Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Wie kommt das Neue in die Welt?

Sturm auf die Tuilerien (königliche Residenz) 1792 während der Französischen Revolution (Gemälde von Jean Duplessi-Bertaux, gemeinfrei, URL: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jacques_Bertaux_-_Prise_du_palais_des_Tuileries_-_1793.jpg)(Voriger Artikel: Was muss sich ändern, damit alles anders werden kann?)

Eine umfassende Kritik der kapitalistischen Logik sieht sich zwangsläufig mit einer doppelten Frage konfrontiert:

  1. Was wäre die Alternative?
  2. Wie kann sich diese Alternative durchsetzen?

Die Frage nach der Alternative …

Von der an Marx orientierten Kritik wird gerne schon die erste Frage zurückgewiesen mit einem Argument, das die Gruppe [pæris] (2010) wie folgt zusammengefasst hat:

Wir wissen doch von Adorno, dass man sich von der befreiten Gesellschaft kein Bild machen soll: Über die Negation des Negativen hinauszugehen bedeutet, den Kommunismus in Vorstellungen zu kleiden, die durch das bestehende Negative (Kapitalismus usw.) bedingt sind.

Schon Marx selbst hat sich lieber auf die Kritik beschränkt und über die möglichen Alternativen fast nichts gesagt. Und Adorno argumentiert, dass ausgemalte Utopien notwendigerweise „schief“ (Adorno 1966: 343) sind, da sie sich immer an der Gegenwart und den heute verbreiteten Denkmodellen orientieren müssen – die es aber gerade zu überwunden gilt.

Zweifellos ist dies insofern richtig, als dass es hinterher in jedem Fall nochmal anders kommen wird als man sich heute vorstellen kann. Da unsere Gedanken von der existierenden Gesellschaft geprägt sind und sich – bei aller Kritik – nicht vollständig von dieser lösen können, ist ein „fehlerfreies“ Ausmalen einer anderen Gesellschaft und ihrer Logik tatsächlich nicht möglich. Dieser Begrenzung muss man sich beim Nachdenken über Alternativen immer bewusst sein.

Dennoch ist es meiner Ansicht nach ein Irrtum, daraus zu schließen, dass dieses Nachdenken überhaupt keinen Sinn mache. Eine Kritik, die sich der Frage nach der Alternative verweigert, bleibt notwendigerweise steril, weil sie nicht einmal gedanklich einen Ausweg aus dem Bestehenden eröffnen kann. Um aber eine Chance auf Realisierung zu haben, muss die neue Logik zumindest in ihren Grundzügen bereits in der alten Gesellschaft vorstellbar sein. Und es muss Menschen geben, die sie sich tatsächlich vorstellen und eine Entwicklung in diese Richtung anstreben. Denn andernfalls kann sich die Gesellschaft überhaupt nicht in Richtung der neuen Logik entwickeln, außer vielleicht „aus Versehen“. Aber eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich ungeplant und nur versehentlich vollzieht, würde wohl kaum zu besonders wünschenswerten Ergebnissen führen.

Es gibt also gute Gründe dafür, die erste Frage – wie könnte eine gesellschaftliche Alternative aussehen und funktionieren? – so gut es geht zu beantworten versuchen. Auch wenn man dabei im Hinterkopf behalten sollte, dass es immer wesentliche Unterschiede zwischen der vorgestellten Möglichkeit und dessen späterer eventueller Realisierung geben wird.

… und ihrer Erreichbarkeit

Was ist nun mit der zweite Frage, der Frage nach dem Weg dorthin? Zumindest theoretisch muss es einen solchen Weg geben, wenn die Alternative eines Tages Realität werden soll. Denn wenn es nicht einmal theoretisch einen Weg von der heutigen in die vorgestellte Gesellschaft gibt, bleibt diese Vorstellung zwangsläufig eine bloße Utopie – hier im wörtlichen Sinne eines unerreichbaren „Nicht-Orts“ verwendet.

Wenn man sich eine andere gesellschaftliche Logik vorstellen kann und sie auch theoretisch für erreichbar hält, heißt das allerdings noch nicht, dass man den Weg dorthin auch ohne Weiteres angeben kann. Auch wenn man dies nicht kann, sind Utopien einer ganz anderem Logik legitim und wichtig, schon um dem heute vorherrschenden TINA-Denken („There is no alternative“) etwas entgegensetzen zu können.

Allerdings ist das insofern unbefriedigend, als sich daraus keine strategische Perspektive ergibt. Was könnte man tun, um zur Verbreitung und Durchsetzung der gewünschten Alternative beizutragen? Diese Frage bleibt dann zwangsläufig offen oder kann nur mit vagen Allgemeinplätzen beantwortet werden.

Die andere Logik nicht nur als Zielvorstellung skizzieren zu können, sondern darüber hinaus auch noch einen möglichen Weg dorthin – oder mehrere mögliche Wege – umreißen zu können, ist also aus zwei Gründen wünschenswert. Zu einem, um Befürchtungen entgegentreten zu können, dass die andere Logik grundsätzlich unerreichbar, ein unmöglicher Nicht-Ort ist. Und zum anderen, um Antworten auf die strategische Frage „Was tun?“ zu haben.

Verändern Revolutionen die gesellschaftliche Logik?

Die Gesellschaft wird von Menschen gemacht, kann also durch menschliches Tun verändert werden. Das passiert auch ständig, jedoch bleiben die meisten gesellschaftlichen Veränderungen im Rahmen der gerade herrschenden gesellschaftlichen Logik. Ein substanzieller gesellschaftlicher Umbruch erfordert aber eine Veränderung der Logik selbst.

Die klassische linke Antwort darauf, wie sich eine solche Veränderung der Logik vollziehen kann, lautet „Revolution“ oder auch gleich „Weltrevolution“. Daneben gibt es den „Reformismus“, der aus radikalerer Perspektive als zu gemäßigt kritisiert wird. Meiner Ansicht nach können aber weder Revolution noch Reform das Herzstück eines gesellschaftlichen Transformationsprozesses von einer Logik hin zu einer anderen darstellen. Beide können Elemente eines länger andauernden und zugleich radikaleren Prozesses sein, sie können diesen Prozess aber nicht ersetzen.

Revolutionen sind nichts besonders Seltenes, doch historisch gesehen haben die meisten Revolutionen die herrschende gesellschaftliche Logik nicht in Frage gestellt, sondern nur ein politisches Regime durch ein anderes ersetzt. So führten die Revolutionen in Ägypten 2011 und in Tunesien 2010/11 jeweils zum Sturz der zuvor herrschenden autoritären Regierungen. In der Ukraine wurde durch die Orange Revolution 2004 sowie den Euromaidan 2013/14 jeweils eine russlandfreundliche durch eine prowestliche Regierung ersetzt. Die kapitalistische Verfasstheit dieser Staaten wurde durch diese Revolutionen aber nicht einmal in Frage gestellt.

Manchmal entsteht aus einer Revolution ein neuer Staat, so bei der Amerikanischen Revolution in den 1770er Jahren. Oder die Regierungsform eines Landes ändert sich, etwa bei der Xinhai-Revolution 1911 in China und der Novemberrevolution 1918/19 in Deutschland, die jeweils ein Kaiserreich durch eine parlamentarische Demokratie ersetzten. Das hat durchaus mit der gesellschaftlichen Logik zu tun. Unabhängige Staaten sind im kapitalistischen Weltsystem in einer besseren Position als Kolonien, und der Sturz der alten Kaiserherrschaften hing wohl auch damit zusammen, dass diese mit den Komplexitäten einer kapitalistischen Gesellschaft nicht mehr angemessen umgehen konnten. Auch solche Revolutionen stellen die bereits herrschende oder zur Vorherrschaft drängende Logik also nicht in Frage, sondern tragen im Gegenteil zur Durchsetzung von Verhältnissen bei, die ihr besser entsprechen.

Noch deutlicher wird dies bei eindeutig „bürgerlichen“ Revolutionen wie der Glorious Revolution 1688/89 in Großbritannien, wo der königliche Absolutismus zugunsten eines parlamentarischen Regierungssystem eingeschätzt wurde. Damit wurden den wohlhabenden Bürgern, also im Wesentlichen den Kapitalisten und den zunehmend zu Kapitalisten werdenden Grundherren, politische Mitspracherechte gegeben (alle anderen waren vom Wahlrecht ausgeschlossen). Zugleich wurde das bisherige Vorrecht des Königs aufgehoben, nach Belieben Steuern zu erheben und Richter ein- oder abzusetzen, da solche Willkürverhältnisse zu Unsicherheiten führen, die die Kapitalverwertung erschweren.

Auch die Französische Revolution von 1789 bis 1799 und die Liberale Revolution in Portugal 1821/22 bedeuteten in diesen Länder das Ende des Absolutismus und sorgten damit für „berechenbare“ Verhältnisse, die den Bedürfnissen kapitalistischer Unternehmungen besser entsprachen.

Diese Revolution hingen also klarerweise mit der Veränderung der gesellschaftlichen Logik vom Feudalismus bzw. Absolutismus hin zum Kapitalismus zusammen, doch damit waren sie lediglich ein wichtiges Element eines längeren gesellschaftlichen Transformationsprozesses, der in diesen Ländern jeweils längst vorher begonnen hatte. In Stefans Fünf-Schritt-Modell (Meretz 2014), dürften sie sich in Schritt 4 (Dominanzwechsel) oder 5 (Umstrukturierung) einordnen lassen. Sie waren nicht der Auslöser einer gesellschaftlichen Transformation, sondern Teil eines längeren Prozesses, der lange vorher begonnen hatte und damit noch längst nicht abgeschlossen war.

Auch rascher wirtschaftlich-technischer Wandel wird manchmal als „Revolution“ bezeichnet, nämlich als „industrielle Revolution“. Die eigentliche (oder erste) „industrielle Revolution“ begann in England im späten 18. Jahrhundert mit Erfindungen wie der Spinning Jenny (1764), der Watt’schen Dampfmaschine (1769), dem mechanischen Webstuhl (1784) sowie neuen Metallverarbeitungstechniken wie dem Walzen (1783). Bis sich diese neuen Techniken im großen Stil durchsetzen, vergingen allerdings noch Jahrzehnte.

Die „industrielle Revolution“ entspricht daher nicht dem üblichen Bild von Revolution als abruptem Einzelereignis, das sich im Lauf weniger Tage, Wochen oder maximal Jahre vollzieht. Sie war ein wirtschaftlich-gesellschaftlicher Umbauprozess, der sich über Jahrzehnte hinzog, keine politisch-kämpferischer Prozess der Umwerfung der herrschenden Verhältnisse innerhalb kurzer Zeit.

Vor allem aber war auch die „industrielle Revolution“ nicht Auslöser des gesellschaftlichen Transformationsprozesses hin zum Kapitalismus (wie manche denken). Dieser Prozess hatte vielmehr schon im 16. Jahrhundert begonnen, wie Ellen Wood (2002) betont (vgl. Siefkes 2014). Die „industrielle Revolution“ war sowohl Konsequenz als auch wesentlicher Bestandteil dieses insgesamt noch sehr viel länger dauernden Transformationsprozesses.

Tatsächlich war die langwierige Durchsetzung der kapitalistischen Logik die bislang letzte wesentliche Veränderung der gesellschaftlichen Logik. Alle seitdem stattgefunden Revolution waren entweder selbst Teil dieses Transformationsprozesses oder haben die nun herrschende Logik der Kapitalverwertung zumindest nicht in Frage gestellt.

Oktoberrevolution als Ausnahme?

Aber war nicht die russische Oktoberrevolution die große Ausnahme? Wurde dort eine Veränderung der gesellschaftlichen Logik nicht zumindest angestrebt und zeitweilig auch erreicht?

Zunächst ist hier auf das Offensichtliche hinzuweisen, nämlich dass diese Veränderung nicht nachhaltig war. Heute herrscht in Russland und den anderen zwischenzeitlich „sozialistischen“ Ländern die kapitalistische Produktionsweise wieder unangefochten (auch wenn sie in China „sozialistische Marktwirtschaft“ heißt). Die eine Ausnahme, in der das sozialistisch-planwirtschaftliche Modell noch eine größere Rolle spielt, ist Kuba. Doch auch dort ist der privatwirtschaftliche Sektor in den letzten Jahrzehnten immer größer geworden und weitere „Normalisierungen“ in Richtung einer kapitalistischen Marktwirtschaft sind zu erwarten.

Als noch schwerer wiegender Einwand ist festzustellen, dass die Oktoberrevolution gerade zeigt, dass eine „freischwebende“ Revolution, die nicht Teil und Folge eines längeren Transformationsprozesses ist, zu einer tiefgreifenden Veränderung der gesellschaftlichen Logik gar nicht in der Lage ist.

Während Marx die Warenproduktion insgesamt kritisierte, störte sich Lenin lediglich an der privaten Aneignung des Mehrwerts. Die von ihm für die sozialistische Gesellschaft propagierte Zielsetzung bestand darin, die Produktion weiterhin analog zu kapitalistischen Organisationsprinzipien und Effizienzkriterien zu organisieren, jedoch mit dem Staat anstelle privater Kapitalisten als alleinigem Eigentümer aller Firmen (vgl. Lueer 2013: 112f). „Die von Marx kritisierten Kategorien abstrakten tauschwertbezogenen Reichtums sollten dabei über einen im sozialistischen Eigentumsverhältnis geänderten Charakter in Form von regulierten Warenpreisen, gerechten Löhnen und angemessenen Gewinnen wie im Kapitalismus die Produktivkräfte entfesseln – nur besser“ (ebd.: 114).

Unter Lenins „Neuer Ökonomische Politik“ wurde auch das nicht konsequent umgesetzt, stattdessen fand ein Großteil der Produktion weiterhin in privaten, auf Kapitalvermehrung ausgerichteten Betrieben statt. Der Staat versuchte lediglich über Steuern einen Teil der Gewinne abzuschöpfen – ganz wie im Kapitalismus (ebd.: 115).

Erst unter Stalin wurden die Produktionsmittel konsequent verstaatlicht. An den Prinzipien des Kaufens und Verkaufens wurde dabei allerdings festgehalten, nur dass die Preise von den staatlichen Planungsbehörden nun „rational berechnet“ werden sollten. Die Betriebe sollten weiterhin Gewinne machen, die allerdings an den Staat abzuführen waren (ebd.: 118).

„Dort, wo es Waren und Warenproduktion gibt, muss es auch das Wertgesetz geben … Ist das gut? Es ist nicht schlecht“, schrieb Stalin (zitiert ebd.: 119). Diese Position war nicht unumstritten, doch diejenigen, die meinten, „die Partei hätte damals gleich die Warenproduktion beseitigen müssen […] irren sich gründlich“ (Stalin, zitiert ebd.: 120). Stalin behauptete, dass „unsere Warenproduktion keine gewöhnliche Warenproduktion dar[stellt], sondern eine Warenproduktion besonderer Art, eine Warenproduktion ohne Kapitalisten“ (zitiert ebd.: 121), die deshalb auch für die sozialistische Gesellschaft jedenfalls in ihrer damaligen Epoche angemessen wäre.

Die Vermutung, der aus einer Revolution hervorgegangen Sowjetunion wäre es gelungen, die kapitalistische Logik durch eine ganz andere zu ersetzen, entpuppt sich somit als falsch. Tatsächlich wurde das nicht einmal ernsthaft versucht, sondern die gewinnorientierte und effizienzmaximierende Warenproduktion sollte weiterhin das die Produktion bestimmte Paradigma bleiben, nun allerdings mit einer Verstaatlichung der Gewinne. Das Ergebnis war eine Zwitterlogik, die nie richtig funktionierte und auch nicht funktionieren konnte.

Man kann die Schuld dafür Lenin zuweisen, der die „sozialistische Warenproduktion“ als Zielvorstellung entwickelt hatte. Doch damit macht man es sich zu einfach. Lenin und die Bolschewiki kannten schlichtweg keine andere gesellschaftliche Praxis, an der sie sich hätten orientieren können. Sie mussten mit dem arbeiten, was sie kannten, und das war eben einerseits die Warenproduktion und andererseits die staatliche Steuerung, wie es sie auch in kapitalistischen Staaten gibt. Beide repräsentierten die alte gesellschaftliche Logik, doch eine neue konnten sie nicht über Nacht aus dem Hut zaubern.

Revolutionen können sehr wohl ihren Beitrag zur Veränderung der gesellschaftlichen Logik leisten, doch nur als Teil eines längeren gesellschaftlichen Transformationsprozesses, in dem sie nicht der erste und schon gar nicht der einzige Schritt sein können. Die link(sradikal)e Hoffnung auf eine Revolution, nach der plötzlich auf einen Schlag alles anders ist, ist also ein Trugbild, ein Ding der Unmöglichkeit.

Literatur

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Theorie

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25. Mai 2015, 08:00 Uhr   19 Kommentare

1 Hans-Hermann Hirschelmann (25.05.2015, 16:43 Uhr)

Eine umfassende Kritik der kapitalistischen Logik sieht sich zwangsläufig mit einer doppelten Frage konfrontiert:
Was wäre die Alternative?Wie kann sich diese Alternative durchsetzen?

Eine umfassende Erörterung der historischen Notwendigkeit. Möglichkeit und möglichen Gestalt gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen, die das Zeitalter der kapitalistischen Produktions- bzw. Aneignungsbedingungen Geschichte werden lassen, müsste vielleicht erst einmal damit aufhören, „kapitalistische Logiken“ überwinden zu wollen. Deren Alternative müsste dann logisch in der Durchsetzung alternativer „Logiken“ gesehen werden, die Geschichte als die Geschichte des Kampfes verschiedener Logiken usw. Diese Logik führt aber zu nichts. 

Man müsste stattdessen die sozialen Zwänge und Freiheiten der gegenwärtigen Formen kapitalistischer Vergesellschaftung  erörtern, welche Produktivkräfte diese entwickeln bzw. freisetzen helfen oder auch hemmen, welche Probleme sich dadurch auftürmen, wie diese Probleme angegangen werden können und schließlich zu bewältigen wären, vielleicht auch welche Systeme gesellschaftlicher Zwänge und Freiheiten weiter helfen, welche Schwierigkeiten sich deren Entwicklung bzw. Etablierung entgegen stellen, und wie diese Schwierigkeiten bewältigt werden könnten.

Die richtige Erkenntnis, dass man mit noch so ausgefeilten und reflektierten Vorstellungen über die Notwendigkeit, Möglichkeiten und möglichen Gestalt (welt-) kommunistische Interaktionsbedingungen der Zukunft notwendig „schief“ liegt, sollte nicht dazu führen, nicht mehr den Unterschied zwischen einer 99-prozentigen und die einer nur fünf- oder 10-prozentigen Schieflage zu erkennen.

Es ist ja durchaus nicht so, dass gar keine halbwegs verlässliche Aussagen gewagt werden könnten, etwa zur Notwendigkeit, die Allgemeingültigkeit bestimmter kultureller Standards zu garantieren wie etwa hinsichtlich menschlicher Würde, Gesundheit, Bildung, zu verhindern, dass nicht irgendwo lokale Gemeinschaften die Todesstrafe oder Lynchjustiz als besonders effektives Mittel der „kommunistischen“ Konfliktvermeidung entdecken, Garantie und Ausbau der Möglichkeit zum herrschaftsfreien Diskurses usw. usf..

Den Grad der Schiefheit der Vorstellung, dass sich die Arbeitsteilung nicht mehr naturwüchsig, hinter den Rücken der Beteiligten herstellen soll sondern auf Grundlage gemeinschaftlich organisierter Abstimmungsprozesse, mit denen die unterschiedlichen Bedürfnisse und die sozialen bzw. ökologischen Kosten ihrer Befriedigung ins Benehmen gebracht werden, schätze ich z.B. für recht gering ein. (Keine sehr steile These, oder?)

Aber ok, an dem Punkt sind wir uns einig. Mir ging es darum, Kapitalismus als ein notwendiges Durchgangsstadium zu erkennen.

2 Hans-Hermann Hirschelmann (25.05.2015, 19:26 Uhr)

Es scheint fast, als ob das Wort „Logik“ hier als Synonym für „Produktionsverhältnisse“ dient. Aber warum?

3 Hans-Hermann Hirschelmann (25.05.2015, 20:54 Uhr)

Zunächst ist hier auf das Offensichtliche hinzuweisen, nämlich dass diese Veränderung nicht nachhaltig war.

Wäre das so, wären Russland und die anderen Nachfolgestaaten der SU heute wieder im Wesentlichen Agrargesellschaften.

Während Marx die Warenproduktion insgesamt kritisierte, störte sich Lenin lediglich an der privaten Aneignung des Mehrwerts. Die von ihm für
die sozialistische Gesellschaft propagierte Zielsetzung bestand darin,
die Produktion weiterhin analog zu kapitalistischen Organisationsprinzipien und Effizienzkriterien zu organisieren, jedoch mit dem Staat anstelle privater Kapitalisten als alleinigem Eigentümer aller Firmen

Marx kritisierte nicht die Warenproduktion insgesamt sondern untersuchte die Bedingungen ihrer Überwindung bzw.. der Aufhebung des Widerspruchs zwischen dem gesellschaftlichen Inhalt kapitalistischer Produktion und dem privateigentümlichen Charakter deren Aneignung.

Das Elend der Oktoberrevolution war, dass der Leninpartei in der verrückten Hoffnung, damit eine sozialistische Weltrevolution zu initiieren und mit dem Versprechen, den Krieg zu beenden (in geheimer Absprache mit Deutschland) und so dann das Land in dem feudal-imperialistischen  Agrarland an die Bauern zu verteilen, ein gewaltsamer Putsch gelang, gegen zugleich das auf Großgrundbesitz gründenden Zarenreich und den verschiedenen – überwiegend irgendwie sozialdemokratischen – Kräften, die  mit unter anderem dem Parlament die politischen Voraussetzungen der Entwicklung kapitalistischer Produktionsverhältnisse schaffen wollten. 

Die Sachzwänge vor allem des danach folgenden Bürgerkriegs gegen vor allem die Kräfte der zaristischen Reaktion brutalisierte die politische Praxis der sich als Erfüllungsgehilfe einer geschichtlichen Vorsehung (mit Marx als Propheten) wähnenden Einparteienherrschaft und nährte nebenbei auch allerlei Illusionen über die „Logik“, der sie zu dienen meinten (Zwangakquirierungen von Getreide zur Versorgung der Städte und der Roten Armee wurden als „Kriegskommunismus“ rationalisiert, man „emanzipierte“ sich fröhlich vom bürgerlichen Recht).

Am Ende war die Industrie, eh noch in den Kinderschuhen, vollends am Boden.
 

Die Industrieproduktion betrug 1920 nur noch ein Achtel des Standes von 1913, die Produktion und Verteilung von Lebensmitteln funktionierte nicht mehr, in den Städten drohten Hungersnöte, auf dem Land hingegen Bauernaufstände.

Lenin sah sich genötigt, mit der Neuen Ökonomischen Politik einen, wie er es nannte, „taktischen Rückzug“ zur privaten Verfügung über Produktionsmittel, Konkurrenz und auch einem gewissen Grad an politischer Freiheit usw. anzutreten.

Es gelang, die Produktion wieder zum Laufen zu bringen. Aber:

Die Einführung der NEP führte dazu, dass erstmals seit der Oktoberrevolution wieder eine „bourgeoise“ Schicht von Händlern und Kaufleuten entstand, die knappe Güter gewinnbringend verwerteten. Diese sogenannten Nep-Männer (nèpman) stellten ihren neuen Wohlstand demonstrativ zur Schau und verursachten Missbehagen in Partei und Gesellschaft. Gleichwohl war die Tätigkeit der Nep-Männer gesamtwirtschaftlich betrachtet essentiell für die Verbesserung der Ressourcenallokation im Land.


WIKIPEDIA

Dem machte der mörderische Massenterror des Stalinismus ein Ende und dass der das Kaufen und Verkaufen nicht verbot, war wohl das geringste Problem. 

Heißt: Vermeintlich klügere „Logiken“ sind leicht empfohlen. Dabei die historischen (Un-) Möglichkeiten und (Kräfte-) Verhältnisse auszuklammern führt logisch in Romantizismus und andere schroffe Schieefheiten.

Dass unter Stalin das Verkaufen und Kaufen erlaubt blieb, war wohl das geringste Übel.  Und das Scheitern des Versuchs, per staatlichen Terror den Kommunismus herbei zu morden aus dessen falscher Jagd nach ökonomischer Effizienz zu erklären, ist schon sehr appart.

4 Christian Siefkes (26.05.2015, 19:33 Uhr)

@HHH #2:

Es scheint fast, als ob das Wort “Logik” hier als Synonym für “Produktionsverhältnisse” dient. Aber warum?

Ja, ich denke, dass Marx den Ausdruck „Produktionsverhältnisse“ in recht ähnlicher Weise verwendet wie ich „(gesellschaftliche) Logik“. Den Unterschied sehe ich allerdings darin, dass der Begriff „Produktionsverhältnisse“ zumindest leicht so interpretiert werden kann (ganz egal, ob das nun Marx‘ Intention ist oder nicht), dass diese sich sehr viel öfter ändern als die gesellschaftliche Logik.

Die Wikipedia schreibt z.B.:

Zu den Produktionsverhältnissen zählen: Eigentumsverhältnisse, Herrschaftsverhältnisse, Arbeitsverhältnisse, Distributionsverhältnisse, Zirkulationsverhältnisse, Konsumtionsverhältnisse.

Dass die „Herrschaftsverhältnisse“ Teil der „Produktionsverhältnisse“ sind, würde ich so verstehen, dass in einem diktatorisch-kapitalistischen Staat (wie Chile unter Pinochet) andere Produktionsverhältnisse herrschen als in einem demokratisch-kapitalistischen Staat (wie Chile heute). Dagegen herrscht(e) in beiden die Logik der Kapitalverwertung/Profitmaximierung.

Und auch eine Änderung der „Eigentumsverhältnisse“ bedeutet nicht zwangsläufig einer Änderung der gesellschaftlichen Logik. Ob einzelne Schlüsselsektoren Staatsmonopole sind (z.B. die Deutsche Bundespost und Bundesbahn bis Mitte der 1990er Jahre) oder aber kompetitiv-privatwirtschaftlich betrieben werden, ändert an der gesellschaftlichen Logik erstmal nichts. Trotz des größeren Umfangs des staatsmonopolitistischen Bereichs dominierte auch in der alten Bundesrepublik dieselbe Logik der Kapitalverwertung wie heute (auch wenn sie sich damals nicht ganz so umfassend entfalten konnte).

Deshalb ziehe ich die Begriff „gesellschaftliche Logik“ vor, weil er die Gemeinsamkeit aller „Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht“, klarer auf einen Begriff bringt.

#1:

Es ist ja durchaus nicht so, dass gar keine halbwegs verlässliche Aussagen gewagt werden könnten, etwa zur Notwendigkeit, die Allgemeingültigkeit bestimmter kultureller Standards zu garantieren wie etwa hinsichtlich menschlicher Würde, Gesundheit, Bildung, zu verhindern, dass nicht irgendwo lokale Gemeinschaften die Todesstrafe oder Lynchjustiz als besonders effektives Mittel der “kommunistischen” Konfliktvermeidung entdecken, Garantie und Ausbau der Möglichkeit zum herrschaftsfreien Diskurses usw. usf.

Ja, vieles davon würde ich allerdings für selbstverständlich halten. Mit dem, was darüber hinausgehend vielleicht nicht ganz so selbstverständlich ist, beschäftige ich mich in der Artikelserie Elemente einer künftigen Ethik.

Aber ok, an dem Punkt sind wir uns einig. Mir ging es darum, Kapitalismus als ein notwendiges Durchgangsstadium zu erkennen.

Mit solchen geschichtsphilosophischen Aussagen wäre ich vorsichtig. Sicher ist, dass der Kapitalismus nun einmal da ist, insofern ist seine Überwindung „notwendig“, sofern er tatsächlich nur ein „Durchgangsstadium“ bleiben soll. Ob seine Entstehung „notwendig“ war, ist hingegen eine andere und (da sie nun einmal eingetreten ist) auch müßige Frage.

5 Christian Siefkes (26.05.2015, 20:08 Uhr)

HHH #3:

Wäre das so, wären Russland und die anderen Nachfolgestaaten der SU heute wieder im Wesentlichen Agrargesellschaften.

Nein, dass Revolutionen bei der Durchsetzung der kapitalistischen Logik in vielen Ländern eine Rolle gespielt haben, sage ich ja auch im Artikel. So war es im Endeffekt auch in Russland und den anderen postsowjetischen Staaten. Nicht nachhaltig war hingegen der Versuch, eine von der kapitalistischen Logik signifikant unterschiedliche sozialistische Logik aus dem Boden zu stampfen.

Marx kritisierte nicht die Warenproduktion insgesamt sondern untersuchte die Bedingungen ihrer Überwindung bzw.. der Aufhebung des Widerspruchs zwischen dem gesellschaftlichen Inhalt kapitalistischer Produktion und dem privateigentümlichen Charakter deren Aneignung.

Heißt das, dass auch du die Warenproduktion insgesamt nicht kritisieren willst, sondern nur den heutigen Modus der Aneignung, also Verteilung der bereits als Waren zur Welt kommenden Güter in Frage stellst? Dann könnten wir nur festhalten, dass wir uns da uneinig sind.

Dem machte der mörderische Massenterror des Stalinismus ein Ende und dass der das Kaufen und Verkaufen nicht verbot, war wohl das geringste Problem.

Heißt: Vermeintlich klügere “Logiken” sind leicht empfohlen. Dabei die historischen (Un-) Möglichkeiten und (Kräfte-) Verhältnisse auszuklammern führt logisch in Romantizismus und andere schroffe Schieefheiten.

Ja, äh, genau das sage ich doch in dem Artikel auch. Empfehlungen können einen gesellschaftlichen Transformationsprozess bestenfalls anstoßen, aber ganz sicher nicht ersetzen. Und auch eine bloße Revolution mit dem anschließenden Versuch, eine neue Produktionsweise von oben, qua Staatsmacht aufzuoktroyieren, kann das nicht. Sie kann hingegen leicht ins Desaster führen, wie der Stalinismus zeigt.

Ob das Desaster des Stalinismus selbst ein weiterer historischer Unglücksfall war oder ob der Leninismus schon die Weichen in diese Richtung gestellt hatte, kann ich nicht beurteilen. Sicher ist meiner Meinung nach aber, dass sich schon zu Lenins Zeiten abgezeichnet hatte, dass Kommunismus so nicht zu machen ist.

6 libertär (28.05.2015, 22:45 Uhr)

Überzeugungsarbeit spielt auch keine geringe Rolle, um eine Wende in der gesellschaftlichen Logik einzuleiten. Ich denke dabei an die neoliberale Revolution von oben, die letztlich von einem kleinen Zirkel Intellektueller vorbereitet wurde, deren Ideologie von Regierenden bereitwillig aufgegriffen wurde und so nachdrücklich implementiert wurde, dass sie wirklich die dominierende Logik unserer Gesellschaft geworden ist. Nicht nur reguliert der Neoliberalismus die Produktionsverhältnisse, er ist auch für viele Menschen der zwingende Bezugsrahmen für das Nachdenken über vergangene und mögliche künftige Gesellschaftsordnungen. Er ist oft der Standard, unter dem alle anderen Systeme interpretiert und notwendig als defizitär empfunden werden.

Damals konnte die neoliberale Ideologie nur Anklang finden, weil sie auf fruchtbaren Boden fiel. Genauso wird die Commons-Logik an Fragen anknüpfen müssen, die schon in der Welt sind. Viele haben schon darauf hingewiesen, dass gewisse Tendenzen verschiedener politischer Richtungen solche Anknüpfungspunkte sein könnten. Der Rückzug des Staates, der heute von vielen Gruppen und auch den Herrschenden ins Spiel gebracht wird, könnte so eine Idee sein, die sehr viele – vielleicht noch nicht die Mehrheit – teilen und die das Problem aufwirft, was nach dieser Ordnung, die der Staat noch ganz zentral strukturiert, kommen soll.

7 Christian Siefkes (11.06.2015, 18:53 Uhr)

Ergänzend zur obigen Kritik am Realsozialismus noch ein lesenswerter Artikel von Felicita Reuschling: Familie im Kommunismus:

Das Wertgesetz sollte entgegen der eigenen Absicht nicht abgeschafft, sondern im Sinne der Proletarier gerecht eingesetzt und »produktiv« gemacht werden. Damit findet jedoch eine bereits bei Marx angelegte Umkehrung der kritischen Kategorien in positive nationalökonomische Prinzipien statt. […] Aus dem ökonomischen Zwang zur Arbeit im Kapitalismus wird so im Kommunismus ein moralischer Imperativ.

Dass diese Umkehrung „bereits bei Marx angelegt“ war, glaube ich allerdings eher nicht, doch stimmt es definitiv, dass Marx in der Kenntlichmachung seiner Kritik als Kritik längst nicht so deutlich war wie wünschenswert gewesen wäre.

8 Wolfram Pfreundschuh (14.06.2015, 07:11 Uhr)

@ Christian #7

„Dass diese Umkehrung “bereits bei Marx angelegt” war, glaube ich
allerdings eher nicht, doch stimmt es definitiv, dass Marx in der
Kenntlichmachung seiner Kritik als Kritik längst nicht so deutlich war wie wünschenswert gewesen wäre.“

Man sollte vielleicht besser sagen, dass die sehr ausdrückliche Sprache von Marx in den heutigen Sprachgewohnheiten mit „erfühlten Inhalten“ verdrängt wird. Kaum noch nimmt man es genau mit Begriffen wie  Ökonomie, Politik und Kritik. Marx schrieb zur Zusammenfassung der „Kritik der politischen Ökonomie„:

„Unter dem Schein einer Anerkennung des Menschen ist … die
Nationalökonomie, deren Prinzip die Arbeit, … nur die konsequente
Durchführung der Verleugnung des Menschen, indem er selbst nicht mehr in einer äußerlichen Spannung zu dem äußerlichen Wesen des Privateigentums steht, sondern er selbst dies gespannte Wesen des Privateigentums geworden ist. “ (MEW 40, S. 530 f.)

9 Hans-Hermann Hirschelmann (14.06.2015, 21:18 Uhr)

Marx kritisierte nicht ‚die Warenproduktion insgesamt‘ sondern untersuchte die Bedingungen ihrer Überwindung bzw. der Aufhebung des Widerspruchs zwischen dem gesellschaftlichen Inhalt kapitalistischer Produktion und dem privateigentümlichen Charakter deren Aneignung.

Heißt das, dass auch du die Warenproduktion insgesamt nicht kritisieren willst, sondern nur den heutigen Modus der Aneignung, also Verteilung der bereits als Waren zur Welt kommenden Güter in Frage stellst?

‚Das Kritisieren der Warenproduktion‚ empfinde ich als eine überflüssige Übung, die wenig bis nichts zur Möglichkeit beiträgt, Warenproduktion wirklich zu überwinden.

Es kommt eben tatsächlich nicht darauf an, die Welt zu kritisieren. Die Frage ist, wie sie verändert, und das heißt für mich, zur kommunistischen Vernunft gebracht werden kann (oder vielmehr, was zu tun wäre, damit sie sich selbst zu kommunistischen Vernunft bringen kann).

Es sind gewisse (z.B. technologische, gesellschaftspolitisch-kulturelle, geistige usw.) Voraussetzungen notwendig bzw. herzustellen, damit die historisch gegebenen Notwendigkeit (bzw. Freiheit) überwunden werden kann,

*für den Tausch gegen die allgemeine Warenaneignungsware Geld zu produzieren bzw. produzieren zu lassen,  und damit den Automatismus kapitalistischer Bereicherungszwänge in Gang zu halten

*im Tausch gegen Geld das eigene Arbeitsvermögen an Sachverwalter fremder Produktionszwecke vermieten, das heißt für diese arbeiten zu müssen

*um mit dem dafür erworbenen Geld, das zur Reproduktion des eigenen Daseins Notwendige bzw. Bereitstehende in aller einkaufsparadiesischen Unschuld aneignen zu können- egal welche Verbrechen deren Her- und Bereitstellung einschließt,

*die Spaltung der Gesellschaft in verschiedene Klassen, Nationen usw. Aneignungsvermögender in Kauf zu nehmen

und so weiter und so fort. In den Jahren zwischen 1917 und 1991 waren die notwendigen Voraussetzungen m.E. nicht gegeben.

10 Wolfram Pfreundschuh (15.06.2015, 09:20 Uhr)

@ HHH:

‘Das Kritisieren der Warenproduktion‘ empfinde ich als eine überflüssige Übung, die wenig bis nichts zur Möglichkeit beiträgt, Warenproduktion wirklich zu überwinden.“

Hierzu Marx:

„Die Personen existieren hier nur füreinander als Repräsentanten von Ware und daher als Warenbesitzer. Wir werden überhaupt im Fortgang der Entwicklung finden, daß die ökonomischen
Charaktermasken der Personen nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten.“
(Karl Marx in MEW Bd.23, S.99 f.)

Solche Gedanken kommen natürlich nur dort an, wo sie nötig sind. Deine „Kommunistische Vernunft“, die solche „überflüssigen Übungen“  einfach beiseite fegt, kann demnach weiterhin mit ökonomischen Charaktermasken auskommen, die sich durch die Täuschungen des Warentauschs, durch die Vergesellschaftung von Privatinteressen bereichern. Die daraus folgende „Ökologie“ ist doch hinreichend bekannt. Worum gehts dir dann wirklich?

Zum Begriff „reaktionärer Marxismus“ habe ich im Kulturkritischen Lexikon unter anderem geschrieben:

„Durch das allgemeine Privatrecht der „freien Verfügung auf gesellschaftliche Produkte“, durch die private Aneignungsmacht des Geldes
wird der gesellschaftliche Mensch – der als Gesamtarbeiter, als
bedürftiges und zugleich reiches Wesen zu verstehen ist – zu einem
Dasein in politischer Einfältigkeit gezwungen, in dem er sich selbst
nur als Warenbesitzer, als Besitzer einer abstrakten Gesellschaftsform (siehe Realabstraktion) seines privaten Vermögens (siehe Fähigkeit) und seiner privaten Eigentümlichkeiten (siehe Eigenschaft), auf andere Warenbesitzer beziehen kann.

Alle konkrete Arbeit existiert unter diesen Bedingungen nur in der Form einer abstrakten Reichtumsbildung, deren Produkte Existenz- und Lebensmittel sind, die nur für einen Markt produziert werden, auf dem sie mit Geld ersetzt (siehe Geld als Zahlungsmittel) und durch Geld „erworben“ werden können (siehe Geld als Kaufmittel). Als dieses allgemeine Kaufmittel wird Geld zum Subjekt der Märkte, weil es durch seine abstrakte Allgemeinheit jeden Kaufakt in der Beziehung zwischen seinem Material und seiner gesellschaftlichen Wirklichkeit beherrscht. Alles, was diese Verhältnisse bestimmt ist Geld, und eben gerade nicht die Arbeit, die sie erzeugt und auch nicht die Bedürfnisse, die sich am Geldbesitz bemessen.“

11 Lynn (Simon S.) (15.06.2015, 15:53 Uhr)

@ HHH:
Nur ein Satz: Wer sich der Kritik verweigert, hat die Affirmation durch die eigene Praxis und Denken schon unterschrieben.

Und nun zu anderem: Danke Christian für den Artikel. sehr schöne sachen drin.

Die Kritik an Revolutionsvorstellungen würde ich noch um folgende Punkte explizit ergänzen, die aber schon implizit vorhanden sind:

1. Revolution ist machtzentriert: Es geht zuerst einmal darum die Macht zu übernehmen. Das bedeutet heutzutage in normalfall das abstrakt gesellschaftliche Allgemeine, also den Staat zu gewinnen. Zwar nehme ich an, dass die Vertreter*innen von Revolution schlussendlich die gesellschaftliche Form verändern wollen, aber sie beginnen nicht damit eine andere gesellschaftliche Form zu schaffen und auszubreiten, sondern die Macht zu übernehmen und dann die Form zu diktieren.

2. Revolution ist plötzlich. Um die Schwierigkeiten der stückweisen Überwindung wegzukürzen träumen Revolutionär*innen von dem „großen Tag“, an dem alles Anders wird. Gesellschaftliche, wie individuelle Veränderungen brauchen jedoch immer ihre Zeit.

Konsequenzen:

a Menschen revoltieren nicht gegen sich selbst. Denk- und Handlungsweisen sind tief in mich selbst eingeschrieben und schwer zu verändern. Macht vor Form führt konsequent dazu, dass die meisten Menschen noch gar nicht bereit sind für eine andere Form der Organisation, da sie sie weder erlebt, erfühlt noch gedacht haben. Die plötzliche Dimension der Revolution führt genau dazu, dass Menschen diese Veränderung nur schwer für sich vollziehen können. Da wir nicht sofort in eine wunderbare Welt eintreten, ohne wunderbare Menschen, wird dieses wunderbare neue ohne wunderbare menschen gar nicht so wunderbar sein. Hier beisst sich das leninistische Avantgarde-Denken selbst in den Schwanz. Viele werden „den tag danach“  als fremdes empfinden uns sich dagegen stellen, zusätzlich gibt es noch solche die tatsächlich Handlungsfähigkeit verlieren (Bsp. sehr reiche und/oder einflussreiche Menschen)

b Revolution für zu Gegenrevolution. Diese Menschen werden sich wehren. Entweder passiv durch nicht-Teilnahme oder aktiv durch Widerstand. Dies hat Bini Adamczak in dem letzten Kapitel ihres Buches schön ausgeführt: die Revolution wendet sich gegen ihre eigenen Ziele und nutzt Terror, Gewalt und Unterdrückung.
in einem Umbruch wird es wahrscheinlich immer Menschen die sich dagegen stellen, aber bei einer Machtzentrierung, werden es viel mehr sein und sie hatten keine Möglichkeit das andere überhaupt zu erfahren.

12 Hans-Hermann Hirschelmann (15.06.2015, 18:25 Uhr)

Ok, bin jetzt also nicht nur als positiver Philosoph sondern auch noch als Reaktonär  entlarvt.  Da ist es natürlich gut, wenn sich so etwas mit luftiger Kritik begnügt.

13 Hans-Hermann Hirschelmann (16.06.2015, 08:46 Uhr)

Es kommt eben tatsächlich nicht darauf an, die Welt zu kritisieren. Die Frage ist, wie sie verändert, und das heißt für mich, zur kommunistischen Vernunft gebracht werden kann (oder vielmehr, was zu tun wäre, damit sie sich selbst zu kommunistischen Vernunft bringen kann).

@ HHH:
Nur ein Satz: Wer sich der Kritik verweigert, hat die Affirmation durch die eigene Praxis und Denken schon unterschrieben.

Nunja, so ist das halt, wenn man inmitten eines Kampfes der Großlogiken gerät. Es scheint angebracht, verstärkt über die gesellschaftlichen Hintergründe nachzudenken, die „der Kritik“ (der kritischen Kritik)  ihren Fetischcharakter verleiht und zum attraktiven Mittel der philosophischen Regression macht. 

Worauf ich anspiele, wenn ich daran erinnere, dass es Marx letztlich nicht um eine Kritik der Warenproduktion ging sondern um die Entdeckung der Bedingungen ihrer Überwindung, verrät möglicherweise der folgende Absatz aus Marx/Engels Kritik der Deutschen Ideologie bzw. Ideologiekritik.

https://oekohumanismus.wordpress.com/about/richtiges-streben-im-falschen-leben/zukunft-wird-gemacht/damit-die-entfremdung-eine-unertragliche-macht-wird/

Und Wolfram, von meiner kommunistischen Vernunft ist nirgends die Rede. Ich halte Versuche für angebracht, „Vernunft“ seinen Fetischcharakter  zu nehmen und den Begriff zu entzaubern. Wie gesagt benutze ich das Wort „Vernunft“ in einem möglichst profanen Sinne als Synonym für Zweckbestimmungsvermögen. Die Fetischisierung hat natürlich, mit  der Undurchschaubarkeit der Verhältnisse zu tun, die mit dem Wort „Vernunft“  in den Griff gebracht werden sollen. Die Möglichkeit zur weltgemeinschaftlichen Zweckbestimmungskompetenz soll diese Undurchschaubarkeit der Zwecke dort, wo es angesichts der entwickelten Produktivkräfte angebracht und auch möglich scheint, Geschichte werden lassen

Kommunismus ist keine Leidenschaft des Kopfes, er ist Kopf der Leidenschaft.

14 Christian Siefkes (20.06.2015, 19:12 Uhr)

@HHH:

Worauf ich anspiele, wenn ich daran erinnere, dass es Marx letztlich nicht um eine Kritik der Warenproduktion ging sondern um die Entdeckung der Bedingungen ihrer Überwindung

Ich halte das für einen falschen Gegensatz. Eine Kritik, die ihren Gegenstand nicht verändern oder (wenn, wie in diesem Falle, eine bloße Veränderung als unmöglich bzw. nicht ausreichend erkannt wird) überwinden will, ist eine leere Gedankenübung. Eine „gedankenlose“ Überwindung ohne vorhergehende und begleitende Kritik wird sich hingegen höchstwahrscheinlich als sinnloser Aktionismus erweisen, weil sich die praktisch angegriffenen, aber theoretisch unverstandenen Verhältnisse schnell wiederherstellen würden, vielleicht auch in schlimmerer Form als zuvor. Siehe eben Sowjetunion.

15 Hans-Hermann Hirschelmann (24.07.2015, 17:39 Uhr)

Als Gedankenlosigkeit sehe ich eine „Kritik der Warenproduktion“ ohne – mit Marx – die darin verborgenen Antriebe bzw. Bedingungen von Produktivkraftentwicklung sowie deren konkreten Verlauf zu analysieren. Und ohne der Frage nachzugehen, was ihr Fortschritt (und die Formen ihres Fortschritts) für die Entwicklung nicht nur der Notwendigkeit sondern auch der historischen Möglichkeit und emanzipationsperspektivischen Sinnhaftigkeit einer (welt-) kommunistischen Aufhebung der Geld vermittelten Vergesellschaftung bedeuten kann.

Siehe auch:  https://oekohumanismus.wordpress.com/damit-die-entfremdung-eine-unertragliche-macht-wird/

Die Gedanken, die die Durchsetzung und Aufrechterhaltung der Entwicklungsdespotie Stalins bzw. dessen mit ein wenig mit Sowjetschminke gesablten Feudalbürokratie begleiteten bzw. anleiteten sind festgehalten. Sie füllen ganze Bibliotheken, darunter sind auch Gedanken einer Abschaffung des Rechts und des Geldes, was man dann im „Kriegskommunismus“ verwirklicht sah.

16 Hans-Hermann Hirschelmann (24.07.2015, 19:20 Uhr)

Die Personen existieren hier nur füreinander als Repräsentanten von Ware und daher als Warenbesitzer. Wir werden überhaupt im Fortgang der Entwicklung finden, daß die ökonomischen
Charaktermasken der Personen nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten.”

(Karl Marx in MEW Bd.23, S.99 f.)

Solche Gedanken kommen natürlich nur dort an, wo sie nötig sind. Deine “Kommunistische Vernunft”, die solche “überflüssigen Übungen” 
einfach beiseite fegt, kann demnach weiterhin mit ökonomischen Charaktermasken auskommen, die sich durch die Täuschungen des Warentauschs, durch die Vergesellschaftung von Privatinteressen bereichern. Die daraus folgende “Ökologie” ist doch hinreichend bekannt.
Worum gehts dir dann wirklich?

Worum es mit geht, habe ich vielfach beschrieben, z.b. in dem gleich anschließendeem Abschnitt

Es kommt eben tatsächlich nicht darauf an, die Welt zu kritisieren. Die Frage ist, wie sie verändert, und das heißt für mich, zur kommunistischen Vernunft gebracht werden kann (oder vielmehr, was zu tun wäre, damit sie sich selbst zu kommunistischen Vernunft bringen kann).

Es sind gewisse (z.B. technologische, gesellschaftspolitisch-kulturelle, geistige usw.) Voraussetzungen notwendig bzw. herzustellen, damit die historisch gegebenen Notwendigkeit (bzw. Freiheit) überwunden werden kann, …

… die Arbeitskraft verkaufen zu müssen usw. Siehe weiter obenWorum es mir geht ist eine offene Debatte über die Entwicklung der Bedingungen einer (welt-) kommunistischen Aufhebung der Geld vermittelten Vergesellschaftung.Ich wende mich gegen eine Fetischisierung „der Kritik“ (der kritischen  Kritik) und die Reduzierung von Marx auf einen „Kapitalismuskritiker“ der die Verhältnisse nur anders, nämlich kritischer sieht bzw. interpretiert. Die Gedanken in dem von dir beigebrachten Zitat fege ich nicht mit „meiner“ kommunistischen Vernunft beiseite.

Ich sehe sie nicht als Kritik sondern als Beschreibung eines Zustands der grundsätzlich der Überwindung bedarf, dessen Überwindung aber nicht voraussetzungslos ist nicht auf Basis subjektiver Kritik zu erreichen ist. In dessen innere Entwicklungsbedingungen aber  die Entwicklung der historischen Möglichkeit wie auch der sozialen Notwendigkeit seiner (welt-) kommunistische Auhebung angelegt ist die die bornierte Vernunft der Charaktermasken ökonomischer Verhältnisse in gemeinsame (kommunistische) Vernunft ersetzt, die aus der Notwendigkeit bzw. Möglichkeit erwächst, die unterschiedlichen Bedürfnisse Möglichkeiten mit den sozialen bzw. ökologischen Kosten iher Erfüllung bzw. Entfaltung ins Benehmen zu bringen.

Nebenbei sehe ich die Gedanken als eine Distanzierung von einem kruden Moralismus bzw. Empörungskult, auf Grundlage von Personifizierungen. 

17 Wolfram Pfreundschuh (24.07.2015, 20:18 Uhr)
18 Hans-Hermann Hirschelmann (26.07.2015, 22:57 Uhr)

Danke für die Links, werde den Ritter Text und deine Gedanken zum „reaktionären Marxismus“ lesen, und gegebenenfalls dazu Stellung nehmen (wahrscheinlich in meinem blog) Erstes Überfliegen des Ritter Textes zeigt mir, dass er wahrscheinlich sehr hilfreich sein wird. 

19 Kapitalismuskritik ohne (ökokommunistische) Transformationsperspektive? | mehr (Öko-) Kommunismus wagen ;-) (26.11.2015, 11:44 Uhr)

[…] Christian Sievers im Keimform Blog […]

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