Der Pilz am Ende der Welt

Lowenhaupt Tsing, Anna (2024, 7. Aufl.): Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus. Berlin: Matthes & Seitz
Anna Lowenhaupt Tsing analysiert die Koexistenz von Matsutake-Myzelien, Rotkiefern, Bakterien, Menschen und anderem unter beschädigten Bedingungen.
Im Zentrum steht der Matsutake, ein stinkender Pilz, eine teure Delikatesse, ein Mykorrhiza-Netzwerk. In der Summe eine Ressource, die sich systematisch der Einhegung entzieht, nur in gestörten Wäldern wächst, sich nicht züchten lässt und damit menschliche Akteure zu Formen der Nutzung zwingt, die nicht komplett plan- oder gestaltbar sind. In diesem Sinne fungiert der Pilz auch als Gegenmodell zur Privatisierungslogik. Eigentum, Skalierung und Effizienz stoßen beim Matsutake an ökologische und soziale Grenzen. Tsing zeigt, dass trotzdem eine Warenkette entsteht und Wertverwertung stattfindet – jedoch in fragmentierten, prekären und vielfach informellen Netzwerken. Kapitalistische Wertschöpfung ist auf heterogene, nicht vollständig kontrollierbare Praktiken angewiesen. Das gilt für diesen informellen Sektor genauso wie für Carearbeiten.
Am Beispiel des Matsutake untersucht Tsing, wie ökologische Prozesse, globale Märkte und menschliche Lebensweisen und die nichtmenschliche Natur in den Ruinen des Kapitalismus miteinander verflochten sind.
Diese Ruinen des Kapitalismus sind bei Tsing kein bloßes Trümmerfelder, sondern produktive Zonen. In ihnen entstehen provisorische Lebens- und Arbeitsformen, die weder Übergang noch Alternative sind. „Angesichts der weltweiten prekären Lage bleibt uns nichts anderes übrig, als in diesen Ruinen nach Leben zu suchen“ (S. 20). Prekarität erscheint hier nicht nur als Mangel, sondern als Ausgangspunkt für unerwartete Kooperationen zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen, dem Anorganischen und Landschaften. Diese temporären ‚Geflechte‘ beschreibt Tsing als handlungsfähige, aber instabile Konstellationen ohne Zentrum und ohne Garantie auf Dauer.
Das Buch ist keine Programmschrift und auch keine klassische Kapitalismuskritik. Der Erkenntniswert liegt in der präzisen Beschreibung dessen, was jenseits von Institutionen (Forstverwaltung, lokale Behörden), von klaren Eigentumsverhältnissen und von Fortschrittserzählungen geschieht.
Zentral ist Tsings Begriff der Allmende. Er bezeichnet konkrete Praktiken gemeinsamer Nutzung, die situativ entstehen und ebenso schnell wieder verschwinden können. Allmende ist bei Tsing empirisch und nicht politisch. Sie beschreibt, was Menschen tun.
Diese Perspektive entfaltet sich in sehr unterschiedlichen geographischen Bereichen. (1) In Oregon wachsen Matsutake-Pilze in postindustriellen, weitgehend privatisierten Wäldern (Holzeinschlag 1909 – 1989). Die Sammler:innen – häufig Migrant:innen aus Asien (Khmer, Lao, Mien, Hmong, …) oder sozial Prekarisierte wie Kriegsveteranen – bewegen sich ohne rechtliche Absicherung. Zugang entsteht durch Duldung, implizite Regeln und situatives Wissen. Die Allmende ist trotzdem funktional für globale Märkte, nicht nur deshalb instabil und von Ungleichheit durchzogen. (2) In Japan ist die sozial tief verankerten iriai-Allmendewälder regeln den Zugang über lokale Zugehörigkeit. Stabilität geht hier mit Exklusion einher. Gemeinschaftliche Nutzung reproduziert soziale Hierarchien. (3) Finnland zeigt eine weitere Form. Das skandinavische Jedermannsrecht garantiert das Sammeln unabhängig von Eigentum. Die Allmende ist hier rechtlich gesichert, aber sozial wenig ausgeprägt. Sie existiert ohne intensive kollektive Praxis. (4) In Yunnan (Südwest-China) ist die Allmende politisch geduldet und jederzeit vom Staat widerrufbar. Staatliche Kontrolle, ethnische Zugehörigkeit und lokales Wissen bestimmen, wer Zugang hat. Gemeinsame Nutzung dient dem Überleben, bleibt jedoch prekär: „Es liegt etwas Befremdendes und Beängstigendes in der Hingabe, mit der man darangeht, die Dinge auszuschlachten, als ob jeder versucht, noch einen Vorteil aus dem Ende der Welt zu ziehen und Reichtümer zusammenzuraffen, bevor das letzte Fitzelchen zerstört ist.“(368)
Die vier Formen machen deutlich, dass die Allmende kein einheitliches Phänomen ist. Sie kann informell oder institutionalisiert, stabil oder fragil, inklusiv oder exklusiv sein. Gemeinsam ist, dass die Allmende sich von Markt und Staat abgrenzt, ohne ihnen notwendig entgegenzustehen. Allmende entsteht dort, wo Eigentum, Marktlogik oder staatlicher Zugriff lückenhaft bleiben.
Hier setzt Lowenhaupt Tsings Begriff der ‚latenten Allmende‘ an. Viele der von ihr beschriebenen Praktiken sind gar nicht ausdrücklich als gemeinschaftliche Projekte organisiert. Sie sind politisch unsichtbar, rechtlich ungesichert und nicht normativ ausformuliert. Dennoch existieren sie als reale Formen kollektiver Nutzung. Allmende ist bei Tsing in folgender Weise latent: vorhanden, aber nicht expliziert; wirksam, aber nicht institutionalisiert.
Allmende und Commons haben beide eine gemeinsame Wurzel. Beide beruhen auf kollektiver Nutzung, gegenseitiger Abhängigkeit und der Einsicht, dass Ressourcen weder rein privat noch vollständig staatlich organisiert sein müssen. Der Unterschied liegt nicht im Ursprung, sondern in der Ausrichtung. Im England des ausgehenden Mittelalters heißen Allmenden Commons. Während Allmende bei Tsing deskriptiv bleibt, formulieren Commons heute ein normatives Projekt: Sie zielen auf bewusste Selbstorganisation, kollektive Regelsetzung und die Bearbeitung von Machtverhältnissen. Commons versuchen, latente Allmenden zu aktivieren und dauerhaft zu stabilisieren.
Gerade deshalb lässt sich Allmende nicht 1:1 durch Commons ersetzen und es ist immer zu klären, was gerade gemeint ist. Tsings Buch zeigt Allmenden ohne Gleichberechtigung, ohne kollektive Verfügungsmacht, ohne emanzipatorische Intention. Ihre Existenz allein begründet keinen Gegenentwurf zum Kapitalismus. Wer Allmende vorschnell als Commons liest, romantisiert möglicherweise Praktiken, die von Prekarität, Exklusion und Marktintegration geprägt sind.
Für die heutige Commons-Debatte liegt der Wert des Buches möglicherweise darin. Der Pilz am Ende der Welt liefert keine Blaupause für ein politisches Projekt etwa für die demokratische Wirtschaftsplanung, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme. Es zeigt, wo latente Allmenden existieren, unter welchen Bedingungen sie überleben und wie sehr sie von Kontexten abhängen. Für Commons als politisches Projekt heißt das:
Nicht jede Allmende ist schon ein Commons, aber jedes Commons muss an reale, oft widersprüchliche Allmenden anschließen.
Anna Lowenhaupt Tsings Buch erinnert daran, dass Commons nicht aus dem Nichts entstehen. Sie wachsen aus bestehenden Praktiken gemeinsamer Nutzung heraus, aus fragmentierten, prekären und häufig ungerechten Verhältnissen. Der Schritt vom Überleben zur Transformation ist kein natürlicher, sondern ein politischer. Der Pilz am Ende der Welt macht diesen Schritt nicht – aber das Buch zeigt, wo er ansetzen müsste.
Tsings Buch ist weniger ein Text über Pilze als eine Theorie der Koexistenz in beschädigten Welten. Es fordert dazu auf, politische Hoffnung in widerständigen Praktiken des Alltäglichen zu suchen. Ob das ein Impuls für eine zeitgemäße Debatte um Commons und postkapitalistische Transformation sein kann, bleibt offen.