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Was müsste stofflich passieren, um den Klimawandel noch zu stoppen?

Kühltürme des Kohlekraftwerks Scholven – Foto von Klaus Fritsche, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0
Kühltürme des Kohlekraftwerks Scholven – Foto von Klaus Fritsche, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Wie in Bennis Wie verhindern wir die Klimakatastrophe? soll es in diesem Artikel um die Frage gehen, wie ein Heißzeit-Szenario – in dem sich die globale Temperatur gegenüber vorindustriellen Zeiten um vier Grad oder mehr erhöht – vielleicht noch verhindert werden kann. Anders als Benni will ich hier allerdings die stofflich-technische, nicht die politische Seite betrachten. Unabhängig davon, ob die Maßnahmen von einer globalen „Weltregierung Light“ (Bennis Vorschlag) oder im nationalstaatlichen Rahmen – aber in vielen Nationalstaaten in ähnlicher Weise – ergriffen werden: Was wäre nötig, um ein Kippen des Klimas in eine Heißzeit wahrscheinlich noch zu verhindern?

Derzeit wird meist eine Reduktion der Treibhausgasemissionen auf Nettonull zu einem bestimmten Datum gefordert. „Nettonull“ bedeutet dabei, dass Emissionen in bestimmten Bereichen noch möglich sind, solange sie durch „negative Emissionen“ in anderen Bereichen ausgeglichen werden – z.B. durch das Pflanzen von Bäumen, die CO2 binden (solange sie nicht gefällt werden). Extinction Rebellion fordert etwa von Deutschland und anderen westlichen Ländern die Reduktion auf Nettonull bis zum Jahr 2025, Fridays for Future bis 2035. Die Forderungen lassen offen, was genau bis dahin passieren müsste und wie (und ob) die Forderung überhaupt realisiert werden kann.

Solche Forderungen gehen nicht explizit auf die Quellen von Treibhausgasen ein, die es ja massenweise gibt – jedes Auto mit Benzin- oder Dieselmotor, jedes mit Schwer- bzw. Dieselöl betriebene Schiff, jedes kommerzielle Flugzeug, jede Öl- und Gasheizung und jedes Kohlekraftwerke produzieren etwa CO2-Emissionen.

Da nur begrenzt Platz für weitere Wälder zur Verfügung steht und da andere Technologien für negative Emissionen, die der Atmosphäre CO2 entziehen, bisher nur als teure und nicht in großem Stil einsetzbare Prototypen existieren, müssen praktisch alle diese Emissionsquellen abgeschaltet werden, um die Nettonull zu erreichen. Und das geht nicht von heute auf morgen – wenn etwa im Jahr 2023 noch Benzinautos verkauft werden, ist klar, dass die Nettonull im Jahr 2025 unmöglich ist, weil die Besitzer:innen neuer Autos erwarten, diese länger als zwei Jahre fahren zu können. Realistischer Weise muss wohl allen neuen Emissionsquellen eine Nutzungsdauer von mindestens zehn Jahren eingeräumt werden, innerhalb deren sie noch eingesetzt werden können, denn dass praktisch neue Motoren und Generatoren nach wenigen Monaten oder Jahren wieder verschrottet werden müssen, dürfte schwer vermittelbar sein und macht auch ökologisch wenig Sinn.

Fossiler Ausstieg

Was es also braucht, ist zunächst ein Verbot neuer Emissionsquellen: Keine öl-, gas- oder kohlebetriebenen Motoren oder Generatoren dürfen mehr in Umlauf gebracht werden, und ebenso keine Maschinen, die solche Motoren oder Generatoren verwenden – also keine Benzin- oder Dieselautos, keine Dieselölschiffe, keine Kerosin-betriebenen Flugzeuge, keine Ölheizungen oder Kohlekraftwerke und so weiter. Ebenso dürfen keine neuen Abbauanlagen für fossile Energieträger mehr eröffnet werden – keine Abbaustätten für Kohle oder Ölsand, keine Förderung von Erdöl oder Erdgas. Um noch eine Chance zu haben, das Überschreiten kritischer Kipppunkte und damit einen unkontrollierbaren Anstieg der Temperaturen um vier Grad oder mehr zu verhindern, müsste solch ein Verbot möglichst rasch und in möglichst vielen Ländern in Kraft treten.

Für bereits laufende Motoren, Generatoren und Abbauanlagen könnte es noch eine Schonfrist von zehn Jahren geben – spätestens dann müssten sie jedoch außer Dienst gestellt werden. Das schließt nicht aus, dass einzelne besonders emissionslastige Anlagen – etwa ältere Kohlekraftwerke – schon früher schließen müssen. Ein Verkauf von Emissionsquellen – etwa Benzinautos – auf dem Gebrauchtmarkt ist zulässig, solange sie noch betrieben werden dürfen und sofern sie nicht in ein anderes Land verkauft werden, wo für die Abschaltung weniger strenge Regeln gelten.

Bei der Verbrennung von fossilen Energieträgern freigesetztes CO2 ist die wichtigste Ursache für Emissionen, aber nicht die einzige. Gemäß Berechnungen des Global Carbon Project (2018, 7, 29, 67) entstanden 2008 bis 2017 im jährlichen Durchschnitt 34,4 Gigatonnen CO2-Emissionen bei der Verbrennung fossiler Energieträger und bei industriellen Prozessen. 96 Prozent dieser Emissionen stammen aus der Verbrennung von Gas, Öl und Kohle sowie dem Abfackeln von Gas während der Erdölproduktion.

Die restlichen 4 Prozent (2017: 1,5 Gigatonnen) kommen ganz überwiegend aus der Zementproduktion. Um bei den Emissionen auf null zu kommen, müssen auch diese 4 Prozent eliminiert werden. Auf die Verwendung von Zement bei der Betonproduktion kann wahrscheinlich nicht innerhalb weniger Monate komplett verzichtet werden, aber es gibt auch zement- und emissionsfreie Betonsorten. Teils sind diese bereits kommerziell erhältlich (Carbicrete, Cemfree), teils im Stadium der Produktentwicklung (Ferrock, Oxara Cleancrete), teils noch universitäre Forschungsvorhaben (ETH Zürich, TU Delft) – die Liste strebt keine Vollständigkeit an. Um diese Emissionsquelle auf null zu reduzieren, könnte Firmen aus der Bauindustrie vorgeschrieben werden, dass der von ihnen verwendete Beton im ersten Jahr im Durchschnitt nur noch 90 Prozent der Emissionen von herkömmlichem Beton abgeben darf, im zweiten Jahr 80 Prozent und so weiter. Nach zehn Jahren darf dann nur noch komplett emissionsfreier Beton verarbeitet werden.

Landnutzung und Landwirtschaft

Weitere 5,3 Gigatonnen CO2 kamen im jährlichem Durchschnitt aus sog. Landnutzungsänderungen (Global Carbon Project 2018, 7, 67). In den allermeisten Fällen geht es hier um Entwaldung, die Umwandlung von Waldflächen in landwirtschaftliche genutzte oder besiedelte Flächen; auch durch Menschen verursachte Waldbrände sind eine Ursache von Entwaldung. Emissionen aus Entwaldung lassen sich nur auf null bringen, indem die Entwaldung gestoppt oder durch Aufforstungen in mindestens ebenso großem Umfang ausgeglichen wird.

Entwaldung findet großteils nicht in hochentwickelten Industrieländern statt, sondern in Schwellenländern wie Brasilien, Kolumbien, Peru und Malaysia sowie in Entwicklungsländern wie Bolivien, Indonesien, dem Kongo (Kinshasa) und Madagaskar. Europäische Länder können hier also nur bedingt Einfluss nehmen – sie können aber lokale Praktiken, die ohne Entwaldung auskommen, fördern und Produkte, die mutmaßlich oder erwiesenermaßen aus frisch entwaldeten Gegenden kommen, mit Importverboten oder hohen Importzöllen belegen. Zudem können sie ihre eigenen Waldflächen vergrößern und auf diese Weise Emissionen binden.

Weitere in großen Mengen von Menschen emittierte Treibhausgase sind insbesondere Methan (CH4) und Lachgas (N2O). Laut Our World in Data entsprecht das Treibhauspotential des jährlich ausgestoßenen Methans etwa 8 Gigatonnen CO2-Äquivalenten (abgekürzt CO2e) – das heißt, über einen Zeitraum von 100 Jahren betrachtet hat es denselben Effekt auf das Klima wie die genannte Menge an CO2. Die Wirkung des jährlich emittierten Lachgases entspricht etwas 3 Gigatonnen (Gt) CO2e. Weitere Treibhausgase tragen zusammen nur etwa eine 1 Gigatonne CO2e bei, davon kommt der allergrößte Teil (über 80 Prozent) von Fluorkohlenwasserstoffen (FKW, engl. HFC).

Methanemissionen kommen großteils aus der Landwirtschaft (2,8 Gt CO2e), Energieproduktion (2,6 Gt) sowie aus Mülldeponien (1,3 Gt). Lachgasemissionen kommen großteils (2,2 Gt CO2e) aus der Landwirtschaft; zahlreiche weitere Quellen tragen jeweils nur vergleichsweise wenig CO2e bei (die größte dieser Quellen ist die Energieproduktion mit 0,18 Gt).

Insbesondere bei der Landwirtschaft sind also klarerweise Änderungen nötig – selbst wenn landwirtschaftliche Betriebe nur erneuerbare Energien verwenden und so keine direkten CO2-Emissionen produzieren würden, kämen immer noch 5,0 Gigatonnen CO2-Äquivalente aus Methan und Lachgas zusammen. Laut eines aktuellen Berichts des Weltklimarats stammen zwei Drittel der landwirtschaftlichen Methanemissionen aus der Haltung von Nutztieren – großteils wird es bei den Verdauungsprozessen von Wiederkäuern wie Rindern und Schafen freigesetzt. Weitere 24 Prozent entstehen beim Anbau von Reis, überwiegend in Asien (IPCC 2019, 2-38 f.).

Ein schon vor einigen Jahren veröffentlichter Bericht der Welternährungsorganisation (Gerber u.a. 2013) hat untersucht, wie viele Treibhausgasemissionen bei der Herstellung verschiedener tierischer Produkte entsteht. Die „Emissionsintensität“ (EI) wird dabei in Kilogramm CO2-Äquivalente pro Kilogramm Produkt (z.B. Fleisch) gemessen – je höher die entsprechende Zahl, desto klimaschädlicher ist das Produkt. Bei Milch wird dabei eine typische Vollmilch mit 4 Prozent Fett und 3,3 Prozent Protein betrachtet (ebd., xix).

Problematisch sind hier insbesondere das Fleisch von Rindern (EI: 46,2), Büffeln (EI: ca. 52) sowie Schafen und Ziegen (EI: 23,8). Deutlich weniger schädlich – mit Emissionsintensitäten unter 7 – ist das Fleisch von Schweinen (EI: 6,1) und Hühnern (EI: 5,4); Hühnereier haben eine Emissionsintensität von lediglich 3,7. Die Milch der meisten Wiederkäuer ist im Gegensatz zu ihrem Fleisch vergleichsweise wenig schädlich – ihre Emissionsintensität liegt zwischen 2,8 (Kuhmilch) und 5,2 (Ziegenmilch). Etwas ungünstiger ist die Milch von Schafen, da diese geringere Erträge liefern (EI: 8,4). In Industrieländern, wo auf hohe Erträge gezüchtete Tiere optimal ernährt werden, liegt die Emissionsintensität von Kuhmilch sogar unter 1,7 (ebd., 23, 26, 31 f., 35).

Die Autor:innen des Berichts stellen fest, dass es zwischen verschiedenen Betrieben starke Unterschiede gibt und dass die Emissionen des gesamten Sektors um 30 Prozent reduziert werden könnten, wenn alle Produzenten die Praktiken der 10 Prozent besten (in Bezug auf die Emissionsintensität) Betriebe übernehmen würden – jeweils in Bezug auf eine bestimmte Produktgruppe und Region gesehen (ebd., 45 f.). Das ist offensichtlich wünschenswert und sollte, sofern praktikabel, gesetzlich vorgeschrieben werden – aber es reicht nicht, solange nicht auch die verbleibenden 70 Prozent deutlich reduziert werden. Ebenfalls nötig wäre es deshalb, den Verkauf bzw. Verzehr des Fleisches von Wiederkäuern (Rinder, Büffel, Schafe, Ziegen) komplett zu verbieten. Wer Schweine- bzw. Hühnerfleisch statt Rindfleisch isst, reduziert die Emissionsintensität des Fleischkonsums um 87 bzw. 88 Prozent – beim Umstieg auf Milchprodukte, Eier oder pflanzliche Produkte ist eine noch stärkere Reduktion möglich.

Die beim Reisanbau entstehenden Methanemissionen sind, wie erwähnt, ebenfalls nicht zu vernachlässigen: etwa 24 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Methanemissionen oder gegen 700 Megatonnen CO2e pro Jahr. Auf null reduziert werden können diese nicht, es gibt aber Methoden, wie sie zumindest stark reduziert werden können (siehe z.B. Ali u.a. 2019, Islam u.a. 2018).Da Reis größteils in asiatischen Ländern wie China, Indien und Indonesien angebaut wird, können Deutschland und Europa hier wenig direkten Einfluss nehmen. Sie können aber die Verbreitung derartiger Techniken fördern und den Import von Reis, dessen Anbau nicht entsprechende Kriterien erfüllt, verbieten.

Das im Energiesektor freigesetzte Methan (etwa ein Drittel aller menschengemachten Methanemissionen) entsteht praktisch komplett bei der Extraktion und Verwendung fossiler Brennstoffe. Dies ist ein weiterer wichtiger Grund, warum die Verwendung und Verbrennung von Öl, Gas und Kohle möglichst bald beendet werden muss.

Müll und Dünger

Die Freisetzung von Methan aus Mülldeponien (etwa ein Sechstel aller Methanemissionen) lässt sich nicht komplett verhindern. Eine Möglichkeit, das freigesetzte Methan zumindest sinnvoll zu verwenden, besteht in der Aufbereitung des bei Zersetzung des Müll entstehenden Deponiegases in sog. Produktgas, das etwa in Gasheizungen anstelle von Erdgas verwendet werden kann (Gas besteht zu 75 bis 99 Prozent aus Methan). Wenn Gas (und damit Methan) verbrannt wird, entsteht allerdings CO2, das freigesetzt wird – das ist aber zumindest kurz- und mittelfristig weniger schädlich, da das Treibhauspotential von Methan deutlich größer ist als das von CO2 (28-mal so groß bezogen auf 100 Jahre, sogar 84-mal so groß bezogen auf 20 Jahre).

Optimal ist das aber natürlich nicht, zumal selbst bei gut konstruierten Mülldeponien wohl nur bis zu 60 Prozent des entstehenden Methans abgefangen und in Produktgas umgewandelt werden können. Ebenfalls wichtig ist es deshalb, die anfallenden Müllmengen so gut es geht zu reduzieren, durch mehr Recycling, langlebigere und besser reparierbare Produkte, Verzicht auf Wegwerf- und andere nicht dringend benötigte Produkte, „Cradle to Cradle“-Design etc.

Lachgas (N2O) wird vor allem in der Landwirtschaft bei der Verwendung von Stickstoffdüngern (Stickstoff ist das N in N2O) freigesetzt, da diese oft übertrieben eingesetzt werden. Werden solche Dünger auf Böden aufgetragen, die sie nicht (oder nicht komplett) aufnehmen können, bildet sich Lachgas aus dem ungenutzten Dünger – im Schnitt betrifft das die Hälfte allens in Dünger verwendeten Stickstoffs (IPCC 2019, 2-42). Je sorgsamer solche Dünger eingesetzt werden, desto weniger Lachgas entsteht also. Ökologische Landwirtschaft ist hier deutlich besser als konventionelle, da sie auf synthetische Stickstoffdünger komplett verzichtet und natürliche Dünger wie Kuhdung sparsamer einsetzt. Dadurch werden die Lachgasemissionen pro Fläche um durchschnittlich 40 Prozent reduziert (allerdings fallen teilweise auch die Erträge etwas geringer aus). Ein kompletter Verzicht auf synthetischen Dünger ist zur Verringerung der Lachgasemissionen vielleicht nicht generell nötig, aber Praktiken einer sparsameren Düngerverwendung, die denen der ökologischen Landwirtschaft entsprechen, sollten prinzipiell gefördert und, wenn nötig, gesetzlich vorgeschrieben werden.

Eine gute Nachricht gibt es in Bezug auf die Fluorkohlenwasserstoffe, die letzte erwähnte Sorte von Treibhausgasen, die jährlich etwa 0,8 Gigatonnen CO2e zur Erderwärmung beitragen. 2016 wurde in einem Zusatzabkommen zum Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht beschlossen, dass die Industrieländer ihre FKW-Emissionen bis zum Jahr 2036 um mindestens 85 Prozent reduzieren müssen, während alle anderen Länder dafür noch neun bis elf Jahre mehr Zeit haben. Das sollte immerhin diesen Teil der Emissionen in überschaubarer Zeit deutlich reduzieren – allerdings wäre es gut, wenn die vorgesehenen Zeiträume nicht voll ausgeschöpft werden, sondern wenn der Ausstieg schneller und zu 100 statt 85 Prozent erfolgt.

Zusammenfassung

Zusammenfassend: Was ist stofflich zu tun, wenn die Klimakatastrophe noch abgewendet werden soll?

  • Sofortiges Verbot neuer fossil betriebener Maschinen und Anlagen (Benzin- und Dieselautos, Dieselölschiffe, Kerosin-betriebene Flugzeuge, Ölheizungen, Kohlekraftwerke etc.).
  • Sofortiges Verbot neuer Abbauanlagen für fossile Energieträger.
  • Abschaltung von allen fossil betriebenen Maschinen und Anlagen sowie Abbauanlagen innerhalb von zehn Jahren (oder schneller).
  • Ansteigende Verschärfung der Emissionsvorschriften für Beton, bis in zehn Jahren nur noch emissionsfreier Beton verarbeitet werden darf.
  • Sofortiger Stopp bzw. Ausgleich aller Emissionen aus Landnutzungsänderungen – sofern Entwaldungen im Einzelfall unvermeidlich sind, müssen sie durch Aufforstungen im mindestens gleichen Umfang ausgeglichen werden.
  • Förderung emissionsreduzierender Praktiken in den Landwirtschaft – insbesondere bei der Tierhaltung, beim Reisanbau und bei der Verwendung von Dünger.
  • Verkaufsverbot für das Fleisch von Wiederkäuern (Rinder, Büffel, Schafe, Ziegen).
  • Möglichst weitgehende Reduktion der Müllmengen durch Recycling, langlebigere Produkte, „Recht auf Reparatur“ etc.

Grundsätzlich spielt es dabei keine sonderlich große Rolle, ob diese Maßnahmen durch möglichst viele nationale Regierungen umgesetzt werden, die sich im Rahmen des Pariser Abkommens zu deutlich ambitionierteren Reduktionszielen bekennen als das bisher der Fall ist – oder aber von einer „Weltregierung Light“ (Benni) oder einem losen Netzwerk kommunistischer Communen (sofern es nächstes Jahr doch noch überraschend mit der Weltrevolution klappen sollte). Die nötigen Maßnahmen würden in allen Fallen im Kern dieselben sein. Wichtig ist allerdings, dass sie schnell ergriffen werden. Jedes Jahr, in dem effektiv (wie global betrachtet bisher) nichts geschieht, erhöht das Risiko, dass der Emissionsabbau nicht mehr rasch genug stattfinden kann, um das Überschreiten kritischer Kipppunkte zu verhindern.

Literatur

Kategorien: Feindbeobachtung, Reichtum & Knappheit

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9. Dezember 2019, 08:17 Uhr   13 Kommentare

1 Franz Nahrada (09.12.2019, 08:48 Uhr)

* Warum sich effektive Maßnahmen nur entweder im Rahmen einer „Weltregierung light“ oder im Rahmen von Nationalstaaten abspielen sollen, erschließt sich meinem Verständnis nicht. Die eine Ebene ist ein reiner Traum, die andere hat ihr Versagen genügend unter Beweis gestellt. Ich halte es mit der Transition Bewegung, die von der lokalen Ebene und ihrer globalen Vernetzung als effektivster Veränderungs- Achse ausgeht.

* Solange die Debatte sich immer nur um Treibhausgase dreht und nicht um die Effekte verschiedenster Formen von Landnutzung auf den atmosphärischen Wasserkreislauf, solange gerade die Addition von lokalen Mikroklimata nicht modelliert und die entscheidende Rolle der Gestaltung menschlicher Lebensräume für das Klima gesehen wird, scheint mir die Debatte im wahrsten Sinn des Wortes zu ersticken.

Hinweis: Transition Town Freiburg hat dazu eine sehr pointierte Synopsis publiziert: http://ttfreiburg.de/2016/12/klima-und-wasser/

Die Ripl Thesen verdienen es, zumindest diskutiert zu werden.

2 Franz Nahrada (09.12.2019, 09:01 Uhr)

Der „ingenieurmäßige“ Zugang mit „Maßnahmen“ wird sich blamieren, solange wir den grundlegenden Sinn der menschlichen Existenz auf diesem Planeten nicht neu definiert haben.

Vergleiche dazu mein Interview mit Daniel Christian Wahl über den Übergang von der Nachhaltigkeitsdebatte zur regenerativen Kultur:

https://cba.fro.at/434036

3 Wolfram Pfreundschuh (09.12.2019, 11:58 Uhr)

#1 Hallo Franz,“ solange gerade die Addition von lokalen Mikroklimata nicht modelliert und die entscheidende Rolle der Gestaltung menschlicher Lebensräume für das Klima gesehen wird, scheint mir die Debatte im wahrsten Sinn des Wortes zu ersticken.“ 

Ja, aber es wäre vor allem auch nötig, dass die „lokalen Mikroklimata“ nicht durch individualistische Bedürfnisstrategien bestimmt werden, sondern ein soziales Bewusstsein entwickeln können, indem die lokalen Notwendigkeiten sich in eine Welt einfinden können, die durch Ausbeutung von Mensch und Natur bestimmt ist. Das verlangt eine soziale Bescheidenheit, die sich in politischen Entscheidungsprozessen niederschlagen kann, die nicht durch die einzelnen Bedürfnislagen, sondern durch ihre allgemeinen sozialen Wirkungen auseinandergesetzt werden. 
Deshalb denke ich, dass es einer entsprechenden politischen Struktur und Kultur bedarf, die ich an den bestehenden Regionen un Kommen festmachen würde. Da können dann auch das Geld, das Eigentum, die Bodenschätze, die Mieten und Grundeigentümer vorgeknöpft werden.

4 Franz Nahrada (09.12.2019, 13:13 Uhr)

Ja Wolfram, Du hast das ja auch am Programm. Der regionale und kommunale Maßstab konfrontiert uns ja auch tatsächlich mit den Resultaten unseres Eingriffs in oder unserer Arbeit mit der Natur – wohingegen der globale Maßstab sich in die Unkenntlichkeit verdünnt wie die ppm beim Kohlendioxyd.

Ich denke aber dass sich „individualistische Bedürfnisstrategien“ so am besten überwinden lassen, indem nämlich Resonanz hergestellt wird zwischen individuellen Themen und den Themen die sich Regionen, Kommunen, Ortsgemeinden stellen. Dann wird viel klarer dass das was mich weiterbringt eben auch die Gemeinschaft oder Gemeinde weiterbringt – und umgekehrt.

Eine Kreislaufwirtschaft und das offensive Teilen von handlungsrelevanten Informationen im globalen Maßstab sind dafür unabdingbare Voraussetzungen. Aber eben bei weitem nicht auisreichend!

5 Christian Siefkes (09.12.2019, 19:01 Uhr)

Franz:

Warum sich effektive Maßnahmen nur entweder im Rahmen einer „Weltregierung light“ oder im Rahmen von Nationalstaaten abspielen sollen, erschließt sich meinem Verständnis nicht. Die eine Ebene ist ein reiner Traum, die andere hat ihr Versagen genügend unter Beweis gestellt. Ich halte es mit der Transition Bewegung, die von der lokalen Ebene und ihrer globalen Vernetzung als effektivster Veränderungs-Achse ausgeht.

Ich erwähne ja auch ein „loses Netzwerk kommunistischer Communen“ als weitere Möglichkeit, genau auf dieser lokalen/regionalen Ebene und ihrer Vernetzung anzusetzen. Nur sind solche Communen heute natürlich genauso ein Traum wie eine Weltregierung – und selbst wenn es sie in 10 bis 30 Jahren geben sollte, dürfte es dann zu spät sein, um die Heißzeit noch zu verhindern.

Solange die Kommunen und Regionen hingegen, wie heute, Nationalstaaten untergeordnet sind, bin ich skeptisch in Hinblick auf ihre Fähigkeit, den Klimawandel effektiv zu bekämpfen – denn selbst wenn der Wille da ist, fehlt es ihnen an den rechtlichen Möglichkeiten, etwa die im Artikel beschriebenen Maßnahmen um- und durchzusetzen. Und ohne diese Durchsetzungsfähigkeit, allein auf einer rein freiwilligen Basis der „Willigen“, wird es nicht gehen.

Und auch wenn mein Glaube an die Nationalstaaten, das Schlimmste zu verhindern, extrem gering ist, sind diese ja nicht machtlos, wenn sie nur wollen. Das Montreal-Protokoll zur Rettung der Ozonschicht war erfolgreich – ein ähnlicher Erfolg wäre durch die Vernetzung kommunaler oder regionaler Akteure unter den heutigen Rahmenbedingungen nicht möglich gewesen.

Solange die Debatte sich immer nur um Treibhausgase dreht und nicht um die Effekte verschiedenster Formen von Landnutzung auf den atmosphärischen Wasserkreislauf, solange gerade die Addition von lokalen Mikroklimata nicht modelliert und die entscheidende Rolle der Gestaltung menschlicher Lebensräume für das Klima gesehen wird, scheint mir die Debatte im wahrsten Sinn des Wortes zu ersticken.

Landnutzungsänderungen sind wichtig, gar keine Frage, gerade weil dadurch eben Treibhausgase freigesetzt oder gebunden werden – deshalb gehe ich im Artikel ja auch auf sie ein. Und klar, neben der erwähnten Aufforstung gibt es noch andere Ansätze, die Aufnahmefähigkeit der Böden zu erhöhen und den Klimawandel dadurch abzubremsen, siehe z.b. hier. Solange wir das Problem aber nicht an der Wurzel packen und unsere Emissionen deutlich reduzieren, können wir nicht erwarten, Böden und Gewässer als „Müllschlucker“ nach Belieben ausnutzen zu können. Da gibt es Spielräume in Richtung „negativer Emissionen“, aber keine Wunderlösungen, die uns erlauben würden, immer mehr CO2 und Methan in die Atmosphäre zu pusten, ohne uns um die Konsequenzen kümmern zu müssen.

Dieser Wilhelm Ripl sagt mir nichts, aber die von dir genannte Vortragszusammenfassung verlinkt auf lauter klimawandelleugnerische Videos etwas vom „Europäischem Institut für Klima & Energie“ und vom „Klimamanifest von Heiligenroth“. Damit disqualifiziert sie sich selbst.

Der „ingenieurmäßige“ Zugang mit „Maßnahmen“ wird sich blamieren, solange wir den grundlegenden Sinn der menschlichen Existenz auf diesem Planeten nicht neu definiert haben.

Es ist seltsam, „ingenieurmäßig“ als Schimpfwort zu benutzen. Wenn du Architekt wärst und nicht bereit, einen ingenieurmäßigen Zugang etwa zur Baustatik zu akzeptieren, würde ich in dein Haus sicher nicht einziehen wollen, weil es nämlich früher oder später einstürzen dürfte. Und was für Häuser gilt, gilt für die menschliche Einflussnahme auf das Klima erst recht.

6 Benni Bärmann (09.12.2019, 21:52 Uhr)

Zum Verbot des Verzehrs von Widerkäuern: Es gibt Weltgegenden wo die Bevölkerung zu großen Teilen davon lebt, weil dort zwar Gras wächst aber kein Getreide. Also überall geht das nicht.

7 Forderungen zur Minderung des Klima-Umbruchs | Philosophenstübchen-Blog (10.12.2019, 09:27 Uhr)

[…] Christian Siefkes hat im Keimform-Blog zusammen getragen, was stofflich geschehen müsste, um den Klimawandel noch zu stoppen. […]

8 Annette (10.12.2019, 09:49 Uhr)

Ja, die nur technische Diskussion reicht sicher nicht aus. Aber alle Akteure brauchen diese Informationen als Grundlage für ihre Forderungen und Praxis.

Was rein technisch noch fehlt, ist die Analyse der Möglichkeit des Ersetzens der (auch nach Verbrauchssenkung noch notwendigen ) Energiequellen durch Erneuerbare. Das geht ja auch nicht mit einem Fingerschnippsen.
Eine technisch einigermaßen durchdachte Roadmap gibts auch hier:

Rockström et al.: A raodmap for rapid decarbonization, deren Grenzen und Probleme dann aber auch hier erwähnt werden: Loftus et al.: A critical review of gobal decarbonization scenarios….

9 Annette (10.12.2019, 10:21 Uhr)

Wieso verdienen es die Ripl-Thesen, diskutiert zu werden? Wer die Treibhausgase mit ihrer erwärmenden Wirkung leugnet, hat sich doch auch inhaltlich, nicht nur wegen den Links, so ziemlich disqualifiziert. Eine Argumentation, wieso CO2 z.B. nicht so wirkt, wie es wirkt (https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2019/04/24/warum-ist-co2-so-gefaehrlich-im-klima-treibhaus/), finde ich bei ihm nicht. 

Die Alternative: „Nicht der Ausstoß an  CO2…, sondern…“ ist von vornherein fragwürdig. Natürlich spielen viele Faktoren zusammen. Wenn er der Meinung ist, sein Thema sei bei den Modellen der KlimaforscherInnen noch nicht genügend beachtet, dann soll er gute wissenschaftliche Arbeiten veröffentlichen und dafür werben, dass sie dann mit beachtet werden. Das Ganze ist ja ständig im Prozess, es werden nach und nach immer mehr Faktoren immer genauer in die Modelle einbezogen (ich hatte mir das bei letzten Langen Nacht der Wissenschaften am PIK (https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2019/06/30/lange-nacht-der-klimawissenschaften/) genauer angeschaut).

Für die Untersuchung von Dürren weiß ich auch aus der normalen Klima-Literatur, dass da das Verhältnis von Niederschlägen und eben auch der Verdunstung berücksichtigt wird. (Ripl geht es ja um den „Verlust verdunstungsfähiger Landschaften“).

Das Thema der Landnutzungsänderung ist natürlich auch beim IPCC schon längst dort einbezogen. 2018 kam auch ein Sonderbericht „Climate Change and Land“ raus.Wenn er meint, dass etwas von dem, was er wichtig findet, da nicht drin ist, kann er dazu gerne argumentieren. Aber so wie er es macht, ist es von vornherein unseriös. (von wegen: „die vergessene Bedeutung des Wasserhaushalts“ – da spekuliert er drauf, dass sich seine AdressatInnen genau so wenig wie er die Mühe machen, echte wissenschaftliche Literatur zu studieren, was leider oft genug klappt…). Ich finde auf die Schnelle in diesem Bericht z.B. viele Veröffentlichungen zu solchen Verdunstungsfragen.

Es wäre also sinnvoll, leider auch mühsam, solche Themen wirklich erstmal in der wissenschaftlichen Literatur und den tausenden Seiten IPCC-Berichte nachzuschlagen, wie sie da genau berücksichtigt werden oder warum z.B. nicht.

10 Annette (10.12.2019, 10:22 Uhr)

Kommen bei Euch meine  Kommentare auch im Format so versaut raus? ich weiß nicht, woran das liegt… 🙁

11 Christian Siefkes (11.12.2019, 20:04 Uhr)

@Benni:

Zum Verbot des Verzehrs von Widerkäuern: Es gibt Weltgegenden wo die Bevölkerung zu großen Teilen davon lebt, weil dort zwar Gras wächst aber kein Getreide. Also überall geht das nicht.

Pastorale Gesellschaften produzieren ja nicht nur Fleisch, sondern auch – und in erster Linie – Milch(produkte) und ggf. Wolle. (Vgl. z.B. hier, wo Milch als „das Hauptprodukt pastoraler Viehhaltung“ bezeichnet wird.) Und Milch ist ja von der Emissionsbilanz deutlich günstiger.

Es stimmt, dass wahrscheinlich v.a. die industrielle Fleischproduktion problematisch ist, wo Tiere nur für den Verzehr gemästet werden – m.W. übrigens zu großen Teilen nicht auf Weiden, sondern in Ställen. Wenn pastorale Betriebe neben Milch auch das Fleisch von z.B. zu alt gewordenen Milchkühen (oder männlichen Kälbern) produzieren, dürfte das von der Emissionsbilanz um eigenes günstiger sein als solch eine reine Fleischproduktion. Allerdings fällt auf die Weise natürlich auch weniger Fleisch an.

12 Christian Siefkes (13.12.2019, 19:38 Uhr)

@Annette:

Was rein technisch noch fehlt, ist die Analyse der Möglichkeit des Ersetzens der (auch nach Verbrauchssenkung noch notwendigen ) Energiequellen durch Erneuerbare. Das geht ja auch nicht mit einem Fingerschnippsen.

Prinzipiell ja, wobei ich mich in dem Artikel bewusst erstmal damit befasse, was primär passieren muss. Also u.a.: die Verbrennung fossiler Energieträger muss schnell eingestellt werden, weil sie den größten Anteil zur Erderwärmung beisteuert. Dass Energie, wenn sie nicht mehr aus fossilen Brennstoffen kommt, entweder eingespart oder aus anderen (also insbesondere erneuerbaren) Quellen gewonnen werden muss, ist natürlich richtig. Aber wie groß der eingesparte und wie groß der zu ersetzende Teil sein, dazu sage ich hier nichts, weil es für die Frage „Wie lässt sich die Heißzeit noch verhindern“ letztlich auch nicht direkt relevant sind.

In ähnlicher Weise sage ich hier ja auch nur, dass keine Kerosin-betriebenen Flugzeuge mehr neu in Betrieb genommen werden dürfen und dass nach 10 Jahren alle dann noch fliegenden stillgelegt werden müssen. Was dann in 10 Jahren die Alternative für Fern- und Interkontinentalreisen sein wird, dazu sage ich nichts. Autonom fahrende Hochgeschwindigkeitszüge und Luftkissen-Schnellboote, wie ich in Freie Quellen oder wie … vorschlage? Elektro-Flugzeuge, wie es sie für kurze Entfernungen ja heute schon gibt? Mehr Telekonferenzen und Urlaub in regionaler Nähe? Womöglich eine Mischung aus alledem – aber was genau, kann sich dann innerhalb der 10 Jahren und auch noch in der Zeit danach herausstellen. Das kann und will ich nicht im Detail vorwegnehmen, deshalb bin ich auf solche Sekundärfragen („Wenn nicht mehr fossil, wie dann?“) hier nicht weiter eingegangen.

Was nicht heißen soll, dass ich solche Fragen und tentative Antworten darauf nicht interessant und wichtig finde – im Gegenteil, natürlich sind sie das.

–––––

Kommen bei Euch meine Kommentare auch im Format so versaut raus? ich weiß nicht, woran das liegt…

Ich habe sie ein bisschen aufgeräumt. Kopierst du deine Kommentare aus einem anderen Programm (Word oder so) oder schreibst du sie direkt hier im Editor? In jedem Fall: Es braucht keine harten Umbrüche (Return-Taste drücken) am Ende jeder Zeile – stattdessen reichen einer oder besser zwei am Ende jedes Absatzes.

13 Schlemm (13.12.2019, 20:25 Uhr)

Ja, es stimmt schon. Zu den Alternativen gibt es viele Optionen, die gesellschaftlich entschieden werden müssen – dazu kann man hier und jetzt wenig „festlegen“.  Worauf ich auf jeden Fall aufmerksam machen möchte: Manchmal wird vertreten, dass die fossilen Energien durch Erneuerbare ersetzt werden könnten (es fällt ja schließlich soooo viel mehr Sonnenenergie auf die Erde, als wir brauchen)… aber das ist technisch-sachlich ein Irrtum. Ums Weniger-Verwenden kommen wir also nicht rum. Deshalb sind all die technischen Visionen mit C-to-X, die alle Energie brauchen, nicht fundiert… Das nur als Merkzeichen.

Danke fürs Reparieren des Formats. Nein, ich hatte die Kommentare hier direkt ins Formular eingetippt…. Hoffen wir mal, dass es  jetzt gut geht.

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