Wie organisiert die Degrowth-Bewegung ein zukünftiges Wirtschaftssystem?
Ein Plädoyer für die Spezifizierung von Utopie und Transformationstheorie

Es gibt viele akademische und aktivistische Bewegungen, die den Kapitalismus kritisieren und überwinden wollen. Eine Strömung ist die Degrowth-Bewegung (wörtlich übersetzt ungefähr ‚ent-wachsen‘). Der Kern von Degrowth ist die Einsicht, dass unser aktuelles Wirtschaftsmodell, das Wirtschaftswachstum und privaten Gewinn über alle anderen politischen Ziele stellt, keine zukunftsfähige Art des Zusammenlebens ist. Dabei spricht sich Degrowth nicht einfach für ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung, also eine Rezession, aus, sondern für eine fundamentale Veränderung unserer Wirtschafts- und Lebensweisen. Eine Überwindung des Kapitalismus sowie die Verringerung des Materialverbrauchs unserer Gesellschaften sind dabei zentral. Konkrete alternative Zukunftsvisionen der Degrowth-Bewegung sind vielfältig: Mehr Freizeit für alle, die Achtung planetarer Grenzen, das Wiederaufleben-Lassen von Gemeinschaften, und der Ausbau deliberativer Demokratie. Das sind nur einige der politischen Maßnahmen, die in einer Studie aus dem Jahr 2022 als gemeinsame Forderungen der Degrowth-Vertreter*innen ausgemacht wurden (Fitzpatrick et al., 2022).
Doch die oben genannten Zukunftsvisionen sind zwar alles Maßnahmen, auf die sich die Degrowth-Bewegung einigen kann, sie beschreiben jedoch nicht, auf welche Art und Weise unsere soziale Versorgung in Zukunft organisiert wird, um Wohlbefinden für alle innerhalb von planetaren Grenzen zu gewährleisten. Zeit also, sich diese Fragestellung einmal systematisch für die Degrowth-Bewegung anzuschauen – ein Unterfangen, dem ich mich in meiner Masterarbeit gewidmet habe.
Die drei vorrangigen Möglichkeiten, wie ein Wirtschaftssystem koordiniert werden kann, sind 1) dezentral über den Markt, 2) zentral über den Staat, oder 3) dezentral über Commons. Neben der Utopie – also der Betrachtung, wie die ferne Zukunft aussehen soll – ist es ebenso relevant, zu überlegen, wie die Transformation hin zu dieser Utopie aussieht. Nur mit einer guten Transformationstheorie können gezielte Handlungen erfolgen, um die Utopie Wirklichkeit werden zu lassen.
Insgesamt konnte ich 36 akademische Artikel oder Buchkapitel identifizieren, die das Thema ökonomische Koordinierung – mal mehr, mal weniger explizit – diskutieren. Alle Veröffentlichungen wurden bezüglich ihrer Diskussion der Arten der Koordinierung Markt, Staat & Commons in den Phasen Transformation und Utopie ausgewertet.
Wenig explizite Interaktion mit ökonomischer Koordinierung
Nicht nur in der oben zitierten Studie fällt auf, dass in der akademischen Degrowth-Literatur auffallend wenig besprochen wird, welcher Mechanismus der ökonomischen Koordinierung in Zukunft eingesetzt werden soll. Selbst bei den 36 Artikeln oder Buchkapiteln, die in meine Auswertung eingeflossen sind, war oft nicht explizit benannt, welche Position die Autor*innen bezüglich ökonomischer Koordinierung einnehmen. Diese Veröffentlichungen wurden trotzdem in die Analyse aufgenommen, wenn die Positionen ausreichend eindeutig aus den allgemeinen Positionen und angeführten Maßnahmen geschlussfolgert werden konnten.
Utopie: Weder Markt noch mächtiger Staat
In der Utopie-Phase wird von den Degrowth-Autor*innen weder die Koordinierung der Wirtschaft durch den Markt noch durch einen starken zentralen Staat befürwortet. Stattdessen werden oft rein dezentrale Commons-basierte Formen der Koordinierung bevorzugt, oder eine Mischung aus zentralen staatlichen Institutionen mit dezentraler Beteiligung, z. B. durch partizipative Demokratie und lokales Wirtschaften innerhalb von zentralen Rahmenbedingungen.
Transformation: Staat als zentrales Instrument
In der Transformationsphase verlässt sich die Degrowth-Literatur sehr auf die Handlungsfähigkeit eines zentralen Staates in der Transformation – oft ergänzt durch dezentrale Commons-Elemente. Dabei besteht auch eine Offenheit für Märkte als Instrument zur Unterstützung einer Transformation. Eine Transformation nur basierend auf dezentralen Commons ist in der klassischen Degrowth-Literatur nicht zu finden, und wird erst durch die Keimformtheorie eingeführt von Sutterlütti & Meretz (2018) ergänzt.
Die Abwesenheit einer rein dezentralen Transformationstheorie ist interessant, da es – wie im vorherigen Absatz geschildert – durchaus dezentrale Commons-Utopien in der Literatur gibt. Kann eine zentral gesteuerte Transformation zu einer dezentralen Commons-Utopie führen? Historische Beispiele und theoretische Überlegungen lassen daran zumindest Zweifel aufkommen.
Repräsentation in Einführungstexten, bzw. in systematischen Auswertungen
In Degrowth-Einführungstexten, bzw. in systematischen Auswertungen der Degrowth-Literatur werden oft alle Arten der Koordinierung als mit Degrowth vereinbar besprochen. Dabei wird auf die Diversität der Bewegung verwiesen, in der es eine Vielfalt von Perspektiven gibt. Meine Forschung kann dies nur bis zu einem gewissen Grad bestätigen: Während es unterschiedliche Positionen gibt, und eine gewisse Offenheit für andere Formen der Koordinierung herrscht (insbesondere für Koordinierung von Luxusgütern durch den Markt), so vertritt die Degrowth-Bewegung in der Utopie dezentrale Commons-basierte Koordinierung, oder eine Mischform aus zentralen staats-basierten und dezentralen commons-basierten Elementen.
Degrowth-Zukunft
Aus diesen Ergebnissen ergeben sich zwei Möglichkeiten, eine Degrowth-Zukunft zu gestalten: Erstens eine staatsgesteuerte Transformation, die eine neue Art der wirtschaftlichen Koordinierung aus einer Mischung aus staats- und commons-basierten Elementen schafft. Oder zweitens eine dezentral gesteuerte Transformation wie sie die Keimformtheorie beschreibt, die in einer commons-basierten Utopie (Commonismus, s. Sutterlütti & Meretz, 2018) endet.
Diese beiden Möglichkeiten bedingen jedoch unterschiedliche politische Maßnahmen und Handlungsmaximen für die Degrowth-Bewegung – zumindest in manchen Politikfeldern, bzw. ab einem gewissen Punkt. So könnte beispielsweise die Schaffung von Räumen für gesellschaftliche Nischen, z. B. durch Public-Commons-Partnerships (Jerchel & Pape, 2022), für beide Wege funktionieren; eine öffentliche Arbeitsplatzgarantie jedoch eher für den staats-basierten Pfad.
Insgesamt wäre es wertvoll, diese Diskussionen über Utopie und Transformation im Detail zu führen. Insbesondere im Lichte der dringenden ökologischen Krisen, die kurzfristig staatlicher Regulierung gegen privatwirtschaftliche Machtinteressen bedürfen (Koch, 2020), sollte die Spezifizierung der Transformation zu einer emanzipatorischen Gesellschaft explizit geführt werden, um gezielte Handlungsfähigkeit zu gewährleisten.
Referenzen
Dornis (2024). Providing for the good life for all: How is economic coordination in a post-capitalist society discussed within the Degrowth scholarship? Master’s Thesis. WU Vienna.
Fitzpatrick, N., Parrique, T., & Cosme, I. (2022). Exploring degrowth policy proposals: A systematic mapping with thematic synthesis. Journal of Cleaner Production, 365, 132764. https://doi.org/10.1016/j.jclepro.2022.132764
Koch, M. (2020). The state in the transformation to a sustainable postgrowth economy. Environmental Politics, 29(1), 115–133. https://doi.org/10.1080/09644016.2019.1684738
Jerchel, P., & Pape, J. (2022). Commons-Public Partnerships. Neue Kooperationsformen für die sozialökologische Transformation (p. 855 KB, 39 pages) [PDF]. Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS). https://doi.org/10.48481/IASS.2022.039
Sutterlütti, S., & Meretz, S. (2018). Kapitalismus aufheben: Eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken. VSA: Verlag.