Autor: Christian Siefkes

Creative Commons und das Quellcode-Problem

Dieser Beitrag hat mich auf ein praktisches Problem mit den Creative CommonsShareAlike-Lizenzen aufmerksam gemacht, nämlich dass sie kaum etwas dafür tun, um den Zugang zum Quellcode modifizierter Werke sicherzustellen. In der aktuellen deutschen Attribution-ShareAlike-Lizenz heißt es lediglich:

Sie dürfen eine Bearbeitung nicht mit technischen Schutzmaßnahmen versehen, die den Zugang oder den Gebrauch der Bearbeitung in einer Weise kontrollieren, die mit den Bedingungen dieser Lizenz im Widerspruch stehen. (§4b.)

DRM ist also verboten, aber ansonsten gibt es keinerlei Verpflichtung, Modifikationen in einer Weise zugänglich zu machen, die eine Weiterverbreitung oder weitere Veränderungen ermöglicht – ein „Recht auf Quellcode“ gibt es nicht. Text, der nur als PDF verbreitet wird, müsste also ggf. neu gesetzt werden (v.a. komplexe Elemente wie Formeln lassen sich aus PDFs kaum vernünftig extrahieren); gedruckte Bücher müssten eingescannt werden; Filme, die nur im Kino gezeigt werden, gar von der Leinwand abgefilmt werden – und das, obwohl sie Inhalte enthalten, die von anderen unter eine ShareAlike-Lizenz gestellt wurden und somit selbst dieser Lizenz unterliegen.

Ohne ein „Recht auf Quellcode“ bleibt der „ShareAlike“-Grundsatz leider sehr zahnlos – was nutzt ein Recht auf Modifikation, wenn man nicht auch die Möglichkeit dazu hat? IMHO ein ernstzunehmender Einwand gegen die Creative Commons-ShareAlike-Lizenzen.

Schade drum, insbesondere da die andere weit verbreitete Copyleft-Lizenz für Inhalte – die GFDL – ja auch ihre Problemen hat (v.a. macht ihre Anforderung, den kompletten Lizenztext immer mitzuliefern, sie für viele Zwecke einfach unbrauchbar). Die Design Science License, die recht knapp und elegant ist und auch von der Free Software Foundation als “free and copyleft” anerkannt wird, könnte eine Alternative sein – aber andererseits ist „Copyleft-Proliferation“ ja auch ein Übel…

Dezentralisierung wird Mainstream

Sieben Jahre, nachdem mein einstiger Chef Lucas Gonze die [Decentralization]-Mailingliste gegründet hat, in der Phänomene wie der damalige überwältigende Erfolg des ersten P2P-Filesharingsystems Napster erstmals unter dem Label „Dezentralisierung“ beschrieben und analysiert wurden, scheint dieser Begriff langsam Mainstream zu werden.

Sieht so die Wikipedia aus?Das US-amerikanische Autorenduo Ori Brafman und Rod Beckstrom hat dazu ein Buch „The Starfish and the Spider“ („Der Seestern und die Spinne“) vorgelegt, wo sie den „dezentralisierten“ Seestern der zentralisierten, hierarchischen Spinne entgegenhalten – und im „Seestern“-Modell die Zukunft sehen:

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Peerconomy-Buch erschienen

Es hat etwas länger gedauert als gehofft, aber meine Einführung in die Peer-Ökonomie ist jetzt auch als gedrucktes Buch verfügbar. Wer an einem Exemplar interessiert ist, kann es ab sofort im Peerconomy-Wiki bestellen. Bei Onlinebestellung kommen zu den 9,50 EUR für das Buch (156 Seiten) noch 2,50 EUR Versandkosten, die ich leider nicht vermeiden kann (die tatsächlichen Versandkosten sind noch höher). Aber das ist dieser revolutionäre Text schon wert 🙂

Übersetzer/innen gesucht

Da schon einige Leute den Wunsch geäußert haben, mein Buch zur Peer-Ökonomie auch auf Deutsch lesen zu können, habe ich im Wiki zum Thema ein Übersetzungsprojekt ins Leben gerufen. Einige Freiwillige haben sich schon gemeldet, und ich werde selbst einen größeren Batzen übersetzen, aber damit das was wird, brauchen wir noch mehr Unterstützung.

Wer sich also beteiligen möchte, ist herzlich willkommen! Ein Kapitel oder ein halbes zu übersetzen sollte nicht so lange gehen, würde aber schon helfen. Außerdem ist Übersetzen eine gute Gelegenheit, Englischkenntnisse und Sprachgefühl aufzubessern (ich spreche da aus Erfahrung 🙂 ).

Wer sich beteiligen möchte, bitte in die Liste im Wiki eintragen, um Doppelarbeit zu vermeiden. Eine Wortliste mit Übersetzungsvorschlägen für das neue bzw. spezialisierte Vokabular gibt es dort auch.

Request for Comments: Die Peer-Ökonomie

Buch-CoverDer große Text, an dem ich das letzte Dreivierteljahr gearbeitet habe, ist fertig. Es geht um die Frage nach dem Potenzial der peer production – der Art und Weise wie Freie Software und Freie Inhalte produziert werden. Wir wissen, dass diese neue Produktionsweise von großer Bedeutung ist, wenn es um Software und Inhalte geht – Erfolgsgeschichten wie die von GNU/Linux, Apache oder der Wikipedia sprechen hier eine deutliche Sprache. Aber ist diese Produktionsweise nur für Informationsgüter relevant? Oder hat sie das Potenzial für mehr, möglicherweise für eine Umwälzung der gesamten gesellschaftlichen Produktion?

Die Ergebnisse meiner Überlegungen liegen jetzt unter dem Titel „From Exchange to Contributions: Generalizing Peer Production into the Physical World“ vor. Gedacht war das Ganze als längerer Artikel, aber aufgrund der Komplexität des Themas ist schließlich ein kleines Buch draus geworden!

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Michael Heinrich über Kapitalismus, Krisen und „Profit ohne Ende“

In der aktuellen Jungle World ist ein Artikel von Michael Heinrich über den Kapitalismus und seine Entwicklungstendenzen erschienen. Unter dem prägnanten Titel „Profit ohne Ende“ stellt sich Heinrich u.a. der These entgegen, dass der Kapitalismus schon aufgrund der ihm inhärenten Tendenzen zwangsläufig seinem Ende entgegen würde, wie es vor allem im Umfeld der gespalteten Krisis/Exit-Gruppe gern propagiert wird:

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GPL v3 veröffentlicht

Das Update der mit Abstand wichtigsten Freie-Software-Lizenz ist fertig: Nach anderthalben Jahren Diskussion hat die FSF gestern die neue Version 3 der GPL veröffentlicht, die v.a. mehr Schutz vor DRM und Softwarepatenten bringen soll. Außerdem wurden die Kompatibität zu anderen Lizenzen und die internationale Rechtsicherheit verbessert. In einem ergänzenden Artikel wirbt Richard Stallman für den Umstieg auf die neue Version:

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Eigentum und Freie Software

Einer meiner Blogbeiträge zum Open Source Jahrbuch hat mit einiger Verzögerung zu einer Diskussion auf der Oekonux-Liste geführt, ob die theoretische Fundierung der Freien-Software-Bewegung tatsächlich auf einem spezifisch kapitalistischen Eigentumsbegriff basiert oder nicht. Da es hier um den Kern der von Sabine Nuss geäußerten Kritik steht, dokumentiere ich hier einen längeren Beitrag von mir zu dieser Frage. Das macht es vielleicht für Leute, die Sabines Buch nicht kennen, leichter nachvollziehbar, was hier immer mal wieder erörtert wird.

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Imitate können Leben retten

Was das Geistige Eigentum auf dem G8-Gipfel betrifft, findet sich bei Spiegel Online eine perfide Argumentation:

Markenschutz steht ganz oben auf der Wunschliste der G-8-Staaten. Wer dabei bloß an Adidas-Turnschuhe, Rolex-Uhren und Gucci-Taschen denkt, verkennt das eigentliche Problem – gefälschte Medikamente stellen die größte Gefahr dar.

[…] im Gegensatz zu einer nachgemachten Rolex oder Gucci-Tasche stellen gefälschte Arzneimittel eine ernsthafte Gefahr dar. Umso alarmierender ist der dramatische Anstieg, den gerade dieses Segment der Produktpiraterie zu verzeichnen hat.

Nun ist der bloße Markenschutz (dass A sich nicht als B ausgeben sollte) ja relativ unumstritten (im Gegensatz zum Copyright- und Patentsystem), und das Problem würde überhaupt nicht erst entstehen, wenn jede/r sich die richtigen Präparate leisten könnte. Aber SpOn klagt dann doch lieber ganz pauschal über „Produktpiraterie“, ohne sich um solche Details groß zu kümmern.

Nach einer Schätzung der WHO sind zurzeit rund zehn Prozent aller Medikamente Fälschungen – im besten Fall sind es Imitate, schlimmstenfalls wirkungslose Attrappen oder sogar Gift.

Was SpOn nicht erwähnt, ist dass „richtige“ Imitate (die so wirken wie das Original) nicht nur der beste Art von Fälschung sind, sondern sogar besser als das Original – weil Menschen sie sich leisten können, für die das Original unerschwinglich wäre. Imitate und Generika können Leben retten – eine Perspektive, die bei SpOn (nicht überraschend) fehlt.