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Fülle, die nicht sein darf

neues-deutschland[Erschienen in der Kolumne »Krisenstab« im Neuen Deutschland vom 26.5.2014]

Stefan Meretz über die Ideologie der Knappheit

Der Kapitalismus gründet sich auf zwei zentralen Mythen. Einer davon ist die Annahme, Wirtschaften sei der systematische Umgang mit knappen Gütern zum Zwecke der Bedürfnisbefriedigung. Und der zweite behauptet, die menschlichen Bedürfnisse seien unendlich. Schauen wir genau hin.

Die Knappheit von Gütern ist eine essenzielle Voraussetzung für die Warenproduktion. Waren werden nur hergestellt, wenn sie verkauft werden können, und verkauft werden können sie nur, wenn sie knapp sind. Wären Güter reichlich und frei verfügbar vorhanden, fände Produktion nicht statt, denn jede und jeder könnte nehmen, was er oder sie braucht. Verwertung braucht Knappheit. Knappheit ist also die Voraussetzung dafür, dass überhaupt Waren hergestellt werden. Die Waren dürfen jedoch die Knappheit nie beseitigen, weil sie sonst nicht produziert werden würden, da sie nicht verkauft werden könnten.

Gleichzeitig werden die Produkte häufig in großer Fülle hergestellt. Es entsteht eine »Knappheit«, die eigentlich keine ist, aber eine sein muss. So entsteht die verrückte Situation, dass Fülle und Knappheit wie zwei unerklärliche Mysterien aufeinander prallen. Der Gipfel der Verrücktheit zeigt sich bei Informationsgütern, die zwar einen stofflichen Träger besitzen, selbst aber unstofflich und damit unbegrenzt sind. Hier hilft nur Gewalt, um sie knapp zu machen – vermittels des Rechts und staatlicher Exekution.

Um die Verrücktheit der Knappheit zu verstehen, ist es sinnvoll, Vorkommen, Begrenzungen und Knappheit zu unterscheiden. Ein Gut kommt vor oder nicht – unabhängig davon, ob wir es brauchen. Das Vorkommen kennt ein absolutes Maß. Auf der Erde gibt es Rohstoffe in fester Menge. Verleiht man dem Begriff eine zeitliche Dimension, so ist er auch auf hergestellte Güter übertragbar: In Leipzig gab es im letzten Jahr soundsoviele Fahrräder. Die Apfelernte erbrachte soundsoviele Tonnen.

Begrenzungen beschreiben ein Verhältnis zwischen dem Vorkommen eines Gutes und den Bedürfnissen der Menschen, dieses zu erhalten und zu benutzen. Gemessen am Bedarf kann ein Gut in zu geringer Menge vorkommen. Solche Begrenzungen können abgestellt werden. Vom gewünschten Gut kann mehr hergestellt werden. Mit neuen Technologien können vormals unzugängliche Rohstoffe gefördert werden, oder das Bedürfnis wird mit Produkten befriedigt, die eben jenen begrenzten Rohstoff nicht erfordern. Im nächsten Monat können mehr Fahrräder hergestellt werden. In einigen Jahren geben die neu gepflanzten Apfelbäume mehr Äpfel. Produktion von Lebensmitteln im allgemeinen Sinne bedeutet immer, gesellschaftlich mit Begrenzungen umzugehen.

Eine besondere Form des Umgangs mit Begrenzungen ist die Warenproduktion, womit wir nun wieder bei der Knappheit angelangt sind. Eine Ware darf nicht frei verfügbar sein, sonst ist sie keine, sie muss knapp sein. Ist sie nicht knapp, wird sie knapp gemacht: weggeschlossen, verschlechtert, vernichtet. Knappheit ist eine geschaffene, soziale Form der Warenproduktion, ist künstlich unverfügbar gemachte Fülle. Sie abstrahiert von wirklichen Begrenzungen und Vorkommen. Die künstlich unverfügbare Fülle »Knappheit« produziert die Paradoxie des Mangels im Überfluss.

Da abgelöst vom wirklichen Vorkommen, kann Warenproduktion nicht nachhaltig sein. Sie ist geradezu das Gegenteil, denn durch ihren immanenten Wachstumszwang zerstört sie Vorkommen. Die Warenproduktion kann auch Begrenzungen nicht wirklich begegnen. Anstatt Begrenzungen zu überwinden, muss sie Begrenzung zunächst in Knappheit transformieren, um sie dann zu perpetuieren. Dies gilt für Nahrungsmittel und Bodenschätze, für Industriegüter, für Arbeitskraft und im besonderen Maße für menschliche Kreativität.

Die Ideologie der Knappheit kann durchaus auf reale Begrenzungen verweisen, aber es ist eine Mär, dass Begrenzung und Knappheit identisch sind. Begrenzungen können überwunden werden, Knappheiten nicht. Mit Begrenzungen ist die Menschheit schon immer umgegangen. Mit Knappheiten schlägt sie sich erst seit den Zeiten des Kapitalismus herum, und sie werden auch mit dem Kapitalismus wieder verschwinden.

Aber was ist mit dem zweiten Mythos, den unendlichen Bedürfnissen, sind diese nicht der Grund für unendliche Knappheiten? Mögliche Antworten gibt es in der nächsten Kolumne.

Kategorien: Theorie

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26. Mai 2014, 06:36 Uhr   2 Kommentare

1 Commons: Kooperation statt Konkurrenz — keimform.de (13.12.2014, 11:31 Uhr)

[…] problematisch sind: immaterielle Güter seien stets unknapp, stoffliche Güter hingegen knapp (vgl. hier und hier und hier); Arbeit in normalen Unternehmen sei profitorientiert, Arbeit in […]

2 Wenn die Wirtschaft wächst, wird alles knapper - Iromeisters Abenteuerreise (16.04.2015, 21:42 Uhr)

[…] sie heute verstehen & betreiben, wächst, wird tatsächlich alles knapper, denn immer mehr wird dem Prinzip der Knappheit unterworfen.Eisenstein geht auch den tieferen Wurzeln dieser Illusion von Knappheit nach, nämlich […]

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