In einem schon etwas älteren – August 2006, also ewig her -, aber immer noch onlinigen Text schreibt Peter Glaser über die „Zivilisationsstrategie“ des Kopierens und gibt zu bedenken, dass die digitale Kopie ja eigentlich keine mehr sei, da sie „den Unterschied zwischen Original und Kopie auslöscht“. – Noch nie was von Remix gehört, Peter? (Danke an Heike für den Hinweis!)
Thesen, die Dritte
Nach den Hamburger »Thesen für eine solidarische Ökonomie« und Bennis »Thesen zur Transformation« gibt es nun eine Wortmeldung aus Bremen, die sich direkt auf die Hamburger Thesen bezieht: »Thesen für eine solidarische Ökonomie – eine Antwort aus Bremen«. Herausheben möchte ich die Bremer Forderung nach einem »bedingungslosen Grundeinkommen«, aber nicht – Staat-hilf-uns – für alle, sondern »im selbstorganisierten Innenraum« als materielle Basis für die praktische Solidarität im Alltag. Wird der großenteils reichlich bescheuerte Kongress »Wie wollen wir wirtschaften? Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus« eine Diskussion in dem einen oder anderen Workshop ermöglichen?
Die Wikipedia ist besser als ihr Ruf
Im der aktuellen First Monday ist ein Artikel über Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit der Wikipedia erschienen: An empirical examination of Wikipedia’s credibilit. Das interessante (wenn auch nicht wirklich überraschende) Ergebnis:
- Die Zuverlässigkeit der Wikipedia ist hoch – Expert/innen fanden jeweils nur wenige Fehler.
- Die Wikipedia ist besser als ihr Ruf – Leser/innen ohne einschlägige Erfahrung hielten Artikel tendenziell für weniger glaubwürdig als Expert/innen aus dem jeweiligen Fachgebiet.
Aus dem Abstract:
This short study examines Wikipedia’s credibility by asking 258 research staff with a response rate of 21 percent, to read an article and assess its credibility, the credibility of its author and the credibility of Wikipedia as a whole. Staff were either given an article in their own expert domain or a random article. No difference was found between the two group in terms of their perceived credibility of Wikipedia or of the articles’ authors, but a difference was found in the credibility of the articles — the experts found Wikipedia’s articles to be more credible than the non–experts. This suggests that the accuracy of Wikipedia is high. However, the results should not be seen as support for Wikipedia as a totally reliable resource as, according to the experts, 13 percent of the articles contain mistakes.
Der Autor warnt allerdings, dass die unterschiedlichen Einschätzungen der Glaubwürdigkeit nur mit 90% Wahrscheinlichkeit signifikant sind (nicht mit 95%, was üblicherweise der höchste Standard ist) und man diese Ergebnisse in größeren Studien überprüfen sollte. Und die Tatsache, dass in 13 Prozent der Artikel Fehler gefunden wurden, zeigt natürlich, dass ein „gesundes Misstrauen” gegenüber Informationen, die man nicht beurteilen kann, durchaus angebracht ist – aber das gilt nicht nur für die Wikipedia, sondern generell.
Hoffentlich ist er der Presse nicht gelungen, den Ruf der Wikipedia mit den regelmäßig hochkochenden Skandälchen dauerhaft anzukratzen. Verdient hätte sie das, wie sich hier auch wieder zeigt, nicht.
Geld und Selbstständigkeit
Telepolis bringt einen interessanten Bericht über psychologische Studien zum Thema Geld. Ergebnis: Schon geringe Reize zum Thema Geld (z.B. ein nebenher laufender Bildschirmschoner mit Bankoten) führen dazu, dass sich Leute selbstständiger und weniger hilfsbereit verhalten.
Ein paar Thesen
Inspiriert durch eine Diskussion im Open-Theory-Projekt „Thesen für eine solidarische Ökonomie“ hab mal ein paar Thesen zur Transformation angefangen. Darin geht es um Armut, Reichtum, Engagement, Keimformen, Selbstentfaltung, Grundeinkommen und was noch so wichtig ist. Mitmachen erwünscht.
Interview mit Jaron Lanier im Spiegel
Der Spiegel hat (für zwei Wochen kostenlos) ein Interview mit Jaron_Lanier im Netz, mit kritischen Bemerkungen zur „Weisheit der Massen“:
Lanier: Die schlimmste ist der Glaube an die sogenannte Weisheit der Massen, die im Internet ihre Vollendung finde.
… Mir bereitet die Vision Sorgen, nur das große Ganze, das Kollektiv sei real und wichtig – nicht aber der einzelne Mensch. Das war der Fehler in allen totalitären Ideologien, vom Nazi-Regime über Pol Pot bis zu den Islamisten.
… Schnell wird der Einzelne Opfer des Mobs; die Gefahr von Wiki-Lynchjustiz halte ich für sehr real. In der Wikipedia-Welt bestimmen jene die Wahrheit, die am stärksten besessen sind. Dahinter steckt der Narzissmus all dieser kleinen Jungs, die der Welt ihren Stempel aufdrücken wollen, ihre Initialen an die Mauer sprayen, aber gleichzeitig zu feige sind, ihr Gesicht zu zeigen.
Bemerkenswert finde ich Laniers Idee von „Digitaler Eingeschlossenheit:“ :
Leider durchlaufen digitale Strukturen, im Gegensatz zur menschlichen Kultur, keine Evolution. Sie werden gleichsam eingeschlossen.
…
Nehmen Sie die Geschichte von Midi. Das ist ein technischer Standard, wie der Computer Musik beschreibt. Den hat vor 25 Jahren mein Freund Dave Smith entwickelt, als Wochenendprojekt, gedacht dafür, zwei Synthesizer miteinander zu verbinden. Aber wie es so geht, wurde es der universale Standard für musikalische Klänge. Der steckt auch in Ihren Handys und lässt sie klingeln. Praktisch jeder Musiker findet Midi unangemessen, es gab endlose Kongresse, die es überarbeiten wollten. Aber das geht nun nicht mehr.
…
Midi ist einer der Gründe dafür, dass sich unsere Musik heute so mechanisch anhört: Club-Music, HipHop und so weiter – das ist genau das, was Midi gut kann. Viele meiner Kollegen in der Computerwelt wollen die antievolutionären Eigenschaften digitaler Techniken nicht wahrhaben. Sie erliegen dem Trugschluss, Computersysteme entwickelten sich und Software würde besser und besser.
Seine Ideen das ganze besser zu machen scheinen mir allerdings kaum Richtungsweisend:
Ich würde eine Technik erfinden, wie man im Internet unmittelbar mit Inhalten Geld einnehmen kann. Das wäre für viele Menschen der Anreiz, anspruchsvolle Dinge im Internet zu veranstalten und zu veröffentlichen. Sofort gäbe es eine Fülle unterschiedlichster ernstzunehmender Stimmen – und dem Kollektivismus wäre die Grundlage entzogen.
Einen weiterer Kommentar dazu findet sich auch bei commonspage.
Rolf im Kino
Uli Weiss hat sich eine nette Geschichte ausgedacht und sich dazu ein paar keimförmige Gedanken gemacht.
Künstliche Knappheit in Second Life bedroht …
und die User sind empört. In den Kommentaren zur Meldung findet sich manches vergnügliches wie auch diese biologistische Argumentation für Fabber.
(Künstliche) Knappheit mal anders
Eine Million Schuhe herzustellen erfordert sicherlich einiges an Aufwand in Form von Ressourcen und Arbeitszeit. Die Leute die das in China herstellen mussten haben das sicher unter gruseligen Arbeitsbedingungen getan. Hier wird uns das Ganze als „Fahndungserfolg“ verkauft … und die Schuhe wandern in den Schredder und werden verbrannt. Was für eine unglaubliche Verschwendung und das angesichts von Millionen Menschen, die sich keine Schuhe leisten können!
Frauke meinte, sie sollten doch wenigstens einfach einen „Gefälscht“-Aufkleber draufmachen. Wahrscheinlich wären sie dann noch doppelt soviel wert, weil besonders speziell und cool.
Fundamentalistischer Heimunterricht
Bei Telepolis ein bisschen Gegengift für alle, die glauben, dass es eine gute Idee wäre, ausgerechnet den Eltern zu überlassen, was und wie ihre Kinder lernen (und nicht der Gesellschaft – heutzutage zugegebenermaßen mehr schlecht als recht durch den Staat repräsentiert – und/oder den Kindern selbst):
Für den Hausunterricht entscheiden sich Eltern vor allem, um ihre Kinder fern von den Schulen zu halten, in denen sie um ihre Sicherheit fürchten und Sorge haben, dass sie an Drogen kommen oder unter den Druck von Mitschülern geraten. Fast ebenso oft werden religiöse oder moralische Gründe genannt. 72% der Eltern gaben an, ihre Entscheidung für den Hausunterricht sei aufgrund des Wunsches entstanden, religiöse und moralische Lehren zu vermitteln. Sexualität oder Keuschheit spielt bei den Fundamentalisten natürlich auch eine große Rolle. Man sorgt sich nicht nur, dass die Jugendlichen von ihren Altersgenossen verführt, sondern womöglich auch noch homosexuell werden könnten. […]
Nachdem die Fundamentalisten es mitunter nicht erreichen, im Unterricht etwa die Evolutionstheorie durch den Kreationismus bzw. Intelligent Design zu ergänzen oder gar zu ersetzen, könnte der Drang zum Ausstieg aus der Schule noch stärker werden. Lehrbücher für Biologie, die beispielsweise vom Beka Verlag für den Heimunterricht angeboten werden, sind denn auch ideologisch auf Bibeltreue getrimmt.
Tja, dagegen ist die Schule dann wirklich das kleinere Übel…