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Geld für den persönlichen Bedarf?!

Auseinandersetzung mit dem Thema persönlicher Geldbedarf im Rahmen nichtkommerzieller Projekte und ein laufendes Experiment der Wukania-Lernwerkstatt

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]
Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"

Einleitung

Im Rahmen des Netzwerkes nichtkommerzieller Projekte, aus dem diese Broschüre entstanden ist, aber auch weit darüber hinaus (weltweit) gibt es vielfältige praktische Versuche eines nichtkapitalistischen Wirtschaftens. Mit den Versuchen, auf die ich mich hier beziehe, wollen wir Perspektiven aufzeigen und Debatten darüber anstoßen, wie eine Welt jenseits von Tauschlogik und Tauschwert und auch jenseits von Lohnarbeit aussehen kann.

Da unsere Projekte bisher nur wenige und klein sind, ist es noch ein ganzes Stück Weg hin zu einem nichtkommerziellen Netzwerk, das alle unsere materiellen Bedürfnisse durch eigene Produkte stillen könnte. Auch ein Zwischenziel, nämlich so viele Produkte und Anderes nichtkommerziell zur Verfügung zu stellen, dass Menschen merklich weniger Geld zum Leben brauchen, ist noch unerreicht (auch wenn Kartoffeln, Gemüse, Heilbehandlungen, Brot, Seminarräume, Werkstätten, Bildungsveranstaltungen, freie Software, Umsonstläden u.v.m. … schon ein wirklich guter Anfang sind).

Solange das so ist, bewegen wir uns in dem Widerspruch, dass (fast) jede Person, die sich in solchen Projekten engagiert, eine Menge tun muss, um ihren Lebensunterhalt abzusichern – in den meisten Fällen heißt das, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, die viel Lebenszeit in Anspruch nimmt und häufig nicht oder nur in Ansätzen das ist, was mensch gerne mit ihrer Zeit machen möchte. Und häufig ist das einer der Hauptgründe, warum nicht viel Zeit übrig bleibt, sich zu engagieren.

Wir haben uns u.a. ein ganzes Tagestreffen lang unsere persönlichen „Geldbiographien“ erzählt

Wie kann unser politisches Engagement (und unsere nichtkapitalistischen Experimente als Teil davon) mehr sein als ein Hobby, für das sich Menschen je nach ihrer Situation mehr oder weniger viel Zeit „leisten“ können?
(Noch dazu ein häufig teures Hobby, denn allzu oft sind ja die verlässlichsten Spender_innen zur Finanzierung der Projekte die Aktiven selbst.)

Individuelle Strategien, trotz Zwang zur Geldbeschaffung mehr Zeit für politische Aktivitäten zu haben, sind u.a. Teilzeitarbeit, saisonales Geldverdienen und Hartz IV (alles nur mit niedrigem Konsumlevel lebbar); manche haben Glück und sind Rentner_innen, leben von Vermögen o.Ä.[2] Solidarische Versuche zur Abmilderung sind Gemeinsame Ökonomien (mit Beteiligten, die zusammenwohnen oder auch nicht), solidarische Kassen in Wohnprojekten (jede_r zahlt soviel sie kann für Miete, Essen, …) und verschiedenste Mischformen. Auch manche Kollektivbetriebe versuchen Raum für mehr politisches Engagement zu geben, stehen aber oft unter großem finanziellen Druck.

Weniger verbreitet und selten von Dauer sind individuelle oder kollektive Versuche mit wenig bis keinem Geld zu leben, oft aus der Überflussgesellschaft ( Containern, Trampen, Kleidung aus Umsonstläden, Besetzen statt Mieten, …).

Diskussionen in der Lernwerkstatt

In der Wukania-Lernwerkstatt haben wir uns seit fast zwei Jahren unregelmäßig mit der Frage beschäftigt, wie wir es Menschen in unserer Gruppe ermöglichen können, mehr Zeit für die Lernwerkstatt zu haben, wenn sie der Zwang zur Geldbeschaffung davon abhält. Dabei ging es uns darum, irgendwann zu einem konkreten Ergebnis zu kommen, aber wir wollten uns auch mit der Diskussion Zeit lassen. Wir haben uns u.a. ein ganzes Tagestreffen lang unsere persönlichen „Geldbiographien“ erzählt, um mehr darüber zu wissen, wie die anderen bei diesem häufig sensiblen Thema ticken. Relativ schnell war klar: Ja, wir wollen denjenigen von uns, die einen Bedarf haben, Geld geben! Daran soll das Engagement bei der Lernwerkstatt nicht scheitern. Bloß wie?

Dabei ist die Frage „Was ist eigentlich mein Bedarf?“ unheimlich schwer zu beantworten.

Wir wollen ja keine NGO mit Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen werden, wo es häufig eine starke Hierarchie zwischen ersteren und letzteren gibt, aber auch klar ist, dass unbeliebte Aufgaben wie Bürokratie von denjenigen erledigt werden, die dafür Geld kriegen. Wir wollen eine gleichberechtigte Gruppe bleiben, in der sich jede_r soviel engagiert wie sie möchte.

Wir wollen auch nicht, dass Menschen nur in der Gruppe sind, weil sie Geld bekommen, oder wegen des Geldes in der Gruppe bleiben, wenn sie sonst nichts mehr am Projekt hält.

Ängste

Relativ schnell war klar, dass nur ein bis zwei Personen in unserer Gruppe einen Bedarf haben – eine davon bin ich, die anderen sechs haben keinen, die zweite Person hat ihren Bedarf (aufgrund relativ stress-armem Hartz IV-Bezug) wieder zurückgezogen. Für mich hat das den Prozess nicht gerade leichter gemacht, obwohl es natürlich finanziell wesentlich schwieriger wäre, Bedarfe von acht Menschen zu decken als von einem. Dennoch hatte ich dadurch erst einmal eine gefühlte Sonderrolle.

Meine Ängste waren u.a.:
  • dass ich mir selbst Druck machen würde, mehr zu „leisten“, um das Geld zu „legitimieren“, das ich bekomme
  • dass andere zumindest subtil derlei Erwartungen an mich hätten
  • dass ich aus einem selbstgemachtem oder von Anderen gefühlten moralischen Druck heraus Aufgaben übernehme, die sonst Keine_r machen will, eben weil ich ja „dafür“ bezahlt werde
  • dass ich derlei nicht mache und mich als „Schmarotzer“ fühle oder als solcher wahrgenommen werde

Aufgrund solcher Sorgen hatte ich meine Bedarfsäußerung im Laufe des Prozesses auch schon einmal innerlich wieder zurückgezogen. Bei unserem Austausch über Geldbiographien wurde ich dann wieder aktiv aus der Gruppe ermutigt.

Was ist eigentlich persönlicher Bedarf?

Überhaupt war dieser Austausch sehr hilfreich. Wir haben festgestellt, wie unterschiedlich unsere Erfahrungen mit Geld und auch unsere aktuellen finanziellen Situationen sind, und wie unterschiedlich der persönliche Bedarf der Einzelnen ist.

Dabei ist die Frage „Was ist eigentlich mein Bedarf?“ unheimlich schwer zu beantworten. Meistens sind die Referenz die aktuellen notwendigen Ausgaben. Aber ist das wirklich mein Bedarf, oder bräuchte ich eigentlich mehr? (oder auch weniger?)

Und was ist mein Bedarf, wenn ich doch in einem Gemeinschaftsprojekt lebe, wo ich selbst entscheide, wie viel Geld ich als monatlichen Beitrag für Wohnen und Essen beisteuere? Wie wird es erst, wenn wir mit meiner Wohngruppe unsere gemeinsame Ökonomie anfangen, und ich einerseits sowieso alles, was ich brauche, aus unserem gemeinsamem Topf nehmen kann, andererseits aber auch mitverantwortlich dafür bin, diesen Topf zu füllen?

Der andere Themenkomplex dabei ist: Ist Bedarf nur das unmittelbar Lebensnotwendige? Selbst das wäre ja schwer zu definieren. Aber ist spontanes ICE-Fahren, Essen gehen, teurer Urlaub, Bücher kaufen, die es auch in der Bibliothek gibt … ein Bedarf? [3]

Unser laufendes Experiment

Da ich diese Fragen nicht definitiv beantworten kann, habe ich relativ willkürlich die 125 Euro, die ich aktuell in meinem Projekt zum Wohnen beitrage, als meinen offenen Bedarf geäußert.

Beim Nachdenken über meinen Bedarf habe ich festgestellt, dass mir eine monatliche feste Summe mehr helfen würde als ein „soundsoviel Geld damit ich diesesundjenes Seminar machen kann“, weil auch eine kleine regelmäßige Summe die Prekarität meiner Finanzen lindern würde. Aus dieser Bedarfsperspektive stand die Idee im Raum, mir einen monatlichen Betrag auszuzahlen.

Unserer grundsätzlichen Idee der Entkopplung von Finanzierung und Nutzung entsprach dieses Konzept auch mehr und einige befürworteten, jegliche Kopplung an Leistung dabei abzulehnen. Auf der anderen Seite gab es den Wunsch, dass es doch einen klaren Bezug zum Engagement in der Lernwerkstatt geben sollte, also wir nicht irgendwelchen Menschen Geld geben sollten; und auch nicht Menschen, wenn sie nicht mehr in der Gruppe aktiv sind.

Als Lösung kam heraus, es zunächst für ein Jahr mit einer monatlichen Bedarfsfinanzierung für mich auszuprobieren und alle paar Monate gemeinsam zu reflektieren, wie sich das für alle anfühlt. Die 200 Euro, auf die die Gruppe den Betrag erhöht hat, sollen bewusst nicht leistungsbezogen sein, aber doch gekoppelt daran, als Teil der Gruppe aktiv zu sein. Durch den begrenzten Zeitraum und dadurch, dass wir bei einem weiteren Bedarf wieder im Einzelfall entscheiden würden, wurde der Sorge Rechnung getragen, dass wir Menschen Geld geben, die gar nichts (mehr) mit der Lernwerkstatt zu tun haben.

Können wir uns das eigentlich leisten?
Und was werden die Spender_innen dazu sagen?

Ob wir uns das eigentlich als Gruppe leisten können, hat uns erst relativ spät beschäftigt. Wahrscheinlich müssen wir unsere Bemühungen vor allem um Dauerspender_innen verstärken, vielleicht auch uns um andere Finanzierungsquellen bemühen. Uns war wichtig, die Entscheidung nicht vom vorhandenen Geld abhängig zu machen; gleichzeitig wollen wir aber auch nicht so viel mehr Energie aufs Einsammeln von Geldern verwenden und schauen einfach, wie es wird.

Was die Spender_innen und Nutzer_innen dazu sagen werden, muss sich erst noch zeigen, die Entscheidung ist ja noch jung. Bisher habe ich einige positive und interessierte Reaktionen gehört.

Wie geht es mir nun damit?

Die feste monatliche Summe ist eine deutliche Erleichterung, vor allem gefühlt (auch wenn ich nicht automatisch mehr Zeit dadurch zur Verfügung habe).

Die befürchteten Gewissensbisse, ich müsste doch eigentlich mehr machen, habe ich (bisher) nicht, andersherum auch nicht das Gefühl, ich würde jetzt mehr machen, weil ich „muss“.

Ich merke aber, dass es doch eine kleine Rolle gespielt hat bei der Entscheidung, ein Seminar doch nicht mehr dieses Jahr zu machen. Um mein Gewissen zu beruhigen, habe ich mir gesagt, dass ich ja seit wir über Bedarf diskutieren schon mehrere Seminare gemacht habe, ohne Geld dafür zu kriegen. Zur Entkopplung von Geld und Leistung (in meinem Kopf) ist es also noch ein Stück Weg. Aber das ist ja gerade das Spannende, es auszuprobieren und gemeinsam zu reflektieren.

Weitere Ideen, Perspektiven

Ideen, wie wir das Thema anders angehen könnten, waren u.a.:

  • eine gemeinsame Überschuss-Ökonomie ähnlich der Kaskade-Gruppe [4] zu gründen, mit Menschen aus der Lernwerkstatt und Anderen. Das Prinzip wäre, dass Alle, die Einkommens-Überschüsse haben, sie in einen „Topf“ tun und diejenigen mit Bedarf sich daraus bedienen können, weitere Überschüsse würden gemeinsam an Projekte verteilt.
  • einen gemeinsamen Topf mit anderen nichtkommerziellen Projekten zu gründen, aus dem persönliche Bedarfe finanziert werden

Beide Ideen haben wir erstmal nicht weiter verfolgt, sind aber interessiert an einem Austausch darüber mit Anderen, die sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen.

Fußnoten

Autor*innenbeschreibung:

Der Autor lebt in einem solidarischen Gemeinschaftsprojekt, will den Kapitalismus gerne überwinden und ist neben der Lernwerkstatt auch in der Sissi-Gruppe (siehe eigener Text in dieser Broschüre) und tauscht sich gerne mit anderen nicht-kapitalistischen Projekten aus.

Kategorien: Commons, Praxis-Reflexionen

20. März 2016, 15:01 Uhr   1 Kommentar

1 Roland Dames (21.03.2016, 10:56 Uhr)

Ja, der Gelderwerbszwang ist wohl eines der entscheidenden Probleme bei einem möglichen Übergang in eine andere Form des Wirtschaftens.

Einige wollen dass Problem mit einem bedingungslosen Grundeinkommen lösen. Doch in elitären Gesellschaften dürfte dass schwer durchzusetzen sein.

Die andere Möglichkeit ist, sich unabhängig zu machen, also dass was man braucht, selbst zu produzieren – Selbstversorgung. Das wäre dann so etwas wie eine Unternehmensgründung – Gründung kollektiv geführter Unternehmen.

Die stehen dann aber in Konkurrenz zur Privatwirtschaft und werden sich nur durchsetzen können, wenn die Effizienzsteigerung vorrangiges Ziel ist.

Ohne Effizienz – zu wenig Ressourcen,
zu wenig Ressourcen – zu geringe Attraktivität,
zu geringe Attraktivität – zu wenig Menschen, die bereit sind, solche Projekte mitzugestalten.

Roland Dames

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