Auf der Suche nach dem Neuen im Alten

Kategorien: Praxis-Reflexionen

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12. Dezember 2006, 13:20 Uhr   9 Kommentare

1 StefanMz (12.12.2006, 14:37 Uhr)

Danke für den Hinweis – das sind nicht nur „Umsonstladenprobleme“, die in dem Text diskutiert werden, sondern Probleme warenkritischer Praxis generell. Im Text wird im Grunde nach Formen der Verallgemeinerung gefragt. „Vernetzung“ und ganz hoch: „Kreisläufe“ sind hier meist die Antworten – aber wie und was bedeutet das für stoffliche Güter?

2 benni (12.12.2006, 15:54 Uhr)

Du meinst Probleme warenkritischer Praxis materieller Güter, oder? Ansonsten ist FS entweder keine warenkritische Praxis oder in der Gefahr ein caritatives Projekt zu werden 😉

3 StefanMz (12.12.2006, 16:54 Uhr)

Ja. Bei stofflichen Gütern ist außerdem ein explizites warenkritisches Bewusstsein erforderlich, während das bei nichtstofflichen Gütern nicht so ist: Pack dein Gut unter eine freie Lizenz und gut is. Die Hürde des „Freigebens“ ist zwar noch da, aber wegen der Nichtrivalität viel niedriger als ein „Weggeben“. Oder hat jemand schon mal von Freier Software als „karitativer“ Angelegenheit gehört?

4 benni (12.12.2006, 18:46 Uhr)

Also da seh ich jetzt wirklich keinen prinzipiellen Unterschied bezüglich nötigen Bewusstseins. Auf freecycle.org z.B. wird fleissig verschenkt und ich bin mir ziemlich sicher, dass das meiste Zeug dabei bewusstlos den Besitzer wechselt.

5 StefanMz (12.12.2006, 22:11 Uhr)

Ist ja auch keine warenkritische Praxis.

6 Thomas Berker (13.12.2006, 11:13 Uhr)

Danke Benni fuer den Texthinweis.

Was die schreiben erinnert mich sehr an meine ersten politischen Erfahrungen im Dritteweltladen (Ende der 80er). Unsere Praxis (das Verkaufen von Gepa-Kaffee und Dritteweltkitsch) sollte eigentlich „kritisches Bewusstsein“ schaffen (oder damit verbunden sein) und wirkte unserer Beobachtung nach doch nur karitativ sedierend („der hoehere Preis fuer den Gepa-Kaffee als eine Art Spende fuers gute Gewissen“).

Im Rueckblick bin ich mir da nicht mehr so sicher: Wer waren wir, die Leute so von oben herab zu verurteilen? Denn da gab es sicher mehr Abstufungen als wir damals sahen. Wir wollten halt mehr und das hatte viel mit Wuenschen als Subkultur akzeptiert zu werden. Was paradox ist, war unsere Lebensweise doch in vielen Einzelheiten gegen und als Provokation des Mainstreams geformt. Wie die zitierten Umsonstladenleute suchten wir damals schon in der Vernetzung der kritischen Subkulturen unser Heil – was damals wie heute das Problem mit sich bringt, dass Vernetzungsarbeit (wahrscheinlich zu recht) als anstrengende Zusatzarbeit wahrgenommen wird.

Ich schaetze das dahinter liegende Problem hat viel mit der Keimformproblematik zu tun: Fuer kritische Praxen, die das Bestehende ueberschreiten, brauchts kleine recht eingeschworene Grueppchen, die gemeinsam gegen den Mainstream leben – das was ich oben „Subkultur“ genannt habe. Gleichzeitig sinkt damit die Chance der Verbreiterung dieser kritischen Praxen. Das Ende von diesem Lied war seit den 70ern, dass jene kritischen Praxen entweder scheiterten oder vom „Mainstream der Minderheiten“ geschluckt wurden.

Ist das auswegslos oder ist FOSS hier anders? Wenn ja warum?

7 Hilmar (13.12.2006, 11:24 Uhr)

Es hat wirklich fast 8 Jahre gedauert, bis ein nennenswerter Teil der Aktiven hier in Hamburg offensiv eine warenkritische Praxis im Umsonstladen als Teil einer wachsenden Projektgemeinschaft praktiziert … (siehe den Bericht aus dem Hamburger Umsonstladen) Es kann nur eine kleine Minderheit der Aktiven sein, die bewusst waren- bzw. wertkritisch handelt, weil all unsere Projekte ein freiwilliges,offenes Angebot sein sollen.

Ohne die Wechselwirkung (auch Konflikte) mit den anderen Projekten (Kleinmöbellager, Fahrrad-Selbsthilfe…) wäre das nicht möglich gewesen. Voraussetzung unseres VERSUCHES einer warenkritischen Vereinigung ist das bewusste, praktizierte Einverständnis damit, einen „abrechnungsfreien! Innenraum zu schaffen. Die materielle Entlastung ist noch gering, aber für uns Beteiligte sehr wohl über die Jahre spürbar!

Einen lieben Gruß aus Hamburg

8 benni (13.12.2006, 12:26 Uhr)

@Thomas: FOSS ist insofern anders, das das „vernetzen“ da natürlich irgendwie schon eingebaut ist. Andererseits weiss ich aus eigener Erfahrung, dass das da auch zusätzliche Arbeit bedeutet. Es werden Übersetzungen nötig, man muß Packages bereitstellen, Installationstools, (Entwicklungs-)Dokumentation. Das meiste davon nützt einem auf lange Sicht aber auch selbst, was die Hürde senkt. Aber ist das bei „echten“ Projekten wirklich so viel anders? Anderes Beispiel: Hier beim Bloggen merkt man, wie Ping- und Trackbacks, Blogrolls etc. zwar schon zusätzlichen Aufwand bedeuten, aber eigentlich nur sehr wenig und sie haben einen erstaunlich positiven Effekt.

@alle: Vielleicht sollte man das Dissen von Projekten als „blos karitativ“ einfach überdenken? Ich glaube es gibt kaum eine bessere Strategie die eigenen Gedanken unter die Leute zu bringen. Die Rechten (von Nazis bis Hisbollah) praktizieren das schon immer. Wenn das mit deren krudem Schwachsinn klappt, warum dann nicht erst recht mit unseren überlegenen Gedanken? Alle erfolgreichen linken Projekte der Vergangenheit haben auch immer so ein Moment gehabt, von der Arbeiterwohlfahrt bis zu den Frauenhäusern. Ein sehr gelungenes Beispiel der Gegenwart ist medico international. Konkrete Hilfe für konkrete Menschen ist doch das Beste Argument, das man haben kann.

9 Christian (13.12.2006, 14:12 Uhr)

@Benni: die Frage ist ja, ob es sich um Erscheinungs- oder Vorformen einer neuen Wirtschaftsform handelt – was “blos karikativ” ist, ist das sicherlich nicht. Dass gute Projekte nützlich und hilfreich für alle Involvierten sein sollten, steht IMHO außer Zweifel, das hat aber nichts mit karikativer Arbeit zu tun.

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