Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Innenansicht eines Projektes

Sehr spannend: Bei Telepolis ein Artikel von Jürgen Buchmüller. Er schildert aus der Sicht eines Beteiligten die Dynamik eines über 10 Jahre gewachsenen Freien-Software-Projektes, eines Simulators alter Arcade-Spiele (MAME). Ein paar Zitate, die vielleicht zeigen, dass da jemand schreibt, der von „unserem“ Geist nicht allzuweit weg ist:

Die Freiwilligkeit und die Arbeit aus reinem Interesse unterscheiden, wie ich meine, hier die Kunst vom Gewerbe. (…)
Nach meiner eigenen Beobachtung scheint das Bedürfnis zu korrigieren zunächst durch eine Art des gewöhnlichen gelernten oder geerbten Konkurrenzdenkens angestoßen zu werden. (…)
Der eigentliche Antrieb dazu, freiwillig und unbezahlt etwas zu einem Projekt beizutragen, ist sicherlich genau dieses Erfolgserlebnis und das Gefühl, etwas Sinnvolles geleistet zu haben. Und ja, mir ist bewusst, dass dies nur so lange möglich ist, wie man sein Geld aus anderer Quelle erhält (…)

Dieser Artikel ist ein Plädoyer für die Entwicklung von Software unter möglichst wenig existenziellem Druck und unter möglichst großer Wahrung von Freiheiten. Die selbstgewählten Schwierigkeiten und die noch nicht erreichte Gelassenheit beim Eintreten der Feststellung, dass man sich selbst überschätzt hatte, sind für viele schwer genug zu verkraften, auch ohne dass davon direkt ihre Existenz betroffen sein müsste. Ich vertrete somit die Ansicht, dass Software-Projekte von allgemeinem Interesse und gesellschaftlicher Nützlichkeit in offener Form und mit freiwilliger Beteiligung der Entwickler ausgeführt werden sollten.(…)

Wer in einem Team von freiwilligen Entwicklern dabei bleibt, obwohl er erkennen musste, dass er nicht das Genie ist, für welches er sich selber hielt, hat dennoch viel zu erwarten. Er wird aus den Fehlern lernen, die er zuvor gemacht hatte.(…)

Seinen Innenansichten folgt ein regelrechtes Programm, dass mit der staatlichen Förderung von Freier Software anfängt, aber nicht aufhört:

Die Idee der Funktionsfähigkeit einer freiwilligen Kollaboration ist in dieser relativ kleinen Gruppe der MAME-Devs keine Utopie, eben weil sie nachweislich realisierbar war. Wenn diese Utopie je im großen Rahmen versucht werden sollte, dann wahrscheinlich lange nach meinem Ende, aber auch das stimmt mich nicht trauriger, als der aktuelle Zustand dieser Welt und der immer ungangbarere Weg, auf dem sehr viele sich lust-, hoffnungs- und perspektivlos voranschleppen müssen. Wohin eigentlich?

Dem ist eigentlich wenig hinzuzufügen.

Kategorien: Freie Software, Praxis-Reflexionen

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18. Februar 2007, 18:35 Uhr   2 Kommentare

1 StefanMz (19.02.2007, 08:42 Uhr)

Danke für den HInweis, Benni!

Noch ein kleines Zitat aus dem Artikel:

Der Kern dieser Utopie ist die vollständige Entkopplung der Arbeitsleistung von der Existenzsicherung und damit die Absage an den Leistungsdruck, der rein aus dem Selbsterhaltungstrieb entsteht. Ein jeder sollte beliebig viele Fehler machen und auch komplett versagen dürfen – ist dieser überholte Begriff unvermeidlich?

2 keimform.de » Buch: »Die Befreiung der Information« (19.02.2007, 08:52 Uhr)

[…] Das ähnelt dann auch der Utopie, über die Benni aus dem MAME-Projekt berichtet hat:-) […]

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