Die Kalkulation von Aufwand in einer Ontologie der Verbundenheit

Die folgenden Überlegungen nahmen ihren Ursprung im Rahmen der Entwicklung des „Global Commoning System“ – einem in Arbeit befindlichen Softwarekonzeptes, das unter Nutzung des Internets globale gesellschaftliche Selbstorganisation ermöglichen will.

(https://meta.allmende.io/c/transcomm)

Will ein Mensch den Aufwand für Tätigkeiten zur Her- oder Bereitstellung bzw. für Reparatur, Pflege und Erhalt abschätzen und bemessen, so denkt er heutzutage wohl intuitiv an die Zeit, die zur Erledigung dieser erforderlich ist. Konkreter ausgedrückt: Die notwendige Arbeitszeit. Zusätzlich spielt womöglich noch die Intensität bzw. körperliche oder geistige Beanspruchung der Tätigkeit eine Rolle im Sinne des Aufwandes. Zudem werden vielleicht auch Aspekte der Qualifikation, der Verantwortung und des Risikos im Angesicht der konkreten Tätigkeit mit in die Betrachtung einbezogen.

Worum es im Folgenden hauptsächlich gehen soll, ist der zur Aufwandskalkulation mutmaßlich grundlegende Zeitbezug. In unserer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft drückt sich dieser letztendlich in Preisen aus. Dabei erkennt ein jedes Individuum am Preismerkmal, wie viel persönlichen Aufwand es selbst durch Zeit für Lohnarbeit (i.d.R. stehen andere Formen der leistungslosen Erwirtschaftung von Geld nur wenigen oder nur im geringen Maß zur Verfügung) aufbringen muss, um in den Besitz oder Genuss des jeweiligen Bedarfes zu gelangen: Wie lange muss ich (lohn-)arbeiten, um es mir leisten zu können? Aus gesellschaftlicher Perspektive drückt sich im Preis nichts anderes aus, als die aufsummierten Arbeitsanteile aller Menschen, die am Herstellungsprozess beteiligt waren. Preise beinhalten doch genau genommen keine Geldwerte für Stoffliches, Dinge oder Sachen. Der monetäre Anteil für Rohstoffe, Werkzeuge oder Zulieferteile am Gesamtpreis ist ja lediglich ein abstrakter Ausdruck für den zeitlichen Aufwand, den zumeist unbekannte Menschen zur Bereitstellung aufgebracht haben und damit jeweils ihren Lebensunterhalt verdienten. In der Realität wird es dann sicher komplexer, weil beispielsweise ein abgezweigter Mehrwert, der eigentlich keinen wirklichen Aufwand darstellt, aber gern mit Verantwortung und Risiko begründet wird, oder staatliche Steuern den Preis zusätzlich erhöhen können. Zudem erschweren auch Währungswechsel in den Prozessketten einen nüchternen Blick, indem sie einen einfachen globalen Vergleich von menschlichen Tätigkeiten in ihren monetären Werten erschweren und damit die praktisch unterschiedlich hohe Bewertung menschlicher Lebenszeit verschleiern.

Wichtig für die Betrachtung hier ist gerade der allem zu Grunde liegende Aspekt, dass Preise sich zusammensetzen, wenn Menschen ihre Lebenszeit mit Lohnarbeit in eine Her- oder Bereitstellung bzw. Sorgearbeit einbringen. In der Regel wird – zumindest hauptsächlich und maßgeblich – zur Berechnung des jeweiligen individuellen Arbeitsaufwandes die Zeit in Arbeitsstunden als Multiplikator für den Faktor „Qualifikation“ verwendet. Daraus resultiert zunächst der finanzielle Lohn des einzelnen, der sich dann als Kostenanteil im Gesamtpreis niederschlägt und diesen damit erhöht. Bei der Intensität steht die Logik oft Kopf, da körperlich oder auch seelisch anspruchsvolle Arbeiten oft schlechter bezahlt sind.

Im marktwirtschaftlichen Preiskampf ist nun die Bestrebung aller Wettbewerber mit qualitativ ähnlichem Angebot, den Preis für ihriges zu senken, was sich demzufolge ausschließlich (!) über das Senken von Lohnkosten realisieren lässt, da ja sämtliche Preisanteile wie oben beschrieben stets Ausdruck menschlicher Arbeitszeit sind. Diese Senkung der Lohnkosten an allen Stellen des Herstellungsprozesses kann dabei über zwei Wege umgesetzt werden:

Zum einen kann die Leistung der arbeitenden Menschen gesteigert werden, was bedeutet, dass sie mehr in gleicher Zeit oder genauso viel in weniger Zeit schaffen müssen. Dieses Leistungsprinzip (Arbeit bzw. Output pro Zeiteinheit) ist strukturell aus den Marktmechanismen und dem Kapitalismus hervorgegangen und führt zu physischen, psychischen und nicht zuletzt auch seelischen Überlastungen von Menschen in einer solchen Gesellschaft.

So selbstverständlich uns heutzutage die oft minutiöse Taktung unseres (Arbeits-)Lebens erscheinen mag und allgemein als Errungenschaft gilt, so ist diese doch auch nur eine moderne Erscheinung und von Kritikern zu recht in Frage gestellt. Es gibt neben organisatorisch durchaus begrüßenswerten Aspekten des intensiven Zeitbezugs eben auch eine deutliche gesellschaftliche Entwicklung hin zu Zeitdruck oder sogar -not. Für eine Maschine ist eine mechanisch exakte Fertigung genauso wichtig wie eine exakte zeitliche Taktung, denn sonst „läuft sie nicht rund“. Das gleiche gilt ebenfalls für die so oft zitierte „Megamaschine“, welche die Menschheit mittels Marktprinzipien errichtet hat. Es ist wohl gerade das Wesen unserer Leistungsgesellschaft, dass sie sich im Hinblick auf die Zeit selbst optimiert.

Zum anderen besteht aber auch die Möglichkeit der (Hinweg-)Rationalisierung menschlicher Arbeit durch Automatisierung mittels Maschinen und Robotern sowie nicht zuletzt um sich greifender Digitalisierung und dem Einsatz von künstlicher Intelligenz. Dies geschieht zwangsläufig unter immer mehr Aufwendung von Energie, welche zunächst durch Verbrennung fossiler Stoffe gewonnen wurde und inzwischen anteilig mehr und mehr durch regenerative Quellen ersetzt werden soll. Ihre gesellschaftlich notwendige Gesamtmenge steigt aber unablässig ihrer Quellen stetig an.

Es scheint ein ganz wesentliches Ideal unserer Gesellschaft zu sein, menschliche Tätigkeit in Form von „Arbeit“ als etwas Unangenehmes zu begreifen und reduzieren bzw. gänzlich abschaffen zu wollen. Die zunehmende Automatisierung verheißt deshalb wohl insbesondere recht Technik-affinen Menschen einen Ausweg aus ihnen lästigen Zwängen. Dabei hat Technik jedoch lediglich eine katalysierende Wirkung und verstärkt stets eine dahinter bzw. tiefer liegende Absicht. Heutzutage ist dies gesellschaftlich gesehen die Illusion von der „Verallgemeinerung des Prinzips König“. Gemeint ist damit eine Utopie, in der jeder Mensch auf der Welt in den Genuss dessen kommt, vollständig bedient und von „niederen Arbeiten“ befreit zu sein, um sich sodann hauptsächlich dem Dirigieren nach eigener Lust und Laune oder der seichten und zerstreuenden Unterhaltung zu widmen – bestenfalls noch, ausschließlich kreativ und lustvoll tätig zu sein.

Im Ergebnis des technischen Fortschritts unter diesem Fokus sinkt im Hinblick auf den Aufwand – ganz deutlich zumindest für die substanzielle und grundlegende Lebensvorsorge – der Anteil menschlichen Zutuns zu Lasten eines gleichzeitig ständig ansteigenden Energiebedarfs, was am Beispiel der Landwirtschaft gut nachvollziehbar ist: Hierzulande arbeiten nur noch relativ wenige Menschen im primären Sektor. Jede konventionell erzeugte Kalorie an Nahrungsmitteln erfordert jedoch inzwischen zehn aufgebrachte Kalorien für den Betrieb von Maschinen, die Herstellung künstlicher Dünger und lange Transportwege. Daraus resultiert nun auch unsere heute problematische Gesamtsituation und hierin ist vermutlich ebenfalls die prozessuale Ursache für die globale Klimaproblematik zu finden, welche mit dem menschgemachten Energieumsatz in ihrer Dramatik mindestens korreliert. Der Gesamtprozess entspringt einer Logik, die Aufwand aus einer eher individualisierten Perspektive betrachtet und deren Grundlage maßgeblich die reine Orientierung am Faktor Zeit ist. Das Ideal ist die Abschaffung menschlicher Arbeit, was jedoch auch im Widerspruch zum Arbeitszwang in marktwirtschaftlichen Strukturen steht, weil ja nur dadurch eine Teilhabe oder gar Existenz gesichert bleibt. Eine globale Verallgemeinerung vom: „Austausch menschlicher Arbeit durch Maschinenarbeit“ unter Beibehaltung der weiteren Ausdehnung von Energie- und Stoffumsätzen ist auf Grund der Endlichkeit von Ressourcen zudem praktisch nicht zu realisieren. Trotzdem verweisen Befürworter dessen gern auf den weiteren technologischen Fortschritt, immer fantastischere Energiequellen und anhaltende Effizienzsteigerungen. Diese Form des Fortschrittsglaubens ist dabei wohl ein weiterer Effekt einer derzeit dominanten Ideologie.

Eine Richtung zu einem neuen Selbstverständnis des Menschen weisen die Commons. Sie verlassen die Vorstellung der voneinander getrennten Individuen, die am Markt rein rationale und ökonomische Entscheidungen treffen und basieren auf der Idee von sozialen Gefügen, durch die Menschen eng miteinander verbunden sind und auf allen Ebenen in engen Beziehungen miteinander stehen. Diese bewusst wahrgenommenen, zwischenmenschlichen Beziehungen lassen zugleich auch reale gegenseitige Abhängigkeiten deutlich werden, die zuvor durch geldvermittelte Beziehungen eher verschleiert oder ganz verdeckt wurden.

Eine solche Ontologie der Verbundenheit von Menschen, die durch eine Commons-Perspektive ermöglicht wird, ließe sich jedoch noch um eine zusätzliche Ebene erweitern: Auch die Menschen sind in ihrer Gesamtheit als Menschenfamilie nicht etwa losgelöst und unabhängig zu betrachten, sondern stehen als Lebewesen genauso in engen und überlebensnotwendigen Beziehungen zu ihrer Mitwelt. Dies fängt bereits bei ihrer Nahrungsaufnahme an, die von einem gesunden und reichhaltigen Ökosystem abhängt, führt weiter über den von der Pflanzenwelt gespeisten Sauerstoffgehalt der Luft, den wir zum Atmen brauchen und endet vielleicht noch nicht einmal bei den klimatischen Bedingungen, die das Leben in der Biosphäre unseres Planeten überhaupt ermöglichen. Menschliche Körper bestehen zu einem Großteil aus mit uns kooperierenden Kleinstlebewesen, die wir über unsere Nahrung und die Luft in uns aufnehmen und auf anderen Wegen auch wieder ausscheiden und übertragen. Die wenigsten haben ein Bewusstsein dafür, dass der Boden bzw. das Substrat, welchen wir (Mutter-)Erde nennen und täglich recht achtlos betreten (sollte nicht bereits alles im eigenen Umfeld mit Beton versiegelt sein), der Stoff ist aus dem sämtliches Leben hervorgeht und in das sich jedes zu einem Ende gekommene Leben auch wieder zurückzieht, um sich damit für neues Leben bereitzustellen. Dieser Stoff beherbergt genauso unsere sogar nicht-menschlichen Ahnen wie auch all das potenzielle Leben nach uns und verbindet diese Generationen über alle Zeiten hinweg. Alles davon steht also in systemischer Wechselwirkung und enger Beziehung. Alles Leben ist ein Leben.

Alles ist mit allem verbunden und spätestens mit dem ersten Blick von außerhalb auf unseren Planeten sollte uns klar geworden sein, dass in unserer augenblicklichen Situation nur eine einzige für uns tatsächlich undurchlässige Grenze wirklich Sinn macht, denn unsere Erde verlassen können wir nicht und sitzen hier alle zusammen in einem sprichwörtlichen Boot bzw. eher einem Raumschiff. Von dessen reibungslosem „Betrieb“ ist unser Überleben abhängig und bis zum menschlichen Eingriff hat dieser augenscheinlich auch sehr lange weitgehend gut und selbstorganisiert funktioniert.

Was sich hier selbstorganisiert hat, ist das Leben an sich! Und vielleicht ist es genau das, was nun in das gesellschaftliche Bewusstsein vordringen muss: Wir Menschen sind ein Teil dieses Lebens, das seine Lebendigkeit mehr und mehr entwickeln, ausdifferenzieren und ausdehnen „will“. Wir wissen nicht wirklich, was Leben ist, woher es kommt und welchen Zweck es verfolgt. Aber wir wissen, dass wir ein Bestandteil dessen sind, dass dieser Bestandteil – genau wie jeder andere – für sich genommen nicht überlebensfähig ist und dass wir daraus schlussfolgernd, uns nicht nur um das Wohlergehen unserer eigenen Person und um das anderer Menschen zu kümmern haben, sondern dass wir auch das Leben als Ganzes auf unserem Planeten hegen und pflegen müssen! Ob man die Erde insgesamt dabei als sich entwickelnden Organismus begreifen will (Gaia-Hypothese) oder auch davon absehen mag und dennoch die „Verbundenheit allen Lebendigen“ anerkennt, spielt letztlich wohl keine entscheidende Rolle.

Dieser Wechsel in der menschlichen Wahrnehmung ist womöglich vergleichbar mit dem vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild und geht abermals einher mit der Kränkung der Menschheit durch die zwangsläufige Aufgabe eines anthropozentrischen Bewusstseins zu Gunsten eines, welches das Leben selbst ins Zentrum der Aufmerksamkeit und des menschlichen Wirkens rückt (Biozentrismus). Die Natur hat den Menschen mit besonderen Gaben ausgestattet. So sind es nicht nur Bewusstsein, Vernunft, Denk- und Reflexionsvermögen, sondern vor allem auch die Sprache und damit die Möglichkeit zur komplexen Kommunikation sowie das vielseitige Präzisionswerkzeug „menschliche Hand“, welche uns zu etwas ganz Besonderem machen. Dies schlug sich auch zuletzt in unserem Naturverhältnis nieder, denn wir überhöhten auch gesellschaftlich diese Gaben und schlossen aus ihnen eine Überlegenheit und unser Recht, uns alles andere – ob tot oder lebendig – zu unterwerfen. Doch dies ist im vollen Bewusstsein der Verbundenheit und des „Ein-Leben-Seins“ kaum mehr haltbar.

Andererseits erscheint es genauso wenig sinnvoll, Mensch, Tier und Pflanze wieder als „Brüdern und Schwestern“ zu betrachten, wie Indigene es wohl über lange Zeit hielten. Zwar ist es eine für das Leben als Ganzes sehr gesunde Haltung, jedoch den heutigen Einflussmöglichkeiten und der Gestaltungsmacht des Menschen nicht mehr gerecht. Eine heilsame Vereinigung dieser beiden Betrachtungsweisen (Egalität und Herrschaft) ist nun vielleicht in der Auffassung zu finden, der Mensch sei viel mehr ein Hüter oder gar eine Art Koordinator, der in der Lage ist, lebendige Systeme bewusst und zu ihren Gunsten zu gestalten sowie in gewisser Art und Weise zu führen, keinesfalls jedoch mittels heutiger Methoden und Prinzipien der technologischen Unterwerfung! Hinweise für eine lebensdienliche und lebensfördernde Gestaltungspraxis sammelt, erforscht und praktiziert beispielsweise die Permakultur. Der Mensch spielt dabei zwar noch immer eine wesentliche und ganz besondere Rolle, aber keine einzig alleinige und auch nicht mehr die zentrale.

Doch wie kalkuliert sich nun der Aufwand für Tätigkeiten in einer solchen Ontologie der Verbundenheit? Der Vorschlag dazu lautet, dass sich zu diesem Zweck grundlegend die physikalische Energie eignet und auch deshalb anbietet, weil sie zugleich Aspekte der Nachhaltigkeit weitgehend internalisiert.

Die Betrachtung des Energieaufwandes für Prozesse und Tätigkeiten macht aus individueller und alltäglicher Sicht heutzutage noch eher wenig Sinn, weil Energie preislich billig und damit wenig kostbar erscheint, gewinnt aber vor allem an Bedeutung, wenn man menschliches Tun gesellschaftlich bzw. systemisch betrachtet. Ist nicht auch jetzt bereits ein zunehmendes gesellschaftliches Bedürfnis nach Energieoptimierung zu beobachten? Ist nicht Energieeffizienz und zunehmend auch Energiesuffizienz gerade eines der zentrales Anliegen in der Wandelszene? Und ist nicht auch klar, dass wir den hiesigen Energieverbrauch sowie anhaltenden -anstieg nicht werden halten können, weil er nicht global verallgemeinerbar ist und deshalb allein schon der Fairness wegen systematisch gesenkt werden muss?

Deshalb besteht der Vorschlag darin, zwar Aufwand auch weiterhin aus rein menschlicher Perspektive mittels individueller Zeiterfassung zu ermitteln, jedoch parallel um eine energetische Betrachtungsdimension zu erweitern, so dass im Ergebnis auch ein systemischer Aufwand abgebildet und zu einer bewussten Entscheidungsfindung mit herangezogen werden kann. Dabei ließe sich der menschliche Zeitaufwand in Form von physikalischer Arbeit sogar vollständig als eine Teilmenge des systemischen Energieaufwandes begreifen und darin integrieren. Durch diese Betrachtungsweise könnte sich zum einen ein Fließgleichgewicht aus zeitlich möglichst naher Bedürfnisbefriedigung und zugleich auch energetisch bzw. nachhaltig vertretbarer Art und Weise einstellen. Zum anderen verstärkt eine auch energiefokussierte Betrachtung vermutlich den Anreiz, Methoden und Praktiken zu verwenden, die auf einen sparsamen Gebrauch abzielen. Wissenschaft und Forschung – einmal von Profitzwang und Leistungsideologie befreit – könnten ihren Fokus verstärkt auf diese Optimierungsaufgabe legen und sich zudem in der Breite auch wieder auf aus der Zeit geratenen Methoden mit „einfacher, konvivialer Technik“ besinnen. Diese Optimierungsaufgabe liegt jenseits der heutigen Qualitäten von „mehr, schneller und billiger“, welche eher zeit-getrieben sind. Sie fokussiert zwar ebenfalls auf Effizienz jedoch noch viel mehr auf Suffizienz-Maßnahmen und stellt die Frage: „Wie können noch mehr Bedürfnisse mit immer weniger Energieaufwand befriedigt werden?“ Vielleicht entsteht hierbei sogar eine Art sportlicher Wettbewerb um „das Wenigste“? In dieser Abwägung zwischen Bedürfnisbefriedigung für ein gutes Leben aller und dem dafür vertretbaren „Energieverbrauch“ – spiegelt sich also die Frage nach dem sinnvollen / gerechten / machbaren Maß wider und damit die Optimierungsaufgabe zur systematischen Annäherung.

Genau hierfür wäre nun eine Erfassung des Energieaufwandes für Tätigkeitsmuster so sinnvoll. Diese beschreiben einem jeden frei zugänglich alles Wesentliche eines realisierbaren Prozesses zur Her- oder Bereitstellung eines bestimmten Resultates, welches zur direkten Bedürfnisbefriedigung genutzt wird oder aber zunächst einen nötigen Bedarf zum letztlichen Zweck der Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung stellt. Darin erfasst werden also alle nötigen Handlungen sowie die erforderlichen Mittel (Bedarfe) zur Realisierung eines konkreten Resultates ähnlich eines Rezeptes. Der energiebilanzierte Vergleich verschiedener solcher Tätigkeitsmuster, die das gleiche Ziel / Resultat verfolgen, liefert dann eine Antwort darauf, welche Vorgehensweisen, Methoden und Praktiken am wenigsten energieaufwendig und damit am ehesten global verallgemeinerbar und zukunftsfähig sind – unabhängig davon, wie viel menschliche (Muskel-)Arbeit sie dabei erfordern!

Am ressourcenschonendsten ist es wohl, Gestaltungsprozesse insgesamt möglichst energiesparend zu gestalten. Zum Beispiel, indem genutzt wird, was bereits da ist, ohne etwas neu herstellen zu müssen. Sehr vorteilhaft in der Bilanz könnten gemeinschaftliche genutzte Orte wie ein zentraler Kühlraum anstatt vereinzelter Kühlschränke sein oder der Betrieb einer örtlichen Großküche statt einer Vielzahl an Herdplatten und Backöfen. Oder auch, energieeffiziente Muskelkraft aus lebendigen Energiekreisläufen der höchst ineffizienten Verbrennung von Kohlenstoff vorzuziehen, indem bspw. mit Pferd statt Traktor geackert und mit Hand- statt Motorsense gemäht wird. Die Tätigkeiten benötigen dadurch zwar mehr menschliche Zeit, was dauerhaft nur jenseits des Verwertungszwangs und des Leistungs- bzw. Konkurrenzdrucks umsetzbar wäre, senken jedoch die Energiebilanz dramatisch. Eine besonders energiesparende Methode wäre im Übrigen, ganz auf das Ackern verzichten zu können! Dieses Erkennen von heute scheinbaren Notwendigkeiten als Dinge und Tätigkeiten, die es vielleicht gar nicht bräuchte – die wir also auch einfach weglassen könnten – ist dabei wohl die höchste Form der Suffizienz.

Ab einer gewissen Distanz und unter bestimmten Bedingungen könnte vor-Ort-neu-herstellen aber auch nachhaltiger (da energiesparender) sein, als ein weiter Transport. Rohstoffe aus der Erde graben kostet ebenfalls viel Energie und ist so von Nachteil im Vergleich zur Nutzung bereits oberflächlicher Stoffe! Zumindest bis zu einem gewissen Grad, denn der in Herstellung energieaufwendigere Spaten aus aus Eisen „lebt“ auch dramatisch länger als der aus Holz, was sich im Aufwand dann wieder rechnen könnte!? Aber wie viel Energieaufwand steckt denn letztlich in einem Spaten? Allein für dieses einfache Werkzeug wäre das äußerst komplex zu erfassen.

Wenn aber eine jede Beteiligte am gesamten Herstellungsprozess die durch ihre ausgeführten Tätigkeiten bzw. durch ihre angewendeten Tätigkeitsmuster in den Prozess eingebrachten Energieaufwände angibt und eine Computersoftware die Gesamtenergiebilanz über alle beteiligten Einzelprozesse genauso zu ziehen vermag, wie es heutzutage mit den Arbeitsstunden zur Preisermittlung auch bereits getan wird, dann wäre die Komplexität wohl kein grundlegendes Problem mehr. Fragt sich nun nur noch, wie (gut) jeder einzelne seine Arbeiten energetisch genau erfassen kann?

Menschliche Arbeitszeit ließe sich recht leicht in energetischen Aufwand umrechnen und somit in die Aufsummierung für einen Gesamtprozess integrieren. Damit steht der Mensch seinen äußeren Bedingungen (Natur) nicht mehr gegenüber und versucht diese zu beherrschen und rücksichtslos auszubeuten, indem er sich selbst systematisch dem Prozess entbehrlich macht, sondern ist hier ein selbstverständlicher und womöglich auch dauerhafter Bestandteil der Prozesse. Der Energieeinsatz durch menschliches Zutun könnte dabei durch eine automatische programminterne Umrechnung von angegeben Arbeitsstunden in Kalorien oder Joule erfolgen. Je nach körperlicher Intensität der Tätigkeit multipliziert sich ein menschlicher Durchschnittswert des Energiegehaltes dafür aufgenommener Nahrung mit der aufgewendeten Arbeitszeit. Dazu addieren sich dann vielleicht noch die Energieaufwendungen am Prozess durch andere Lebewesen, wie bspw. Pferde, aber vor allem und wohl letztlich maßgeblich (!) die benötigten Wattstunden aus „externer Energiezufuhr“. Gemeint ist damit in der Regel die leicht messbare Stromzufuhr. Sogar auch benötigte Mengen fossiler Brennstoffe ließen sich vergleichsweise leicht einkalkulieren.

Körperliche Arbeiten werden bei all dem nicht zwangsläufig bevorzugt und genauso wenig ein Wunsch nach Automatisierung unterdrückt. Auf Grund der Betrachtung könnte sich jedoch deutlich zeigen und herausstellen, wie effizient es im Sinne der Energiebilanz ist, Dinge mit Muskelkraft oder auch auf langsamere Art und Weise durchzuführen. Im heutigen Sinne meint Effizienz doch eher Kosteneffizienz, also vor allem im preislichen Sinne und damit sehr einseitig die Einsparung menschlicher Arbeit und menschlicher Zeit. In einer Ontologie der Verbundenheit allen Lebendigen ist der Mensch nur ein Teil des systemischen Gesamtgeflechts.

In dieser übergeordneten Dimension und Betrachtungsweise spielt insbesondere die Zeit menschlicher Tätigkeit eine eher untergeordnete Rolle und Effizienz bezieht sich viel mehr auf die Dauerhaftigkeit und eine langfristige Zuverlässigkeit von Abläufen und Prozessen, was eben viel mehr die Einsparung von Stoffumsätzen und Energie adressiert: Wenn jeder seine eigenen Bedürfnisse bzw. Beiträge möglichst wenig aufwendig befriedigt und gestaltet, dann lässt eben genau dies zu, dass auch andere mehr ihrer Bedürfnisse befriedigen können und es ist genug für alle da. Ein Bewusstsein der Verbundenheit legt nahe, eine genügsame Haltung und Praxis zu entwickeln, weil dadurch insgesamt weitaus mehr Bedürfnisse zufrieden gestellt werden und dies auch die Chance auf Realisierung aller eigenen erhöht.

Die Commons-Gesellschaft kann es mit der Produktivkraft im Kapitalismus in Form von Energie- und Rohstoffumsatz sowie quantitativem Güterausstoß nicht aufnehmen. Könnte sie es, wäre sie keine Lösung für unsere Zukunftsprobleme! Letztlich brauchen wir die Entschleunigung auf das vertretbare Maß… welches wir jedoch noch nicht kennen. „Schneller“ und damit „noch mehr“ sind heutige Qualitäten. Das „besser“ in der Zukunft entsteht durch andere Qualitäten.

Deshalb die Energie als die neue grundlegende Orientierungsgröße, welche menschliche (Arbeits-)Zeit integriert und damit zugleich entthront, um den Fokus menschlicher Prozessoptimierung zu verschieben. Die Zeit, als tatsächlich recht menschliche Perspektive, wird zugleich in einen größeren und übergeordneten Kontext gepackt und beide Betrachtungen laufen sodann parallel bzw. miteinander verschränkt: Zeit als anthropozentrische bzw. eher individualistische Perspektive und Energie als ganzheitliche bzw. gesellschaftliche Kenngröße.

Keine Frage kann nicht behauptet werden, der Energieaufwand oder jede andere quantifizierbare Größe wäre ein einzig relevantes Maß in der Zukunft! Doch diese Betrachtungsweise internalisiert zum einen bereits eine Menge von dem, was heute aus dem Blick fällt und erscheint zum anderen auch praktisch recht leicht und völlig dezentral handhabbar. Sie legt die Kraft zur Entscheidung für Veränderung in die Hände aller Menschen. Die Hoffnung dabei: Es bilden sich dynamische Fließgleichgewichte zwischen zeitnaher Bedürfnisbefriedigung und genügsamen Energieaufwendungen. Ähnlich wie durch das finanzielle Preissignal entsteht eine Nahelegung zur Einsparung, der man folgen kann, hierbei jedoch auch im einzelnen niemals gezwungenermaßen muss. Diese Nahelegung speist sich aus dem Spektrum, welches das jeweils energieärmste und das energieintensivste Tätigkeitsmuster zur Befriedigung eines Bedürfnisses bzw. zur Bereitstellung eines Mittels zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung eröffnen. Damit sind also auch schnelle Lösungen möglich – jedoch immer im vollen Bewusstsein ihrer tatsächlichen „Kosten“.

So könnte letztlich jede menschliche Her- bzw. Bereitstellung ein (vielleicht auch nur digitales) Energielabel tragen, genau wie es heute mit Preisschildern üblich ist. Dies wiederum könnte dazu führen, die wirklich schädlichen Lebensweisen, die vielen Menschen heute noch so normal erscheinen, zu entlarven und zudem für einen schleichenden Umgewöhnungsprozess sorgen, der energieeffizientes Denken und Handeln als neuen, zumeist unbewussten Wertmaßstab auf eine ähnliche Weise in unser alltägliches Tun einschreibt, wie uns heute eher die Preiseffizienz in Fleisch und Blut übergegangen ist. Außerdem dazu, Anreize strukturell zu stärken, um nachhaltige Alternativen für lieb gewonnene, bequeme und schnelle Handlungsweisen und Lösungen zu finden.

Im Zuge dieses Prozesses könnte sich zugleich auch der Fortschritts-Begriff inhaltlich neu füllen, indem das Fortschreiten und Weiterentwickeln im Äußeren nicht als „immer mehr erringen“, sondern „immer weniger brauchen“ begriffen wird und sich weiteres Wachstum auf das menschlich Innere beschränkt.

Vielleicht wird sich eines Tages sogar herausstellen, dass es eine generelle Strategie allen Lebendigen ist, sich im Hinblick auf den erforderlichen Energieaufwand selbst zu optimieren!? Wäre das nicht auch eine spannende Forschungsfrage?

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