

Meretz, Stefan (2014c), Keimform und gesellschaftliche Transformation, in: Streifzüge 60, Wien.

Meretz, Stefan (2015), Peer commonist producing livelihoods, in: Lemmens, Pieter (2015, Hrsg.), Producing commons by the common (in Vorbereitung).

Raymond, Eric S. (1999), The Cathedral and the Bazaar, Sebastopol.

Schlemm, Annette (2006), Selbstentfaltungs-Gesellschaft als konkrete Utopie, Osnabrück.

Schlemm, Annette (2014), Was ist physikalische Realität? philosophenstuebchen.wordpress.com/2014/06/28/was-ist-die-physikalische-realitat/ (Stand: 1.9.2014)

Siefkes, Christian (2008), Beitragen statt tauschen. Materielle Produktion nach dem Modell freier Software, Neu-Ulm.

Siefkes, Christian (2014), Artikelserie im Blog keimform.de, Start: keimform.de/2014/dank-produktivkraftentwicklung-zur-neuen-gesellschaft/ (Stand: 1.9.2014)

Sohn, Manfred (2014), Am Epochenbruch. Varianten und Endlichkeit des Kapitalismus, Köln.

Weiß, Ulrich (2009), Zur Zeitbezogenheit marxistischer Kommunismusvorstellungen (Pankower Vorträge, H. 139), Berlin.

Kategorien: Commons, Eigentumsfragen, Theorie

Tags: , , , , , , , , , , ,

13. September 2015, 21:43 Uhr   24 Kommentare

1 willi uebelherr (13.09.2015, 23:17 Uhr)

Lieber Stefan,

den langen text haettest du dir sparen koennen, wenn du dich nach einem klaren verstaendnis fuer den begriff „Sozialismus“ und „Kommunismus“ umgesehen haettest.

Sozialismus: Ein ideenraum, ein raum unseres dekens, unserer wertsysteme, also unsere Ideologie, in der die sozialen fragen an erster stelle stehen.

Kommunismus:  Ein ideenraum, ein raum unseres dekens, unserer wertsysteme, also unsere
Ideologie, in der die gemeinschaft  an erster stelle steht.

Egoismus: Ein ideenraum, ein raum unseres dekens, unserer wertsysteme, also unsere
Ideologie, in der unser Ego, unser Selbstinteresse, an erster stelle steht.

mit lieben gruessen, willi
Recife, Brasil

2 Roland Dames (14.09.2015, 10:39 Uhr)

Hallo Willi Uebelherr,

es geht in dem Artikel nicht um Kommunismus sondern um Commonismus.

Gesellschaftssysteme unterscheiden sich nach der Art der Ressourcenbewirtschaftung (Privatgut, Staatsgut, Gemeingut), nicht nach einer Idee.

Sozialismus: Staatliche Ressourcenbewirtschaftung, zentralistische Planung und Gewaltausübung, schafft Ineffizienzen auf Grund langer Entscheidungswege.

Kapitalismus: Privatwirtschaftliche Ressourcenbewirtschaftung, schafft schnelle Entscheidungen, es kommt zu hocheffizienten lokalen Strukturen, die über den wieder angelegten Ertrag auf Besitz exponentiell wachsen, Ressourcen und Besitz konzentrieren sich wie im Spiel Monopoly: am Ende hat Einer Alles, exponentielle Wachstumsprozesse schaffen ständig Krisen und Kriege bis zur völligen Zerstörung des globalen Lebensraumes.

Kommunismus: Gemeinschaftliche Ressourcenbewirtschaftung, alles gehört allen, fiktive Gesellschaft, es gibt kein Beispiel, alle sollen geldlos miteinander kooperieren.

Commonismus: Gemeinschaftliche Ressourcenbewirtschaftung, Gesellschaft aus Commons, kooperative Gruppen bewirtschaften Ressourcen, ein Beispiel sind die Stammesgesellschaften (kommunistischer Anarchismus).

Egoismus: Hat zunächst einmal nichts mit Gesellschaft zu tun. Ist eine menschliche Eigenschaft, die darauf abzielt, für sich selbst die beste Lösung zu finden. Aus der Sicht des einzelnen Individuums ist es das Bestreben, gegenüber den Anderen einen evolutionären Vorteil zu erlangen. Wer mehr Ressourcen hat, als ein Anderer, kann seine persönlichen Interessen besser durchsetzen.

Mehr dazu auf meiner Internetseite oder in meinem Buch.

Viele Grüße
Roland Dames

3 classless Kulla (14.09.2015, 21:37 Uhr)

„Sozialismus ist eine warenproduzierende Gesellschaft und damit dem Kapitalismus ökonomisch strukturähnlich. Sie hat daher keine transformatorische Potenz in Richtung der Aufhebung des Kapitalismus, jedenfalls nicht mehr als dieser selbst.“
Da ist irgendwie ein Sprung drin, den ich gern näher erläutert haben würde – im Sozialismus findet/fand Warenproduktion und Staatenkonkurrenz statt, aber zum Beispiel haben die Betriebe/Produktionsmittel keinen Warencharakter mehr.
Und warum daraus nun folgt, daß der Sozialismus nur so sehr in Richtung Aufhebung wirkt wie der Kapitalismus, wird hier nicht klar.

4 willi uebelherr (15.09.2015, 16:52 Uhr)

Hallo Roland,

das war kein Missverstaendnis von mir. Wenn du beim Lesen das Denken oeffnest, wirst du es erkennen.

So wie du es andeutest und anerkennst fuer den Ego-ismus, so aehnlich gilt es auch fuer andere Denkweisen. Auch Sozial-ismus oder Commun-ismus hat nichts mit Staat oder sonstigen virtuellen Konstruktionen zu tun.

Dies insbesondere deshalb, weil kein Staat existiert. Es ist ein Fata Morgana. Menschen beziehen sich darauf, referenzieren es,  projezieren sich auf dies. Es ist wie in der Kirche. Ein billiges Kindertheater.

mit gruessen, willi

5 Stefan Meretz (15.09.2015, 17:21 Uhr)

@classless Kulla: Ich weiß nicht, was du damit meinst, dass die „Betriebe/Produktionsmittel keinen Warencharakter mehr“ hätten. Wenn es Warenproduktion gab/gibt, dann dienen Betriebe und PM eben dazu und haben somit „Warencharakter“. Staatseigentum macht noch keine Warenfreiheit (siehe den Abschnitt über individuelles und kollektives Privateigentum).

Insofern sehe ich kein Argument, warum der Warensozialismus näher an der Aufhebung des Kapitalismus liegen solle als der Warenkapitalismus. Du?

6 Christian Siefkes (17.09.2015, 17:58 Uhr)

@classless und Stefan: Mit Begriffen ist das ja immer so eine Sache, abstrakt lässt sich unter „Sozialismus“ alles Mögliche gedanklich fassen. Schaut man aber konkret auf den Sozialismus, wie er in der Sowjetunion und DDR einst real existierte, dann stellt sich heraus, dass die „sozialistische Warenproduktion“ dort sogar das offizielle Paradigma der Herrschenden war.

Warenproduktion setzt allerdings getrennte Privatproduktion und Konkurrenz voraus, während die im Realsozialismus ebenfalls angestrebte gesellschaftliche Gesamtplanung beides überwinden will. Im Ergebnis würde ich sagen, dass der Realsozialismus nicht „strukturähnlich“, also quasi dasselbe wie der Kapitalismus war, sondern vielmehr „eine Zwitterlogik, die nie richtig funktionierte und auch nicht funktionieren konnte“. Ich habe das anderswo genauer ausgeführt, auf der Basis von Hermann Lueers Studien.

7 classless Kulla (17.09.2015, 21:08 Uhr)

Aber das „Funktionieren“ ist mir eigentlich auch wurscht – es ging doch im „Realsozialismus“ darum, die vorgefundenen Formen soweit unter Kontrolle zu bekommen, daß sie nach und nach mit anderem Inhalt gefüllt werden konnten. 
Und insofern bilden Zwecksetzung und Teil-Entkommodifizierung schon wesentliche Unterschiede zu jetzt.

8 Stefan Meretz (18.09.2015, 09:07 Uhr)

@classless & Christian: Strukturähnlich heißt nicht „quasi dasselbe“, aber tatsächlich würde ich sagen, dass die basale Struktur — die getrennte Privatproduktion und Konkurrenz — auch für den Realsozialismus bestimmend war und zwar durch den umgebenden Weltmarkt. Dem wurde per politischer Zwecksetzung und Binnen-Entkommodifizierung versucht entgegenzuwirken. Die DDR war also — ja, ja, sehr versimplifiziert — ein Unternehmen, dass wie viele andere West-Unternehmen in den Binnenverhältnissen keine Warenlogik exekutierte (was normalen kap. Unternehmen per Profitcenter-Prinzip auch dort ausgetrieben werden sollte). Im Realsoz war die Binnenlogik politisch bestimmt, also ein auch von mir jahrelang begrüßter politischer Voluntarismus für eine „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“. Doch es gab in the long run eben kein Entkommen.

Dies nannte man in der Binnendiskussion v.a. gegen Ende des Realsoz „Voluntarismus“ und „Verstöße gegen das Wertgesetz“. Ja, korrekt, nur war die Kritik immer so gemeint, dass nun endlich wieder das Wertgesetz auch im Realsoz ungehindert wirken solle. Am Ende war das auch erfüllt und der Realsoz beendet.

Ein Witz zur Illustration am Rande: Was war die größte DDR der Welt? Die DDR! Was war die zweitgrößte DDR der Welt? Wien! Was war die drittgrößte DDR der Welt? Siemens!

9 classless Kulla (18.09.2015, 11:14 Uhr)

„Doch es gab in the long run eben kein Entkommen.““Am Ende war das auch erfüllt und der Realsoz beendet.“
Das klingt alles so vom Ende her gedacht, und es klingt, als sei das Ende, das die DDR fand, das einzig mögliche und unausweichliche Ende gewesen. Aber das hatte doch eben mehr mit der globalen Staatenkonkurrenz zu tun und die wiederum mit den Kräfteverhältnissen, die sich – letztlich doch aufgrund der Rüstungskapazitäten – zu sehr zugunsten des Westens verändert hatten. 
Wie sich die andere gesellschaftliche Zwecksetzung und die Teilentkommodifizierung ausgewirkt hätten, wenn das globale Kräfteverhältnis sich günstiger entwickelt hätte, wissen wir doch gar nicht – möglicherweise hätte sich die Ökonomie nach und nach oder schubweise (wie in der Betriebsbewegung Ende ’89) radikalisiert und überhaupt auch wieder politisiert im Sinne eines öffentlichen Raums, es wäre zu weiteren Teilentkommodifzierungen gekommen, die Attraktivität des Modells hätte möglicherweise mehr (oder überhaupt) ausgestrahlt…

10 Stefan Meretz (18.09.2015, 11:31 Uhr)

Ja, ist vom Ende her gedacht, an dem wir schlauer sind. Ich sehe kein Argument, warum sich das ökonomische Kräfteverhältnis des minimal-regulierten (ökonomisch freieren) Westkapitalismus gegenüber dem planregulierten (ökonomisch unfreieren) Ostsozialismus zugunsten des letzteren hätte entwickeln sollen. Das hat der Osten, wie geschrieben, am Ende auch so gesehen: Freies Wirken des Wertgesetzes ist ökonomisch immer überlegen. Anders gesagt: Wenn Warenproduktion, dann ist sie in der (neo-)liberalen Form auf gleichem Terrain nicht zu schlagen (jenseits des Kollapses, was ne andere Frage ist).

Deswegen sehe ich auch keine Perspektive für Kuba, Venezuela und Co solange sie es auf dem Terrain der Warenproduktion versuchen. Diese Einsicht schmerzt mich, aber ich komme nicht drumherum.

Es geht um den Aufbau einer Produktionsweise jenseits der Warenproduktion und der Transformation der jeweiligen Gesellschaften dorthin — und da mögen die konkreten Wege sozialistischer und kapitalistischer Gesellschaften verschieden sein. Doch ob der eine oder andere Weg „kürzer“ ist, kann ich nicht sehen. Vielleicht fehlt mir da eine Erkenntnis…

11 classless Kulla (18.09.2015, 13:11 Uhr)

Ich lese da irgendwie Apologie des Scheiterns, obwohl das m.E. für jegliche andere Vorhaben nicht mal nötig wäre. Das ist seltsam.

12 Stefan Meretz (18.09.2015, 13:44 Uhr)

Hm, Apologie (=Rechtfertigung) des Scheiterns? Erklärung, würde ich sagen, um daraus zu lernen. Doch, das halte ich für andere emanzipatorische Vorhaben für nötig.

13 willi uebelherr (18.09.2015, 15:13 Uhr)

Liebe freunde,

die diskussion scheint sich ja etwas zu entwickeln. Vorweg: Commonismus ist fuer mich Communismus. Die gemeinschaft steht im vordergrund.

Abstrakt sprechen wir von Warenproduktion. Konkret ruht dies auf der spekulativen Wertabstraktion, die ueber geldsysteme realisiert wird.

Konsequent muessen wir uebergehen zum Eigenwert von allem, was wir herstellen oder die herstellung unterstuetzen. Wie wir es in der landwirtschaft sehen. Die pflanzen produzieren, nicht wir.

Der Eigenwert ist unsere aufgebrachte zeit. Wenn wir geld verwenden wollen, dann muss sich dies ebenso auf unsere zeit beziehen. Also eine abbildung unserer zeit darstellen.

Damit werden alle unsere taetigkeiten gleichwertig auf der basis von zeiteinheiten. Egal, was wir tun. Nur nuetzlich und sinnvoll sollten sie sein.

Auf dieser basis ist ein gleichwertiger austausch moeglich, bis auch die notwendigkeit fuer einen austausch einem minimum zustrebt.

Privates eigentum an gemeinschaftlichen guetern und ressourcen werden aufgeloest. Diese ressourcen werden gemeinschaftlich organisiert. Und eben nicht ueber ein staatsgebilde, sondern ueber die Communas, die Kommunen.

Das netzwerk der kommunen loest die staatskonstruktionen auf. Sie werden ueberfluessig.

mit lieben gruessen, willi
Recife, Brasil

14 Roland Dames (18.09.2015, 22:45 Uhr)

Hallo Willi Uebelherr,

bezogen auf deinen letzten Kommentar: Bei mir heißt diese Gesellschaft aus Kommunen Polis-Allmenden Gesellschaft (siehe meine Internetseite).

Das gemeinschaftlich wirtschaftende Stammesmodell, bei dem der Anführer gewählt wird, muss in die Technologiegesellschaft entwickelt werden.

Der Weg:
-Konzept erarbeiten, funktionierende Regeln aufstellen.
-Ein Beispielobjekt mit interessierten Menschen aufbauen.
-Ist die Lebensqualität in dem Objekt höher als außerhalb, werden andere Menschen auch in solchen Kommunen leben wollen.
-Gründung weiterer Kommunen.
-Kommunen bilden einen kooperativen Verbund.
-Je stärker die Kommunen werden, desto schwächer wird das äußere System.

-> Evolutionäre Durchsetzung, Übergang in die Polis-Allmende Gesellschaft (kommunistischer Anarchismus, Kropotkin).

Das läuft auf ein Zusammenwachsen der Ökodörfer mit der Commonsidee hinaus. Oder das Ökodorfmodell muss massentauglich gemacht werden

Nach meiner Analyse ist dass der einzig realistische Weg in ein dauerhaft stabiles System und kann auch sofort umgesetzt werden.

Zu deinen vorhergehenden Kommentaren:

Ich bemühe mich meistens beim Lesen das Denken zu öffnen (nette Formulierung).

Ein Staat ist keine Fata Morgana. Ein Staat ist das Machtinstrument der jeweils herrschenden Klasse oder Interessengruppe und damit real. Wird in einer Gesellschaft relative Gleichheit hergestellt (im Kommunismus oder Commonismus), braucht man den dann nicht mehr oder nur als Rudiment.

…Ein ideenraum, ein raum unseres dekens…

Klingt sehr idealistisch.

Ich habe im philosophischen Sinne eine materialistische Sichtweise, sehe die Materie als das Primat an, aus der sich das Bewusstsein, der Geist, die Idee entwickelt hat. Für mich gilt diese Kausalkette:

Materie -> Natur -> Pflanzen, Tiere -> Menschen -> Gesellschaft -> Geist, Denken, Idee.

Ich würde dass daher so nicht formulieren.

Viele Grüße
Roland Dames

15 Hans-Hermann Hirschelmann (20.09.2015, 19:27 Uhr)

Ein Strang erklärt offen, dass es sich beim Sozialismus um eine warenproduzierende Gesellschaft handele, in der getrennt produziert werde und folglich die Produkte Warenform annähmen. Im durch einen zentralen Plan geregelten Austausch behielten folglich Wertgesetz, Preis und Gewinn ihre regulatorische Funktion. Ein anderer Strang spricht von bloßer Güterproduktion, bestreitet also die Warenförmigkeit der Produkte mit dem Verweis auf das Gemeineigentum an den (wesentlichen) Produktionsmitteln sowie dem Plan, der den Markt als Vermittlungsinstanz durch einen „politischen“
Mechanismus ersetze.

Es gäbe allerdings noch die dritte Möglichkeit, die dialektische Form gesellschaftlicher Entwicklungen im Auge zu behalten und die Sozialismusfrage an keinem dieser beiden „Stränge“ aufhängen. Sondern Sozialismus (an Marx/Engels Perspektive anknüpfend)  als einen langwierigen historischen Prozess des Übergangs von der  nationalstaatlich regulierten Warenproduktion zu einem  Zusammenwirken auf Grundlage (welt-) kommunistischer (gesamtgesellschaftliche bzw. ökologische Vernunft erlaubender)  Interaktionsbedingungen zu betrachten.  Innerhalb dessen beispielsweise die Formulierung und Verfolgung gemeinsamer Entwicklungsziele eingeübt wird.

16 Neues Wirtschaftskonzept vom 1. November 2013 (21.09.2015, 11:36 Uhr)

[…] Kommunismus statt Sozialismus (hier) […]

17 Die Logik der Commons & des Markts - Eine Gegenüberstellung vom 13. Dezember 2013 (21.09.2015, 11:36 Uhr)

[…] Kommunismus statt Sozialismus (hier) […]

18 COMMONS - "Ökonomie des Gemeinsamen" vom 8. August 2013 (21.09.2015, 11:37 Uhr)

[…] Kommunismus statt Sozialismus (hier) […]

19 Lynn (Simon S.) (22.09.2015, 11:13 Uhr)

@classless und stefan

Ich würde Stefan zustimmen, dass es kein Problem darstellt vom Ende her zu denken, weil wir etwas dazu gelernt haben. Natürlich, hätte es auch anders sein können. Aber das Problem des Realsozialismus – um den es ja geht und ähnliche Ideen vom großen Plan + Vergesellschaftung über Arbeit – lag nicht in dem falschen historischen Weg, sondern seiner inneren Logik.

Er behält eine Vergesellschaftung über Arbeit, Warenproduktion, Gewinn, Geld ohne aber eine freie Konkurrenz zuzulassen. Der Markt muss dann ersetzt werden durch (staatliche) Zentralplanung, die deutlich fehlerhafter und unflexibler vonstatten ging.

@classless: glaubst du, dass der realsozialismus durch andere entscheidungen potenzen entwickelt hätte die auf eine befreite gesellschaft hindeuten würde? Wie?

20 classless Kulla (22.09.2015, 11:15 Uhr)

@Stefan

„Ja, ist vom Ende her gedacht, an dem wir schlauer sind.“

„Hm, Apologie (=Rechtfertigung) des Scheiterns? Erklärung, würde ich sagen, um daraus zu lernen. Doch, das halte ich für andere emanzipatorische Vorhaben für nötig.“

Wenn du nicht antworten willst, dann antworte halt einfach nicht, statt solche arroganten Verrenkungen zu machen.

21 Stefan Meretz (22.09.2015, 11:32 Uhr)

@classless: Huch? Das hast du in den falschen Hals bekommen. Ich meinte es kein bißchen arrogant, sondern so, wie ich es schrieb: Ich will das Scheitern nicht (als zwangsläufig oder so) rechtfertigen, sondern verstehen, um bei anderen emanzipatorischen Vorhaben draus zu lernen. Und das halte ich für wichtig.

22 lupus (25.09.2015, 22:55 Uhr)

Hallo Stefan,

ich zitiere dich: „Aus individueller Sicht ist Stigmergie eine Form der Selbstauswahl,
bei der sich Individuen einer Aufgabe verschreiben und sich dabei ggf.
mit anderen koordinieren, die auch an dieser Aufgabe arbeiten (wollen)“.

Ich meine, dass das Wort „Aufgabe“ an dieser Stelle unpassend ist. Es stammt m.E. aus einer hierarchischen Welt, wo etwas aufgegeben wird. Ich würde schreiben „sich einer Sache verschreiben“ und „die auch an dieser Sache arbeiten (wollen)“ Einige Zeilen vorher würde ich von hinweisbasierter Tätigkeitenauswahl statt von hinweisbasierter Aufgabenverteilung sprechen.

Wie vermitteln sich die Erfüllung konkreter Tagesbedürfnisse – spätestens am Abend  möchte ich nach getaner Arbeit was essen – und die  Tätigkeiten an der Sache, der ich mich verschreibe? Oder etwas anders: Wie vermitteln sich kurz, mittel und lang dauernde Tätigkeiten, z.B. Getreide anbauen, speichern, mahlen, Brot backen, Brotmahlzeit zubereiten?

Ich zitiere: „Der Perspektivenwechsel besteht nun darin zu erkennen, dass die Menschen selbst am besten wissen, wie die konkreten Anforderungen vor Ort und an der Sache bewältigt werden.“

Wie vermittelt sich die Erfüllung von Bedürfnissen solcher Menschen, die sich nicht oder kaum oder noch nicht artikulieren können, z.B. Kinder, Alte, Kranke? Beispielsweise waren archaische, subsistent wirtschaftende Gruppen oft ziemlich brutal. Andererseits bietet die „soziale Marktwirtschaft“ in der BRD (und andern westeuropäischen Ländern) immer noch eine Sicherheit, die in andern Weltgegenden (z.B. Philippinen) ihresgleichen sucht.

Liegen beispielsweise im kostenlosen Schulbesuch, im System der Krankenversicherung bereits Keime (oder Keimformen) von Infrastrukturcommons, angesichts dessen, dass anderswo Schulgeld zu zahlen ist und ein Arztbesuch regelmäßig den Griff ins Portemonnaie erfordert?

Viele Grüße

lupus

23 Stefan Meretz (26.09.2015, 10:24 Uhr)

@lupus: Danke für den Denkanstoß! Wikipedia schreibt: „Eine Aufgabe ist eine Verpflichtung, eine vorgegebene Handlung durchzuführen“. Klingt sehr nach Fremdbestimmung.

Aber, frag ich mich, kann es nicht auch Selbstverpflichtungen geben? Ist eine selbstbestimmte Verschreibung einer Sache nicht genau eine solche Selbstverpflichtung? Das sind keine rhetorischen Fragen…

Die Vermittlung von kurz- und langfristigen Tätigkeiten erfolgt gesellschaftlich. Denn, davon gehe ich aus, der Grad gesellschaftlicher Aufgabenteilung (oder Arbeitsteilung oder Tätigkeitsverteilung) wird nicht abnehmen, sondern eher noch zunehmen (wenngleich sich bzgl. des Inhalts komplett umbauen). In jedem Fall werden wir nicht subsistenzartig „nur für uns“ (in kleinen Gemeinschaften) produzieren. Arbeitsteilung spricht übrigens nicht gegen Relokalisierung, aber das ist ein anderes Thema.

Auch die nächste Frage finde ich spannend: Was ist mit Menschen, die sich nicht gut artikulieren und, ergänzt, nichts beitragen können? Ganz allgemein würde ich annehmen, dass unter Bedingungen gesellschaftlicher Inklusionslogik alle Menschen inkludiert werden, weil sich im Mittel auch die Bedürfnisse so entwickeln wie sie den gesellschaftlichen Möglichkeiten entsprechen. Das, was gesellschaftlich möglich ist, dafür entwickeln wir auch den Wunsch es zu tun (das gilt leider auch heute). Das dies bei Kindern in der Regel so ist, sehen wir auch heute schon.

Und ja, gewisse gesellschaftliche Infrastrukturen, die der Kapitalismus hervorgebracht hat (und die seine zivilisatorische Leistung ausmachen) werden — in veränderter Form, etwa ohne Griff ins Portemonnaie — bestehen bleiben, würde ich erwarten. Aber wer weiss das schon.

24 Jein zum Staat? | CommonsBlog (07.11.2016, 12:38 Uhr)

[…] Stefan (2015): Commonismus statt Sozialismus. http://keimform.de/2015/commonismus-statt-sozialismus-2/ Zuletzt gesehen […]

Schreibe einen Kommentar