Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
Artikel drucken

Kollektive Selbstverständigung

Streifzuege 67[Kolumne Immaterial World in der Wiener Zeitschrift Streifzüge]

Klaus Holzkamp, Begründer der marxistisch fundierten Kritischen Psychologie wandte sich in seinen letzten Lebensjahren dem Alltag zu. Warum lässt sich ein Psychologe auf etwas so profanes wie den Alltag ein? Was gibt es da wissenschaftlich zu sagen? Für Holzkamp war die alltägliche Lebensführung nicht nur irgendein weiteres Thema, sondern „zentrale Gegenstandsbestimmung der Psychologie“.

Ein Zugang zu Widersprüchen des Alltags gelingt über die Differenz von alltäglichem und eigentlichem Leben. Das Leben, das ich eigentlich leben will, bricht am Alltag, der durch fremde Anforderungen bestimmt ist. Damit ist nicht gesagt, dass eigentliches und alltägliches Leben notwendig in einen Widerspruch geraten müssen, aber in kapitalistischen Verhältnissen ist dies der Fall. Eine emanzipatorische Perspektive besteht darin, den Widerspruch aufzuheben – mindestens begreifend theoretisch, am liebsten aber der Tendenz nach praktisch.

Doch die Praxis stößt da an Grenzen, wo ich nicht mehr über die Bedingungen meiner Handlungen verfüge. Nun stehe ich vor der Alternative, entweder auf das, was ich eigentlich will, zu verzichten, oder mit anderen die Verfügung über die Bedingungen zu erweitern, um mehr von meinen Bedürfnissen zu realisieren. Dies geht jedoch nicht beliebig, da sich volle Bedürfnisbefriedigung nicht interpersonal für einige, sondern nur für alle auf gesellschaftlicher Ebene erreichen lässt. Das bedeutet: Ohne Aufhebung des Kapitalismus, keine gesellschaftliche Emanzipation und ohne diese keine individuelle Emanzipation – umfassend verstanden.

Die kollektive Selbstverständigung befasst sich nun mit genau jenem Verhältnis von individueller und gesellschaftlicher Emanzipation angesichts der Unmöglichkeit, beides im gegenwärtigen Alltag zu realisieren. Wie gehe ich damit um, das eigentlich gewollte Leben im „uneigentlichen“ Alltag nicht (aus-)leben zu können? Welche Momente des Eigentlichen im Uneigentlichen bekomme ich dennoch zu packen? Wie ertrage ich das partiell Unerträgliche? Wie überschreite ich es ohne aktuell wirklich darüber hinwegzukommen?

Wie die Bezeichnung schon andeutet, geht es bei der kollektiven Selbstverständigung um eine Verständigung mit mir – dies jedoch mit anderen in einem gemeinsamen Prozess. Dabei gibt es zwei Ebenen der Verständigung, die intersubjektive und die metasubjektive.

Eine intersubjektive Beziehung ist eine auf Augenhöhe, in der jedes Handeln als begründet angenommen wird. Die Gründe sind dabei immer meine Gründe. Sie basieren auf meinen Prämissen, also jenen Bedeutungen, die ich aus dem mir zugewandten gesellschaftlichen Ausschnitt zu den für mich relevanten mache. Nicht nur das Handeln, sondern auch das „Gründe haben“ ist ein folglich aktiver Prozess der individuellen gesellschaftlichen Vermittlung.

Die Gründe und damit auch die Prämissen, die ich ihnen zugrunde lege, sind mir nicht immer klar. Ich handele, könnte mitunter aber nicht sagen, warum so und nicht anders. Vieles erlebe ich nur als passiv erfahrenes Geschehen statt als aktive Entscheidung. Ich folge gesellschaftlichen Nahelegungen, dem, was „man“ so tut, greife gar unerkannt zu regressiven Denkformen. Wie kann ich mir das bewusst machen und mir selbst auf die Schliche kommen?

Die intersubjektive Verständigung zielt zunächst darauf ab, dass alle Beteiligten die jeweilige problematische Situation von je ihrem Standort aus wahrnehmen und zur Sprache bringen. Die metasubjektive Verständigung macht diese verschiedenen Perspektiven auf das gleiche Problem ihrerseits zum Thema und versucht die unterschiedlichen Sichten durch Dezentrierung und Entpersonalisierung in einer Beschreibung, in der alle Perspektiven vorkommen, aufzuheben. Ich erkenne, dass es sich nicht um mein Privatproblem handelt, sondern um eine von vielen Möglichkeiten, mit dem Problem umzugehen.

In der Dezentrierung sehe ich von mir als Einzelindividuum ab und kehre gleichzeitig zu je mir als verallgemeinertem Individuum zurück, das sich in der gegebenen Situation befindet. Ich erkenne mich als allgemeinen Fall. Vom verallgemeinerten Standpunkt ist mir nun (potenziell leichter) auch die Selbstfeindschaft, die meinem bloß bewältigungsorientierten Handeln zugrunde liegt, zugänglich: Ich schade mir mittel- oder langfristig selbst, wenn ich kurzfristig jene Strukturen und Beziehungen reproduziere, die meine Lebensqualität beschneiden.

Quelle der Selbstfeindschaft ist die basale, in der Warenform wurzelnde Struktur der Exklusionslogik, die unsere Beziehungen durchwebt. Ich setze mich permanent auf Kosten von anderen durch so wie andere sich auf meine Kosten behaupten. Dieser Zusammenhang ist jedoch kein unmittelbar personaler, sondern ein struktureller: Auch wenn ich weiß oder ahne, dass meine Handlungen auf Kosten von anderen gehen, kann ich gar nicht anders, als mich eben so durch den Alltag zu bewegen. Die Instrumentalbeziehung, in der ich den anderen gewusst oder ungewusst zum bloßen Objekt meiner Ziele mache, ist die naheliegende und nahegelegte Beziehungsform. Die Intersubjektivität, die die Grundlage kollektiver Selbstverständigung ist, muss dagegen immer wieder bewusst errungen werden.

Die gesellschaftliche Exklusionslogik als allgemeine Handlungsmatrix lässt sich nicht interpersonal aushebeln. Dennoch ist es ein Unterschied, ob real mehr Menschen gegen die herrschende Logik inkludiert werden (etwa als Geflüchtete hier bleiben können) oder ob dies eben nicht so ist. Es ist ein Unterschied, ob wir unsere Liebesbeziehungen an unseren Bedürfnissen orientieren oder uns der Mono- und Heteronorm unterwerfen, ob wir solidarisch-kollektive Handlungsmöglichkeiten organisieren oder als Warenmonaden vereinsamen.

Dabei ist ein zentrales Prüfkriterium, ob denn die Handlungsalternativen potenziell gesellschaftlich verallgemeinerbar sind oder zur bloßen Wohltätigkeit und Gewissensentlastung verkommen. Ob sie also auf inklusionslogische Verhältnisse verweisen, in denen die Entfaltung der alltäglichen Lebensmöglichkeiten der einen die Voraussetzung für die Entfaltung aller anderen ist. Ohne commonistische Perspektive versinkt das „eigentliche Leben“ schnell im Meer des alltäglichen kapitalistischen Wahnsinns.

Mehr live: www.ferienuni.de

Kategorien: Commons, Theorie

Tags: , , , , , , , , , ,

13. Juli 2016, 13:36 Uhr   1 Kommentar

1 Rolf Todesco (13.07.2016, 14:19 Uhr)

sehr schöne, prägnante Zusammenfassung der holzkampschen Idee. Der letzte Satz (commonistische Perspektive) ist aber eine gewagte These, eine Art Monopolanspruch auf den richtigen Weg.

Schreibe einen Kommentar