Auf der Suche nach dem Neuen im Alten

Kategorien: Feindbeobachtung, Medientipp

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13. Juni 2019, 11:04 Uhr   12 Kommentare

1 Thomas Grüttmüller (13.06.2019, 17:51 Uhr)

Energie rationieren? Autofreie Städte?
Es gibt global betrachtet erneuerbare Energien im Überfluss. Z.B. könnte man die ganze Welt mit Strom versorgen, wenn man nur einen kleinen Teil der Sahara mit Solarthermiekraftwerken zubaut. Es gibt überhaupt keinen Grund, für die Energiegewinnung CO₂ oder Atommüll zu erzeugen; der politische Wille für den Umstieg muss nur da sein.
Es gibt keinen Grund, Energie zu rationieren. Und es gibt keinen Grund für autofreie Städte. Aber über Oberleitungen an allen Straßen sollte man mal nachdenken.

2 torben (13.06.2019, 21:16 Uhr)

zumindest autofreie Zonen in Städten könnt ich mir gut vorstellen. und wenn insgesamt weniger der Blechdinger unterwegs sind, wär das aus vielen, vor allem sehe ich ökologische, Gründen zu begrüßen.
und auch Solaranlagen (oder Elektroautos) benötigen eine Menge Rohstoffe, die erstmal (von wen und unter welchen Bedingungen) gewonnen werden müssen.
ist trotzdem sinnvoll auf erneuerbare Energien zu setzen, aber ebenso sinnvoll halte ich es nicht nur auf technische Lösungen zu setzen

3 Thomas Grüttmüller (14.06.2019, 00:58 Uhr)

@torben: „zumindest autofreie Zonen in Städten könnt ich mir gut vorstellen.“ – Ich auch. Als Kind habe ich mal in einer Straße gewohnt, die regulär nur zum Be- und Entladen befahren werden durfte. Der nächste Parkplatz war ca. 100 Meter entfernt. Das war alles gut designt. Dennoch war die Stadt nicht autofeindlich gestaltet.
„und auch Solaranlagen (oder Elektroautos) benötigen eine Menge
Rohstoffe, die erstmal (von wen und unter welchen Bedingungen) gewonnen
werden müssen.“ – Die Gewinnung bzw. das Recycling von Rohstoffen ist nur eine Energiefrage. Z.B. wird beim Lithium-Abbau für Akkus sehr viel Trinkwasser verschwendet, um das im Gestein vorkommende Metall erst herauszulösen und hinterher die Suppe wieder einzudampfen. Lithium kommt aber auch im Meerwasser vor, sehr verdünnt, dafür in riesigen Mengen. Der Energieaufwand wäre ungleich höher, aber Trinkwasser bräuchte dafür nicht verschwendet werden. Und sowieso kann man Trinkwasser aus Meerwasser gewinnen, unter Einsatz von Energie.

„ist trotzdem sinnvoll auf erneuerbare Energien zu setzen, aber ebenso
sinnvoll halte ich es nicht nur auf technische Lösungen zu setzen“ – Für das Problem gibt es keine nicht-technische Lösung. Du brauchst Energie, um Essen und Kleidung herzustellen, um dir ein Haus zu bauen und im Winter zu heizen. Vor der Industrialisierung hat man viel mit Muskelkraft gemacht, z.B. mit Pferden. Für das ganze Futter brauchte man riesige Felder; energetisch ist das völlig ineffizient, etwa 100 mal schlechter als wenn man Solarzellen direkt mit einem Motor verbindet. Desweiteren wurde viel mit offenem Feuer hantiert (zum Kochen, Heizen, für Beleuchtung usw.). Dafür wurden der Reihe nach die Wälder abgeholzt. Die Entdeckung von Kohle und Öl hat quasi die Wälder gerettet. Es geht also nicht zurück, es kann aber auch nicht bei Kohle und Öl bleiben, und Sonnen-Energie sieht nach einer guten Lösung aus.

Eine nicht-technische „Lösung“ wäre, wieder als Jäger und Sammler zu leben, aber auch kein Feuer zu benutzen. Das will aber keiner, und darum ist das nicht praktikabel.

4 Stefan Meretz (14.06.2019, 14:07 Uhr)

[klimawandelleugnerischer Kommentar gelöscht]

5 Stefan Meretz (14.06.2019, 14:14 Uhr)

@Thomas:

Sonnen-Energie sieht nach einer guten Lösung aus

Auch Sonnenenergie muss erst in nutzbare Energieformen umgesetzt werden. Das kostet (zum Beispiel für PV) viel Material – und Energie.

Aus meiner Sicht drängt die drohende Klimakatastrophe als Spitze des Eisbergs die Frage nach der Produktionsweise auf. Kapitalismus ist halt tödlich effizient, vermutlich auch bei einer technologischen „Lösung“ der Klimaproblematik (Stichwort Geoengineering).

6 Benni Bärmann (14.06.2019, 22:31 Uhr)

@thomas: Die Sahara ist übrigens auch ein Ökosystem, dass man zerstören würde, wenn man es komplett in eine Solarfarm verwandelt.

7 torben (15.06.2019, 16:43 Uhr)

@thomas: „Eine nicht-technische „Lösung“ wäre, wieder als Jäger und Sammler zu leben, aber auch kein Feuer zu benutzen. Das will aber keiner, und darum ist das nicht praktikabel“

ich schrieb nicht NUR technische Lösungen. und gemeint ist, unsere heutigen Schwierigkeiten, die u.a. AUCH mit den aktuellen Technologien zu tun haben, eben nicht nur technisch anzugehen. also nicht die „Sahara mit Solarthermiekraftwerken zubauen“, wie du es vorschlägst.

dieser Blog existiert ja gerade, um sich über gesellschaftliche Veränderungsmöglichkeiten zu verständigen, die andere sozial-organisatorische Lebensweisen, durchaus auch mit Hilfe von Technologien, zu ermöglichen.

8 Thomas Grüttmüller (16.06.2019, 22:49 Uhr)

@Stefan Meretz
„Auch Sonnenenergie muss erst in nutzbare Energieformen umgesetzt werden.
Das kostet (zum Beispiel für PV) viel Material – und Energie.“ –
Solarpanele bestehen hauptsächlich aus Silizium, welches aus Sand gewonnen wird.
Und die Energie zur Herstellung weiterer PV-Module liefern die hergestellten PV-Module.

„Aus meiner Sicht drängt die drohende Klimakatastrophe als Spitze des Eisbergs die Frage nach der Produktionsweise auf.“ –
In der Frage bin ich gespalten. China scheint Deutschland in Sachen Energiewende gerade abzuhängen, umgekehrt gab es
im Realsozialismus aber auch energiepolitische Kopflosigkeit (z.B. die Braunkohle in der DDR, der Super-GAU in der UdSSR).
Im Kapitalismus besteht die Gefahr, dass die Beteiligten nur in die eigene Tasche wirtschaften und am Ende zu wenig rauskommt.
Oder dass an sich vernünftige Ideen abgewürgt werden.

Der GPL-Gesellschaft als Keimform traue ich noch nicht zu, in der nahen Zukunft den Klimawandel insgesamt aufhalten zu können.
In bestimmten Aspekten sehe ich aber Potenziale, z.B. bei freien Autos: es soll angeblich schon jetzt freie Schaltpläne geben,
(Stichwort: OpenReevolt) mit denen alte Autos für wenige hundert Euro (Akkus nicht mitgerechnet) in E-Autos umgewandelt werden können.
Das hat demnächst insofern Relevanz, als dass die Autobauer beim Umstieg auf E-Autos versuchen werden,
trotz des viel einfacheren Aufbaus des Fahrzeugs den Preis künstlich hoch zu halten
und das Fahrzeug mit proprierer Software zu verseuchen, um den Kunden zu binden (Stichwort: Smartphone auf vier Rädern,
autonomes Fahren etc.). Freie Autos könnten gegen diese Entwicklung gegensteuern und den Umstieg beschleunigen.

@Benni Bärmann
„Die Sahara ist übrigens auch ein Ökosystem, dass man zerstören würde, wenn man es komplett in eine Solarfarm verwandelt.“ –
Ernsthaft? Die Sahara sieht für mich eher nach einem bereits zerstörten Ökosystem aus. Es geht auch nicht um die Nutzung der ganzen Sahara,
sondern um einen kleinen Prozentsatz. Mit einem Teil der gewonnenen Energie könnte man dort auch ein Ökosystem entstehen lassen.

@torben
„ich schrieb nicht NUR technische Lösungen. und gemeint ist, unsere heutigen Schwierigkeiten,
die u.a. AUCH mit den aktuellen Technologien zu tun haben, eben nicht nur technisch anzugehen.“ –
Darunter kann ich mir wirklich nichts vorstellen. Wie soll so eine Lösung aussehen?

Z.B. Wie willst du im Winter deine Wohnung heizen, ohne CO₂ zu emittieren?
Mit einer Wärmepumpe, die von einem Windrad versorgt wird? → Technische Lösung.
Indem du in ein perfekt gedämmtes Null-Energie-Haus ziehst? → Technische Lösung.

Einfach nur an der Heizung zu sparen und im Winter zu frieren, ist keine Lösung, denn auch wenn weniger CO₂
als heute in die Luft geblasen wird, erhöht sich die Konzentration, nur eben etwas langsamer.

9 Gregor (17.06.2019, 23:07 Uhr)
10 Thomas Grüttmüller (18.06.2019, 01:54 Uhr)

Zum Interview:
„Jonas Lage: Falls wir unseren heutigen Energieverbrauch auf erneuerbare Energien
übertrügen, bräuchten wir in Zukunft extrem viele Windräder und Solaranlagen“ –
Der Ausdruck „extrem viele“ ist natürlich sehr vage. Er liefert aber gleich die konkreten Zahlen hinterher. –
„und entsprechend viele Rohstoffe, also seltene Erden, Neodym, Zinn und anderes, um sie herzustellen.“ –
Das ist natürlich Quark. Man kann eine WKA auch ohne Neodym bauen. Generatoren brauchen nicht zwangsläufig Permanentmagneten. –
„Wir decken in Deutschland derzeit knapp 40 Prozent der Stromversorgung und rund 15 Prozent des gesamten Energiebedarfs,
also für Elektrizität, Wärme, Industrie und Verkehr, aus erneuerbaren Quellen.“ – Okay, dann rechnen wir mal:
Wenn die heutigen Erneuerbaren 15 % vom gesamten Energiebedarf ausmachen, dann ist der gesamte Energiebedarf
1/(15%) = 667% der heutigen Erneuerbaren. Die heutigen Windräder und PV-Module müssten also ungefähr versiebenfacht werden.
Für mich klingt das überhaupt nicht nach „extrem viele“, sondern nach realistisch machbar.
Die Frage ist nur: ist der politische Wille vorhanden, oder wird der Umstieg absichtlich verhindert?

11 Benni Bärmann (18.06.2019, 15:32 Uhr)

@thomas: ganz so einfach ist es natürlich nicht, aber vermutlich weisst du selber, dass erneuerbare nicht kontinuierlich ein siebtel sondern mal 0% und mal 100% des strom(nicht! energie-)bedarfs decken, je nach wetter. außerdem ist der anteil in D vergleichsweise hoch. global sieht das ganz anders aus.

(kein einspruch dazu, dass da politisch gebremst wird, aber es so darzustellen als sei das alles easypeasy ist auch nicht wirklich hilfreich).

12 Thomas Grüttmüller (18.06.2019, 19:47 Uhr)

@Benni:
Mit „Strom“ meinst du wahrscheinlich Leistung (Arbeit pro Zeit).

Mir ist klar, dass bei Photovoltaik und Windenergie sich die erzeugte Leistung nicht an den Verbrauch anpasst,
d.h. entweder muss sich der Verbrauch anpassen (Das ist in manchen Bereichen denkbar, in anderen nicht.)
oder es muss über Speicher nachgedacht werden (von denen manche teuer sind und manche einen schlechten Wirkungsgrad haben),
um die Erzeugung zu glätten.

Es gibt aber auch Arten von Erneuerbaren, die konstruktionsbedingt ihren Speicher mitbringen
und sich deshalb an den Verbrauch anpassen können:
Wasserkraft aus Stauseen (z.B. in Norwegen) und Solarthermie (z.B. in der Sahara möglich)
Diese Kraftwerke lassen sich auch mit PV und Wind kombinieren und als virtuellen Speicher nutzen.
Eine Stromleitung von Deutschland nach Norwegen macht z.B. sowohl von den Kosten als auch
vom Wirkungsgrad her deutlich mehr sinn als eine entsprechende Power-to-Gas-Anlage.

== Ein paar Links ==

Es gibt übrigens ein paar coole Ressourcen zur Thematik im Netz, z.B.

energy-charts.de – Eine Website vom Fraunhofer-Institut mit diversen interaktiven Diagrammen,
u.a. den Verlauf der elektrischen Leistung (in DE) seit 2010, aufgeschlüsselt nach Art der Erzeugung und mit 15 min Auflösung

tyndp.entsoe.eu – Den Zehnjahresplan von 2018 zum Netzausbau in Europa
mit Übersichtskarte und ausführlichen Projektbeschreibungen.
Interessante Projekte im Hinblick auf die Energiewende sind z.B.
die HVDC-Leitungen nach Norwegen (z.B. NordLink),
die künstliche Insel auf der Doggerbank (North Sea Wind Power Hub),
die Nord-Süd-Verbindungen in Deutschland (z.B. SuedLink) und
das Proof-of-Concept-Solarthermiekraftwerk in Tunesien incl. HVDC-Verbindung nach Italien (TuNur).

Ein Energieflussdiagramm (DE) von 2011
(Schade, dass es das in dieser Detailfülle nicht von anderen Jahren gibt.)

flowcharts.llnl.gov – Energieflussdiagramme verschiedener Länder zum Vergleich

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