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Commonismus und Koordination

Tja, Corona schafft Zeit. Hier das nächste Video zu Koordination im Commonismus. Nach der Frage „geht das ohne Arbeitserpressung“ ja meist die zweitwichtigste. Ein paar Gedanken aus dem neuen Buch (und gerne offen für Diskussion 🙂 ). Danke vielmals an alle Menschen, die dazu Diskussionsbeiträge gemacht haben (gerade hier auf Keimform)!

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Commons, Freie Software, Theorie

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28. März 2020, 10:07 Uhr   11 Kommentare

1 Benni Bärmann (28.03.2020, 14:15 Uhr)

Irgendwie bleibt bei mir so ein Appellcharakter hängen. Also so eine Haltung von „Das wird dann schon alles klappen“, die man einfach glauben soll. Also gerade weil Du den Punkt mit der Sicherheit so betonst. Dann postulierst Du aber einfach „Wir werden Grundbedürfnisse immer befriedigen“. Aber warum sollten wir das tun? Das ist doch die Frage. Also nicht, dass ich das nicht auch für möglich halte, dass es so sein könnte. Aber ich sehe da immer noch eine riesige Lücke zwischen der kategorialen und der konkreten Ebene. Vermutlich unvermeidbar. Als einziger konkreter Mechanismus bleibt bei mir die Drohung mit Nichtkooperation hängen. Aber ist das nicht letzten Endes ein ethisches Argument? Für die Utoponiken ist es einfach das Richtige so zu handeln? Ich hätte es gerne materialistischer in der Argumentation.

2 Simon Sutterlütti (22.04.2020, 13:42 Uhr)

@Benni: Ja ich glaub ein bisschen bleibt immer das nicht alles perfekt begründbar ist. Aber das „Grundbedürfnisse befriedigen“ wird ja schon aus den Bedürfnissen der Menschen her begründet und nicht Ethik oder? Halt von wegen allen ist es wichtig Essen, etc. zu können und darum wird das am meisten Kooperation und Unterstützung bringen. Oder  was fehlt dir da konkret? 

3 Simon Sutterlütti (22.04.2020, 13:44 Uhr)

Herrmann Lueer hat auch bei den Freundinnen der klassenlosen Gesellschaft die Notwendigkeit von Arbeitszeitrechnung betont (https://kosmoprolet.org/de/kritik-von-hermann-lueer-den-thesen-zur-weltcommune) und er hat dies auch bei meinem Vortrag angemerkt. Ich finde die Idee diskussionswürdig und hab darum mal seinen Kommentar hier rein kopiert: 

„Bezüglich der „commonistischen Stigmergie“, die dafür sorgen soll, dass die dezentralen individuellen Entscheidungen gesellschaftlich kohärent sind, fehlt meiner Ansicht nach aber die klare „inklusive Bedingung“ die sicherstellt, dass es subjektiv funktional ist, bei der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse die Notwendigkeiten des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses miteinzubeziehen. Im Hinblick auf den freien Zugang zu den Konsumgütern weist du zwar daraufhin, dass z.B. an einer aufwendigen Kamera ein Marker auf den hohen gesellschaftlichen Aufwand verweisen sollte, damit jeder selbst entscheiden kann, was wirklich gebraucht wird. Aber ist das nicht ein viel zu grober Maßstab, um eine rationale, gesellschaftlich kohärente Entscheidung treffen zu können?
Auch im Commonismus gilt das Reich der Notwendigkeit in dem Sinne, dass nur konsumiert werden kann, was im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung produziert wurde. Auch hier stehen die Bedürfnisse auf der Grundlage der gegebenen arbeitsteiligen Produktivität im Verhältnis zum erforderlichen Zeitaufwand, d.h. zur individuellen Bereitschaft, sich hierfür an der Produktion zu beteiligen. Ohne die Information über den mit den Objekten der Bedürfnisse verbundenen gesellschaftlichen Aufwand ist eine vernünftige Abwägung, ob der persönliche Aufwand überhaupt im Verhältnis zum persönlichen Nutzen steht, unmöglich. Wenn die Gesellschaftsmitglieder über den mit den verschiedenen Produkten und Dienstleitungen verbundenen Aufwand nichts wissen, bliebe ihnen nur ihr subjektives Bedürfnis als Maß, ob sie etwas haben wollen oder nicht. Auch die Frage, wieviel sie arbeiten wollen, ließe sich ohne den ökonomischen Maßstab der Arbeitszeit nicht bezogen auf das Verhältnis von Arbeit zu Arbeitsertrag beantworten, sondern allein über das Bedürfnis arbeiten zu wollen. Die Arbeitszeit als Maßstab für den individuell zu konsumierenden Teil des gesellschaftlichen Produkts ist daher kein Gegensatz zur Bedürfnisbefriedigung, sondern Mittel einer rationalen Abwägung. Nur mit Hilfe der Arbeitszeitrechnung lassen sich die Mittel in rationaler Weise in den Dienst der Zwecke stellen. Das gilt für die Organisation der Produktion, die auf die Ermittlung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit nicht verzichten kann, ebenso wie für die rationelle Abwägung des Umgangs mit den Resultaten der gemeinsamen Produktion. Selbst bei den für jeden notwendigen Infrastrukturleistungen, wie beispielsweise Wasser und Strom, wäre es unsinnig, ohne diese Information auskommen zu wollen.

Den Zusammenhang von Aufwand zu Ertrag anhand der Arbeitszeitrechnung offenzulegen, darauf wird eine Gesellschaft nicht verzichten können, wenn ihre Gesellschaftsmitglieder selbst nach ihren Bedürfnissen über ihr Verhältnis von Arbeit und Konsum bestimmen wollen. ( Siehe hierzu auch meine Antwort auf deine Kritik am Rätekommunismus https://www.youtube.com/watch?v=kn4mrqmJ6nE&feature=youtu.be )

Ohne die „inklusive Bedingung“ der Arbeitszeitrechnung fehlt dem Commonismus im Hinblick auf Arbeitsbereitschaft und Konsum die entscheidende Grundlage für subjektiv funktionale d.h. im Sinne der commonistischen Gesellschaft kohärente Entscheidungen. Ohne diese „inklusive Bedingung“ fällt der Commonismus zurück auf die Moral bzw. auf die Zuteilung durch eine übergeordnete Instanz. Die Menschen können noch so gutwillig sein, wenn sie nicht wissen, in welchem Verhältnis ihr persönlicher Konsum zur hierfür gesellschaftlich notwendigen Arbeitsbereitschaft steht, ist das Chaos vorprogrammiert. Freier Zugang zu den Produkten der gemeinsamen Arbeit ohne das Maß der Arbeitszeit bedeutet in einer für den einzelnen unübersichtlichen gesellschaftlichen Arbeitsteilung nicht nehmen nach Bedarf, sondern – wenn auch ungewollt – Zuteilung durch eine übergeordnete Instanz.

In welcher Form die Arbeitszeit als Maßstab für den individuell zu konsumierenden Teil des gesellschaftlichen Produkts zur Anwendung kommt, ist demgegenüber durchaus gestaltbar. Als bewusste Handlung der Gesellschaft ist es eine konkrete Regelung in Bezug auf die Einsicht der Gesellschaftsmitglieder in die Notwendigkeiten ihres kooperativen Produktionszusammenhanges. Die polyzentrischen Netzwerke der commons können es beispielsweise bei der Bereitstellung der Information über die Arbeitszeiten belassen und auf den vernünftigen Umgang hiermit setzen. Sie können eine größere Unterdeckung der Arbeitsbeteiligung im Verhältnis zum Konsum auch zum Anlass für eine Mediation nehmen oder den Zugang in bestimmten Bereichen beschränken. Letzteres wird unvermeidbar sein in einer commonistischen Gesellschaft, die sich nicht auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht; die also, wie es Marx einmal ausgedrückt hat, in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt. Hier erhält der einzelne Produzent – nach Abzug seiner Arbeit für die gemeinschaftlichen Fonds – zurück, was er ihr gegeben hat, den von ihm gelieferten Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags, seinen Anteil daran.

Soweit einmal meine Überlegungen zu deinem netten Vortrag
Grüße
Hermann Lueer“

4 Simon Sutterlütti (22.04.2020, 13:47 Uhr)

Vielen Dank für den konstruktiven Kommentar Hermann. Ich finde Arbeitszeitrechnung als Marker und stigmergisches Signal durchaus spannend, wir haben es bei uns noch nicht genügend diskutiert um da eine klare Meinung dazu zu haben, ich werde es mal für die nächste Diskussion mitnehmen, weil es ist wahr das solch eine Rechnung viel wichtige Signale produzieren könnten, aber die Gefahr besteht wiederum, dass sie eine Eigendynamik entfaltet: So können arbeitsproduktivere Produkte eher konsumiert werden, aber die weniger produktiven für Menschen schöner zu produzieren sein. Und wie würdest du mit dem Problem umgehen, dass ja ökologischer Aufwand zuerst immer als „Arbeitskosten“ erscheinen? – Das könnte dazu führen, dass Ökologie stark auf der Kostenseite ist und sich jene die sowas wie „Green Washing“ betreiben bevorzugt werden? Was meint ihr anderen dazu?

5 Benni Bärmann (22.04.2020, 15:56 Uhr)

Arbeitszeitkostentransparenz würde auch bedeuten, dass man wieder in eine Sphäre die als „Arbeit“ gilt und eine, die das nicht tut, unterscheiden muss. Wo läuft dann die Grenze? Ist Kinder betüddeln und Wohnung putzen dann Arbeit? Ist es das vorbereiten einer Spielerunde oder einer Chor-Session? Welches Kunstwerk ist Arbeitsprodukt und welches nur Freizeitvergnügen? Wie groß ist der Grad der Indirektion, der noch zählt? Am Ende ist „verbrauchte Arbeitszeit“ auch nur einer von vielen völlig unscharfen Faktoren. Mit dem selben Recht kann man fordern, dass auf jedem Produkt vermerkt werden soll, wie oft bei seiner Herstellung gelacht und wie oft geweint wurde.

6 Annette (24.04.2020, 20:38 Uhr)

Hallo, ich beziehe mich auf den Text, den Simon mal in einer Mail schickte, nicht den Film. Da es etwas mehr wird, verteile ich es auch auf mehrere Kommentare…

Begriff Vermittlung
„Vermittlung und
Koordination unterscheiden?“

   
Ja natürlich, sogar bei Wikipedia.:

     
Koordination: etwas „in eine bestimmte Folge bringen“, „Aufeinanderabstimmen von Vorgängen“  
   
Vermittlung: „(gedanklicher) Prozess des Ausgleichs von Gegensätzen und dessen Ergebnis“ – das bezieht sich auf Hegel. Da gibts zwei Formen

a) Zwei Verschiedene werden durch etwas Drittes äußerlich „vermittelt“;
b) negierende Selbstbewegung „vermittelnde Bewegung, die von einer
der Bestimmungen ausgeht, und zu der anderen fortgeht, wenn diese auch zur ersten zurückgeht […]“ (HW 5: 78)

Übergang wie bei Hegel wäre: Was erst als verschieden und nur äußerlich vermittelt (Vermittlungsbegriff a) gedacht wird, soll als Selbstvermittlung der Gegensätzlichkeit in sich (Bewegungsform als Lösung der Widersprüche) begriffen werden (z.B. im „Kapital“ von der Ware und ihrem Austausch zum Kapital als widersprüchliches Selbstverhältnis)

Koordination hat nur was mit a) zu tun, weil da das Vorhandene nachträglich „aufeinander abgestimmt“ bzw. „in Ordnung gebracht“ wird. Ob es bei dem „Vorhandenen“ um Waren oder um Bedürfnisse und Fähigkeiten handelt, ändert nichts grundsätzlich, es bleibt Vermittlungsweise a).
Frage: Gäbe es auch Vermittlungsweise b)? (Muss ja nicht sein, ist nur ein Gedanke…)

Für die gesellschaftliche Vermittlung, die du zu fassen versuchst, gibt’s noch das schöne Zitat von Richard Sorg: „Verknüpfung des Einzelnen mit dem Allgemeinen in einer besonderen Bewegungsform des Widerspruchs“ (Sorg 2005: 178), Commons-Beziehungen als besondere Bewegungsform des spezifischen Hauptwiderspruchs der Commons-Verhältnisse?

7 Annette (24.04.2020, 20:39 Uhr)

Vermittlung über Mittel?

„Für uns war und ist die Vorstellung von Ver-Mittlung, das
In-Bezie- hung-Treten über Mittel im weitesten Sinne, eine wichtige
Möglichkeit, so etwas kompliziertes wie Gesellschaft zu denken.“… „Mittel.
Diese sind die Träger der Vermittlungsform.“
 
„Mittel“ ist zu dinglich vorgestellt. Es können
auch Momente der z.B. zwei Entitäten sein, die sich über diese, ihre eigenen
Momente, vermitteln. Momente sind besondere Bestimmungen. (verdinglichend:
Eigenschaften, besser: Potentialitäten, die aus ihrem Wesen kommen…).

zu den Bedeutungen in den Mitteln: das ist auch
ein verdinglichendes Denken, das Holzkamp von Leontjew übernommen hat, obwohl das bereits in frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gegenüber Leontjew berechtigt kritisiert worden war (siehe Keiler 1997). Mittel haben die
Bedeutungen NUR in einer ganz bestimmen Situation für ganz bestimmte Anwender dieser Mittel… Das gilt auch für Menschen: ein Fließband war im 19. und Anfang des 20. Jhd. wichtig für die Produktivitäts- und Wohlstandssteigerung und das in unterschiedlichem Maße für ArbeiterInnen und
ProduktionsmittelbesitzerInnen. Nur technizistisch gesehen kann man von dieser Kontextuierung absehen, wenn man ein Fließband betrachtet als „gemacht zur Herstellung normierbarer (Teil-)Produkte“.
    
Und damit Mittel sachgerecht angewendet werden,
braucht es auch eine „Zutat“ vom Anwendenden, die Bedeutung des Objekts fließt ihm nicht ohne eigenes Zutun zu.
      
Die Zwecke liegen noch außerhalb des Mittels (die Wortbedeutung von „Mittel“ liegt ganz wesentlich in der Beziehung zum „Zweck/Ziel“. Leontjew/Holzkamp/Du wollt das mit ins Mittel reinverlagern
(„gemacht zu“) – das ist aber 1. wieder zu verdinglichend und 2.
deterministisch, weil es Mittel und Zweck kurzschließt.

„Die Mittel verkörpern, was mit ihnen gemacht werden müsste, um sie erfolgreich zu produzieren, zu verkaufen und zu konsumieren. Sie verbinden die Menschen, sie stellen die Vermittlung der Gesellschaft her. Nicht anders ist es im Commonismus.“
        
Damit habe ich doch wieder eine Herrschaft der Sachen über die Menschen!!!
(Technokratie-Verdacht!)

8 Annette (24.04.2020, 20:43 Uhr)

Gesellschaft

„Das (gesellschaftliche) Ganze ist mehr als die Summe seiner
(Handlungs-)Teile. Gesellschaft ist ein emergentes (sich ergebendes) Phänomen.“ …“ Die elementaren Handlungen schaffen durch ihre bestimmte Form ein gesellschaftliches Ganzes. Ein gesellschaftliches System mit einer bestimmten Form.“
       
Bei etwas Emergiertem entstehen nicht nur neue Formen (derselben Inhalte), sondern: neue Inhalte sind zu betrachten, der Gegenstand der Reflexion besteht nun in gesellschaftlichen, nicht mehr bloß individuellen;
neue Entitäten entstehen und neue wesentliche Beziehungen zwischen ihnen. Man sieht das daran: Wie beschreibt man die Bewegung der Entität? Bei Gesellschaft taucht dann so was wie Produktivkräfte auf, oder auch Klassen…

„Setzen die gesellschaftlichen Verhältnisse den Handlungen
einen Rahmen, sind die Verhältnisse selbstständig. Schaffen die Verhältnisse
einen Rahmen, der von Menschen keine Entscheidungen über die gesellschaftlichen Ziele verlangt, sind die Verhältnisse verselbständigt.“

Diese Unterscheidung finde ich sprachlich äußerst unbefriedigend. Was selbstständig ist, ist auch verselbständigt. Die Frage ist WIE verselbständigt eine gesellschaftliche Form ist. Durch militärisch-politische Macht oder objektiv-schein-bar tatsächlich durch die „Sachen“: Waren.
   
Die Besonderheit des Kapitalismus wurde in früheren Debatten im Unterschied zur überhistorisch vorkommenden „Verselbständigung“/“Vergegenständlichung“ auch „Verdinglichung“ genannt. Fetisch halt: Das (wirklich noch vorhandene, nicht etwa verschwundene, aber besondere) gesellschaftliche Verhältnis erscheint (objektiv) als Verhältnis der Waren als Dinge/Sachen).

„Verhältnisse verselbständigt. Die Verhältnisse selbst bestimmen ihr Ziel“

Auf einer abstrakt systemtheoretischen Ebene ist das „Ziel“ des Systems IMMER die Selbsterhaltung. Das sollte es bei den Commoning-Verhältnissen auch sein.

Deine Unterscheidungen: nur in Gesellschaftssystemen, die nicht verselbständigt seien, würden bewusste Entscheidungen, bewusste
Gestaltung gebraucht und diese seien „tatsächlich gesellschaftslenkend“

Sehst Du die nichtkapitalistischen Gesellschaftsformationen zu positiv?: Auch in diesen Fällen bleibt der Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum innerhalb der Gesellschaftsformation und alles ist „gesellschaftslenkend“ nur in diesem Spielraum. Und auch im Kapitalismus wird bewusst entschieden und gestaltet. Die Hoffnung von Marx und Engels war, dass der Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus und dann auch des Kommunismus als Ganzes bewusst erfolgt…

9 Annette (24.04.2020, 20:47 Uhr)

Selbstorganisation und Netzwerk

Selbstorganisation – das hat eine doppelte Bedeutung:
die Du du willst und jene, die auch im Kapitalismus eine Selbstorganisation am Werk sieht. Natürlich werden auch im Kapitalismus wesentliche Entscheidungen polyzentral getroffen. Und „Selbst-Organisation“ ist es immer, wenn sich ein
übergeordnetes System durch die Bewegung/Aktivität/Handlung seiner „Elemente“ selbst reproduziert. Das System beeinflusst/macht seine Elemente SELBST so, das sie es reproduzieren und die verhalten sich mit diesem so gemachte „Selbst“ (ihrer Identität, ihren wesentlichen Bewegungsformen) so, das sie das System reproduzieren, von dem ihre Existenz abhängt. In welcher konkreten Gesellschaftsformation das geschieht, hängt nicht von „Selbstorganisation ja oder nein“ ab.

„Nur eine Selbstorganisationsgesellschaft kann nach den
Bedürfnissen der Beteiligten gestaltet sein.“

Hier wird deutlich dass Du besondere Form von
Selbstorganisation unterstellst (die Du danach erläuterst), aber nicht „die Selbstorganisation an sich“.

Netzwerk
„Jede Gesellschaft ist ein Netzwerk. Sie kann somit mit
Begriffen der Netzwerktheorie beschrieben werden.“

Netzwerke wurden -wie die „Selbstorganisation“-  in den 90ern ein Symbol der Emanzipation. Seither wurden die Netzwerke von Konzernen okkupiert. Dass sie so leicht gekapert werden konnten, liegt aber nicht nur am Kapitalismus, sondern sachlich auch an sog. „Netzwerkeffekten“ (insb. die Monopolbildung durch positive Selbstverstärkung; die „nachfrageseitigen Skaleneffekte“, sowie Potenzgesetze und entsprechende unausgeglichene Verteilungen bei Skaleninvarianz) die bei den Emanzipationsträumen nicht vorkamen und auch bei Dir nicht vorkommen. (Fällt mir jetzt erst auf: die Stigmergie bei den Ameisen hat ja genau diesen Zweck: Monopolbildung des
bevorzugten Weges gegenüber allen andern möglichen Wegen).

 Über die Steuerung des Verhaltens von Gruppen: „Wenn sie andere ausschließen und exkludieren, sind sie kaum handlungsfähig. Diese
kooperieren dann einfach nicht mit ihnen bspw. stellen sie ihnen kein Holz oder Maschinen zur Verfügung.“

Seit Du das mal auch ausgesprochen hast:
„Wettbewerb um Kooperation“ finde ich das sehr gruslig (siehe die Geschichte
vom „faulen Jack“ auf dem „Planet der Ungehorsamen“ von Russell). Mich tröstet dann das Gegenargument auch nicht sehr: Naja, niemand ist dadurch erpressbar, weil man ja die zum Leben wichtigen Dinge un-bedingt erhält, d.h. auch ohne sich diesem Wettbewerb stellen zu müssen oder wenn man – vielleicht unverschuldet durch Verleumdung oder so – in den Verruf gekommen ist, dass man durch Kooperationsverweigerung sanktioniert werden sollte…

Später bei Kritik von Pannekoek: Wenn die Arbeiterräte keine Gewaltmittel besitzen, fragst Du: „Aber weshalb wird ihren Entscheidungen dann Folge geleistet?“

Hier wäre dasselbe wie bei Deiner Vorstellung möglich: Verweigerung der Kooperation bei nicht-Befolgung.

„Der Sozialismus ist eine staatlich geplante Gesellschaft.“

So, wie Du das beschreibst, war es in real gewesenen Sozialismus nicht, sondern Du reproduzierst nur einseitige Verurteilungen. Damit will ich nicht sagen, dass es funktioniert hätte oder  hätte funktionieren sollen -aber Du
kritisierst letztlich ein Zerrbild und das ist wenig erkenntnisfördernd.

Auch später tust Du so, als hätte gerade in  Bezug auf die Planerfüllung das
Schwert drohend geglänzt… Gerade da ist aber bekannt, dass noch nie ein
arbeitender Mensch sich so viel erlauben konnte gegen die Chefs wie im Sozialismus. Dass die Arbeitsproduktivität im Sozialismus so gering war, war nicht zuletzt eine Folge davon. Die Leistungsverweigerung hatte viel Gründe, aber weniger, den, dass es überhaupt Planung gab, sondern weil nicht die entsprechenden Äquivalente als Konsumgüter in ausreichender Qualität und Menge zur Verfügung standen (und die Arbeitsbedingungen im damals allgegenwärtigen Fordismus langweilig und
schlecht waren und man das Schlimmste nicht an die Gastarbeiter abdelegieren
konnte).

10 Annette (24.04.2020, 20:51 Uhr)

Stigmergie
 Es ist wohl immer so, dass die Grenzen einer
neuen Idee erst dann sagbar und denkbar sind, wenn sie im praktischen Vollzug hochploppen. Grenzen der Stigmergie, die jetzt schon zu sehen sind, sind mindestens 1. die mangelnde Effektivität und 2. die Begrenztheit der Anwendungsbereiche.

Schon am Vergleich mit den Ameisen ist ersichtlich, dass zig Ameisen auch umsonst in alle möglichen Richtungen laufen, bis sich dann Bahnen für die meisten abzeichnen. Und es geht nur um ein einfaches „Hierher und machen“ anstatt: Wenn dieser mir das zu jenen Konditionen machen kann, aber ein anderer anders und wenn ich mich für einen entschieden habe, bedeutet das für Weiteres und benachbarte Tätigkeiten dies und das… das geht damit nicht abzubilden, sondern jede/r rennt erst mal unkoordiniert los und was draus wird, ergibt sich auch erst wieder aus dem (nicht mehr direkt beeinflussbaren) Ergebnis, wenn sich die Hauptwege gebildet haben. Diese dominieren dann auch noch alles, weil nicht mehr sachlich-rational entschieden wird, sondern die Mehrheiten sich irgendwie entschieden haben. All diese Probleme können jedes einzeln nun versucht werden zu lösen… (Priorisierungen
einführen, Konflikte als wesentlich anerkennen)… Aber vielleicht ist auch das
Grundmuster nicht so gut geeignet, wie wir denken wollen.

Ich vermute, die Unterschätzung der Komplexität der ineinander gestaffelten Arbeitsteilung kommt zumindest bei Dir aus Deiner Überbetonung der Zirkulationssphäre…(Du hast Dich auch mal selbstzuschreibend einen „Zirkulationsmarxisten“ genannt ;-))

Rein technisch wurde das auch schon ohne Computer-Vernetzung
utopisch vorgestellt (schnell wechselnde Aushängeschilder am zentralen Ort, wo jede/r stündlich nachschauen kann, wo Leute gebraucht werden…bei Bogdanow: Der rote Planet, 1907) – aber das hat die wirklichen sozialen Bewegungen oder auch Revolutionsbestrebungen keinen Schritt vorwärts gebracht.

Dass die Gegenstände Informationen tragen, ersetzt überhaupt nicht, dass Menschen sich in Bezug zu diesem Informationsträger setzen und damit aktiv umgehen. In vielen Bereichen mag die fast menschenleere Fabrik
der Industrie 4.0-Utopie mit dem „Internet der informationtragenden Dinge“ zwar commonistisch umgestaltet werden können, aber das ist auch im Kapitalismus schon ein zu kleiner Bereich, als dass er sich für alle und vor allem die RE-produktionsbereiche verallgemeinern ließe. (und er erzeugt durch die zusätzlichen Schnittstellen zwischen technischen und menschlichen Informationsträgern und Akteuren neue Komplexität, die Arbeit erfordert). In unserem Modell bei der Agentenbasierten Modellierung können wir das nicht Stimmige gut weglassen. In der realen Welt wird das nicht gehen (übrigens: bei einer ABM mit entsprechenden Modellfunktionen hätte der Realsozialismus sicher perfekt funktionieren können, weil man eben auch nur das Funktionierende reinprogrammiert hätte).

Du vermutest später bei zentralen Institutionen würden irgendwann die Bedürfnisse so aggregiert, dass der Bezug zu den Bedürfnissen
abstrakt würde. So etwas passiert aber nicht nur durch Zentralität, sondern auch, wenn es zwischen Bedürfnis und Produkt eine überaus komplexe, vielfach aneinander gekoppelte, verzweigte und vielvermaschte arbeitsteilige Produktionsmaschinerie gibt, und eben kein schneller Durchgang Bedürfnis- Produktion mit Arbeitsgegenstand-Produktionsmittel-Produktionssubjekt
und dann ist das Produkt schon fertig und alles bleibt schön übersichtlich…  

„Eine Institution mit Entscheidungsmacht bedarf Durchsetzungsmacht…“

Und ein Netzwerk ohne Entscheidungsmacht hat keine Stelle, die verantwortlich für Entscheidungen und deren Folgen ist! Keine
Stelle, wo gezielt interveniert werden könnte. Netzwerkeffekte verselbständigen sich auch!

11 Annette (24.04.2020, 20:55 Uhr)

Zentral/Dezentral

„Das Problem der Zentralplanung bleibt ihre Zentralität:…“

Bei dem o.g. Beispiel von Bogdanow wird die stündlich wechselnde Informationstafel von einer Zentrale erstellt, die die Eingaben
über die Bedarfe sammelt und dann anzeigt. Bei der Stigmergie wird das eine Softwareprogramm/eine Plattform sein … oder das Netz von vielen… aber dass es zwei Funktionen gibt: Informationen einsammeln und Informationen ausgeben, sind unterschiedliche Funktionen die an irgendeiner Stelle (Zentrale/Plattform) zusammenkommen und auseinander gehen, ist der Funktion geschuldet, nicht gesellschaftlicher Macht.

„Deshalb ist es wichtig dezentrale Alternative zu
entwickeln, welche Kohärenz, Überblick und Großplanungen erlauben.“

Ist das so zu lesen, „DASS“ dezentrale Alternativen Kohärenz, Überblick und Großplanungen erlauben, oder wird hier die Aufgabe gestellt, danach zu suchen WIE dezentrale Alternativen Kohärenz, Überblick und Großplanungen erlauben könnten??? Letzteres ist m.E. nämlich überhaupt noch nicht gelöst, wenn nicht stark vereinfachte Parameter an den Schnittstellen übergeben werden, sondern sachlich komplexe und noch dazu nicht von den Bedürfnissen der Individuen abgehobene Aspekte eine Rolle spielen sollen.

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