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Geschichte der NK-Seminare

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]

Im September 2010 fand in Wukania ein „NK-Seminar“ statt – später stellte sich heraus, dass es das erste einer längeren Reihe von inzwischen zehn Vernetzungstreffen war.

Vorgeschichte

Zum 1. Seminar gibt es natürlich viele „Vorgeschichten“ – zwei sollen hier nur kurz angedeutet werden:

Auf dem PAG-Projekt [1] „Karlshof“ experimentierte ab 2005 eine neue Gruppe mit dem Konzept „nicht-kommerzielle Landwirtschaft (NKL)“. Zu dem Konzept gehörte auch die Einbeziehung von „Konsument_innen“ und eine regelmäßige kritische Auswertung der Erfahrungen. Es entstanden dazu u.a. zwei Auswertungsbroschüren [2] – und viele noch ungeschriebene Eindrücke und Erlebnisse.

Neben unterschiedlichen Richtungen und Hoffnungen kristallisierte sich heraus, dass einige die Ausweitung nicht-kommerzieller Erfahrungen über die Landwirtschaft hinaus anstrebten – als ungefülltes Schlagwort kursierte: NKL zu verstehen als „nicht-kommerzielles Leben“. So gründete sich im PAG-Projekt „Wukania“ bei Biesenthal eine Gruppe, die Teile des Hofes soweit ausbauen wollte, dass externe Gruppen die „Sommer-Infrastruktur (Sissi)“ [3] nutzen konnten. Eine der ersten Gruppen, die diese Struktur nutzten, war die neu gegründete „Wukania-Lernwerkstatt“ [4] mit diesem 1. NK-Seminar.

Persönliche Begegnungen

In der kleinen Vorbereitungsgruppe gab es eine deutliche Festlegung auf persönlichen Austausch von Menschen, die sich schon kannten und deshalb auch vertrauensvoll über Schwierigkeiten des Überlebens-Alltags an der Grenze zwischen nicht-kommerziellen Wünschen und der Marktrealität sprechen wollten – und natürlich auch über Zukunftsperspektiven.

Die Einladung wurde persönlich verschickt, es kamen etwa 20 Menschen. Neben viel Zeit zum Kennenlernen oder Wieder-Treffen wurden hauptsächlich die zahlreichen Themen gesammelt und erläutert, die interessierten und zu bearbeiten wären.

In der Auswertungsrunde zeigten sich sehr deutliche Unterschiede.

Positiv hervorgehoben wurde:

  • hinreichend Zeit: ein Wochenende ohne engen Termindruck
  • interessante Menschen treffen (die Älteren die Jüngeren und umgekehrt), die im „normalen sozialen Umfeld“ nicht vorkämen
  • angenehme Gesprächsatmosphäre
  • Grundgefühl, dass es doch recht viele und energiegeladene Menschen und Projekte gibt, die nicht im mainstream mit schwimmen – viele haben „Optimismus“ getankt

Kritik wurde nur vorsichtig angedeutet:

  • der Kreis war doch zu groß, um wirklich persönlich zu werden
  • viele Themen wurden benannt – aber nicht bearbeitet
  • offen blieb immer wieder: „Was ist nicht-kommerziell?“

Mit dieser Grundstimmung wurde ein weiteres Vernetzungstreffen beschlossen – und aus heutiger Sicht ist verblüffend deutlich: alle positiven wie kritischen Bemerkungen wiederholen sich.

Kontinuität

Jetzt, beim 10. NK-Seminar, zeigt sich, dass sich trotz deutlicher Fluktuation viele einem festen Kern zugehörig fühlen und dass immer wieder Neue dazu kommen, Einzelne nur mal zum Reinschnuppern, Andere kontinuierlicher, zu bestimmten Themen oder Konstellationen.

Bei unterschiedlichen Seminaren wurde auch mit recht unterschiedlichen Formen experimentiert: mehr oder weniger Plenar-Treffen, kürzere oder längere Vorstellungsrunden, vorher verabredete Arbeitsgruppen oder spontan Open-Space-Treffen, aktivere oder zurückhaltendere Moderation. Aber auch die jeweiligen Formen stießen auf unterschiedliche Zustimmung – eine „feste Form“ ist nicht entstanden, das Experimentieren wird weitergehen.

Themen der NK-Seminare

Protokolle wurden nur sehr beiläufig geführt, aber auch aus der recht unvollständigen Zusammenstellung lässt sich erkennen: viele der sich häufiger oder auch spontan treffenden AGs kreisen doch immer wieder um dieselben oder ähnlichen Themen.

Da ist, wenig verblüffend, immer wieder das Thema Geld und Finanzen.

Klar, wenn es in NK-Experimenten keine marktförmigen Einnahmen aus Lohnarbeit o.ä. gibt, Geldausgaben aber – wie reduziert auch immer – trotzdem notwendig sind, taucht ein systematisches und permanentes Problem auf. Sicherlich konnte im Verlauf der letzten Jahre auch über unterschiedliche Erfahrungen und Experimente berichtet werden, aber von einer befriedigenden Lösung sind die meisten noch recht weit entfernt. Das schlägt sich auch in der Gesprächskultur nieder: ein notwendiges, aber wenig lustbetontes Thema, häufig zäh, viele Wiederholungen – und auch deutlich weniger Phantasie als bei anderen Themen.[5]

Ein weiteres Dauerthema: was bedeutet NK positiv, was meint das politisch? [6]

Das hängt auch mit dem 1. Themenkomplex zusammen: sind nk-Experimente nur ein „Mittelschichtsphänomen“, weil „normale Menschen“ sich das nicht leisten können – oder ist das eine konkrete Form solidarischer Gegenseitigkeit, die gerade Unterschiedlichkeit erfordert und fördert? Wie ist es real: welche Szene beteiligt sich an solchen Experimenten, geht das auch ohne Abitur, sind auch Ältere dabei, sind diese Experimente ein Teil des Erwachsenwerdens im ach so vielfältigen Kapitalismus, hin zur „Normalität“ [7]? Und auch: gibt es eine Außenwelt, die durch Gespräche, Veröffentlichungen, Broschüren, Blogs erreicht werden soll (oder gar will) – und wer wäre das, welche Hoffnungen verbinden sich damit?

Durchgängig ist auch die gemeinsame „Begleitung der Experimente“.

Da sich alle Teilnehmer_innen in unterschiedlicher Form an Experimenten beteiligen, sind alle „Experten“ und Fragende. Teilweise ist in den Vorstellungsrunden Gelegenheit, Probleme anzusprechen, die in kleinen Runden oder AGs weitergeführt werden können, teilweise entwickeln sich AGs, die herausfinden wollen, ob bei unterschiedlichen Problemen systematischer Hintergrundfragen gestellt werden müssen.

Beim 8. NK-Seminar gab es einen „großen Sprung nach vorn“: die Moderator_innen organisierten vorher die Vorstellung des Konzepts der „gegenseitigen Beratung“, in der Auswertungsrunde gab es sehr positive Rückmeldungen, diese Form wollte beibehalten werden.

Weiterhin ist immer auch Zeit zur „Vorstellung von Ideen“

Da es sich um Ideen handelt, werden viele nach kurzer Erörterung bei Seite gelegt, tauchen manchmal in veränderter Form wieder auf – oder lassen sich doch nur in „kommerzieller Form“ angehen. Allein die Situation, mit Menschen zu sprechen, die aufmerksam zuhören und nachfragen, kann Ideen schärfen, verändern – und per Assoziationen neue Ansätze entwickeln. Ideen ist dabei sehr weit gefasst: es geht auch oft um Ideen, wie eine scheinbar unlösbare Situation doch „entwirrt“ werden kann – eine Herausforderung für alle Beteiligten.

Fußnoten

Autor*innenbeschreibung:

Der Autor ist Opa, Renter und aktiv in der PAG, der Wukania-Lernwerkstatt, der Kaskade_Gruppe und der Friedel-Praxis-Unterstützungsgruppe.

Kategorien: Commons, Praxis-Reflexionen

2. April 2016, 14:39 Uhr   0 Kommentare

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