Jenseits der Do-ocracy?

Stefan und ich argumentieren ja immer wieder, dass für eine Post-Arbeits-Gesellschaft Do-ocracy ein Grundsatz ist, also dass Re/Produzentinnen entscheiden wie sie ihr Produktionsmittel nutzen und ihre Güter und Dienstleistungen verteilen wollen. Nun gibt es immer wieder Kritik an dem Ansatz und ich möchte mal eine mögliche Erweiterung vorstellen und würde sehr gerne eure Meinung hören, weil es vielleicht ne größere Veränderung wäre. Ein Ausschnitt aus dem kommenden Utopiebuch:

Die Macht des Wortes und die Macht der Hände

[…] Commonistische Planung vergemeinschaftet Produktionsmittel und Güter nicht bei den einzelnen Betrieben, aber doch liegt der Schwerpunkt der Entscheidungsmacht bei den assoziierten Re/Produzentinnen im Allgemeinen. Der Commonismus schafft so eine Hierarchie zwischen Re/Produzentinnen und Nicht-Re/Produzentinnen. Oder um das ganze feministisch zuzuspitzen: Die Care-Commonerin, die im interpersonalen Nahbeziehungen – in Arbeitsgesellschaften ‚im Privatem‘ – Alte, Bekannte und Kinder pflegt hat nichts zu sagen. Und auch die Rentnerinnen können nur beten, dass ihre Bitte nach Rollstühlen ernst genommen wird. Anarchistinnen und Kommunistinnen betonten diese ‚Diktatur des Proletariats‘ immer wieder positiv: „Die Arbeiterräte sind die politischen Organe der Diktatur des Proletariats. Durch die Art und Weise, wie sie gewählt werden, bleibt die Bourgeoisie von ihnen völlig ausgeschlossen“ (Pannekoek 1933). Aber zum einen haben sie Reproduktionsarbeit noch nicht allzu ernst genommen und dachten bei der ‚Herrschaft der Arbeiter‘ an den Ausschluss der Kapitalistinnen nicht der Rentnerinnen. Aber tendiert nicht eine Do-ocracy ebenfalls zur Diktatur des Proletariats? 

Der Einwand ist keineswegs von der Hand zu weisen, wir haben ihn weiter unten bei den Diskussionsfragen nochmal aufgenommen und er ist auch gewichtiges Argument für eine Stärkung von Institutionen der Allgemeinheit. Do-ocracy rückt – traditionell gesprochen – die ‚Arbeiterselbstverwaltung‘ in das Zentrum der Planung. Traditionell war diese aber eben tatsächlich Selbstverwaltung der Menschen, die arbeiten mussten um sich zu erhalten, die Arbeiterinnen führten ihren eigenen Betrieb und musste ihre Produkte dann auf dem Markt loswerden. „Wir besetzen eine Fabrik, und dann? Die Produkte, die wir da herstellen, wenn wir weiter arbeiten, müssen wir doch irgendwie verkaufen, den Kräften der Marktwirtschaft müssen wir uns doch beugen“ (Holloway 2010: 57). Wurde die Gesellschaft durch Staat statt Markt koordiniert, herrschte noch immer der Tauschwert. Stiftete nicht mehr der (Tausch-)Wert die Vermittlung zwischen den Betrieben, sondern direkt der Gebrauchswert, dann ist die Arbeiterselbstverwaltung eine ganz andere, die Arbeiterinnen sind Produzentinnen, die nur noch aufgrund des Gebrauchswerts überhaupt tätig werden. Und doch schafft dies ein Schwergewicht bei den transpersonalen Produzentinnen, bei jene die Güter und Dienstleistungen nicht in Nahbeziehungen, sondern für allgemeine Andere herstellen, der scheinbar überwundene Trennung zwischen Reproduktion und Produktion klafft wieder auf. 

Do-ocracy schafft die Macht der Hände, doch was ist mit jenen Händen, die zu jung oder alt sind zu schaffen – und mit jenen die man kaum öffentlich wahrnimmt. Diese haben nur die Macht der Worte, um sich Gehör zu verschaffen. Ihre Bedürfnisse scheinen sicherer vertreten durch Verbände und Institutionen, die auf eine gerechte Planung achten, als durch die assoziierten Produzentinnen. Bei der bisherigen Diskussion freier Kooperation wurden sicher einige Augenbrauen krausgezogen: Wo geschieht die politische Willensbildung und -äußerung? Was ist mit den politischen Verbänden und ihren Institutionen? Sie hatten schon ihren Auftritt als Umweltbewegung, aber nur weil Politik und Ökonomie nicht mehr getrennt sind, muss doch die Politik nicht nur in der Ökonomie situiert sein. Rentnerinnen können politische Verbände einrichten, genauso jene denen an der Ausdehnung von Wildnisreservaten gelegen ist oder Bewohnerinnen, die Standards für Wohnungen erarbeiten wollen. Die vielfältigen und weitreichenden Fragen gesellschaftlicher Planung müssen und sollten doch nicht nur in den Planungsabteilungen der Commons und ihrer Verbünde diskutiert werden. Dies müsste notwendig den Diskurs kürzen, beschränken, verstümmeln. Der Macht der Hände gilt es die vielfältige Macht der Worte beizustellen. 

Nicht parallel gilt es diese beiden Strukturen zu denken, sondern miteinander vielfach verknüpft und bezogen. /Da mag es eine Institution in Frankreich geben, welche Standards für Wohnungen erarbeitet, in ihr finden sich Vertreterinnen des großen Verbandes von Bewohnerinnen Südfrankreichs ebenso wie Vertreterinnen der größeren Bauverbünden. Zivile und re/produktive Macht trifft sich und tauscht sich aus. Dort existiert der zivil-produktive ‚Bund des würdigen Alterns‘, in welchem Altenheim-Commons ebenso vertreten sind, wie Rollstuhlproduzentinnen, Apothekerinnen und einige große Verbände von Rentnerinnen. Mitglieder dieses und vieler anderer Verbände finden sich nun wieder in Meta-Commons, welche darauf achten, dass die Re/Produktion ausreichend verschiedene Bedürfnisse einbezieht – oder in den Planungsabteilungen verschiedener Commons(-verbünde), commonistische Aufsichtsräte wenn man so will. Und hier vor unserer Haustür findet sich die beliebte ‚Barbara-Peters-Institution zur Förderung der Kultur‘, sie betreiben vielerlei Musikschule, aber mischt sich auch regelmäßig ein, um den Instrumentenbau zu fördern. Gerade letztes Jahr starteten sie mit dem Info-Commons ‚Post-anarchist Data Collective‘ eine ansehnliche Kampagne, in der sie zeigten wie einige große Holzverbünde stillschweigend den Ausbau von Holzhäuser der Produktion von Musikinstrumenten vorzogen. Das brachte diese in arge Erklärungsnöte./ Schon im Kapitalismus ist die Frage des Instrumentenbaus polit-ökonomisch, doch ist die Ökonomie nicht mehr einer eigenen Logik untergeordnet, so ist nicht mehr zu sagen ob Instrumentenbau nun eine politische oder ökonomische Frage ist. Und ebenso werden sich ökonomische, politische, wie polit-ökonomische Akteurinnen darauf beziehen. Commonistische Planung erwächst so aus einer Vielzahl von Diskussions- und Entscheidungsprozessen in und jenseits der Betriebe. Zivile, reproduktive und produktive Macht verknüpfen und verschachteln sich vielfach, so dass nicht nur das ‚Proletariat‘ die Re/Produktion dirigiert. Verbund und Verband, Hand und Wort, Ökonomie und Politik bilden die Assoziation einer sich selbst organisierenden Menschheit. […]

Diktatur des Proletariats? 

[…] Karsten: Oben hat der Text schon die Hierarchie zwischen Re/Produzentinnen und Nicht-Re/Produzentinnen angesprochen. Und sicherlich kann es nicht darum gehen, dass Menschen in Haus und Hof auf die Beziehung zu Menschen in der transpersonalen Re/Produktion setzen müssen. Also, dass die Rentnerin, Kinder oder der häuslichen Caretätigen auf ihre Mitbewohnerinnen, Nachbarinnen oder Freundinnen hoffen müssen. Die Inklusion und Beziehungen sind real da, aber sollten nicht die Grundlage der Inklusion darstellen. Sonst heißts: Die private ‚Hausfrau‘ darf hoffen, dass ihr ‚Arbeitermann‘ ihre Bedürfnisse vertritt. Solch eine Abhängigkeit von interpersonalen Nahbeziehungen klingt für mich eher nach Rückfall in vormoderne Gewalt. Nein, meine Bedürfnisse sollten schon unabhängig von meinen direkten Beziehungen – eben transpersonal – einbezogen werden. Und da passen die zivil-produktiven Verbände für Rentnerinnen, Kinder und andere Produktionsferne besser, in denen Menschen ihre Bedürfnisse sammeln, kommunizieren und verteidigen. Aber das Grundproblem bleibt: Ihr Druck ist moralisch, der Druck der re/produktiven Partnerinnen materiell. Die einen beschweren sich, die anderen gefährden die Produktion. „Alle Räder stehen still, wenn nur dein starker Arm es will“ gilt halt nicht für alle. 

Lisa: Oben hat der Text auf die enge Verknüpfung von ‚politischen‘ Verbänden und ‚ökonomischen‘ Verbünden hingewiesen. Die politischen Verbände tragen nicht (nur) ihre Wünsche von außerhalb der Re/Produktion heran, sondern Verbund und Verband durchdringen sich. Stahlproduzentinnen sind Teil des Rentnerinnen- und Wildnisverbandes, und die Verbände werden eingeladen in den Verbünden mitzuentscheiden. Aber ich glaube hier gilt es noch einen Punkt zu machen: Manchmal erreicht man an Stellen an das Ende eines ‚Commonismus der Egoistinnen‘. Viele Dynamiken der Inklusion können auch auf Basis des Homo oeconomicus, mit überzeugten Egoistinnen, erklärt werden. Die Inklusionslogik bringt die Egoistinnen dazu andere einzubeziehen, auch wenn die Inklusion ihnen gar keine oder nur eine sehr abstrakte Befriedigung beschert, sie können quasi gar nicht anders. Aber wir tun damit den Menschen oder zumindest den meisten unrecht an, wenn wir sie zu getrennte Egoistinnen stempeln. Viele Menschen sind betroffen, wenn ihnen unbekannte Rentnerinnen und Kinder leiden, und noch deutlicher, wenn sie mit ihnen eine Vorsorgegesellschaft bilden. Und umgekehrt verschafft es Menschen Befriedigung eine gemeinsame Vorsorge herzustellen, in der auch deren Bedürfnisse einbezogen, mitdiskutiert und damit aufgehoben sind, dass bedeutet wiederum nicht, dass sie alle befriedigt werden, aber eben als gleichwertig einbezogen. Auch diese Dynamik könnte man versuchen getrennt-egoistisch zu argumentieren: Ich oder Bekannte haben Kinder und ich könnte auch Rentnerin werden, und deshalb sorge ich indem ich für andere sorge eigentlich wiederum nur für mich und die interpersonal ‚Meinigen‘. Oder nochmal abstrakter: Individuelle Vorsorge geht nur gesellschaftlich, darum ist die gesellschaftliche Vorsorge auch die individuelle. Ist die Gesellschaft so organisiert, dass Menschen hinausfallen, kann dies auch mich oder mir nahe treffen. Der Einbezug der anderen, ist auch der individuelle; die individuelle Inklusion realisiert sich als gesellschaftliche Inklusion. Auch dieses Argument mag stimmen, aber darin steckt mehr. Menschen existieren durch ihre Beziehungen, keineswegs sind sie Eins mit den anderen, aber deren Bedürfnisse sind auch Teil von uns, es schmerzt sie leiden zu sehen. In einer Exklusionsgesellschaft ist dieser Schmerz vielleicht geringer, Menschen haben sich mit ihm abgefunden, viele haben ihn weit verdrängt und mit Familie, Nation oder ‚westliche Kultur‘ harte Grenzen gezogen. Aber in einer Gesellschaft wo wir von Kindesbeinen lernen unsere Bedürfnisse zu äußern, einzubringen und mit denen anderer zu vermitteln, fühlen wir unsere Bezogenheit stärker. Der Schmerz ist hier größer. 

Karsten: Uiui, jetzt kommst du ja richtig ins Predigen. Das klingt ja schon nach dem so abgestrittenen guten Menschenbild. Aber – bevor du dich verteidigst – ich verstehe schon was du meinst. Wir sind nicht einfach isolierte Arschlöcher, die sich um niemanden scheren. Und eine sichere Vorsorge für alle, schafft auch für mich Sicherheit. Ich kann mir trotzdem vorstellen, dass wir mehr als Do-ocracy brauchen.


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