Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Der globale Streik als globales Commoning

Fridays For Future in Frankfurt. Bild: Sebastian Scholl CC-NC-SA

Sicher habt ihr es alle mitbekommen. Vorgestern gab es die vermutlich globalste Schüler_innendemo aller Zeiten mit mehr als einer Million Teilnehmer_innen. Meine Eindrücke von dieser Bewegung könnt ihr hier nachlesen. Aber darum soll es jetzt gar nicht gehen. Sondern um die Perspektive, die dieser Erfolg aufmacht.

Ich denke diese Bewegung ist deshalb so erfolgreich, weil sie mit einer ebenso klaren wie radikalen Botschaft gestartet wurde:

  • Es gibt nicht bloß einen „Klimawandel“. Das ist eine Krise und wir haben nur noch sehr wenig Zeit um dieser Krise angemessen zu handeln. Oder mit den Worten von Greta Thunberg: „Erwachsene sagen immer: ‚Wir schulden den jungen Leuten Hoffnung.’ Aber ich will eure Hoffnung nicht. Ich will nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid. Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre. […] Ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen. Denn es brennt.“
  • Es muss sich alles ändern. Es geht nicht nur um ein paar Stellschrauben sondern die ganze Art, wie unsere Gesellschaft funktioniert, muss sich grundlegend ändern. Wieder Thunberg: „Wir können die Welt nicht retten, indem wir uns an die Spielregeln halten. Die Regeln müssen sich ändern, alles muss sich ändern, und zwar heute.“

Durch den enormen Erfolg dieser Bewegung beginnen diese fundamentalen Erkenntnisse die Identität einer ganzen Generation zu prägen. Das alleine gibt schon Grund zur Hoffnung. Die Bewegung genießt aber auch bei den Erwachsenen unglaubliche Sympathie. Diese älteren Generationen sehen sich momentan vor allem zwei Forderungen gegenüber:

  • Ändert euer individuelles Verhalten. Fliegt nicht mehr, fahrt weniger Auto, esst weniger Fleisch usw.
  • Macht eine andere Politik.

Das ist beides sicher nicht falsch, aber ich denke, wenn man die ersten beiden Aussagen ernst nimmt ist auch klar, dass das alleine vermutlich nicht reichen wird. Wenn sich wirklich „alles“ ändern muss um diese Krise zu meistern, wird es nur mit geändertem Konsumverhalten und einer klimafreundlichen Politik nicht getan sein. Der wichtige Punkt hier ist: Niemand weiß wie das gehen kann. Die Klare Aussage dieser Bewegung ist dennoch einfach: Findet es halt verdammt noch mal raus.

Wir wissen auch nicht, wie das funktionieren kann. Wir ahnen, dass wir einen Weg finden müssen, wie wir globale Commoning-Prozesse organisieren können. Wenn wir ehrlich sind, haben wir aber kaum den Hauch einer Ahnung wie das funktionieren könnte. Dennoch haben die Schüler_innen uns mehr als deutlich zu verstehen gegeben, dass wir es besser heute als morgen raus kriegen.

Ich schlage deshalb vor, dass wir die Aktionen der Schüler_innen sehr direkt zum Vorbild nehmen und selber streiken. Das klingt schwierig, ich weiß. Aber innerhalb weniger Monate von einer 16-jährigen, die in Stockholm mit einem Schild vor dem Parlament sitzt zu einer noch nie dagewesenen globalen Bewegung zu kommen war auch schwierig. Trotzdem ist es geschehen. Wichtiger als die Frage, ob es schwierig ist, ist außerdem die Frage, ob es notwendig ist. Und dass ist es, schließlich versuchen wir ja seit Jahrzehnten alles mögliche um die Menschheit zur Vernunft zu bringen. Gestreikt haben wir noch nicht. Streiken hat gerade im Kontext der Umweltbewegung außerdem eine ganze Reihe von Vorteilen:

  • Ein Streik von Erwachsenen entwickelt natürlich viel mehr Druck als einer von Schüler_innen. Es drohen allerdings auch größere Sanktionen, insbesondere dann, wenn die großen Gewerkschaften nicht mit machen, wovon man wohl leider ausgehen muss. Doch wenn sich wirklich alles ändern muss, wird sich auch unsere Art, wie wir solidarisch in Arbeitskämpfen sind, ändern müssen. Wir müssen hier wie überall neue Lösungen finden und wir werden sie nur finden, wenn wir anfangen.
  • Ja, bei einem Streik steht viel auf dem Spiel aber das macht auch deutlich, dass wir Erwachsenen auch mehr Verantwortung haben als die Schüler_innen. Auch dass machen sie uns immer wieder deutlich. Und vielleicht müssen wir uns auch einfach nur mal dran erinnern, dass die ersten Streiks geschahen, als es so etwas wie ein Streikrecht noch nicht gab?
  • Die Umweltbewegung wird oft wahrgenommen als eine, die zum Verzicht aufruft (oft tut sie das ja auch) und dies hängt ihr von Beginn an wie ein Klotz am Bein. Ein Streik kann deutlich machen, dass weniger Konsum auch weniger Arbeit bedeuten kann und dadurch mehr Lebensqualität. Schon bei den Kindern steckt ja im Vorwurf die „wollten ja bloß schwänzen“ auch ein Moment, das zeigt, dass die sich da auch einfach eine Auszeit nehmen von den Zwängen, die wir ihnen zumuten.
  • Mittelschichtler sind ja gut darin die Klimadiskussion als eine über individuelles Verhalten zu führen. Lustigerweise ist die vermutlich wirksamste Verhaltensänderung für Mittelschichtler nie Teil dieser Diskussion: Weniger arbeiten, dadurch weniger verdienen, dadurch weniger konsumieren (oder weniger sparen, was auch nur bedeutet, dass weniger Geld investiert wird, also weniger Produktion statt findet). Das könnte sich ändern durch einen Klimastreik.

Am Allerwichtigsten aber: Wir streiken nicht nur, damit Politiker_innen unsere Forderungen erfüllen. Wir streiken, weil auch nur wenige Tage nicht arbeiten vermutlich dem Klima enorm nützt, wenn wirklich viele mit machen. Darin steckt also nicht nur ein Moment des Protestes sondern schon einer der Konstruktion eines globalen Commons. Wir streiken so lange bis das Klima repariert ist. Und das schöne dabei: Man kann unseren Erfolg sogar messen. Wenn die CO²-Werte noch nicht niedrig genug sind, müssen wir wohl weiter streiken. Dann sind wir die Klima-Kümmerer. Wir organisieren durch Streik ganz praktisch die Regulation des Klimas. Und während wir das tun, lernen wir, wie wir auf Dauer die anderen globalen Commons auch so konstruieren, dass wir in Zukunft nix mehr kaputt machen.

Zum Glück bin ich übrigens nicht der erste, der so denkt. Es gibt bereits eine Initiative für einen globalen Klimastreik im September. Also ich schau mich da mal um und gucke ob ich was beitragen kann.


Kategorien: Arbeit & Freiheit, Commons, Lernen, Praxis-Reflexionen

17. März 2019, 00:26 Uhr   5 Kommentare

1 Wal Buchenberg (17.03.2019, 11:43 Uhr)

Meine Sympathie haben die Schüler, wenn sie gegen die herrschende Klimapolitik streiken.

Aber diese Schüler und alle mitstreikenden Erwachsenen befinden sich in einer ähnlichen Situation wie die britischen Parlamentarier: Sie wissen, was sie nicht wollen, aber sie wissen nicht, was sie stattdessen wollen oder können. Das ist das eine. Das andere ist die Naivität, mit der von der Politikerklasse Abhilfe verlangt wird. Auch hier lohnt ein Blick nach London: Diese streitenden Politiker sind unfähig, über anderes zu streiten als über Worte und Paragrafen. Sie sind unfähig, sich Gedanken über anstehende Aufgaben zu machen und die möglichen Folgen ihres Handelns abzuschätzen. Unsere Parlamentarier sind keinen Deut besser.
Das Klima geht nicht nur vor die Hunde, weil die Kapitalistenklasse profitgierig ist. Das Klima geht auch vor die Hunde, weil die politische Klasse, die „Staatsdiener“, komplett überfordert und unfähig sind.

Und in diesem wirtschaftlichen und politischen Chaos kommt einer daher und ruft: „Wir streiken so lange bis das Klima repariert ist!“ Wer soll denn da reparieren und womit? Man könnte lachen, wenn die Situation nicht so verfahren wäre.

2 Hans-Hermann Hirschelmann (17.03.2019, 15:40 Uhr)

Zu Wal: Marxisten sollten unbedingt den Eindruck vermeiden, in besserwisserischer Manier anti-kapitalistische Allgemeinplätze zu dozieren. Und unbedingt sollten wir mehr Dialektik wagen 😉

Die Schüler fordern die Einhaltung des Parisabkommens, und sie machen deutlich, dass dies die Forderung an die politischen Entscheidungsträger einschließt, an der Überwindung ihrer eigenen Unfähigkeit und Überforderung mitwirken, dies aber die Aufgabe aller ist. „Wir machen weiter, bis wir unsere Ziele erreicht haben, ob euch das gefällt oder nicht“ war das von Greta Thunberg in Katowice gegebene Versprechen. Im Anschluss an ihre dortige Rede hatte sie übrigens auf die Publikumsfrage, was sie denn von den doofen Politikern hält, geantwortet, dass Politiker nicht gewählt werden, um die Welt zu retten, dass sie darauf zu achten haben, wiedergewählt zu werden, es also sinngemäß darauf ankäme, die Gesellschaft zu ändern, die  die Existenzbedingungen der politischen Entscheidungsträger bestimmen.
GT und die Schüler „naiv“ nennen, trifft es deshalb nicht und es ist auch kontraproduktiv, weil das faktisch den Druck auf die Entscheidungsträger minimieren würde. Und das förderte keineswegs eine Verallgemeinerung der Suche nach Existenzbedingungen, die Schluss damit machen, dass der Verlust bestimmter Arbeitsplätze und daraus generierter Steuereinnahmen und Wählerstimmen mehr gefürchtet wird, als die Konsequenzen eines „Weiter so globale Erwärmung“. 

3 Benni Bärmann (17.03.2019, 15:48 Uhr)
@wal: es ist eigentlich nicht so schwer zu verstehen, dass ein Streik direkte Auswirkungen auf den CO²-Ausstoß hat.
4 Berta Brahmer (18.03.2019, 17:52 Uhr)

@Benni Bärmann

>@wal: es ist eigentlich nicht so schwer zu verstehen, dass ein Streik direkte Auswirkungen auf den CO²-Ausstoß hat.<
Benni, ja, das verstehe ich nicht, ich würde dir gern folgen, aber kannst du nochmal erklären, wie ein Streik direkte Auswirkungen auf den  CO²-Ausstoß hat? Und welcher Art diese Auswirkungen sein sollen?

5 Benni Bärmann (19.03.2019, 17:23 Uhr)
@berta:
kein berufsverkehr. allgemein geringeres verkehrsaufkommen. stillstehende produktionsanlagen. wer verhindert mehr Co²: Die Urlauberin, die nicht in den Urlaub fliegt oder die Pilotin, die nicht arbeitet? Oder gar die Fluglotsin? Wer verhindert mehr CO²: Die Kundin, die sich weigert bei McDonalds zu kaufen oder die Braterin, die sich weigert den Herd anzuwerfen? usw…

Und auch wenn in Deinem Beruf das weniger offensichtlich ist wirft ein Streik einfach Steine ins Getriebe. Und das Getriebe unserer Gesellschaft basiert auf Emmisionen. Und wenn man statt zu arbeiten die Straßen blockiert hat auch das direkte Auswirkungen.

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